Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Volksoper: Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit

Juni 13, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hohepriester des Glamrock

Drew Sarich als Antonio Vivaldi und Morten Frank Larsen als Kardinal Ruffo mit dem Jugendchor der Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist schwer, etwas zu schreiben, wenn ringsum alles ständig in frenetischen Jubel ausbricht. Aber ehrlich, „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“, das ist, als wäre die Wallgasse explodiert, und große Brocken davon hätten die Währinger Straße applaniert. Die Neuerfindung BaRock-Oper ist nicht einmal ein One-Hit-Wonder, einfach, weil nicht einer drin ist. Christian Kolonovits hat einen wabernden Soundteppich komponiert.

Achtziger-Jahre-Glamrock-Bombast, aus dem ab und zu ein Stückl Vivaldi hervorlugt. Die vier Jahreszeiten, meist der – Achtung, doch ein Ohrwurm – Frühling, weil der ja aus Werbung und Fahrstühlen bestens bekannt. Dazu hat Angelika Messner ein Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Libretto verfasst. Es ist ein Glück, dass es in Brocken oft edle Einschlüsse gibt, und als ein solcher entstieg Drew Sarich der musikalischen Tonnenlast und brachte die Volksoper zum Funkeln.

Die Handlung von „Vivaldi“ ist nicht nur ein Mix aus Fakt und Fiktion, sondern gleichsam die Skript gewordene Matrjoschka-Puppe: Es gibt nicht eine Klammer, sondern zwei. Eine venezianische Girl Group kommt nach Wien, wo Vivaldi 1741 gestorben ist, um die Partitur zur mysteriösen „Fünfen Jahreszeit“ zu suchen. Stattdessen findet sich ein Tagebuch von Paolina Girò, Vivaldis Haushälterin und Schwester seiner Muse und großen Liebe Annina. Die Mädchen lesen – und treffen auf einen gealterten Vivaldi, der Goldoni seine Lebensgeschichte erzählt, damit der daraus ein Theaterstück macht. Wirklich war Goldoni zwei Mal Librettist für Vivaldi – und beide Male ging’s nicht ohne Reibereien ab.

Vivaldis Lebensbericht beginnt bei seinen Jahren als Wunderknabe, Priesterweihe, Leitung des Mädchenorchesters des Ospedale della Pietà, die Girò-Schwestern, Ruhm, Hochmut, Fall – weil seine Musik im Laufe der Jahre aus der Mode kam, Rom, Demütigung, Wien in Hoffnung auf den Kaiser, der stirbt erst, dann Vivaldi. Goldoni ist dem Geschehen zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwie abhanden gekommen. Aber die Mädchen! Haben erkannt! „Die fünfte Jahreszeit“ sind … na? na? – genau! Dass sich das Ganze allem Anschein nach bierernst nimmt, macht die Sache nicht besser, eine tatsächlich witzige Szene von halbnackten römischen Kardinalen in der Sauna (in der sich „heiß“ sehr günstig auf „Schweiß“ reimt) wirkt dadurch wie ein Fremdkörper.

Rebecca Nelsen (Annina Girò), Drew Sarich (Antonio Vivaldi). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Pfeifer (Carlo Goldoni / Kaiser), Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Rebecca Nelsen (Annina Girò), Julia Koci (Toni / Paolina Girò), Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der historisch belegte Umstand, dass da ein geweihter Priester jahrelang eine ménage à trois lebte, wird als Reibefläche verschenkt. Ebenso die – nicht belegten – pädophilen Neigungen von Vivaldis Mentor Kardinal Ruffo. Auch der in Rom verlangte Sangeswettstreit Koloratursopran vs Kastrat wird nicht ausgereizt. Seufz. Mehr Steilvorlagen hat der Stoff nicht. Vivaldis Leben, lucky him, ist ungefähr so konfliktbelastet wie eine gutbelegte Quattro Stagioni. Um das wenige, das da ist zu unterstreichen, stürzt sich die Regie auf greifbare Stereotype:

Drew Sarich steigt direkt aus dem Totenkopf-Tank-Top in die Soutane. Huch, welch ein Rebel! Christoph Cremers weitere Kostüme schwelgen in grellen Pink-Gelb-Kombinationen von Minirock und Krinoline, dazu schrille Falco/Amadeus-Perücken.

