Lotte de Beer präsentiert ihren ersten Spielplan

April 20, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Volksoper: Ein Haus zwischen Nostalgie und Utopie

Auf dem Podium Komponist Moritz Eggert, Martin Schläpfer, Omer Meir Wellber, Lotte de Beer und hristoph Ladstätter. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Eines kann man der designierten Volksoperndirektorin Lotte de Beer bereits attestieren: Sie brennt nicht für die Sache, sie steht in Flammen lichterloh. Bis in die Spielplan- präsentation 2022/23 wehte ihr frischer Wirbelwind, die Aufbruchsstimmung am Haus war mit Händen zu greifen. Da ist eine, die weiß, was sie kann und was sie will.

Und sie hat sich dafür um nichts weniger beflissene Vertraute an die Seite gestellt, Omer Meir Wellber als Musikdirektor, um einen davon zu nennen. (Zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=43276). Gemeinsam mit ihm, dem Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer und dem Kaufmännischen Geschäftsführer der Volksoper Christoph Ladstätter stellte de Beer heute Vormittag ihr erstes Saisonprogramm vor. Sie sehe, sagte sie, die Volksoper zwischen Nostalgie und Utopie, sie wolle Volksoper im wahrsten Sinne des Wortes machen, und das Haus zum Zuhause für Künstlerinnen und Künstler, die Wienerinnen und Wiener: „Wir wollen spielen, verzaubern, berühren und – ja – manchmal auch scheitern.“

Am 3. September beginnt die Spielzeit mit einem Eröffnungswochenende, und zwar mit der Erstaufführung der wienerisch-berlinerischen Operette „Die Dubarry“ von Carl Millöcker und Theo Mackeben. Jan Philipp Gloger zeigt die Entwicklung der ambivalenten Titelheldin „als Zeitreise, die im Heute beginnt und über die 1930-Jahre zurückführt in die Zeit Louis XV“, so de Beer. Kai Tietje dirigiert und Annette Dasch kehrt als Mätresse des Königs an die Volksoper zurück. Als Seine Majestät Ludwig XV. gibt Comedy-Legende Harald Schmidt sein Volksoperndebüt. Zu erleben sind außerdem „Ein Papp-Konzert“ für die ganze Familie, vier Operetten in 70 Minuten von Steef de Jong, und eine Late Night Jam Session von Omer Meir Wellber.

Musiktheater für die ganze Familie bietet auch „Jolanthe und der Nussknacker“, ein Abend, über den Moment im Leben, an dem man sich entscheiden muss, ob man eine blinde Prinzessin bleiben will, oder die Augen für die Realität öffnet. 130 Jahre nach der Uraufführung der Oper und des Balletts aus der Feder Peter Iljitsch Tschaikowskis verflechten Lotte de Beer, Omer Meir Wellber und Choreograph Andrey Kaydanovskiy die beiden Stücke zu einer magischen Coming-of-Age-Story. Premiere am 9. Oktober.

In der jährlichen Manifesto-Produktion wird die Volksoper Theatermacherinnen und Theatermacher einladen, laut über das Musiktheater nachzudenken. De Beer: „Es soll ein Ausprobieren und eine Diskussion mit dem Publikum werden.“ Den Auftakt macht Regisseur Maurice Lenhard, er auch Künstlerischer Leiter des eben gegründeten Opernstudios (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=48999, der „Die Dreigroschenoper“ als einen Kampf ums Überleben in einer kalten Welt inszeniert. Den Macheath verkörpert cross-gegendert die Kurt-Weill-Spezialistin Sona MacDonald, Carlo Goldstein dirigiert. Premiere ist am 27. November.

Die britischen Spymonkey schicken Orpheus in die Unterwelt. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Ausgelassene Stimmung beim Workshop mit Spymonkey. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Modell fürs Familienpappkonzert am Eröffnungswochenende. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Temperamentvoll, freudvoll, wundervoll: Lotte de Beer. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Spymonkey, Großbritanniens führendes Ensemble für Physical-Comedy (www.spymonkey.co.uk), inszeniert „Orpheus in der Unterwelt“. Das Regie-Duo Aitor Bausari und Toby Park begegnet Jacques Offenbachs Mythentravestie mit britisch-schwarzem Humor, zeitgenössischer Clownerie und Slapstick. „Monty Python 2.0“ nennt de Beer die Truppe: „Wir sind beim ersten Workshop vor Lachen schon unterm Tisch gelegen.“ Das Bühnenbild von Julian Crouch bietet eine perfekte Spielwiese für das vielseitige Ensemble, darunter Marco Di Sapia und Ruth Brauer-Kvam als Öffentliche Meinung. Am Pult steht Alexander Joel. Premiere ist am 21. Jänner.

Zwei Ikonen des Modern Dance – Paul Taylor und Mark Morris – arbeiten erstmals mit dem Wiener Staatsballett. Der kräftigen Modern Dance-Sprache der beiden Amerikaner antwortet Ballettdirektor Martin Schläpfer mit zwei Miniaturen. „Promethean Fire“ ist ein Ballettabend zwischen Hybris und Menschlichkeit, Katastrophe und Schönheit, Schöpfung und Vergänglichkeit. Premiere ist am 11. Februar.

