Theater an der Wien via fidelio: Saul

Mai 9, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Macht macht Migräne

Das Volk macht für den neuen Herrscher die Welle: Jake Arditti als David, David Webb als High Priest und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Vor drei Jahren wurde Claus Guths szenische Umsetzung des Händel-Oratoriums „Saul“ zum Triumph für das Theater an der Wien. Anstatt der ursprünglich angestrebten Wiederaufnahme blieb Corona-bedingt nun allerdings nur die gestrige Bildschirm-Premiere via www.myfidelio.at, wo der Bühnenfilm von Tiziano Mancini ab sofort in der Klassithek abzurufen ist. Und hat die Pandemie für die darstellende Kunst irgend gewirkt, sodass sich immer freihändiger und leichtfüßiger

dem Medium mit der Kamera angenähert wird, kurz: Mancinis Arbeit, er hielt unter anderem den extravaganten Valencia-Ring von La Fura dels Baus für die Ewigkeit fest, Mancinis Arbeit also macht aus der Guth’schen ein eigenständiges Kunstwerk, dessen Vorzüge man sich auch als selbstverständlich Live-Bevorzuger nicht entgehen lassen sollte. ‘S beginnt bereits bei der Ouvertüre, der Blick in den Orchestergraben, wo ein verschmitzt dirigierender Christopher Moulds das Freiburger Barockorchester zum sinnenfroh neckischen Spiel bittet, und welch Charakterköpfe da an den biblischen Pauken und Posaunen sitzen.

Derart viel Mühe und Geldmittel – unter anderem heutige 130.000 Euro für eine eigens angefertigte Orgel – verwendete Händel darauf, exotisch-antik gedachte Instrumente aufzutreiben, dass sein Librettist Charles Jennens über dessen “Head more full of Maggots than ever” klagte. Es erklingt das Carillon, eine Art Glockenspiel mit Tastatur, dessen Töne als kleine, böse Chaos-Männchen durch Sauls Kopf tippeln. Eindrucksvoll ist das alles, der Auftritt von Florian Boesch als feindesblutüberströmter Kriegerkönig, dem sein Volk aka der Arnold Schoenberg Chor huldigt. Close-ups vom gestrengen, auch selbstzufriedenen Gesicht, der stolz hochgezogenen Augenbraue, den nackten, wunden Füßen, Sauls gleichsame Longinuslanze/Speer des Schicksals, der gottgewählte Selbst-/Gerechte, der the Writing on the Wall eigens besorgt, dem dessen Symbolik aber entkommt.

Solches geht nur mit solchen Sänger-Schauspieler-Charismatikern. Boesch leistet körperliche Schwerstarbeit, und kippt er im Wortsinn vom Stuhl, fragt man sich, wie in der Position singen überhaupt noch geht. Boesch brilliert mit Bühnenpräsenz, einer Lear’schen Urgewalt und vokaler Strahlkraft, der bärbeißige Bassbariton leidet mit Donnerhall Rotz und Wasser und unter offenbar heftigen Kopfschmerzen – To him ten thousend, and to me but thousands!

Dieser „Saul“ ist und bleibt eine Sternstunde, die Geschichte eines Großen, der vom jüngeren, besseren, beliebteren, schließlich populistischeren rechts überholt wird. Drei Sätze bis zum Selbstmord. Dazu passen die Prosekturkacheln in Ausstatter Christian Schmidts Seelenlandschaften, die sich auf der Drehbühne mit einer archaischen Felsenwüste und einem dunkelroten Salon abwechseln, dessen Bodenbelag … einmal, als die Kamera in die Totale geht, hat man dies Bild vor Augen, alle sind wir des Schöpfers Schachfiguren.

Brillante Performance als bärbeißiger Bassbariton: Florian Boesch als Saul. Bild: © Monika Rittershaus

Die 4er-Orgie: Anna Prohaska, Jake Arditti, Rupert Charlesworth und Giulia Semenzato. Bild: © Monika Rittershaus

Dienstmädchen from Hell: Rafał Tomkiewicz mit Florian Boesch. Bild: © Monika Rittershaus

Und welche Bilder gefunden werden. Da liegt ein Männerkörper, Augen zu, Kopf schlafend, nein, es ist der abgeschlagene des Goliath, und es erhebt sich handsome Countertenor Jake Arditti, wär‘ dies die Zauberflöte, man müsste „ein holder Jüngling, sanft und schön“ sagen. Arditti, in der Corona-Pause nicht nur was den Bizepsumfang betrifft, sondern auch stimmlich gewachsen, ist als David kein Schlachtenheld. Unsicher stakst er, wankt, weiß nicht, wie ihm geschieht – und schon kniet alles vor ihm, Triumphgesang der Israeliten, der immer spielfreudige Arnold Schoenberg Chor choreografiert von Ramses Sigl.

Dieser David mit seinem bubenhaften Charme ist Typ „Frauen lieben ihn, Männer wollen so sein wie er“, Guth und Schmidt haben für seine immer hoheitsvoller werdenden Kostüme ein reines Weiß gewählt, Schwarz für Saul Boesch, und es gehört zu dieser zeichenhaften Inszenierung, dass der Chor in weißem Hemd und schwarzem Anzug nach und nach die Farbe wechselt. Während sich also Arditti zur Air, O king, your favours with delight I take, but must refuse your praise, mirakulös in lichteste Höhen schwingt, wird vorgeahnt, der verschwitzte, verschmutzte Paradeschwiegersohn ist kein Gottesgeschenk.

Man gibt sich hochherrschaftlich bei Sekt und Shrimpscocktail, und wie wütend Boesch ihn runterwürgt, da hat ihnen David den Schädel schon auf den Tisch geknallt. Ganz schüchterner Bauerntölpel, den Merab mit bebendem Busen sexy findet, aber justament ablehnt, weil sie als das ungeliebte Kind Attitüde haben muss. Diese kleinen, vielsagenden Gesten sind gemacht für die Kamera, und mit dieser ideenreichen, detailverliebten Aufführung erweist sich Claus Guth einmal mehr als Experte für seelische Feinziselierung, für jene psychologische Durchdringung, mit der er jahrhundertealte Werke ans Heute holt. Am Ende, wenn Saul mithilfe der Witch of Ender den Propheten Samuel beschwört, und Florian Boesch als dieser wie jener mit sich ins teuflische Zwiegespräch tritt, ist das ein freudianischer Einfall.

