JOY

Januar 16, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Afrikas Armut in die Wiener Zwangsprostitution

Joy ist gefangen im Teufelskreis aus Menschenhandel und sexueller Ausbeutung: Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Vertrau niemandem, auch nicht mir, genauso wenig wie ich dir vertraue“, das ist der erste Rat, den die erfahrene Joy der Neueinsteigerin Precious gibt. Gerade hat ihr die Madame die Verantwortung über das Mädchen erteilt, doch zuvor war die Unwillige noch von deren Handlangern vergewaltigt worden – um sich ans Gewerbe zu gewöhnen. Eine Tat, die vor allen anderen Frauen der Madame geschah.

Eine Machtdemonstration der einen, der Versuch der anderen nur nicht hinzuschauen und -zuhören. Die Kamera fährt derweil Gesicht für Gesicht über deren versteinerte Züge. So etwas wie Mitgefühl oder Solidarität liegt darin nicht. Auf Festivals von Venedig bis Sevilla, von London bis Chicago bereits ausgezeichnet, läuft „JOY“ von Sudabeh Mortezai am Freitag hierzulande in den Kinos an. Die Wiener Filmemacherin erzählt darin die Geschichte ebendieser, aus Nigeria stammend und „illegal“ in Österreich, die im Teufelskreis von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung gefangen ist. Sie arbeitet in Wien als Prostituierte, will sich von ihrer Zuhälterin freikaufen, gleichzeitig ihre Familie daheim unterstützen und ihrer kleinen Tochter hier eine Zukunft sichern. Zehntausende Frauen aus Nigeria fristen in ganz Europa auf Straßenstrichen und in Bordellen ihr Dasein.

Sie sind Teil eines elaborierten und perfiden Systems moderner Sklaverei, betrieben von eben jenen Mesdames, die früher selber Sexarbeiterinnen waren und von Opfern zu Täterinnen aufgestiegen sind. Die Männer sind ausschließlich die Schlepper, doch an beide müssen die „frisch Gelieferten“ horrende Schulden abbezahlen. 50-60.000 Euro bei gerade mal 50 Euro pro geleistetem Dienst.

Betretenes Schweigen als Precious vergewaltigt wird: Angela Ekeleme als Madame. Bild: © Filmladen Filmverleih

Precious wird von Joy für die Prostitution ausgestattet: Mariam Precious Sansui und Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Mesdames begutachten frische Ware. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die idealisierte Vorstellung vom Leben in Europa bröckelt schon mit Mortezais ersten Bildern. Sie zeigt die Frauen im Wortsinn am Rande der Gesellschaft, irgendwo im Nirgendwo einer schlecht beleuchteten Gasse und ihre Angst in ein anhaltendes Auto einzusteigen, zeigt sie später in ihrer desolaten, ebenfalls von der Madame zur Verfügung gestellten Unterkunft, zu viele in zwei Zimmern, an der Wand ein Beyoncé-Poster: „Power is not given to you. You have to take it“.

Zeigt eine Parallelwelt aus Beautysalons für schwarze Frauen, in denen Joy Precious aufstylen lässt, oder der Chapel Of His Glory Parish Vienna, wo sonntags die Messe gefeiert wird, zeigt auch die Hilflosigkeit der Hilfsorganisationen. Dies größtenteils ohne Worte, die wenigen, die fallen sind in Englisch oder Pidgin, selten Deutsch, erst langsam erschließen sich dem Betrachter derart die Zusammenhänge, und einmal durchschaut sind die Verhältnisse nur umso unfassbarer.

Mortezais dokumentarisch anmutender Stil, die Authentizität, die Härte des Gezeigten, unterstützt durch die Kameraführung von Klemens Hufnagl, die Ausstattung von Julia Libiseller und Kostümbildnerin Carola Pizzini, stellt den Zuschauer mitten unter die Betroffenen, mitten hinein in die Ereignisse. Wie in „Macondo“, ihrem Film über einen tschetschenischen Buben in einer Flüchtlingssiedlung am Wiener Stadtrand, arbeitet Mortezai auch diesmal mit Laienschauspielerinnen und -schauspielern.

