Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

April 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Genie, zur falschen Zeit zur Welt gekommen

Das Ohr ist ab: Willem Dafoe als Vincent van Gogh. Bild: © Filmladen Filmverleih

In der Schlüsselszene des Films, es ist auch die mit dem ausführlichsten Dialog, sitzt Vincent van Gogh in der psychiatrischen Klinik Saint-Rémy-de-Provence auf einer Klosterbank einem Priester gegenüber. Dieser, dargestellt von Mads Mikkelsen, wird nach dem Gespräch entscheiden, ob der Maler geistig gesund genug ist, um die Heilanstalt zu verlassen, aber er macht kein Hehl daraus, dass er mit der Kunst des Niederländers nichts anfangen kann.

Ja, dessen Bilder sogar ausgesprochen hässlich findet. Da sagt van Gogh, selber einmal Hilfsprediger unter härtesten Bedingungen im belgischen Kohlerevier Borinage: „Gott hat mir eine Gabe gegeben. Ich kann nur malen, nichts anderes. Doch vielleicht hat Gott für mich die falsche Zeit gewählt, vielleicht bin ich ein Maler für Menschen, die noch nicht geboren sind.“ Ein Genie, irrtümlich früh zur Welt gekommen. Mit diesem Gedanken des als solches Erkannt- und Berühmtwerdens erst nach seinem Tod spielt schon der Titel „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ von Julian Schnabels Film, der am Freitag in den Kinos anläuft. Dass sich ausgerechnet Willem Dafoe die Person des Pastorensohns, der sich stets nur einen „Pilger“ auf Erden nannte, anverwandelt hat, bekommt durch dessen cineastisches Vorleben als Jesus Christus eine besondere Referenz. Denn tatsächlich gibt Schnabel seinem van Gogh etwas verklärt Seherisches, wenn er sich bemüht, einen Seinszustand zu erreichen, in dem er mit den Dingen eins wird, wenn er sich die Natur aneignet, sie mit jeder Faser seines Körpers zu erspüren sucht, sie sich vertraut machen will, bevor er zu arbeiten beginnt.

Die Weizenfelder, die Sonnenblumen, die Äste und Blätter der Bäume, van Gogh wandert, die Staffelei auf den Rücken geschnallt, für seine Skizzen weite Strecken und geht dabei in der Schöpfung auf, das alles fängt Kameramann Benoît Delhomme auf so sinnliche und unmittelbare Weise ein, dass man beinah dem Gefühl erliegt, beim Anblick der Landschaftsbilder so zu empfinden wie der Künstler. Er male das Sonnenlicht, sagt Dafoes van Gogh an einer Stelle, und dasselbe lässt sich auch über Delhomme anmerken. Diese Schönheit wird konterkariert durch Szenen, die wirken, wie per Handkamera gedreht, im Gegenlicht, mit Schlieren quer über die Aufnahme, aus van Goghs Perspektive verschwommen und wie durch einen Filter gesehen.

Mit seinem Bruder Theo van Gogh: Willem Dafoe und Rupert Friend. Bild: © Filmladen Filmverleih

Van Gogh lernt Paul Gauguin kennen: Oscar Isaac und Willem Dafoe. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dazwischen immer wieder ein Zoom auf den Pinsel, der Farbe über die Leinwand wischt, der Autonomie erschafft, statt Realität zu kopieren, immer wieder van Goghs laufende Beine, als stecke man als Zuschauer in dessen Schuhen, dann als Kontrast Schwarzweiß-Fotografie oder auch solche in Grün-Gelb – Julian Schnabels Film ist ein impressionistisches Meisterwerk. Es versteht sich, dass der New Image Painter an einem konventionellen Biopic nicht interessiert war, Schnabels gemeinsam mit Lebensgefährtin Louise Kugelberg und Autorenaltmeister Jean-Claude Carrière verfasstes Drehbuch konzentriert sich auf van Goghs letzten beiden Lebensjahre.

Als er, in Paris gescheitert, auf Anraten seines Freundes Paul Gauguin nach Arles fährt. Gauguin, Vincents Bruder Theo van Gogh und schließlich der Arzt Paul Gachet in Auvers-sur-Oise sind in dieser Zeit seine wichtigsten Beziehungen. Oscar Isaac gibt einen ruppigen, angriffigen Gauguin, der van Gogh im künstlerischen Diskurs in die Enge treibt.