Das Highlight der Saison

Wird, wie es der Höhepunkt der heutigen Präsentation war, die Uraufführung der neuen Operette „Die letzte Verschwörung“ aus der Feder von Moritz Eggert. Wie der humorbegabte Komponist höchst launig in fünf Minuten am Klavier sein Opus erklärte, daraus sollte man eine Werkeinführung machen. Zum Inhalt nur so viel, so weit verstanden: Die Zeit ist die nahe Zukunft und die nicht weit zurückliegende Vergangenheit in Wien. TV-Talkmaster Quant hat den Verschwörungsschwurbler Urban zu Gast, eigentlich um ihn als solchen zu demaskieren, lautet dessen These doch: Die Erde ist eine Scheibe. Aber dank sexy Komplizin Lara soll alles anderes kommen – und bald glaubt Quant jeden Quatsch aus dem Internet. Welch parodistischer Ritt durch die Abgründe heutiger Verschwörungsmythen!

Eggert gab „Die Quoten“-Arie der Programmverantwortlichen und den „Im Stadtpark“-Chor zum Besten – und versprach eine Revue mit intriganten Reptilien, einem Pizzagate und Oligarchen. In der Regie von Lotte de Beer, dem Bühnenbild von Christof Hetzer und der Musikalischen Leitung von Steven Sloane begegnet man den Ensemblemitgliedern Rebecca Nelsen als „Flat-Eartherin“, Timothy Fallon als Talkshowmoderator, dessen Weltbild zunehmend aus den Fugen gerät, und Wallis Giunta als seiner Ehefrau, die sich als ominöse, russische Unternehmerin entpuppt. Uraufführung ist am 25.März.

Mit Martin Winkler hat die Volksoper eine Idealbesetzung für den Falstaff in „Die lustigen Weiber von Windsor“. Die niederländische Regisseurin Nina Spijkers wirft gemeinsam mit der preisgekrönten Bühnenbildnerin Rae Smith, für „Warhorse“ mit einem Tony-Award ausgezeichnet, einen augenzwinkernd feministischen Blick auf die Deutsche Spieloper von Otto Nicolai, die von Ben Glassberg dirigiert wird. Premiere ist am 13. Mai.

Operette in fünf Minuten: Sehr launig stellt Moritz Eggert sein Werk vor. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Christoph Ladstätter berichtet von der Digitalisierung des Hauses. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Martin Schläpfer und Omer Meir Wellber planen eine Verflechtung der Ballette „Jolanthe“ und „Der Nussknacker“. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Maria Happel wird als Regisseurin „Die Fledermaus“ neu denken und selber die Frau Frosch spielen. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Als der türkische Regisseur Nurkan Erpulat gefragt wurde, für welches Werk am Haus er sich erwärmen könnte, meinte er wohl: „Die Türkenoper von Mozart“. Nun entwirft er eine neue, authentische und unmittelbare Lesart für „Die Entführung aus dem Serail“. Die Musikalische Leitung der Oper zwischen Orient und Okzident, Mann und Frau, Kultur und Natur, Rache und Vergebung liegt in Händen von Angelo Michele Errico, dem mit Rebecca Nelsen, Hedwig Ritter, Timothy Fallon, Daniel Kluge und Stefan Cerny ein exemplarisches Mozartensemble zur Verfügung steht. „Erzählt wird aus dem Blickwinkel von Bassa Selim, doch wer das sein wird, ist noch ein Geheimnis“, so de Beer. Premiere ist am 17. Juni.

Vier Juwelen aus dem Repertoire der Volksoper kehren auf den Spielplan zurück: Maria Happel unternimmt eine Neueinstudierung der „Fledermaus“ und spielt Frau Frosch, und nach längerer Zeit sind Harry Kupfers „La Bohème“-Inszenierung, Achim Freyers „La Cenerentola“ und Matthias Davids „Anatevka“ wieder zu sehen. Es wird eine jährliche Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen und der Vienna Pride geben – der Kaufmännische Direktor Christoph Ladstätter bemühte sich nicht zu viel zu verraten – Projekte im Südbahnhotel am Semmering.

Mit den Wiener Festwochen ist die Österreichische Erstaufführung eines Pop-Abends von Anne Teresa De Keersmaeker geplant, anlässlich der Vienna Pride zeigt die Volksoper den Abend „Nicht die Väter“, eine todernste Stand-up-Comedy über die Rolle des Vaters. Geplant sind außerdem ein Chor Singalong, künstlerische Speed Datings mit Studierenden, bei denen die ganze Volksoper zur Bühne wird, und ein Symposion für zeitgenössische Operette. Im Programm der Jungen Volksoper wird neu das türkische Märchen „Keloglan und die 40 Räuber“ von Sinem Altan an Sonn- und Feiertagen um 11:00 Uhr gezeigt.

Der neue Musikdirektor der Volksoper Wien Omer Meir Wellber will gemeinsam mit den ersten Gastdirigenten Ben Glassberg, Carlo Goldstein und Alexander Joel und den Conductors in Residence Keren Kagarlitsky, Manuela Ranno und Tobias Wögerer sowie dem neuen Chordirektor Roger Díaz-Cajamarca das musikalische Profil des Hauses maßgeblich prägen. Zudem programmiert Omer Meir Wellber eine neue Konzertreihe für das Orchester der Volksoper Wien und gastiert zum Auftakt im Wiener Konzerthaus.

