Art Carnuntum: Ein Neubeginn im Zeichen des Dionysos

Juli 15, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Intendantin Constantina Bordin lädt zum Festival

Intendantin Constantina Bordin. Bild: © Art Carnuntum

Nach dem unerwarteten Tod des Art Carnuntum-Intendanten Piero Bordin (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=44986) und der langen Corona-Krise wagt dessen Tochter, die neue Intendantin Constantina Bordin (zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=45569) noch in diesem Sommer einen Neustart des Festivals. Das diesjährige Programm will an die 32 erfolgreichen Jahre Art Carnuntum anknüpfen, die Arbeit des Gründers Piero Bordin würdigen und gleichzeitig einen Neubeginn setzen. Dabei soll auch eine Rückbesinnung auf die Einzigartigkeit des Ortes und seines Festivals vollzogen werden.

Dionysos, der griechische Gott des Theaters und des Weines, soll wieder nach Carnuntum zurückkehren. Dabei soll das dionysische Motiv der Wiedergeburt eine ganz besondere Bedeutung einnehmen: für das Aufatmen der Kunst nach der Corona-Pandemie und die Wiederbelebung des Festivals Art Carnuntum. Doch Carnuntum soll nicht „nur“ als einzigartiger Ort des Welttheaters erlebt werden, sondern auch als Ort der Philosophie, des kreativen Austausches der Geisteswissenschaften. Dazu sind folgende Veranstaltungen geplant:

Programmschwerpunkte 2021

27. August, 18 Uhr: Art Carnuntum – Die Sternstunden. Eine Hommage an Piero Bordin und sein Wirken für Art Carnuntum. Fotoausstellung im Amphitheater Petronell-Carnuntum. Anlässlich der Wiedereröffnung des Welttheater-Festivals lädt Intendantin Constantina Bordin – im Rahmen eines Dionysos Festes- Freunde, Weggefährten und Zuschauer ein, sich an die Höhepunkte der vergangenen 32 Festivaljahre unter ihrem Gründer und Leiter Piero Bordin zu erinnern. Die Fotoausstellung im Amphitheater Petronell-Carnuntum bietet einen umfassenden Rückblick auf die Sternstunden der hier gezeigten Theaterproduktionen. Der nostalgischen Rückschau auf so zahlreiche einzigartige Theatererlebnisse der vergangenen Jahre soll ein optimistischer Blick in die Zukunft des Festivals folgen.

Exodos: Sofia Hill. Bild: © Johanna Weber

Exodos: Sofia Hill. Bild: © Johanna Weber

27. August, 20.30 Uhr: Exodos, Gastspiel des Athener Attis-Theaters, inszeniert von Theodoros Terzopolous und gespielt von Sofia Hill, im Amphitheater Petronell-Carnuntum, mit deutschen Untertiteln. Der Titel Exodos bezieht sich auf die Bezeichnung für jenen Teil in der griechischen Tragödie, der nach dem letzten Chorlied steht. Das Stück ist eine Bühnenkomposition von Monologen aus den Tragödien „Medea“, „Alkestis“, „Antigone“ und „Das Orakel der Pythia“. Alle diese Monologe befinden sich im Exodos der jeweiligen Tragödie und beginnen somit in jenem Moment, in dem das Drama seinen Höhepunkt erreicht und seinem tragischen Ende zustrebt. Exodos ist aber auch der Moment des Bewusstseins, des Reflektierens und des Nachdenkens, eine Art Blick über den Horizont nach der Flut der Leidenschaft. Die Exodos geht zwar immer auf ein Ende zu, bedeutet jedoch immer auch einen neuen Anfang. Constantina Bordin: „Gerade in Zeiten wie der Coronakrise und nach dem Tod meines Vaters ist Exodos ein Stück mit einzigartiger starker Symbolkraft. Denn eine neue Ära beginnt. Eine Aufbruchstimmung, die sich ihrer Wurzeln bewusst ist, und Art Carnuntum neu beleben will.“

