Ein Papa für alle

Januar 29, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt ein bisschen besser machen

Rudy, Damien, Marco und Steve mit ihren Kindern: Gringe, Franck Gastambide, Youssef Hajdi und Rémy Adriaens. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Tous ceux qui sont ici sont d’ici. Das war einer der Sprüche, der auf den Barrikaden des Pariser Mai skandiert wurde. Da wussten die Streiter für Liberté, Égalité, Fraternité naturgemäß noch nichts vom Départment 93, vom Camp in Saint-Denis oder vom Dschungel von Calais, wussten nur, kein Mensch ist illegal, zwanzig Jahre bevor Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel den heutigen Anti-Rassismus-, Anti-Abschiebungsslogan postulierte.

Dass die Revolution im Blut kein Teil des Erbguts ist, denkt zumindest Damien Mallet, Sohn zweier Alt-68er, heißt: Vater Vigo ist noch am Leben, die Mutter ist durch eine Merguez nach einer Demonstration um dieses gebracht worden, während er sich, da Ich-Erzähler, als „Deserteur in einer Vorstadt-Volksschule“ ausweist. „Ein Papa für alle“, treffender ist der französische Titel „Damien veut changer le monde“, heißt die Filmkomödie von Regisseur und Drehbuchautor Xavier de Choudens, die am Freitag in den Kinos anläuft.

Ein mit Franck Gastambide, Melisa Sözen, Rapper Gringe (www.youtube.com/watch?v=2nsCTYBnbrE) und Camille Lellouche hochkarätig besetztes Plädoyer dafür, dass ein jeder nach seinen Kräften die Welt ein bisschen besser machen kann, auch wenn Vigo resignierend meint, es gebe mittlerweile zu vieles, für das man sich engagieren müsse, so dass die meisten es für gar nichts mehr tun. Damien und Schwester Mélanie, die ihre Kindheit an Konzernzäune angekettet und ob dieses – ihnen nicht immer einsichtigen – Protests danach in Polizeiwägen verbrachten, haben den elterlichen Aufstand gegen das Establishment unterschiedlich verdaut.

Mélanie, Camille Lellouche großartig kämpferisch, starrköpfig, aufsässig, ist Rechtsanwältin, Damien, Leinwandstar Franck Gastambide in einer weiteren Paraderolle, wurde Lehrer. Ein ruhiger Job, in dem er gemächlich-lässig vor sich hin dümpelt, bis die drohende Ausweisung seines Schülers Bahzad – Jessim Kas – die erloschen geglaubte Flamme der Solidarität neu in ihm entfacht. Durch Damiens Schuld wird Mme Kasras und ihres Sohnes illegaler Verbleib im Land offenbar, den negativen Asylbescheid hatten die Behörden rasch zur Hand.

Franck Gastambide, Jessim Kas und Melisa Sözen. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Auch Rudy verschafft einem Kind die Staatsbürgerschaft: Gringe. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Und das Gleiche tut Marco mit einem Lookalike-Kind: Youssef Hajdi. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Steve und Souleman: Rémy Adriaens und Bass Dhem. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

„Er geht in Frankreich zur Schule, also ist er Franzose“, argumentiert Damien, während er der syrischen Kleinfamilie halbherzig Hilfe anbietet. Doch Goldene-Palme-Gewinnerin Melisa Sözen holt ihn als Selma Kasra vom hohen Ross abstrakter Anteilnahme: Wenn er wirklich etwas unternehmen wolle, solle er die Vaterschaft für den Kleinen anerkennen, was diesen zum Staatsbürger mache und der Mutter eine Aufenthaltsbewilligung verschaffe. Sözen spielt die Selma mit einem Mut der Verzweiflung, der nicht nur Damiens Herz rührt.