Die sie in der hiesigen nigerianischen Gemeinde gefunden hat. Ganz großartig, mit einer berührenden Mischung aus einer zum Überleben notwendigen Resolutheit und würdevoller Resignation, spielt Joy Alphonsus die Joy, Mariam Precious Sansui die Precious und Angela Ekeleme die Madame. Vieles am Film ist improvisiert, und so begeistert, mit welcher Präzision Mortezai ihre Darsteller durch die Ambivalenz ihrer Figuren navigiert, mit welch hohem Grad an Glaubwürdigkeit sie deren sonst kaum einsehbares Milieu veranschaulicht.

So gelingen starke Szenen. Etwa die von Joy und dem von Christian Ludwig verkörperten Freier Christian, der sie in einer von ihm gemieteten Wohnung als Privatprostituierte haben, sie besitzen und kontrollieren will, doch sofort einen Rückzieher macht, als sie sich seiner „Pretty Woman“-Fantasie entzieht. Oder die vom Mädchenmarkt in einem schäbigen Hinterzimmer, wo die Mesdames neue Ware begutachten und einkaufen. Da hat Joy ihr „Darlehen“ bereits getilgt und kommt ebenfalls vorbei, um sich umzusehen. Sie hat vor, im Geschäft zu bleiben und auf eigene Faust weiterzumachen, heißt: selber eine Madame zu werden, ganz klar, eine Alternative dazu tut sich schließlich nicht auf. Sie ist kein politischer Flüchtling, kommt aus keinem Kriegsgebiet, und sagte sie gegen ihre Madame aus, würde das nicht automatisch ein Bleiberecht bedeuten.

Wie nebenbei schafft „JOY“ auch das Kunststück Momente der Unbeschwertheit erahnen zu lassen. Eine Art Alltagsnormalität, private Momente, Joy mit ihrem Kind auf dem Spielplatz, die Frauen, wie sie zu Musikvideos singen und tanzen. Auch die Verstrickung des Juju in den organisierten Menschenhandel erklärt der Film. Einmal sieht man einen dieser Aberglaubenpriester Fingernägel und Schamhaare und Unterwäsche eines Mädchens als Pfand in einen Beutel stopfen, ein Huhn wird darüber ausgeblutet, die Drohung von Unheil und Tod bei Ungehorsam ausgesprochen. Die Frauen halten den Zauber für real, fühlen sich bis Europa davon verfolgt und fürchten sich davor.

Joys kleine Tochter lebt bei einer Wiener Pflegefamilie: Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

Umso irrwitziger wirkt darauffolgend eine Episode in einem urigen Wirtshaus, in das Joy und Precious auf einen wärmenden Tee einkehren. Da tritt der Nikolaus mit seinen Krampusperchten in die Stube. Deren zotteligen Ziegenfelle, die grässlichen Fratzen, die für sie fremde Exotik des Vorgeführten verblüffen die beiden, die Glockengürtel dröhnen bedrohlich, Sünder werden gesucht – und die Einheimischen singen „Lasst uns froh und munter sein“ …

www.filmladen.at/JOY

  1. 1. 2019

Volkstheater: Der Marienthaler Dachs

September 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalzusammenstoß mit dem Zeigefinger

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Macht aus dem Staat Gurkensalat! Die Punkparole stand während der Schulzeit an der Fassade des alten Floridsdorfer Schnellbahnhofs. Doch in all den Jahrzehnten kein Aufstand, nur Apathie und Agonie, Zeit genug für die Reichs-Verweser die Vergurkung selbst zu besorgen. Da haben wir den Salat. So Ulf Schmidt. Der deutsche Dramatiker und Blogger schrieb mit „Der Marienthaler Dachs“ eine böse Parabel auf die Wirtschaft, die die oben angerichtet haben, und die denen unten auch keine Arbeit macht. Sehr frei nach Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel: Fin mit der Anz. In einer dörflichen Gemeinde, die rund um eine nunmehr marode Fabrik errichtet wurde, regiert der Da(x)chs. Der Da(x)chs sagt den Leuten, wo’s langgeht, das heißt: sein Medium orakelt Angst. Der Autokrat erschreckt die Allegorie. Das ist alles so symbolschwanger und bedeutungsträchtig, das musste irgendwann auf einer Bühne niederkommen. Jetzt hat’s am Volkstheater Volker Lösch für Schmidt besorgt.