28. August, 12 – ca. 17.30 Uhr: Symposion Die Rückkehr des Dionysos. Im Archäologiepark Carnuntum, Seminarrau im Infozentrum. Mit einem Symposium soll die Rückkehr des Dionysos nach Carnuntum gebührend gefeiert werden. Neben der Theatergröße Theodoros Terzopoulos haben weitere hochkarätige Teilnehmer zugesagt: der Dramaturg und Autor Frank Raddatz, die Theaterwissenschaftlerin Dr. Penelope Chatzidimitriou, Dr. Sampatakakis Professor für Theater an der Universität Patras, die Leiterin des Europäischen Kulturzentrums Delphi Maro Nicolopoulou, die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, ebenso Savas Patsalidis, Professor an der Aristoteles Universität und Andrea Porcheddu, Professor für Philosophie an der Universität Rom.
Um Anmeldung unter: festival@artcarnuntum.com wird gebeten.

Ausblick auf den Herbst: Carnuntum – ein Ort der Philosophie

Durch das Festival Art Carnuntum wurde Carnuntum zum Ort des Welttheaters, an dem seit 33 Jahren alljährlich bedeutende Theaterproduktionen in spannenden, zeitgemäßen Inszenierungen gezeigt werden. Nun soll Carnuntum auch – wieder – ein Ort der Philosophie werden. Als Ausgangspunkt soll das philosophische Wirken des römischen Kaisers Mark Aurel dienen, des Philosophenkaisers, der in Carnuntum nicht nur für mehrere Jahre seinen Kaisersitz hatte, sondern auch einen Teil seiner philosophischen „Selbstbetrachtungen“ hier verfasst hat. Ab Herbst sind in Zusammenarbeit mit der Universität Wien philosophische Begegnungen in Carnuntum geplant, die sich an Fachleute und Studenten wenden, aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Region einbeziehen sollen, um die weitreichende Bedeutung Carnuntums ins Bewusstsein zu rücken.

www.artcarnuntum.com

15. 7. 2021

Art Carnuntum: Constantina Bordin wird Intendantin

April 1, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Expertin in den Fußstapfen ihres Vaters

Constantina Bordin plant die weitere Zusammenarbeit mit Shakespeare’s Globe Theatre London, das 2019 mit „Comedy of Errors“ gastierte. Bild: Marc Brenner

Nach dem Tod von Piero Bordin, Gründer und Intendant von Art Carnuntum (www.mottingers-meinung.at/?p=44986), wird seine Tochter Constantina Bordin Leiterin des international renommierten Welttheaterfestivals. „Die Übernahme findet diesen Sommer statt“, teilte die 24-Jährige, die bereits viele Jahre aktiv am Festival mitgewirkt hat, der APA mit. Mit dem Londoner Globe Theatre soll weiter kooperiert werden, kündigt sie an.

„Nicht nur hat mich mein Vater an all seinen künstlerischen sowie historischen Aktivitäten und Projekten teilhaben lassen, sondern mich von Anfang an unter seine Fittiche genommen, um mich für die Leitung des Welttheaterfestivals perfekt auszubilden“, betont Constantina Bordin. Sie hat die Studien Philosophie, Byzantinistik und Neogräzistik – historisches und philologisches Studium der Griechischen Sprache: Alt-, Mittel- und Neugriechisch – absolviert und internationale Erfahrungen, etwa beim Theaterregisseur und -methodiker Theodoros Terzopoulos, gesammelt. Mit Terzopoulos, Experte des antiken Theaters, arbeitete sie zuletzt im Sommer 2020 in Athen zusammen.

