Art Carnuntum – La MaMa Theatre New York: Pylade

Juli 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wahnsinn und die Schändung einer Wassermelone

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble, geht in seinem Spiel über die Grenzen körperlicher Belastbarkeit hinaus. Bild: Barbara Pálffy

Marko Mandic als Pylades geht in seinem Spiel über die Grenzen körperlicher Belastbarkeit hinaus. Bild: Barbara Pálffy

Die Wassermelone, die mit einem Messer zer- und an die Zuschauer verteilt wurde, hatte das bessere Los gezogen. Ihre Schwester nämlich wurde von Pylades zur Befriedigung essenziellster Bedürfnisse herangezogen. Der slowenische Schauspielstar Marko Mandić spielt diesen besten Freund des Orestes, so kraftvoll und schonungslos, auch gegenüber seinem zu 90 Prozent des Abends nackten Körper und dessen allzu menschlichen Reaktionen, dass man zuweilen um seine Unversehrtheit bangte …

Das New Yorker La MaMa Theatre war erstmals nach dem Tod seiner Gründerin Ellen Stewart wieder bei Art Carnuntum zu Gast. Im römischen Amphitheater zeigte die Experimentaltheatertruppe Pier Paolo Pasolinis Drama „Pylade“. 1977 ist dieses im Original „Affabulazione“ – Königsmord genannte Werk entstanden, und der italienische Filme- und Theatermacher stülpt darin der mythologischen Figur nicht nur seine eigene Biografie über, sondern versetzt sie in ein Italien seiner Zeit, einem Land, aufgerieben zwischen den Attentaten der Roten Brigaden und Angst und ergo Antiterrorgesetzen und daraus resultierendem Staatsterror.

Recherchen über letzteren, so eine Spekulation, könnten zu Pasolinis gewaltvollem Tod geführt haben. Nichts also könnte dieser Tage aktueller sein. US-Kritiker lobten die Produktion nach ihrer Premiere im Dezember zu Recht über die Maßen, die Vereinigten Staaten im Wahlkampf und hier ein Thronfolger, der nach der Ermordung von Vater und Mutter und deren Liebhaber eine neue demokratische Gesellschaft einführen will und, verfolgt von den Erinnyen, doch scheitern wird müssen. Sein hehres Ansinnen ist zu sehr auf den morschen Pfeilern der Vergangenheit errichtet, und Pylades, beseelt vom Geist der Göttin Athene, erkennt das.

Pasolini gibt diesem von Aischylos über Euripides bis Sophokles stummen Diener eine Stimme, die der Revolution, die der Antikorruption und des Antikapitalismus. Und wenn Regisseur Ivica Buljan, er übrigens künstlerischer Leiter des kroatischen Nationaltheaters Zagreb, seinen Hauptdarsteller Mandić zum Schluss die Bandiera rossa mit der letzten Zeile „Evviva il comunismo e la libertà“ singen lässt, dann ist das für eine Arbeit aus dem bigott-prüden Amerika mutmaßlich noch mutiger als das Ausstellen entblößter Haut.

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Barbara Pálffy

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Barbara Pálffy

La MaMa-Direktorin Mia Yoo als Elektra. Bild: Barbara Pálffy

La MaMa-Direktorin Mia Yoo als Elektra. Bild: Barbara Pálffy

Perry Yung wendet sich als armer Bauer vergebens an den Hof. Bild: Barbara Pálffy

Perry Yung wendet sich vergebens an den Hof. Bild: Barbara Pálffy

Nicht nur Mandić überzeugt mit seiner energiegeladenen Performance. Als einer, der die Wahrheit sagt, so unbequem sie auch sein mag, der Zweifel in die allgemeine Aufbruchsstimmung sät und deshalb bald verbannt wird, steht ihm nicht nur der Wahnsinn, ja zeitweise eine Transzendenz in den Augen, als hätte er sich schon aus dem Amphitheater verabschiedet, sondern mit Tundé Sho auch ein Orestes gegenüber, der sich vom sozial denkenden Visionär zusehends zum Realpolitiker wandelt.

Mehr als nur Bruderliebe scheint die beiden Männer zu verbinden, auf dem Höhepunkt seiner Raserei färbt Pylades sein Geschlecht schwarz, um sich dem Geliebten und Unbelehrbaren anzugleichen, doch dem verstellen die Autoritäten die Sicht aufs Wesentliche: Ein Hof, der nichts von den Mühen der Bevölkerung wissen will, der sich „im Kampf gegen eine Armee von Arbeitslosen und Migranten“ sieht, doch nicht Lösungen sucht, sondern Exzess und Eskapismus. Sho spielt das sehr schön verzweifelt und doch herrisch, einer, der nicht anders kann, weil er einfach muss.

