The Assistant: Eine Harvey-Weinstein-Story

Oktober 13, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Niemals auf die Couch vom Chef setzen!

Immer unter Druck, die Sexaffären ihres Chefs zum Verschwinden zu bringen: Julia Garner als Assistentin Jane, die für einen übermächtigen Filmproduzenten arbeitet. Bild: © Forensic Films

Das Schweigen im Morgengrauen ist ohrenbetäubend. Eine junge Frau, allein in schier endlosen Büroräumen, steht am Kopierer, Seiten um Seiten um Seiten, die sich später als Treatments und Drehbuchentwürfe herausstellen werden; sie räumt die schmutzigen Gläser vom Vortag vom Besprechungstisch, schlichtet Wasserflaschen in den

Eiskasten, checkt Flugtermine, Rechnungen von der Reinigung, in der Post eine Einladung ins Weiße Haus, am Telefon seine verärgerte Ehefrau wegen gesperrter Kreditkarten. Zum Soundtrack von Tastenklappern, Hörerauflegen, Kopierschlitten trudeln die Kollegen ein, viele sind’s, die hier für den Boss arbeiten, eine Kreativfabrik voll geknechteter Kreaturen. Jane ist eine davon, „The Assistant“ – so der Titel des Filmdramas von Regisseurin und Drehbuchautorin Kitty Green, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. Die für die Netflix-Krimiserie „Ozark zweifach Emmy-ausgezeichnete Julia Garner spielt die junge Jane, deren Traumjob in der Filmbranche zum tagtäglichen Albtraum wird.

„The Assistant“ ist ein leiser Film zu einem Thema, über das man nicht laut genug schreien kann: das Stillhalten, das Wegschauen, die „karrieretechnisch“ unvermeidliche (sexuelle) Gewaltausübung eines Vorgesetzten. #MeToo – die Anspielungen auf Harvey Weinstein sind unübersehbar, doch ist der zu 23 Jahren Haft verurteilte Hollywood-Produzent nur die Spitze einer Herrenpyramide, die vor Gericht gestellt gehörte. Wie unsichtbares Nervengas lässt Kitty Green die Toxic masculinity durch die Korridore wabern, man kann die Angst der Angestellten förmlich riechen, und so unsichtbar wie gleichzeitig omnipräsent ist auch ER.

Dessen Name, wie der Gottes nicht ausgesprochen werden darf, und der ein alttestamentarisch strafender ist. „Ist ER schon da?“ – „Wann kommt ER wieder?“ – „Ist ER schon gegangen?“– „Es tut mir leid, ER ist gerade nicht greifbar.“ So wird zwischen den Schreibtischen gewispert. „The Assistant“ ist ein Film im Flüsterton, man wähnt sich in jener Art surrealistischem Horrormovie, in dem sinistre Diener um ein Böses wimmeln, das zu monströs ist, um jemals von der Kamera gezeigt zu werden. Der Big Player in der Filmbranche bleibt eine von Jay O. Sanders gesprochene Telefonstimme.

Unter ihm, in einer sterilen Atmosphäre zwischen Amts- und Krankenhaus, amtiert eine Männerwelt, Noah Robbins und Jon Orsini als Janes Zimmer-„Kollegen“ etwa, die jeden unangenehmen Auftrag ihr zuschanzen, und natürlich ist sie in der Teeküche die Tellerwäscherin und Kindergärtnerin für die Kids eines nachmittäglichen Sex-Termins. Welch ein Bild einer gedemütigten Frau. Wenn Jane, dies ihr „Spezialauftrag“, lautlos SEIN Reich aufräumt, vom Gebäck, das noch vom letzten Meeting auf dem Tisch steht, das beste nimmt und reinbeißt, die Brosamen vom Tisch des Herrn, dann Plastikhandschuhe um Einwegspritzen gegen Erektionsstörungen zu entsorgen – Julia Garners Gesicht bleibt bei all dem fast unbewegt, den Ekel ihrer Jane, als sie mit Desinfektionsspray vor der Couch kniet, erspürt man eher, als dass man ihn ihr ansieht.