Constantina Bordin. Bild: © Star Foto/privat

„Ich habe somit nicht nur das Privileg, vom Intendanten Piero Bordin persönlich auf die Nachfolge des Theaterfestivals vorbereitet worden zu sein, sondern auch im Anschluss meiner Studien sowohl an der Universität Wien als auch auf internationaler Ebene Erfahrungen zu sammeln sowie wissenschaftliche Beiträge zu leisten“, so Constantina Bordin. Zusätzlich stehe sie seit Jahren in Kontakt mit der internationalen Theaterwelt wie mit dem La MaMa Theater New York oder dem Shakespeare’s Globe Theatre London.

Art Carnuntum wurde 1989 gegründet und hält in Theater-Aufführungen und Symposien im Amphitheater Petronell-Carnuntum und in Schloss Hof einerseits die Erinnerung an die kulturhistorisch bedeutsame Stätte hoch, wo am 11. November 308 unter der Leitung von Diokletian die sogenannte

Kaiserkonferenz stattfand, bei der die Machtverhältnisse im Römischen Reich neu aufgeteilt wurden, und führt andererseits mit Aufführungen aus allen Weltteilen die Theatertradition der Antike fort. Prominente Theatermacher und -gruppen kommen immer wieder gerne nach Carnuntum. Tony Harrison, Sir Peter Hall, Michael Cacoyannis, Peter Brook, Gerárd Depardieu, Hansgünther Heyme, Peter Stein, Ellen Stewart, Tadashi Suzuki, Salvador Tavora, Theodoros Terzopoulos oder Robert Wilson waren bereits im Amphitheater zu Gast.

Sternstunden waren bis dato unter anderem der „Pylade“ aus New York, (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21209), „The Taming of the Shrew“ aus London (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29244) oder „Thyestes“ aus Ljubljana (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25396), unvergesslich auch das von Bordin geschriebene und ausgeklügelte Spektakel „The Summit/Der Gipfel“. (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25528). In Zeiten von Corona streamte Bordin zuletzt direkt aus Shakespeare’s Globe.

www.artcarnuntum.at

  1. 4. 2021

Art Carnuntum: Intendant Piero Bordin ist gestorben

März 14, 2021 in Bühne

Piero Bordin. Bild: © Art Carnuntum

Der Theatermacher Piero Bordin, Gründer und Leiter des Welttheaterfestivals „Art Carnuntum“ ist am Freitag im Alter von 73 Jahren gestorben. Das teilte seine Ehefrau Elfriede am Sonntag www.mottingers-meinung.at und der APA mit. Bordin war beim Begräbnis seiner Schwiegermutter am Wiener Zentralfriedhof mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen und ist in der Folge in einem Wiener Spital gestorben.

Piero Bordin wurde am 24. Juli 1947 als Sohn einer aus Athen stammenden Mutter und eines venezianischen Vaters in Wien geboren, studierte an der Universität für Angewandte Kunst und arbeitete zunächst als Schüler und Mitarbeiter von Peter Weibel als bildender Künstler. 1989 gründete er das Festival „Art Carnuntum“, das mit Theateraufführungen und Symposien im Amphitheater Petronell-Carnuntum und in Schloss Hof einerseits die Erinnerung an die kulturhistorisch bedeutsame Stätte hochhielt, wo am 11. November 308 unter Diokletian die sogenannte Kaiserkonferenz stattfand, bei der die Machtverhältnisse im Römischen Reich neu aufgeteilt wurden – diesbezüglich war Bordin der Initiator des internationalen Kulturprojekts „Die Kaiser von Carnuntum veränderten die Welt“, und andererseits mit Aufführungen aus allen Weltteilen die Theatertradition der Antike fortführte.

Seiner selbstlosen Begeisterung und Theaterleidenschaft war es zu verdanken, dass prominente Theatermacher und -gruppen vom La MaMa Theater New York bis zum Londoner Shakespeare’s Globe Theatre immer wieder gerne nach Carnuntum kamen. Tony Harrison, Sir Peter Hall, Michael Cacoyannis, Peter Brook, Gerárd Depardieu, Hansgünther Heyme, Peter Stein, Ellen Stewart, Tadashi Suzuki, Salvador Tavora, Theodoros Terzopoulos oder Robert Wilson waren im Amphitheater zu Gast.

