Burgtheater: Hiob

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …

Herr, du schufst den Löwen und das Lamm: Peter Simonischek ist Mendel Singer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Schallplatte im Kopf läuft ständig dieses „Widiwidiwidi widiwidiwidi bum!“, was nicht verwunderlich ist, wandelt sich Mendel Singers „schreckliches Lied“ in der Regie von Christian Stückl doch zur klischeebehafteten Anatevka-Angelegenheit. Das Burgtheater hat den Oberammergauer Passionsspielleiter eingeladen, am Haus Joseph Roths Roman „Hiob“ auf die Bühne zu heben, und der Mann fürs Grob-Religiöse greift dermaßen in die Vollen, von Schläfenlocken über Kippa bis Tallit Katan, dass die Frage nicht ist, ob das sein muss, sondern, ob diese Karikatur ostjüdischen Lebens schlechterdings sein darf.

Dass ihm zur Textfassung von Koen Tachelet, die man in Wien schon inszeniert von Johan Simons bei den Wiener Festwochen und Michael Sturminger am Volkstheater gesehen hat, zu diesem so zeitlosen wie schon wieder an der Zeit-igen Weggehen-Müssen und nirgends mehr Ankommen-Können, nichts nennenswert Neues eingefallen ist, ist sträflich. In Stückls archaischer Aufführung suchen Spitzenkräfte der Burg nach ihrer Position, sie ist weder Archetyp noch Menschenwesen, sondern bestenfalls Schablone, holzschnittartig, geritzt mit je einer Eigenschaft.

Derart freilich ist einem Roth, der mit seinem mit Gott hadernden Thoralehrer eine der bewegendsten Figur der österreichischen Literaturgeschichte geschaffen hat, nicht beizukommen. Selbst, wenn ein Ausnahmeschauspieler wie Peter Simonischek all sein Herzblut in seine Rolle steckt – und dafür vom Publikum mit entsprechendem Applaus bedankt wird. Simonischeks Mendel Singer steht von Anbeginn in den Wogen des Schicksals, die Ausstatter Stefan Hageneier als Setting entworfen hat, hinten schon der für die einen Verheißungsschriftzug, für die anderen The Writing On The Wall – „AMERICA“, vorne der offenbar unvermeidliche Kofferhaufen der Diaspora; die Musik von Tom Wörndl natürlich Klezmer-Klänge mit klagender Klarinette. Und er betet, der selbstgerechte Rechtgläubige, memoriert die Heilige Schrift, während sich hinter ihm sein bevorstehender Exodus schon ankündigt. Ein Zeichen der Widduj, ein Schlagen auf die Brust, ein Emporrecken der Arme, ein wenig Schockeln im Takt der Psalmen – Stückl lässt auch punkto Bewegungsmuster kaum eine konnotierte Geste aus.

In einer erschreckenden Szene wollen die Geschwister Menuchim ertränken: Tino Hillebrand mit Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In God’s Own Country wird gern getanzt: Regina Fritsch, Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Immerhin, Simonischek rettet seinen Mendel vorm Unerträglich-Sein, indem er aus ihm einen Unerträglichen macht, einen grantigen, gottergebenen, anderen gegenüber süffisanten Mann, dem man keiner Familie als Vater wünscht, später, von Amerika „zerschmettert“, irregeleitet in dem Hochmut, anzunehmen, er sei der einzige, den der Herr straft – und im nunmehrigen Unglauben so eifrig wie davor im Glauben, so dass er seinen persönlichen Messias gar nicht zu erkennen vermag.

Einiges hätte sich daraus zum Thema Fundamentalismus herleiten, hätte sich über Vaterland und Muttersprache oder übers Verhaftet-Bleiben im Altherbrachten sagen lassen, der Dramaturg Florian Hirsch schreibt im Programmheft unter dem Titel „Losing My Religion“ auch lesenswert über „Heimatverlust und Flucht, uferlose Einsamkeit und die vergebliche Suche nach Aufklärung über die letzten Dinge“, aber ach …

Rund um Simonischek hat man sich aufs Hersagen der Sätze als wären’s Bibelverse verlegt. Regina Fritsch gibt Mendels Frau Deborah als knarzige Alte mit Glasscherbenstimme, zänkisch aus Verzweiflung, Stephanie Dvorak die Tochter Mirjam als personifizierte Hysterie.

