Goldie Goldbloom: Eine ganze Welt

April 6, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Clinch mit Gottes Regeln

„Ist das nicht aufregend?“, fragt Hebamme Val die schwangere Frau. Surie zögert. „Nein“, sagt sie. „Ich habe mich darauf gefreut, endlich ein bisschen Zeit für mich zu haben.“ Sie hätte aber doch zehn Kinder und zweiunddreißig Enkelkinder, was machten da ein, zwei zusätzliche schon groß aus, meint die Geburtshelferin. „Surie antwortete leise, dass ein einziges Kind eine ganze Welt sei …“

Surie Eckstein ist die Protagonistin in Goldie Goldblooms neuem Roman „Eine ganze Welt“, „eine Frau, von der die anderen Leute glaubten, sie wüssten alles über sie – Ausländerin [denn zu dieser macht sie sich freiwillig im eigenen Land], religiöse Fanatikerin, ein anachronistischer Witz, eine ungebildete Mutter“, die kaum englisch, sondern jiddisch spricht, die unter der obligaten Perücke kahlgeschoren ist und den Körper verhüllende Kleidung trägt.

Surie lebt in Williamsburg, New York, als wertgeschätztes Mitglied der chassidischen Gemeinde, die anderen, das sind die jenseits der Synagoge in der Kent Street, die allzu leicht ein Urteil über das fällen, was ihnen „fremd“ ist. Das jüdische Brooklyn liegt für sie im Nirgendwo eines gewesenen Jahrhunderts, ein Schtetl, wie’s ihnen

nur in Barbra Streisands „Yentl“ gefällt. Den ultraorthodoxen Gläubigen sind die Vorurteile der Yuppie-Hood freilich einerlei, jetzt aber fürchtet Surie den Schuldspruch ihrer nächsten Nachbarschaft. Im „knarzenden Alter“ von 57 Jahren erwartet sie Zwillinge, welch ein Regelverstoß! Im Gegensatz zu Ehemann Yidel, dem 62-jährigen Sofer des Tempels, dessen schlimmster es ist, abends unter der Dusche zu singen. Sie hat den Brustkrebs überwunden, und die beidseitige Mastektomie. Soll sie die bevorstehende Niederkunft als nahezu so wundersam preisen, wie die von Sarah, Abrahams Frau?

Die Schande! Der Skandal! Ein Sex-Skandal, würde die Geburt doch bekanntmachen, dass Yidel sie „über das normale Alter hinaus“ begehrenswert findet. Nach der Geburt des jüngsten Sohnes Chaim Tzvi, als sie es bereits „ungefährlich“ wähnten, hatten sie die Betten zusammengeschoben und kostbare Tage einer stillen Innigkeit waren abgebrochen. „Die meisten Mütter in der Gemeinde hatten mit Anfang vierzig den Laden dichtgemacht“, nun würden sie beim Anblick des „sexbesessenen Flittchens“ erröten – und alle Heiratschancen für ledige Kinder und Kindeskinder wären auf ewig zunichte gemacht …

Mit solch frechen, flotten Formulierungen führt die Chicagoer Autorin Goldie Goldbloom, sie selbst chassidisch, achtfache Mutter, queer und bekannte Streiterin für LGBTQ-chassidische Jugendliche, in Suries Gedanken- und eine den meisten unbekannte Welt ein, zu deren Erklärung es ein Glossar und eine Eckstein’sche Familientafel braucht. Eine Welt, in der einzig die ein Leben lang die Gebote Gottes studierenden Männer das Sagen haben: „Nuschim, zeyt schtil!“ – und trotzdem die ungarische Holocaust-Überlebende und Urgroßmutter Dead Onyu das letzte Wort hat. Und im Gegensatz zur jüdisch-amerikanischen Literatur von Philip Roth bis Chaim Potok erfährt Surie keinen Glaubensverlust.

Gleich einem weiblichen Hiob liebt sie Gott, sie kämpft nicht mit IHM, sondern jenen restriktiven Regeln, die ihr mehr und mehr von ihren Mitmenschen diktiert und deshalb ablehnenswert scheinen. Dies trifft vor allem auf den Umgang der Gemeinde mit Suries Sechstgeborenem Lipa zu, geboren 1981, gestorben 2003, der nach Kalifornien ging, eigentlich dorthin vertrieben wurde. Eine unausgesprochene Verbannung, ausgesprochen wegen Lipas Homosexualität, das Problemkind, das in Manhattan der-Teufel-weiß-wen datete und sich mit HIV infizierte. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Lipa in seinem Ghetto nie von Aids gehört hatte, Goldbloom schreibt, dass er, der das Wort schwul gar nicht kannte, also auch „Kondome für Gebiete, über die mehrere Staaten herrschten, hielt“.

„Surie zog Gummihandschuhe und einen Mundschutz an und warf das Geschirr, von dem er aß, in den Ofen im Keller.“ Als der Anruf kam, „hielt Yidel das Telefon weg von seinem Ohr, weil ihm nicht klar war, wie die Infektion weitergegeben wurde“. Die Eltern müssen den Leichnam des Sohnes in San Francisco identifizieren, ein ausgemergelter Körper, 35 Kilo schwer und voller Drogeneinstiche. Lipa hatte sich im Golden Gate Park erhängt, das wird sich Surie nie verzeihen, dass sie ihm die goldbestickte „girly Jarmulke“ und anderes und damit ihre Empathie vorenthielt, doch immer noch, wenn sie mit Yidel über Lipa reden will, verlässt der fluchtartig das Haus. Das wird sie ihm nicht verzeihen.