Sternstunden waren unter anderem der „Pylade“ aus New York, (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21209), „The Taming of the Shrew“ aus London (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29244) oder „Thyestes“ aus Ljubljana (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25396), unvergesslich auch das von Bordin geschriebene und ausgeklügelte Spektakel „The Summit/Der Gipfel“. (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25528). In Zeiten von Corona streamte Bordin zuletzt direkt aus Shakespeare’s Globe.

2007 wurde Bordin mit dem Niederösterreichischen Kulturpreis in der Sparte „Darstellende Kunst“ ausgezeichnet, 2017 wurde ihm für sein mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichneten Festival der Berufstitel Professor verliehen. 2018 erhielt er das Ritterkreuz des päpstlichen Silvesterordens, Cavaliere di San Silvestro Papa, die Überreichung nahm Kardinal Christoph Schönborn vor.

Unsere Gedanken gelten in diesen Stunden seiner Familie, vor allem Elfriede Bordin. Lieber Piero, du wirst fehlen!

www.artcarnuntum.at

14. 3. 2021

Ab 1. Juni ist die Römerstadt Carnuntum wieder offen

Mai 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zu sehen ist auch die Ausstellung „Der Adler Roms“

Römerstadt Carnuntum. Bild: Atelier Olschinsky

Ab Pfingstmontag stehen die Tore der Römerstadt Carnuntum wieder für Besucher offen, auch alle weiteren Standorte des Archäologieparks sind zugänglich: die weltweit einmalige Rekonstruktion von Teilen eines römischen Stadtviertels inmitten des Freigeländes, die weitläufigen Freiflächen des Amphitheaters sowie das Museum Carnuntinum in Bad Deutsch Altenburg mit der Ausstellung „Der Adler Roms – Carnuntum und die Armee der Cäsaren“.

In diesem Schatzhaus von Carnuntum wird die Welt des römischen Militärs in den Mittelpunkt gestellt, lag doch die römische Stadt Carnuntum am Kreuzungspunkt von Limes- beziehungsweise Bernsteinstraße und war über Jahrhunderte eines der wichtigsten militärischen Zentren an der mittleren Donau, Provinzhauptstadt und Statthaltersitz. Mit dem Legionslager, dem Auxiliarkastell, dem Marschlager sowie dem großen Fundus an Militaria lassen sich solcherart alle wesentlichen Aspekte des römischen Heeres illustrieren.

Der Adler Roms steht für den Herrschaftsanspruch der römischen Kaiser und die Weltmacht Roms. Als Symbol Jupiters war er auch Zeichen der Legionen und verkörperte ganz allgemein das römische Heer. Das Konzept der Ausstellung gliedert sich daher auch vom Aufbau wie der Körper eines Adlers. Als vertikale Achse wird der Bezug zwischen Fahnenheiligtum, dem Aufbewahrungsort des Legionsadlers im Militärlager und der römischen Götterwelt hergestellt. Die Flügel des Obergeschoßes breiten sich wie die Schwingen eines Adlers aus.

Villa urbana. Bild: Atelier Olschinsky

Apsidensaal Villa urbana. Bild: Atelier Olschinsky

Villa urbana Schlafraum. Bild: Atelier Olschinsky

Küche Villa urbana. Bild: Atelier Olschinsky

Hier wird die Verbindung zwischen der Stadt Rom im Zentrum des Reichs und dem Barbaricum, dem Gebiet jenseits des Limes unweit von Carnuntum verdeutlicht. Symbolisch reitet ein Soldat von Rom im roten Südflügel nach Norden an die Grenzstadt an der Donau. Durch die Anwesenheit der römischen Armee wächst Carnuntum über die Jahrhunderte vom wichtigen Truppenstandort an der Reichsgrenze zur Provinzhauptstadt und Metropole am Donaulimes.

