Volkstheater: Der Lechner Edi schaut ins Paradies

November 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Moderner Wanderzirkus mit famosem Herrn Direktor

Wie ein Wanderzirkus: Adrian Hildebrandt, Thomas Frank, Evi Kehrstephan, Christoph Theussl und Thomas Butteweg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sie versuchen es mit Zauber- und anderen Kunststücken, einem patscherten Breakdance, einer aufgrund des Protagonisten Gewichts zu Boden gewalzten Slackline, dem Verschwindenlassen einer leeren Bierdose – fünf Arbeitslose auf der Donaukanalbrücke. Die haben sie zugemüllt mit den Requisiten, mit denen sie ihre Tricks aufführen. Ein Leben am Rand einer städtischen Wohlfühlzone, ein Leben am Rande von Werktätigkeit. Oder eine neue Art von …

Eine Blechbüchse geht herum, spärlich fallen Münzen hinein, das Publikum im Volx/Margareten weiß nicht recht, was tun. Zum Glück entkrampft das gemeinsame Lachen. So beginnt Christine Eders Inszenierung von Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ für das Volkstheater in den Bezirken.

1936 hat Soyfer sein linkes Volksstück voll Kampfgeist, Witz und Poesie verfasst. Als Mittelstück für die „Literatur am Naschmarkt“, politische Kritik umrahmt von Kabarett. 350.000 Arbeitslose gab es damals in Österreich, heute sind es 7,9 Prozent bei verschobener Sachlage. Schrieb Soyfer, als Kommunist und Jude bald doppelter „Volksschädling“, schrieb der Schöpfer des Dachau-Liedes, der sich im KZ mit Typhus ansteckte und 1939 mit nur 26 Jahren starb, noch gegen eine Automatisierung an, die die Menschen brotlos machte, hat nun die Digitalisierung bereits das Ende einer Arbeitsgesellschaft eingeleitet. Wenige werden überbleiben, die sich „was leisten“ können, die Politik ist darob ideen- und konzeptlos.

Unterwegs auf der Suche nach den Schuldigen: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit dem Auto zurück in die Zukunft: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies der moderne Rahmen, den Eder Soyfers didaktischem Zaubermärchen gibt: Eine der Figuren liest zwischendurch immer wieder aus dem „Manifest der Glücklichen Arbeitslosen“. Sätze fallen wie „Arbeit verhöhnt die Freiheit!“, „Arbeit ist Massenmord oder Genozid!“ (Zitat Bob Black) und natürlich „Arbeiter aller Länder entspannt euch!“.

Unter diesem theoretischen Überbau darf sich aber herzhaft amüsiert werden. Eder hat einen wunderbaren Wanderzirkus für die Bezirke erschaffen, sie zeigt Theater wie aus dem Koffer, mit einem fabelhaften Thomas Frank als Zirkusdirektor. Die Ruderleiberlrolle des Lechner Edi ist eine mehr, die ihm wie auf den Leib geschneidert ist; wechselnd zwischen aufrechter Wut und komischer Verzweiflung legt Tausendsassa Frank dessen naive Weltsicht mit entwaffnender Logik dar.

Weil also der Fortschritt an allem schuld ist, muss dieser aufgehalten werden. Gemeinsam mit seiner Geliebten Fritzi (Evi Kehrstephan) und „Petersens elektrischem patentierten Industriemotor“, kurz Pepi (Christoph Theussl), macht sich der Edi auf den Weg in die Vergangenheit.

Einst waren er und Pepi, der aggressiv-bullige Proletarier gegen den schlanken Motor, Konkurrenten um den Arbeitsplatz, jetzt steht auch die Maschine auf der Straße, abgebaut, weil sich die von ihr produzierte Ware niemand mehr leisten kann. Und so reist man von Galvani zu Galilei, von Columbus zu Gutenberg (alle: Adrian Hildebrandt), singt dazu statt dem „Wanderlied der Zeit“ Udo Jürgens „Tausend Jahre sind ein Tag“, doch von Erfinder zu Entdecker lässt sich feststellen, keiner von ihnen ist verantwortlich.

Bis das Trio endlich vor den Pforten des Paradieses landet. Wo Edi beschieden wird, dass der Mensch selbst seine Entscheidung von „Ja oder Nein“ treffe und nichts eine Zwangsläufigkeit sei, dass Geschichte von der Masse gemacht wird und von ihr zu gestalten ist. Dies Soyfers marxistisches Credo.