Auch äußerlich zeigt sich die Volksoper Wien in neuem und auch nachhaltigerem Gesicht: „Im Sommer wird die Fassade erneuert, auf dem Dach wird eine Photovoltaik-Anlage installiert und sämtliche Fahrzeuge auf E-Mobilität umgestellt“, erklärt Christoph Ladstätter. Im künstlerischen Produktionsprozess setzt man auf neue Formen der Digitalisierung, etwa beim Licht, das den Darstellerinnen und Darstellern per Chip im Kostüm folgen wird können, oder, so Ladstätter, „bei den Noten, so dass nicht mehr Seiten um Seiten Papier ausgedruckt werden müssen.“ Neue Zielgruppen will man durch neue Angebote erreichen. Bei der U30-Aktion etwa bezahlen Besucherinnen und Besucher unter 30 Jahren für ausgewählte Vorstellungen nur 12 Euro.

lotte.volksoper.at

Mehr zu Lotte de Beer und Omer Meir Wellber: www.mottingers-meinung.at/?p=48999           www.mottingers-meinung.at/?p=41814           www.mottingers-meinung.at/?p=43276

Link zur Spielplanpräsentation: www.youtube.com/watch?v=2aXiDLXFkuY

  1. 4. 2022

Volksoper Wien: Lotte de Beer initiiert Opernstudio

März 6, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bewerbungen sind aktuell möglich

Maurice Lenhard, Christian Zeller, Lotte de Beer, Christoph Ladstätter. Bild: © Barbara Pálffy

Sechs junge internationale SängerInnen und ein/e PianistIn erhalten die Chance, sich zwei Jahre lang im neu gegründeten Opernstudio der Volksoper Wien künstlerisch weiterzuentwickeln. Bewerbungen sind aktuell möglich.

Unter der neuen Direktion von Lotte de Beer entsteht mit der Spielzeit 2022/23 erstmals ein Opernstudio an der Volksoper Wien: Junge KünstlerInnen erhalten hier die Gelegenheit,

sich im Verlauf zweier Spielzeiten musikalisch weiterzuentwickeln, das Genre, in dem sie zuhause sind, zu hinterfragen und sich dabei neu kennenzulernen. Ermöglicht wird das neu gegründete Opernstudio dank der großzügigen Unterstützung der Christian Zeller Privatstiftung. Künstlerischer Leiter des Opernstudios ist der Regisseur und Dramaturg Maurice Lenhard, Eytan Pessen fungiert als Vocal Coach.

Das Opernstudio der Volksoper Wien richtet sich an Opernsängerinnen und -sänger aller Nationalitäten, die im Rahmen einer zweijährigen Förderzeit das Genre Musiktheater mitgestalten wollen. Angestrebt wird ein transparentes, kollektives, diverses und egalitäres Miteinander, das sich vorbehaltlos allen Formen des Musiktheaters widmet. Voraussetzungen für die Aufnahme sind ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein erfolgreiches Vorsingen vor der Leitung des Opernstudios. Zusendungen aller Stimmfächer werden unter der E-Mail-Adresse opernstudio@volksoper.at entgegengenommen. Nähere Informationen zum Bewerbungsverfahren finden sich hier.

Die Basis des Opernstudios bildet der Alltag der einzelnen TeilnehmerInnen: Das Programm umfasst musikalische und schauspielerische Coachings, Meisterkurse, regelmäßige Tanzworkshops und das Mitwirken in ausgewählten Produktionen des Spielplans. Jedes Jahr werden eigene kleine Abende und eine mobile Neuproduktion entwickelt. Gerade die Operette bietet in ihrer strukturellen Offenheit, ihrer Fähigkeit, auch schwere Themen leicht zu machen und ebenso in ihrer Nähe zur Popkultur eine perfekte Spielwiese für dieses Vorhaben. Die individuelle Kreativität der einzelnen Mitglieder soll in die Ergebnisse der Arbeit sowie in die Suche nach neuen Spielformen, Spielorten und Sichtweisen auf Musiktheater einfließen.

www.volksoper.at

6. 3. 2022

Theater-Center-Forum: Arsen und Spitzenhäubchen

März 5, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Prückner inszeniert Boulevard at its best

Die Brewster-Familie schenkt Holunderwein aus: Lotte Loebenstein, Eszter Hollósi, Christoph Prückner (hi.), Günter Tolar, Simon Brader und Susanne Pichler. Bild: © Maria Steinberger

Dies Feuerwerk an kuriosen Einfällen, slapstickartiger Situationskomik und sprühendem Wortwitz sorgt für ein zwerchfellerschütterndes Bühnenvergnügen: Christoph Prückner hat im Theater-Center-Forum „Arsen und Spitzenhäubchen“ inszeniert (und selbst die Rolle des Teddy „Roosevelt“ Brewster übernommen) und zeigt damit Boulevard at its best. In Tagen wie diesen, zwischen Ukraine-Krieg und Coronavirus, tun zweieinhalb Stunden ausgelassenes Lachen von Herzen gut.

So befand’s auch das Publikum, das schon beim ersten Kredenzen des berüchtigten Holunderweins der Brewster-Schwestern zu kichern begann und die erste „Erlösung“ eines ihrer Gentlemen gleich mal mit Szenenapplaus bedachte. Die Story von Joseph Kesselrings makabrer Komödie aus dem Jahr 1941, von Frank Capra 1944 mit Cary Grant und Peter Lorre genial verfilmt, ist also bekannt: Die liebenswerten alten Ladys Martha und Abby Brewster haben es sich zur Aufgabe gemacht, einsame angegraute Herren als vermeintliche Untermieter anzulocken, um sie mit einer Mischung aus Wein und Arsen „Gott näher zu bringen“.

Um die Männer angemessen zu bestatten, schicken sie ihren verrückten Neffen Teddy, der sich für Präsident Theodore Roosevelt hält, regelmäßig nach Panama, wo er Schleusen für den Kanal aushebt, heißt: im Keller Gräber für Marthas und Abbys Mord-, für Teddy allerdings Gelbfieberopfer, eine Seuche, deren Ausbreitung das Staatsoberhaupt selbstredend verhindern will. Lange Zeit nichts davon ahnen Neffe Mortimer, ein verkorkster Theaterkritiker, und seine Verlobte Elaine Harper, die Pfarrerstochter von nebenan. Umso mehr fällt er aus allen Wolken, als er entdeckt, dass die Tanten im Keller nicht eine, sondern ein Dutzend Leichen haben.