Entgegen der Warnung des von Grandseigneur Patrick Chesnais dargestellten Vigo, „Beim Helfen darf man nicht naiv sein!“, erklärt sich Damien zu diesem Schritt bereit. Doch Selmas günstiges Schicksal bleibt in der Communauté nicht unbemerkt, bald stehen Migrantenmütter zu Dutzenden vor Damiens Haustür, sein Wohn- wird zum Wartezimmer, bis ihm, unterstützt von seinem besten Freund Rudy, nichts anderes bleibt, als weitere potenzielle „Väter“ zu rekrutieren – ein Schwindel, für den man sich als karitativer Verein ausgibt.

Franck Gastambide als softer Macho Damien, einer, der redet und redet, wenn er nervös ist, und er ist oft nervös, Gringe als Rudy, Youssef Hajdi als ein ausschließlich Lookalike-Kind suchender Marco, Rémy Adriaens als schmalbrüstiger Steve und Bass Dhem als Schulwart Souleman sind alles andere als eine Superman-Truppe, aber supersympathisch. In ihr Zusammenspiel packt Xavier de Choudens Europas brandaktuelles Thema: den Umgang mit den sogenannten „Fremden“ und deren dadurch motiviertes Zugehörigkeitsgefühl zur neuen Heimat.

Immer mehr Mütter kommen zu Damien: Franck Gastambide. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Damiens Vater ist entsetzt: Patrick Chesnais als Vigo Mallet. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Auch Mélanie hilft erst nur widerwillig: Camille Lellouche und Franck Gastambide. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Doch bald vertritt sie die Väter vor Gericht: Adriaens, Gastambide, Lellouche und Gringe. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Dies in Szenen, wie einem Streit der frischgebackenen „Väter“ auf dem Kinderspielplatz, deren „dein Sohn hat meine Tochter …“ derart eskaliert, dass die Flics anrücken – und die Kinder laufen in Panik, wie sie’s eben von Schlepper zu Lager, von Grenze zu Grenze gewohnt sind, und die Väter verstummen, erstarren vor Scham … Alldieweil ist die Zahl der von Damien anerkannten Sprösslinge auf 17 gestiegen, „Kinder sind wie Tattoos, hast du einmal angefangen, kannst du nicht mehr aufhören“, feixt Rudy, der Väter-Verein ein riesiger, glücklicher Multikulti-Clan, doch Damien hat für Selma starke Gefühle entwickelt.

Eine Liebe, deren Erwiderung sie sich erst nicht eingesteht, ist es vom Miss- zum Vertrauen doch ein weiter Weg. Wie Damien Selma in der Notunterkunft, in der sie und Bahzad schlafen, aufsucht, wie er ihr Leben kennenlernen will und sie ihm von ihren Fluchterfahrungen erzählt, Türkei, Griechenland, Ungarn nein, also Italien, das ist eine, die zu machen sich für manchen lohnte. Wer sich über „Werte“ äußert, darf nicht weglassen, dass deren Trägersäule ein von den Menschenrechten geprägtes humanistisches Weltbild ist.

„Drei Männer und ein Baby“, so entzückend auch immer, war gestern. „Ein Papa für alle“ ist die andere Art der romantischen Komödie, auf Klamauk folgt Krise, denn die Väter fliegen auf, als ein leiblicher beim Amt auftaucht. Selma zieht sich wieder zurück in ihr Schneckenhaus, Bahzad ist in Tränen aufgelöst, die Mütter und Väter wissen nicht ein noch aus. Doch dafür gibt’s Mélanie – und ein Happy End in Form eines Haftaufenthalts.

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2. 1. 2020

Kunsthaus Graz: Bittersüße Transformation

Mai 25, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Todes-Trieb und die Lust am Leib

Kateřina Vincourová, "From Inside Out", 2006, Courtesy der Künstlerin und Fait Gallery, Bild: Martin Polák

Kateřina Vincourová, „From Inside Out“, 2006, Courtesy der Künstlerin und Fait Gallery, Bild: Martin Polák

Es sieht aus, wie ein gequälter, weil überdehnter Leib und entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als mit Bällen gefüllte Korsagenskulptur. Eine Stehlampe leuchtet aus den Lippen, eine Torsohaut wird zur kaputten Hängematte. Es sind seltsame Objekte, die beim Presserundgang im Kunsthaus Graz zu entdecken sind.

