Theater zum Fürchten: Tartuffe

April 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Betrüger hat am Schluss das Sagen

Tartuffe manipuliert Orgon: Alexander Rossi und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Dass gerade jenen, denen die Augen geöffnet sind, darob der Mund verboten wird, ist wohl die Quintessenz von Marcus Gansers „Tartuffe“-Inszenierung, die das Theater zum Fürchten nun in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, zeigt. Bei Ganser nämlich hat der Betrüger am Schluss das Sagen. Gemächlich schlendert er durch die Sitzreihen und verklebt einem nach dem anderen Mitglied der Familie Pernelle die Lippen mit schwarzem Band. Dass diese Reihen aus Theaterklappsesseln bestehen, scheint des Regisseurs – Ganser hat wie stets auch das Bühnenbild erdacht – irr witziger Kommentar zur (Kultur-)politik zur Zeit zu sein.

Sein „Tartuffe“ ist ein satirisches Spiegelbild der gesellschaftlichen Vorgänge dieser Tage. Da mag man sich selber beim Schopf nehmen und die eigenen Handlungen hinterfragen, oder auch die Worte statt Taten, auf die man schon hereingefallen ist, die Manöver und die Manipulationen, und „Honi soit …“, wer sich was dabei denkt, dass Orgon hier eine rote und Tartuffe eine türkisblaue Krawatte trägt. Dass Moliéres meisterliche Komödie für derlei Zuspitzungen mehr als geeignet ist, ist ja bewiesene Tatsache.

Ihr Schöpfer selbst wähnte sich zu Recht nach dem Verbot der ersten beiden Fassungen von gewieften Politikern verfolgt, ist sein Tartuffe doch eine messerscharfe Abrechnung mit der damals einflussreichen „Partei der Frommen“. Und les dévots – „die Heuchler haben keinen Spaß verstanden“. In Gansers Bearbeitung nun schillert der „Tartuffe“ in einer tadellosen Versfassung, die die Künstlichkeit, die Verlogenheit des Gesagten noch hervorhebt. Das TzF-Ensemble agiert mit der bekannten Brillanz, allen voran Georg Kusztrich als Orgon, der es schafft, in die Komödiantik die Charakterstudie eines Verblendeten zu packen, der dem bigotten Blender aufsitzt und verfallen ist. In seinen besten hat Kusztrich Louis-de-Funès-Momente. Alexander Rossi spielt als Tartuffe ganz das Unschuldslamm, so schön kann Scheinheiligkeit sein, wenn einer in der Unterhose als armer Sünder dasteht, bevor er sich mit Verve zwischen die Schenkel von Orgons Gemahlin wirft.

Mit Ehefrau Elmire kommt es beinah zum Äußersten: Alexander Rossi, Georg Kusztrich und Eszter Hollósi. Bild: Bettina Frenzel

Der Haus-Staat staunt ob so viel Unverfrorenheit: Eszter Hollósi, Margot Ganser-Skofic, Christina Saginth und Glenna Weber. Bild: Bettina Frenzel

Ganser setzt auf Tempo und Slapstick, lässt seine Darsteller über die Stühle und einen Laufsteg turnen; nur eindreiviertel Stunden dauert seine Version der Farce, und jede Minute davon geht es dabei zur Sache. Hier wird laut und schrill agiert, gesoffen und gekokst und Thomas Marchart darf als stürmischer Valère sogar mit dem Motorrad auf die Bühne fahren. Orgons Kinder gestalten Glenna Weber und Sebastian von Malfér ganz köstlich. Eszter Hollósi hat als Elmire in der Verführungsszene die Lacher auf ihrer Seite, Anselm Lipgens ist ein überlegter, überlegener Cleant.

