Akademietheater: Der Rüssel

April 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alpenländische Absurditäten

Alles kniet vor dem Elefanten: Barbara Petritsch, Falk Rockstroh, Christoph Radakovits, Simon Jensen, Peter Matić, Markus Meyer, hinten: Sebastian Wendelin und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Man möchte sich erlauben, es zu deuten, dass dieser Text ausgerechnet an einem 20. April uraufgeführt wurde. Ein Stück, in dem zu seinem unrunden Geburtstag das Bild eines tyrannischen Urgroßvaters immer wieder von der Wand fällt, dessen Urenkel sich verpflichtet hat, des Alten Traum wahr zu machen: Afrika im Alpenland, samt eines Elefanten auf dessen Geburt sehnsüchtig gewartet wird. Kaum aus der Wildbachtaufe gehoben wird das Tier zwar in hiesigen Verhältnissen eingekeilt, doch gleichsam als Heilsbringer verehrt.

Und der Nachfahr‘ schwingt sich in der nunmehr wortwörtlichen Bananenrepublik zum neuen Diktator auf … Christian Stückl hat am Akademietheater Wolfgang Bauers „Der Rüssel“ auf die Bühne gehoben. 1962, mit nur 21 Jahren, schuf der Grazer Autor dieses Frühwerk. Das Literatur-Enfant-Terrible zählt zu den wichtigsten Stimmen einer im Schatten des Dritten Reichs und im Halbdunkel von Verdrängen, Vergessen, Vergeben entstandenen österreichischen Nachkriegsdramatik. Am Rande allgemeiner Wiederaufbau-Aufbruchsstimmung entstand also „eine Tragödie in elf Bildern“, die alsbald verloren ging – und erst 2015 im Nachlass des Leibnitzer Komponisten Franz Koringer wiederentdeckt wurde. Eine Sensation.

Die, wenn denn Zuordnungen sein müssen, sich am ehesten mit einem Theater des Absurden, verwandt den ebenfalls frühzeitig verfassten Mikrodramen Bauers, in Bezug setzen lässt. Stückl trägt dem Rechnung. Der Intendant des Münchner Volkstheaters inszeniert ebendieses – Volkstheater. Seine Interpretation bleibt nah am Werk, das Ganze wirkt wie Anzengruber auf Speed, und immer knapp bevor die Frage auftaucht, ob man afrikanische Zeremonien und Riten so veralbern darf, sagt Stückl: Pfeif‘ auf p.c., wir wollen doch nur spielen mit derlei ironisiert kolonialen Stereotypen. Na gut.

Falk Rockstroh als Bürgermeister Trauerstrauch und Markus Meyer als Kaplan Wolkenflug. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Familie Tilo: Barbara Petritsch als Großmutter, Christoph Radakovits und Simon Jensen als Wilderer-Brüder. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Stückl schöpft aus dem Vollen. Mit Donner, Blitz, Sturmgebraus und verdächtigen Schritten auf dem Dachboden. Von Herrgottswinkel bis Gipfelkreuz. Anfangs alles dunkel-schwarz, bäuerlich-dumpf, Bauers Typen dargestellt als ländliches Unsittenbild aus traditionsbewusster Engstirnigkeit, obrigkeitsgläubigem Katholizismus und salopp demonstrierter sexueller Gewalt. Darin tummelt sich das Gebirglerpanoptikum: die einfältigen Wilderer-Brüder Tilo, Christoph Radakovits und Simon Jensen, deren bigotte Großmutter und notgeiler Großvater, Barbara Petritsch und Branko Samarovski, ebenfalls geil, aber nach Geschäften, der Bürgermeister Trauerstrauch, Falk Rockstroh. Der mit seinem Eh-klar-Mantra „Wir schaffen das!“ ein paar Extralacher auf seiner Seite hat.

Markus Meyer ist Gottes hysterischer Kaplan Wolkenflug und Peter Matić der umsatzbewusste Kaufmann Kuckuck. Dirk Nocker gibt einen Reporter. Und schließlich das jugendliche Liebespaar: Stefanie Dvorak als Kellerbirn Anna und Sebastian Wendelin als Außenseiter Florian Tilo, im Text er der einzige Rothaarige, bei Stückl sind’s alle. Auch die Gesangskapelle Hermann, die hier und dort um die Ecke lugt, und von unheilverkündend bis frohlockend, von „Ein Prost mit harmonischem Klange“ bis „Sag‘ zum Abschied leise Servus“ immer das richtige Lied zum surrealen Losschmettern auf den Lippen hat. Dies mitunter auch in Suaheli. Denn hereinbricht mit aller Wucht Afrika.