Dem gegenüber steht seine Schwester Elektra als wütende Trauernde, die Vertreterin der traditionsbewussten Bewohner Argos‘, dargestellt von der neuen La MaMa-Direktorin und Ellen-Stewart-Erbin Mia Yoo. Sie wird zur dritten Kraft im Ringen des Orestes mit Pylades, noch eine letztlich Liebende, die in der Mythologie zu Pylades‘ Ehefrau und der Mutter seiner beiden Söhne wird. Nicht nur Yoo attackiert ihre Rolle als ob es um ihr Leben ginge, Maura Nguyen Donohue als Athene, Eugene The Poogene als Eumenides, Cary Gant, John Gutierrez, Chris Wild und die fabelhafte Valois Mickens tun es ihr gleich.

Perry Yung, hierzulande auch aus dem Fernsehen, zuletzt etwa „Blacklist“, bekannt, brilliert naturgemäß als Bauer, der sich umsonst an die Obrigkeiten wendet. In New York machte die La MaMa-Truppe mit einem Warnhinweis auf die Körperlichkeit ihrer Aufführung aufmerksam. Das ist in einem diesbezüglich provozierbefreiten Europa zwar nicht nötig, doch auch in Carnuntum wurde dem Publikum im Wortsinn der Boden unter den Füßen weggezogen. Es wird Teil der Inszenierung, sei es, weil zum Tanz aufgefordert oder zum gemeinsamen Melonenmahl eingeladen; Sex & Crime finden nicht nur vor ihm, sondern mitunter auch mitten in den Sitzreihen statt. Die Radikalität und beinah heilige Hingabe, mit der das passiert, macht „Pylade“ zu einem unvergleichlichen Abend. Mit Ausnahmeschauspielern, die, wie man’s im Deutschsprachigen so leider nicht kennt, jenseits von Herkunft und Hautfarbe und dem einen oder anderen Akzent von Ivica Buljan für ihre Aufgaben ausgewählt wurden.

Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin bereitet indes schon die nächsten Projekte vor: Von 4. bis 6. August gastiert bei ihm Shakespeare’s Globe Theatre London mit „The Two Gentlemen Of Verona“, am 27. August folgt „The Summit/Der Gipfel“.

www.artcarnuntum.at

Wien, 18. 7. 2016

Beasts of No Nation

November 9, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod hat ein Kindergesicht

"Commandante" Idris Elba und seine Armee Bild: Netflix

„Commandante“ Idris Elba und seine Armee
Bild: Netflix

Es gibt dieses 15-minütige Gemetzel. Da ist Agu schon unter Drogen gesetzt und setzt die Machete ein, wie’s und wo’s geht. Köpfe fliegen und Hände, und die Röcke von Frauen bei den Vergewaltigungen. Regisseur Cary Fukunaga rechtfertigt die gezeigten Grausamkeiten mit der Feststellung, der Krieg sei grausamer als jeder Film über den Krieg. Die Message hätte dieses Gemetzel nicht gebraucht, man versteht schon. Aber die erste große Filmproduktion des Onlineanbieters Netflix will auf Hollywood machen. Irgendwo zwischen „Inglourious Basterds“ und „Gesichter des Todes“. Hier hat der Tod ein Kindergesicht. Doch subtile Analyse einer Situation geht anders. Schlimmer noch als die fortschreitende Entmenschlichung auf der Leinwand ist die des Betrachters. Beim x-ten abgehackten Irgendwas entwickelt sich gegenüber den geschändeten Plastikkörperteilen eine gewisse Abgestumpftheit. So einschleichend sollte Verrohung auch wieder nicht sein.

„Beasts of No Nation“ ist ein Film über Kindersoldaten in Afrika. Nach Angaben des sogenannten Machel-Berichts der UNO gibt es derzeit etwa 20.000 kämpfende Kinder im Alter zwischen neun und 18 Jahren. Olara Ottuno, der UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, schätzt, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen Kinder zu Invaliden wurden und zehn Millionen Kinder schwere seelische Schäden davontrugen. „Beasts of No Nation“ ist ein wichtiger Film. Er basiert auf dem 2005 erschienen Debütroman von Uzodinma Iweala mit dem Titel „Du sollst Bestie sein!“ Der erschütternde Text ist eine Zusammenfassung von Schilderungen real gewesener Kindersoldaten, die Iweala „verstehen, nicht entschuldigen“ will. Das Buch ist in bestialischem Sinne sinnlich, es reflektiert nicht, sondern zieht hinein, es macht den Leser zum unmittelbaren Teilnehmer am, statt zum Zuschauer beim Kriegsgeschehen. Vergleiche mit Erich Maria Remarque und Céline mögen bemüht sein, aber nicht allzu weit hergeholt. Dem Guardian fiel bei der Rezension auf, dass das Wort „Hoffnung“ im gesamten Text nur drei Mal vorkommt: Im Motto, einem Zitat aus Rimbauds „Une saison en enfer“, in dem der Ich-Erzähler endlich alle Hoffnung aufgegeben hat, und als Spitzname eines Buben, der bei seiner zweiten Nennung allerdings schon tot ist. Er war der beste Freund, im Wortsinn Bluts-Bruder von Agu.