Ach, diese entsetzliche Werklosigkeit. Lösch manövriert das Ensemble geschickt durch Schmidts Partitur. Sucht ein rettendes Ufer, wo der mäandernde Wortfluss keine Grenzen hat. Und erdet den Sukkus, nein, nicht den Riesenbärenklau, in einem Chor aus Wiener Arbeitslosen. Die Not Working Poor als Class Heroes des Abends. Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Arbeitgeber im Ringturm oder Mr. Anonym oder der Fast-Food-Clown werden enttarnt. Sie sagen Sätze von tiefer Wahrheit. Übers AMS und über die Vorstellung eines Gesprächs. Verbeamtetes Behördenphlegma. So authentisch kann Theater gar nicht sein, dass die Wirklichkeit nicht … Aber Autor und Regisseur geht’s ja nicht ums Echtheitszertifikat. „Der Marienthaler Dachs“ ist eine Narretei. Die der Volksbildungsbeauftragte Lösch zum Frontaltheater im besten Protestsinn macht. Eine epische Kasperliade. Na, da war ihm aber der Bert hold. Gut, dass sich der Zeigefinger beim Nasenbohren erholen konnte, er hätte sonst einen Krampf gekriegt.

Im Wir-tragen-unsere-Haut-zu-Markte-Rosa des Bühnenbilds von Carola Reuther sind nach Vorbild von Schmidts angedachter Installation die Positionen belegt: Der Dax-Balken des Mediums. Vater Staats Haushalt, in dem am Mittagstisch Mutter Konzern, Tochter Gesellschaft und Der kleine Mann sitzen. Die Wirtschaft vom Milchmädchen und dem Herrn Knecht. Der freie Markt-Platz, wo sich an Umschulungskathedern die Arbeitslosen mit alt, ergo wertlos Oma und Opa drängen. Die nutzlosen Vier besetzen/besitzen die Banken. Sie werden ihre Glatzenfratzen noch zeigen. Bürgermeister Dieter Oben und Polizeihauptmann Bleibrecht sorgen für Unrecht in der Unordnung. Dann Wahlqualtag: Neoliberalistin Siegrid aus Hagen oder ihr linkes Gegenprinzip Andi Arbeit? Jaha, den Wurschtl kann in Wien vielleicht kana darschlogn, aber den wieder- und wiedergängerischen Sozialismus? Der kleine Mann entpuppt sich. Als rechts-schaffen. Er wird selbst für sein Heil! sorgen.

Dass, wenn Figuren Prinzipe darstellen, wenig bis keine Rollenausgestaltung möglich ist, erklärt sich durch die Sachlage. Einmal Petzi, immer Seppl. Doch unter Löschs Anleitung gelingt dem Ensemble Erstaunliches. Allen voran Off-Grande-Dame Lilly Prohaska, die als Oma Gustav die Truppe dominiert. Sie umhüllt das Gerüst mit Charakter. Sie ist wie stets prägnant und stimmsicher. Von großer Deutlichkeit in Spiel und Sprache. Ihr zur Seite steht Haymon Maria Buttinger als Opa Rosemarie mit Kommunistenkapperl gewohnt souverän, wie überhaupt das Zusammenspiel, die  Zusammenführung gut funktioniert, siehe Günter Franzmeier als immermüder Vater Staat und Claudia Sabitzer als nimmermüde Mutter Konzern. Hausgast Martin Schwanda ist als Bürgermeister in Onkel Wolfs Oktoberfestchic unterwegs (Kostüme: Teresa Grosser), kann wie alle Dieter Oben viel reden, wenig sagen, gleichzeitig buckeln und peitschen. Schwanda ist immer ein Gewinn. Eine sichere Bank, sozusagen. Kaspar Locher ist als Bleibrecht uniform treu in jedem Regime. Auch der schrillen, schnellen Siegrid von Steffi Krautz. Sie will sch(l)ussendlich neotürlich keine Verantwortung fürs Volk übernehmen. Aufstacheln, anschaffen, ausklinken. Jan Thümer ist als Andi Arbeit ein in Existenzialistenleder gewandet Wandelnder, ein den Gemeinschaftssinn anrufender Rufer in der Wüste. Der unverkannte Messias als Philosoph mit ungeföhnter Precht-Matte, Richard David ist gemeint, kein Tippfehler. Evi Kehrstephan stellt die wundersame Milchmädchen-Rechnung auf, dass, wenn nur genug Zettel mit Zahlen beschrieben werden … Geld ist nur Papier.