Herausragen können da nur die wunderbare Margot Ganser-Skofic, die als Madame Pernelle zwei großartige Auftritte hat, in denen sie erst mit dem gesamten Haus-Staat abrechnet, bevor auch sie einsehen muss, dass der „Gottgesandte“ nichts als ein böser Demagoge ist, und Christina Saginth, die sich als vorlaute, freche Dorine als Spielmacherin entpuppt. Wie bei Moliére vorgesehen, gibt es am Ende einen Problemlöser ex machina, der freilich kein König mehr sein kann. Ganser hat diese Macht in die Hände des Journalismus gelegt: Christoph Prückner – dem auch als Flipote und Loyal zwei Kabinettstückchen gelingen – berichtet vor der Kamera von Tartuffes Verhaftung.

Doch das Abgeführtwerden in Handschellen dauert nur einen Moment, schon ist der Scharlatan wieder da, von einer hilf- oder skrupellosen Instanz offenbar freigelassen, und bemächtigt sich erneut seiner Intrigenopfer. Wie gesagt. Honi soit …

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  1. 4. 2018

Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

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  1. 2. 2018

Theater zum Fürchten: Die Fleischbank

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der kleine Mann hat’s Hackl im Kreuz

Ein Fleischhauer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alfred Paul Schmidts Groteske „Die Fleischbank“. Als Ballade bezeichnet der Autor selbst seinen Text, Moritat könnte man auch sagen, schildert Schmidt doch Aufstieg und Untergang eines, dem das Leben nichts geschenkt hat: Der Favoritner Fleischhauer Arnulf ist Schmidts Anti-Held. Dem Kleingewerbetreibenden, braver Steuerzahler und gehorsames Innungsmitglied, ist die Welt abhanden gekommen. Als ehrliche Haut erniedrigt, als immer nur Durchschnittlicher zum Dulden verdammt, beginnt er sich selbst zu ermächtigen. Mittels Mord.

Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1974 liegt Schmidts Stück zugrunde. Da verschwanden in Graz zwei – damals gab’s das noch – Geldbriefträger und mit ihnen beinah 400.000 Schilling. Als Täter wird der Fleischer Karl H. ausgeforscht und zu lebenslanger Haft verurteilt … Es ist fein, dass das Theater zum Fürchten an der Wiederentdeckung Alfred Paul Schmidts arbeitet. 1941 in Wien geboren, kam er über die Umwege diverser Studien und Gelegenheitsjobs zum Schreiben. Seit 1975 lebt er in Graz, und gilt als das widersprüchlichste Mitglied der von Alfred Kolleritsch so genannten Grazer Gruppe.

Das Schweinchen weist den Weg in den Wahnsinn: Lara Buchsteiner. Bild: Bettina Frenzel

Arnulf mordet und seine Schweinchen schauen zu: Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Seinen Werken eigen sind der weitgehende Verzicht auf eine herkömmliche Handlung, dafür der exzessive Einsatz burlesker, possenhafter Mittel, um vorgeblich fiktives Geschehen zur Wirklichkeit zu entstellen. Das alles kommt dem Theater zum Fürchten sehr entgegen, das mit der Inszenierung von Peter M. Preissler seinem Namen mehr als gerecht wird. Preissler, der auch bei der Uraufführung 1984 am Akademietheater Regie geführt hatte, setzt in der Scala auf Grauen, Gruseln, Gänsehaut. In halluziniert albtraumhaften, in gespenstisches Grün getauchten Szenen geht Arnulf seinem tödlichen Geschäft nach. Auf dem Dreirad umschwirrt, auf dem Akkordeon begleitet von einem Schweinchen im rosa Tutu (Lara Buchsteiner), mit deren mehrerer vom Wahnsinn umzingelt.

Preisslers exemplarische Aufführung lässt das Stück in seiner Zeit. Marcus Ganser und Prinzipal Bruno Max haben für Schmidts schwarzhumorigen Volksstück-Psychothriller ein steril-tristes Bühnenbild erdacht. Eine weiß gekachelte Fleischerei, die von der Theke über die Eskimo-Kühltruhe bis zum Wandtelefon 1970er-Jahre atmet; auf einer Angebot-des-Tages-Tafel wird das „Leberkässemerl“ um 6,50 Schilling angepriesen. Doch die Parabel auf den „kleinen Mann“, der das Hackl, das das Leben ihm permanent ins Kreuz haut, endlich zwischen anderer Leute Schulterblätter versenkt, ist zeitlos. Weil’s, siehe jüngst Las Vegas, mit jedem jederzeit passieren kann. Arnulf ist aus dem Stoff, aus dem die Amokläufer sind, und „Ana hat immer des Bummerl“, Horst Chmelars Gassenhauer, die Begleitmusik durch seine patscherte Existenz. Georg Kusztrich ist als Arnulf fulminant. Im Infight mit sekkanten Kunden, einer liederlichen Lebensgefährtin und einem „besten Freund“, der das Vorhandensein von Feinden überflüssig macht, ist er der ewige Verlierer.

