Theater Drachengasse streamt: (R)Evolution

März 13, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Groteske auf den Optimierungswahn

Alecto stachelt die Haushaltsgeräte zum Aufstand gegen den Hausherrn an: Sebastian Wendelin und Zeynep Buyraç. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Alecto, die niemals Rastende, das ist in der griechischen und römischen Mythologie eine der drei Erinnyen, zuständig für Verfluchung, familiäre Vergehen, Wahnsinn. Googelt man Alecto allerdings, ist als Nummer eins ein niederländischer Babyartikelhersteller gelistet – und beides passt zu Yael Ronens und Dimitrij Schaads Text „(R)Evolution – eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert“ wie der Faust aufs Gretchen. Gestern hatte das von den „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ des

israelischen Historikers Yuval Noah Harari inspirierte Stück seine österreichische Erstaufführung als Live-Stream aus dem Theater Drachengasse. Nach der Online-Premiere der Inszenierung von Sandra Schüddekopf, Video von Nela-Valentina Pichl, gibt es bereits heute um 20 Uhr den nächsten Streaming-Termin auf www.drachengasse.at. Gewitzt und gruselig verhandeln Ronen und Schaad den menschlichen Imperfekt und wie er von Informationstechnologie überrollt wird, alldieweil er via Biotech doch gepimpt werden könnte.

Es ist das Jahr 2040 und die globale Erwärmung hat die Welt fest im Griff. Elf Millionen niederländischer Klimaflüchtlinge irren, da Holland vom letzten schmelzenden Gletscher als erstes geflutet, durch Europa. Ihnen hinterher Arbeitslose, die ihre Jobs an Algorithmen verloren haben. In schierer Verzweiflung ist aus „Fridays for Future“ eine Terrorbewegung geworden, eine Widerstandsgruppe gegen den Hightech-Theismus, die sich „Die Naturalisten“ nennt und Cyber Attacken gegen Flughäfen und andere Brutstätten von Klimasündern reitet. Der jüngste Selbstmordattentäter war Waldorf-Schüler.

In diese Gegenwart hinein kann man kein auf normalem Weg gezeugtes Kind gebären, ist Lana Fuchs überzeugt, und so schleppt sie Ehemann René zu Dr. Stefan Frank, der Arzt, dem die Frauen vertrauen, wer die TV-Serienschmonzette noch kennt, um sich einen Sohn auf dem gentechnischen Reißbrett entwerfen zu lassen. Dieser wäre dann konkurrenzfähig, sozialversicherungstauglich, immun gegen drei auszuwählende Krebsarten und resistent gegen Klimakatastrophen.

Wie’s im Gegensatz dazu um den Nachwuchs per Sex steht, sieht Lana am erschreckenden Exempel ihrer Tochter Nina: „Sie hat jetzt schon ein Problem in der Ballettgruppe, weil sie ihr Bein nicht hinters Ohr kriegt.“ Die grandiose Schauspielerin Zeynep Buyraç platziert Sätze wie diesen mit einer aufgeregt-ängstlichen Zukunftsgläubigkeit, dass einem vorm Bildschirm lautes Lachen wie leises Schaudern überkommt.

Skeptiker René und die tech-gehorsame Lana: Sebastian Wendelin und Zeynep Buyraç. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Lass‘ mich dein Implantat sein, Baby! Alecto materialisiert sich: Maddalena Hirschal. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Turnen mit graphischem Alter Ego: Maddalena Hirschal macht Yoga-Übungen. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Stefan und Ehemann Ricky fehlt’s an echtem Sex: Johannes Schüchner und Felix Rank. Bild: © Nela-Valentina Pichl

