Colonia Dignidad

Februar 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Exploitationfilm über das Pinochet-Regime

Daniel Brühl wird vom chilenischen Militär festgenommen Bild: © Majestic / Ricardo Vaz Palma

Daniel Brühl wird vom chilenischen Militär festgenommen
Bild: © Majestic / Ricardo Vaz Palma

Zweifellos, Regisseur Florian Gallenberger hat es gut gemeint. Hat ein wichtiges Thema aufgegriffen, hat möglicherweise auf den großen Markt USA geschielt, weil dieses Thema nicht nur deutsch, sondern panamerikanisch ist, ist aber am Ziel weit vorbei geschlittert. Er erzählt eine wahre Geschichte. Und dies ist sein größtes Problem. Einen Exploitationfilm über das Pinochet-Regime zu drehen, das geht nicht.

Was „Colonia Dignidad“, der ab 19. Februar in den heimischen Kinos läuft, fehlt, ist die Gallenbergers Filmen sonst eigene beobachtende Distanz, vielleicht sogar eine spröde Relaxtheit, aus der heraus man versuchen hätte können, den Zuschauern den unbegreiflichen Schrecken begreiflich zu machen. Hier sind alle seeehr aufgeregt. Daniel Brühl und Emma Watson und Michael Nyqvist, der als Sektenführer Paul Schäfer aussehen muss, als wäre er an einem Bad-Hair-Day aus Stephen Kings Salem entsprungen. Der wirkliche Schäfer wirkte schon optisch, wie der, der er war: ein übrig gebliebener Nazi.

Die Colonia Dignidad war ein hermetisch abgeriegeltes Lager südlich von Santiago de Chile. 1961 vom Bonner Laienprediger Paul Schäfer gegründet, existierte es knapp vier Jahrzehnte unter dessen Schreckensherrschaft. Die Bewohner wurden wie Gefangene gehalten und lebten nach Schäfers selbstherrlichen Regeln. Es gab körperliche Züchtigungen, Gefügigmachung durch Drogen, Vergewaltigungen. Nur wenigen gelang jemals die Flucht aus dem bäuerlichen „Musterdorf“. Die deutsche Botschaft pflegte enge Verbindungen zu Schäfer. Mit dem Militärputsch durch General Augusto Pinochet 1973 begann ein noch dunkleres Kapitel: Schäfer stellte der Diktatur die Colonia als Folterlager zur Verfügung, produzierte Waffen, Giftgas und versuchte sogar, Uran anzureichern.

Erst nach der Abdankung Pinochets 1990 wurden die Strafverfolgungsbehörden aktiv, Schäfer floh nach Argentinien und wurde dort 2004 verhaftet und schließlich in Chile zu 33 Jahren Haft wegen vielfachem Kindesmissbrauchs verurteilt. Er starb 2010 im Gefängnis in Santiago. Die hoch traumatisierten Mitglieder der Colonia Dignidad, die mittlerweile in Villa Baviera umbenannt wurde, versuchen seitdem einen Neuanfang, unter anderem mit einem Hotel über den Folterzellen. Sie scheinen bis heute psychologisch nicht in der Lage, diesen Ort des Grauens zu verlassen …

Gallenbergers Film setzt 1973 an. Ein – warum auch immer deutscher – Fotograf, der mit der politischen Opposition sympathisiert, und seine – warum auch immer deutsche, ja, wir haben’s verstanden, es ist doch eine deutsche Geschichte – Freundin/Lufthansa-Stewardess geraten in die Fänge des Regimes. Er wird in die Colonia verschleppt, sie folgt ihm zwecks Befreiung und trotz Warnungen von allen Seiten undercover nach. Als gebe es rund um Schäfers Scheußlichkeit nicht genug Storys zu erzählen, haben sich die Drehbuchautoren Gallenberger und Torsten Wenzel genau die eine ausgedacht, die ganz bestimmt nicht wahrscheinlich ist. Und damit nicht genug. Gallenberger, der Politthriller-Vorbilder wie „Die drei Tage des Condors“ und „Die Unbestechlichen“, leider nicht Costa-Gavras’  hervorragenden „Vermißt“, im Munde führt, konnte sich offenbar nicht entscheiden, welche Art von Film er machen wollte.