Diese 288 Seiten währende Schuld, diese offene Wunde unter all den Eckstein’schen Narben, ist die eigentliche Story in „Eine ganze Welt“, nicht die späte Schwangerschaft. Eine ganze Welt, das sind zum Ersten die ungeborenen Babys, dann die gesamte Familie, schließlich Hasidic Williamsburg. „Wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich ihn nach Hause holen und im bequemsten Bett schlafen lassen, und ich würde zu ihm sagen, dass er seinen Freund mitbringen soll, und meine Kinder und Enkelkinder sollen ihn anlächeln und nie damit aufhören. Weil Elternliebe nie aufhört, nie aufhören sollte“, sagt Surie zu Val.

Die Beziehung der orthodoxen Jüdin mit der unkonventionellen Hebamme wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Während die Krankenhausärzte einerseits über die ihnen medizinischen wie medialen Ruhm sichernde Sensation jubeln und sich andererseits mittels Aktenvermerken „für den Fall, dass etwas schiefgeht“ absichern, Stichwort: Hochrisikoschwangerschaft, während Surie über einen Abbruch derselben, der nicht rabbinisch sanktioniert wäre, nachdenkt, und sich ihr ob dieses sündigen Denkens der Magen umdreht, erkennt Val das Talent der vielfachen, in Geburten erfahrenen Mutter, auf ängstliche Schwangere beruhigend zu wirken.

Surie, die Yidel nach wie vor nichts gesagt hat, weil sie befürchtet, er wäre zornig und würde sie nicht länger lieben – Dead Onyu, der sie sich anvertraute, freut sich zwar schon darauf, „die kleinen Bubeles in ihren identischen Sachen“ und im brandneuen, von ihr gestifteten „europäischen“ Kinderwagen durch den Bezirk zu kutschieren, die älteste Tochter Tzila Ruchel aber war so angewidert von Mutters Gräueltat, dass Surie befürchtete, sie werde sich übergeben -, Surie also wird Laienhebamme im Krankenhaus. Für sie ein Grund, Yidel auszuweichen, der ihre wachsende Leibesfülle den Wechseljahren zuschreibt, für ihn ein Grund, seinen Freunden zu schildern, wie sehr sich seine Frau bei Bikur cholim engagiere – es gibt keine größere Mizwe!

Lügen, Schwindeleien, Notlügen, zu denen Surie nun regelmäßig Lipa erscheint, die Fäuste vor Wut geballt, den Mund offen, als würde er schreien. Doch Goldbloom wandelt die Momente des weiblichen Gehorsams in winzige Momente der Wahl, und Surie versteht die Bedeutung dieser kleinen Entscheidungen. Sie emanzipiert sich auf ihre Art, berät eine vierzigjährige Anwältin, die über Schwangerschaftsstreifen klagt, macht einer jungen Mexikanerin nach der sechsten Fehlgeburt Mut. Die Beschäftigung wird zum Beschwichtigungsmechanismus für Suries eigene Situation.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich sitzt sie als Jiddisch-Dolmetscherin der Teenager-Tochter einen Nachbarin gegenüber, geschwän- gert von jenem Schulpsychologen, zu dem Surie Lipa schickte – was diesen weiland in Panik versetzte. Surie, die keinen Kopf mehr dafür hat, mit ihren Freundinnen die beste Fleckentfernung und das schmackhafteste Kochrezept zu diskutieren, beschließt zu handeln. Sie sucht die Mutter des Mädchens in der Division Avenue auf – „On Division“ ist der Original-Titel des Romans -, die nicht öffnen will. „In der Mikwe würden die Männer am Erew Schabbes sagen, dass Rebezn Eckstein die Tür einer Frau eingetreten hatte“, doch Surie will ihre Schutz- befohlene vor einem Schicksal, wie es Lipa ereilte, ein „verlorenes Kind“ der Gemeinde zu werden, bewahren.

Dies der Goldbloom größte Abkehr von der jüdisch-amerikanischen Autoren-Tradition, die sich gemeinhin auf die persönliche Befreiung konzentriert, Asher Lev mit Kunst, Alexander Portnoy via Sex. Suries Befreiung aber soll der Weg zu einer gesellschaftlichen, sozialen, zeitgeschichtlichen sein. Statt dass Goldbloom Surie von ihrer Gemeinschaft befreit, bittet Surie ihre Gemeinschaft sich von ihrem schlimmsten Selbst zu befreien. Goldbloom kann dies genau deshalb tun, weil Surie den chassidischen Regeln folgt, Regeln, die ihr Dasein heiligen, wobei sie aber langsam und schmerzhaft akzeptiert, dass sie umso weniger bedeuten, je wirkmächtiger sie Lipas Leben zur Hölle gemacht haben.

Diese Akzeptanz ermöglicht es Surie, Regeln mit Bedacht zu brechen. Sie wägt ihren Ungehorsam sorgfältig ab. Persönliche Freiheit wird für Surie wichtig, aber nicht in dem, was ihr Mann das gojische „Ich, Ich, Ich“ nennt; sie befreit sich für die Menschen, die sie liebt, wie sie Gott liebt – und auf die Leserin strahlt Hoffnung … Das alles erzählt Goldie Goldbloom nicht ohne Humor, nicht ohne jüdischen Witz. So oft man über die bigotte Verbohrtheit der Williamsburger den Kopf schüttelt, so oft muss man auch schmunzeln.

