Werk X im Wohnzimmer: Je suis Fassbinder

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gruppenkuscheln in Kokomo

In der Krise – Gruppenkuscheln: Lisa Weidenmüller, Annette Isabella Holzmann, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Schreit auf der Bühne einer „Aus““, dann hat sich entsetzte Andacht einzustellen. Nicht so im Werk X. Dort kann sich Martin Hemmer die Lunge aus dem Leib quetschen, Andreas Dauböck wird seinen Solo-Jam bis zur letzten Note ausführen. Eine schwere Schlappe, die der unterm behaglich warmen Lampenschirmlicht sitzende Multiinstrumentalist der selbstbehaupteten Autorität von Hemmers Bühnen- charakter Stan da verpasst.

Macht und Kontrolle, die dieser zu haben vermeint, weil er hier so etwas wie Autor-Regisseur in Personalunion ist. Ein Filmemacher, und nicht irgendeiner, Stan spielt den großen Rainer Werner, „Je suis Fassbinder“, wie er getreu des Stücktitels von Falk Richter erklärt, und noch bis Sonntag um Mitternacht ist dessen Inszenierung von Amina Gusner beim Werk X im Wohnzimmer auf werk-x.at kostenlos zu streamen.

Der designierte neue Spielmacher der Münchner Kammerspiele ist bekannt für sein Handanlegen beim radikalen Gegenwartstheater, um damit der Rechten eine aufzulegen. Hier zieht er Parallelen zwischen den restriktiven Regierungsmaßnahmen aufgrund des RAF-Terrors 1977 und dem nicht-erklärten Ausnahmezustand aktueller Tage. Als Folie dient der Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ von Schlöndorff, Kluge und eben Fassbinder, und klar ist, dass Stan Schauspieler Arthur Werner gleich eingangs dessen Interview mit Mutter Liselotte Eder proben lässt (das Original: www.youtube.com/watch?v=LL14D9gmqMM), und gut ist, das Gusner Falk Richter von Anfang an den Suaden-Zahn zieht.

Werk-X-like mengt Gusner die Posse ins Politische, die Groteske unter die Gesellschaftskritik, das sorgt für Deeskalation auf der nach oben offenen Richter-Skala. Zwischen den Schminkspiegeln der Künstlergarderoben und einer weiß ausgeschlagenen Spielfläche, das Probensituationssetting wie stets von Gusner-Schwester Inken, sekkiert Stan die Kollegenschaft bis aufs Blut. Immer wieder muss Werner, blond und im Leopardenmantel, die Worte wiederholen, Liselotte wünsche sich einen „autoritären Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich“, bis er schon nicht mehr weiß, was irr und was real ist. „Bei mir ist alles Text“, bescheidet ihm Stan.

Und zwar immer und mega-meta. All the world’s a stage, and all men and women merely players. Äußert sich Christoph Griesser auf höchst problematische Weise über „Opfer“ sexueller Übergriffe, bei Arabern kreischt ihr, aber ein geiler Italiener wär‘ euch sehr willkommen, brüllt Lisa Weidenmüller nicht ihn an, sondern fragt panisch: „Stan? Hast du das geschrieben?!“, darauf Griesser schüchtern: „Das war die Rolle, nicht ich“. Als das Team klare Vorgaben fordert, entgegnet Stan: „Europa hat keine Richtung. Wie soll ich da eine Richtung haben?“

Annette Isabella Holzmann mit Petra-Perücke. Bild: © M. Heschl

Christoph Griesser gibt wie immer alles. Bild: © Matthias Heschl

Arthur Werner als Liselotte im Leopelz. Bild: © Matthias Heschl

Andreas Dauböck bei der Arbeit. Bild: © Matthias Heschl

Lisa Weidenmüller, angstvoll. Bild: © Matthias Heschl

Fassbinder, verzweifelt: Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Wie zeitlos zeitgemäß das ist. Die Furcht vorm „schwarzen“ überwiegt die Abscheu vorm starken Mann, es folgt eine ominöse Werte- und Abschiebediskussion, geschrieben im Schatten der Kölner Silvesternacht, die Angst vorm Gewaltpotenzial der Ausländer, Feindbild Flüchtlinge. Zustände im Land, die „Frau“ Werner so lautstark beklagt, wie jene Yoga-Jammerlappen, zu denen die einheimischen Herren der Schöpfung verkommen seien.