Basierend auf den aktuellsten Forschungsergebnissen fasst die Ausstellung die militärische Topographie und die Siedlungsentwicklung von Carnuntum zusammen. Mit moderner Technik werden die einzelnen militärischen Standorte im „Newsroom“ von Wissenschaftern vorgestellt. Carnuntum war eine Grenzstadt am Donaulimes. So nimmt vor allem das Leben am Rande des römischen Imperiums einen wichtigen thematischen Schwerpunkt ein. Grenzsicherung, Handel und Kulturtransfer waren wesentliche Eckpfeiler für das Florieren der Wirtschaft und Kultur der Handelsmetropole Carnuntum.

Römische Therme. Bild: Atelier Olschinsky

Thermensaal. Bild: Atelier Olschinsky

Therme Frigidarium. Bild: Atelier Olschinsky

Therme Caldarium. Bild Atelier Olschinsky

Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich dem Leben in der römischen Armee. Woher kamen die Soldaten, wie waren sie ausgerüstet und wie funktionierte das römische Militär? Die persönlichen Einblicke in Karrieren und Lebensschicksale der Legionäre werden durch Originalfunde aus Carnuntum gestützt.

www.carnuntum.at           Video zur Ausstellung: www.youtube.com/watch?v=rrrykV17QSI           Video zum Römerfest am 19. und 20. September: www.youtube.com/watch?v=HNVxdN8yUw4&t=29s           www.youtube.com/channel/UCRSy669mgZWC1wyK4fHQmZw

29. 5. 2020

Art Carnuntum / Shakespeare’s Globe: Romeo & Juliet

April 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beim Blankvers ungeniert anbaggern

Have not saints lips, and holy palmers too? Romeo & Juliet: Adetomiwa Edun und GoT-Star Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Das Art Carnuntum Festival bringt auch in Zeiten von #Corona Welttheater nach Österreich, und bietet auf seiner Webseite www.artcarnuntum.at Inszenierungen des Shakespeare’s Globe Theatre zum kostenlosen Stream an. Seit mehr als zehn Jahren ist die gefeierte Londoner Kompagnie Stammgast im Amphitheater, für dieses Jahr waren Aufführungen von „A Midsummer Night’s Dream“ und „The Tempest“ geplant, aber ach …

Nach dem „Hamlet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39290) zeigt man nun bis 3. Mai online eine Aufzeichnung von „Romeo & Juliet“ aus dem Jahr 2009, mit dem in Nigeria geborenen Schauspieler Adetomiwa Edun und der mittlerweile als Grünseher-Schwester und -Beschützerin Meera Reed aus „Game of Thrones“ bekannt

gewordenen Ellie Kendrick. Die Produktion überzeugt mit Musik und Tanz und Degengerangel, wie man’s aus Carnuntum kennt und liebt, mit dreisten Anspielungen auf alles unter Gürtellinie – und man erinnert sich freudig an die famose im Niederösterreichischen gezeigte Inszenierung, als die Montagues und Capulets im VW-Bus anreisten, um dort ihre Fehde auszutragen.

Regisseur Dominic Dromgoole, künstlerischer Leiter des wooden O von 2005 bis 2011, hat sich bei dieser Arbeit für ein extrem junges Ensemble entschieden, nicht nur die Juliet, auch die Darsteller des Benvolio und des Tybalt geben hier ihr Theaterdebüt, und punkto Tempo, Temperament und Lust an der Outrage macht sich das allemal bezahlt. Der geschmeidig-athletische Adetomiwa Edun besticht wie seine Mit- und Gegenspieler mit überbordender Spielfreude und außerordentlicher Bühnenpräsenz. Sein Romeo ist ein lebhafter, übermütiger junger Mann, frisch, frech, leichtfüßig und voll des Überschwangs erster Liebe.