Nun also die Zitate: „“Glauben Sie, jemand im Ort würde Gemüse in einem Fonds investieren“ – „Wollen Sie Geld herausschlagen aus mir?“ – „Dieter Oben soll uns erhalten.“ – „Wo ist denn die Börse?“ – „Ich bin nicht an die Börse gegangen.“ Das Leben ist eine Wirtschaftsprüfung. Nach der Rattenzahlung bleibt einem zum Über-Leben nur die Frust-Ration. Das ist so unsexy, dass keiner mehr Lust auf eine Handels-Beziehung hat. Der Sprachwitz kalauert an jeder Ecke. Allein, nachdem alle Stellung bezogen haben, hat niemand was Neues zu sagen. Nach der Pause geht dem geschmeidigen Gesinnungsstück der Schmäh aus. Dreieinhalb Stunden freie Assoziation zum Thema Arbeit. In der Publikumsbatterie neigt sich der Energiepegel Richtung Ausgang. Dann, als man glaubt, es geht nichts mehr, lässt Lösch seine Statementstimmen einen Werte-Kanon anstimmen. Ein Ideologiequodlibet, in dem es von Flüchtlingen bis zu den Freiheitlichen um endlich eigentlich eh alles geht. Wahlzahltag für Wiederholungstäter: Und für jene unter unseren Zuschauern, die es bis hierher nicht verstanden haben, nun also noch einmal von vorne … Da wäre man, weil ja Einserschüler, gern schon turnbefreit gewesen. Arbeit ist ein Menschenrecht. Aber wenn man sich für die Ärsche den Arsch aufreißt, hat man dann eben den Arsch offen. Man muss also das Arschsystem je nach Temperament ändern/stürzen, um Arbeit für alle zu schaffen und die Arschlöcherei zu beenden. Richtig so? Richtig so.

Im Oktober geht’s am Volkstheater unter anderem weiter mit Thomas Bernhard und Peter Handke. Des Programmatischen ist genug gewesen, nun lasst uns endlich Stücke sehen.

www.volkstheater.at

Blog von Ulf Schmidt: www.postdramatiker.de

Jan Thümer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14810

Wien, 26. 9. 2015

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014

Neu im Kino: „Die Werkstürmer“

August 9, 2013 in Film

Das Leben ist ein Arbeitskampf

Bild: © David Ruehm / Thimfilm

Bild: © David Ruehm / Thimfilm

Ein charmantes Schlitzohr, eine aufmüpfige Gewerkschaftsanwältin und der steirische Erzberg: Hilde Dalik („Die Lottosieger“) und Michael Ostrowski („Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“) geben sich einen romantischen Schlagabtausch in der temporeichsten Komödie des Sommers. – Seit 25. Juli im Kino.