Noch aber ist man eitel bei der Sache. Anna Prohaska grandios als Merab, der sie mit nachgedunkeltem Timbre Wesensart verleiht, als überspannte High-Society-Tochter spitzzüngig und arrogant in ihrer Zornesarie „Capricious man“, lupenreine Koloraturen, zu denen die Prohaska sogar Zigarette rauchen kann. Giulia Semenzato ist mit warmem Sopran als Michal hingegen die hingebungsvolle Maid, die beiden tief verstrickt in ihren Schwesternzwist, und David der Michal schon über die Suppenschüssel hinweg zugetan.

Goliaths Kopf ist ab, und David wundert sich: Jake Arditti und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Ein filmreifer Zweikampf in Zeitlupe: Florian Boesch als Saul und Jake Arditti als David. Bild: © Monika Rittershaus

Gesangskunst in extremo? Kann er!: Florian Boesch vom Wahnsinn umzingelt. Bild: © Monika Rittershaus

The Writing’s on the Wall: Florian Boesch als untoter Saul und Jake Arditti. Bild: © Monika Rittershaus

Mit dem Jonathan von Rupert Charlesworth ergibt sich eine von Beginn an homoerotische Blutsbruderschaft, was alles in einer 4er-Orgie gipfelt. Charlesworth der gute Sohn und supersympathisch und so very british als wäre sein Jonathan nicht Händel, sondern „Wiedersehen in Howards End“ entsprungen [was an rotem Haar und Smoking liegen mag, die Schwestern übrigens in Merab-Rot und Michal-Grün. Und auch das gehört erwähnt, Jonathans Wunde auf der Wange, die vom zweiten zum dritten Akt zu verheilen beginnt.]

Und weil’s hier grad ums Filmische geht: Nicht nur, dass David Webbs High Priest bei Saul den sinistren Exorzisten macht, der absolute Favourite der Produktion ist Countertenor Rafał Tomkiewicz, als Bedienstete in Sauls Haushalt more spooky als weiland Bette Davis in „The Nanny“. Er wird sich – dies ein schöner Plot twist – als eh-schon-wissen enttarnen. Alldieweil turnt Boeschs Saul zwischen Staunen, Starrsinn und Hass, sein Körper in ständiger Spannung, in krampfhaft epileptischen Zuckungen, überall sieht er Feind, Verrat und den Moral-von-der-Geschicht‘-Chor: Envy! Eldestborn of Hell! Wie Boesch sich vom Wahnsinn umzingelt lässt, ist große Kunst, der Mordversuch an David ein in Zeitlupe ausgetragener Zweikampf.

In diesen Momenten gibt Guth der Tragik einen Irrwitz, am bestechendsten in Webbs opportunistischem Kirchenmann, dessen bigotten Segen vor allem Jonathan beschmunzelt, der dann in Sauls Auftrag David-Gattin Michal bedroht, Do you mock the King? This disappointment will enrage him more: then tremle for th’event, und schließlich in Päpstlicher-als-der-Papst-Weiß hinter dem neuen Tyrannen steht. Der, im no na weißen Königsmantel, ist erst vorm Speer zurückgeschreckt, doch will das Volk, das ihm wie eine weiße Welle entgegenschwappt, er soll das Zepter führen. Merab und Michal passen auch farblich nicht mehr ins Bild und werden verstoßen, wofür ihn Anna Prohaska auch mit der Schulter anrempelt, denn David wählt zur Frau eine wahre Tochter des Landes.

Und noch einmal sei’s gesagt, bis bald die Theater wieder öffnen, ist der Film „Saul“ von Tiziano Mancini eine sensationelle Abendbeschäftigung. Diese Parabel eines Machtwechsels als Familienaufstellung, in der die Solistinnen und Solisten mit ausgetüftelten Kleinstaktionen einen ganzen Kosmos an Beziehungskisten gestalten. Und da steht er, Jahwes Wunderknabe, beklagt den Verlust von Jonathan, more than woman’s love thy wond’rous love to me!, schreibt sein „David“ an die Prosekturwand, von der die „Nanny“ eben das blutige „Saul“ gewischt hat. Die Israeliten feiern, Gird on thy sword, thou man of might, pursue thy wonted fame: go on, be prosperous in fight, retrieve, pursue, the Hebrew name! Und plötzlich ist er da, der Stich hinter der Stirn, jaja, Macht macht Migräne.

Trailer mit teilweise anderer Besetzung: www.youtube.com/watch?v=hOfmiN9NZBU           www.myfidelio.at/haendel-saul-theater-an-der-wien          www.theater-wien.at

  1. 5. 2021

Academy Awards Streaming: Gary Oldman ist „Mank“

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

David Finchers Meisterwerk ist nominiert für zehn Oscars

Ein ziemlich verkaterter Mank am William-Randolph-Hearst-Privatset: Gary Oldman und Amanda Seyfried als Marion Davies. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Mit den meisten, das sind dieses Jahr zehn Nominierungen geht der Netflix-Film „Mank“ ins Rennen um die Academy Awards 2021, und zwar in den Oscar-Kategorien: Bester Film, David Fincher für Beste Regie, Gary Oldman als Bester Hauptdarsteller, Amanda Seyfried als Beste Nebendarstellerin, Erik Messerschmidt für Beste Kamera, Donald Graham Burt

und Jan Pascale für Bestes Szenenbild, Trish Summerville für Bestes Kostümdesign, Trent Reznor und Atticus Ross für Beste Filmmusik, Gigi Williams und Team für Bestes Makeup und Frisuren sowie Ren Kylce und Team für Besten Ton. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen November:

The Making of „Citizen Cane“ und Hollywoods Fake News

Einer der außerordentlichen Eindrücke in diesem Film sind die Fade-Outs. Langsam kommen sie, zögerlich, kein Schwarz soll die Sequenz zu schnell beenden, stattdessen ein Moment des Unerledigten bleiben, könnt‘ ich zum Augenblicke sagen …, bis schließlich die Gegenwart von 1940 in Flashbacks aus den Dreißigerjahren entschwindet. Dazu auf der Schreibmaschine getippte Szenenüberschriften – Schauplatz, Tageszeit, Situation …