Das Ensemble agiert mit großer Spielfreude. Mit viel Humor turnt es über die Bühne und durch das Soyfer’sche Pathos, die teils gereimten Textstellen werden wie Kalendersprüche aufgesagt. Auch das lockert den Abend. Ein Tuch wird zum Segel der Santa Maria, zack aufgezogen, zack weggeräumt, Thomas Buttewegs Beine werden zu zuckenden Froschschenkeln, Pappkartons zu Roboterbauteilen oder zum Auto. Gutenberg schließlich wird mit heutigen Druckerzeugnissen zur Räson gebracht, angesichts derer schmilzt er sogar seine Lettern ein.

Im Hintergrund laufen derweil auf einer Scheibe – denn wäre die Erde nur eine solche geblieben! – Bilder von Arbeitswelten anno dazumal und künstlichen Intelligenzen samt Knight Rider, Terminator und den neuesten Humanoiden wie dem „Atlas“.

Die drei von der Donaukanalbrücke: Evi Kehrstephan, Christoph Theussl, Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Neben Evi Kehrstephan als resoluter Pepi und Manifest-Vorleserin brillieren Christoph Theussl als pragmatischer Pepi und Adrian Hildebrandt als toter Freund Toni und als mal abgeklärter, mal aufgeklärter Forscher. Ein feiner fünfter Mann ist Thomas Butteweg, der nicht nur den blinden Andraschek gibt, sondern auch Matrosen, Wachhunde und Inquisitoren – und auf Wassergläsern wunderbare Musik macht.

In den 1980er-Jahren gab es in Wien am Spittelberg ein „Jura Soyfer Theater“, nach dessen Ende war es auf den heimischen Bühnen lange still um den bedeutenden politischen Autor. Ein Theatermacher, vor einiger Zeit darauf angesprochen, meinte, Soyfer sei nicht mehr zeitgemäß, seine vor Feierlichkeit und Inbrunst glühenden Stücke seien einem jetzigen Publikum nicht mehr vorzusetzen. Christine Eders Aufführung beweist mit Verve das Gegenteil. Alles ist möglich, wenn man die richtigen Einfälle hat.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2017

Viennale 2017: Licht

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen heißt nicht mehr gesehen zu werden

Interessierte an Mesmers Methode beobachten Resis Therapie: Christian Strasser, Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Die Augen bewegen sich unstet hin und her, der Blick ins Leere, unmöglich, sie unter Kontrolle zu halten, ebenso wie die Gesichtszüge, die entgleisenden, die mal Hochgefühl bis zur Ekstase, mal den in der Musik empfundenen Schmerz ausdrücken. Maria Theresia Paradis spielt Klavier. Und die Wiener feine Gesellschaft ums Jahr 1770 findet das „magnifique!“, „extraordinaire!“, kurios, diese Kuriosität, die ihnen da vorgeführt wird wie eine Jahrmarktsattraktion.

Andere, tuschelt’s hinter vorgehaltener Hand, beherrschten die schwarzweißen Tasten zwar besser, aber: Die sind nicht blind! Barbara Albert hat Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ verfilmt. „Licht“ heißt ihre Produktion, die bereits mit großem Erfolg bei der Viennale lief, und am 10. November in die Kinos kommt. Die Autorenfilmerin, erstmals in Zusammenarbeit mit einer Drehbuchautorin, Kathrin Resetarits, erzählt darin die Geschichte des real existiert habenden blinden Wunderkindes Resi Paradis zu Zeiten Maria Theresias. Die Kaiserin, die dieses Talent sogar mit einer Gnadenpension bedachte. Die Berühmtheit dank Begabung samt Beeinträchtigung.

Der Motor hinter Resis bestaunten Auftritten sind die Eltern. Von Ehrgeiz zerfressen, bemüht, aus dem familiären Unglück wenigstens was rauszuholen, der Vater (fabelhaft: Lukas Miko) ein ewig Unzufriedener, die Mutter (Katja Kolm enervierend gut als „Eislaufmutti“) rüscht derweil Resi mit überbordender Pracht auf. „Sie tanzt sogar“, führt sie ihre Tochter einem Beäuger zu. Dieses Wesen, dem man fast schon die Würde genommen hat. Das auf seine Selbstständigkeit verzichtet hat. In jeder Beziehung. Verzichten musste.