Mit „heidnischen Palmen“, Giftschlangen unterm Hemdkragen und Riesenspinnen auf dem Steirerjanker (Bühnenbild und Kostüme: Stefan Hageneier). In den eigenen Aberwitz setzt sich der Irrwitz des Anderen. Und was gerade noch als Segen betrachtet wurde, wird schnell zum Fluch. „Das Fremde“, auch darin ist der Abend erstaunlich aktuell zu deuten, wird bald mit Abscheu und Angst beäugt, der Elefant ebenso zum Sterben verurteilt wie sein herrischer, nunmehr als „Hexendoktor“ gekleideter und von der Kirche bereits als Satanas abgeurteilter Besitzer …

Afrika im Alpenland: Gesangskapelle Hermann, Sebastian Wendelin als Florian Tilo und Stefanie Dvorak als Kellerbirn Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Gespielt wird auf Teufel-komm-raus, mit verschmitzter Freude an theatralen Gags und Gimmicks, Bauers überhöhte Kunstsprache dabei genauso genüsslich dargeboten, wie auf die große Geste nicht verzichtet wird. Es macht Spaß so viel Spiellust beim Outrieren zuzuschauen, und vor allem die Petritsch, Meyer und Rockstroh leisten da das Ihre. Peter Matić ist ein köstlich kauziger Kuckuck, Branko Samarovski mit Schlagrahm-Rasierschaum im Gesicht überzeugt als unheimlich-gemütlicher Ulpian.

Sebastian Wendelin schließlich wandelt sich vom Revoluzzer zum repressiven Machtmenschen – und landet als solcher auf der Spitze des Kalvarienberges. Wie’s ihm dort ergeht, zeigt er noch in einer Akrobatikeinlage. Bleibt zu hoffen, dass diese Heimatgroteske zu einer Wolfgang-Bauer-Renaissance an heimischen Bühnen führt.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2018

Theater in der Josefstadt: Madame Bovary

April 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zwangsjacke der Borderlinerin

Die Bovarys mal fünf sind von Rodolphe Boulanger hingerissen: Bea Brocks, Silvia Meisterle, Therese Lohner, Ulli Fessl, Maria Köstlinger und Christian Nickel. Bild: Astrid Knie

Dass Charles‘ Landarztkittel sich knapp vor der Pause in eine Zwangsjacke für Ehefrau Emma verwandelt, macht Sinn, fühlt sich die doch in ihrer Situation ausweglos gefangen und ergo unglücklich. Regisseurin Anna Bergmann (über-)dreht Gustave Flauberts Fantasien zu seiner Protagonistin. Bei ihr wird die überspannte Provinzgattin zur Borderlinerin – Bergmanns liebste Interpretation, inszeniert sie Weltliteratur-Frauenfiguren -, und die gibt es nicht nur ein Mal, sondern gleich mal fünf:

„Madame Bovary“ am Theater in der Josefstadt. Da gelingt Bergmann vor allem im ersten Teil Großes. So ideendurchtränkt ist ihre durchchoreografierte Arbeit, dass man’s teils mit fünf Sinnen gar nicht fassen kann. Was gut ist, lässt man den sechsten zu. Maria Köstlinger allen voran gestaltet die Bovary, umringt von Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle. Das ist eine Frau in fünf Lebensaltern, das sind Stimmen im Kopf, eine Frau und ihre Erinnerungen und Vorausahnungen. Emma in ihrem Totenhaus immer selbst ihre Spinne Langweile, von Schatten umringt, von Anfang an ein Gespenst.

Denn erzählt wird gleichsam posthum. Bergmann setzt auf Prosa, und einen großartigen Christian Nickel als Rodolphe Boulanger als Berichterstatter ein. Er schildert das Drama bis zum Untergang, diese kurze Existenz, die er gekannt hat, der Selbstmord am Ende scheußlich und die Liebe nimmerwährend. Eindrückliche Bilder gelingen da. Ein Albtraumreigen, der sich immer schneller dreht. Emma aus Luken und über Wände kletternd, der Geliebte mit Fetischfuchsmaske, Horrorgestalten in Lack und Leder. So subtil, wie Flaubert es verdient hat, weißt Bergmann darauf hin, dass es im Roman höchst realitätsnah um sexuelle Obsession und erotomanische Fixierungen geht.