Der Filmcast geriert sich als Wohlstandserhalter, der/die wütende Weiße, der/die jene Welt beherrscht, die die Populisten so einfach zu erklären wissen, nur kein differenziertes Denken auf diffizile Inhalte verschwenden!, und der/die trotzdem oder deswegen in Verwirrung, Verdrängung, Verständnislosigkeit lebt. Man formiert sich zum Soldateka-Chor, im Gleichschritt werden imaginäre Gewehre repetiert, wer die Qual der Wahl hat, wofür er sich engagieren soll, ist im Zweifelsfall gegen alles. Ferngesteuert, fehlgeleitet, fremdbestimmt.

Die Falk-Richter-Figuren sind fassbinderisch in Rainerkultur. Hemmer changiert vom fiebrigen Berserker zum charismatischen Seelenbeschauer zum verzweifelten Zeitdiagnostiker zum Manipulator seiner Mitarbeiter, ein unerbittlicher Clan-Chief und ein demütig Gläubiger im moralischen Anstaltstheater. „Stopp, gleich nochmal, Kamera läuft, und bitte, gut – danke, wir haben’s“, kommandiert er, während die Impro seine Viererbande ins Private entgleisen lässt. Familienkrieg und Festung Europa, Geschlechter- und weitere darzustellende Rollen, Klassen- und andere künstlich geschaffene Unterschiede, Fassbinders Frauen erscheinen, Petra, Martha, Maria, Lola, Veronika, Feminismus stellt sich contra Faschismus …

Mehr und mehr werden die inneren Strukturen der Truppe freigelegt, es folgen Schnaps- und Schattenspiele, Lisa Weidenmüller trimmt sich mit überbordender Spielfreude auf Zicke, kann aber „die Leere“ am Schminktisch, da ein solcher nicht vorhanden ist, nicht mit Text füllen, Annette Isabella Holzmann macht mittels Brautschleier ihre Herzensangelegenheiten deutlich, aus Weitblick wird Innenschau, der überforderte Regisseur klampft E-Gitarre, bis sich einer, Christoph Griesser nämlich, gleich dem vollalkoholisierten Fassbinder im Film nackig macht – und als pervers beschimpft wird. Theater-auf-dem-Theater meets Film-im-Film.

Im Gleichschritt zum Erhalt der Werte: Lisa Weidenmüller, Christoph Griesser, Martin Hemmer, Arthur Werner und Annette Isabella Holzmann. Bild: © Matthias Heschl

Was Tragikomisches hat das, wie ausgerechnet das diktatorische Regime Kunstschaffen, „es gibt hier nur einen, der das Sagen hat, und das bin ich“, dreht Stan durch, Demokratie vorleben will. Versuch gescheitert im Streit um fette Szenen und das beste Scheinwerferlicht und den blankärschigen Spanier-Schnuckel im Arm! Mit Verve setzen Falk Richter/Amina Gusner die Krämpfe im künstlerischen Prozess mit den Kämpfen im gesellschaftspolitischen gleich.

In „Deutschland im Herbst“ weiß Fassbinder nicht mehr weiter. Nach dem Baader-Meinhof-Terror steht er auf einer Sympathisantenliste, ist gereiht als intellektueller Verdächtiger, und wankt zwischen Bespitzelung und Selbstzensur. Falk Richter reiht Stammtischphrasen und Allgemeinplätze zum aggressiven Loop, Gusner macht den Wiederholungszwang systemimmanent, Sicherheit durch Überwachungsstaat, Tracking-App auf der Suche nach #Corona-Sündern, darf man dagegen mitprotestieren, auch wenn’s andernorts die Falschen tun? Wie sich die „Angst essen Seele auf“ gleicht. Als wären 40 Jahre ein Tag.