Ob Surie ihr Hebammen-Lehrbuch im Wäschekorb versteckt, wo Yidel es findet und „das schmutzige Ding“ in den Ofen wirft, worauf Surie am nächsten Tag ein neues Exemplar mit nach Hause bringt: „Wenn jemand außerhalb der Familie erfuhr, dass sie sich zur Hebamme ausbilden ließ, würde keine Schule in ganz Williamsburg mehr ihre Kinder aufnehmen. Niemand würde mehr Yidel damit beauftragen eine neue Thorarolle zu schreiben. Ein Stein würde durch ihr Fenster fliegen. Schulfreunde würden nicht mehr zum Spielen kommen. Das Fleisch vom Metzger wäre zu fett, und die Papiertüte würde auf dem Nachhauseweg zerreißen …“

Ob Ruchel unter der Matratze ihres jüngeren Bruders Mattis gewisse Heftchen findet, Mattis, um dessen Schidech sich die Mutter längst kümmern sollte, und der sich nun als siebzehnjähriger „Leptup-Pornograph“ entpuppt, wo bereits der Besitz eines solchen satanischen Geräts den Ausschluss aus der Schil bedeutet. Mattis wandelte auf Lipas Spuren, er schämt sich ein Chasside zu sein und will lieber als hipper New Yorker leben!

Ob die allzu intelligente Enkelin Miryam Chiena Bubbie Suries Aufklärungs- und Geburtshilfe-Illustrationen findet und erklärt haben will, „etwas, worüber kein anderes Mädchen Bescheid wusste, und das Kind dann wieder in die Schule zu schicken, sei doch, als würde sie ein Geschoss abfeuern …“ Gern hätte man mehr gewusst über die arme Gittel, die Tochter, mit deren missglückter Hochzeit das Buch beginnt, mit einem Bräutigam, „der sich die Schläfenlocken schnitt, der eine lange Hose statt der würdevollen dreiviertellangen mit den weißen Kniestrümpfen trug“ – und seine Mutter kein Kopftuch! Und sein billiger Schtrajml – alles tropfte vor Modernität!

Inwieweit Surie die chassidischen Lebensgewohnheiten und das 21. Jahrhundert in sich vereinen und mit ihrem Glauben vereinbaren kann, gilt es selber nachzulesen. Die Wehen setzen ein, der noch immer ahnungslose Yidel ist in der Schil, wegen Schawuot darf nicht telefoniert werden, auch nicht mit Val, und weil keiner die Schabbat-Schaltung des Lichts geändert hat, ist es in der Wohnung stockdunkel. Ihre Unwahrheiten, ihre Heimlichkeiten drohen Surie zum Verhängnis zu werden. „Val glaubte, dass Geheimnisse etwas über Charakterstärke aussagten. Jetzt wusste Surie, dass das nicht stimmte. Geheimnisse waren die Wurzel von Schwäche …“

„Eine ganze Welt“ ist ein wunderbares Buch voller Weisheit über den Unterschied zwischen dem Leben, wie es sein sollte und wie es ist, über Ressentiments hie wie da, und wie es sie zu überwinden gilt. Goldie Goldbloom zeigt auf, wie schwierig es sein kann, sich selbst zu akzeptieren, sich in Selbstreflexion zu üben, sich selbst zu erkennen, und wie das, was – nicht nur chassidischen – Frauen als Stabilität und Sicherheit vermittelt wird, oft nur zu deren Käfighaltung führt. Ihr Roman gleicht einem Plädoyer für Mitmenschlichkeit, fürs Miteinander, für die Gleichheit aller Menschen, einem Plädoyer dafür, dass Regeln für Menschen, nicht die Menschen für die Regeln gemacht sind. Dem deutschsprachigen Feuilleton ist dieses literarische Kleinod weitestgehend entschlüpft, drum sei hier noch ein Wort gesagt: Lesenswert!

Über die Autorin: Goldie Goldbloom, geboren 1964 in Perth, Australien, wurde für ihren ersten Roman „The Paperbark Shoe“ mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman „Eine ganze Welt“ war in den USA ein großer Erfolg, wurde mit dem Jewish Fiction Award 2020 geehrt und erscheint in zahlreichen Sprachen. Goldbloom lebt als Chassidin in Chicago und hat acht Kinder.

Hoffmann und Campe Verlag, Goldie Goldbloom: „Eine ganze Welt“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube.

hoffmann-und-campe.de           www.goldiegoldbloom.com

FILMTIPP:

Der Netflix-Zweiteiler „Unorthodox“ von Regisseurin Maria Schrader erzählt von der 19-jährigen Chassidin Esty, die vor einer arrangierten Ehe aus Williamsburg nach Berlin flieht, und dort ungeahnte Freiheiten kennenlernt. Während sie an der Barenboim-Said-Akademie Musik zu studieren beginnt, reisen ihr Ehemann Yakov und dessen Cousin Moische an, um sie gegebenenfalls mit Gewalt zurückzuholen … www.netflix.com   Trailer: www.youtube.com/watch?v=t5mzqg-d_tU