„Niemals auf die Couch setzen!“, feixen denn auch die Kollegen, als sie einen Neuling über die Gepflogenheiten im Chef-Büro aufklären. Was Janes seltsam unheimliche Routine betrifft, so bleibt sie unkommentiert. Alle wissen, alle schweigen. Für das Kreditkarten-Gespräch mit Gattin muss Jane Gottes ungerechten Zorn über sich ergehen lassen, und man wünschte, sie würde endlich aufhören, Entschuldigungsmails zu schreiben, dies schriftliche Zu-Kreuze-Kriechen die übliche Praxis in dieser Firma, „Es tut mir leid“ – „Wollte mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten einmischen“ – „Werde Sie nie wieder enttäuschen“ – „Bin so froh, in diesem Unternehmen arbeiten zu dürfen“, das ihr die Kollegen soufflieren.

„The Assistant“ ist der erste Spielfilm der australischen Dokumentarfilmerin Green, die mit „Ukraine Is Not a Brothel“ über die Femen-Bewegung bekannt wurde. Bei ihren Recherche-Gesprächen mit Weinstein-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, sagt sie, hätte sie immer und immer wieder die gleichen Geschichten vom Weg-Ducken und Ausgeliefert-Sein gehört, und tatsächlich ist einem dieses Zuckerbrot-und-Peitsche-System nicht unbekannt. „Ich bin streng mit Ihnen, weil ich Sie groß machen werde!“ = Fiktion / „Ich habe dich gemacht!“ = Fakt, Antwort damals: „Davon weiß meine Mutter aber nichts …“ – und Abgang.

Jon Orsini , Noah Robbins, Julia Garner. Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Den „Honey Pot“ will Jane ihrem Boss ausleeren, als der sich mit Sienna, Kristine Frøseth mit Lolita-Appeal, ein Betthupferl aus Idaho einfliegen lässt. Ausgerechnet Jane soll sie nicht nur als neue Assistentin einarbeiten, sondern auch in einem Luxushotel unterbringen, von dem Jane als Unterkunft nicht einmal träumen kann. Ein Rettungsversuch des mutmaßlichen Missbrauchsopfers bei Personalchef Wilcock, Matthew Macfadyen herablassend-jovial, endet so, dass Jane sich wie blöde vorkommen muss.

Sein „Sie sei doch punkto Karriere auf der Überholspur“ heißt eindeutig „Halt’s Maul!“, sein „Wollen Sie weiter hier arbeiten?“ und die mindestens 400 Bewerber, die draußen auf Janes Job warten, auch derlei hat man schon selber gehört. Eine beklemmende Szene übers Abwürgen von Zivilcourage ist das, mit einem nachgeworfenen: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, Sie sind nicht SEIN Typ.“ Bis Jane zurück auf ihrem Platz ist, war die Bürobuschtrommel schon aktiv, und wieder ist ein Kotau-Mail fällig.

Kitty Green lässt sich das alles binnen 24 Stunden ereignen. Und nie wird die sexualisierte Gewalt, die der Boss ausübt, gezeigt noch wird sie jemals offen ausgesprochen. Alles erschöpft sich in Andeutungen. In den Couch-Witzen, wenn die nächste, die ins Beuteschema passt, um Anmeldung bei IHM bittet, im Gekicher über die mitgehörten schwülstigen Telefonate des Bosses. Eine der eindrücklichsten Episoden ist die, in der eine junge Schauspielerin abends von einer Executive Assistant ins Chefbüro begleitet wird.

Die Müdigkeit, die Abgestumpftheit ist dieser Frau anzusehen, und als Jane sie fragt, wer das Mädchen sei, antwortet sie scharf: „Bloß eine Zeitverschwendung für mich.“ Der einzige Mensch weit und breit, Max aus dem mittleren Management, der Erfüllungsgehilfe grandios verkörpert von Alexander Chaplin, klammert sich an seinen Sarkasmus. Wenn er vom oder für den Chef die Ohrfeigen kassiert. Ihm so wie Jane hat die Entmenschlichung am Arbeitsplatz wenigstens einen Namen gelassen, die anderen sind längst nur noch Durchwahlnummern.