„Je suis Fassbinder“ ist ein beklemmend komisches Stück über Konsequenzen, die aus der Geschichte bestens bekannt sind. Die präsentierten Pendants sind erwünscht und alles andere als zufällig, nichts wird hier mutwillig auf einen Haufen geworfen. Nur die Darsteller. Am Schluss. Beim Gruppenkuscheln. Die Wirkmächtigkeit im Für- und Mit- statt Gegeneinander. Denn Liebe ist … auch wenn man keinen Film fertiggebracht hat. Und Andreas Dauböck singt „Kokomo“ von den Beach Boys. In Moll und superslow.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QtFyn9mhtfg&feature=emb_logo

werk-x.at/premieren/stream-je-suis-fassbinder

TIPP: Die Woche von 27. April bis 3. Mai steht beim Werk X im Wohnzimmer ganz im Zeichen von Händl Klaus: Da sein Stück „Dunkel lockende Welt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35553) derzeit nicht gespielt werden kann, liest und interpretiert das Ensemble Prosa-Texte, die der Autor dem Haus zukommen hat lassen. Dabei sind drei sehr unterschiedliche Filme entstanden, die auf werk-x.at zu sehen sind.

  1. 4. 2020

Volksoper: Die Publikumslieblinge im Live-Onlinekonzert

April 24, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Meisterwerke der Operette und Musical-Evergreens

Bild: © Fidelio

Am 26. April präsentieren ORF III, Ö1 und die Klassikplattform fidelio ab 20.15 Uhr den zweiten von vorerst drei hochkarätigen Musikabenden live aus dem Großen Sendesaal des RadioKultur- hauses. Auf dem Programm stehen Meisterwerke der goldenen und silbernen Operettenära sowie zwei Musical-Evergreens. Johanna Arrouas, Martina Mikelić, Rebecca Nelsen, Ursula Pfitzner, Kristiane Kaiser,

Alexandre Beuchat, Ben Connor, Oliver Liebl, Carsten Süss und Vincent Schirrmacher singen Arien und Duette von Jahresregent Franz Lehár, dessen Geburtstag sich zum 150. Mal jährt, sowie aus dem Werk von Johann Strauß, Emmerich Kálmán und Ralph Benatzky. Alexandre Beuchat eröffnet den Abend mit „Da geh ich zu Maxim“ aus Franz Lehárs „Die lustige Witwe“, gefolgt von Rebecca Nelsen mit dem Vilja-Lied. Vincent Schirrmacher singt „Von Apfelblüten einen Kranz“ und „Dein ist mein ganzes Herz“ aus „Das Land des Lächelns“.

Per Videozuspielung von der Bühne der Volksoper ist Martina Mikelić mit „Ich lade gern mir Gäste ein“ aus der „Fledermaus“ zu erleben, gefolgt von Kristiane Kaiser aus dem RadioKulturhaus mit dem feurigen Csárdás der Rosalinde. Einen Ausflug ins Musicalfach macht Stefan Cerny mit „Ol’ Man River“ aus „Showboat“. Carsten Süss interpretiert „Komm Zigan“ aus Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ und gemeinsam mit Ursula Pfitzner das romantische Duett „Sag ja, mein Lieb, sag ja“.

Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Alfred Eschwé

Ben Connor und Rebecca Nelsen. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Zwei Duette ganz unterschiedlichen Charakters aus der „Csárdásfürstin“ singen Johanna Arrouas und Ben Connor mit „Machen wir‘s den Schwalben nach“ sowie Ursula Pfitzner und abermals Ben Connor mit „Weißt du es noch“. Mit „Somewhere over the Rainbow“ aus „Der Zauberer von Oz“ träumt sich Johanna Arrouas in eine andere, bessere Welt. Und Oliver Liebl grüßt fröhlich per Zuspielung aus der Volksoper mit dem Schlager „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“ aus Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“. Den Abend beschließen abermals Duette aus der „lustigen Witwe“, interpretiert von Johanna Arrouas und Vincent Schirrmacher mit „Wie eine Rosenknospe“ und Rebecca Nelsen und Alexandre Beuchat mit „Lippen schweigen“.