  1. 4. 2021

Fang Fang: Wuhan Diary

September 5, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Virus mit trockenem Humor bekämpft

„Natürlich fehlt es bei aller Rührung nicht an Komik. Es gibt ein Video, das das medizinische Hilfsteam der Provinz Sichuan bei seiner Abfahrt nach Hubei zeigt. Ein Ehemann ruft seiner Frau im Bus zu: ,Zhao Yingming, komm gesund zurück! Dann übernehme ich für ein Jahr die gesamte Hausarbeit, versprochen!‘ Zhao Yingming ist wohl inzwischen wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt. Umgehend kursierte im Netz ein Video, worin es heißt: ,Geschätzte Netizens, überwacht bitte, ob der Ehemann tatsächlich sein Jahr Hausarbeit abarbeitet!‘ Es löste großes Gelächter aus.“

Derart sind die Blog-Einträge, die die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang von 25. Jänner bis 24. März 2020 als Online-Tagebuch veröffentlichte. Fang Fangs Impressionen aus ihrer Heimatstadt Wuhan in der Provinz Hubei, Geschichten aus einer Neun-Millionen-Einwohner-Metropole, der #Corona-Metropole, die 76 Tage lang komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde, Fang Fangs Schilderungen voll Wärme, Mitgefühl, Zorn und immer wieder Hoffnung, die in China mehr als 100 Millionen Internetfollower fanden, sind nun auf Deutsch als Buch erschienen.

„Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ liefert einen unverstellten Blick auf den Beginn der #Corona-Pandemie, ist ganz nah an den Menschen, ihren Nöten und Ängsten, ihrer überbordenden Nachbarschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und wie Fang Fang das Virus mit dem sprichwörtlichen Wuhaner trockenem Humor bekämpft und die Propaganda des Pekinger Parteiregimes mit glühender Leidenschaft ad absurdum führt, lehrt sie den Leser die Chinesinnen und Chinesen neu einzuschätzen und zu schätzen – ihren Mut, ihre Findigkeit in vertrackten Situationen, ihren Hang zur Anarchie, wo immer das offizielle Narrativ ein Freizeichen dafür lässt.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis“, schreibt Fang Fang, das erste „Wir“ dabei eine höfliche Formulierung für zwanzig Tage systemimmanentes Lügen und Verschweigen, samt Kriminalisierung couragierter Ärzte, in denen das Wissen um #Covid-19 nicht publik gemacht wurde – mit katastrophalen Folgen für die ganze Welt.

Bild: pixabay.com

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Denn bereits im Dezember 2019 warnte der Arzt Li Wenliang in einer WeChat-Gruppe Kollegen angesichts einer Serie von Lungenentzündungen im Zentralkrankenhaus Wuhan vor einem neuartigen Virus – worauf er und sieben weitere Ärzte unter Androhung von Strafe eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben mussten, an die sich Li Wenliang freilich nicht hält. Der Tod des Whistleblowers Anfang Februar löste in ganz China Proteste aus. Bei Fang Fang ist zu lesen, wie die Wuhaner am Abend mit Taschenlampen und Smartphones einen Lichtstrahl in den Nachthimmel senden, um den tapferen Mediziner zu ehren.

Auch von sich selbst berichtet Fang Fang. Wie sie eine Liste zusammenstellt, wen sie wann und wo ohne Maske getroffen hat. Von der quälenden Ungewissheit, ob sie oder einer aus ihrer Familie sich infiziert haben. Vom verzweifelten Versuch, Schutzmasken zu kaufen. Von langen Menschenschlangen vor den Krankenhäusern und einem Personal knapp vor dem Kollaps. Wir haben der Regierung allzu sehr vertraut!, empört sie sich in diesem Post. „… nun irrten unzählige Erkrankte in eisiger Kälte durch Sturm und Regen in der Stadt herum, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Behandlung.“  Die Ermahnungen der Ärzte? „Solange ihr noch Reis habt, esst lieber nackten Reis, auf keinen Fall die Wohnung verlassen! Na gut, wir hören auf sie.“

Und während die pensionierte Vorsitzende des regionalen Schriftstellerverbandes im Fernsehen zusieht, wie in nur zehn Tagen das Notkrankenhaus Huoshenshan aus dem Boden gestampft wird, wird erstmals einer ihrer Blog-Einträge gesperrt. „Es gibt ein Schweigen, das lügt“, zitiert Fang Fang Victor Hugo, und berichtet: „Die Netzzensur erregt bereits den Zorn der Bevölkerung. Die Leute spielen Katz und Maus mit ihr, ein Text wird nach dem Löschen sofort wieder gepostet, gelöscht, erneut gepostet, gelöscht, erneut gepostet. Schlag auf Schlag. Die Zensur kommt kaum nach, kriegt es nicht in den Griff.“ Das Bewahren eines Textes wird zur heiligen Verpflichtung. Seltsam mutet es an, zu Zeiten von Fake News und Hass im Netz, zu erfahren, dass andernorts das World Wide Web der Hort der Wahrheit und des Widerstands ist.