Einmal ein Glück im Leben haben: Georg Kusztrich und Leopold Selinger als Vokuhila-Haberer Heinz. Bild: Bettina Frenzel

Das Selbstbewusstsein steigt, das Opfer kommt in Klarsichtfolie: Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

Kusztrich changiert in der Rolle zwischen tief depressiv, dann wieder aufmüpfig-aggressiv, verletzt und verzweifelt. Er erschreckt mit der Vehemenz seines Spiels. Er gestaltet auf höchstem darstellerischen Niveau das Psychogramm eines „armen Würschtls“, das zum Psychopathen wird. Kaum zum Killer avanciert, fühlt sich Arnulf wie ein allmächtiger Erlösergott. Das Selbstgewusstsein wächst, der Mord mutiert für ihn zur Machtdemonstration, wird letztlich zur guten Tat. Dieser Briefträger mit seiner hirndepperten Frau hatte doch ohnedies keinen leidensfreien Tag! In einer Allmachtsfantasie sprudelt es aus Arnulf: „Endlich hob i wos gmocht wos nua i vasteh … Durch dein Tod bin i auf die Wöd kumman. I bin aus mia söba ausikrochen – du woast die Hebamm“. Und während er moralisch-menschlich ungerührt sein Opfer in Klarsichtfolie verpackt, singt er das Schubertlied. „Du bist die Ruh, der Friede mild …“

Mit Kusztrich agiert das bestens aufgelegte TzF-Ensemble. Christina Saginth spielt Arnulfs Freundin Hedwig in Ledermini und waffenscheinpflichtiger Bluse hart am Flitscherl. Die gefährliche Liebschaft ist im Betrieb für die Buchhaltung zuständig, eine Gefälligkeit, für die sie tief ins Fleischergeldbörsel greift. Ihr schließt sich Leopold Seliger als hinterlistiger Haberer Heinz (mit großartiger Vokuhila-Frisur und riesigem Proleten-Schnauzbart) an, der für einen beim Karate-Training einkassierten Gipsarm von Arnulf Schmerzensgeld haben will. Als der neue Arnulf ihn entlarvt, erkennt er ihn als einen „dea zittat nach innan wia a Lampelschwaf, oba noch außen tuat a wia da Tegetthoff am Proterstern“. Doch die Halbseidene und der Kleinkriminelle sind nur zwei aus der Menge der Peiniger – allesamt sind sie Menschen, die selber auf der Schattenseite stehen.

Hedwig träumt von der Heirat: Christina Saginth und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Doch der Kommissar hat die Spur aufgenommen: Georg Kusztrich und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Das macht vor allem Birgit Wolf als verteufelt redselige Kundin Frau Dalma deutlich. Von ihrem Mann offenbar gepiesackt, brodelt es unter ihrer in Loden gewandeten Biederfrau-Fassade nicht weniger als unter der Arnulfs, nur ist sie zum Ausbruch noch nicht bereit … Bernie Feit brilliert als penetrant seine Obrigkeit verströmender Innungsfunktionär Bunderit und als Behinderter, der Zeter und Mordio schreit, als ihm Arnulf unbedarft die Frage stellt: „Wie is‘n des, wann ma waaß, dass ma bleed is?“ In ihrer Art scheinen viele der Schmidt’schen Charaktere – dies freilich auch dank der Kostüme von Alexandra Fitzinger und der Maske von Gerda Fischer und Monika Krestan – einem der „Tatorte“ rund um Oberinspektor Marek und Bezirksinspektor Wirz entsprungen, und tatsächlich hat Schmidt für die erfolgreiche TV-Krimireihe geschrieben.