Er wabert zwischen Betroffenheitskiste und Gefängnisausbruchfilm und Splatter für ärmere hin und her. Die Lagerzäune sind hoch, die Keller sind tief, die Schießhunde bellen. Bildgestalter Kolja Brandt gestaltet alles schön schrecklich, als wäre Folter nicht schrecklich genug. Nur, dass der sonst vorzügliche Daniel Brühl die Gehirnschäden nach den Peinigungen mit Strom nicht derspielt. Mag sein, dass der sensible Schauspieler die Darstellung nicht zu nah an sich herankommen lassen wollte? An Gallenbergers Film ist jedenfalls trotz des Einsatzes aller dramatischer Mittel nichts „echt“. Im Sinne von: glaubwürdig. Manches ist sogar lächerlich. Das Ganze schaut aus, als hätte Eli Roth einen seiner humorloseren Tage gehabt. Handlung nein, Misshandlung ja.

Was da Peitschenhiebe auf weibliche Rücken niedersausen, was Emma Watson – in ihrer ersten Hauptrolle seit „Harry Potter“ – an den tatsächlich stattgehabten „Herrenabenden“ an Demütigungen zu ertragen hat. Gerade noch hüpfte sie glücklich-nackt wie ein junges Fohlen mit ihrem Daniel durch die sonnendurchflutete Wohnung … Man nimmt der fröhlichen Flugbegleiterin und ihrem Auslöser auch nicht die große Liebe ab, die zulässt, das alles zu erdulden. Die gesofteten Szenen in Santiago sind eher wie ein Urlaubsflirt, aus dem heraus sich die Charaktere nicht weiterentwickeln. Sie bleiben Scherenschnitte.

Es kommt ein Zeitpunkt, an dem einem die Schauspieler nur noch leid tun. Richenda Carey hat als Aufseherin Gisela das Wort „Fotze“ zu ihrem Lieblingsfluch gemacht; Michael Nyqvist spielt, Klischee as Klischee can, den sinistren Filmbösewicht wie einen sinistren Filmbösewicht. August Zirner als deutscher Botschafter in Chile und Martin Wuttke als Leiter des Amnesty-International-Büros in Santiago kommen gleich gar nicht zum Spielen. Ein Glück. So ersparen sie sich einen Großteil der platten Dialoge. Gallenberger verwendet den historischen Horror für seinen Horrorfilm, ohne das Publikum mittels weiterführender Aussage irgendwo hinzuführen. Es geht ihm offenbar weniger um das Ausloten repressiver politischer und religiöser Systeme, als um das Ausstellen von deren Gräueltaten. Das ist zu wenig. Für die Zuschauer und als Dokument über die Opfer.

Ergo sind die berührenden Momente des Films nur die letzten, wenn tatsächlich dokumentarische Bilder der Colonia gezeigt werden. 350 Menschen haben hier gelebt und gelitten. Nachzulesen in Klaus Schnellenkamps Autobiografie „Geboren im Schatten der Angst“, erschienen 2007 im Herbig-Verlag. Das Buch gilt bislang als der einzige umfassende Bericht eines Zeitzeugen der Sekte. Es ist ein wertvolles Argument zu Gallenbergers Film. Und kann als faktische Ergänzung der Fiktion gelesen werden.

www.coloniadignidad.de

Filmdoku über Paul Schäfer und die Colonia Dignidad: www.youtube.com/watch?v=5oObdFq78_s

Wien, 17. 2. 2016

Suffragette – Taten statt Worte

Februar 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Downton Abbey“ goes Geschlechterkampf