Julia Garners Jane, äußerlich ruhig und verhuscht, mit einem gekränkt-beleidigtem Leidenszug um den Mund, mit einer schauspielerischen Meisterleistung, brodelt, seit Erscheinen Sienna merkt man’s, innerlich. Kitty Green erlaubt ihrer Protagonistin eine Ambivalenz, als ob sie’s ärgere, niemals die Auserwählte zu sein. Dies im Nicht-die-Stimme-Erheben, Nicht-den-eigenen-Aufsteig-Sabotieren eine weitere Nuance, die die Filmemacherin beifügt. Endlich beinah Mitternacht, Jane in einem Edward-Hopper’schen Diner, endlich das wie’s übrige Leben verpasste Happy-Birthday-Telefonat mit dem Vater, die Eltern aus dem Häuschen vor Freude über Janes „Chance“ – auch von dieser Seite also Druck.

Und Jane hat im Ohr den Sager der Executive Assistant: „Mach‘ dir nichts draus, sie holt aus der Sache mehr raus als ER.“ Auf die Frage, wie es sein kann, dass in Fällen sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz keiner aus dem Umfeld des Opfers Einhalt gebietet, gibt „The Assistant“ gallbittere Antworten. Und an alle, die auf wie und wo auch immer „Karriere“ hoffen, diese weiter, wofür es sich lohnte, am Ende des Tages so unglücklich zu sein …

bleeckerstreetmedia.com/the-assistant           Trailer: vimeo.com/460455020           www.youtube.com/watch?v=xQAfpZhGq60

  1. 10. 2020

Landestheater NÖ: Lichter der Vorstadt

April 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Collage aus Kaurismäki-Filmen

Bild: Alexi Pelekanos

Im antikapitalistischen Protestcamp fordert ein Hard-Chor lautstark „Ein bisschen Frieden“. Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

Arbeitsplatzpoker: Wer die falsche Spielkarte gezogen hat, fliegt in der Sekunde aus dem Job. Bild: Alexi Pelekanos

Zu Beginn wird ein Arbeiterchor zur Maschine. Er macht vor, wie der Film beginnt. Das Schälen der Baumstämme, die danach in Bänder geschnitten werden und dann in Streifen. Viele Anlagen und ein langes Band sind nötig, bis die Streichhölzer in der Schachtel landen, alles geht automatisch; der Mensch hat sich dem System unterworfen, selbst, wenn er isst, klingt es wie Industrielärm. Später werden aus diesem Chor Büroangestellte, allesamt Anzugträger, die um ihren Arbeitsplatz zittern. Wer die falsche Spielkarte zieht, das falsche Los, der fliegt. Am Schluss rockt dann im antikapitalistischen Protestcamp ein Hard-Chor „Ein bisschen Frieden“.

Alexander Charim zeigt am Landestheater Niederösterreich seine Collage aus Aki-Kaurismäki-Filmen. „Lichter der Vorstadt“ heißt der Abend, wiewohl dies so ziemlich das einzige Werk des finnischen Filmemachers ist, das nicht vorkommt. Trotzdem, die Reverenz an Großmeister Charlie Chaplin zieht sich natürlich durch Charims Inszenierung, sind doch auch hier alle Protagonisten gleichsam der Tramp. Gutherzige in einer gefühlskalten Umgebung, Empathiebegabte und Überlebensakrobaten, denen die Welt an sich und die Mitmenschen im Besonderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Emotionell wie materiell. Dabei sind die Figuren bei weitem keine Sympathieträger, sondern karstig und wortkarg. Diese Schicksale im Sinkflug, sie werden ohne Sentiment vorgetragen, als Satire, Kaurismäki verbietet sich und anderen jede „Gefühlsduselei“.

In St. Pölten hat man die Kraft des gesamten Ensembles aufgeboten, um das darzustellen, und, jeder Darsteller in mehreren Rollen, welch eine Kraft. Es scheint, als wäre das Haus diese Saison von Produktion zu Produktion exzellenter geworden, und nun fast an deren Ende auf dem schauspielerischen Höhepunkt.