David Fincher hat für Netflix „Mank“ gedreht, die Story um die Entstehungsgeschichte des Filmdramas „Citizen Kane“, Orson Welles‘ Hollywood-Einstand mit ihm als Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent, bis heute auf der Top-Ten-Liste der besten Filme aller Zeiten – und wie jedes Meisterwerk von einem Mythos umrankt. Dieser hier betrifft Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, der im Abspann gerade mal als Co. genannt wird, alldieweil US-Kritikstar Pauline Kael schon 1971 im New Yorker auf Manks alleinige Autorschaft verwies. Ein Essay, den Davids Vater Jack Fincher bereits vor Jahrzehnten für sein Script studierte.

Da liegt also Mank im Bett, nach einem Autounfall mit Liegegips verarztet, auf einer Ranch in der Mojave-Wüste 85 Meilen nordöstlich von Los Angeles, wo, so hoffen die ihn dort einquartiert haben vergeblich, für den Alkoholiker nichts Hochprozentiges, dafür eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre zu finden ist. Das lädierte Bein ist gleichsam Sinnbild einer angeknacksten Karriere, Mank hat es sich mit MGM-Boss Louis B. Mayer verscherzt, jetzt soll die in Ungnade gefallene Edelfeder im Auftrag von RKO ein Drehbuch für Orson Welles verfassen.

Welles wer? Das neue Boy Wonder von der Ostküste gibt sein Traumfabrik-Debüt und hat dafür von RKO Carte blanche bekommen, seine „War of the Worlds“-Massenpanik eilt dem 24-Jährigen als Ruf voraus – und Tom Burke spielt einen sich selbst vergötternden Egomanen, der von seinem Genie einfach hingerissen ist. Eine Ich-Sucht, vor den lasterhaften, lästerlichen Mank geworfen, als wären‘s Schnapsperlen ins Whiskeyglas. Sechzig Tage hat er Zeit, so lange haben’s nicht einmal die biblischen Propheten in der Trockenzone ausgehalten. Zur Inspiration lässt sich Mank ergo erst einmal von der deutsch-jüdischen Haushälterin und Pflegerin Fräulein Freda, Monika Gossmann ehrenwert und ergeben, die Hausbar füllen, was wiederum der neuen, resoluten, moralisch entrüsteten Sekretärin Mrs. Rita Alexander, Lily Collins, nicht behagt.

Charles Dance als Medienmogul und Kane-Vorbild William Randolph Hearst. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Amanda Seyfried als dessen Dauergeliebte und Schauspielerin Marion Davies. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Tom Burke gibt den selbstverliebten Wonder Boy Orson Welles. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Oldman mit Arliss Howard als Louis B. Mayer und Tom Pelphrey als Manks Bruder Joe. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Gary Oldman in einer platonischen Ménage à trois, das Eheweib „poor Sara“, Tuppence Middleton wunderbar krisengeschmiedet, hat er zuhause gelassen, so ist Oldmans Mank: ein charmant ramponiertes, kauziges Scheusal, einer, der mit seinen pointierten Sagern und wohldosierten Beleidigungen die zynische Zier jeder Party ist, belesen, ein Poet, ein Philosoph, ein Philanthrop, letzteres gut versteckt (in einem Küchengespräch erfährt etwa Rita, dass Mank Fredas ganzes Dorf vor den Nazis in die USA gerettet hat), liebenswert, wenn er jemanden mag, was ihn demjenigen gegenüber hilflos macht, Oldman – in jeder Hinsicht ein Sympathicus.

David Fincher hat den „Citizen Kane“ en détail erforscht, konterkariert Welles‘ Deep Focus Cinematography, seine Point-of-View-Shots mit einer Nonchalance und Nachlässigkeit ähnlich der seines Protagonisten, während die Vorspanntitel das Golden Age in La La Land imitieren, Fincher verwichene Manierismen neu interpretiert. Nicht nur jenem dem aktuellen Kino abhandengekommenen Stilmittel Abblende wird gefrönt, künstlich eingefügte Kratzer und Marker sollen den Eindruck erwecken, dass man hier tatsächlich Filmrollen eingelegt hat. Fincher lässt seinen Film so ein eigenes, warmes Timbre entwickeln, diese achtsame inszenatorische Geste ist dem Regisseur offensichtlich Herzenssache.

Doch wiewohl von Kameramann Erik Messerschmidt in versonnen-traumverlorenem Schwarzweiß festgehalten, ist „Mank“ keine verwehte Nostalgie, keine Sentimentalität, keine schluchzenden Geigen à la anno Schnee, sondern eine durch und durch zeitgenössische Produktion. Fincher verschiebt die Perspektiven, die Betrachtungsweisen und Standpunkte, er erzählt, was sonst selten der Erzählung für Wert befunden wird. Finchers Rückblendenstruktur arrangiert die Geschehnisse neu, ordnet deren Chronologie um, flicht historisch nicht verbürgte Figuren oder Episoden ein und stellt legendäre Sätze in einen anderen Kontext. Mankiewicz‘ zweitberühmtesten Satz „There, but for the grace of God, goes God“ ruft Oldman Orson Welles hinterher.

Der sardonische Welles geistert meist als sagenumwobene Telefonstimme durch den Äther; viel näher als ihm ist Fincher den Figuren in den Rückblenden. Diese beginnen 1930, als Mank nach durchfeierter Nacht und hinlänglich verkatert auf Hearst Castle erwacht, Schloss und Anwesen samt Privatzoo des Medienmoguls William Randolph Hearst, den Grandseigneur Charles Dance als ebensolchen gibt, ein Machtmensch, ein Massenmanipulator, Meinungs- und Ministermacher und von den ihm Verpflichteten bestenfalls amüsiert.