Wer’s tatsächlich rausreißt, sind die Darsteller. Drew Sarich ist ein sexy Priester-Punk, der sich, wenn recht gehört, bis zum Hohen H emporschraubt. Sein spitzbübischer Charme, mit dem er den Prete Rosso ausstattet, sein Bühnencharisma sind wie immer unübertroffen. Boris Pfeifer brilliert als pfiffiger Goldoni, ein Spielmacher, der über die Bühne turnt – und in Ermangelung des echten, die Persiflage eines Kaisers gibt. Rebecca Nelson und Julia Koci sind schön stimmgewaltig als Annina und Paolina, Koci rockt als Toni auch noch als Teil der Girl Group.

Der Mädchenchor der Volksoper ist musikalisch hinreißend und teenagerzickig sympathisch. Und Countertenor Thomas Lichtenecker als Paradiesvogel-Kastrat Cafarelli holt einen im Wortsinn aus dem Sitz. Schade, dass er nur einen Song hat. Morton Frank Larsen ist als Kardinal Ruffo der sinistre Bösewicht des Stücks, allerdings erscheint die Partie für ihn ein wenig zu tief.

Der vielleicht schönste Auftritt in „Vivaldi“ ist der von Annina beim Vorsingen. Da kommt sie „verkleidet“ als große Diva, bis Vivaldi ihr sagt, sie solle die Perücke runterräumen und aus dem Fummel steigen: „Du musst dich von allen Klischees befreien!“ Was soll man sagen? Annina hat’s getan …

www.volksoper.at

Wien, 13. 6. 2017

Free Lunch Society – Komm Komm Grundeinkommen

Mai 2, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Weil Arbeit ohnedies unbezahlbar ist

Weltweit machen sich Menschen für ein Bedingungsloses Grundeinkommen stark. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Es beginnt mit einem Ausschnitt aus „Star Trek – The Next Generation“. Da gerät ein Banker aus unseren Tagen unter geheimnisvollen Umständen auf die Enterprise des 24. Jahrhunderts – und erfährt, dass nicht nur das Geld, sondern mit ihm auch alle materiellen Nöte abgeschafft wurden. Ratlos wendet er sich an Captain Picard: „Was werde ich tun? Wie werde ich leben? Welches Ziel habe ich noch?“

Und der weise Jean-Luc antwortet: „Das werde ich Ihnen sagen, Mr. Offenhouse. Sie können sich weiterentwickeln, Ihr Wissen vergrößern. Genießen Sie es!“ An dieser Schnittstelle von Science-Fiction-Utopie und Dokumentation, von Wünschen und Werden, bewegt sich der jüngste Film von Christian Tod „Free Lunch Society – Komm Komm Grundeinkommen“, der ab 5. Mai in den heimischen Kinos zu sehen ist. Der Linzer Filmemacher und Volkswirt zeigt sich damit als Fan der unendlichen Weiten, nicht nur was Weltraumabenteuer, sondern auch soweit es Finanzfragen betrifft. Seine These: Das Bedingungslose Grundeinkommen für alle ist nicht nur wirtschaftlich möglich, sondern unabdingbar. Allerdings, räumt er ein, ist die Idee so simpel, dass nur die wenigsten sie verstehen.

Weshalb er anhand von Beispielen und mit erlesenen Gesprächspartnern seine Feststellung zu untermauern und aus der „Hirngespinstecke“ zu holen sucht. Tod entwirft in „Free Lunch Society“ das höchst verlockende Szenario eines durchaus umzusetzenden gesellschaftlichen Paradigmenwechsels, der die Welt grundlegend verändern könnte. Eine „Kulturfrage“ nennt etwa Drogeriemarktkettenmilliardär Götz Werner das Grundeinkommen, denn ohne Existenzsorgen entstünde „ein völlig neuer Freiheitsraum“. Arbeit sei ohnedies unbezahlbar, konstatiert der Geschäftsmann, und ortet die Ablehnung der Idee überall dort, wo Machtverlust befürchtet wird. „Chefs könnten den Menschen nicht mehr mit seinem Arbeitsplatz und dem Verlust desselben bedrohen.“