Derlei anderen Zwischenton trifft der Film nicht. „True Detective“-Macher Fukunaga weiß offenbar, was die Filmwelt will: Afrika als ihre offene Wunde sehen, damit man weiter unentschlossen sein kann, ob der Schwarze an sich nun mehr Mensch oder Tier ist. In Afrika nichts Neues. Die Welt stellt sich nur einmal ein. Als „Commandante“ Idris Elba seine Entlohnung für Tötungen im Namen der NDF abholen will, muss er warten, weil vor ihm ein dicklicher Anzugtyp dran ist, der sich nervös an seinen schwarzen Koffer klammert. Ein kurzer Blickwechsel ist die Moral von der Geschichte. Warum über die Einflussnahme des Westens (und mit China auch der des Ostens) in Afrika, über die zweite Kolonisation des schwarzen Kontinents, philosophieren, wenn ums Eck vielleicht ein Oscar wartet (um sich dafür zu qualifizieren startete „Beasts of No Nation“ in den USA auch in ausgesuchten Kinos, wo er mit einem Rekordminus von nur 50.000 Dollar Einnahmen am Startwochenende aber unterging)? Warum klarmachen, dass „Beasts of No Nation“ von uns handelt, von denen die gute Grenzzäune bauen und schlechte Schiffe, um ihre „Festung Europa“ zu sichern? Ursachenuntersuchung ist ein anderer Film. Und mit dem Oscar liebäugelt das Ganze doch sehr auffällig. Etwa auch, wenn Agu-Darsteller Abraham Attah mit gebrochener Kinderstimme aus dem Off Dinge kommentiert, die sich längst erschlossen haben. Oder, wenn am Schluss der Hollywood’sche Silberstreif am Horizon auftaucht – so viel Traumfabrik muss sein! Hier setzt auch der Film an: Zu Beginn verkauft Agu einem Friedenssoldaten ein leeres Fernsehapparatgehäuse. „Das ist ein Fernseher der Vorstellungskraft“, sagt er. Der Soldat lacht und zahlt. Auch er will statt der Wirklichkeit nun sehen, was er wirklich will.

Agu, Darstellerentdeckung Abraham Attah wurde in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet, flieht in den Dschungel nachdem seine Familie abgeschlachtet wurde. Die Terrormiliz des Commandante greift ihn halbverhungert auf, Agu ergibt sich den Umständen. Kinder und Jugendliche sind in der Regel leichter zu rekrutieren als Erwachsene. Sie suchen Schutz, hoffen, ihre Existenz zu sichern, wollen soziale Anerkennung und möglicherweise ein Machtgefühl, das sie als Unbewaffnete nie hätten. Manche sinnen auf Rache, weil ein Feind Angehörige ermordet hat. „Sie zu töten war nicht schwer“, sagte der damals 15-jährige Sylvère in weltweiten Interviews, nachdem er von der UNO aus den Fängen der burundischen Hutu-Rebellenorganisation FNL befreit wurde. „Wer hat dieses Ding hierher gebracht?“, fragt der Commandante. Und man weiß nicht, ob das „Ding“ Agu ist oder der ganze Krieg. Idris Elba spielt den Anführer mit der lässigen Eleganz eines Brad Pitt als Lieutenant Aldo Raine. Eine Darstellung, die wie auch immer innere Kämpfe von vornherein ausschließt.

„Beasts of No Nation“ ist ein viel diskutierter Film, allerdings wird nicht über Form und Inhalt gestritten, sondern ob Netflix den Lichtspielhäusern den Garaus macht. Das ist schade, weil er trotz Schielen auf Applaus und Auszeichnungen einen starken Eindruck hinterlässt. Wenngleich die Dramaturgie keine Überraschungen bereithält, und Farb-, Licht- und Schattenspiele einen mitunter mehr erschlagen als die bedrückende Handlung, so machen die Performances der beiden Hauptdarsteller das allemal gut. Dem Manöver Fukunagas keinen realhistorischen Konflikt zeigen zu wollen, kann man dadurch begegnen, sich die Doku „Lost Children“ von Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz über die ugandische Lord’s Resistance Army anzusehen, die das Leid der Betroffenen darstellt, ohne es zur Schau zu stellen. Oder man hört Sylvères müde Stimme im O-Ton:  „Wir hatten den Soldaten der Regierungstruppen gefangen genommen. Vier Männer hielten ihn am Boden fest. Dann drückten sie mir das Messer in die Hand und sagten: Jetzt bist du dran! Ich sagte: Ich kann das nicht! – Töte ihn, oder wir töten dich, sagten meine Männer. Sie hielten Kalaschnikows im Anschlag. Da habe ich zugestochen. Er starrte mich aus weit aufgerissenen Augen an und schrie um Gnade. Aber ich rammte ihm das Messer ins Herz. Das war mein erster Toter.“

www.netflix.com

Wien, 9. 11. 2015