Mank stolpert mitten in Dreharbeiten auf Hearsts Privatset – und wie Charles Dance auf dem Kamerawagen heransaust, ist vom Feinsten. Die folgenden geschliffenen Dialoge sind im englischen O-Ton noch gewitzter. Wenn Oldmans Mank mit den „supporting devices“ per Augenwinkern eindeutig den versteckten Alkohol meint, doch auf Deutsch mit dem durchaus korrekten Vokabel „Stützvorrichtung“ (für den geh-gehandicapten) übersetzt wird, so trifft das eben nicht den Kern von Vater Finchers Komödiantik.

Gary Oldman mit Lily Collins als Sekretärin und Alkohollehrling Rita Alexander. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Monika Gossmann als deutsch-jüdische Pflegerin Fräulein Freda. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Angewidert sieht Mank Louis B. Mayers Fake News: Gary Oldman. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Mayer verkündet Lohnkürzungen für die Studiobelegschaft: Arliss Howard. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Fincher-Sohn gibt Hearst durch die Flashbacks eine zentrale Rolle im zunehmend eskalierenden Konflikt. Durch den Alkoholnebel wabern Manks Erinnerungen und befeuern den Schreibprozess, Hearst ist Kane, ach, Rosebud! Hearst wird mit Mank noch Schlittenfahren, doch vorerst lernt er dessen Dauergeliebte, Ex-Ziegfeld-Follie, Schauspielerin Marion Davies kennen, Amanda Seyfried als Wasserstoffblondine mit wachem Verstand, in der Mank eine Seelenverwandte findet.

Die Studiobosse, die an Hearsts Intrigenfäden wie Marionetten zappeln, werden vorgestellt, allen voran Arliss Howard als maliziöser, vom Machtrausch mickriger Männer angesäuselter Louis B. Mayer. Bezeichnend eine Wirtschaftskrisen-Szene in der Mayer der als „meine Mischpoche“ geherzten Studio-Belegschaft mit blumigen Worten die Hälfte der Gehälter abschwatzt. Diese Chuzpe macht sogar Mank sprachlos.

Der Republikaner Hearst bedient sich der Suggestivkraft des Kinos, um im kalifornischen Gouverneurs-Wahlkampf von 1934 eine schmutzige Kampagne gegen den Schriftsteller und Sozialisten Upton Sinclair zu führen, und seinen Mann Frank Merriam groß zu machen. Fincher zeigt den politischen Druck auf die MGM-Künstlerinnen und -Künstler, die ohne eine Widerrede zu wagen in Mayers Anti-Sinclair-Fonds einzahlen müssen. Der an Felix E. Feist angelehnte Shelly Metcalf, Jamie McShane, zeigt Mank schließlich, was Mayer ihm als erste Regie-Chance angepriesen hat:

„Interviews“ mit Merriam-Wählern und Sinclair-Gegnern, allesamt gecastete Schauspielerinnen und Schauspieler, arbeitslose Mimen, die sich um die Mitwirkung in den Propagandaspots rissen, Fake News made by Film Industry, und mag Manks Prinzipienfestigkeit auch nur bis zur nächsten Bar reichen, diese Korruptheit stößt ihm saurer auf als Sodbrennen. Es ereignet sich Eskalation eins bei der Wahlabendparty im Trocadero Nachtclub, als Mank sein heute hochaktuelles: Man muss nur lang und laut genug die Unwahrheit sagen … vom Stapel lässt.

An solchen Stellen bekommt Finchers Film politische Tiefenschärfe. Später, in der 1940er-Mojave, wird er seinem Bruder Joe, Tom Pelphrey als schmucker Bursche eine Art Mank 2.0, der ihn vorm beruflichen Selbstmord warnt, heißt: sich nicht mit Hearst anzulegen, bescheiden: „Wir müssen achtsamer sein!“ – „Weswegen?“ – „Wegen der Menschen, die im Dunkeln sitzen …“ [Joseph wird als Autor-Regisseur und Oscarsammler von „All about Eve“ mit Bette Davis, „Julius Cäsar“ mit Marlon Brando bis „Cleopatra“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, zuletzt „Sleuth“ mit Laurence Olivier und Michael Cane, den älteren übertreffen, Anm.]

Partycrasher Mank blamiert Mayer und sich selbst: Gary Oldman. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Not amused: Arliss Howard als Mayer und Charles Dance als Hearst. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Die Wahlnacht 1934: Tuppence Middleton als „die arme Sara“ (M.). Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Ein Oscar fürs Beste Original-Drehbuch: Gary Oldman als Mank. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Abblende, Aufblende, 1937 und wieder Party. Sturzbetrunken und streitlustig stürmt Mank den Hearst-Zirkus, um ihm sein Sinclair-Komplott vor die Füße zu werfen. Bevor er auf den Teppich kotzt. Der „Hofnarr“ wird vom Hausherrn persönlich hinausgeworfen. Dies die famose Schlüsselszene des Ganzen in der Mankiewicz vor Hearst schon seine Fabel eines megalomanischen Zeitungszaren skizziert. Ein Moment wie ein fiebriger Albtraum, für den Fincher manche Takes bis zu hundertmal wiederholt haben soll. In der Wüste verlangt Mank vom angereisten Orson Welles indes seinen Credit, davor hatte er auf Rechte und Nennung verzichtet, es steht also in zwei Zeitzonen Spitz auf Knopf. Welles‘ Wutausbruch nützt Mank sofort für die Trennungsszene zwischen Kane und seiner zweiten Frau.

Mehr als zwei Stunden lang begeistert Gary Oldman als Mank in Finchers detailreicher Charakterstudie eines sozial unverträglichen Menschen im Minenfeld gesellschaftlicher Konventionen. Welch hochentzündliche Reibefläche, dieser Traumfabrik-Insider, der stets Hollywoods Außenseiter war, welch eine Rolle, dieser überbezahlte, unterforderte in-der-Regel-der-einzige-im-Raum Intellektuelle mit seiner rücksichtslosen Integrität.