René hingegen hat keine Lust auf ein Designerbaby, und Sebastian Wendelin gestaltet ihn so schlurfig, aufsässig und system-nonkonform, als wären die Millennials die neuen 68er. Als Zeichen der Schande muss der defizitäre Gatte ein gelbes Armband tragen, hat er sich doch geweigert sich einen Chip implantieren zu lassen, das seinen mangelhaften Gesundheitszustand dokumentiert. Dieser wird vom mit Mutters Stimme sprechenden Kühlschrank überwacht – und Sebastian Wendelins Sternstunde schlägt in der Szene, in der sich alle kalorienzählenden Küchengeräte gegen ihn verschworen haben, der Toaster nicht toastet, der Mixer nicht mixt, und das Bett gemeinsam mit dem Fernsehapparat zwecks ruhigeren Schlafs ein abendliches Krimi-Verbot ausspricht.

All dies freilich eine Intrige von Alecto, dieser eine nur vorgeblich serviceorientierte, omnipräsente, allwissende Allmacht, der das Komplott angestiftet hat. Doch noch sind Lana und René bei Dr. Stefan Frank, ein aalglatter Rekommandeur seiner Kunst, Johannes Schüchner, der Arzt als Typ Autoverkäufer, der statt vom bestellten Basispaket vom besseren ist gleich teureren Survivorpaket schwadroniert, mit dem der Super-Spross sogar energieeffizient wäre. Im Hintergrund auf „Handle with Care“-Plastikplanen, Sci-Fi-Bühne vs. altvaterische Kostüme von Martina Mahlknecht, läuft nonstop die Matrix, die Darstellerinnen und Darsteller und ihre Augmented Reality.

Zusammen mal wie der vitruvianische Mensch, dessen virtueller Teil sich bald wie ein böser Schatten selbstständig macht, mal wird für Dr. Frank Michelangelos „Erschaffung Adams“ imitiert, mal beißt eine graphische Close-Up-Lana ins Sandwich, obwohl René hungern muss. Fantastische Bilder sind das, ein Tron-Theater, das Überflutung, Überforderung, Überinformation ist auch keine Information, deutlich macht. Dies alles offenbar dirigiert von Alecto, der je nach Nutzer mit Frauenstimme säuselt oder mit Männerstimme hämisch lacht.

Felix Rank, Maddalena Hirschal, Sebastian Wendelin und Johannes Schüchner. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Selbst Arzt Stefan lässt sich von ihr infantilisieren, sich alle Entscheidungen abnehmen und seine Emotionen analysieren, während Lana und René ihm Big-Brother-artigen Gehorsam schulden. Allüberall stehen Identitäts- und Kontrollverlust auf Alarmstufe rot. Ins Spiel kommt hier Renés Ex, Maddalena Hirschal als Tatjana, der Alecto schon ein Naturalisten-Sympathisantentum unterstellt, als sie’s erst träumt – „Da fängt Terrorismus an: im Unterbewusstsein!“ -, und sich behufs einer Verhör-Imagination als good Cop, bad Cop materialisiert. Als Alecto Tatjana zusätzlich mit sinnlicher „Lass mich dir nahe sein!“-Stimme

eine Verschmelzung mittels Implantat vorschlägt, ist klar: Genisys ist Skynet. Bleibt als letzter im Bunde und in einer der pointiertesten Szenen des Abends Stefans Ehemann Ricky, Felix Rank, Ricky, der Cybersex dem körperlich längst vorzieht, und sich schließlich als trans outet – nein, nicht falscher Körper, sondern gar keiner, trans als transhuman, und der sich die Cloud als Wolke sieben vorstellt. „Liebt Stefan mich?“, fragt er Alecto. Antwort: „Bitte präzisiere die Frage.“

„(R)Evolution“ ist eine bissige Farce, eine großartige Groteske auf Optimierungswahn und den von den Sozial Media befeuerten Perfektionsfanatismus. Ronen und Schaad deklinieren alle Stufen der psychischen Abhängigkeit bis zur Selbstaufgabe an die neuen Technologien durch – in Zeiten, da „nur“ natürlich zu sein ein Makel ist, aber authentisch rüberzukommen das höchste Gut. Realiter landen GPS-Fehlgeleitete zwar noch im nächsten Sumpf und warnen Smartphones nicht vor Verkehrsunfällen, doch in ihrer Tech-Theokratie, McKinsey listet derzeit gleich den Aposteln zwölf zukunftsbestimmende Technologie-Trends, entwerfen die Autorin und der Autor ein Szenario, in dem die Artificial Intelligenz die menschliche überflügelt.