Deren psychischer Zusammenbruch schließlich gar nicht mehr verwundert. Christoph Radakovits und Oleg Tikhomirov sind als Söhne Schemarjah und Jonas beziehungsweise Amerikaner Mac – und Stückl hat hier weder auf Cowboystiefel noch Stetson vergessen – anwesend, Hans Dieter Knebel, Peter Matić und Stefan Wieland als diverses Volk und Freunde nicht einmal das. So bleibt es Tino Hillebrand als Menuchim überlassen, sich in Charaktergestaltung zu versuchen. Er tut es mit einigem Geschick, wie eine Puppe, die sich von den Mitspielern bewegen lässt, ein Sprachberaubter, der zu den Seelenverwerfungen der anderen nicht mehr als zucken kann.

Ausdrucksstarkes Spiel: Tino Hillebrand als Menuchim mit Regina Fritsch als Deborah. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mendel Singer schwört mit brennendem Eifer Gott ab: Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist eine von drei nennenswerten Szenen, wenn Hillebrands Menuchim, als „Krüppel“ nicht in God’s Own Country gelassen, geheilt und zum berühmten Komponisten geworden, den Vater aufsucht – und statt Wiedersehensfreude die Distanz der Jahre, der Geschehnisse, der Kontinente zwischen den beiden steht, so dass man sich nicht einmal zu umarmen weiß. Auch am zweiten starken Bild hat Hillebrand Anteil, unerwartet und schockierend, als die Geschwister den behinderten Bruder ertränken wollen. Und schließlich Simonischek in einem Moment der Heiterkeit, wie er im Neuen Jerusalem – New York kurz à la Satchmo singt.

Joseph Roth schrieb seinen „Hiob“ 1929 in Paris, wo er sich zehn Jahre später zu Tode getrunken hatte. Und wenn er in seiner unsentimental-sublimen Sprache über bevorstehende Pogrome und Soldatenschrecken schreibt, dann hat der Pazifist, Moralist, Antifaschist die Zukunft Europas gewohnt luzide vorweggenommen. Von diesem Geist ist an der Burg kaum etwas zu spüren. Bleibt zum bitteren Ende, das Buch Hiob zu zitieren: „… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …“

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  1. 2. 2019

Akademietheater: Zu der Zeit der Königinmutter

Februar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vorhänge zu und alle Fragen offen

Der Fremde wird konfrontiert mit Feindseligkeit: Elena Todorova, Patrick Dunst, Markus Hering, Mirco Kreibich, Christian Pollheimer, Simon Jensen und Sven Dolinski. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Nein, dass sich einem dieser Abend erschließt, kann man wahrlich nicht behaupten. Soll er mutmaßlich auch nicht. Denn Autor Fiston Mwanza Mujila, 1981 in der Demokratischen Republik Kongo geboren, seit zehn Jahren in Graz lebend und mit seinem Debütroman „Tram 83“ gleich auf der Longlist für den Man Booker International Prize gelandet, versteht sich als Poet, dessen Sache nichts weniger ist, als Wirklichkeit abzubilden. „Aus Chaos entstehen Texte“, ist sein Ausspruch dazu.

Mit seiner Mythensammlung „Zu der Zeit der Königinmutter“, gestern von Regisseur Philipp Hauß am Akademietheater zur Uraufführung gebracht, hat er Neues versucht. Zunächst einmal, erstmals auf Deutsch zu schreiben. Und das merkt man dem Stück, das keines ist, das keinen Plot hat, kein klar zu fassendes Thema umreißt, durchaus an. Mwanza Mujila, der gerne Saxophonist geworden wäre, komponiert seine Schriften im Jazzflow, liest er sie selbst, tut er das lachend, schreiend, singend, und so war’s ihm wohl diesmal darum getan, den Klang seiner nunmehr sechsten Sprache auszukosten. Tatsächlich erinnert seine Arbeit mit ihren sich steigernden Assoziationsketten, den prallen Bildern und dem dichten Rhythmus auch an die explosive Vielfarbigkeit der Gemälde eines Bona Mangangu. „Zu der Zeit der Königinmutter“ ist ein Text mit wenig Angeboten fürs Theater. Dafür entschädigen die zahlreichen Geschichten, von afrikanischen bis biblischen, die man erzählt bekommt.