Inhalt: Patrick Angerer (Ostrowski) hat keine Sorgen. Er arbeitet im örtlichen Stahlwerk und hat alles, was ihn glücklich macht: Stammtisch, Haberer und seinen Fußballverein. Nur die Freundin Babs (Dalik) ist abhanden gekommen, sie ist jetzt Gewerkschaftsanwältin im fernen Wien. Kompliziert wird Patricks Leben erst, als Babs ins Dorf zurückkommt und die Lohnverhandlungen im Werk führen soll. Da ist nämlich gar nichts mehr in Ordnung, seit ein Investmentkonzern übernommen hat. Jetzt muss Patrick zeigen, dass auch er für das kämpfen kann, was ihm wirklich wichtig ist – also vor allem für die Babs. Ein scharfzüngiges Pärchen, das Regisseur Andreas Schmied für seine Screwball-Comedy, mit großem Witz, viel politischem Gespür und noch mehr Action arrangiert hat.

„A working class hero is something to be

If you want to be a hero well just follow me“.

(John Lennon)

Interview mit den Hauptdarstellern Hilde Dalik und Michael Ostrowski:

Wie sehen Sie die Figuren, denen Sie beide Ihre Gesichter leihen? Wie funktionieren Patrick Angerer und Babs Brossmann? Welche Entwicklungen machen sie durch? Was mussten sie noch lernen?

Hilde Dalik: „I hob an Schritt gmocht in a Richtung, die dir net taugt hat, und des war’s mit uns. Du hast mi sitzen lassen, Patrick.“ sagt Babs zu Patrick. – Babs kommt zu Beginn des Films in ihr Heimatdorf zurück und findet im Laufe des Films ihre Wurzeln wieder. Sie hat sich von sich selbst entfernt und macht eine Reise, die sie, ob sie will oder nicht, wieder zu sich selbst zurückbringt. Babs lernt, dass sie sich weiterentwickeln kann, ohne, dass sie ihre Wurzeln abreißen muss.

Michael Ostrowski: Ich kann nicht genau sagen, wie der Patrick Angerer funktioniert. Ich hab das Drehbuch gelesen und gewusst, ich kann den gut spielen, weil ich ihn im Großen und Ganzen verstehe. Er redet so, dass ich weiß, was er meint (was sehr hilfreich ist, wenn man was spielen soll). Ich erkenne die meisten seiner Handlungsmotive und finde nachvollziehbar, was er tut oder in seiner Vergangenheit getan hat. Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht weiß. Ich glaube, ich nähere mich einer Figur aus zwei Richtungen gleichzeitig: aus einer oberflächlichen (wie schaut er aus, was hat er an, wie schaut sein Bart aus, hat er vielleicht ein Flinserl etc). Das ist genauso wichtig wie die andere Richtung, die von innen heraus kommt. D.h., ich muss ihn zum größten Teil verstehen und nachvollziehen können, warum er was macht. Ich muss also seine Charakterlichkeit annehmen und versuchen so zu handeln, wie es für die Figur richtig und logisch ist. Und jetzt kommen wir wieder zu den Dingen, die ich nicht genau weiß. Das sind jene Sachen, auf die man draufkommt, während man spielt. Diese Dinge kann man sich nicht überlegen, die kann man nur finden oder man stolpert drüber. Das sind vielleicht die interessantesten Momente beim Schauspielen, und oft ist es einem selber gar nicht bewusst. Ich glaube, die lässigen Rollen haben immer mit einem selbst zu tun und bringen Dinge zutage, derer man sich nur bedingt bewusst war. Diese Rolle ist zu  mir geflogen gekommen wie das Vogerl, das sich auf den Fuß setzt, aber der Gruß war nicht von der Mutter, sondern vom Andreas Schmied. Danke schön.

Das Drehbuch der „Werkstürmer“ kam nicht nur bei Novotny und Glehr gut an, sondern eroberte auch bei den Förderanstalten die Herzen. Was macht den unverwechselbaren Charme von „Die Werkstürmer“ aus?

Hilde Dalik: Der Film lebt unter anderem von den vielen Figuren, die ihre Stärken und Schwächen haben. Man mag sie sofort, meint, sie schon lange zu kennen.