Im Vergleich mit den selbstlernenden KI-Systemen muss sich die Krone der Schöpfung hintanstellen – und mutmaßlich kostet das, was in Wien über die Bildschirme flimmert, den Kreateuren im Uncanny Valley angesichts von Transferred Consciousness in der Terasem Movement Foundation oder bei Humanity+ nur ein müdes Lächeln. An dieser Stelle bricht die Handlung so unvermutet ab, als wär’s ein Filmriss. Das ist schade und nicht zu verstehen, da Regie und Ensemble bis dahin fantasievoll und fabelhaft komödiantisch unterwegs waren.

Keine Künstliche Intelligenz der Welt könnte ein solch schelmisches Augenzwinkern auf die großen Fragen des Menschseins (re)produzieren!, nun bleiben die Schicksale in der Luft hängen, wie ein Laptop, der sich „aufgehängt“ hat. Es erscheint Zeynep Buyraç als hauptplatinene Datafrau, als Mother Board und verkündet dem Homo sapiens, er werde sich als Homo deus unsterblich machen. Die „(R)Evolution“ wird ihn die Barrikaden verborgenen Wissens stürmen lassen, ah, wie schön ist’s Gott zu spielen. Kein Grund für Dystopien also! Oder?

Weitere Streaming-Termine: 13., 18., 26. und 27. März um 20 Uhr. Tickets um 10 €: www.eventbrite.at/o/theater-drachengasse-31844603687           www.drachengasse.at

  1. 3. 2021

Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 6. 2018

Werk X: Onkel Toms Hütte

April 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von wegen Ende der Sklaverei

Die Sklaventreiber und die Safaritouristen: Zeynep Buyraç, Sören Kneidl, Wojo van Brouwer und Tom Feichtinger. Bild: © Sandra Keplinger

Die Überforderung ist Programm. Zu groß die Schweinerei, um sie allumfassend darzustellen, zu unglaublich, was Menschen Menschen antun, um zu glauben, man könne begreifen. Ergo, möchte man meinen, lässt Harald Posch Teile seiner Auseinandersetzung mit den Themen Sklaverei und Ausbeutung in Schnellsprech und Staubsaugerlärm untergehen. Das ist schade, weil man durchs Getöse ahnt, dass da auf der Spielfläche Wichtiges verhandelt wird.

Doch es geht Posch ums Globale. In jeder Hinsicht. Kein T-Shirt-Kauf, mit dem man sich nicht mitschuldig macht, kaum ein Supermarktartikel, der einen nicht als Mittäter am System ausweist. Etwa 30 Millionen Menschen weltweit fristen im Jahr 2018 ein Leben als Sklavinnen und Sklaven in moderner Schuldknechtschaft. Etwa 200 Millionen Menschen sollen akut von Sklaverei-ähnlichen Ausbeutungsverhältnissen bedroht sein. So zitiert der Programmzettel den US-Soziologen Kevin Bales. Hier setzt Posch an. Auf der Folie von Harriet Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ gestaltet er seinen Abend über Unterjochung, Rassismus und die Position derer, die sich bis heute als „Herrenmenschen“ verstehen.

Dabei wird sowohl agiert als auch agitiert. Wenige Spielszenen wechseln mit aufklärerisch Aufgesagtem, Episoden aus dem Roman werden erzählt. Nur eingangs dürfen Sören Kneidl und Wojo van Brouwer als Shelby und Slavenhändler Onkel Toms ersten Verkauf szenisch gestalten. Was danach geschieht – St. Claire, Legree – erahnt man mehr, als man es versteht. Parallel kommen kurz Eliza und Sohn Harry vor, Onkel Toms Ende wird nur noch mit drei auf Pappkartons geschriebenen Sätzen verkündet. In Lincoln-Land wird das Werk mittlerweile kontrovers rezipiert. Black Power passt nicht zu Onkel Tom.