Die Mutter gibt Anweisungen für die Klaviervorführung vor höchsten Kreisen: Katja Kolm und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

In Mesmers Haus: Resi (Maria Dragus) in ihrem Element. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Ins Leben der Paradis‘ tritt Franz Anton Mesmer, Wunderheiler. „Animalischen Magnetismus“ nannte er selbst seine Methode, heute würde man vielleicht Energetiker sagen. Jedenfalls ist er gerade sehr im Schwange, will ehrlich helfen – und bei Erfolg bei Hof Fuß fassen. Er nimmt die Resi, der Behandlungen bisher nur versengte Kopfhaut und Haarausfall eingebracht hatten, unter seine Fittiche, er befreit von Perücke und – dies natürlich das Bild – vom Korsett. Und siehe da: unter Mutters Tand und Vaters Tadel und der Gesellschaft Tralala – ein Mensch …

Den die junge Schauspielerin Maria Dragus exzellent darstellt. Ihre Körpersprache und ihr Mienenspiel geben dem Film maßgeblich die Form. Allein, wie sie konzentriert das „Nicht-Sehen“ durchhält, ist große Kunst. Allmählich kommt neues Selbstbewusstsein durch neue Einflüsse. Im Haushalt der Mesmers erfährt Resi nämlich erstmals so etwas wie persönliche Freiheit. Dragus wandelt das Mädchen Resi zur jungen Frau, die anderen werden ihr jetzt vieles infrage stellendes Verhalten aber nur „störrischer“ finden.

Mesmer setzt tatsächlich einen Heilungsprozess in Gang. Devid Striesow brilliert als vielschichtiger Charakter, ein Mann von Einfühlungsvermögen und großer Mitmenschlichkeit, der trotzdem seine eigenen hochfliegenden Ziele verfolgt. In seinen „Séancen“, in denen er Resi samt seinen Praktiken den Wichtigen von Wien vorführt, sind um nichts weniger ein Begaffen als bei ihrem Klavierspiel. Als sie erste Schemen erkennt und Gegenstände im Wortsinn begreift, heißt es „Wie eine Amerikanerin aus dem kanadischen Urwald!“ und „Ganz unverbildet!“. Und Mesmer, der nach offizieller Anerkennung ringt, lässt es zu. Am Ende wird er mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt werden, doch das erzählt der Film nicht mehr.

Sondern vielmehr von zwei Versuchen, sich selbst zu befreien, der Visionär vor der Borniertheit der Schulmediziner (immerhin billigt ihm der Kaiserin Leibarzt Anton von Störck sehr goethe’isch zu, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als sich mit unseren Mikroskopen fassen lässt“), die Blinde aus der Geiselhaft des Elternhauses und der Absurdität ihres dortigen Daseins. Zweiteres wird gelingen, wenn auch anders als gedacht, der Freigeist Mesmer wird auch aus Resi einen gemacht haben, sie wird eine Entscheidung treffen zwischen Klavier und Augenlicht. Je mehr sie wahrnimmt, umso kläglicher wird ihr Spiel.

Eine öffentliche Demonstration von Resis Heilung: Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit dem Verlust der Blindheit ginge aber auch die gesellschaftliche Sonderstellung samt Gnadenpension verloren. Es hieße sehen, um nicht mehr gesehen zu werden, dieser Konflikt die einzig wesentliche Dramatik im Film. Und Vaters Satz „Alles ist besser als das da“, mit Fingerzeig auf sein Kind, wandelt sich in ein „Wenn sie nichts kann, zählt sie nichts“ …

Die Schattenseiten des neuen Lichts haben Albert und Resetarits und Kamerafrau Christine A. Maier in vielerlei Facetten gestaltet. Mittels Lochoptik erzeugt Maier impressionistische Bilder, die Resis erste Sehversuche illustrieren. Dazu ein immer wieder sehnsüchtiger Nicht-Blick in den blauen Himmel über Baumwipfeln. Resis Welt ist im Wesentlichen dunkel, eine Augenbinde gibt sogar Sicherheit, als Kontrast der beinah schon grotesk-bunte Rokoko-Putz von Kostümen und Kulisse.

Doch nicht nur das Wiener Bürgertum des 18. Jahrhunderts wird in „Licht“ ausgestellt, sondern auch jenseits jedes Historienkitsches die Unsichtbaren der Zeit. Als Gegensatz zur Mesmer’schen Therapiegruppe aus psychisch Angeschlagenen und überspannten Hysterikern, die Dienstboten im Haushalt, angeführt von Stefanie Reinsperger als Küchenmagd und gewürzt mit Cameoauftritten wie dem vom Nino aus Wien als Stallbursche. Die Klassen sind klar getrennt, doch auch Resis Kammerzofe Agi, sie spielt die wunderbare Nachwuchshoffnung Maresi Riegner, träumt von einer helleren Zukunft. Dass die beiden jungen Frauen sich anfreunden können, zeigt, dass Resi aufgrund ihrer sie von der Welt fernhaltenden Blindheit die Unterschiede zwischen „oben“ und „unten“ gar nicht wahrnimmt. Dass für die unten Tod und Vertreibung näher ist, als für die oben, wird der Film aber noch drastisch zeigen.