Dies von einem hervorragenden Ensemble, allen voran die wunderbare Gertraud Jesserer, allesamt virtuose Sprachspieler, die durch ihre Intonation das weitgehende Fehlen von Interaktion vergessen machen. Schauplatz ist, wie schon in „Tram 83“, ein Schankraum, die New-Jersey-Bar, von der Minimalistin unter den Bühnenbildnern, Katrin Brack, einzig durch als Vorhänge eingesetzte bunte Stoffbahnen gestaltet, ein Zufluchtsort für Gestrandete, ein zwielichtiges Völkchen, das in Raum und Zeit festzustecken scheint. Sven Dolinski und Simon Jensen changieren als Mannfrauwesen zwischen Prostituierten und Sapeurs, ihre pastelligen Teddyplüschmäntel konterkariert die Band, Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Elena Todorova, mit Black-Sabbath-Akkorden. Hauß‘ Humor ist unbedingt ein surrealer.

Gertraud Jesserer erzählt vom gewaltsamen Tod der Königinmutter; hinten: Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Simon Jensen. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Mirco Kreibich erzählt vom schrecklichen Schicksal des Lehmjungen Solo. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Markus Hering könnte man mit Fatsuit und fettigen Haarsträhnen als ekligen Wirt interpretieren, so wie eben alles der Interpretation des Betrachters überlassen ist. Auftritt mit Mirco Kreibich ein Fremder, makellos gekleidet, herummäkelnd am Bier und an den sanitären Anlagen – und kurz riecht es nach Streit. Die meiste Zeit aber tauscht man sich über Legenden aus. Die von Jakob, der zu Mamba Muntu, der menschenfressenden Schlange, wurde, die vom König, der nicht schlafen konnte, die vom Lehmjungen Solo, der sich entgegen der Warnungen seiner Eltern dem Regen aussetzt und auf schreckliche, schmerzhafte Weise zerfließt.

Und wenn da gesagt wird: „Solo konnte nicht einmal jammern, weil er kein Gesicht, keinen Mund und keine Nase mehr besaß. Ein großes Loch in der Mitte seines Gesichts … Er konnte weder sehen noch schreien. Sein Kopf war halb matschig, halb zerstört … Sein Körper knackte“, kann man schwer umhin, nicht an die Geschichte des Kongo zu denken, Gewalt und Folter und systematische Säuberungen von Leopold II. bis Mobutu – in dessen Kleptokratie Fiston Mwanza Mujila ja noch zur Welt kam. „Der Hass hat einen Bauch und zwei Füße“, heißt es an einer Stelle.

Doch Mwanza Mujila definiert nicht näher, was er mit diesen Passagen, manche wie Glaubenssätze, manche die Fragwürdigkeit von Heimat und Herkunft ausstellend, manche über Goldminen und gierige Männer, meint. Einmal sagt Markus Hering: „Ich übernehme die Verantwortung für den Kolonialismus und die Sklaverei“, und wird wegen „billiger Philosophie“ gescholten, einmal verortet Mwanza Mujila ein Ereignis: Der immer wieder beschworene „Fluch von 1976“ kann als das erste bekannte Ausbrechen des Ebola-Virus in Yambuku gedeutet werden. Mehr durchdekliniert wird an diesem suggestiv-kakophonischen Gedicht nicht, Philipp Hauß, er ebenfalls ein Musiker, er spielt die Geige, hat all seine inszenatorische Energie in die Schauspielerführung und ins Atmosphärische investiert und auf das Dechiffrieren von Codes verzichtet. Man selbst hat vielleicht zu viel und zu erhitzt Jean Ziegler und Emmanuel Mbolela gelesen und Milo Rau gesehen.