Damit nicht genug, kehren auch noch der dritte Brewster-Neffe nebst seiner – hier – Chirurgin Dr. Hermine Einstein ins Haus zurück: Jonathan, psychopathischer, international gesuchter Serienkiller und von Einstein so oft gesichtsoperiert, dass er mittlerweile wie Frankensteins Monster aussieht. Logisch, dass die Lage eskaliert.

In Prückners Regie sitzt jede Pointe. Er hat ein fabelhaft spielfreudiges Ensemble versammelt, allen voran die Damen Lotte Loebenstein und Susanne Pichler als gütige Todesengel Abby und Martha, denen die regelmäßig vorbeischauenden Officers O’Hara und Klein (die Nachbarschaft beschwert sich, wenn Teddy mit seinem Signalhorn zur Attacke bläst), bescheinigen: „Sie finden immer ein Opfer, dem sie helfen können.“ Simon Brader spielt den ob seiner mörderischen Entdeckung bis ins Mark erschütterten Mortimer, der, während Eszter Hollósi als Elaine ihren Angedachten mit allen Mitteln aus der Reserve locken will, wahrlich andere Dinge im Kopf hat.

Christoph Prückner als Teddy und Eszter Hollósi als Elaine Harper. Bild: © Maria Steinberger

Anna Dangel als Dr. Hermine Einstein und Nagy Vilmos als Jonathan. Bild: © Maria Steinberger

Simon Brader als Mortimer mit Nagy Vilmos und Anna Dangel. Bild: © Maria Steinberger

Nagy Vilmos ist als totenblasser Jonathan eine furchteinflößende Erscheinung, „der totale Horror und er sieht auch noch so aus“, wie’s im Stück heißt, während Anna Dangel als ebenfalls weißgeschminkte Dr. Einstein sich auf eine fast clownesk zu nennende Performance verlegt hast. Die glattgegangene Geschlechtsumwandlung der trinkfreudigen nicht Schönheits-, sondern Schiachheitschirurgin lässt zwischen Jonathan und Hermine außerdem einiges an Liebespaar-Möglichkeiten offen.

Christoph Prückner gestaltet Teddys Charakter frei nach dem Roosevelt-Zitat „I care not what others think of what I do, but I care very much about what I think of what I do!“ Staatsmännisch streng und doch väterlich vergebend befiehlt er Generälen, Richtern und Wissenschaftlern, also der Verwandtschaft, und schön ist, wie Mortimer (Roosevelt bekam ihn 1906 als erster US-Amerikaner für sein Wirken als Vermittler im Russisch-Japanischen Krieg) ihm statt der Friedensnobelpreis-Plakette einen Teddybären überreicht – die Szene ein Einfall Prückners.

Im nostalgischen Bühnenbild von Erwin Bail, einem altväterischen Wohnzimmer mit Aussicht auf den Friedhof, in dem es blitzt und donnert, wenn unter dem Porträt von Arzneimittelforscher und Leichenexperimentator Großvater Brewster von ihm die Rede ist (Licht und Ton: Benjamin Lichtenberg), gelingt es Prückner aktuelle Akzente zu setzen. Etwa, wenn sich Teddy beim Entsorgen der Gelbfieber-Gentlemen eine pandemiesichere Maske aufsetzt, oder die Tanten ihm den Bären von Jonathan als Spion, der das Kapitol stürmen will, aufbinden.

Der zum Schluss auftauchende Mr. Witherspoon, Leiter des Sanatoriums Happyland, in das Mortimer Teddy und am besten auch die Tanten verbracht wissen will, ein Kabinettstück vom großartig kuriosen Günter Tolar, meint zu Mr. President Roosevelt, er habe eigentlich schon drei von der Sorte, „und jeder wirft dem anderen vor, die Wahl gestohlen zu haben“. Schließlich beschweren sich wie schon im Originaltext Martha und Abby, Jonathan wolle „einen Ausländer“ in ihrem unterirdischen Coemeterium unterbringen.

Martha und Abby mit einem ihrer Gentleman: Susanne Pichler und Lotte Loebenstein. Bild: © Maria Steinberger

Teddy auf dem Weg nach Panama: Christoph Prückner mit Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Elaines Liebesanfall trotz Leiche in der Truhe: Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Johannes Sautner und Benjamin Lichtenberg als Officers O’Hara und Klein; Mitte: Simon Brader. Bild: © Maria Steinberger

Denn das Treiben wird immer toller. Jonathan hat auf dem Rücksitz seines Fluchtautos den dank seiner abgelebt habenden Mr. Spinalzo liegen und wittert nun die Chance, den unerwünschten Fahrgast in der für der Tanten neuesten Dahingeschiedenen, Mr. Hoskins (TCF-Direktor Stefan Mras röchelt sich durch den Kurzauftritt), ausgehobenen Schleuse zu entsorgen. Zwischen Zwischendepot Truhe und der geplanten letzten Ruhestätte entspinnt sich ein Leichen-wechselt-euch-Spiel, das Mortimer an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt.