Charim montierte für seine Arbeit: „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die Geschichte von Iris, die keiner mag, bis sie sich ein rotes Kleid kauft, doch das Kleid wird ihr Verhängnis und sie greift zu Gift. „I Hired a Contract Killer“ über den lebensmüden, weil eben entlassenen Henri Boulanger, der einen Auftragsmörder engagiert, sich just im selben Moment verliebt und nicht mehr sterben will. „Wolken ziehen vorüber“, in dem das Ehepaar Ilona und Lauri zeitgleich die Jobs verliert, aber nicht den Mut, und mit dem Restaurant „Arbeit“ neu durchstartet. Und nach der Pause „Der Mann ohne Vergangenheit“, eine Erzählung über einen Reisenden, der überfallen und auf den Kopf geschlagen wird und sein Gedächtnis verliert; als anonymer M versucht er sein Leben zu rekonstruieren und findet statt sich selbst eine Frau …

Charims Arbeit ist im ersten Teil zwingend und dicht, von hohem Tempo und hoher Intensität; sie changiert zwischen tragikomisch und brutal grotesk und ist unter ihrer spleenigen Oberfläche lauernd gefährlich. Der Regisseur schiebt die Szenen ineinander, bringt die Working Class Zeros aus mehreren Storys gleichzeitig auf die Bühne, hinten Ilona und Lauri im neuen Lokal, vorne Henri und Margaret beim Rendezvous, das ist so fein verwoben, so fantastisch austariert, dieses Requiem für Aki Kaurismäkis Alltagsantihelden, dass im zweiten Teil der Leistungsabfall fast folgen musste.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ erschließt sich einem nicht, auch wenn klar ist, was Charim meint: Alle sind hier M, die werktätige, gesichtslose Masse, austauschbare Nummern statt Namen, weil es mehr als einen Zahlencode fürs Bezahlen von Steuern und Sozialversicherung nicht braucht. Dann allzu abrupt aus, und verrätselt schön und gut, aber irgendwie fügte sich dieses Stück nicht in die anderen; die Frage ist, ob der Wachmann im Vorstadt-Einkaufscenter nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Aber Charim suchte wohl einen versöhnlicheren Ausgang als es für diesen gibt. Aufgeben, sagt er zum abwesenden Koistinen, ist keine Option. Geh‘ den Weg gefälligst weiter als bis zur nächsten Biegung.

Tobias Voigt, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller, Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Vorne „I Hired a Contract Killer“: Tobias Voigt, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller; hinten „Wolken ziehen vorüber“: Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ in der unguten Stube: Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

Für all das hat Ivan Bazak einen drehbaren Kubus erdacht, der parallel die abgehauste Wohnstube von Iris‘ Eltern und eine grindige Kantine sein kann, als Bühnenprospekt eine hyperrealistisch glückliche Familie, die wie zum Hohn den Existenzen davor beim Scheitern zusieht. Matthias Jakisic und „Sofa Surfer“ Wolfgang Schlögl interpretieren mit Geige, Slide-Gitarre und Akkordeon einwandfrei den finnischen Tango. Charim erzählt sehr „filmisch“, in knappen Sequenzen, lässt neben den Dialogen einen Zwischentext wie Regieanweisungen vortragen und die Charaktere streckenweise gänzlich sprachlos sein … auch dies eine Verbeugung an das schwarze Schaf im Zahnradgetriebe. Die modernen Zeiten haben alle schwer erwischt.

Magdalena Helmig und Lukas Spisser, der Südtiroler ist seit Herbst am Haus und ein echter Gewinn, überzeugen anrührend als Ilona und Lauri, die von Staat und Banken im Stich gelassen beweisen, dass der Starke am mächtigsten zu zweit ist. Schön wie sie zeigen, wie man im größten Schlamassel, als Spielball einer „Unternehmenspolitik“, seine Würde wahren kann, und ist diese Episode der Suomi-trilogia auf Verbundenheit aufgebaut, folgt für Spisser mit Swintha Gersthofer als Iris pures Verlangen, eine beinah kunstturnerische Sexszene. Gersthofer gibt die junge Naive peinlich bis zum Fremdschämen, doch Vorsicht!, irgendwann wollen die working poor, will der Mensch nicht mehr Material sein, dann wird das Lämmchen zum Reiß-Wolf.

Tobias Voigt ist fabelhaft als tollpatschiger Todeskandidat Henri, der Beruf über privat stellt, bis ihn der Beruf vor die Tür setzt. In der zum Glück Lisa Weidenmüller als trotzig-rotzige Margaret steht, eine Aufrüttlerin, wie gemacht für den Durchhänger. Michael Scherff gibt mit großer Spielfreude den mutmaßlich traurigsten Killer der Theatergeschichte. Voigt erlaubt sich noch ein Kabinettstückchen als Hund Hannibal. In den brillanten Darstellerreigen fügen sich Marion Reiser und Helmut Wiesinger unter anderem als Iris‘ Eltern, Christine Jirku, Pascal Groß und Othmar Schratt als Ilonas Kollegen, und Jan Walter als Containerdorfbewohner oder Snack-Bar-Gast. Alle zusammen spielen sie noch, scharfkantig und trocken, Abteilungsleiter und Arbeitsvermittler, Steuerprüfer und Obdachlose und – M.