Ein Halbstarker, wie der ganze Haufen der ihn umgibt, der gekünstelt tragikomisch die Augen verdreht, wenn er mit den Worten Liiiebe, Tod und Rosaline seine Scherze treibt, nichts ahnend, dass die Triebtäter Eros und Thanatos ihn bereits in ihren Klauen haben. Ellie Kendrick ist eine derart entzückend mädchenhafte Juliet, dass man ihr die süßen 14 Jahre fast noch abnimmt. Wie sie sich in die Arme ihrer Amme schmiegt, als sie erfährt, dass Romeo sie heiraten will, ist von unwiderstehlich unschuldiger Freude.

Als Ian Redfords wütender Capulet sie wegen ihres Ungehorsams ausschimpft, zitterte sie in ihrer kindlichen Verletzlichkeit und fleht Mutter und Amme an dazwischen zu gehen. Man glaubt Ellie Kendricks Juliet, diesem zerbrechlichen Seelchen, dass sie nach Romeos Dahinscheiden keinen Sinn im Weiterleben sieht. Ein weiteres Highlight ist Penny Layden als North Country Nurse mit entsprechendem Zungenschlag, eine Amme mit großem Herzen und noch größerem Mundwerk, dessen Zahnlosigkeit sie nicht daran hindert, den Jungs ungeniert Avancen zu machen. Wofür sie von Mercutio launig geküsst wird – obwohl sie von Romeos „body“ schwärmte.

„Nurse“ Penny Layden und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Hinreißend verliebt: Adetomiwa Edun und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Die Capulets: Miranda Foster und Ian Redford. Bild: John Haynes

Love Is In The Air, sozusagen, und überhaupt versteht es Dromgoole die schelmische Seite des britischen Barden bestens zu bedienen. Beinah jeder Satz hat einen sexuellen Subtone, ob nun die heißblütigen Edelherren beim Blankvers blankziehen und schamlos das Publikum anbaggern oder Juliet neckisch nachdenkt: „What’s Montague? It is nor hand nor foot nor arm nor face nor … [Pause] … any other part belonging to a man.“

Bemerkenswerte Leistungen liefert auch der übrige Cast: Fergal McElherron zeigt sich in den diversen Dienerrollen Balthazar, Peter, Gregory als geborener Spaßmacher, wunderbar, wie er die zum Capulet-Ball geladenen Gäste Grimassen schneidend nachahmt, während Romeo die Liste laut vorliest, und auch Maori-Star Rawiri Paratene hat als seine Textzeilen wie auf Häkelkissen gestickte Lebensweisheiten aufsagender Friar Lawrence die Lacher auf seiner Seite. Den Vogel ab schießt aber Tom Stuart als Paris, mit einer Interpretation der Figur, wie man sie hierzulande wohl noch nie gesehen hat.

Stuarts Paris ist zwar in dem die Clans unterscheidenden Rot-Blau-Schema, einzig Romeo und Juliet tragen nach der Balkonszene trotzig beide Farben, von Kopf bis Fuß weiß gewandet, weiß aber nichts über das passende Benehmen gegenüber Mitmenschen, heißt: er ist eine Nervensäge durch und durch, und urkomisch, wie er nie versteht, wann’s Zeit ist zu gehen oder dass er jemandem zu nahe getreten ist. Sein „These times of woe afford no time to woo“ ist in diesem Sinne zum Brüllen. Was Ian Redford als Capulet denn auch gleich tut, Capulet, dessen oberflächliche Bonhomie sich so schnell in rotgesichtige Böswilligkeit verwandelt, dass er was Wunder die Tochter dem Grab zutreibt.

Der vielschichtigste Charakter ist freilich einmal mehr Mercutio, Philip Cumbus, dessen zynischer Weltverdruss, sein Sarkasmus-Ausgießen über allem und jedem auf ein tieferes Seelenleid verweist. So beginnt etwa sein betrunkenes Rufen nach Romeo ausgelassen und amüsant, endete aber als bedrücktes Bitten und Betteln nach dem abwesenden Freund. Dessen – nach der Nachtigall-Nacht mit Juliet – endgültiger „Verrat“ im Duell mit Tybalt ist deshalb umso ergreifender. Gefochten wird auf hohem Niveau, blitzschnell sind die Schauspieler beim Zustechen, und im Sterben haben sie ein letztes Scherzchen auf den Lippen.

