Volkstheater: Der Spielplan der Saison 2016/17

Mai 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Badoras zweites Programm ist politisch und mutig

Volkstheater-Direktorin Anna Badora bei der Spielplanpräsentation. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora bei der Spielplanpräsentation. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Erste Spielzeiten muss man durchhalten“, sagte Volkstheater-Direktorin Anna Badora im Laufe der Spielplanpräsentation für die Saison 2016/17 am Dienstag Vormittag. „Wir haben sehr viel auf den Weg gebracht, manches abgeschlossen und manches liegt noch vor uns.“ Damit gemeint war einerseits die anstehende Generalsanierung des Hauses, andererseits ein, so Badora, „Langzeitprojekt“ – „neue Zuschauerkreise ans Haus zu holen.“

Denn das Team rund um die Intendantin machte knapp vor Ende seiner ersten Saison kein Hehl aus der „Kündigung etlicher Abonnements“, dafür sei der Zulauf an der Abendkasse stärker denn je. Man setze auf ein „behutsames Umgruppieren“ des Publikums, wofür in den Bezirken sogar ein neues Projekt gestartet wurde: ein Patenschaftsprogramm, bei dem Stammgeher sich neuer, junger Zuschauer annehmen sollen. „Wir wollten das Volkstheater zu einem Ort des gesellschaftlichen Diskurses machen und das ist uns gelungen. Unsere Stücke und Vorgangsweisen haben polarisiert, wurden teils kritisch besprochen, aber haben dazu geführt, dass das Publikum Haltung zeigt“, so Badora.

„Es gab positive und negative Rückmeldungen, viele Briefe und Emails.“ Nun wolle man vor allem in den Bezirken und dort punkto Genres und Stoffen näher an das Publikum heranrücken. Gefordert wurde nämlich mehr Erbauliches und weniger Problemstücke. Man sei „in engen Dialog mit den Zuschauern getreten“, sagt die Hausherrin. Dem kaufmännischen Direktor des Hauses, Cay Stefan Urbanek, kam die Aufgabe zu, das alles in Zahlen auszudrücken: Die Auslastung aller Spielstätten liegt derzeit bei 67 bis 69 Prozent (im Haupthaus gilt dies bei einem Minus von 120 Sitzplätzen wegen der neuerrichteten, sichtverbessernden Tribüne). Die Kartenerlöse liegen bis dato bei 2,9 Millionen Euro. Die Werkstätten werden (wie berichtet: www.mottingers-meinung.at/?p=18001) geschlossen. Man hofft dadurch etwa eine halbe Million Euro zu sparen. Mit 1. 1. 2016 haben sowohl Bund als auch Stadt Wien die Förderungen um je 200.000 Euro erhöht.

Für die kommende Saison legte Anna Badora einen Spielplan vor, der rund um das Thema Gemeinschaft „und derer, die daraus ausgeschlossen sind“ kreisen wird. Es war dem Volkstheater-Team bei dessen Vorstellung daran gelegen, die „politischen Aspekte des Spielplans herauszustellen“. Geplant sind neun Uraufführungen, aber (noch) nicht das abgesagte „Homohalal“ von Ibrahim Amir, eine deutschsprachige und eine österreichische Erstaufführung. Als Neuzugänge im Ensemble kommen Michael Abendroth und Evi Kehrstephan, beide zurzeit in den Bezirken in „Halbe Wahrheiten“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438), und Luka Vlatkovic. Der Student am Max-Reinhardt-Seminar spielte bereits in Viktor Bodós „Iwanow“ eine kleine Rolle. Autor Thomas Glavinic gibt mit der Inszenierung seines Drama-Erstlings „Mugshots“ sein Debüt als Regisseur.

Die Highlights des kommenden Programms:

Spielplan-Pressekonferenz in der Roten Bar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Spielplan-Pressekonferenz in der Roten Bar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Haupthaus eröffnet am 9. September Regisseur Dušan David Pařízek: Er inszeniert Katherine Anne Porters Roman Das Narrenschiff in eigener Bühnenfassung und Übersetzung. Die Odyssee eines israelisch-palästinensischen Paares, verwoben mit den Geschichten anderer von Krieg und Emigration geprägter Figuren, erzählt Niemandsland, das am 25. September Wiener Premiere hat.

Regisseurin Yael Ronen erarbeitete den Stoff in der Spielzeit 2013/14 am Grazer Schauspielhaus, da die Vorlage für das Stück wie stets bei Ronen echte Biografien sind, hat es sich „um eine positive Wendung für eine Figur“ weiterentwickelt. Es folgt mit Molières Der Menschenfeind am 1. Oktober in der Regie des diesjährigen Max-Reinhardt-Seminar-Absolventen Felix Hafner ein Klassiker, darauf die Uraufführung von Christine Eders „Untergangsrevue“ Alles Walzer, alles brennt. Eder, die sich schon bei der „Proletenpassion“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13411) mit den sozialistischen Wurzeln Österreichs befasst hat, beschäftigt sich nun mit der Frauenbewegung. Musikalisch begleitet wird das Projekt von Gustav. Premiere ist am 16. Oktober.