Auch getanzt wird in der Bar: Patrick Dunst, Mirco Kreibich, Simon Jensen, Markus Hering, Sven Dolinski, Komparsen-Bär und Gertraud Jesserer. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Am Ende – die Jesserer. Die bis dahin meist stumm das Tun der anderen verfolgte. Nun aber erzählt „die kleine Gertraud“, woran sie sich vom Ende der Königinmutter erinnern kann. Die die Menschen bei sich aufnahm, ihnen Nahrung und Kleidung gab – und als Prophetin ihren Tod vorhersah, ihr Sterben durch ein Messer. Allein das dunkel raunende Timbre ihrer Stimme lässt einen nicht mehr denken, Mwanza Mujilas Partitur weiteren Analyse- unternehmungen zu unterziehen.

So bleiben, um einen Großen zu paraphrasieren, Bracks Vorhänge zu und alle Fragen offen.

www.burgtheater.at

  1. 2. 2018

Glück ist was für Weicheier

Februar 6, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Wuttke schwört auf Walgesänge

Stefan Gabriel, Alleinerzieher zweier Töchter, arbeitet als Bademeister und ehrenamtlich als Sterbebegleiter: Martin Wuttke. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zum Schluss des Films hebt sich die Kamera von Christian Stangassinger hoch über die Siedlung. Eine Kleinstadt, die an Wald und Wiesen grenzt, die schmuck- wie geschmacklosen Häuser an den Baustil der 1960er-Jahre erinnernd, alle so ziemlich gleich, die Rollläden herunten, mit zugepflasterten Hinterhöfen und lange nicht mehr benutzten Swimmingspools.

Das Setting macht den Film, und dieses, Spießbürgertum und Kleingeistigkeit geradezu atmend, könnte ein übliches Die-Provinzler-zur-Rechenschaft-Ziehen sein. Ist es aber nicht. Denn in „Glück ist was für Weicheier“ von Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu, ab Freitag in den Kinos, geht es nicht um die Grenzen im Kopf, sondern um die, die einem der eigene Körper setzt. Protagonistin ist Jessica, ein burschikoses Mädchen, darob eine Außenseiterin, die im pubertär beginnenden Boy-meets-Girl-Spiel ihren Platz sucht. Lăzărescu erzählt das mit großer Liebe und viel Respekt für die von ihr abgefilmten Figuren und einem leisen, subtilen Witz, der nie verletzend oder holzhammerig wird. Denn die Handlung ist tatsächlich alles andere als zum Lachen, leidet Jessicas Schwester Sabrina doch an einer tödlichen Lungenkrankheit.

Und während sie schon ihr Begräbnis samt Brass-Musik organisiert, schmieden die beiden noch einen letzten Plan. Die Entjungferung, heißt: Sex, soll das Sterben abwenden, so steht es zumindest in den pseudo-okkulten Büchern, die Jessica und Sabrina wälzen – und für die Tat muss ein Kandidat gefunden werden. Lăzărescu findet dafür eine gehörige Prise absurden, doch nie überzogenen Humors. Sie nimmt ihr Thema überaus ernst, aber es ist eben zum Schmunzeln, wenn der Vater der Töchter, Bademeister und ehrenamtlicher Sterbebegleiter, im Hospiz einem Dahinscheidenden zeitgleich den „Orgasmus des Todes“ schildert, und in seiner Euphorie zu helfen erst gar nicht merkt, dass sein Gegenüber längst gegangen ist.

Mit seiner burschikosen, zwangsneurotischen Tochter Jessica: Martin Wuttke und Ella Frey. Bild: © Bernd Spauke

Mit seiner todkranken Tochter Sabrina: Martin Wuttke und Emilia Bernsdorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt ganz wunderbar diesen Stefan Gabriel, der seit dem Tod seiner Frau Alleinerzieher ist, und bemüht, drei Leben in den Griff zu bekommen, obwohl ihm diese mehr und mehr entgleiten. Um Stress abzubauen, hört er via CD Walgesänge. In diesen Augenblicken zieht Wuttke selig lächelnd durch die Straßen, aber derart Momente dauern nur kurz. Hat er doch nicht nur mit den körperlichen Beschwerden von Sabrina zu kämpfen, sondern auch mit Jessicas seelischem Zustand, die sich ob der familiären Verhältnisse in diverse Zwangsneurosen hinein manövriert hat.