Direkt aus dem „Kommissariat 24“ kommt offenbar Karl Maria Kinsky als urig-gemütlicher Kommissar in die Buchengasse. Kinsky macht seine beiden Auftritte zum Kabinettstück, wunderbar die skurrile Szene, als er den Täter entlarvt habend, nun aber völlig überfordert und hyperventilierend nach seinen Kripo-Kollegen ruft. „Geh, na! Na!“, entschlüpft es ihm. Der Mörder gefasst? Soviel Action hat er echt nicht gewollt … Michael Reiter und Florian-Raphael Schwarz sind als Briefträger von ihrem Amt gezeichnet, der junge Studienabbrecher um nichts weniger, als der Dienstältere, dem die schwere schwarze Tasche bereits den Rücken krumm und die Füße platt gemacht hat. Der Pletterscheck und seine Weinerlichkeit – sie waren Grund genug, zuzuschlagen. Mehr braucht es oft nicht zur Brutalität. Die private Malaise verlangt nach einer Bluttat, in Revolverblättern täglich nachzulesen. „Die Fleischbank“ erzählt von einem Menschen, der sich nicht holen kann, was ihm zusteht … obwohl er immer getan hat, was richtig ist … Großer Applaus fürs ganze Team.

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  1. 10. 2017

Rabenhof: Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis

April 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Wandverbau im seelischen Wohnzimmer

Damenkränzchen mit Band: Martin Dvoran, Matthias Frey, David Schweighart, Voodoo Jürgens, Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar. Bild: Ingo Pertramer

Zu Beginn jaulen erst einmal nur die Gitarren. Die Protagonistin(nen), eine durchaus unheilige Dreifaltigkeit, ist/sind sich nämlich noch sicher: „Es wird ein guter Tag, denn ich habe das Gefühl, ich habe meine Probleme im Griff.“ Na, wer das glaubt, wird bestimmt nicht selig. Als musikalische Untermalung folgt nun das gfeanzte Weanaliad „Wien bei Nacht“, stilecht vorgetragen mit Goldketterl um den Hals und aufgekrempelten Jackettärmeln. Raunzerherz, was willst du mehr? „Ja, eh!“ – Mehr!

Im Rabenhof hat Regisseurin Christina Tscharyiski Texte von Stefanie Sargnagel und Lieder von Voodoo Jürgens – unter dessen Live-Mitwirkung als Zeremonienmeister – zu einer untergangslustigen Revue zusammengestellt. Doch, oh weh!, die Aufführung hat einen gravierenden Fehler.

Sie ist mit knapp mehr als einer Stunde kurz. Viel zu kurz. Zwar gibt’s, und welcher Theaterabend kann das noch von sich sagen, applausbedingte Zugaben, doch als es einen am eben erst angebrochenen Abend in die schwarze Luft vorm Gemeindebau weht, wär’ man gern noch Gast geblieben im Sargnagel’schen Kosmos der spaßbefreiten Tschocherl und der sie bevölkernden seltsamen Menschentierchen. Autorin-Rotkäppchen saß übrigens in Reihe vier, und ausnahmsweise mucksmäuschenstill, fast meinte man ein wenig angespannt, ob ihre selbstironischen Statusmeldungen, abgründigen Milieudarstellungen und präzisen Daseinsbeobachtungen für die Bühne taugen.

Es taugt. Dem Publikum wie den drei Alter-Ego-Darstellerinnen, die angetan mit verlotterten Pullovern, schaichen Trainingsbuxen und Joggingstirnband (Kostüme: Cátia Palminha) die tiefsinnigen Texte des Facebook-Phänomens und Reibebäumchens für Kronenzeitungsleser, des Clinch-Subjekts für Kollegen Thomas Glavinic, der Sargnagel als „talentfreie Krawallnudel“ bezeichnete, und des aktionistischen Burschenschaftermitglieds „Hysteria“, das den FPÖ-Akademikerball stürmte, zum Besten geben. Der Text „Penne vom Kika“, mit dem Sargnagel im Vorjahr den Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen gewann, ist ebenfalls Teil der Inszenierung.