Bild: pixabay.com

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Fang Fang notiert lakonisch. Den Durchhaltewillen der Großstadtbewohner, die Unfähigkeit von Funktionären, die Aufopferung von Ärzten, die physischen und psychischen Herausforderungen der Quarantäne. Nichts entgeht ihrem scharfen Auge. Sie beteiligt sich an Gruppeneinkäufen und Kochdiensten für ihren Häuserblock, sie weiß ums Decke-auf-den-Kopf-Fallen: „Mein ältester Bruder beschreibt es in einfachen Worten: ,Es ist sehr langweilig. Wir glotzen Serien, um uns die Zeit zu vertreiben‘“, sie sorgt sich um die Waisen der Epidemie, die von den Behörden „eingesammelt“ werden : „… das jüngste nur vier, fünf Jahre alt. Sie fürchten sich vor Leuten in Schutzanzügen, auch vor Leuten mit Schutzmasken“.

Und sie sorgt sich um ihren betagten Hausgenossen: „Mein alter Hund ist schmutzig und stinkt, sein altes Hautleiden ist wieder aufgebrochen. Meine Hände sind verbraucht und rissig, ich wage nicht, ihn zu waschen. Wann öffnen die Tierkliniken? Ich lasse ihn jeden Tag in den Hof und tröste ihn: Warte nur ein paar Tage, bald fühlst du dich wieder besser.“

Als sie sich über dröhnende Erfolgsmeldungen mokiert, den leere Phrasen dreschenden Kader, die Unfähigkeit der „Maulwerktätigen“, wird sie, kein Parteimitglied, aber auch keine Dissidentin, gezielt angegriffen. Man beschimpft und bedroht sie, auch Todesdrohungen sind dabei, von Stunde zu Stunde schwebt die Sperrung ihres Accounts wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Dennoch gibt sie Auskunft über den Einsturz des Xinjia-Hotels in Quanzhou, das als Quarantänestation benutzt wurde, über den Unmut des WHO-Mitglieds Yuen Kwok-yung: „Man hat uns während unseres Aufenthalts in Wuhan ausschließlich ,Mustereinheiten‘ vorgeführt. Sie hatten auf jede unserer Fragen eine Antwort parat, es war offensichtlich alles einstudiert“, über Leichensäcke, die bei Nacht und Nebel in Transporter geschichtet werden.

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Fang Fang verfügt mittlerweile über unzählige Quellen, es nimmt Tage in Anspruch alle Nachrichten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Den sie mit Hass und Häme überschüttenden, mutmaßlich regierungsgesteuerten Trollen steht eine Armada von Menschen gegenüber, die der Schriftstellerin verifizierte Informationen zukommen lassen, die sie dann ihrerseits weitergibt. Fang Fang gibt nicht nur den Bewohnern Wuhans eine Stimme, sondern öffnet nun auch Herz und Hirn der deutschsprachigen Leser. Welch eine mutige Frau, welch ein Buch!

Was das „Wuhan Diary“ zeigt ist, dass im Reich der Mitte nichts mehr unbeweint, unbenannt, verschwinden und vergessen werden kann. Wenn jetzt eine Parteizeitung aus dem Testament eines am Virus Sterbenden lediglich den Satz „Meinen Leichnam vermache ich dem Land“ zitiert, gibt es eine Schriftstellerin, die ihrem millionenfachen Lesepublikum mitteilen kann: „Tatsächlich stehen in den letzten Worten noch weitere vier Zeichen: ‚Ach, meine Frau!‘. Hat die Zeitung für diese ‚kleine‘ Liebe nur Verachtung übrig?“ Es ist tragisch und paradox, dass ausgerechnet diese zutiefst menschliche, auf ihre Art patriotische Stimme zum Schweigen gebracht werden soll.

Ein letzter Eintrag sei zitiert, 5. März 2020, Vizeministerpräsidentin Sun Chunlan besucht ein Wohnviertel in Wuhan, wofür die Gegend aufpoliert, die Lebensmittel in den Läden aufgestockt werden. Fang Fang: „Heute erregt ein Video gewaltigen Aufruhr in Wuhan: Bei der Inspektion eines Wohnviertels durch eine Führungspersönlichkeit der Zentralregierung rufen Leute aus den umliegenden Wohnhäusern ,Fake! Alles Fake!‘. Die Führungspersönlichkeit bricht den Besuch daraufhin auf halbem Weg ab.“  Nun sage keiner, davon könne man hierzulande nichts lernen …

Über die Autorin: Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den vergangenen 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman „Weiches Begräbnis“, für den sie mit dem renommierten Lu-Yao-Preis ausgezeichnet wurde.

Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

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  1. 9. 2020

Paul Theroux: Mutterland

Dezember 19, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Königin Lear narrt ihre Kinder

Dieser Roman macht einen erst wütend, bevor man darin eine Familienfarce vermuten möchte, über die zu lachen sich lohnt. Das heißt: nein, konkret, der Ärger hat nichts mit diesem besonderen Buch zu tun, sondern mit seinem Protagonisten, Ich-Erzähler Jay Justus, wie sein Erfinder Paul Theroux Romancier und Reiseschriftsteller, weil er es nicht schafft, von der Verwandtschaft loszukommen, die Nabelschnur zu kappen, einfach die Koffer zu packen und abzuhauen. Weg von Intrige, Neid und Missgunst. Durchs Feuilleton geistert die Frage, wie autobiografisch diese Arbeit sein mag, hatte doch auch der Autor – gleich seiner Figur – sieben Geschwister und eine Mutter, die 102 Jahre alt wurde.