Als da wären das unkontrollierbare Rauf- und Runterziehen von Socken wie der Glaube an die Gefährlichkeit verschiedener Zahlen. Und zahlreiche andere ausgefeilte Ticks. Ungelenk ist ein passendes Wort für die Art, wie sich die Figuren bewegen, und ungelenk ist auch der Psychotherapeut, Christian Friedel, zu dem Jessica geschickt wird, oder die Leiterin der caritativen Einrichtung, Sophie Rois, die bei Stefan einen Annäherungsversuch unternimmt, der natürlich scheitern muss.

Die einzige, die hier ihrer selbst bewusst zu sein scheint, ist Emilia Bernsdorf als die stets durchgestyle, scheußlichste Horrorfilme wie einen Fetisch betrachtende Sabrina. Sie ist, was man eine alte Seele nennt. Dass diese Coming-of-Age-Geschichte niemals zur Karikatur gerät, sondern immer wahrhaftig bleibt, liegt allerdings überwiegend an Ella Freys Jessica, die sich schließlich in den einen, älteren, Mitschüler verliebt, nur um zu erkennen, dass der andere, gleichaltrige, die für sie bestimmte Wahl ist. Aus dem Off lässt Lăzărescu deren Gedanken herbeiflüstern, dieses Gerade-noch-Kind, das sich zur Schadensabwehr in „heilige“ Rituale flüchtet, schwer gezeichnet von dem, was es tragen muss.

„Glück ist was für Weicheier“ ist ein stiller, unsentimentaler Film mit Zeitpunkten komischer Verzweiflung. Etwa, wenn Wuttke einen um sein Leben strampelnden Marder aus dem Pool befreit, nur um später auf der stolzen Probefahrt mit dem angedacht neuen Auto einen Hirsch anzufahren. Dessen starkes Geweih umklammernd, kann er nicht verhindern, dass das Tier von ihm geht. Welch ein Symbolbild.

Ein vergeblicher Annäherungsversuch: Sophie Rois geht als Sterbehospiz-Leiterin aufs Ganze, aber Martin Wuttke will eigentlich nur reden. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt unprätentiös und authentisch und ergibt sich ganz der resignierten Sprödheit seiner Figur. Ella Frey, die 15-Jährige fällt nicht zum ersten Mal positiv auf, bezaubert mit ihrer ausdrucksstarken Darstellung. Ein verstörter Teenager, weil sie sich in ständiger Gefahr glaubt, dass etwas Schlimmes passieren wird. Was dann selbstverständlich auch eintritt.

Wuttkes Bademeister Gabriel wird schließlich ein Mädchen retten, vor dem Ertrinken, und diese Tat wird eine sein, die er für sein eigenes nicht wiederholen kann. Starker Stoff, karge Bilder, draußen ist Leben, doch drinnen zieht es vorbei – aber immerhin das Ende ist lyrisch und zart.

www.glueckistwasfuerweicheier-film.de

  1. 2. 2019

Belvedere 21: Attersee. Feuerstelle

Januar 30, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Würfel-BH, Weinetikett und Serviettenzwilling

Christian Ludwig Attersee: Feuerstelle, 2011. Privatbesitz. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht, Wien, 2019

Das Belvedere 21 würdigt Christian Ludwig Attersee ab 1. Februar mit einer umfassenden Ausstellung, die sein Frühwerk in den Fokus rückt. Mit bisher wenig bekannten Arbeiten zeigt die Schau „Feuerstelle“, wie Attersee den Umbruch in der künstlerischen Produktion ab den 1960er-Jahren aktiv gestaltet und begleitet hat. In seiner fast sechzigjährigen Künstlerkarriere hat Christian Ludwig Attersee erfolgreich alle Kategorisierungen der Kunstgeschichte unterlaufen. Sukzessive ebnet er ästhetische Grenzen.

Zwischen High und Low, zwischen Pop und Moderne, zwischen freier und angewandter Kunst. Vom Würfel-BH bis zum Prothesenalphabet, vom Weinetikett bis zur Attersee-Wurst, von der Briefmarke bis zum Attersee-Haus – der österreichische Künstler „atterseeisiert“ seine Welt und macht seinen eigenen Namen zur Trademark. Vögel, Fische, Blumen, Speisen, Früchte, Frauen, Horizont, Segelsport und Wetter gehören seit den Anfängen zu seiner Ikonografie und bilden ein allumfassendes Narrativ, dessen zahllose Geschichten erst bei näherer Betrachtung Konturen annehmen und lesbar werden. Attersees Werk schöpft aus seiner eigenen Biografie und seinem Alltag genauso wie aus der Kunst und ihrer Geschichte.