Michael Ostrowski: Und: Der Film beschreibt ein für Österreich neues Genre. Arbeiter-Drama trifft auf Komödie, ein bisserl romantisch ist es auch noch. Es ist im besten Sinne kommerziell, das heißt es holt sein Publikum gut ab, man kann sich identifizieren und mit den Figuren mitleben und mitempfinden. Das gefällt den Kommissionen sicher gut. Außerdem funktionieren die Dialoge, sie wirken nicht papierern, auch das ist selten. Aber abseits vom Drehbuch war der Formwille des Regisseurs sehr stark, Licht und Kamera sind absolut wichtig und wurden in der Vorbereitung sehr stark miteinbezogen, es gab ein Farbkonzept, vor allem bei Kostümen und der Ausstattung. Das hebt diesen Film meiner Ansicht nach stark von anderen Kinoproduktionen ab, die einfach abfilmen, was passiert – was bei Charlie Chaplin super ist, aber sonst filmisch eher langweilig. Hier wurden Kinobilder gebaut und nicht nur talking heads abgefilmt (und damit meine ich nicht die Band!).

„Die Werkstürmer“ thematisiert Existenzängste, Wirtschaftsrückgang, Ersatzarbeiter, Venture-Unternehmen, … Ihr Metier ist auch nicht das Sicherste, obwohl Sie beide sehr gut im Geschäft sind. Sind die Themen des Filmes trotzdem auch Themen, die Sie beschäftigen und betreffen?

Hilde Dalik: Ich persönlich versuche meinen Ängsten nicht allzu viel Raum zu geben. Das Thema des Films ist natürlich sehr aktuell.

Michael Ostrowski: Als Künstler lebt man meistens unsicher. Nur wenige haben irgendeine fixe Anstellung bzw. wissen wirklich, wie’s im Leben und in der Arbeit weitergeht, insofern beschäftigt mich das Thema natürlich. Aber gleichzeitig hat man den Luxus, gesellschaftspolitisch relevante Themen künstlerisch zu behandeln. In unserem Fall sind wir sogar auch noch dafür bezahlt worden, das ist schon einmal nicht schlecht. Eine offene Gesellschaft sollte sich diesen Luxus auch leisten, weil wir in einer künstlerischen Arbeit ein anderes Licht auf die Dinge werfen können. Ich kann wirtschaftspolitische Themen anhand konkreter Schicksale greifbar machen. Das kann auch der Journalismus, aber in einem Buch oder einem Film findet oft eine Identifikation des Zusehers mit den Figuren statt, deshalb bleibt uns auch der vom Hauptmann geschundene Woyzeck von Klaus Kinski/Werner Herzog stärker in Erinnerung als ein Artikel, den wir einmal über Erniedrigungen in der Armee gelesen haben.

Schon mal eine menschliche Blockade vor einer Einfahrt gegeben? Gestreikt? Im Sitzen, Stehen, lauthals, leise? – Wie stufen Sie Ihr revolutionäres, kämpferisches Potential ein?

Hilde Dalik: Ich habe einmal in der Schule gestreikt, als unser Herr Direktor ein öffentliches Kussverbot ausgesprochen hat.

Michael Ostrowski: Ich habe in der Schulzeit einmal in Liezen eine Demonstration organisiert gegen den illegalen Verkauf der Noricum-Kanonen ins Ausland. Ich war damals Schulsprecher, und es war für uns das Richtige. Unsere Chemielehrerin hat gemeint, natürlich gehören diese Waffen verkauft, wenn sie schon einmal produziert wurden. Wir haben damals nicht verstanden, wie man so denken kann. Heute seh’ ich die Dinge wieder differenzierter. Aber das Lustige ist, dass das jene Fabrik war, in der wir die Innenaufnahmen des Stahlwerks gedreht haben (Maschinenfabrik Liezen, vormals Noricum). Und tatsächlich ist es schöner, wenn dort keine Kanonen zum Umbringen gefertigt werden, sondern irgendwelche Schrauben oder Turbinenteile oder Drähte. Ich hab auch einmal die Ennsauen besetzt, als geplant war eine Autobahn durch diese Naturschutzgebiete zu bauen. Das freut mich heute noch, dass diese Straße damals verhindert wurde.