Begleitet werden die Solistinnen und Solisten von einem Streichquartett des RSO Wien mit Konzertmeister Peter Matzka, Primgeigerin Jue-Hyang Park, Bratschist Martin Kraushofer und Cellistin Solveig Nordmeyer. Am Klavier ist diesmal Volksopern-Korrepetitor Eric Machanic. Durch den Abend führt Christoph Wagner-Trenkwitz. Nach der Volksoper steht am 3. Mai das Konzert der Vereinigten Bühnen Wien an. Die Abende werden als Live-Stream und nach der TV-Ausstrahlung für sieben Tage als Video-on-Demand via ORF-TVthek kostenlos bereitgestellt.

www.volksoper.at           tv.orf.at/orfdrei           www.myfidelio.at           TVthek.ORF.at

24. 4. 2020

Volkstheater online: Schuld & Söhne

April 24, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Demonstration eines Dystopien-Durcheinanders

Jeder für sich, aber alle gegen alles: Dominik Warta, Claudia Sabitzer, Katharina Klar und Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und dieses Wochenende sind die drei Inszenierungen von Christine Eder dran. Heute noch bis 18 Uhr „Schuld & Söhne“, im Anschluss bis Samstagabend „Verteidigung der Demokratie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30133).

Danach bis inklusive Sonntagabend und wieder am 1. Mai „Alles Walzer, alles brennt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477) – kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at. „Klimatragödie mit Musik“ nennen Eder und Eva „Gustav“ Jantschitsch ihre dritte Kooperation, Thema ist ergo die bereits gewesene Katastrophe, nach der sich ein Trupp mitteleuropäischer Klimaflüchtlinge auf einer Farm verschanzt hat. Ihr Durchbrennen vor sengender Sonne, Rohstoffknappheit und Sauerstoffmangel passt zur überhitzten Spielweise des Ensembles – Nils Hohenhövel, Evi Kehrstephan, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner, Claudia Sabitzer und Dominik Warta gerieren sich als ideale Gesellschaft.

Und das nicht nur, was Energieverbrauch und Aufgabenteilung betrifft. Im Wortsinn „demonstriert“ wird eine Sozialidylle, in der Warta mit seinem Morgengebet an Göttin Gaia den „Teilen, Schützen, Wertschätzen, Schonen“-Sektenführer gibt, und die Sabitzer eine Art Urmutter Courage. Doch dass was faul ist im Öko-Staat, wird deutlich als sich Bernhard Dechant als „Neuer“ einstellt, und – einer mehr ist manchem einer zu viel – sofort Ressourcenpanik ausbricht. War bereits bisher das Duschen auf einmal wöchentlich und der Toilettengang auf gar nur einmal täglich beschränkt, wird Dechant nun zum sprichwörtlichen Zünglein an der Wasserwaage.

Das alles hätte einen hübschen Plot ergeben, die Migrantenflut aus den glühenden Metropolen ante portas, die Angst vor deren Rauben und Brandschatzen, die Selbstbewaffnung mit Knüppeln, die selbsternannte Erste als Zerrspiegelbild der von ihr so genannten Dritten Welt, und die Frage, wie man in unzivilisierten Zeiten zivilisiert bleiben kann. Aber Eder stülpt nicht nur ihrem Schutzhaus zur unsicheren Zukunft einen Plastiksturz über, sondern auch einem irgend Inhalt.

Bernhard Dechant. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nils Hohenhövel und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Alles was geht an Sub und Meta wird an den Text gepappt, kein heißes Eisen ausgelassen, Geschlechterrollen, Klarnamenpflicht, Geschichtsklitterung, Social-Media-Bashing ist sowieso ein Must, Armut, Ausländer, Kritik an den Ärzten ohne Grenzen, global, legal, scheißegal … „Schuld & Söhne“ ist ein post-/apokalyptisches Allerlei, ein Dystopien-Durcheinander, ein More-of-the-same-Möbiusband, und harte Arbeit ist’s, bei dieser Assoziationsperlenkette den Faden nicht zu verlieren. Von vornherein klar war, dass sich Eder wie bei ihrer Politshow und der Untergangsrevue auch hier nicht fürs Ausagieren szenischer Konflikte interessieren wird.