Alltagsrassismen allüberall: Katharina Knap meets Walt Disney. Bild: © Sandra Keplinger

Nach dem Blackfacing wieder „weißgewaschen“: Zeynep Buyraç und Tom Feichtinger. Bild: © Marko Lipuš

Posch weiß auch darauf hinzuweisen. Einem Blackfacing stellt er ein „Whitefacing“ gegenüber, das geschwärzte Gesicht wird geschockt schnell wieder „weißgewaschen“. Dann wiederum diskutieren Zeynep Buyraç und Katharina Knap die Tatsache, dass kein Schwarzer an der Aufführung teilnimmt. „Was sollte der spielen? Einen Sklaven?“ In solchen und anderen Momenten kippt die Inszenierung vom Irritierenden ins Ironische. Harald Posch hat ein Händchen für derlei Wechselbäder.

Während Tom Feichtinger den xenophoben österreichischen Sextouristen gibt, schildert Knap das Schicksal einer Sexsklavin in Österreich. Es geht um Lohnsklaven für Billigtextilien in Bangladesch oder Arbeitssklaven in brasilianischen Ziegeleien, Safarijäger und Schlepper, und wie die unappetitlichen Angelegenheiten seit 1852 aus dem unmittelbaren Blickfeld in die sogenannte „Dritte Welt“ verschoben wurden. Ein Zebra wird ausgeweidet, Tarzan, Baströckchen und Banane berichten vom Outsourcing einer Wegwerfgesellschaft, in der auch der Mensch rasch Müll wird.

In einer der bestechendsten Szenen singen die Schauspieler ernsthaft naiv 50 Cents „Candy Shop“ in deutscher Übersetzung. Ein weiteres Bild, eine weitere Bespiegelung. „Onkel Toms Hütte“ im Werk X ist voll davon. Mehr als man auf einmal fassen kann. Nicht immer kennt man sich aus, nicht jeder gezogene Schluss erschließt sich einem. Manchmal wünscht man, man könnte ein Stück zurückspulen und noch einmal hören und sehen. Nachzudenken gibt es jedenfalls eine Menge.

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Zweisprachige Hörbücher: Mercedes Echerer lädt zur „Kopfreise nach … Istanbul“

Mai 2, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Fest für die Vielfalt im Theater am Spittelberg

Bild: Mercedes Echerer

Bild: Mercedes Echerer

Bild: Fuat Saka

Fuat Saka kommt nach Wien. Bild: Mercedes Echerer

Mercedes Echerer und ihr Kulturverein „Die 2“ haben ein neues Projekt begonnen, eine zweisprachige Hörbuchedition, die Texte mit Musik verbindet. Die erste Ausgabe führt in die Metropole Istanbul und ist eine Einladung einander auf lustvolle Weise kennenzulernen. „Durch das Lesen – noch – unbekannter Geschichten und dem Lauschen – noch – fremder Sprachen werden wir sensibilisiert für die Kultur der anderen“, sagt Echerer.

„Diese Gedanken wurden quasi ,über Nacht‘ ein Projekt: Wir entschieden uns für Istanbul, die wohl aufregendste Brücke in den Orient als ersten Titel, suchten Literatur im Original und ihre Übersetzungen, oder ließen übersetzen und mit der deutschsprachigen Version produzierten wir auch eine türkische. Beide Sprachversionen wurden eingelesen von ,Natives‘, und schlussendlich bereicherten wir das Hörbuch mit Musik aus der Metropole die zwei Kontinente miteinander verbindet.“ So entstand „Kopfreisen nach … Istanbul“.