Über dem Kopf des gemütlichen Patrick kreist die Frage: „Wie willst du sie zurückgewinnen, wenn du nicht um sie kämpfst? Du ziehst immer den Schwanz ein, wenn’s ernst wird.“ – Was ist es, wofür Sie kämpfen (würdet)? Was lässt Sie Ihre Stimmen erheben?

Hilde Dalik: Dafür, dass Flüchtlinge besser behandelt werden. Dass alle Asylwerber, unabhängig vom Rechtsstatus, solange sie in Österreich sind, eine Grundversorgung erhalten. Dass sie frei über ihren Aufenthaltsort entscheiden können und dass es keine Transfers gegen den Willen der davon Betroffenen gibt. Dass Asylwerber einen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildungsinstitutionen und Sozialversicherung haben. Und dass alle Abschiebungen nach Ungarn – und andere Abschiebungen nach Dublin-II-Verordnung – gestoppt werden! Dass sozioökonomische Fluchtmotive anerkannt werden! Es wäre auch wichtig, eine unabhängige Instanz einzurichten, die negativ beschiedene Asylverfahren inhaltlich überprüft …

Michael Ostrowski: Ich finde Ungerechtigkeiten schwer zu ertragen. Warum sollen manche Menschen vom Recht auf Nahrung ausgenommen sein? Vom Recht auf freie Meinungsäußerung? Warum gibt’s so unglaubliche Armut – und daneben so unermesslichen Reichtum? Ich glaube an eine gesellschaftliche Verantwortung jenen Menschen gegenüber, die Hilfe brauchen. So einfach ist das. Und ich wehre mich gegen eine grassierende Biederkeit, die gerne alles erklärbar machen will in der Kunst und alle Ausrisse aus der scheinbaren Normalität zurechtbiegen will. Eine gut gemeinte Unverbindlichkeit, die nichts mehr riskiert.

Michael Ostrowski ist recht viel im Fußballtrikot zu sehen – Fußball in der steirischen Provinz spielte in Ihrer Filmographie schon mal eine große Rolle: in „Making of Futbol“. Ja, welche Rolle spielt Fußball denn? Kann Fußball die Welt retten?

Michael Ostrowski: Fußball ist auf jeden Fall besser als kein Fußball. Es ist super zu spielen, es ist meistens spannend anzuschauen, und es ist ein Teamsport, was wiederum nicht schlecht ist, weil man dabei nicht nur sich selbst, sondern auch viele unterschiedliche Leute (aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten) kennenlernt.

Welche „ersten Male“ brachte der Dreh für Sie? Was haben Sie in den Vorbereitungen gelernt?

Hilde Dalik: Ich hab zum ersten Mal in einem Film Steirisch gesprochen. Das ist nicht meine Muttersprache, also hab ich einen Sprachcoach engagiert, der mir den Dialekt beigebracht hat. Der Auftrag vom Regisseur war: „nicht böllen, sondern Stoasteirisch.“ Ich musste viel Kernöl trinken, dann ging’s wie geschmiert.

Michael Ostrowski ist mit der steirischen Provinz vertraut – wie sieht das für Sie aus, Frau Dalik? Gab es Berührungspunkte zum Ort? Unterscheidet sich das Miteinander am Land vom städtischen?

Hilde Dalik: Ich war vor dem Dreh noch nie in Eisenerz und hab gehört, wie rau das Klima in vielen Bereichen sein soll. Vorgefunden hab ich dann Herzlichkeit, Wärme und Sonnenschein, die ihresgleichen suchen. – Und eine märchenhafte Landschaft wie aus „Herr der Ringe“ (und ich meine nicht Mordor!)