In der schönsten Szene spazieren Mank und „Pops“ Starlet Marion bei einem unschuldig-nächtlichen Tête-à-Tête durch Hearsts Privatzoo, vorbei an den Schemen von Giraffen, Raubkatzen und Elefanten. Ein surreales Szenario mit Serengeti-Tonspur, und die beiden um nichts weniger Gefangene des Studiosystems als die Kreaturen im Tiergarten. Mank sagt: „Ich bin wie eine Ratte in einer selbstgebauten Falle, die ich repariere, sobald Gefahr besteht, ihr zu entkommen.“ Und eine Vorahnung von Kanes goldenem Käfig Xanadu, Manks krönender Schöpfung, von deren Genesis niemand überraschter ist als er selbst, liegt in der Luft.

Der Rest ist Geschichte: „Citizen Kane“ wurde 1942 mit neun Oscar-Nominierungen bedacht, darunter Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, und bei jeder Nennung von Hearst-Getreuen ausgebuht. Schließlich ging der Academy Award in der Kategorie Bestes Original-Drehbuch an Welles und Mankiewicz, die beide der Verleihung fern geblieben waren, Welles, weil er bereits in Mexiko drehte. Auf die Frage der ihm nachgefolgten Journalisten, ob er seinem Mitpreisträger medial etwas ausrichten wolle, antwortet er zumindest im Film: „Tell him he can kiss my ass.“ Am 25. April wird man wissen, wie David Finchers Hommage wie Demontage des klassischen Hollywood abgeschnitten hat.

Trailer/engl.: www.youtube.com/watch?v=aSfX-nrg-lI     www.youtube.com/watch?v=qDFI6EbEF8c     Behind the Scenes: www.youtube.com/watch?v=49LWiBUCauU     www.netflix.com

20. 3. 2021

Streaming: American Gods, Staffel drei

Januar 13, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk-komisch, grausam und nach wie vor großartig

Shadow und Mr Wednesday unterwegs mit Betty the Barbarian: Ricky Whittle, Ian McShane und ein zum Wohnmobil mutierter Cadillac. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Seit 11. Jänner streamt Amazon die dritte Staffel der Starz-Television-Serie „American Gods“ nach der Vorlage von Neil Gaiman, jeden Montag eine neue der zehn Folgen, deren Anfang nun „A Winter’s Tale“ machte. Lange genug musste man drauf warten, hinter den Kulissen gab es Streit, bis „Dexter“- und „Dark Angel“-Mastermind Charles H. Eglee Jesse

Alexander als Showrunner ersetzte und Season 3 nach seinen Vorstellungen adaptierte. Die Story folgt Shadow, Ricky Whittle vor der Rache der Neuen Götter nun mit Haupthaar und Vollbart getarnt, der versucht, sich von den Machenschaften Mr Wednesdays loszureißen. Als Mike Ainsley verdingt er sich in Milwaukee als Stahlarbeiter, doch trotz seines trotzigen „Ich folge deinen Geboten nicht mehr“, erscheint der Allvater vor Ort, um ihn – im Wortsinn: Gott weiß warum – nach Lakeside, einem Kaff in the Middle of Nowhere von Wisconsin zu verfrachten.

[Spoiler – Im Weiteren wird sich der Odinssohn dort mit seiner eigenen Göttlichkeit auseinandersetzen müssen, viele Fans halten ihn ja für Balder, man weiß es nicht – eine spirituelle Reise, auf der ihn die Orishas aus der Heimat seiner Mutter begleiten … – Spoiler Ende]

Bis dahin chauffiert ihn Mr Wednesday mit der vom schnittigen Cadillac zum schäbigen Wohnmobil mutierten, da reinkarnierten Betty the Barbarian rund um den nomen-est-omen Spirit Lake. In der ersten Szene sieht man Ian McShane mit irritierend strahlenden Dritten, heißt: neuem Gebiss, angetan mit Wotans Walleumhang, beim Stagediving während eines Konzerts der Viking-Metal-Band „Blood Death“ – deren Leadsänger Johan Wengren kein Geringerer als Marilyn Manson ist. Ein nordischer Musikberserker mit der AC/DC-Parole „Let There Be Blood“, der bei Gaiman nicht vorkommt, und aus dessen Shows Mr Wednesday Kraft schöpft.

Die Welt wird weiblich …: Dominique Jackson als Ms World. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

… kann bei Bedarf aber auch als Mann inkarnieren: Danny Trejo. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Blythe Danner als Göttin Demeter mit „Shadow“ Ricky Whittle. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Für die immer noch ausstehende Schlacht mit den „Parasiten der menschlichen Selbstzerstörung“, mit deren Vollzug es auch für Odin und Konsorten mit der Verehrung Essig wäre, den Neuen Göttern also, deren Reihen um so illustre Namen wie „Viral“ und „Trending“ erweitert wurden. Die globalisierte Welt ist höchst zeitgemäß eine weibliche Person of Color, Dominique Jackson als Ms World noch mächtiger, noch gefährlicher, noch gewalttätiger, die sich in Gestalt von Danny Tejo aber auch als Mann zeigen kann.

„American Gods 3“ ist unverändert grotesk-komisch, grausam und nach wie vor großartig. Das verschmitzte Schlitzohr und der mürrische Sohnemann sind, alldieweil Ms World mit „Technical Boy“ Bruce Langley und der ihm verpflichteten Königin von Saba, Yetide Badaki als Bilquis, an ihren sinistren Plänen zur Unterwerfung der Menschheit werkt, unterwegs zu Whiskey Jack – ideal besetzt mit All-Time-Indianer und Kind der irokesischen Oneida Graham Greene. Er natürlich in Wahrheit der Gott Wisakedjak, der Kranich Manitu, und wie alle Götter auf Wednesday nicht gut zu sprechen. Haben doch dessen Gläubige, siehe Leif Eriksson, weiland die seinen abgeschlachtet.