Mit Texten von Cem Akaş, Esmahan Aykol, Nursel Duruel, Nazlı Eray, Barbara Frischmuth, Nâzım Hikmet, Orhan Veli Kanık, Orhan Pamuk, Franz Werfel, Mehdi Zana und Feridun Zaimoğlu. Gelesen von Okuyan Alev Irmak, Berk Kristal, Okan Cömert und Zeynep Buyraç. Begleitet mit Musik von Fazıl Say, Fatima Spar & The Freedom Fries.

TIPP: Live gibt es das alles als Konzert zu hören. Am 11. Mai im Theater am Spittelberg. Es spielt der großartige lasisch-türkische „Jazzer“ Fuat Saka, der in Europa bereits ein Star, in Österreich noch immer ein Geheimtipp ist, und der auf seiner aktuellen Tour durch Deutschland und die Schweiz einen Abstecher nach Wien macht. Es sprechen Schauspielerin Zeynep Buyrac, bekannt aus „Gegen die Wand“ im Werk X (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=283) und Mercedes Echerer.

Karten: ticket@die2-online.com

www.die2-online.com

Wien, 2. 5. 2016

Theater Scala: Picknick an der Front

Februar 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hurrapatrioten und andere Idioten

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Die grellsten Erfindungen sind Zitate. Karl Kraus

Dieser Ausspruch des Fackelträgers ist gleichsam das Motto unter das Bruno Max und sein Theater zum Fürchten ihre jüngste Arbeit in der Scala stellen. Wieder ist es eine Dinnertheaterproduktion, die siebente, und nachdem im Vorjahr „Im Schatten der Guillotine“  www.mottingers-meinung.at/scala-ein-dinner-im-schatten-der-guillotine gespeist wurde, lädt der Theatermacher diesmal zum „Picknick an der Front“. Der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wird mit einer Landpartie ins Niemandsland begangen. Auf einer Decke im Rindenmulch und mit einem mit Wein, Obst, Guglhupf und (auch britischen Gurken-)Sandwiches gut gefüllten Picknickkorb sitzt man zwischen Schützengräben und Feldlazarett, zwischen Kriegsversehrten, einem Drehorgelspieler, Krankenschwestern, zwischen Karussell und Kasperltheater. Dessen Attraktion, der Wurschtl, der englische Mr. Punch, der französische Guignol, wird Max, wie es sich für einen echten Narren gehört, als Stimme der Vernunft dienen. Ein Rufer in der Wüste, der ob des Wahnsinns der jeweiligen Befehlshaber kopfschüttelnd resignieren muss.

Bruno Max begegnet den Schrecken des Krieges durchaus mit Humor. Ironie ist, wenn man trotzdem lacht. Und weil nichts entlarvender ist als Zitate besteht seine Textcollage ausschließlich aus solchen. Eine bemerkenswerte Leistung all diese Originalquellen, von Feldpostbriefen und Soldatenliedern bis hin zu Formulierungen literarischer Zeitzeugen, zu einem zusammenhängenden „Stück“ geformt zu haben. Da gibt es Skurriles, wie das Rezitieren eines Inserats für „Diana Kriegsschokolade“, das Nachstellen der Schallplattenaufnahme „Hörbild: Im Feldlazarett“, ein Lustiges Kriegsbilderbuch, in dem die bösen Nachbarsbuben von Franz und Michl verdroschen werden, das Maturathema „Welcher unserer Feinde scheint mir der hassenswerteste?“. Unglaublich, was Max alles ausgegraben und zusammengetragen hat. Da gibt es Berührendes, wie Joan Littlewoods „Weihnachten an der Front“ und die Rede der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst „Women against War“. Und natürlich die Briefe der österreichischen, deutschen, britischen und französischen Soldaten. Einige der englischen Briefe wurden erst 2006 vom britischen Justizministerium den Nachfahren ihrer Empfänger zugestellt. Sie waren von der Zensur neunzig Jahre zuvor als „zu explizit“ beschlagnahmt worden und fast ein Jahrhundert in einem Archiv verstaubt. Da gibt es Hetzerisches von den kriegsverliebten Rudyard Kipling, der der Verteidigung des Empire gegen „die Hunnen“ seinen Sohn opferte, und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Eine unrühmliche Liste großer Literaten, in die sich Emile Zola mit „Weh dir Germania“ und Rilke mit einer Ode an den Kriegsgott einreihen. Gut, dass Erich Kästner mitten im Pauschalhass die Friedensflagge hochhält. Und Karl Kraus. Und Bert Brecht. Und Jaroslav Hašeks Schwejk.