Barbara Albert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26995

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  1. 11. 2017

Viennale 2017: Barbara Albert im Gespräch über „Licht“

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Blindheit, die in die Freiheit führt

Resi hat Sehnsucht nach der Sonne über den Baumwipfeln: Maria Dragus (M.) mit Lukas Miko, Katja Kolm, Maresi Riegner und Susanne Wuest. Bild: © Chistian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit ihrem  neuen Spielfilm „Licht“ erzählt die österreichische Filmemacherin Barbara Albert eine Parabel über die Macht der Musik. Aufwendig inszeniert und mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt das Historiendrama die Suche nach der eigenen Identität zwischen Lichtblicken und Schattenseiten, zwischen Schein und Sein, zwischen Sehen und Gesehen werden. Der Inhalt: Wien 1777. Die blinde, 18-jährige Maria Theresia Paradis ist als Klavier-Wunderkind in den besten Kreisen beliebt.

Nach zahllosen medizinischen Fehlbehandlungen wird sie von ihren ehrgeizigen Eltern dem wegen seiner neuartigen Methoden umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer anvertraut. In dessen von der Aufklärung durchtränkten Haus und dank Mesmers offener Art, beginnt Resi zum ersten Mal in ihrem Leben Freiheit zu spüren. Doch dann merkt sie, dass ihr Klavierspiel schlechter wird … Bei der Viennale wurde „Licht“ bereits heftig akklamiert, ab 10. November läuft er in den Kinos. Es spielen unter anderem Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko, Katja Kolm und Maresi Riegner. Regisseurin Barbara Albert im Gespräch:

MM: Sie sind auf die Geschichte der Maria Theresia Paradis über den Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ von Alissa Walser gestoßen. Haben Sie auch historische Quellen durchforstet?

Barbara Albert: Absolut, besonders intensiv hat Drehbuchautorin Kathrin Resetarits recherchiert. Sie hat sich in die Sache vertieft, hat zum Beispiel alle Briefe von Vater Paradis und von Franz Anton Mesmer gelesen; die Paradis selbst hat nichts über diese Zeit bei Mesmer geschrieben – oder es ist verschollen. Ich habe dann noch mit dem Historiker Martin Scheutz das Drehbuch abgeklopft, damit alles so authentisch wie möglich ist. Ich habe bei der Arbeit jedenfalls sehr viel über ein Frauenleben im 18. Jahrhundert erfahren. Maria Theresia Paradis konnte diese Karriere ja nur machen, weil sie ein Wunderkind war, und aus der Masse herausragte. Sie musste als Blinde keine Ehe eingehen, weil sie auf dem Heiratsmarkt ohnedies nichts wert war, und hat dadurch keinem Mann gehört. Durch die Gnadenpension der Kaiserin war sie außerdem finanziell unabhängig. So wie sie in späteren Jahren autonom gelebt hat, das war wenigen Frauen vergönnt. So bitter das ist, hat ihr ihre Blindheit Freiheit in einem sehr restriktiven System verschafft. Im Film will sie natürlich alles – sehen können, frei sein und ihre Musik haben.

MM: Ist die Figur Resi Paradis nun mehr Fakt oder Fiktion?

Albert: Das ist tatsächlich schwierig zu beantworten, weil man auch über die Quellen nicht ganz nah an die Paradis herankommt. Deshalb steckt auch viel vom Roman in der Filmfigur. Alissa Walser zeichnet sie als extrem ambivalenten Charakter, die auch aus der Haut fährt, weil sie das Eingesperrtsein in ihrem gesellschaftlichen Korsett nicht mehr aushält, und sich in ihrer Blindheit hilflos fühlt. Im Buch ist sie manchmal garstig und wütend, und obwohl sie das im Film nicht so sehr ist, war das auch mir sehr wichtig, dass sie als Frau kein leidendes Opfer ist, sondern aktiv und stark bei diesen Bemühungen um Heilung dabei.

MM: Man kennt Sie als Autorenfilmerin, nun haben Sie erstmals mit einer Drehbuchautorin zusammengearbeitet. Wie war das für Sie, Teile der Arbeit aus der Hand zu geben?

Albert: Ab jetzt habe ich Lust, mehr mit Autorinnen und Autoren zu arbeiten! Für mich war das eine sehr intensive und gute Erfahrung. Ich konnte mich mehr auf die Regiearbeit, auf die Erarbeitung der Bilder mit der Kamerafrau, auf die Proben mit den Schauspielern konzentrieren. Natürlich musste ich mir das Buch zu eigen machen, musste aus Kostengründen auch zwei, drei Szenen streichen, aber ich konnte beim Lesen sozusagen schon Schneiden, schon in Bildern denken. Bei den anderen Projekten habe ich später mit dem filmischen Denken begonnen, weil ich mit dem Kopf noch beim Schreibprozess war.