Dazu kommt’s zwischen dem Gewaltverbrecher und den in die Jahre gekommenen Jungfern zu einem Wettstreit, steht doch die Bilanz derer, die wegen ihnen das Zeitliche gesegnet haben, zwölf zu zwölf. Ein dreizehntes Opfer muss her! Ein weiterer von der Ödnis seines Daseins zu rettender Greis oder doch lieber Mortimer? Fatal, dass der so brave wie begriffsstutzige Officer O’Hara (Johannes Sautner begleitet von Benjamin Lichtenberg als fußmarodem Officer Klein als waschechte Knallchargen) die von Jonathan und Dr. Einstein zauberkünstlerisch vorgeführte Fesselung und Knebelung Mortimers für das Demonstrieren einer Theaterszene hält.

Noch fataler, dass O’Hara ein verkappter Dramatiker ist, oder sich zumindest für einen solchen hält, und den dreien sein selbst geschriebenes, grottenschlechtes Drama in x-Akten darbietet. Aber immerhin: Akt vier bringt die Gangster zum Einschlafen, worauf Mortimer sich aus seiner misslichen Lage befreien kann. Das von Christoph Prückner und Team gezeigte Ende entfernt sich weit vom Hollywood-Schmus, erklärt sich doch die nächste Generation bereit, die Familientraditionen fortzusetzen. Auftreten Eszter Hollósi und Simon Brader mit nun auch bleichen Gesichtern. Was bedeutet schon „normal“, wenn man ein Mords-Gen hat? Ein Gläschen Holunderwein, Mr. Witherspoon?

„Arsen und Spitzenhäubchen“, dieser Evergreen des schwarzen Humors, von Prückner mit viel Fantasie um Seitenhiebe auf eine groteske Gegenwart erweitert (die USA befanden sich zur Entstehungszeit des Stücks in einem ähnlichen Konflikt wie die EU heute, ein Krieg mehr oder minder weit weg – und die Frage, ob man abwarten oder sich einmischen soll), erzielt seine komischen Effekte aus dem bizarren Gegensatz biederer Kleinbürgerlichkeit und dem blanken Entsetzen – im Theater-Center-Forum in Szene gesetzt als übermütig überdrehte Parodie auf so ziemlich sämtliche Krimi- und Horrorfilmklischees.

Zu sehen bis 19. März

www.theatercenterforum.com

  1. 3. 2022

Volkstheater: Ach, Sisi – Neunundneunzig Szenen

Januar 13, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut

Das Musical-Ensemble beim Schlussapplaus: Andreas Beck, Anna Rieser, Anke Zillich und Christoph Schüchner. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Na, wenn das Volkstheater da mal keinen Hit gelandet hat. Dies zumindest nach den höchst amüsierten Reaktionen des Premierenpublikums zu schließen. Rainald Grebe und Ensemble brachten gestern Abend „eine Staatsaktion, ein Nichts, ein Volkstheater“ zur Uraufführung, betitelt „Ach, Sisi – Neunundneunzig Szenen“, und die meisten davon wurden mit Szenenapplaus bedacht.

Nicht zuletzt ein Verdienst der – es stand an dieser Stelle schon – exzellenten

Schauspielerinnen und Schauspieler, die Kay Voges mit nach Wien gebracht hat, all die Typen und Käuze, die Messerschmidt’schen Charakterköpfe, die performen bis zum Anschlag, und das mit unverbrüchlicher Spiellust und einer Art Kind gebliebener Innigkeit. Rainald Grebe, dies ergänzend, ist ein in Deutschland sehr populärer Theater- und Liedermacher, Autor, Kabarettist und Obstbauer, der unter anderem mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet wurde, und der sich nun mit der ganzen Kraft seines satirischen Könnens über die Habsburgermonarchie hergemacht hat.

Heißt: Über den Mythos Sisi und über die Kultfigur Sissi, also die aus den Romy-Schneider-Filmen, und selbstverständlich darf da das legendäre Musical „Elisabeth“, dargeboten als Backstage-Comedy, nicht fehlen: „Ich gehör nur mir!“ Und so beobachtet man die Darstellerinnen und Darsteller, zwei Stunden waren angesagt, zweieinhalb sind’s geworden, beim Darstellen, Vorstellen, Herstellen von herrlichem – wie die Nachbarn sagen – Quatsch mit Soße, einer hinterfotzigen Nonsens-Revue, in der’s Schlag auf Schlagobers zur Sache geht.

Das mit dem Doppelsinn passt hier gut, entleibt sich doch Uwe Schmieder als Haushofmeister und Zeremonienmeister/Inspizient am Regiepult buchstäblich, wobei ihm Bühnenweisheiten von den Lippen perlen, die es mit dem Sketch „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ durchaus aufnehmen können. Wie Schmieder seine Rolle anlegt? Hintergründig! Mit wirren Locken und Zack-Hüftschwung, wenn er die Krinoline hochklappt, um sich auf sein Stühlchen zu setzen.

Es ist dieser Außenblick der (in Szene sieben erklären zwei echte Wiener die korrekte Aussprache) Biffkäe-Truppe, der „Ach, Sisi“ so reizend macht. Die seltsame Obsession der Österreicher mit ihrer exzentrischen Kaiserin, die Weitervererbung von Devotionalien (ein Milchhäferl aus Bad Gastein), der Souvenirhandel und das touristische Geschäft, die Vermarktung als VBW-Exportartikel, auf dies alles wird ein schiefes Licht geworfen.