Ein unnahbares Elegiebürschchen: Meo Wulf und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Doppelbild von Heiliger und Hure: Bea Brocks und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Aggressive Bösartigkeit liegt in der Luft. Nickels Rodolphe decouvriert sich als ennuyierter Zyniker, Köstlinger, alles gebend, ist von kalter Leidenschaft, ihrer Emma Zauber, wie es geschrieben steht, ein eisiger. Selbst Meo Wulf als Léon Dupuis bleibt als Elegiebürschchen unnahbar, wenn er auf seinem Elektro-Pedalo um die Bovary kurvt. Auch das eine gelungene Übersetzung für den ersten Ritt, den die beiden original bei einer wilden Kutschfahrt haben. Noch mehr Gegenwärtiges darf sein, im zweiten Teil in zeitgenössischen Kostümen und ebensolcher Sprache. Auch das tut Bergmann gern, Figuren durch die Epochen zu deklinieren, als Zeichen fürs Nichts-ändert-Sich. Emmas Schulden werden in Euro aufaddiert.

Da haben die Darsteller die Lacher auf ihrer Seite, wenn Roman Schmelzer – ein wunderbar langweilig-gutmütiger Charles Bovary – und die Köstlinger nach der Pause in der Theaterloge sitzen, während Bea Brocks als Madonnen-Königin-der-Nacht-Mix vom Himmel schwebt, und Schmelzer seinen Charles sagen lässt, er sei bemüht, die Bühnenvorgänge verstehen zu wollen. Bergmanns Deutung der Titelrolle zwischen Heiliger und Hure, eingesperrt nicht im Mittelstandshäuschen, sondern im herrschaftlichen, krank-grünen Sanatorium (Bühnenbild: Katharina Faltner), angetan mal mit großem Gothic-Kostüm von Lane Schäfer, mal nur in der Wäsche umherkriechend. Mal am Klavier Portisheads „It’s A Fire“ singend, mal Rodolphe im Slingbett beglückend. Das Publikum dankte jedenfalls für den Assoziationsfreiraum, den ihm die Aufführung ließ, mit viel freundlichem Applaus.

Berthe als spooky Puppe ist auch keine Sympathieträgerin: Roman Schmelzer, Suse Wächter und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Ins Wahnsinnsspiel passt auch Suse Wächter, die Berthe Bovary als Puppe führt, zu spooky für eine Sympathieträgerin, ein Hassliebeobjekt für die Mutter und Erdulderin von deren Launen, darin ganz der Vater. Siegfried Walther gibt Monsieur Homais als Laboratoriumsratte und den Lheureux als diabolischen Verführer mit Lagerfeldzopf, der Emmas Kaufrausch mit immer neuen Luxuslabeltragtaschen befeuert.

Beginnt der Abend mit Pantomime, so endet er mit leerem Raum, in dem die Worte aus dem Off hallen. Emma allein auf der Bühne, der Rest ihre Kopfgeburten. Ulli Fessl ist noch da, die nie mehr gelebt haben werdende Emma, und deklamiert in Trauerrobe den Ophelia-Monolog aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, wird zur Frau, „die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd …“ Dass Bergmann damit der Bovary pathologisches Betragen in den Schmerz der Welttragödie steigert, schafft deren Hysterie eine Bedeutsamkeit, die angesichts des 20. Jahrhunderts überzogen scheint. Dies als Fußnote nach einem Dreistundenabend, der ansonsten überzeugte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=ftf7DJJ04cU

www.josefstadt.org

  1. 4. 2018

Volkstheater: Komödie im Dunkeln

April 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lachen, bis der Elektriker kommt

An Stunts wird nicht gespart: Steffi Krautz, Thomas Frank, Nadine Quittner, Sebastian Pass und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit der „Komödie im Dunkeln“ kann das Volkstheater einen garantierten Publikumserfolg einfahren. Regisseur Christian Brey hat Peter Shaffers Erfolgsstück auf den Punkt inszeniert, und schon bei der Premiere am Mittwoch jubelten die Zuschauer darüber lang und ausgiebig. Die fulminant komischen Darsteller wurden beinah länger beklatscht, als diese vorhatten, noch einmal auf die Bühne zu kommen. Licht wurd’s schon im Saal. Bis zum Schluss galt es also zu lachen, bis der Elektriker kommt.