Maud (Carey Mulligan) wird verhaftet und abgeführt Bild: © Filmladen Filmverleih

Maud (Carey Mulligan) wird verhaftet und abgeführt
Bild: © Filmladen Filmverleih

Es gibt im Film nur einen sonnigen Tag, so scheint’s, nämlich den 4. Juni 1913 in Epson. Da stellte sich Emily Wilding Davison beim britischen Derby vor das königliche Pferd. Und wurde zu Boden gerissen. Und starb. Vor dem anwesenden König Georg V. Die damals ganz neuen Filmkameras zeigten, was sie entrollen wollte: die Fahne der Women’s Social and Political Union (WSPU). Mit ihrem Tod war eine Märtyrerin der Frauenrechtsbewegung geboren. Die Zeitungen berichteten erstmals positiv über die wilden Weiber, die für ihr Wahlrecht zu Terroristinnen geworden waren. Vorher hatten sie deren Fahnungsfotos veröffentlicht – die Presse als gott- und vaterlandergebenes Denunziations- medium gegen die „Suffragette“. Ab 5. Februar in den heimischen Kinos.

Es sind Szenen wie diese, die einem die Wichtigkeit von Sarah Gavrons Film deutlich machen. Erst 1993 wurden Frauenrechte auf die Tagesordnung der UN-Weltmenschenrechtskonferenz gesetzt. Die Wiener Erklärung hält fest, „Menschenrechte von Frauen und Mädchen sind ein unveräußerlicher, integraler und unteilbarer Bestandteil der universellen Menschenrechte“. Allein, dass dies einer extra Erwähnung bedurfte, spricht Bände. Bis heute aber hat man bei einem Einbruchsdelikt weniger Erklärungsnotstand als bei einer Vergewaltigung. Werde ich beraubt, muss ich nicht nachweisen, dass die Tat nicht mit meinem Einverständnis geschah, bei sexueller Belästigung hingegen … Der jungen Wäscherin Maud Watts geschieht auch dies. Für ihren Boss ist sie Freiwild. Und ihr Ehemann, der ihr gegenüber alle Rechte hat, der Herr im Haus, dem es gesetzlich sogar zusteht, gegen Mauds Willen den gemeinsamen Sohn zur Adoption freizugeben, ist am Arbeitsplatz sehr klein und sehr still.

„Suffragette“ ist in diesem Sinne Lehr- und Rührstück zugleich. Ein wenig bieder-pathetisch und very konventionell british. Sozusagen „Downton Abbey“ goes Geschlechterkampf. Den Frauen fallen strähnige Haare in die fahlen Gesichter, die Kinder husten, die Männer trinken, alle und alles ist schmutzig-graubraun, Charles Dickens hat seinen Fagin von der Leine gelassen. Und Carey Mulligans zartgesichtige Maud geht durch diesen Film als Schmerzens- und Staunensfrau. Sie ist eine Simplicissima, die in die Situationen stolpert, der in einem Jahr mehr passiert, als anderen in drei Leben, damit sie am Ende stolz und stark dastehen kann. Entlassen aus der männlichen Gewalt. In jeder Hinsicht, denn sie wird wegen ihrer Aktivitäten aus ihrem Job und ihrer Familie gejagt. Ben Whishaw verleiht als Mr. Watts seiner Überforderung mit grausamen Mitteln Ausdruck. Er ist über weite Strecken seines Charakters „beleidigt“, dass ihm das Schicksal diese Megäre zugemutet hat.