Michael Bohmeyer erklärt seine Crowdfunding-Plattform. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Mit dieser Plastikkarte ist man dabei. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Ähnlich argumentiert Michael Bohmeyer. Der Jungunternehmer ist Mitgründer eines Start‐ups, das ihm ein monatliches Grundeinkommen von 1000 Euro garantiert, ohne dafür arbeiten zu müssen. Weil er diese Erfahrung mit so vielen Menschen wie möglich teilen möchte, errichtete er eine Crowdfunding-Plattform, auf der man ein Grundeinkommen für ein Jahr gewinnen kann. Bis jetzt haben 50.000 Spender die Grundeinkommen von mehr als 70 glücklichen Gewinnern finanziert.

„Faulheit“, dieses ewige Argument gegen das Nicht-Arbeiten-Müssen, sagt Bohmeyer, „wird in faden Jobs erlernt. Bis jetzt war Erwerbsarbeit der ultimative soziale Halt, wir wissen also gar nicht, womit alles wir uns beschäftigen könnten, wenn dieser Aspekt wegfiele. Abgesehen davon glaube ich, wenn die Leute sich entfalten können, arbeiten sie von sich aus mit Spaß an der Sache.“ Es geht ihm bei seiner Sache also ums Gern-Arbeiten-Können. Ein Beispiel dafür ist der österreichische Lottogewinner Dieter Dohr. Der gelernte Koch besitzt Restaurant und Tankstelle – und, seit er „drei Richtige“ freigerubbelt hat, 3000 Euro monatlich, ein Leben lang, steuerfrei. Seinen Lebensstandard hat er nach dem Geldsegen nicht groß geändert. Was er getan hat? „Zuerst war ich beten und dann den Kredit abbezahlen.“ In seinem Lokal bietet er ein preisgünstiges Mittagsmenü an.

Das Bedingungslose Grundeinkommen, zeigt Tod mit historischem Filmmaterial, kam ab den 1950er-/1960er-Jahren ausgerechnet in den USA auf. So unterschiedliche Denker wie Martin Luther King (er wegen anstehender Rassenunruhen aufgrund ungerechter Ressourcenverteilung) und Nobelpreisträger Milton Friedman (der an ökonomischen Liberalismus als höchstes Freiheitsgut des Kapitalismus glaubte) sprachen sich für die Umsetzung aus. Es gab Pilotprojekte in Seattle, Denver, New Jersey, die nie evaluiert, sondern von US-Präsident Ronald Reagan vorzeitig beendet wurden. Zu groß war offenbar dessen Angst vor einer immateriellen Welt und davor, seine Wähler könnten alle – Zitat – „mit der Hängematte im Wald verschwinden“.  Auch das filmtitelgebende Zitat „There’s no such thing as a free lunch“, wird ihm zugeschrieben, stammt aber von Sci-Fi-Autor Robert A. Heinlein.

Drogeriemarktkettenmilliardär Götz Werner hält Arbeit für unbezahlbar. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Die Schweiz hat sich im Vorjahr gegen das Bedingungslose Grundeinkommen entschieden. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Interessant auch, dass ausgerechnet im erzkonservativen Alaska eine jährliche Dividende aus dem sogenannten Alaska Permanent Fund an die Bevölkerung ausgeschüttet wird – der APF verwaltet die Gewinne aus der lokalen Ölförderung und wurde 1976 durch einen Volksentscheid eingerichtet; jeder Einwohner Alaskas erhält den gleichen Betrag, über den er frei verfügen kann -, während andernorts die Gewerkschaften gegen derlei Maßnahmen protestierten und sie schließlich verhinderten. Weil sie um ihre Existenzberechtigung fürchten, wenn „Arbeitskampf“ ausfällt?