Max lässt zu all dem eine Diaschau – Plakate, Fotografien, Karikaturen – ablaufen, erspart einem aber die ärgsten Gräuelszenen. Die macht ohnedies sein hervorragendes Ensemble Roman Binder, RRemi Brandner, Zeynep Buyrac, Irene Halenka, Markus Hamele , Reinhold Kammerer, Christina Saginth, Leopold Selinger, Jörg Stelling und Patrick Weber im „Bühnenraum“ von Marcus Ganser anschaulich. In jeweils unzähligen Rollen spielen sie die Hurrapatrioten und anderen Idioten, die Parolennachplapperer, die Mütter, die wieder einmal die Gebenden sind, diesmal ihre Söhne nicht ins Leben bringen, sondern in den Tod schicken, die Feldkuraten, die österreichische G’mütlichkeit, die schneidigen Offiziere, denen auch noch der Schneid abgekauft werden wird, den preußischen Drill, die britisch-französische Überheblichkeit. Denn auf diesem Feld, auf dem die Ehre nie zu finden war, gibt es keine Sieger. Nur Menschlein inmitten der Unmenschlichkeit. Angst, Verzweiflung und Leid im Granatenhagel, wegen des nächsten Giftgasangriffs. Der Guglhupf steckt einem da längst in der Gurgel. Die Stimmung kippt. Mit „fliehenden“ Fahnen sind die Soldaten nun unterwegs. Werden verwundet, verrecken im Rindenmulch vor den Füßen des Publikums. Die Darsteller machen Geschichte nicht nur begreiflich, sondern greifbar. Sie spielen sich die Seele aus dem Leib. Schweben schließlich als Tote über ihren Gräbern.

Auch die Lieder, gespielt vom k.k. Prothesenorchester, ändern sich in der Tonart. Hieß es eben noch „Oh It’s A Lovely War“ und „Nach Paris“, freuten sich die USA auf „Over There“, klagt man nun „Bombed Last Night“ oder spöttelt „Ja wo steckt denn der Herr General?“. Das „Chanson de Craonne“, das traurige französische Soldatenlied, war in Frankreich bis 1974 staatlich verboten, da es „die Französische Armee herabsetzt und das Andenken der Veteranen beschmutzt“. Einer der schönsten Momente des Abends ist die Parodie „When this Lousy War is Over“, die in den Sprachen aller Beteiligten gespielt und gesungen wird. Wenn dieser beschissene Krieg vorbei ist … da gab’s noch was. Einen kleinen, verwundeten Soldaten, der die fehlende Moral der Deutschen bemängelt, als ihm der Augenverband abgenommen wird, seinen Schnauzer zum Bärtchen stutzt, die Blindenbinde gegen die mit Hakenkreuz tauscht. Adolf Hitler. „Ich aber beschloss, Politiker zu werden“. Dies wohl die Botschaft von Bruno Max‘ unvergesslichem Abend: Niemals vergessen. „Picknick an der Front“ ist die gespielte Kriegsverweigerung, saftiger als trockene Sachliteratur, anschaulicher als manche Ausstellung, ideenreicher als das x-te Widerkäuen der „Letzten Tage …“ Bravo.

Das letzte Wort hat der später im KZ Oranienburg ermordete Erich Mühsam:

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 16. 2. 2014