Marily Manson als Johan Wengren, Sänger der Viking-Metal-Band „Blood Death“. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Laura und Mad Sweeney teilen sich ein Leben: Emily Browning und Pablo Schreiber. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Salim muss ohne seinen Dschinn auskommen: Omid Abtahi (re.) mit Mousa Kraish. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Graham Greene (li.) als Whiskey Jack aka Wisakedjak, der Kranich Manitou. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Whiskey Jack hat ergo kein Interesse am Kampf, umso mehr an Wednesdays bestem Kämpfer Shadow, in den surreal-schönen Bildern eines Zauberwalds fordert er ihn auf (erster Hinweis!) sein Schicksal zu erforschen und seine Mission anzunehmen, dazu der bewährte Country-Soundtrack von Nelson, Strait, Cash & Young. Und apropos, Wednesday: In Zeiten von „Fridays for Future“ wird es Zeit für den Auftritt von Demeter, Blythe Danner als griechische Göttin der Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides, der Saat und der Jahreszeiten, die Hüterin von Wald und Flur und – welche Schönheit denn nicht? – eine ehemalige Odin-Geliebte.

An Menschen neu ist Ashley Reyes als Wednesdays „Verlobte“ Cordelia, Eric Johnson als Lakeside-Sheriff Mulligan und Julia Sweeney ebendort als Gemischtwarenladenbesitzerin. Die untote Laura Moon, Emily Browning, muss sich mit dem mausetoten Mad Sweeney, Pablo Schreiber, herumschlagen, der ja Odins Speer Gungnir, mit dem sie diesen niederstrecken will, kurz vorm Sterben in seinem geheimen Hort versteckt hat; Salim, Omid Abtahi, sich ohne seinen Lover-Dschinn durchschlagen, da Mousa Kraish ebenso seinen Job verlor, wie „Mr. Nancy aka Gott Anansi“ Orlando Jones.

Darüber gab’s in den Social Media allerhand böse Posts, die Fans entsetzt, dass zwei ihrer liebsten Stars aus dem Cast gestrichen wurden, Starz erklärend, dass diese Charaktere abgespielt seien – für Jones „die eindeutig falsche Botschaft ans afroamerikanische Publikum“, hinsichtlich Kraish in diesem Sinne keine frohe fürs nahöstliche und die LGBTQ-Community. Mit Rapper Wale als Orisha Chango und Herizen Guardiola als Yoruba-Göttin Oshun geht es nun weiter. Nächste Folge am 18. Jänner, Titel frei nach David Bowie: „Serious Moonlight“. Staffel eins und zwei sind ebenfalls via Amazon abrufbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7Vb8QUqvhWk           www.starz.com/us/en/series/31151          www.amazon.de          Leitfaden für Einsteiger: www.youtube.com/watch?v=-d0XXPkm9Ts

BUCHTIPPS: Neil Gaiman, „Nordische Mythen und Sagen“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35531, Neil Gaiman: „Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704, Neil Gaiman: „Der Ozean am Ende der Straße“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704

  1. 1. 2021

Kammeroper: Faust

Oktober 12, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klappmaul-Mephisto als strahlender Opernstar

Erste Annäherung ans „schöne Fräulein“: Quentin Desgeorges als Faust, Jenna Siladie als Marguerite und Dumitru Mădărășan als Méphistophélès. Bild: Herwig Prammer

Kalte Schauer beim Drame lyrique. An der Kammeroper hat Nikolaus Habjan Charles Gounods „Faust“ inszeniert, und da in Rezensionen der Arbeiten des preisgekrönten Regisseurs so gern formuliert wird, er ließe die Puppen tanzen, voilà: In der finalen Walpurgisnacht bittet Habjan vier greise Säuglingsfigürchen zum bizarren Ballett auf dem Hochseil, hässliche Homunkuli als sozusagen Vorahnungen des Kommenden, und ihr Erscheinen einer der optischen Höhepunkte dieses fantastisch opulenten Opernabends.

Der einen alles überstrahlenden Star hat, in Form des menschengroßen Klappmaul-Méphistophélès, in Szene gesetzt von Puppenspielerin Manuela Linshalm und Bassist Dumitru Mădăraşăn, der dem Fürsten der Finsternis dank jener seltenen „Schwärze“ im Timbre eine elegante, subtile Gefährlichkeit verleiht. Mit jedem kurzen Kopfschütteln, dass ob der Torheit von Gottes Kreaturen stets zwischen Sarkasmus und Fassungslosigkeit changiert, beweist diese Puppe, und man darf das so sagen, denn Habjans Kreationen sind Subjekt, nie Objekt, ein so enormes schauspielerisches Können, wie man sich’s von manchem Fleisch-und-Blut-Teufel erhoffte.

Dieser rotgewandete Dämon mit verschlagen glitzernden Feueraugen, verächtlich verzogenem Mund und gräulichen Krallenhänden ist der Spielmacher, einer, der auch fürs Komödiantische sorgt, wie sich nicht zuletzt auf der Kirmes erweist, wo er das Volk zur „Ronde du veau d’or“ wie Marionetten tanzen lässt. Dieses dargestellt vom aus Mariana Garci Crespo, Ena Topcibasic, Anne Alt, Barbara Egger, Vladimir Cabak, George Kounoupias, Alexander Aigner und Klemen Adamlje bestehenden Vokalensemble, das mit seiner erstklassigen stimmlichen Leistung und einer überbordenden Spiellust eine der Erfreulichkeiten dieser Aufführung ist.

Gleichbleibend brillant ist es, ob der Achter-Chor nun die aus der Schlacht heimkehrenden Soldaten gegenläufig zur Musik nicht als Sieger, sondern als Kriegsversehrte markiert, oder später im Dom droht Marguerite in Stück zu reißen. Mit dem Chor wurde auch die Orchesterbesetzung verkleinert, Leonard Eröds stimmungsvolle Fassung wird vom Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Giancarlo Rizzi aufs Feinste umgesetzt. Das Bühnenbild von Jakob Brossmann und Denise Henschl wechselt von Marguerite unschuldsweißer Stube über wie in Blut getränkte Kirchenrundbögen zur düsteren Kerkerzelle.