Anna Badora selbst widmet sich Grillparzers Dramatischem Gedicht Medea, Premiere am 20. November, als Beispiel für Migration, Identitätsverlust „und einem verzweifelten Anpassenwollen, trotz dem sie das Stigma der Barbarin nicht los wird“. Der junge serbische Regisseur Miloš Lolić schaut mit Elfriede Jelineks Rechnitz (Der  Würgeengel) ab 11. Dezember in die Abgründe der österreichischen Seele. Ein Höhepunkt wird sicher die Uraufführung von Traiskirchen. Das Musical, einer Produktion von Die Schweigende Mehrheit in Kooperation mit dem Volkstheater, das in der Regie von Tina Leisch und Bernhard Dechant im Jänner 2017 Premiere hat. Leischs und Dechants Inszenierung von Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ ist kürzlich im Audimax der Uni Wien von Identitären angegriffen worden (mehr: www.schweigendemehrheit.at), am Volkstheater plant das Duo „ein groteskes Spektakel mit viel Musik“, die Mitwirkenden – „Flüchtlinge bis Opernsänger“.

Zum zweiten Mal am Volkstheater inszeniert Viktor Bodó: Mit E.T.A. Hoffmanns Klein Zaches in der Bühnenfassung des Budapester Theatermachers Péter Kárpáti hat er sich ein „romantisches Kunstmärchen“ vorgenommen, das nicht minder gesellschaftskritisch ist. „Es geht um den Siegeszug eines missgestalteten Bauernkindes. Durch einen Zauber erscheint es plötzlich allen schön und klug, alle sitzen der Verblendung des – geistigen – Zwerges auf. Etwaige Ähnlichkeiten werden da unvermeidlich sein.“ Premiere ist am 12. Februar. Ebenfalls nicht zum ersten Mal am Volkstheater arbeiten der deutsche Regisseur Philipp Preuss und der österreichische Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan. Preuss‘ Inszenierung von Horváths Volkstheater-Klassiker Kasimir und Karoline hat am 17. März Premiere, Habjans Inszenierung von Lessings Nathan der Weise, wie immer gespielt von Schauspielern und Puppenspielern, am 7. April.

Am Volx/Margareten eröffnet die junge deutsche Regisseurin Holle Münster, Mitglied des Künstler-Kollektivs Prinzip Gonzo, die Saison mit einer Uraufführung, die sich mit modernem großstädtischem Leben auseinandersetzt: Autor Stefan Wipplinger zeichnet in Hose Fahrrad Frau (Premiere 14. Oktober) das Bild einer Stadtgesellschaft, in der soziale Beziehungen nur noch über Besitz, Kauf und Tausch zu funktionieren scheinen. Premiere ist am 14. Oktober. Im Dezember folgt die Uraufführung des ersten Dramas von Thomas Glavinic, Mugshots, zu sehen in der Regie des Autors selbst. Eine österreichische Erstaufführung steht ab Jänner mit Hangmen (Die Henker) von Martin McDonagh am Spielplan. Ensemblemitglied Lukas Holzhausen inszeniert den 2016 in Großbritannien als Stück des Jahres ausgezeichneten Text. Erstmals im Volx/Margareten inszeniert Bérénice Hebenstreit mit der Uraufführung von Barbi Markovićs Roman Superheldinnen. Premiere ist im Februar. Im Mai präsentiert Calle Fuhr dann seine Inszenierung von Heiner Müllers Philoktet.

Das Volkstheater in den Bezirken startet mit der deutschsprachigen Erstaufführung von David Lindsay-Abaires Mittelschichtblues in die neue Spielzeit, Premiere ist am 30. September in der Regie von Ingo Berk. In den USA war „Mittelschichtsblues“ 2012/13 das meistgespielte Stück. Es geht um eine alleinerziehende Mutter, die, als sie arbeitslos wird, nur noch einen Steinwurf von der Verarmung entfernt lebt. Ab 2. Dezember ist Robert Seethalers Erfolgsroman Der Trafikant (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5071) in einer Bühnenfassung des Autors zu sehen, hier inszeniert Sebastian Schug. Eine musikalische Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof ist die Uraufführung von Keine Angst. Für seine Heimgartenrevue recherchiert Regisseur Ed. Hauswirth, der diese Saison „Die Fleischhauer von Wien“ zeigte, in den Schrebergartenkolonien in und um Wien „über den bedrohten Traum vom eigenen Fleckchen Grün“. Premiere ist am 17. Februar. Zum Abschluss der Bezirke-Tournee gibt es mit Goethes Stella ab 28. April schließlich auch noch einen Klassiker in der Regie Robert Gerloff. Gezeigt wird die Erstfassung, die „polygame Version“ des Stücks, die mit einer Ménage à trois endet. Badora: „Das Bezirke-Publikum hat sich diesen Klassiker gewünscht. Nun ist ‚Stella‘ gleichsam auch unsere Klassikerkomödie.“

www.volkstheater.at

Wien, 3. 5. 2016