MM: Warum interessiert einen heute das Schicksal der Paradis? Was hat uns das noch zu sagen? Hat ihre Geschichte indirekt mit dem jetzigen Selbstoptimierungswahn zu tun? Ihr Vater sagt ja über ihr Klaviertalent: Wenn sie nichts kann, ist sie nichts wert.

Albert: Selbstoptimierungswahn ist ein gutes Stichwort. In den sozialen Netzwerken ist das sehr relevant, und junge Menschen – heute sind nicht nur die jungen Frauen, sondern auch junge Männer betroffen – sind derzeit in einem extremen Korsett, weil ihnen nicht nur gesagt wird, wie sie auszusehen und sich anzuziehen haben, sondern sie auch ständig beweisen müssen, wie „besonders“ sie sind. Jeder muss ein Star sein und im Wortsinn die perfekte Oberfläche präsentieren. Deshalb posten sie ihre Selfies, um öffentlich zu zeigen, welch ein tolles, aufregendes Leben sie haben. Das ist ein Spagat, wie ihn auch die Paradis machen musste: einerseits angepasst, andererseits außergewöhnlich zu sein. Es gibt aber auch andere Themen im Film, die heute relevant sind: die Aufklärung, das Ringen der Frauen um Gleichberechtigung … Ich bin immer schon historisch interessiert gewesen, weil Geschichte erklärt, warum wir heute sind, wie wir sind. Und da komme ich natürlich auf den Obrigkeitswahn, die Kaiserin, der Hof, die Autorität, das war im 18. Jahrhundert ganz wichtig – und auch das hat sich bis heute wenig geändert.

Barbara Albert. Bild: coop99

MM: Bei dem Thema bin ich beim Heiler Franz Anton Mesmer, den Devid Striesow so vielschichtig verkörpert, auch er prinzipiell sympathisch, aber auch er eine ambivalente Figur.

Albert: Devid Striesow hat die Gabe, die Dinge auf den Punkt zu spielen. Er hat als wichtigste Nebenrolle neben Maria Dragus als Maria Theresia Paradis gar nicht so viele Szenen, um diesen Mesmer zum Schillern zu bringen. Das ist ihm, finde ich, wunderbar gelungen. Wir haben im Vorfeld viel über Eitelkeit gesprochen, über Ehrgeiz, denn Mesmer möchte so gerne in der Wiener Gesellschaft und am Hof akzeptiert werden, aber er ist und bleibt ein Außenseiter vom Bodensee. Mir war wichtig, Mesmers Geltungsdrang zu zeigen, ihn aber trotzdem nicht zu einem unangenehmen Menschen zu machen, weil ich überzeugt bin, dass er das nicht war. Ich bin sicher, dass er eine Verbindung zur Resi aufgebaut hat, er war ja auch sehr musikalisch. Er hat sich sicher mit ihr verwandt gefühlt, und war ihrer Besonderheit auf der Spur.

MM: Und er hat ja tatsächlich Menschen mit seinen Händen geheilt.

Albert: Ja. Ich glaube, er konnte Menschen beruhigen, indem er sie anfasste. Er hat sie aus dem System, das sie krankgemacht hat, herausgenommen. Im Film sieht man ja, dass die Mehrzahl seiner Patienten psychische Leiden hatte, und denen hat das sicher gutgetan, frei in Mesmers Haus leben zu können. Er hat beispielsweise den Frauen die Mieder ausgezogen …

MM: … und ihnen die Perücken abgenommen.

Albert: Das muss man sich vorstellen: Sogar Maria Dragus hat manchmal von der ganz hohen und dementsprechend schweren Perücke, die sie beim Dreh trug, Kopfschmerzen bekommen. Nun denke man, man hat das den ganzen Tag auf … Vor allem aber hat Mesmer die Menschen berührt, er hat eine Art – würde man heute sagen – Energiearbeit wie Reiki gemacht, das war damals nicht üblich. Heute wissen wir, dass Hände heilen. An einer Stelle sagt der Hofarzt Anton von Störck dazu: „Es muss zwischen Himmel und Erde mehr geben, als wir mit unseren Mikroskopen sehen können.“ Den Satz finde ich schön. Nur: Mesmer konnte sich nie erklären, seine Erfolge nie beweisen, deswegen hat man sie ihm dann auch abgesprochen. Er wurde mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt.