In der Radiologe: Anna Rieser und Christoph Schüchner moderieren die Sisi-Nacht. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Es kann nie genug Sisis geben: Anke Zillich, Christoph Schüchner und Ensemble. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Totentanz mit Observationsspezialist: Andreas Beck im rosa Dirndl und Ensemble. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Im Sackerl wartet das Menagereindl: Andreas Beck als Kaiser Franz Joseph-Darsteller. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Grebe fackelt ein Feuerwerk an groteskem Klamauk ab, er knüpft eine Perlenkette an Assoziationen, so glänzend wie Sisis Haarsterne, er legt den Kern des hiesigen Sissi-Brauchtums frei, das Hochhalten einer überkommenen Tradition (man erinnere sich, dass bei der Beisetzung Otto Habsburgs in der Kapuzinergruft die Kaiserhymne gespielt wurde), und zu den persönlich favorisierten Szenen gehört jene von Andreas Beck, der klarstellt, Franzl und Sissi hätt’s nie gegeben, das sei eine Erfindung des Nachkriegsösterreich, das mit Zuckerlsüße sein durch den Nationalsozialismus beschädigtes Image aufpolieren wollte. Tja, ja.

Freilich wurde auch Recherche-Arbeit betrieben. Weshalb mittels vom Hof- und Kammerschuhmacher Scheer geborgtem Leisten die Beschaffenheit von des Kaisers Rist erklärt werden kann – Tilla Kratochwil, die mit ihren aufklärerischen Ansätzen regelmäßig scheitert, oder wenn Andreas Beck ausführt, die Straßenbahnlinie zum Nordbahnhof heiße O und nicht 0. Der Hoftratsch kommt zu seinem Recht, Haushofmeister, eigentlich: Obersthofmeister, Konstantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst naturgemäß, Anna Rieser als Elisabeths schottischer Reitlehrer Bay Middleton: „No love, just sports“;

Christoph Schüchner als Hofdame Marie Gräfin von Festetics – Notiz vom 21. 12. 1871: „Die Kaiserin stand in einem blauen Kleid in der Mitte des Zimmers, eine große Dogge neben ihr. Die Kaiserin lächelte, der Hund kam auf mich zu, beschnupperte mich und wedelte er mit dem Schweife. …“, Constantin Christomanos, der Griechischlehrer und Vorleser auf Korfu. Besonders schön: Andreas Beck als Observationsspezialist Kriminalinspektor Kammer, der sich im rosa Dirndl unter die totentanzenden Sisis mischt. Einmal mehr Tilla Kratochwil, sie rechtfertigt die Tat des bettelarmen Anarchisten Luigi Lucheni („Nicht einmal ein Messer konnte er sich leisten, er musste eine Feile nehmen!“) an der royalen Salonanarchistin.

Für Graf Andrássy hält CliniClown Balázs Várnai die Magyarenehre hoch. Als wütendes Czardasmädl in rot-weiß-grüner Tracht gibt er für die arroganten Wienerinnen und Wienern eine Sprachstunde, Paprika im Arsch von Dentalreisenden und Ferienhausbesitzenden am Balaton, die ansonsten für Ungarland nur Verachtung übrighaben. Überhaupt sind die HobbyschauspielerInnen vom Feinsten, Susanna Peterka, pensionierte Ministerialbeamtin, die schildert, wie sie sich einen Mann so fesch wie der Karlheinz Böhm angelte, nur dass sich der ihre knapp vor Verehelichung als verheiratet und Vater dreier Kinder herausstellte. Worauf sie sich einem Beatles-Lookalike zuwandte, ein böser Bube, ergo begehrenswerter, der auch mal seitensprang: „Mit Liebesworten hat er mich nicht überhäuft, aber 48 Jahre hat’s gehalten.“ Welch eine wunderbare Erzählung, die die zwiespältige Sissi-Sehnsucht, Hofburg-Glanz und Schönbrunner Traurigkeit, auf den Punkt bringt, ohne etwas davon auszusprechen.

Die Vettern It beim langsamen Walzer? Nein, Sisis tanzende 1,5-Meter-Haartracht. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Psychiater Michael Musalek wagt sich an eine klinische Ferndiagnose: „Bipolar, früher sagte man manisch-depressiv“, diskutiert wird, ob Elisabeth im Schlank- und Schönheitswahn wirklich Blut getrunken und sich rohe Koteletts aufs Gesicht gelegt hat. Die Live-Band „Sissi Top“, die Multiinstrumentalisten Jens-Karsten Stoll, Simon Frick und Christopher Haritzer, haben Sisis Gedichte aus ihrem Poetischen Tagebuch* mal als Klezmer, mal als Rap, mal als Volksmusik vertont – sie fühlte sich ja in Seelenverbindung mit „Meister“ Heinrich Heine. Dazu kriecht das Ensemble im Bühnenbild von Jürgen Lier und in den Kostümen von Kristina Böcher im Wortsinn aus allen Löchern.

*Die Kaiserin hat die Veröffentlichung erst 60 Jahre nach ihrem Tod genehmigt und verfügt, dass die Tantiemen „dem Wohle der politisch Verurteilten und ihrer bedürftigen Verwandten“ zugutekommen sollten. Und das passiert seitdem tatsächlich, sie werden vom UNHCR verteilt, womit die Volkstheater-Aufführung auch einen caritativen Charakter bekommt.

Wie hingetupft wirken die neunundneunzig Miniaturen, viele sehr lustig, etliche surreal und magisch, keine davon fad. Aus einer Loge übertragen die Radiomodertoren Anna Rieser und Christoph Schüchner „die lange Sisi-Nacht“ samt „Sissi/DC-Quiz“, und begrüßen dazu Anke Zillich als Dynastiehexe Erzherzogin Sophie im Talk über Elisabeths egozentrische Sperenzchen aka Freiheitskampf. Das Ensemble absolviert das Morgentraining der Hofreitschule auf Steckenpferd-Lipizzanern: „Wundern Sie sich nicht über die dunklen Hengste, der Lipizzaner ist erst im Alter verschimmelt.“ Schüchner singt sich als Musical-Elisabeths Tod ein, alldieweil Andreas Beck als Franz-Joseph-Interpret herzhaft aus dem Menagereindl schmaust.