Sargnagel mischt das Randbezirkrotzige mit dem Proletentrotzigen, mischt Bobo-Banales mit ihrer Gossenkunstsprache, mischt ihren Fäkalrealismus mit liebevoll gemeinter Bosheit – und kreiert so gültige Aussagen übers allzu Unmenschliche. Während sie über den Ausverkauf von Sprache berichtet, segeln ihre Satzschöpfungen durchs Dialektmeer eines H. C. Artmann oder eines Werner Schwab. Ihr Wienerisch ist eines der Wiedergänger, der literaturuntoten Pülcher, Strizzis und deren hoidseidanen Trottoirpflanzen. Voodoo Jürgens, der Kongeniale, erklärt dazu, wie man als Frau an odrahten Hund samt seine gfeudn Schmäh anglandt lossn kann. Er singt über die „Nochborskinda“, über emotionale wie materielle Verelendung, übers „Café Fesch“ und das Trotz-allem-Kopf-oben-Halten. Und den „Eislaufplotz“. Ein Song extra für den Rabenhof-Abend verfasst. Der, ja was? – Singer-Songwriter, jede Etikettierung greift für den Musikanten zu kurz, hat seinen Fanclub in Stellung gebracht; immer wieder kreischt eine Frauenstimme „Voodooo!“ in den bummvollen Zuschauerraum.

Stefanie Sargnagel als Trio infernal: Saskia Klar, Miriam Fussenegger und Lena Kalisch. Bild: Ingo Pertramer

The one and only Voodoo Jürgens. Bild: Ingo Pertramer

Bühnenbildnerin Sarah Sassen erdachte für all das einen Vollholz-Albtraum von Siebzigerjahre-Wohnwand. In ihm verstecken sich ein Klappbett ebenso wie das abgefuckte „Bertis Beisl“ und eine Gangtoilette. Und Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar proben als Lonesome-Girl hoch drei Position im und vorm sargnagel-seelischem Wohnzimmerwandverbau. Samt Bier und Tschicks. Ein wenig erinnert’s einen an die Rebellionspoesie der „Präsidentinnen“, wenn’s um Heftklammern-Selbstzüchtigung ob dummer, aber bezahlter Lifestylemagazin-Aufsätze, erfolgreich absolvierter Gehirnkrampfmorgendepressionen und um das Absäbeln kleiner Kinderfinger im Eislaufverein geht.

Oder die – jetzt: das Jaulen!– Beziehungskiste einer Freundin, bekannt als Operettendiva Mercedes. „Ich hab ihm einen geblasen, so urgut, verstehst du?“ Was ist eigentlich das Pendant zum Schnitzel- und Blowjob-Day? Krautfleckerl und Schlecken! „Es war so urgut, ich war so richtig dabei, ich bin richtig feucht geworden und er schmeißt mich einfach raus!“ Die Schauspielerinnen bewältigen in beachtlichem Tempo eine Art langen, inneren Monolog, in dem es um die Zerrissenheit zwischen Nichtstun und Funktionieren, Kunst vs Brotberuf, unbeantworteten SMS und innerem Schweinehund, langweilig geregeltem und subversiv selbstbestimmtem Leben geht. Ihre Performance gleicht einem Mantra, einem Manifest, einer Kampfansage an gesellschaftlich vorprogrammierte Rollenbilder.

Das Dreckige, das Räudige, das Bukowskihafte, dessen Trieb zur Antriebslosigkeit, den Autoren in der Regel für sich beanspruchen, hat Sargnagel postfeminisiert. In ihren Schreibarbeiten zeichnet sie das Bild einer Mehregomanin, als sich Männer heutzutag’ zu sein wagen würden. Sie gibt dem Chauvinismus eine weibliche Endung, und Fussenegger, Kalisch, Klar spielen das rau, roh und rogue. Und so lustig, wie die gebürtige Humoristin Sargnagel, nach Eigendefinition eine Kopfbuderei aus kleinem, „unrundem“ Mädchen und fettem Hooligan, das wohl vorgesehen hat. „Mir wurde gerade meine eigene Depression und Psyche quasi in einem Musical vorgespielt“, schrieb Stefanie Sargnagel nach ihrem Probenbesuch von „Ja, eh!“ auf Facebook.