Am Ende führt der Film nach Afrika, nach Namibia, wo der ehemalige Bischof Zephania Kameeta, nun Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, ein Grundeinkommensexperiment initiierte. „Die Idee, dass Menschen faul werden, wenn man ihnen Geld gibt, ist einfach nicht wahr“, ist auch er überzeugt. Und führt das Kamerateam zu Joseph  Ganeb und Rudolphine Eigowas. Die haben mit der finanziellen Unterstützung dasselbe getan, wie Nathan und Alissa Wardwell in Alaska: Bessere Schulen für die Kinder gesucht, ihnen eine bessere medizinische Versorgung ermöglicht. Dann kaufte sich Rudolphine eine Nähmaschine und Joseph wurde Ziegelmacher. Mittlerweile haben sie beide kleine Betriebe, die ihnen einen bescheidenen Wohlstand garantieren. Was könnte man diesen Familien für die Zukunft wünschen? Außer: Genießen Sie es!

Trailer: vimeo.com/207143853

www.facebook.com/freelunchsociety

www.filmladen.at/free.lunch.society

Wien, 2. 5. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Kasimir & Karoline

April 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein purer, ehrlicher, beinharter Horváth

Er beherrscht die lauten, wie die leisen Momente der Inszenierung: Christian Strasser als Kasimir. Bild: © Dietmar Tollerian

Und wieder eine sehenswerte Produktion im Bronski & Grünberg Theater. Regisseurin Katharina Schwarz hat „Kasimir & Karoline“ inszeniert, das Stück mit dem Untertitel „Drei Abnormitäten üben Empathie“ und ergo dem Zusatz „nach …“ versehen – doch was sie auf die Bühne stellt, ist ein so purer, ehrlicher, beinharter Horváth, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Wobei, Bühne ist nicht. Schwarz hat im kleinen Spielraum inmitten des Publikums Platz für vier Stationen gefunden, an denen die Oktoberfest-Entgleisungen stattfinden. Eine davon ist eine Karaoke-Bar, in der sich die diversen Unersättlichkeiten von der Seele gesungen werden. Eine ein schnapstrunkener Schanigarten-Campingtisch. Eine unter einer Glühbirne, hier werden die dunkelsten Ecken des menschlichen Daseins ausgeleuchtet. Und der junge Mann, der in der zweiten Reihe Lolli lutscht, gehört natürlich auch schon dazu.

Es sind drei Schauspieler, die den Horváth-Text stemmen: Christian Strasser, Katharina Wawrik und Robert Finster, und alle drei verfügen sie über ein ausgeprägtes komödiantisches Talent. Denn Schwarz hat sich das Gfeanzte bei Horváth auf die Fahnen geschrieben, ihre Arbeit changiert zwischen satirisch und sarkastisch, und es ist schon zum Lachen, wenn die berühmten Sätze wie Stammtischsprüche deklamiert werden: „Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private“, „Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm“, „Wir sind alle nur Menschen, besonders heute“ – und sehr schön: „Jähzornige Leute sind ja meistens gutmütig“.

Der Kommerzienrat hat ein Auge auf Karoline geworfen: Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Doch die lutscht lieber Lolli mit dem Schürzinger: Katharina Wawrik und Robert Finster. Bild: © Dietmar Tollerian

Schwarz zeigt ein tiefes Verständnis für die Horváth-Sprache. Sie charakterisiert über sie die Figuren, lässt ihr Trio wahlweise im brutalen Jargon, im gepflegten Dialekt oder in der vom Autor vorgeschriebenen Kunstsprache sprechen, und so macht sie Kleinbürger zu Kunstfiguren, Proletarier zu Proleten. Dazwischen, nein: in der Hauptsache, weiß sie um die Macht der Horváth’schen Pausen, seine Leerstellen im Gesprochenen, die Sprachlosigkeit und dem Ringen der Charaktere um Ausdrücklichkeit, und pflegt dies besonders sorgfältig. Die Schauspieler „schweigen“ das Unaussprechliche nicht nur an, sie loten es aus. Mit den letzten Takten aus „Cabaret“, Trommelwirbel, Tusch, werden die kurzen Szenen als quasi Blackouts getrennt.