Witzig die Szene, in der Zillich und Beck im Prolo-Dress zu den pathos-triefenden Original-Filmtexten lippensynchron agieren – Dialog Ischl, knapp vor Jagdausflug: „Ich bin ja da, um die Prinzessin Helene in Bayern kennenzulernen. Aber sie g’fallt ma schon besser.“ – Sissi entsetzt: „Die Néné?“ Oder der langsame Walzer zweier Vettern It, die sich als Sisis ein Meter fünfzig lange Haare erweisen. Kein Wunder, dass da der Szenenzähler erst durchbrennt, dann durchdreht. Ein Chaos, in dem sich Schmieder bis zu Angus Youngs Schuluniform-Kurzer und weiter entblättert.

All diese Gesten, Wimpernschläge, Ascheflocken, Schnappschüsse sind ein Vexierspiel über ein Phantom, das keinen Anspruch auf Wahrheit, wohl aber an beste Unterhaltung stellt – und erfüllt. Vorstellungen, Vermutungen, verschrobene Figuren tanzen Quadrille, nähern sich an, trennen sich und tauschen Partnerin oder Partner. „Ach, Sisi“ ist keine spöttische Demontage eines Nationalheiligtums, sondern eine liebevoll augenzwinkernde Hommage ganz besonders auch aufs Österreichertum, das die Piefkes, wie’s die Piefkes eben so tun, milde besserwisserisch und mithilfe abstruser Theorien zu fassen suchen. Das ist sympathisch, die Sigmund’sche Freud, mit der sie begreifen, was uns „Ösis“ (Unwort, verboten!) an den Deutschen so nervt.

Zum Ende verbeugt sich das Musical-Ensemble mit dem Rücken zum Volkstheater-Publikum beim Schlussvorhang. Man ist seit Jahren mit der Produktion unterwegs, sagt ein müder Schmieder, die Kulissen sind längst schäbig geworden, die Sangeskünstlerinnen und -künstler immer provinzieller. Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben. Jubel und Applaus für Rainald Grebe und Team. Man schließe mit einem Kaiser-Franz-Joseph-Zitat: Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.

www.volkstheater.at         Trailer: www.youtube.com/watch?v=9AEv0338W74           rainald-grebe.de

  1. 1. 2022

Neue Oper Wien: Death in Venice

Oktober 10, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Memento mori beim Strand-Dance-Battle

Alexander Kaimbacher als Gustav von Aschenbach, Ray Chenez als Apollo ad personam und Andreas Jankowitsch als mephistophelischer Dionysos. Bild: © Armin Bardel

„The Most Beautiful Boy in the World“, so der Titel des Dokumentarfilms, den Kristina Lindström und Kristian Petri just dieses Jahr beim Sundance Festival vorstellten, ein Biopic über den weiland Visconti-Auserwählten Björn Andrésen für die Rolle des Tadzio – dieser Rolle wird Rafael Lesage 50 Jahre später nicht mehr gerecht. Ein Glück. Der Sohn eines Tänzerpaars, der zunächst im Performing Center Austria HipHop-Klassen nahm, bevor er mit der Compagnie Diversity Queens und dem Studio Indeed Unique einige Preise gewann

(www.youtube.com/watch?v=KUSnQTYuIBc), ist längst kein schüchterner „Bub“ mehr. Sondern ein selbstbewusster junger Mann, der seinen Tadzio dementsprechend performt. Kraftstrotzend, arrogant, ein wenig aggressiv auch, sich seiner aufkeimenden Virilität und deren Wirkung auf dem ihm verfallenen, verfallenden Aschenbach bewusst. Mit dem er nonverbal sein homoerotisches Spielchen zu treiben scheint, sich sogar ein Buch des – heute würde man sagen – Bestsellerautors signieren lässt, ein Blick, ein lässig vom perfekten Body gestreiftes Handtuch, ein Beinah-Kuss. Als ob sich die morbide Schönheit Venedigs in ihm spiegeln würde …

Die Neue Oper Wien brachte im MuseumsQuartier Benjamin Brittens „Death in Venice“ zur dunkel-wuchtigen Premiere. Mit Intendant Walter Kobéra als Dirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, in einer Inszenierung von Christoph Zauner, Bühne und Kostüme von Christof Cremer, womit das eine Dreigestirn der Aufführung genannt wäre. Eine Trinität, die Brittens Thomas-Mann-Vertonung als Aschenbachs albtraumhafte Gedankenreise, anders gesagt: mit dem vielgestaltigen Andreas Jankowitsch und dem Wiener Kammerchor als Totentanz anlegt.

Brittens letzte ist sozusagen eine „Große Kammeroper“, für die Kobéra eine charismatische Klangwelt, einen emotionalen Sturm aus 49 Musikerinnen und Musikern, davon fünf am Schlagwerk plus ein Paukist, zu entfesseln, jedoch in den intimen Momenten von Aschenbachs Innenschau zu bändigen versteht. In Brittens Kompositionsthriller mit Sog Richtung letalem Finale, dirigiert Kobéra Aschenbachs Gefangenschaft im Gefühlschaos, dessen Leidenschaft, Verwirrung und Verlust der Würde gleich einem fortwährenden Subtext.