„Die Arbeiterklasse kennt kein Vaterland“, sagt eine der Figuren an einer Stelle. Das ist freilich eine Zuspitzung, aber: Finnland ist faktisch überall. Kaurismäkis Themen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Einsamkeit sind so individuell wie universell. Doch das kleine Glück und die letzte Hoffnung müssen doch zu verteidigen sein, daran glaubt der Filmphilosoph fest. Alexander Charim hat aus seinen kurzen Geschichten, aus als solche empfundenen und tatsächlichen Katastrophen, ein im Vergleich zu den Originalen opulentes, auch erkennbar politischeres Gesellschaftspanorama entworfen, das Phänomene beleuchtet, die das Hierzulande betreffen. Nicht nur in diesem Sinne ist sein Abend allemal sehenswert. Schließlich: was will man schon groß?, mehr oder weniger alle dasselbe. Sing mit mir ein kleines Lied …

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Willy Vlautin: Die Freien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18508

Wien, 23. 4. 2016

Ich und Kaminski

September 17, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der alte Mann – und was mehr?

Daniel Brühl (Sebastian Zöllner), Jesper Christensen (Manuel Kaminski) Bild: © Filmladen Filmverleih

Daniel Brühl (Sebastian Zöllner), Jesper Christensen (Manuel Kaminski)
Bild: © Filmladen Filmverleih

Der ORF-Kulturmontag hat sie 2003 zusammengebracht. Daniel Kehlmann stellte seinen damals neuen Roman „Ich und Kaminski“ vor, Daniel Brühl und Regisseur Wolfgang Becker ihren damals neuen Film „Good Bye, Lenin!“. Das Buch wanderte von Hand zu Hand, nun liegt der Film (Drehbuch: Thomas Wendrich) dazu vor. Warum es so lange gedauert hat, erklärt Becker im Interview mittels Gegenfrage: „Wie schafft man es, dass das Publikum zwei eher unsympathischen Charakteren folgt, wo es doch auf positive Helden konditioniert ist?“ Vor allem, wenn dieses Publikum fürs Erste naturgemäß aus Filmförderern und Fernsehsendern bestand. Der französische Finanzier Canal+ sagte alsbald Au revoir – Becker: „Ich war in Paris im Büro eines jungen Redakteurs. Er wiegte sein Haupt hin und her, setzte die Bedenkenträgermiene auf und erklärte mir, dass er Schwierigkeiten mit den Hauptfiguren habe …“ -, und von diesem Schock hat sich der Film offenbar nicht mehr erholt. Er leidet an einer installierten Schwachstelle. Er ist einfach zu nett. Aus Kehlmanns mit der ihm in jüngeren Jahren eigenen Verbitterung geschriebenen Satire über den Kunst- und Kulturbetrieb – die berüchtigte biestige Vernissagenszene unterbelichtet Becker völlig – wurde ein knuffiges Roadmovie mit philosophischem Touch. Meister, ich habe nichts, sagt der Schüler zum weisen Bodhidharma. Und der antwortet, dann wirf es weg. Im von rührseliger Wehmut umwehten Moment am Meer hat Sebastian Zöllner den alten Kaminski endlich verstanden, Katharsis as Katharsis can. Selbst Becker sagt, müsse er noch einmal beginnen, er würde krasser erzählen.