MM: Es gibt ein Zitat im Film, das heißt „Mit Licht ist nicht zu spaßen“. Das erfährt auch die zweite „Schattenseite“ im Film, die Dienerschaft.

Albert: Die zu zeigen, war Kathrin Resetarits sehr wichtig. Sie wollte ein gesamtes Gesellschaftspanorama beleuchten, auch die Seite, die nicht gesehen wurde, weil sie, wie Sie sagen, eben im Schatten lebte. Maresi Riegner als Resis Kammerzofe Agnes ist wie ein zweiter Gegenpol zur Figur der Paradis. Agi, in ihrer Naivität, wertet nicht, und Resi auch nicht, diese Regel hat sie durch ihre Blindheit nicht gelernt. Also begegnen sich die Mädchen wie Kinder auf dem Spielplatz, die auch die Hautfarbe eines anderen nicht als anders sehen, bevor sie die Erwachsenen nicht drauf stoßen. Natürlich bleibt die Agi am Schluss auf der Strecke und muss das Haus verlassen, aber sie geht mit Stolz, weil auch sie sich nicht in die Opferrolle drängen lässt.

MM: „Licht“ ist ein Film über Frauen von Frauen. Christine A. Maier hat die Kamera geführt – und hat dabei mit „Licht“ gespielt. Was haben Sie beide sich dazu überlegt? Lassen Sie uns über Ästhetik reden. Ich hatte das Gefühl, Sie wollten immer natürliches Licht zeigen.

Albert: Das natürlich gesetzte Licht trifft Christines und meinen Geschmack. Ich wollte mit allem, Kostüm, Ausstattung, Licht, das Gefühl vermitteln, wir sind in der Zeit, im 18. Jahrhundert. Die schwierige Aufgabe war, Resi eine Subjektive zu geben. Wir haben uns gegen Effektlinsen entschieden, weil uns das zu künstlich war, und dann hatte Christine diese tolle Idee der Lochoptik, die diese unscharfen, impressionistischen Bilder macht. Das sollte aussehen, wie die allerersten Fotografien, das erste Festhalten von Bildern. Man hat das Gefühl von etwas Traumhaften, von einer Vorstellung vom Sehen, von einer Erinnerung. Wir wollten nicht definieren, ob Resi so sieht oder es sich einbildet, deshalb sind die Bilder vage Schemen. Ich hoffe, das löst Assoziationsketten aus.

Resis Eltern beobachten Mesmers Behandlungsmethoden: Katja Kolm, Devid Striesow, Maria Dragus und Lukas Miko. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Resi und ihre Kammerzofe Agi: Maria Dragus und Maresi Riegner. Bild: © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

MM: Und dann immer der sehnsüchtige Kamerablick, der Schwenk in die Baumwipfel und den blauen Himmel?

Albert: Ja. Die Sehnsucht ist immer ein Motiv in meinen Filmen. Schön, dass Sie das da wiederentdeckt haben. Was mir in punkto Sehen auch wichtig war: Zu Beginn des Films sind wir wie die Voyeure. Wir sitzen wie die Abendgesellschaft, vor der die Resi Klavier spielt, und „gaffen“ sie an. Wie eine Jahrmarktsattraktion, als die sie von ihren Eltern ja auch vorgeführt wird. Die Nähe der Kamera soll beim Betrachten unangenehm sein. Dann wechselt die Perspektive in die Resis, man sieht wie sie, wie sie nahe am Objekte herangeht, um sie zu begreifen. Im Wortsinn, weil Tasten anfangs für sie sehr wichtig ist.

MM: Das heißt, wir wechseln von der Außensicht auf Resi zu ihrer Sicht auf sich selber?

Albert: Genau so wollte ich das. Das Tasten ist für mich etwas sehr Wichtiges, weil Film für mich etwas Haptisches ist, und das wollte ich durch die nahen Einstellungen spürbar machen. Ich hatte auch Freude daran, meinen Blick auf den ersten Blick zurückzubringen. So wie Resi sich lange zum ersten Mal ihre Hand anschaut, „wie ein Neugeborenes“, sagt Mesmer. Die Reduktion auf diese Einfachheit im Blick hat mir in unserer Bilderflut-Welt gefallen.

MM: Nun haben wir so viel über Resi gesprochen, nun endlich zu ihrer Darstellerin, der fulminanten Maria Dragus. Welch ein Kraftaufwand ist diese Rolle!