Wobei der hier auch noch ein Kabinettstückchen zu bietet hat … Entstanden ist die „Komödie im Dunkeln“ Mitte der 1960er-Jahre, und Brey und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anette Hachmann belassen sie optisch in ihrer Zeit. Im Zentrum der Turbulenzen befindet sich der noch erfolglose Bildhauer Brindsley Miller, der am Abend den russischen Kunstsammler Godunow zum Kauf eines seiner Werke überreden will. Dazu hat er sich nicht nur unerlaubter Weise die – besseren als die eigenen – Möbel seines begüterten Nachbarn Harold ausgeborgt, sondern auch seine Verlobte Carol vergattert.

Die wiederum hat ihren gestrengen Vater im Schlepptau, doch noch bevor die beiden Gäste eintreffen, gibt es einen Kurzschluss und damit Stromausfall. Man tappt durch die Finsternis. Als unerwartet Harold in der Tür steht, eine Nachbarin durch Alkohol hochprozentig indisponiert ihren Scharfblick verliert und die noch keineswegs ausrangierte Exfreundin von Brindsley auf den Plan tritt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu guter (?) Letzt kommt auch noch der Mann vom E-Werk, Schupanski, ein russischer Emigrant. Klar, für wen er gehalten wird …

Bei vollem Licht kann’s ganz schön finster sein: Thomas Frank und Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Exfreundin Clea neigt zu Handgreiflichkeiten: Thomas Frank, Birgit Stöger und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater wird sich in all diesen Irrungen und Wirrungen nicht geschont. Da wird gegen Wände gelaufen und über Stühle gestolpert, aneinander vorbeigehastet und -geredet. Shaffers Komik entsteht, weil man selber bei Licht sieht, wo die Schauspieler vorgeben ebendieses nicht zu tun. So entsteht Slapstick vom Feinsten. Tempo und Timing stimmen. Allen voran hat Thomas Frank als Brindsley den Turbomotor angeworfen, spielt sich außer Atem und legt regelrechte Stunts hin, sogar einen Sturz über die Treppe. Auch das übrige Ensemble agiert entfesselt, so überdreht die Handlung, so auch dessen Mimik und Gestik.

Nadine Quittner gibt eine naive Carol, Stefan Suske ihren militärisch zackigen Vater Colonel Melkett. Brillant auch Steffi Krautz als Nachbarin Miss Furnival und Sebastian Pass als mehr oder minder geheimer Brindsley-Liebhaber Harold. Mit Birgit Stöger als durchgeknallter Exfreundin Clea nimmt der Komödienkarren noch einmal mehr Fahrt auf, nun wird sich nicht nur gezankt, sondern auch gerauft, bis Sebastian Klein endlich als unerwartet kunstsinniger Schupanski auftritt. Den Cast komplettiert Mario Schober als Godunow. Unter den vielen witzigen Einfällen von Christian Brey ist der mit dem Hula Hoop Reifen besonders gelungen. Was es damit auf sich hat? Hingehen, anschauen!

www.volkstheater.at

  1. 4. 2018

Rabenhof: Austrian Superheroes. Rückkehr der Helden

April 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Actionreiche Comic-Performance vom A.S.H.-Team

Randolf Destaller, Magda Kropiunig und Christian Strasser. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Alf Peherstorfer. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Im Rabenhof, wo man immer für szenische Überraschungen gut ist, sorgen seit gestern Abend die Austrian Superheroes für Recht und Ordnung. Basierend auf den kultigen Graphic Novels unterhalten Magda Kropiunig, Christian Strasser und Randolf Destaller, unterstützt von Live-Musiker Alf Peherstorfer und Erzählerin Lucy McEvil, mit einer Comic-Performance vom Feinsten. Da wird kein Kabumm ausgelassen, wenn es darum geht, Wien vor dem Bösen zu beschützen.

Vor dem Hintergrund der Animationen schlüpfen die drei Darsteller in die Rollen von Captain Austria, Lady Heumarkt, dem Donauweibchen und dem Bürokraten, um dem Übel den Garaus zu machen. Das ist eindeutig übernatürlichen Ursprungs und entpuppt sich – no na in der hiesigen Innenstadt – als Basilisk (Video: www.youtube.com/watch?time_continue=13&v=CYYg__xRu5w). Wer er ist, und warum, dröselt sich zwar auf, aber nicht, von wem entsandt. Um das zu erfahren, muss man wohl auf die Bücher zurückgreifen, die bereits ins dritte Heldenjahr gehen, oder auf eine Bühnen-„Fortsetzung folgt“ hoffen. Nach einer Stunde ist der Spaß nämlich schon wieder vorbei. Allerdings nicht ohne, dass der scheidende Wiener Bürgermeister und sein Rathausmann noch ein paar gewichtige Argumente zum Erhalt der Heurigen ins Rennen geführt hätten …