Vom Glanz verblendet, legt Marguerite den Schmuck des Méphistophélès an: Jenna Siladie und Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Herwig Prammer

Auf der Kirmes: Benjamin Chamandy als Wagner, Kristján Jóhannesson als Valentin und Klemen Adamlje und Alexander Aigner vom Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Die Frömmler vergreifen sich an Marguerite: das Vokalensemble gehört zu den Erfreulichkeiten der Aufführung. Bild: Herwig Prammer

Méphistophélès zerstört Marguerites letzte Hoffnung auf Gottes Gnade: Jenna Siladie, Dumitru Mădărășan und Manuela Linshalm; hinten: das Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Und, apropos Blut: Die blutjungen Solistinnen und Solisten sind allesamt ausgezeichnet. Dass Quentin Desgeorges über einen kraftvollen, metallischen Tenor mit Gestaltungsvermögen für lyrische wie dramatische Momente verfügt, hat er am Haus bereits demonstriert, als Faust ist er zwischen Puppensex (den es tatsächlich gibt!), Schuld und Sühne, auch darstellerisch sehr präsent. Man weiß schier nicht, denn ähnlich sehen sich die beiden jedenfalls, ob der etwa einen Meter große Klappmaul- oder der Menschen-Faust verzweifelter dreinschauen. Dies Doppeln ist Habjans Art von Humor. Den übrigen Figuren hat er übrigens ebenfalls Kleinformat verordnet, einzig Marthe Schwertlein ist nur ein Schädel, ein unsympathisches Gesicht mit geil hervorquellenden Glubschaugen, ein Kopf, als wäre er gerade von der Guillotine gefallen.

Auch Marguerite wird auf dem Weg zum Schafott nur noch ein totenblasses Antlitz sein. Jenna Siladie ist für die Marguerite verantwortlich, und vermittelt mit ihrem weich fließenden Sopran von jungfräulicher Keuschheit übers glutvolle Es-endlich-erleben-Wollen bis zur reuigen Sünderin, die mit Stärke und Abscheu den Satan zurückweist, ganz großartig ein Gros an Gefühlen. Marguerite-Siladie trägt ihr Marguerite-Klappmaul in zweifachem Sinn wie eine Puppe, achtlos, ja sie fast über den Boden schleifend, als sie Siébels Blumen mit einem Pfft! wegwirft, kaum, dass sie das beelzebub’sche Schmuckkästchen entdeckt, dann wieder wird sie deren leidendem Zug um Augenbrauen und Mund gerecht, und drückt ihre Rollenpartnerin sanft ans Herz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Intensität Habjans von Produktion zu Produktion neu Auszubildende im Zusammenspiel mit der Puppe finden, als käme zur handwerklichen Virtuosität unversehens eine Seelenverwandtschaft, sobald Person und Pappmaché ins Zweigespräch treten. Hochpoetische, hochemotionale, hochdramatische Szenen kann Habjan so entstehen lassen: Von zärtlichen Küssen bis zu stürmischer Leidenschaft, von einem Umtänzeln bis zu dem Punkt, da die Puppe der Puppe unter den Rock greift. Wenn Puppen-Faust und -Marguerite sich an der Schaukel unterm Baum schon liebkosen, während ihre menschlichen Pendants mit dem Einander-in-die-Arme-Fallen noch ringen. Wenn die Degen von Puppen-Faust und -Valentin in Wahrheit von luziferischen Lakaien-Menschen geführt werden.

„Gerichtet!“ – „Gerettet!“ Dumitru Mădărășan als Méphistophélès, Jenna Siladie als Marguerite, Kristján Jóhannesson als Valentin und Quentin Desgeorges als Faust. Bild: Herwig Prammer

Schließlich die superbe Sequenz im Dom, wo Klappmaul-Méphistophélès Mădăraşăn-Priester erst von sich besessen macht, bevor er ihm seine Wünsche zu Puppen-Marguerites Vernichtung ins Ohr haucht, wobei deren anschließendes Ans-Leuchtkreuz-Schlagen im Publikum ein hörbares Atemgeräusch verursachte. Spaßig hingegen, wie Méphistophélès dann das Orchester zur Eile antreibt, damit’s schnell ein Ende nimmt mit der Kirchenmusik.

Mit Witz stattet auch Juliette Mars ihre Marthe Schwertlein aus. Den Puppenkopf vors eigene Gesicht haltend, jagt die Liebestolle den Teufel auf Teufel komm raus, bis dem sonst so schlitzohrigen Scheusal die Luft ausgeht. Ghazal Kazemi befördert die oftmalige Wurzen Siébel mit seufzend schmachtenden Jünglingstönen zum mutigen Kämpfer für das Gute. Benjamin Chamandy stimmt als Wagner ein fröhliches Trinklied an – und ist ansonsten ein kollegialer Mitbeweger von diversen Puppenteilen. Ein Souverän bei den Männern ist Kristján Jóhannesson als edel-starker Valentin, besonders stimmgewaltig bei der Verfluchung Marguerites, doch mit lang gehaltenen Legatobögen bereits beeindruckend beim Gebet „Avant de quitter ces lieux“ vor seinem Aufbruch in den Krieg.

Jóhannessons Valentin ist auch die Mitwirkung an der Kerker-Szene gegönnt, in der er der Schwester als stummer Mahner zur Seite steht. Zum schönen Schluss fällt hinter dieser ein goldener „Eisener“. Besser kann man ein höllisches „Ist gerichtet!“ versus des himmlischen „Nein, gerettet!“ kaum andeuten. Das Zuschauerergebnis: Auch am fünften Spieltag viel Jubel für alle Beteiligten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbyrkBBe2Ts           www.theater-wien.at           www.nikolaushabjan.com

  1. 10. 2019

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

November 22, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie „Humbug!“ zum Weltbestseller wurde

Christopher Plummer als Scrooge, dahinter Dan Stevens als Charles Dickens. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Adaptionen gibt es unzählige, selbst die Muppets, Micky Maus und Bill Murray kamen daran nicht vorbei, eine Folge „Doctor Who“ befasst sich damit, auch eine von „Blackadder“, sogar Onkel Dagobert heißt im englischen Original Scrooge McDuck. „A Christmas Carol“ nicht zu kennen, ist so unmöglich wie „Stille Nacht“ nicht zu können. Wie die Feiertagsgeschichte entstand, erzählt ab Freitag im Kino „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“.