Michael Ostrowski: Ja, Land und Stadt sind unterschiedlich. Es gibt am Land andere Gesetze, weil man einander kennt, weiß, woher der andere kommt, wo er wohnt und wer seine Oma ist. Das Thema des Miteinander am Land war schon in Helmut Köppings Film „Kotsch“ (2005) zentral. Der Drehbuchautor Gregor Stadlober kommt aus Fohnsdorf, wo Kotsch spielt, ebenso wie Andreas Schmied. Beide Stoffe verbindet, dass die Industrie langsam verschwindet und die Menschen oft ohne Arbeit zurückbleiben; die Kleinstädte verändern sich, aus dicht besiedelten Industriegebieten werden oft etwas triste Ex-Industriestädte mit großem Einwohnerschwund. In „Kotsch“ schaffen die jungen Protagonisten den Absprung nicht recht. Meine Figur Chris, ein durch sich selbst verhinderter Anti-Künstler, sagt den schönen Satz: „Glaubst i geh nach Wien und lass mi entdecken?!“ Bei den „Werkstürmern“ ist es Patrick, der zwischen den Stühlen sitzt: Er will nicht nach Wien (und gibt dadurch seine Beziehung zu Babs auf), er ist vielleicht stärker in seiner Gemeinschaft verwurzelt als er das sich selber eingesteht. Babs entdeckt dafür ihre Wurzeln wieder neu, als sie zurückkommt und mit der ihr vertrauten Gemeinschaft zu kämpfen beginnt.

Zum Titel „Die Werkstürmer“: Wer sind die eigentlichen „Werkstürmer“? – Die, die aus dem Familienbetrieb etwas Internationaleres basteln wollten? Die, die es aus der Ferne lenken und über seine Zukunft erscheinen wollen? Die, die dort schon immer gearbeitet haben und sich „ihr“ Werk nicht nehmen lassen wollen und es nun verteidigen?

Hilde Dalik: Die Werkstürmer sind die, die sich ihr Werk nicht nehmen lassen wollen. Die Arbeiter, die im Stahlwerk Schweiß und Herzblut lassen. Und die vom FC Falkendorf, da gibt’s allerdings neben den Werkstürmern auch Werkverteidiger und einen Werktormann.

Der bleibende Moment während des Drehs?

Hilde Dalik: Eine sehr lange Kette von glücklichen Momenten hat sich in mein Eisenherz geschweißt!

Michael Ostrowski: Legendäre Tischtennis-Turniere im Keller des Präbichlerhofs! („Die Fritzl-Keller-Open“, wie wir sie liebevoll genannt haben …)

www.diewerkstuermer.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=OHPuWPqFLdQ

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 7. 2013

„Final Girls“ im Theater Drachengasse

Mai 3, 2013 in Tipps

Ein Diskursturbo für drei Schauspielerinnen

Fotos © Georg Mayer

Fotos © Georg Mayer

Raffiniert, assoziativ, kämpferisch, hochverschuldet und unterbezahlt. So lässt sich die Situation vieler freier Truppen und Off-Bühnen beschreiben. Im Wiener Theater Drachengasse/Bar&Co hat am 6. Mai „Final Girls“ Premiere. Eine Koproduktion mit der Gruppe Flaneurs, die 2010 Publikumspreis und Jurypreis des Nachwuchs-Theater-Wettbewerbs gewann. Alexandra Gottschlich, Julia Schranz und Carola Pojer spielen die Geschichte eines Unternehmens. Eines Unternehmens, das von neoliberalen Machtverhältnissen nach innen verlagert worden ist. In uns hinein verlagert worden ist. Um den Wohlfahrtsstaat loszuwerden. Um verheerende Arbeitsverhältnisse mit Flexibilität zu verschleiern. Um am Ende die Schuld und Schulden bei den Schuldnern zu suchen. Die hyperprivatisierte Geschichte des heutigen Lebens.

Schatz? Ja! Ich würde gerne ein paar emotionale Schulden bei dir machen.
Gerne, die Zinsen kannst du dir niemals leisten!
Die werden dich ins Verderben stürzen!
Wunderbar! Nichts anderes habe ich von dir erwartet!

Text und Regie sind von Dominic Oley, der in „Speed“ am Theater in der Josefstadt neben Sandra Cervic und Raphael von Bargen ganz wunderbar den spitzfedrigen, aber letztlich doch gutherzigen Literaturkritiker Mulholland verkörpert. Und außerdem eine sehr eigene Version von „New York“ singt …

www.drachengasse.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013