„Ja, eh!“ im Rabenhof beweist, dass ihre Texte auch ohne sie, mittels einer ungeheuren Spielfreude zwischen Melancholie und morbidem Spaß funktionieren. Das lockt die Schriftstellerin Sargnagel auf eine neue Ebene. Es möge sie beflügeln auf ihrem Weg ins Abheben Richtung heimischer Literaturszene. Schließlich hat sie auf Extremösterreichisch bewiesen, dass ihr Lebensüberdruss und der postmoderne Ennui enormen Unterhaltungswert haben. „Die WienerInnen stehen drauf, sich im eigenen Auswurf zu suhlen bis es schmerzt, sich die Wirklichkeit möglichst hart ins Gesicht zu dreschen. Die Aktionisten wühlten fröhlich in der eigenen Scheiße und wenn einem das alles immer noch zu idyllisch ist, liest man halt eine Sexszene von Jelinek. Möglicherweise nur ein Klischee. Nach meiner letzten Lesung in Berlin kamen jedenfalls Exil-Wiener auf mich zu und meinten, genau das wäre es, was sie von Wien vermissen würden: den Grind.“

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Wien, 20. 4. 2017

Theater zum Fürchten: Eine italienische Nacht

Januar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde

Beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Ob links oder rechts, beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Aus Zorn, sagt Bruno Max, hätte er Ödön von Horváths „Eine italienische Nacht“ auf den diesjährigen Spielplan genommen, aus Zorn über das Erstarken einer neuen unverschämten Rechten und der angesichts dieser Tatsache völlig versagenden Linken, die sich in Flügelkämpfen, Pfründe-Sichern, Status-Quo-Erhalten aufreibt, statt endlich Konzepte gegen ewig gestrige Geister zu entwickeln. Das Ergebnis von Bruno Max‘ Erbostheit hatte nun in der Scala Premiere – und es ist großartig.

Horváth versah seine Komödie mit der Zeitangabe „1930 bis ?“ und der TZF-Prinzipal lässt mit seiner Arbeit keinen Zweifel daran, dass dieses Fragezeichen jetzt ist. Er hat das Stück zur Stunde inszeniert, hat es auf den Punkt genau inszeniert, und es ist erschreckend, wie wenig er dazu in den Text eingreifen musste. Was Horváth vor 85 Jahren geschrieben hat, ist so gegenwärtig, dass es einen gruselt.

Die „italienische Nacht“ soll das Sommerfest einer Sektion Sozialdemokraten in einer Kleinstadt werden. Im Gastgarten vom Lehninger-Wirt will man feiern, tanzen, trinken, blöd nur, dass sich zum gleichen Zeitpunkt eine Gruppe Rechtsextremer angesagt hat, die zum „Deutschen Tag“ aufmarschiert. Die Parteijugend ruft zu Gegenaktionen auf, die saturierten Honoratioren kalmieren, „Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen“, sagt einer. Ein Kriegerdenkmal wird demoliert, die Situation eskaliert. Plötzlich ist Kampf angesagt …

Den das Publikum auf Tuchfühlung mit den Schauspielern erlebt. Bruno Max und Marcus Ganser haben für die Aufführung eine Raumlösung erdacht, wie man sie von den bewährten und beliebten Dinner-Produktionen des TZF kennt. Die Zuschauer sitzen mitten im Wirtshausgarten rund um die Tische der Darsteller. Wein und Kracherl stehen bereit, und während einen der Wirt noch an seinen Platz führt, werden schon Anträge verhandelt und vertagt. Es gibt, wie sich’s gehört, eine Pawlatsche und ein Toilettenhäuschen, und auf dem Höhepunkt der Stimmung, kann’s einem passieren, dass man zur Polonaise aufgefordert wird.