Basierend auf dem Buch von Les Standiford ist Regisseur Bharat Nalluri ein hinreißender, auf very britische Weise verschroben schrulliger Film gelungen, opulente, starbesetzte Bilder von einer pittoresken Schmuddeligkeit – wobei Nalluri trotz schwelgerischer Optik nie auf die Dickens’sche Sozialkritik vergisst. Was der Autor in „Oliver Twist“ oder „David Copperfield“ festhielt, die Armut der Arbeiterklasse, das Ausbeuten von Kindern als billige Arbeitskräfte, rührt aus der eigenen Vergangenheit, erfährt man, ein Kindheitstrauma, dem der Film ebenso viel Raum widmet, wie der Geburt des Literatur-Klassikers. Und so wird man, während Dickens im Winter 1843 von Flops, auf welche beinah die Pleite folgte, aus der Kurve getragen wird, und in den sechs Wochen bis zum Christfest einen Erfolg nicht nur schreiben, sondern, weil die renommierten Häuser alle abwinken, auch selbst verlegen und ergo neue Kredite aufnehmen muss, immer wieder in jene Fabrikshalle zurückgeworfen, in der der elfjährige Charles seinen Lebensunterhalt verdienen musste.

Ein schmutzstarrendes, rattenbefallenes Loch ist das, in dem Buben mit rußverschmierten Gesichtern Etiketten auf Glasflaschen kleben, hustend, hinter ihnen der riesige Kessel, in dem die Schuhpolitur brodelt, die Warren’s Blacking Warehouse herstellt. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag schuftete das Kind Dickens hier, während Vater und Mutter in Schuldhaft saßen, und diese Schmach und Scham und der Schmerz darüber, von den Eltern so fahrlässig verlassen worden zu sein, wird den Schriftsteller ein Leben lang begleiten. Kaum jemandem hat er sich über diese Erfahrungen anvertraut, und so verwebt der Film das Gespenst der Vergangenheit, dem Dickens Herr zu werden versucht, mit den Geistern, die er ruft, damit sie sein neues Buch bevölkern.

Pittoreskes London. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Der Schreibprozess wird zur Seelenreinigung. Dies alles serviert Nalluri nicht auf dem Silbertablett, sondern entdeckt er dem Zuschauer erst nach und nach. Das macht „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“ über die Buchstory hinaus zum spannenden Psychogramm des Schreibstars. Dass die Übung gelingt, ist in hohem Maße dem als „Downton Abbey“/„Matthew Crawley“ bekannten Dan Stevens zu danken.

Er macht aus dem 31-jährigen Dickens einen kauzigen Unruhegeist, der mal vor Zorn, mal vor Enthusiasmus mit wehenden Rockschößen durchs viktorianische London wirbelt, um sein Projekt voranzutreiben. Wenn die Kamera auf Stevens‘ Gesicht zoomt, die Augen darin mitunter von durchaus berechtigtem Wahnsinn umflort, ist alles abzulesen, was diesen Mann an- und umtreibt: Die Aufwendungen für sein Dandy-Dasein, das Haus zwecks Renovierung eine kostspielige Baustelle, bei der Frau das fünfte von zehn Kindern unterwegs – und ante portas der nach wie vor verschwenderische Vater samt Mutter, um beim Sohn einmal mehr zu schmarotzen.

Diesen John Dickens spielt der grandiose Jonathan Pryce changierend zwischen der Grandezza eines Lebemanns und eines vom Leben gebeutelten, ewigen Verlierers. Wie ihm für seine Enkelkinder – selbstverständlich auf Charles‘ Kosten – nichts zu teuer ist, wie er für sie spontan Märchen erfindet und erzählt, da erkennt man den Ursprung von Charles‘ Genie, dann wieder ertappt ihn dieser im Mistkübel nach seinen weggeworfenen Entwürfen stöbern – ein Autograph des berühmten Autors brächte John eine Menge Geld ein.

Der zweite (Vater-)Charakter, mit der sich Dickens herumschlagen muss, ist natürlich Ebenezer Scrooge, eine Rolle, die für Christopher Plummer, der mit Süffisanz und Sarkasmus brilliert, erschaffen worden zu sein scheint. Wie Nalluri Leben und Werk verknüpft, so fällt auch für Dickens die Fiktion in den Alltag ein, seine Figuren findet er in seinem Umfeld, seinen Rechtsanwalt und einen Kellner mischt er zu Marleys Geist, und Tiny Tim, dessen Vorbild Dickens‘ gehbehinderter Neffe ist, darf nur überleben, weil das irische Kindermädchen Tara für ein Happy End plädiert. So entdeckt er schließlich seinen Scrooge bei einem nächtlichen Friedhofsspaziergang, wo dieser alles, was mit Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu tun hat, mit dem Wort „Humbug!“ abtut. Das ist für Dickens zu schön, um daran vorbei zu gehen.

Charles Dickens (Dan Stevens in der Mitte) wird von seinen Figuren verfolgt. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Mit den Figuren kommt zum Aberwitz auch ein gewisser Gruselfaktor ins Spiel. Wunderbar, wie sie es sich im Arbeits-, manchmal sogar im Schlafzimmer bequem machen, zu Geschäftsessen und anderen Gelegenheit mitgehen, immer um Dickens herum sind, und vor allem Mitspracherecht über ihre Gestaltung einfordern. Geizhals und Fiesling Scrooge findet sich als zu einseitig dargestellt, „Meine Figur hat keine Gelegenheit, ihre Seite zu erklären“, beschwert er sich.

Bis Dickens sich endlich mit einem irritierten „Ich bin hier der Autor!“ die Autorität über sein Schaffen zurückerobert. In einer Schlüsselszene erscheint, nebelumwabert und von Blitzen begleitet, Marleys Geist nicht um Scrooge, sondern dessen Schöpfer seine Ketten aufzuzeigen. Und so muss Charles Dickens den Scrooge in sich erkennen und sich um nichts weniger läutern als sein Antiheld … „Charles Dickens: Der Mann der Weihnachten erfand“ ist von einer Warmherzigkeit, die selbst den größten Weihnachtsmuffel in X-Mas-Laune versetzen muss. Ein Film, so herbsüß wie Lebkuchen, so süffig wie der dazu gehörende Punsch, so dass einem jetzt schon die Christbaumsterne in den Augen glänzen.

www.bleeckerstreetmedia.com/themanwhoinventedchristmas

  1. 11. 2018