Theroux sagt, er hätte diese Geschichte zu deren Lebzeiten nicht schreiben können, die Matriarchin hätte dann nämlich Sätze zu lesen bekommen, wie „Mutter war undurchschaubar und rätselhaft, manchmal uneinsichtig, wie eine zornige Gottheit. Unsicher in ihrer Macht besaß sie eine ungeduldige, fordernde Grausamkeit, die aus einem anderen Jahrhundert, einer anderen Kultur zu stammen schien und nie befriedigt war. Das machte sie zu einem notorischen Spielverderber.“

„Mutterland“ ist zweifelsfrei ein Therapiebuch, für den Verfasser und für alle von ihrer Erziehung Deformierten, denen kindliche Dankesschuld wie die katholische Erbsünde in die Wiege gelegt wurde. In Endlosschleife beschreibt Theroux seine Charaktere in den immer gleichen schadenfrohen Formulierungen, schreibt über Mutters Mythos der Aufopferung für die Familie, über ihr Druckmittel Kopfschmerzen, über ihre Stehsätze zu den Sorgen ihrer Kinder „Davon weiß ich nichts!“, „Und wessen Schuld ist das?“, beschreibt eine überlebensgroße Schurkin, manipulativ und mit krankhaftem Hang zu Hiobsbotschaften, seine Geschwister als einen „wütenden, isolierten Volksstamm im Krieg mit sich selber“. Theroux hat mit dickem Pinsel gemalt, sein Jay ist ein beinah Thomas Bernhard’scher Akteur, dessen verzweifelter Zynismus ein Superlativ – und dennoch werden viele finden, dass ihnen dieser Typus der selbstmitleidigen, dauerbeleidigten, einem das Glück und die Zufriedenheit aussaugenden Mater Dolorosa bekannt ist.

Mutters Stunde schlägt mit dem Tod des Vaters. Da ist sie über Achtzig und wird noch mehr als zwanzig Jahre leben, während Jay auf seinen Siebziger zusteuert, da versammeln sich alle Kinder ums Grab in Cape Cod, ohne Aussicht die Halbinsel in Massachusetts jemals wieder zu verlassen. Denn Mutter besteigt gleich einer „Königin Lear“ ihren Thron in Form eines neuen Lederfauteuils und beginnt mit eiserner Faust zu regieren. Über Fred, den verschlagenen Anwalt von „Mutterland“, über den cholerischen Lyriker Floyd, die Schwestern Franny und Rose, beide, so Jay boshaft, „voluminöse Grundschullehrerinnen“, über Krankenpfleger-Sohn Hubby, dieser ein „kreativer Meister im Herabwürdigen und Fehlerfinden“, den fröhlich-unaufrichtigen Diplomat Gilbert – und Jay. Nur eine findet Gnade vor Mutters Augen, Angela, ihr Engel, im Wortsinn, weil sie doch knapp nach ihrer Geburt verstarb.

Jay erzählt nun sein Leben entlang dem seiner Mutter. „Zwei Ehefrauen – erledigt. Zwei Kinder – erledigt. Haus und Grundbesitz erworben und verloren, dito jedes Möbelstück“, lautet sein Resümee gleich zu Beginn. Die folgenden mehr als 650 Seiten sind die Variation seiner Familienaufstellung, eine Vivisektion der verwandtschaftlichen Verdrossenheit, und Jay dabei in der Rolle sowohl des Beichtkinds als auch des Petzers. Mit literarischer Verve legt Theroux die die Familie Justus beherrschenden Macht- und Unterdrückungs- mechanismen bloß, zitiert von der Shakespeare-Tragödie bis zu Henry Millers Rimbaud-Buch „Vom großen Aufstand“: „… der Dämon der Revolte hatte schon früh von mir Besitz ergriffen. Meine Mutter hatte ihn mir eingepflanzt. Und gegen sie, gegen alles, was sie verkörperte, richtete ich meine unkontrollierbare Energie.“

Köstliche Szenen ergeben sich aus diesem Kampf. Etwa die großartig gallige Schilderung vom Fest zu Mutters 90. Geburtstag, um den Tisch lauter Menschen, die sich am liebsten an die Gurgel gehen würden. Oder Jays und Floyds Einbruch in Mutters Haus, um deren Kontoauszüge einzusehen, verteilt sie ihre Gaben, darunter immerhin zwei Häuser, ein Grundstück und etliche hohe Geldbeträge, doch höchst ungerecht unter ihrem Nachwuchs. Allianzen werden geschlossen und zerbrechen wieder. Königin Lear narrt ihre Kinder. Und wird, so Jay, einem Raubvogel immer ähnlicher. Zwar dürr, aber in Topform und hellwach.

Jeder neue Eklat zieht Rundumanrufe unter den Rivalen um Mutters Gunst nach sich, Beschwerden, Beschimpfungen, eskalierende Unflätigkeit. Mutters „bevorzugtes Kommunikationsmittel war das Telefon. Es kam ihrem Bedürfnis nach Geheimniskrämerei und Manipulation entgegen. Sie wurde gern vom Klingeln des Telefons überrascht, liebte die Unberechenbarkeit des Gesprächs, die Macht aufzulegen.“ Für Jay bedeuten die Telefonate eine durch Mutters Indiskretion zerstörte Beziehung, ein durch Floyds vernichtende Rezension geflopptes Buch, aber auch das Wiederfinden eines in Studentenzeiten gezeugten und zur Adoption weggegebenen Sohnes. Am Ende kommt Mutters Ende – und für Jay die Erkenntnis: „Erst als ich alt war und Mutter uralt, hatte ich begriffen, dass sie meine Muse war.“ Diese Wirkmacht lässt sich an diesem wunderbaren Roman ablesen.