Christian Ludwig Attersee: Butterbrot mit Rehflocken, 1974/1975. Privatbesitz. Bild: Atelier/ Archiv Attersee, Wien, © Bildrecht, Wien, 2019

Christian Ludwig Attersee: Serviettenzwilling (Selbstbildnis Als), 1975. Privatbesitz. Bild: Atelier/ Archiv Attersee, Wien, © Bildrecht, Wien, 2019

Der besondere Fokus der Ausstellung im Obergeschoss des Belvedere 21 liegt auf den ersten zwanzig Jahren von Attersees Schaffen, in denen der Künstler die komplexe Vielfalt seines gesamten Werks formuliert. Gezeigt werden Arbeiten aus zahlreichen Genres, wie Zeichnungen, Collagen, Malerei, fotografische Serien, Teppiche, Filme, Musik, Objekte oder ausgewähltes Produktdesign. Christian Ludwig Attersees unverwechselbares Œuvre wird so in großem Umfang zugänglich gemacht.

www.belvedere21.at

30. 1. 2019

JOY

Januar 16, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Afrikas Armut in die Wiener Zwangsprostitution

Joy ist gefangen im Teufelskreis aus Menschenhandel und sexueller Ausbeutung: Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Vertrau niemandem, auch nicht mir, genauso wenig wie ich dir vertraue“, das ist der erste Rat, den die erfahrene Joy der Neueinsteigerin Precious gibt. Gerade hat ihr die Madame die Verantwortung über das Mädchen erteilt, doch zuvor war die Unwillige noch von deren Handlangern vergewaltigt worden – um sich ans Gewerbe zu gewöhnen. Eine Tat, die vor allen anderen Frauen der Madame geschah.

Eine Machtdemonstration der einen, der Versuch der anderen nur nicht hinzuschauen und -zuhören. Die Kamera fährt derweil Gesicht für Gesicht über deren versteinerte Züge. So etwas wie Mitgefühl oder Solidarität liegt darin nicht. Auf Festivals von Venedig bis Sevilla, von London bis Chicago bereits ausgezeichnet, läuft „JOY“ von Sudabeh Mortezai am Freitag hierzulande in den Kinos an. Die Wiener Filmemacherin erzählt darin die Geschichte ebendieser, aus Nigeria stammend und „illegal“ in Österreich, die im Teufelskreis von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung gefangen ist. Sie arbeitet in Wien als Prostituierte, will sich von ihrer Zuhälterin freikaufen, gleichzeitig ihre Familie daheim unterstützen und ihrer kleinen Tochter hier eine Zukunft sichern. Zehntausende Frauen aus Nigeria fristen in ganz Europa auf Straßenstrichen und in Bordellen ihr Dasein.

Sie sind Teil eines elaborierten und perfiden Systems moderner Sklaverei, betrieben von eben jenen Mesdames, die früher selber Sexarbeiterinnen waren und von Opfern zu Täterinnen aufgestiegen sind. Die Männer sind ausschließlich die Schlepper, doch an beide müssen die „frisch Gelieferten“ horrende Schulden abbezahlen. 50-60.000 Euro bei gerade mal 50 Euro pro geleistetem Dienst.

Betretenes Schweigen als Precious vergewaltigt wird: Angela Ekeleme als Madame. Bild: © Filmladen Filmverleih

Precious wird von Joy für die Prostitution ausgestattet: Mariam Precious Sansui und Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Mesdames begutachten frische Ware. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die idealisierte Vorstellung vom Leben in Europa bröckelt schon mit Mortezais ersten Bildern. Sie zeigt die Frauen im Wortsinn am Rande der Gesellschaft, irgendwo im Nirgendwo einer schlecht beleuchteten Gasse und ihre Angst in ein anhaltendes Auto einzusteigen, zeigt sie später in ihrer desolaten, ebenfalls von der Madame zur Verfügung gestellten Unterkunft, zu viele in zwei Zimmern, an der Wand ein Beyoncé-Poster: „Power is not given to you. You have to take it“.