Die Darsteller (re)agieren mit Tempo und Temperament und in erster Linie Trotz aufs Leben an sich und die Verhältnisse im Besonderen. Die Stimmung wechselt zwischen naiver Verbitterung, abgeklärtem Weltverstehen und aggressivem Selbstmitleid, man ist mal personifizierte Empörung, mal hektisch und zänkisch, die Auseinandersetzungen sind lautstark – und umso mehr berühren die leisen Momente der Aufführung. Vor allem Christian Strasser als Kasimir erweist sich diesbezüglich als ein Meister.

Mit einem Handgriff wird aus einer Rolle eine andere. Strasser verwandelt sich mit Sonnenbrille und Zigarre in den großkotzigen Kommerzienrat, Robert Finster ist – graue Strickweste an, graue Strickweste aus – bald ein schüchtern-ängstlicher Zuschneider Schürzinger, bald der Kleinkriminelle Merkl Franz, Katharina Wawrik wird mit rosa Perücke von der Karoline zur Merkl Franz seiner Erna. Es folgen Frontalangriffe mit Alkohol und Freddie Mercurys „Don’t stop me now“. Fantastisch, wie schlecht und falsch das Ensemble insgesamt singt; auf dem Höhepunkt der Handlung und seiner Verlassenheit interpretiert Kasimir/Strasser Tammy Wynettes „Stand by your man“. Auf dem Weg nach Altötting fliegen schließlich ein Büstenhalter weit und ein rechter Arm in die Höhe …

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Katharina Wawrik, Robert Finster und Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Derart subtil sind Schwarz’ Anmerkungen zur Zeitgeschichte und zum gegenwärtigen Zeitgeschehen. Am Ende folgt das Mantra ”Es geht immer besser, besser, besser …“, 1932 so aktuell wie 2017, die Rollen verschwimmen, nicht länger ist klar, wer ist wer, der Bub mit dem Bulldoggenkopf, Juanita, das Gorillamädchen, jeder Zeit ihre Monstrosität. Denn, siehe Untertitel, die Abnormitäten sind längst wir. Freigesetzt, gekündigt, vom Arbeitsplatz entfernt.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen…“ Zu sehen bis 6. Mai. Im Mai gibt es auch Zusatzvorstellungen von „Der Spieler“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24236

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 4. 2017

Kammerspiele: Lenya Story – Ein Liebeslied

März 31, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Standing Ovations für Sona MacDonald

Psychogramm einiger komplizierter Künstlerbeziehungen: Sona MacDonald als Lotte Lenya und Tonio Arango als alle ihre Männer. Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald in ihrem Element, dafür gab’s Donnerstagnacht in den Kammerspielen der Josefstadt Standing Ovations. Nach Marlene Dietrich und Billie Holiday widmet die wunderbare Schauspielerin und Sängerin all ihre Talente nun der Weill-Gattin und Brecht-Muse Lotto Lenya. „Lenya Story – Ein Liebeslied“ heißt der Abend, den auch diesmal Torsten Fischer und Herbert Schäfer für die Ausnahmekünstlerin geschaffen haben.

Und wieder versteht es MacDonald, ihre Sprache, ihre Stimme einer großen Diseuse anzuverwandeln, erneut gelingt es ihr, tief in deren Seele abtauchen – und nicht als Kopie, sondern als ein eigenständiger „Klangkörper“ ihre Geschichte zu erzählen. Dass Timbre und Temperament stimmen, versteht sich. MacDonald „kann“ die Lenya mit ihren eigenwilligen Tönen, die mal hell klirren wie zerstoßenes Glas, mal wund und rau sind, wie mit Sandpapier geschmirgelt. Sie kann ihren unbändigen Elan und den puren, rohen Sex-Appeal, sie changiert zwischen Schutz suchendem Mädchen und rotzfrecher Straßengöre. Wie sie da auf der Bühne steht, scheint auch sie eigens geschaffen zur Heldin der Brecht-Weillschen Gossenwelt mit ihren Lumpen, Gaunern und leichten Madämchens. „Sie kennen ja die berühmten Zwanzigerjahre. Jede Frau war eine femme fatale, und alle schliefen miteinander“, sagt Lenya launig.