Wenn er dem, der wie im Fieber malt, hastig, „in einer einzigen klaren Geste“, wie er sagt, bescheinigt, seine Oberflächen seien wie Lehm. Rupert Friend spielt als Theo van Gogh dessen unendlich große Bruderliebe aus; sein Theo ist einer, der erkennt, der versteht und wertzuschätzen weiß. In der zartesten Sequenz des Films, da ist Vincent gerade wieder einmal im Irrenhaus gelandet, liegen die beiden gemeinsam auf dem Bett, umarmen und trösten einander. Mathieu Amalric schließlich schlüpft für einen Kurzauftritt in die Rolle des Dr. Gachet, und so, wie man zuvor dabei ist, wenn van Gogh sein durch drei Ölgemälde legendäres „Schlafzimmer in Arles“ einrichtet, so sieht man ihn nun das „Porträt des Dr. Gachet“ anlegen. Das Stereotyp Genie und Wahnsinn zu bedienen, hat sich Julian Schnabel versagt. In seiner Interpretation ist van Gogh ein grüblerischer, in sich versunkener Einzelgänger, der jäh in Aggression ausbrechen kann, und es so seinen Mitmenschen durchaus schwer machte.

Dafoe, und dafür in Venedig als Bester Schauspieler ausgezeichnet, gestaltet die Figur als Schmerzensmann, der sich seines Andersseins, seines Seltsam-Seins sehr bewusst ist. Sein durchlässiges Spiel lässt die künstlerische Besessenheit im bescheidenen Auftreten durchschimmern. Dass Willem Dafoe mit seinen 63 doch deutlich älter ist, als der mit 37 Jahren verstorbene van Gogh, selbst daraus macht Schnabel eine Tugend, lässt er doch in dessen zerfurchtem Gesicht sich gewissermaßen die Entbehrungen von van Goghs Leben spiegeln. (Das Ohr-Abschneiden ist übrigens ein Geräusch aus dem Off.) So viel von Dafoe, so viel Schnabel steckt auch in diesem van Gogh, als benutze der Filmemacher ihn als Folie für die Fragen über das Wesen eigenständiger Kunst und die überhöhte visuelle Wahrnehmung des bildenden Künstlers, die ihn selbst seit Jahren umtreiben.

In Auvers-sur-Oise malt Vincent van Gogh das berühmte Porträt des Doktor Paul Gachet: Willem Dafoe und Mathieu Amalric. Bild: © Filmladen Filmverleih

In den besten Momenten des Films überblenden sich die Identitäten van Gogh, Schnabel, Dafoe wie bei einer Dreifachbelichtung. In Interviews erzählt Schnabel, der Dafoe auch schon porträtiert hat, man habe in Vorbereitung auf die Dreharbeiten gemeinsam gemalt, er seinem Schauspieler gezeigt, wie man Farbe anmischt, den Pinsel führt. Das Schlussbild des Films ist an Symbolkraft nicht zu überbieten. Da liegt Vincent aufgebahrt, seine Bilder rund um den Sarg gestellt.

Und allmählich finden sich erste Interessenten, wechseln in Theo van Goghs Händen Gemälde mit Geldscheinen. „An der Schwelle zur Ewigkeit“ heißt eines aus dem Jahr 1890. Darauf sitzt ein alter Mann auf einen Stuhl und hat das Gesicht in den Händen vergraben.

www.ateternitysgate-film.com           dcmworld.com/portfolio/van-gogh

  1. 4. 2019

Wiener Festwochen: Peter Brooks „Battlefield“

Juni 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Fülle des leeren Raums

Der junge König braucht neue Hoffnung: Jared McNeill als Yudishtira, Carole Karenera als seine Mutter Kunti, Ery Nzarama als ein Bote/Freund. Bild: Caroline Moreau

Die Wiener Festwochen 2017 enden, wie sie begonnen haben: mit dem Mahabharata. Feierte Tianzhuo Chens Version „Ishvara“ die Dekadenz der Opulenz, so ist Peter Brooks „Battlefield“ die minimalistische Version des Jahrtausende alten Epos. Bereits 1985 hat sich der Regiegott mit dem indischem Versmythos befasst.