Albert: Sie selber sagt, es war nicht so anstrengend. Sie hatte keine Augenschmerzen durch das Schielen. Wir haben das auch von einem Arzt abklären lassen, ob das alles geht und ob wir das dürfen. Maria hat sich auf die Rolle eingelassen, sie war extrem mutig. Sie hat geübt, nicht zu schauen, sie hat ihre Augen höchst kontrolliert bewegt, aber aussehen sollte es ja, als ob nicht, sie hat auch geübt, die Kontrolle über ihre Mimik zu verlieren. Sie ist eine wahnsinnig tolle Schauspielerin, extrem professionell und konzentriert für ihr Alter von Anfang Zwanzig. Sie hat Routine, kann sich aber total öffnen und intuitiv sein. Und: Sie ist sehr musikalisch. Sie hat sich das Wienerische sehr schnell angeeignet, unsere Sprachmelodie, das hatte sie gleich gelernt.

MM: Hat sie auch selber Klavier gespielt?

Albert: Das nicht, aber sie hat gewusst, wo die Tasten auf dem Klavier liegen. (Sie lacht.)

MM: Die Musikstücke, die gespielt werden, sind von der Paradis?

Albert: Das letzte, obwohl sie es in Wahrheit mit 60 komponiert hat. Man merkt auch, wie erwachsen das Stück ist. Wir haben’s unserer Resi in die Tasten gelegt, obwohl sie es erst als ältere Frau geschrieben hat, aber es steht für mich so für ihre Emanzipation, für ihren weiteren Werdegang, dass ich es unbedingt im Film haben wollte.

MM: Wie ging es mit Maria Theresia Paradis weiter?

Albert: Sie hat mit ihrer Mutter und später mit dem Geiger Johann Riedinger, den man wahrscheinlich als ihren Lebensgefährten bezeichnen darf, Europa bereist und Konzerte gegeben. Später hat sie in Wien eine Musikschule für blinde Mädchen gegründet, in der sie auch unterrichtet hat. Sie hat sehr viel Korrespondenz mit den Größen ihrer Zeit geführt, hat eine Notenschrift für Blinde erfunden und bedeutende Salons gegeben. Ich hoffe also, unser Film wird eine Wiederentdeckung dieser großartigen Frau.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053

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28. 10. 2017

Otto Schenk in „Liebe möglicherweise“

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die vielfältigen Verirrungen des Herzens

Otto Schenk. Bild: © WEGA-Film

Otto Schenk mit Norman Hacker. Bild: © WEGA-Film

Eine Handvoll Großstadtgesichter beobachtet Regisseur Michael Kreihsl in seinem jüngsten Film, der am 2. Dezember in den heimischen Kinos anläuft. Das Ensemble ist erlesen, reicht von Otto Schenk und Gerti Drassl bis Christine Ostermayer und Devid Striesow, ihre Geschichten greifen ineinander, erzählen vom Wollen und Nichtkönnen oder längst Aufgegeben haben.

„Liebe möglicherweise“, man weiß es nicht, und bevor man sich eine Antwort zurecht zimmern kann, kommt Kreihsl zu einem Ende. Das ist weder happy noch besonders unhappy. Es ist einfach. So wie das Leben. Stolpern, aufstehen, wieder stolpern, behutsamer aufstehen. Behutsam ist auch die Art, in der Kreihsl seine Protagonisten porträtiert, wie auf Zehenspitzen folgt er ihren Geschichten. Ein zarter, stiller, anrührender Film ist so entstanden, in Episoden erzählt er vom Bedürfnis des Menschen nach Nähe, von der Sehnsucht nach einem Sich-Fallenlassen-Können, von Liebe, die immer auch Selbst-/Verletzung ist – und dies alles durch alle Altersstufen.

Es beginnt mit Devid Striesow als Michael, der sich in die Freundin seines Freundes Roland, gespielt von Norman Hacker, verliebt. Sie beginnen eine Affäre, bei der sie es schafft, sich auf das Körperliche zu konzentrieren. Die Distanz, unter der der Mann hier leidet, macht andernorts seiner Ehefrau zu schaffen. Silke Bodenbender spielt diese Monika, eine Ärztin, auf deren Operationstisch ein Bub landet, der vor ein Auto gelaufen ist. Dessen verzweifelte Mutter im Wartesaal, Gerti Drassl wie immer ganz großartig, wird von einem Fremden getröstet – und man wird noch erfahren, warum der sich so um sie annimmt. Indes sieht man Michael, der seine alte Tante in einer geriatrischen Einrichtung besucht, nichts wünscht sich die mehr, als bei ihrer Familie sein zu können, doch der Wunsch wird ihr als „zu umständlich“ verwehrt. Rolands Vater wiederum lebt noch in seiner Wohnung. Das heißt, seit dem Tod seiner Frau versucht er immer wieder erfolglos, sich das Leben zu nehmen, bis …