MacDonald atmet den Zeitgeist dieser Zwanziger- und Dreißigerjahre; Fischer, ein Experte für solcher Art Aufführungen, fügt geschickt die Zeitgeschichte hinzu. Entlang von Lenyas Biografie und der Weill-Musik macht er die politischen Machtverhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts greifbar. Die Bühne zeigt eine Welt in Schieflage, der Schnee, der auf den Steilhang fällt, wird mehr und mehr zu Ruß und Asche. Man ringt buchstäblich wie bildlich um Widerstandskraft und Standhaftigkeit; jeder Song gilt dazu als Zitat über gesellschaftliche Zu- und Umstände: „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, „Berlin im Licht“ und natürlich und vor allem „Wie lange noch“. Ein hervorragendes Musikerquartett, Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl und Klaus Pérez-Salado, interpretieren einiges an Neu- und Wiederentdeckungen so stimmig, wie die Gassenhauer aus der „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ oder „Happy End“.

Alter Bilbaomond! Wo noch die Liebe lohnt… Bild: Moritz Schell

Du hast kein Herz, und ich liebe dich so … Bild: Moritz Schell

Was dieses Sona-MacDonald-Fest aber vor allem anderen auszeichnet, ist ihr Bühnenpartner Tonio Arango. Mit ihm wird das Solo für Sona zum Psychogramm eines komplizierten Künstlerpaares. Er schlüpft in die Rollen aller Lenya-Männer, gibt mit Glatze und Nickelbrille den Lebensmenschen Kurt Weill, mit Schiebermütze und Zigarre kurz Bert Brecht, die Ehemänner zwei und drei, George Davis und Russel Detwiler, und diverse andere Liebhaber. Spielt einen James Bond, dem die Lenya als KGB-Offizierin Rosa Klebb „Liebesgrüße aus Moskau“ schickt. Dann wieder feiert Sie mit roter Federboa und Er mit Zylinder und Strapsen – die Exzellenz der Dekadenz. Kein Wunder, erscheint ihnen später New York langweilig und Hollywood als spießiges Nest.

Es ist ein pralles, fiebriges, mitunter arg anekdotisches Dasein, das die Inszenierung zeigt. Ein Dasein, das sich den öffentlichen Blicken fast nie entzogen hat. Ein Arbeiterkind aus den ärmlichsten Verhältnissen der Penzinger Ameisgasse ist die Lenya. Das Wienerische hätte ihr die Musik ins Blut geimpft, sagt sie auf Nachfrage gern. „Wenn ich mich nach dir sehne“, schreibt Weill einmal, „so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du für mich ganz enthalten, alles andere ist nur ein Teil von dir, und wenn ich mich in Deine Stimme einhülle, bist Du ganz bei mir.“ Den Briefwechsel der beiden haben Fischer und Schäfer als O-Ton-Grundlage für ihre Stückdialoge verwendet.

Im New Yorker Exil: Tonio Arango als Kurt Weill mit Sona MacDonald. Bild: Moritz Schell

Man erfährt, er wollte nicht mehr sein als ihr „Lustknabe“, und: Er nennt sie seine „Mistblume“. Was die beiden auch verbindet, ist ihr Hang zu sarkastischem Humor. Zwei Menschen, einer des anderen Schicksal, zwei Mal miteinander verheiratet, trotz unzähliger Seitensprünge eine ewige Treue – und als er stirbt, stürzt sie ins Bodenlose. In diesem Moment gibt MacDonald alles, gibt sich hin und verausgabt sich.

Am Ende merkt man, sie braucht, um aus dieser intensiven Performance zu sich zu kommen. Da steht sie, Tränen glitzern in den Augen, das Makeup ist verschmiert – und wie schön ist sie so. Das Publikum hatte noch lange nicht vor, nach Hause zu gehen. Wie sich am Applaus zeigte. Grad, dass man sich’s verkniff, „Zugabe“ zu rufen …

Video: www.youtube.com/watch?v=NRzIOcGTtT0

www.josefstadt.org

Wien, 31. 3. 2017