Damals in einer neunstündigen Theaterfassung und einem dreistündigen Film, nun hat er eine Szene herausgegriffen, neu inszeniert und fein ziseliert. Einmal mehr hält Peter Brook an seinem Manifest des leeren Raums fest, und zeigt, welche Fülle, welche Kraft der Schauspieler sich im gleichsam Nichts befinden kann.

Yudishtira hat die Familienfehde gewonnen und wird zum neuen gerechten König ausgerufen werden. Allein, Zweifel beschleichen seine Brust, hat doch nicht nur seine Mutter Kunti den Tod ihres mit der Sonne gezeugten Gott/Sohns Karna zu beweinen, sondern auch sein blinder Onkel Dritarashtra die Hinmetzelung seiner hundert Nachkommen. Angesichts Millionen Toter auf dem Schlachtfeld kann König Yudishtira, das Blut des Massakers noch an den Händen, seinen Sieg nur als Niederlage empfinden. Mit Hilfe von Kunti und Dritarashtra, versucht er verzweifelt zu ergründen, wie er angesichts seiner Schuld inneren Frieden finden kann.

Brook und seine Co-Regisseurin Marie-Hélène Estienne packen den von Jean-Claude Carrière bearbeiteten Stoff in einfache Bilder. Ein Dutzend Bambusstäbe und ein paar bunte Tücher genügen, um Darsteller und Handlung zu verorten.Was bleibt, ist ein ewiggültiger Grabgesang am Schlachtfeld Welt. Toshi Tsuchitori – er schon 1985 mit dabei – begleitet das Geschehen auf der Trommel, unterstreicht, akzentuiert wenn nötig. Jared McNeill spielt den Yudishtira, Sean O’Callaghan den Dritarashtra, Carole Karemera die Kunti und Ery Nzaramba diverse Boten/Freunde. Sie argumentieren sich durch dies hochphilosophische Werk, das Leid des Menschen und die Lust der Natur am Leben, als ob es ihr Alltäglichstes wäre.

Familienrat: Sean O’Gallaghan, Ery Nzaramba und Carole Karemera. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

Ery Nzaramba als auf dem Schlachtfeld sterbender Großvater Bishma. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

„Battlefield“ atmet Gleichnisse. Ein Kind stirbt nach einen Schlangenbiss. Wer kann Schuld haben? Die Schlange, der Tod, die Zeit, das Schicksal? Eine Taube, von einem Falken gejagt, landet erschöpft auf dem Oberschenkel eines mildtätigen Herrschers. Der bietet sein Fleisch für das Fleisch der Taube. Doch wird dem hungrigen Falken so Gerechtigkeit widerfahren? Ein Wurm will über die Straße kriechen – und muss doch von einem Ochsenkarren zermalmt werden.

Prospero Brook arbeitet sich ab an der Frage nach der Gerechtigkeit und der Wahrheit als Königspflicht. Gott Krishna und die Göttin Ganges treten auf, um das Ihre zu verkünden. Großvater Bishma wird auf dem Schlachtfeld, wo er von Pfeilen durchbohrt stirbt, besucht und nach seiner Meinung befragt. Die Antwort ist ein atemberaubendes Destillat des Sanskrit-Textes. Die Bedeutung dieser enormen Sammlung an Geschichten und der religiösen und lebensklugen Parabeln wird am besten mit einem Satz aus dem ersten Parva des Mahabharata zusammengefasst: „Was hier gefunden wird, kann woanders auch gefunden werden. Was hier nicht gefunden werden kann, kann nirgends gefunden werden.“

Das Ensemble brilliert: Carole Karemera, Sean O’Callaghan, Jared McNeill und Ery Nzaramba. Bild: Pascal Victor, ArtComArt

„Battlefield“ zeigt die apokalyptischen Nachwirkungen jedes Krieges. Brook stellt Nachforschungen an – nach Verantwortung, Schuld und Vergebung in einer von Konflikten und Kriegen zerrütteten Zeit, die aus seiner Inszenierung ein Lehrstück für die Gegenwart machen.  Und diese Fragen richten sich in erster Linie an Trump, Putin, Erdogan und Assad, aber auch an alle anderen Staatsoberhäupter dieser Welt.

www.festwochen.at

Wien, 17. 6. 2017