www.austriansuperheroes.com

www.rabenhof.at

  1. 4. 2018

Volksoper: Carousel

März 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss was zum Mitsummen

Das Ensemble der Volksoper liefert gesanglich und darstellerisch eine Glanzvorstellung. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Es ist kein Leichtes, Rodgers‘ und Hammersteins „Carousel“ auf die Bühne zu bringen. Weder für Darsteller noch für Publikum. Gesang geht nahtlos in Textpassagen über, deren gibt es vor allem im zweiten Akt so ausufernde, dass man meint, hier würde aufs Singen ganz vergessen. An der Volksoper, wo man sich unter der Direktion Robert Meyer hohe Kompetenz in Sachen klassisches Musical angeeignet hat, ist die Übung nun aber gelungen. Zumindest über weiteste Teile.

Der einzig mögliche Einwand allerdings wiegt mittelschwer, nämlich, dass die Sprechstrecken so gestelzt und aufgesetzt daherkommen, wie es heute am Musiktheater wahrlich nicht mehr sein muss. So überzeugt das „Carousel“ in erster Linie musikalisch. Joseph R. Olefirowics als Mann am Pult weiß sowohl die lyrischen wie auch die temperamentvollen Stellen gekonnt zu dirigieren. Der Chor tut wie stets das Seinige, dass der Abend ein Vergnügen ist. Inszeniert hat Henry Mason – er ist auch für die deutschsprachige Fassung verantwortlich, die ein, zwei Mal (zum Beispiel bei „Wär‘ es Liebe) über die Noten holpert – ohne viel Schnickschnack, eine Zeitreise ins vorvorige Jahrhundert, deren Bühnenbild von Jan Meier Geschmackvolles zeigt: einen Jahrmarkt, eine Landschaft am Meer, den Sternenhimmel. So erzählt sich die von Ferenc Molnárs Drama „Liliom“ übernommene Geschichte so ziemlich kitschbefreit.

Als Billy Bigelow, heißt: Liliom, kann Daniel Schmutzhard mit seinem schönen Bariton ideal bestehen. Der Opernsänger meistert seine erste große Musicalrolle auch darstellerisch, gibt den Kraftlackel und Aufschneider, der die Jahrmarktsmenge im Griff hat, bevor er beim Monolog/„Soliloquy“ Billys sanfte, verletzliche Seite offenbart. Nichts desto trotz bleibt sein Karussellausrufer ein Unangepasster, eine verlorene Seele in Spießertown. Das bevölkern: Mara Mastalir als brave Textilarbeiterin Julie Jordan, die darstellerisch tatsächlich so etwas wie einen Hauch Naturalismus aufkommen lassen möchte. Ein Bravo hierfür! Johanna Arrouas, die alles aus ihrer Carrie Pipperidge herausholt und auf der ganzen Linie überzeugt, sowie Jeffrey Treganza als ihr biederer Enoch Snow.

Christian Graf als Jigger Craigin und Johanna Arrouas als Carrie Pipperidge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow und Mara Mastalir als Julie Jordan. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Christian Graf ist ein fabelhafter, cooler Bösewicht, der seinen Jigger Craigin zur Charakterstudie macht, Regula Rosin eine gute Mrs. Mullin, Nicolaus Hagg ein souveräner Bascombe, Atala Schöck eine schön solide Nettie und Robert Meyer ein köstlich-kauziger Sternwart – mit langem weißen Herrgottsbart und Arbeitsoverall eine Art Himmelshausmeister. Ganz großartig ist Astrid Renner als Julies Tochter Louise Bigelow. Sie meistert die Balletteinlage nach dem Original von Agnes de Mille, das Francesc Abós wie alle De-Mille-Tänze neu einstudiert hat, fabelhaft. Fein auch, die wie Solistinnen und Solisten tänzerisch in jeder dafür notwendigen Szene mithalten. Zum Schluss ertönt noch einmal „You’ll never walk alone“ – längst bekannt als die Fußball-Hymne des FC Liverpool – als Chorversion. Perfekt, um mitzusummen nach einer fast perfekten Aufführung.

www.volksoper.at

  1. 3. 2018