Ihre akribisch aufgestellte Rechnung lautet Kapitalismus = Ressourcenvergeudung + Verteilungskampf = Klimakrieg, und gut ist, dass das in #Corona-Zeiten nicht aus den Augen verloren wird – doch was Thesenstück/ Frontaltheater betrifft, hat sie es diesmal ein wenig zu weit getrieben. Das pure Deklamieren von Recherche- material ist bedingt bühnentauglich, und auf dem Bildschirm wirkt die Aufführung bald wie eine Belangsendung.

Ein Glück. Zwischendurch hat der Abend seine Momente. Zu diesen zählt definitiv der zwanzigköpfige Tragödienchor, der jeder Seite Parolen brüllt und Phrasen drischt. Bernhard Dechant, der als Totschlagargument fürs Wählen rechter Populisten so lange „Islam!“ schreit, bis besagter Chor beseligt Österreich-Fähnchen schwenkt. Und Thomas Frank als ebendieser wohlbekannte Politikertyp, der begleitet von einer Fernsehkamera die Kolchisten mit dem bemerkenswerten Spruch besucht: „Wir brauchen mehr Menschen, die Unmenschliches leisten für unser Land und unsere Leut‘“.

Millenials vs Boomers: Der Tragödienchor. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Parole, Parole, Parole: Beim Stromsparen kommt’s zu Blackouts. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Schutzhaus zur unsicheren Zukunft liegt unterm Plastiksturz. Bild: © Monika Rovan / Volkstheater

Eva Jantschitsch aka Gustav performt ihren Anti-Song. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Um Sprüche ist man an keiner Stelle verlegen. Auf Bannern und Buttons zu lesen ist: „Wollt ihr das totale Nulldefizit?“, „Fridays for Hubraum“, „Ist SUV heilbar?“ oder – persönlicher Favorit –  „This planet is hotter than my boyfriend!“ Böse Witze kommen immer gut, dazu die geballte Zitaten-Ladung von den hässlichen Bildern, ohne die’s nicht gehen wird, übers Konzentrieren von Menschen bis zum „Wir schaffen das!“/“So sind wir nicht“.

Zum Schluss schließlich wieder Handlung, und zwar im Vollgasmodus. Auf Empörung folgt Entgleisung folgt Eskalation. Je mehr „andere“ draußen stehen, umso mehr Kommunenmitglieder wollen nicht teilen und, sondern allein herrschen. Statt alle gegen alles heißt es nun jeder gegen jeden, die Counterculture-Kinder Claudia Sabitzer und Dominik Warta stellen sich gegen den spätgeborenen Weltverbesserungsskeptiker Nils Hohenhövel, der Chor befetzt sich als Millennials vs Boomers. Auf einem goldenen Auto thronend singt Eva Jantschitsch ihren Anti-Song, die ersten – Evi Kehrstephan und Christoph Rothenbuchner – verlassen den vermeintlichen Garten Eden, bevor aus dem Berg Sinai der Mount Carmel wird. Hohenhövel und Katharina Klar erschlagen die Sabitzer-Figur.

Schade, dass Eder diese satirischen „When the going gets tough, the tough get going“-Situationen von Anfang bis Ausgang immer wieder platt tritt. Was bleibt sind Fragen über Fragen, und die einzige Antwort, die einmal über die schwarze Bühne, Stromsparen ist gleich Blackouts, flittert, lautet Douglas-Adams‘isch: 42. Die finale Message aus dem Schutzhaus: „Wenn dich diese Nachricht erreicht, sind wir vergessen und du bist der letzte Widerstand.“ Und der Chor, Echostimme dieser Endzeit, singt den Comedian-Harmonists-Hit „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück …“, bekanntlich das Lied zum Vorabend der Tausendjährigen Katastrophe.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=sz3mHFULAb8&feature=emb_logo

www.volkstheater.at

  1. 4. 2020

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020