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Es sind Christine Ostermayer und Otto Schenk, die in diesen Rollen am meisten unter die Haut gehen. Als eine Generation, die der nächsten abverlangt, woran sie selber gescheitert ist. Kreihls berichtet schonungslos authentisch vom Analphabetismus der Gefühle. Wie ein Wissenschaftler die Petrischale umkreist Kreihsl sein Thema. Sein in großer Wahrhaftigkeit verfasstes Drehbuch und die unverstellte Darstellung seines Ensembles lassen dem Zuschauer Raum sich den Figuren zu nähern und sich in dem einen oder anderen vielleicht sogar selbst zu finden. Ein durchaus schmerzhafter Prozess, der durchaus sehr gewollt erscheint. Aufs Glück warten, ist wie auf den Tod warten, sagt eine der Figuren. Daraus sollte man Schlüsse ziehen. Um sich daran hochzuziehen, wenn’s irgendwann heißt: Liebe möglicherweise?

liebemoeglicherweise.at

Wien, 29. 11. 2016

Zelinzki: Das neue Bandprojekt mit Beatrix Neundlinger

November 23, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Konzert als Reise „Zwischen Wut und Übermut“

Die Band Zelinzki präsentiert ihre erste CD mit einem multimedialen Konzertabend. Bild: Oswald Wintersteller

Die Band Zelinzki mit Beatrix Neundlinger (re.) präsentiert ihre erste CD „Die Weltformel“ mit zwei multimedialen Konzertabenden. Bild: Oswald Wintersteller

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger untersuchen mit ihrem neuen Band-Projekt “Zelinzki” die aktuellen Befindlichkeiten der Österreicher in Zeiten der  zweiten allgemeinen Verunsicherung. Ihre musikalischen Aufmucker gibt es unter dem Titel „Die Weltformel“ bereits auf CD.

Nun folgt deren Präsentation in Form eines multimedialen Konzerts am 26. November im Wiener Theater Akzent und am 30. November in der Argekultur Salzburg. Mit diesem Abend laden die Musiker zu einer Reise „Zwischen Wut und Übermut“, zu einem Musikvarieté, das „den Aufhetzern Einhalt gebieten, den Feiglingen Mut machen und die Träumer aufwecken“ soll. Dazu ist der Band so ziemlich jedes musikalische Mittel Recht, von Liebeslieder über Muntermacher zu Hymnen. Den raschen, oft überraschenden Wechsel der Gefühle und Musikrichtungen kann sich die Band locker leisten. Die Musiker überspringen mit professioneller Leichtigkeit jeden Grenzzaun der Genres. Und wenn es sein muss, wird er auch eingerissen oder einfach überrannt.

Zelinzki war selbst ein Flüchtender. Ein Asylsuchender. Ein Heimatloser. „Zelinzki“ trägt seine Ideen weiter. Macht Musik aus seinen Geschichten. Und aus den Geschichten seiner Freunde.

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Eine Reise "Zwiscen Wut und Übermut". Bild: Anna Reisinger

Keine Zeit für Koffer: Eine Reise „Zwischen Wut und Übermut“. Bild: Anna Reisinger

Die Texte sind von Heinz Rudolf Unger, von ihm auch „Die Weltformel“, von Else Lasker-Schüler, Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht oder H. C. Artmann. Im Unger-Blues „Weckt Nicht Den Kleinen“ erlarvt sich das vermeintliche Kind als „der Faschist in mir“, der die Türen verrammelt und auf den baldigen Bau einer Mauer hofft. „Erinnerungen“ von Bert Brecht klingt, als hätte Wolf Biermann Pate gestanden; der Text ist auf der CD-Hülle abgedruckt: „Wenn ich es denken könnte, wüsste ich es bereits, doch könnte es dir nicht erklären. Denn wenn du es denken könntest, dann wüsstest du es bereits und müsstest nicht auf mich hören …“  In „Wia Geds Da Denn“ nach der Nöstlinger wiederum wird von einer Generation erzählt, die nicht gelernt hat, eine Meinung haben zu dürfen, die lieber „stad“ ist als sich Gedanken zu machen über Politik und die Welt.

Und sofort hat man beim Zuhören wieder Schmetterlinge im Bauch, der Politrock der 1970er-Jahre und sein Protestsongpotential sind noch lang nicht ausgeschöpft. Man hört es der Formation an, dass es immer noch und schon wieder Arenen zu besetzen und zurückzuerobern gibt. So ist die CD ein Schlachtruf für alte Mitstreiter – und eine Empfehlung für neue, die dazukommen wollen.

www.zelinski.at

Wien, 23. 11. 2016