Ab 26. Mai treten in der Ausstellung „Bittersüße Transformation“ drei Bildhauerinnen über Generationen hinweg in einen Dialog über den Körper als Material, die schaffende Hand und das darin eingebrannte historische und gesellschaftliche Erbe. Ausgangspunkt ist das Schaffen der Polin Alina Szapocznikow, die als eine der wegweisenden Bildhauerinnen der Nachkriegszeit gilt. Ihre experimentellen Plastiken aus unterschiedlichen Materialien stehen im Dialog mit den Werken einer jüngeren Künstlerinnen-Generation: Die aus Frankreich stammende Camille Henrot – seit der Verleihung des Silbernen Löwen der Biennale von Venedig 2013 einem größeren Publikum bekannt – widmet sich in ihren filmischen und grafischen Arbeiten dem von eifriger Neugier getriebenen Menschen des digitalen Zeitalters. Kateřina Vincourová aus Prag wiederum ist bekannt für ihre vom Feminismus inspirierten Arbeiten, die in einer forschenden Auseinandersetzung mit einer kapitalistischen Konsumhaltung entstehen.

Camille Henrot, "Faciathérapie (Mina Hebbaz)", aus: "Sculptures Massées", 2011, Courtesy der Künstlerin und kamel mennour, Pairs, © ADAGP Camille Henrot / Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Fabrice Seixas

Camille Henrot, „Faciathérapie (Mina Hebbaz)“, aus: „Sculptures Massées“, 2011, Courtesy der Künstlerin und kamel mennour, Pairs, © ADAGP Camille Henrot / Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Fabrice Seixas

Alina Szapocznikow, "Lampe-bouche" [Illuminated Lips], 1966, Privatsammlung Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow / Piotr Stanisławski / Galerie Loevenbruck, Paris, © Bildrecht, Wien, 2016, Bild: Fabrice Gousset

Alina Szapocznikow, „Lampe-bouche“ [Illuminated Lips], 1966, Privatsammlung Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow / Piotr Stanisławski / Galerie Loevenbruck, Paris, © Bildrecht, Wien, 2016, Bild: Fabrice Gousset

Allen Arbeiten gemeinsam ist eine seltsame Erotik, sie wirken auf den Betrachter, als wäre der Todes-Trieb der Höhepunkt menschlicher Lust. Das verstört und lädt gerade deshalb zum näheren Hinschauen ein. Eine bemerkenswerte Schau. Eine Empfehlung.

www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

Wien, 25. 5. 2016

Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten …

April 23, 2013 in Buch

Ein ganz großes Herz für die ganz besonders Verrückten

Wilson_KDie_gesammelten_Peinlichkeiten_125483Gäbe es einen Preis für den längsten Buchtitel der Welt, der US-Autor Kevin Wilson gehörte zu den sichersten Kandidaten für die Auszeichnung. „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ heißt sein Romandebüt. Und das ist in erster Linie unterhaltsam. Punkt. Absatz. Wer sich von bedeutungsschwangerer europäisch-russisch-chinesischer-Nahost … Wir-arbeiten-an-der-Bewältigung-unserer-Geschichte-Literatur – jeder Satz mit Doppelt-, Dreifach- und Hintersinn – erholen will, für den ist Wilson genau richtig. Und zwar ohne, dass er je in die Trivialität abgleiten würde. Das Buch ist einfach amerikanisch. Verrückt. In versuchter  Tradition mit den frühen Matt Ruffs oder Stewart O’Nans. Und: Es verlangt Vertrautheit mit der US-Kunst- und Medienszene, um die zahlreichen Anspielungen zu erfassen. Alle abstrus, exaltiert, klischeehaft und letztlich auf oberflächliche Effekte hingestylt.