Kaimbacher und Chenez als Lookalike-Apollo. Bild: © Armin Bardel

Rafael Lesage adoleszenter Tadio. Bild: © Armin Bardel

Countertenor Ray Chenez als Apollo. Bild: © Armin Bardel

Um diesen „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“-Zweikampf zwischen Ratio und Passio Gestalt zu verleihen, gesellt Regisseur Zauner Andreas Jankowitsch als Geck, Gondoliere, Hotelier, Coiffeur und Dionysos Countertenor Ray Chenez als Apollo bei – er optisch ein jüngeres Alter Ego des alternden Literaten, dem er in Permanenz und mit Drohgebärde die Schreibmaschine auf den Knien platziert. Zu alldem, der feinziselierten Charakterführung Kobéras wie Zauners, ihrer Achtsamkeit auf Gesten und den durchdachten Details, hat Cremer ein Setting erdacht, ein Labyrinth aus Venedigs Brücken und Badestegen, schmale Grate, auf denen es die Balance zu halten gibt, inmitten eines Meers aus Sand ist gleich Asche, umringt von den rostigen Wänden eines Schiffsbauchs, als hätte Aschenbach die „Esmeralda“ nie verlassen.

Derart als Memento mori, oder: eine Morbidezza nicht der Malerei, sondern der Morschheit der Moral, entspinnt sich ein Licht- und Schattenspiel. Fabelhaft Andreas Jankowitsch, der vom Gondoliere-Charon an Aschenbachs diabolischer Gegenspieler ist, der sich im Chor zu einem „Mein Name ist Legion!“ steigert. Diese Gesellschaft am Lido gehüllt ins Graublau der Serenissima-Tauben und umringt von grotesk-grausamen Gauklern und Schreckgespenstern wie Catalina Paz als Erdbeerverkäuferin oder Elisabeth Kirchner als Bettlerin im Namen ihrer verhungernden Kinder.

Die Cholera, Seuche das Bühnenthema 2021, sie klopft schon an die Tore der Lagunenstadt. Die Seemöwen die anfangs durchs Video segelten, sind längst deren wurmartigem Erreger gewichen, unter den Stegen wabern tödliche Dämpfe – die Cholera, sie ist gelb. Symbolik und Farbantagonismen als Metaphern für einen drangsalierten Geist, sie sind bei Zauner und Cremer großgeschrieben. Doch noch steht die Schlacht zwischen dem apollinischem und dem dionysischen Prinzip an, und an dieser Stelle gilt es endlich zu sagen:

Dies ist der Abend des Alexander Kaimbacher, der als Gustav von Aschenbach drei Stunden lang sängerisch höchstpräzise und schauspielerisch höchstpräsent mal mit metalischem, mal fragilem Timbre alles gibt. Sich in der Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschneiderten Rolle entäußert, entleibt, sich von Zweifel über Verzweiflung zu Selbstzerfleischung aller darstellerischen Schranken entledigt, die Kalvarienberg-Stationen der Figur durchwandert, durchleidet, ein Faust auf der Suche nach und in ständiger Begegnung mit seinem Mephisto-Jankowitsch – selten ward psychische Zerrissenheit so nobel über die Rampe gebracht.

Wr. Kammerchor als Matrosen. Bild: © Armin Bardel

Lesage und Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Die Straßensänger. Bild: © Armin Bardel

Und überall der schöne Jüngling. Bild © Armin Bardel

Fulminant! Kaimbacher mit Jankowitsch und Chenez das andere Dreigestirn der Aufführung, wenn die Götter um den Sterblichen ringen, dessen Bedenken ob seiner „ungesunden“ Begierde austricksen, wobei es – in dieser Interpretation wenig überraschend – der ewig strahlende Delpher sein wird, der seinem Schützling in den Schritt greift, eine orgasmische Petite-Mort-Szene, Aschenbach bald so kreidebleich wie des Dionysos‘ geisterhafte Gefolgschaft …

Viel gibt es bei dieser Arbeit der Neuen Oper Wien zu interpretieren und zu überlegen, etliche Einfälle gilt es noch zu würdigen. Etwa das Kräftemessen von „Tadzio“ Rafael Lesage und seinem besten Freund Jaschu aka der Latino-Wiener Luis Rivera Arias, das als Dance-Battle am Lido-Strand ausgetragen wird, als Trainerin und Trainer die Tänzerin Leonie Wahl (www.mottingers-meinung.at/?p=36197) und Tänzer Ardan Hussain, die Choreografie für Brittens konzertante Zwischenspiele, ein Sonnenbad, ein Wasserballmatch, ein Flanieren auf der Promenade, das Champagnisieren angesichts der Katastrophe: Saskia Hölbling.

Oder Kaimbacher-Aschenbachs Besuch bei Coiffeur-Jankowitsch, dessen schwarzer Frisiermantel sich mittels zweier Chormitglieder zur Tracht eines Pestdoktors, ja, zu einer bewegten Version von Rodins Höllentor steigert. Zum Schluss zieht der junge Apoll-Aschenbach gegen Tadzio eine Pistole, das stumme Objekt der Begierde, meint der vorherige, muss zur Beendigung der Qualen des derzeitigen Aschenbach weg … zu spät fürs Entkommen des Abyssos‘ und ergo keinesfalls mehr dazu. Außer einem: So steht’s im Libretto nicht. Und einem Bravissimo sowie der Empfehlung, sich diese bemerkenswerte Produktion anzuschauen.

neueoperwien.at          Video: www.youtube.com/watch?v=zAZIsnvhM-k

  1. 10. 2021