Zeigt eine Parallelwelt aus Beautysalons für schwarze Frauen, in denen Joy Precious aufstylen lässt, oder der Chapel Of His Glory Parish Vienna, wo sonntags die Messe gefeiert wird, zeigt auch die Hilflosigkeit der Hilfsorganisationen. Dies größtenteils ohne Worte, die wenigen, die fallen sind in Englisch oder Pidgin, selten Deutsch, erst langsam erschließen sich dem Betrachter derart die Zusammenhänge, und einmal durchschaut sind die Verhältnisse nur umso unfassbarer.

Mortezais dokumentarisch anmutender Stil, die Authentizität, die Härte des Gezeigten, unterstützt durch die Kameraführung von Klemens Hufnagl, die Ausstattung von Julia Libiseller und Kostümbildnerin Carola Pizzini, stellt den Zuschauer mitten unter die Betroffenen, mitten hinein in die Ereignisse. Wie in „Macondo“, ihrem Film über einen tschetschenischen Buben in einer Flüchtlingssiedlung am Wiener Stadtrand, arbeitet Mortezai auch diesmal mit Laienschauspielerinnen und -schauspielern.

Die sie in der hiesigen nigerianischen Gemeinde gefunden hat. Ganz großartig, mit einer berührenden Mischung aus einer zum Überleben notwendigen Resolutheit und würdevoller Resignation, spielt Joy Alphonsus die Joy, Mariam Precious Sansui die Precious und Angela Ekeleme die Madame. Vieles am Film ist improvisiert, und so begeistert, mit welcher Präzision Mortezai ihre Darsteller durch die Ambivalenz ihrer Figuren navigiert, mit welch hohem Grad an Glaubwürdigkeit sie deren sonst kaum einsehbares Milieu veranschaulicht.

So gelingen starke Szenen. Etwa die von Joy und dem von Christian Ludwig verkörperten Freier Christian, der sie in einer von ihm gemieteten Wohnung als Privatprostituierte haben, sie besitzen und kontrollieren will, doch sofort einen Rückzieher macht, als sie sich seiner „Pretty Woman“-Fantasie entzieht. Oder die vom Mädchenmarkt in einem schäbigen Hinterzimmer, wo die Mesdames neue Ware begutachten und einkaufen. Da hat Joy ihr „Darlehen“ bereits getilgt und kommt ebenfalls vorbei, um sich umzusehen. Sie hat vor, im Geschäft zu bleiben und auf eigene Faust weiterzumachen, heißt: selber eine Madame zu werden, ganz klar, eine Alternative dazu tut sich schließlich nicht auf. Sie ist kein politischer Flüchtling, kommt aus keinem Kriegsgebiet, und sagte sie gegen ihre Madame aus, würde das nicht automatisch ein Bleiberecht bedeuten.

Wie nebenbei schafft „JOY“ auch das Kunststück Momente der Unbeschwertheit erahnen zu lassen. Eine Art Alltagsnormalität, private Momente, Joy mit ihrem Kind auf dem Spielplatz, die Frauen, wie sie zu Musikvideos singen und tanzen. Auch die Verstrickung des Juju in den organisierten Menschenhandel erklärt der Film. Einmal sieht man einen dieser Aberglaubenpriester Fingernägel und Schamhaare und Unterwäsche eines Mädchens als Pfand in einen Beutel stopfen, ein Huhn wird darüber ausgeblutet, die Drohung von Unheil und Tod bei Ungehorsam ausgesprochen. Die Frauen halten den Zauber für real, fühlen sich bis Europa davon verfolgt und fürchten sich davor.

Joys kleine Tochter lebt bei einer Wiener Pflegefamilie: Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

Umso irrwitziger wirkt darauffolgend eine Episode in einem urigen Wirtshaus, in das Joy und Precious auf einen wärmenden Tee einkehren. Da tritt der Nikolaus mit seinen Krampusperchten in die Stube. Deren zotteligen Ziegenfelle, die grässlichen Fratzen, die für sie fremde Exotik des Vorgeführten verblüffen die beiden, die Glockengürtel dröhnen bedrohlich, Sünder werden gesucht – und die Einheimischen singen „Lasst uns froh und munter sein“ …

www.filmladen.at/JOY

  1. 1. 2019