„Suffragette“ ist in diesem Sinne zuallererst ein Film über die Angst. Der Männer. Vor Macht- und Positionsverlust. Vor dem Verlust der Weltherrschaft. Sie arbeiten mit Ausbeutung, Demütigung, Gefängnis, Schlägen, Zwangsernährung. Eine Befragung Mauds in einem parlamentarischen Unterausschuss – erstmals durfte mit Sondergenehmigung im Palace of Westminster gedreht werden -, zeigt auf erschreckende Weise das Erstaunen der Abgeordneten über einen Frauenalltag. Die Einkommensschere kommt da auch schon vor. „Ich dachte, es muss einen besseren Weg geben ein Leben zu leben“, erklärt Maud ihre „Radikalisierung“. Von Politik redet sie nicht. Doch die Frauen werden nicht gehört. Sie werden von der Geheimpolizei ausspioniert und fotografiert – Brendan Gleeson als väterlich-sinister Inspektor ist ein weiterer männlicher Darsteller, der im Frauenheer überzeugen kann. Beim „Black Friday“, einer Kundgebung vor dem Parlament (im Film, damit’s passt, zeitlich um zwei Jahre verlegt), sterben drei Frauen unter Knüppelhieben. Und Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Helena Bonham Carter als emanzipierte Apothekerin, ihr Mann ebenfalls Verfechter der Frauenrechte und später Chauffeur zu und weg von Attentaten, wird Mauds wichtigster Anker in diesem Tumult. Bonham Carter, forever Punk, schafft es mit einer kompromisslosen, sich selbst bewussten Darstellung das von Regisseurin Gavron für sie vorgesehene Schema zu unterspielen. Ihre fiktive Figur Edith, offensichtlich inspiriert von Edith Garrud und Edith New, ist bereit der Bewegung bis zum äußersten zu folgen. Auch Emmeline Pankhursts Aufrufen zu Anschlägen. Es ist eine der großen Qualitäten von „Suffragette“, dass gezeigt wird, wie Frauen aller Gesellschaftsschichten, von der Ministersgattin bis zur Arbeiterin, sich zum Teil ihrer Revolution machen. Nur gemeinsam, so die Botschaft, geht Widerstand.

Meryl Streep zeigt als große Feministin, wie man einen Film mit einem Minutenauftritt dominieren kann. Und weil die Theoretikerin der gewaltlosen Gegenwehr diesen für das Legen von Bränden und Bomben alsbald aufgab, kann auch die berühmte 1913er-Jahr-Rede vorkommen: „I am here as a soldier who has temporarily left the field of battle in order to explain what civil war is like when civil war is waged by women …“ Freilich ist die Pankhurst hier geschönt. Im düsteren Drehbuch von Abi Morgan sind alle Frauen Lichtgestalten. Dass Pankhurst bereits im Jahr vor diesem Auftritt eine rabiate Säuberung der WSPU von internen Rivalinnen vornahm, und es fällt einem ein, dass Lady Streep auch als die eiserne zu sehen war, hat im Film keine Bedeutung. Für Connaisseurs gibt’s einen kurzen Dialog darüber, der große Rest ist Fiktion. „Suffragette“ ist eine Übersetzung der feministischen Ideen mit filmästhetischen Mitteln, nicht deren wissenschaftliche Überprüfung.

Am Ende natürlich der Begräbniszug der Emily Wilding Davison in Originalbildern. Die dokumentarischen Aufnahmen zeigen die zehntausenden Frauen, die dem Sarg folgten, und eine berittene Staatsmacht in Schreckstarre. Die Inschrift auf Davisons Grab auf dem Friedhof St Mary’s in Morpeth erklärt den deutschen Zusatztitel zum Film:  “Deeds, not words”. Das allgemeine Wahlrecht für Frauen wurde in Österreich und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg 1918 eingeführt. „Zum Wählen zu dumm, aber zur Arbeitspflicht für das Kriegsführen gescheit genug“, war der Schlachtruf der Sozialdemokratin Adelheid Popp für dessen Durchsetzung. Großbritannien folgte 1928, die Schweiz 1971; 1984 kam Liechtenstein als letztes westeuropäisches Land dazu. Bei der Londoner Premiere des Films stürmten Frauenrechtler der Organisation „Sisters Uncut“ in die Promi-Parade. Mit Rauchbomben und einer Sitzblockade machten sie ihrem Ärger über die Entscheidung der britischen Regierung Luft, die Finanzierung von Einrichtungen für Opfer häuslicher Gewalt zu kürzen. „Endlich wird der red carpet für etwas Sinnvolleres genutzt, als sein Kleid darauf spazieren zu tragen“, kommentierte Helena Bonham Carter cool die Aktion.

www.suffragette-film.de

Wien, 5. 2. 2016