Über den Autor: Paul Theroux, geboren 1941 in Medford, Massachusetts/USA, ist mit mehr als dreißig veröffentlichten Büchern einer der weltweit populärsten Gegenwartsautoren. Weltruhm erlangte er vor allem als Reiseschriftsteller. Daneben verfasst er autobiographisch beeinflusste Romane. Theroux ist seit 2013 Mitglied der American Academy of Science and Arts. Er lebt mit seiner Familie auf Hawaii und auf Cape Cod.

Hoffmann und Campe, Paul Theroux: „Mutterland“, Roman, 656 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke.

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  1. 12. 2018

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

August 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

 Eine Satire als Plädoyer gegen den Krieg

bild 1„Hört mal her: Billy Pilgrim hat sich aus dem Lauf der Zeit gelöst.“ So beginnt die Geschichte und sprunghafte Zeitreise von Billy Pilgrim. Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“, einer der wichtigsten Antikriegsromane der Weltliteratur und Meisterwerk der amerikanischen Postmoderne, 1969 erstmals veröffentlicht, ist nun endlich in neuer Übersetzung von Gregor Hens bei Hoffmann und Campe erschienen. Ein Antikriegsbuch mit jeder Menge Science Fiction, autobiografisch und eine Satire über die USA, streckenweise sehr traurig und doch komisch. Was macht der Krieg mit einem Menschen? Was machen die Bilder und Erinnerungen? fragt das Buch, das ein Kaleidoskop des Irrsinns und des Absurden entwirft und nicht nur die Zerstörung einer Stadt, sondern auch die eines Menschen beschreibt.

Auf 240 Seiten folgt man dem abenteuerlichen Leben Billy Pilgrims, der durch alle Phasen und Episoden seines Lebens driftet. Er hat als US-Soldat die Ardennenoffensive und als deutscher Kriegsgefangener das Bombeninferno von Dresden 1945 in einem ehemaligen Schlachthof (Nummer 5) überlebt. Zurück in seiner Heimat fällt er aus der Zeit, er bewegt sich zwischen den verschiedenen Episoden seiner Biographie: der Hochzeitsnacht und dem Kriegsgefangenenlager, einer Nervenheilanstalt und einem ehemaligen Schlachthof in Dresden, einer behäbigen Existenz als Optiker und einem Zoogehege auf dem Planeten Tralfamador, wo Billy Pilgrim als Spezies Mensch ausgestellt wird. „Wie das so ist.“ Ein Satz, der den Leser das ganze Buch hindurch begleitet.

Als Soldat ist Billy völlig ungeeignet, trotzdem schlägt er sich als wahrhaft reiner Tor durch die Gräuel und Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges, während andere Kameraden sterben, etwa Edgar Derby, der am Schluss wegen Plünderung verurteilt und erschossen wird, oder Roland Weary, der Billy mehrmals das Leben rettete. Und dann gibt es noch das Schlüsselerlebnis: die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 durch die Alliierten. Ein Ereignis, das weder Billy noch Autor Vonnegut je wieder loslässt. „Der Himmel war schwarz vor Rauch. Die Sonne war ein winziger, grimmiger Knopf. Dresden glich einer Mondlandschaft, die Stadt bestand nur noch aus Mineralien. Die Steine waren heiß. Alle Bewohner des Viertels waren tot. Wie das so ist … Der Zweck des Ganzen war, den Krieg schneller zu beenden.“ Bei der Bombardierung der Stadt und dem nachfolgenden Inferno kamen mindestens 25.000 Menschen ums Leben, zum Großteil Zivilisten. Für viele US-Militärs ist diese Episode des Zweiten Weltkrieges immer noch tabu, umso bemerkenswerter, dass Vonnegut sie aufgriffen und zu einem wichtigen Teil seines Romans gemacht hat.

„Schlachthof 5“ ist ein Plädoyer gegen den Krieg, in dem die Soldaten, viele kaum dem Kindesalter entwachsen, ihre Unschuld verloren haben – ob im Zweiten Weltkrieg oder in Vietnam oder im Kinderkreuzzug von 1212, als Tausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Deutschland und Frankreich unter der Leitung visionärer Knaben zu einem unbewaffneten Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen. Viele starben beim Marsch über die Alpen oder ertranken bei Schiffbrüchen, andere wurden in Nordafrika als Sklaven verkauft. Palästina erreichte niemand. Nur wenige kehrten wieder in ihre Heimat zurück. Vonneguts Sprache ist voller lebendiger Bilder, manchmal grausam und schockierend, aber auch witzig. Der Vietnamkrieg – das Buch wurde wie gesagt knapp vor 1969 geschrieben – hinterließ seine Spuren.

Zwischen seinen Kriegserlebnissen reist Pilgrim immer wieder in seinem Leben vor und zurück, auch ins Jahr 1967, als ihn die fliegende Untertasse aus Tralfamador verschleppte. Eine Entführung von Außerirdischen, die ihm allerdings niemand abkauft. Er schildert eine Zivilisation, die sich ebenfalls zwischen den Zeiten bewegt und ihr eigenes Ende kennt, indem sie das gesamte Universum in die Luft fliegen lässt. An manchen Tagen haben sie Frieden, an manchen Tagen Kriege. „Wir können nichts gegen sie ausrichten, deshalb vermeiden wir einfach, sie anzusehen. Wir ignorieren sie. Wir bringen eine Ewigkeit damit zu, die angenehmen Augenblicke zu betrachten“, erklärt ein Wärter Billy. Wie das so ist!