Besonders stark ist hier der Tybalt des guyanesich-britischen „Blindspot“-FBI-Psychiaters Ukweli Roach, ein angry young man, der sich aus der Capulet’schen Höflichkeitszwangsjacke befreit und auf die freie Wildbahn kämpft. Sein letztes Ringen mit Romeo wirkt wirklich brutal, nach dem Verlust der Waffen ein Kratzen, Hauen und Treten, bis Benvolio die beiden trennt, Jack Farthing in der Figur vom Charme eines Schulbuben, der seine Phallus-Zoten mit verlegen glühenden Wangen witzelt.

Aus Bonhomie wird bald Bedrohung: Ian Redford, Penny Layden und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Fergal McElherron, Adetomiwa Edun, Philip Cumbus als Mercutio und Jack Farthing als Benvolio. Bild: John Haynes

Farthing, Cumbus, Tom Stuart als Paris, Andrew Vincent als Prinz und Ukweli Roach als Tybalt. Bild: John Haynes

Here’s to my love! Thus with a kiss I die: Ellie Kendrick und Adetomiwa Edun. Bild: John Haynes

Dominic Dromgoole versteht, den um einen ersten Stock und eine Rampe ins Parkett erweiterten Raum perfekt zu nutzen. Effektvoll, wie Graham Vick als Apotheker wie ein Springteufel aus einer Versenkung raus-„explodiert“ und mit erdiger, bedrohlicher Würde Romeo das Gift verkauft, bevor er als dessen personifiziertes Schicksal wieder in den Eingeweiden des Theaters verschwindet. In der Gruftszene verwandelt Dromgoole die komplette Bühne in dieselbe, während Romeo und Paris einander auf einer oberen Ebene begegnen, einem schmalen, davor als Balkon benutzten Steg, von dem der verwundete Paris eine Wendeltreppe hinab ins Grab fällt. Das hat Schauwert!

Mit allem Jubel-Trubel und Drama, Baby! ist es jetzt endgültig vorbei, Dromgoole besinnt sich auf die tragedy, lässt Juliet auf einer Bahre quer durchs stehende Publikum wegtragen, so schweigsam die vier Mönche, so erschüttert die Zuschauer. Begleitet vom Sängerquartett Jack Farthing, Graham Vick, Fergal McElherron und James Lailey, die vorher als Volk das Geschehen erläuterten und kommentierten, und via historischem Volkslied auch aufs Handyverbot im Theater hinwiesen.

Und wenn sie nicht gestorben sind … folgt auf die die Luft reinigende Rede des Prinzen rasch ein Lied. Was gefallen war, erhebt sich zu guter Letzt zum Tanz, dieser Schluss im Shakespeare’s Globe Theatre bei allen Stücken stets die schönste Tradition. Cheers fellows, it’s always a pleasure to see you – even on screen!

Coming Soon: „Romeo & Juliet“ wird noch bis 3. Mai kostenlos gezeigt, danach folgt am 4. Mai „The Two Noble Kinsmen“ und ab 11. Mai die aktuelle 2020er-Produktion von „Macbeth“ aus Shakespeare’s Globe. Mitunter erheiternde deutschsprachige Untertitel (siehe Übersetzungsfehler Nurse/Amme als Krankenschwester, wiewohl rund um Romeo mancher eine brauchte) können zugeschaltet werden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=8TuR24xhtYg           www.youtube.com/watch?v=6baK-km5gFA           www.youtube.com/watch?v=v_ji4opPBbY           www.artcarnuntum.at           www.shakespearesglobe.com

  1. 4. 2020