Horváth rechnet in seinem Stück weniger mit der Rechten ab, als dass er die Linke schilt. Er stellt die demokratische Ohnmacht gegenüber einem faschistischen Fanatismus aus; was das anrichtet, hat er geradezu prophetisch vorhergesehen, dieses „Lasst die Republik ruhig schlafen“, dieses man lasse sich von „ein paar dummen Buben“ doch nicht provozieren. Die Buben sind Wiedergänger, sie schließen die Reihen und sie marschieren. Die Demo wird zur Bedrohung für die Demokratie, und während die Sozialdemokratie ihre Wahlverluste als von einem – Zitat Horváth – „feindlich gesinnten höheren Schicksal“ gesandt annimmt, wird alles für den Ausbruch des gerechten Volkszorns vorbereitet.

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen Rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Seine politische Fabel bevölkert Horváth mit vielschichtigen Figuren, die Bruno Max mit seinem Ensemble scharf konturiert hat. Entstanden ist so ein Panoptikum an Parteigängern, wie es real existierender kaum sein könnte. Georg Kusztrich gibt als selbstzufriedener, satter Stadtrat Ammetsberger die institutionalisierte Linke, Bernie Feit als Oberschulrat Betz die intellektuelle. Christoph Prückners Kranz ist der Typ leutseliger Mitgliedsbeitragsmarkenverkäufer, Marion Rottenhofers Engelbert ist korrektes Gendern wichtiger als der Widerstand gegen rechts. Komme was wolle, ihre Hauptsorge gilt dem Binnen-I.

Ganz anders da die nächste Generation Genossen. Wolfgang Fahrner ist als Martin ein aufrechter Marxist. Der Schauspieler, der nach „Brassed Off“ zum zweiten Mal für das TZF arbeitet, spielt sich mit seiner prägnanten und präzisen Darstellung des jungen Wilden in den Mittelpunkt der Aufführung. Und mit ihm Thomas Marchart als Martins von Hormonen gebeutelter bester Freund Karl, Claudia Waldherr als seine Freundin Anna und Jacqueline Rehak als Karls völlig unpolitische – Leitsatz: Völlig egal, wer uns regiert, es bescheißen uns ohnedies alle – Angebetete Leni.

Sie alle gestalten ihre Rollen mit großer Spielfreude, besonders auch Karl Maria Kinsky, der als Lehninger fürs abgründig Humorige sorgt. Sein Wirt ist ein Opportunist, dem es letztlich egal ist, wem er drei Bier verkauft. Mit Gelächter quittierte das Publikum die Szenen, in der sich die Sozialdemokraten bei ihm über die rechte Übernahme ihres Stammtisches beschweren und er seelenruhig die Nelken in den Tischvasen gegen Kornblumen tauscht. Dass sich die Zeiten ändern, entnimmt er den Sprüchen, die an die Häuslwand geschmiert werden – statt pornografisch nur noch politisch, das kann die Welt nur zum Schlechteren wenden.

Horváth zeigt eine Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde. Nicht nur symbolisch, so lange will man nämlich im Gastgarten ausharren, will man, weil das schließlich auch die bewährte Proporzproblemlösung ist, die Faschos aussitzen. Die Frauen werden typisch horváthisch erst zu Opfern, dann zu Heldinnen. Martin schickt Anna auf den politischen Strich, sie soll die Wehrsportkameraden auskundschaften und wird dabei sexuell misshandelt. Ammetsberger behandelt seine Frau Adele wie einen Putzlappen, dabei wird sie es sein, die die Schreihälse in ihre Schranken weist. Christina Saginth gibt der Figur Profil, Leopold Selinger mit Kärntner Akzent den Kameradschaftsführer.

Am Ende bleibt alles beim Alten, heißt: beim Stadtrat. Er brüstet sich mit einem moralischen Sieg, der nicht der seine ist. Und Bruno Max entlässt einen in die Nacht mit der bangen Frage, wie lange diese Art von Wegschauen und ja nicht Hinhören Politik noch funktionieren kann, bevor rot gegen rechts endgültig den Kürzeren zieht.

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Wien, 15. 1. 2017