Am Schluss des Buches besucht der Autor – im Roman trifft er in deutscher Gefangenschaft in der Stadt auf Billy – mit einem ehemaligen Kameraden noch einmal Dresden, viele Jahre nach dem Krieg. Auch Billy Pilgrim kehrte in die Stadt zurück. Aber nicht in die Gegenwart, sondern in das Dresden, zwei Tage nach der Zerstörung 1945. Auf den letzten Seiten des Romans schildert Vonnegut aus Billys Sicht in erschütternden Bildern, eine einst blühende barocke Metropole, die nun „einer Mondlandschaft gleicht“. „Nichts rührte sich dort draußen, es gab keinerlei Verkehr. Nur ein einziges Fahrzeug stand da, ein zurückgelassener Karren mit zwei Pferden. Der Karren war grün und sargförmig. Vögel zwitscherten. Ein Vogel sagte zu Billy Pilgrim ,Tschilp-tschilp?‘“

Über den Autor:
Kurt Vonnegut wurde 1922 in Indianapolis geboren, seine Vorfahren stammen aus dem westfälischen Münsterland. Anfang 1943 meldete er sich als Freiwilliger zur US Armee und geriet während der Ardennenoffensive in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Bombardierung Dresdens erlebte er im Keller eines früheren Schlachthofs, eine Erfahrung, die in seinen Roman „Schlachthof 5“, der ihn 1969 weltbekannt machte, einfloss. An Kurt Vonneguts Haustür in New York hing bis zu seinem Tod 2007 ein Schild mit der Aufschrift: „Sei, verdammt noch mal, freundlich.“

Hoffmann und Campe, Kurt Vonnegut: „Schlachthaus 5 oder Der Kinderkreuzzug“, Roman, 240 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Hens.

www.hoffmann-und-campe.de

Wien, 11. 8. 2016

Jamil Ahmad: Der Weg des Falken

März 28, 2013 in Buch

Leben in einer archaischen Welt

41596p1+U3L._SL500_AA300_Gut Ding braucht bekanntlich Weile. Und das gilt auch für den großen Roman des 1933 in Jalandhar, Indien, geborenen Autors Jamil Ahmad. Geschrieben vor mehr als 40 Jahren und erst heuer auf Deutsch erschienen (engl. „The Wandering Falcon“, 2011) beschreibt Ahmad das „Ende der Welt“, die iranisch-afghanisch-pakistanische Grenzregion, wo er mehr als zwanzig Jahre als „Political Agent“ des pakistanischen Staates stationiert war, vor allem in der Frontier Province und Belutschistan. Der Roman spielt zu einer Zeit als vom politischen Islam, al-Qaida und den Taliban noch keine Rede war und Tradition, Ehrenkodex und Patriarchat die Gesellschaften und Stämme geprägt haben.

Im Mittelpunkt der 9 Erzählungen steht die Geschichte von Tor Baz – dem Schwarzen Falken – vom Kleinkind bis zum erwachsenen Mann. Tor ist nicht von Glück gesegnet. Schon seine Geburt steht unter keinem guten Stern. Seine Eltern haben die Stammesregeln verletzt, waren jahrelang auf der Flucht und werden schließlich doch von ihren Angehörigen aufgespürt und erbarmungslos gerichtet. Den Sohn lässt man allein in der Wüste zurück. Zwar überlebt Baz, sein weiteres Leben ist aber eine nicht endend wollende Odyssee. Mal steht er unter der Obhut eines Soldaten, dann ist er Begleiter und Lehrling eines wandernden Mullahs, schließlich Ersatzsohn eines Paares, dessen eigener Sohn auf zweifelhafte Weise zu Tode kam. Erst am Schluss des Buches scheint er endlich ans Ende seiner Wanderungen angelangt zu sein.

Der „Schwarze Falke“ erlebt Stammeszwiste und Mädchenhandel, Kidnapping und Erpressung, er begegnet Rebellen und Militärs, wird selbst zum Spitzel, der Informationen verkauft, aber auch ganz normalen Männern und Frauen, die ihre traditionelle Lebensweise bewahren wollen. Die jedoch beginnt sich vor ihren Augen aufzulösen. Die alte Welt verschwindet, wie das grenzüberschreitende Nomadentum mittels eines schnell geschriebenen Erlasses des Provinzgouverneurs. Doch wie das Archaische sind auch Liebe, Mitgefühl und Weisheit Teil der Menschen. Dieses Wechselspiel schafft Ahmad mit seiner klaren, poetischen Sprache auf beeindruckende Weise. Und so bringt er den Leser eine fremde, vergangene Welt näher, in der heute zwar andere Protagonisten ihre Machtkämpfe austragen, sich Landschaft und Natur in ihrer Härte und Kargheit jedoch nicht verändert haben. Der Kampf ums Überleben prägt weiter das Leben.

Hoffmann und Campe, Jamil Ahmad: “Der Weg des Falken“, Erzählungen, 192 Seiten, Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini

www.hoca.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 28. 3. 2013