Es geht um die Familie Fang – Caleb und Camille, die Performancekünstler/Eltern; Kind A(nnie) und Kind B(uster), beide mittlerweile so eine Art erwachsen und als die Handlung einsetzt, gerade dabei, am Leben zu scheitern. Annie, Schauspielerin und schon einmal Nebenrollen-Oscar-nominiert, flieht vor einer Oben-Ohne-Szene vom Hollywood’schen Filmset – was alles andere als karriereförderlich ist. Buster, ein genial-verkrachter Schriftsteller, der nun für das obskure Herrenmagazin „Potent“ arbeitet, wird bei einer Reportage über aus dem Irak heimgekehrte Soldaten mit einem Erdapfel ins Gesicht getroffen (Pa-Rohr!) und schwer verletzt. Also: Heim zu Mama und Papa. Trotz der Altlasten, die einem wegen der ehemaligen schrillen, peinlichen, marktschreierischen (man war meistens in Shoppingmalls)  „Happenings“ auf die Seele drücken … Die Fangs, eine geschlossene Einheit, eine lebende Kunstgattung, auf dem Pannenstreifen neben der Normalspur. In Einschüben berichtet Wilson von diesen traumatisierenden Erfahrungen: „Schall und Wahn“, 1985. Da mussten A + B vor einem Einkaufszentrum schmerzhaft falsch singen, um Geld für die Heilung ihres todgeweihten Hundes zu sammeln. Bis Daddy sich „entrüstet“ dazwischen warf und die unmusikalischen Kinder zur Räson brachte. Resultat: Für Caleb ein blaues Auge, für die Kunst einen Artikel in der New York Times. Motto: Provoziere lauthals Gesellschaft und Staat und finde lukrative Anerkennung in der Szene! Selbst einander mit Schusswaffen zu verletzen, muss da drin sein („Sniper“, 1975). Natürlich samt notariell beglaubigter Erklärung, dass da ein Event stattfand. Es soll ja niemand hinter Gitter.

Zwischen Alkohol und Schmerztabletten versuchen Annie und Buster, sich daheim wieder einzurichten. Ihre Erzeuger: im Glück. Endlich können die vier Fangs wieder loslegen. Doch der letzte Auftritt bleibt ohne Wirkung. „Die Leute sind heute sogar zu blöde und abgestumpft, um sich provozieren zu lassen“, konstatiert Caleb. Und verschwindet samt Camille. Die Polizei findet literweise Blut und glaubt an Raubmord, die Kinder an eine weitere radikale Aktion. Müssen Künstler sich nicht kompromisslos neu erfinden, wenn das Alte nicht mehr greift? Wilsons Fantasie kennt keine Grenzen, wenn er sich über die Flower-Power-Generation lustig macht und kräftig-satirisch gegen jene anschreibt, die dem anarchischen Kunstbegriff der Siebziger Jahre nachhängen. Terry Fox, Robin van Arsdol, Henry Flynt … Dennoch hat er ein großes Herz für seine Freakshow; dieser Autor liebt seine Wahnsinnigen, er distanziert sich nicht von ihnen. Albernheit darf ja auch einmal Selbstzweck sein, oder?

Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung. Verlag Luchterhand. 380 Seiten.

Zur Person: Kevin Wilson begann mit dem Schreiben, weil er einsam war und glaubte, sobald er gute Geschichten schrieb, würde er unwiderstehlich werden. Heute lebt er mit seiner Frau Leigh Anne Couch und ihrem gemeinsamen Sohn Griff in Tennessee, wo Wilson geboren und aufgewachsen ist. Er unterrichtet Kreatives Schreiben an der University of the South. Seine Erzählungen wie sein Roman „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ wurden von Kritikern wie Lesern begeistert aufgenommen. Wenn Kevin Wilson seine Frau heute fragt, ob es an seinen Erzählungen lag, dass sie ihn küssen wollte, antwortet sie, sie seien vielleicht der zweite oder dritte Grund gewesen. Er ist mit dieser Antwort mehr als zufrieden.

www.randomhouse.de/luchterhand

Von Michaela Mottinger

Wien, 23. 4. 2013