So ist Jesper Christensen als Manuel Kaminski ein kauziges, in seinen Schrullen liebenswertes Schlitzohr. Der dänische Schauspielstar (www.jesperchristensen.dk; Eigendefinition: Stopped doing theatre in 98. Since then stupid men on film only, seit „Casino Royal“ Bond-Bösewicht Mr. White und auch in „Spectre“ wieder dabei), spricht die Rolle des polnischstämmigen Malerfürsts in Deutsch mit eigenwillig undefinierbarem Akzent. Daniel Brühl ist als Sebastian Zöllner mit Wuschelhaar, Dackelblick und Dreitageschatten um die Wangen sowieso zum Knuddeln. Die zynische, schnöselige Arschlöchrigkeit seines Buchpendants hat er nicht. Paradoxer- oder logischerweise macht gerade das den Reiz des Films aus, den Christensen in jeder Sequenz dominiert. Ihm steht die scheinverwirrte Fragilität im Alpenasyl ebenso wie die wiedererwachte Reiselebenslust. Solo für Opa, sozusagen. Christensen sind im Zusammenspiel mit Brühl die Momente zu verdanken, die an die Magie des Kinos glauben machen. Apropos, Kino: Viel an Jürgen Jürges Bildgestaltung schreit zu laut TV-tauglich. Es ist, als hätte man eine Farbe, eine Technik gesucht und sich für Naive Kunst entschieden, während Kaminski tatsächlich doch dem Fauvismus und dem Surrealismus verpflichtet ist. Diese Pinselführung übertüncht stellenweise Christensens und Brühls darstellerische Palette. Nicht von ungefähr hat eine der stärksten Szenen im Film mit dem Bild zu tun, nämlich als Brühl-Zöllner im Keller des Kaminski-Chalets dessen letzte Werke findet, überlebensgroße, expressionistische Köpfe mit zerkratzten, blutenden, leeren Augenhöhlen. Da versteht man, dass das durchaus charmante Geplänkel der beiden mehr Gewicht bekommen hätte können. Der als blind painter Berühmtgewordene und der gefühlsblinde Möchtegernbiograf. Der Manipulierer, der auf den Alten Meister trifft. Zwei sich in ihren Lebenslügen kreuzende Lebenswege. Es wäre was drin gewesen.

Becker lässt stattdessen eine Parade von Sonderlingen vorbeidefilieren. Die wichtigste unter ihnen: Geraldine Chaplin, die mit Brühl schon im anderen, ganz großartigen Alte-Leute-Film „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ von Stephane Robelin vor der Kamera stand, darf als Jugendliebe Therese Lessing im rosa Strickjäckchen schön neben der Spur sein. Während sie Millionenshow oder Glücksrad oder so etwas schauen will und Kaminski erkennt, dass er diese Frau nie gekannt hat, zeigt Brühl mit gezücktem Diktiergerät wie man sprachlos das Wort übertönt. Er, der auf den Aufregersatz, der nicht kommen wird, wartet, mit verkniffener Miene, bleistiftschmalem Mund, Spannung bis zum Platzen  – und nichts. Das Gesicht fällt in sich zusammen. Wie gesagt: Es wäre … Amira Casar spielt Kaminski-Tochter Miriam mit säuerlicher Besorgnis, optisch ein Paloma-Picasso-Klon, der großen Viviane de Muynck als Hausperle Anna geht die Loyalität aus, wenn sie mit Kohle befeuert wird. Stefan Kurt ist als sleeker Kunsthändler ein letzter Weynfeldt, Josef Hader ein grimmig-komischer Zugbegleiter, Karl Markovics darf als Komponisten-Zwillinge gleich doppelt auf die Leinwand. Denis Lavant kann als autostoppender Clochard Karl Ludwig gar nicht anders als brillieren. Jacques Herlin kann man in seiner letzten Rolle als Dominik Silva Salut sagen. Auch einen Insiderwitz erlaubt sich Becker: Der große gelbe Werbevogel, zuerst Jürgen Vogels Kostüm in „Das Leben ist eine Baustelle“, dann in „Good bye, Lenin!“ zu sehen, ist wieder im Bild.

Es ist also nicht so, dass „Ich und Kaminski“-Der Film einen quält, sehenswert ist vor allem, wie Becker seine Figuren nie mit einem „Gag“ fängt, sondern immer bemüht ist, ihren Seelen Raum zu geben, aber so richtig geht einem das Herz nicht auf. „Es ist seltsam Sie in meinem Leben zu wissen, seltsam und nicht angenehm.“ – „Berühmt sein heißt, jemanden wie mich zu haben.“ So ein Dialog zwischen Kaminski und Zöllner. So ein Dialog zwischen Buch und Film.

www.filmladen.at/ich.und.kaminski

www.ichundkaminski.x-verleih.de

Wien, 17. 9. 2015

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014