Das Burgtheater auf ORF III: Die Bakchen

April 22, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufmarsch von rechts außen

Der Chor der Bakchen marschiert durch Ulrich Rasches Maschinentheater; vorne: Markus Meyer als Chorführer. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Am 23. April zeigt ORF III (leider erst) um 22.50 Uhr im Rahmen der Romy-nominierten Reihe „Wir spielen für Österreich“ Ulrich Rasches Inszenierung von „Die Bakchen“ aus dem Burgtheater. Als Auftakt der Intendanz von Martin Kušej präsentierte sich Euripides‘ Drama mit einem pompösen Bühnenbild aus komplexen Laufbandarchitekturen. Franz Pätzold wurde für seine Rolle als Dionysos 2020 mit dem Nestroy in der Kategorie „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet.

Vom Burgtheater gibt es dazu Probeneinblicke www.youtube.com/watch?v=JH2FE8V23_Y&t=1s, die Special-Edition der Gesprächsreihe aus dem Kulturlockdown, diesmal mit Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche, und die Reportage „Maschinengetrieben“ www.burgtheater.at/maschinengetrieben, bei der der Technische Leiter des Hauses Ernst Meissl das Publikum mitnimmt auf einen Rundgang durch den Burgtheaterbauch und hinter die Kulissen der Maschinen von Ulrich Rasche.

Hier noch einmal die Kritik vom September 2019:

Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Nahe am Abgrund marschieren, nein: eigentlich schleichen, sie im Gleichschritt über sechs den Raum durchmessende Laufbänder, dreieinhalb Stunden in ständiger Bewegung, in angeschrägter Hoch- und Tieflage geht‘s mal steil hinauf, mal abschüssig hinab, doch sind statt des Rhythmus‘ aufstampfender Kampfstiefel im Stakkato hervorgestoßene Sätze zu hören – von Protagonisten wie Chor, schwarzgewandet allesamt. Nicht mehr als Schemen sind sie, im schwefeligen Gegenlicht, im Infight mit der Macht der Maschine, die ganze Aufführung ein körperlicher Akt …

Die Neuerfindung des Burgtheaters hat gestern Abend begonnen. Ulrich Rasche bescherte dem Publikum zum Auftakt der Direktion Martin Kušej eine Inszenierung der Extraklasse. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert der Regisseur und Bühnenbildner mit seinem monumentalen Maschinentheater Triumphe, zelebriert bildgewaltig und textkonzentriert die Sinnlichkeit des Abstrakten, und erzählt des Themas nimmermüde von der Selbstentfremdung des Menschen im Wechselfall von exzessivem Individualismus und gewissenloser Konformität.

In Wien nun ließ Rasche die hypnotische Sogwirkung seiner Arbeiten sich via „Die Bakchen“ entfalten, Euripides‘ letztem Meisterwerk, geschrieben nach 30 Jahren Krieg mit Sparta und kurz vor der Niederlage Athens, uraufgeführt posthum, 405 v. Chr. bei den Tragödienwettbewerben der Polis, und deren Siegerstück. Diverses wurde über das Drama schon gedeutelt, in dem Dionysos in seiner Geburtsstadt Theben einfällt, um sich an deren Bewohnern zu rächen, weil diese die Göttlichkeit des Sohns von Zeus und König Kadmos‘ Tochter Semele nicht anerkennen. Lang stand bei den Theatermacherinnen und -machern der Schutzherr der Ekstase hoch im Kurs, doch scheint’s sind dieser Zeiten die ethischen Anliegen andere.

Rasche hat auf die Ambiguität der verstörenden Vorlage gepfiffen. Er blendet Problematiken, die sich durch die Gegenüberstellung von Ratio und Raserei stellen, blendet die Frage, ob tatsächlich der Rigorose oder der Wilde Despot ist, aus. Seine Sympathien gelten, sein Brennglasblick konsequent auf die Gegenwart gerichtet, eindeutig Thebens Herrscher Pentheus, für Rasche ein Verteidiger demokratischer Errungenschaften, dem zur Verdeutlichung seiner politischen Haltung eine Perikles-Rede und ein Fragment des Kritias in den Mund gelegen wurden, und der den dionysischen Ausschreitungen mit den Mitteln des Rechtsstaats den Garaus machen will. Er ist der Gegenpol zum grausamen, gewalttätigen Gott, der in dieser Aufführung ganz klar Anthroporrhaistes, der Menschenzerschmetterer, und nicht Lysios, der Sorgenbrecher, ist.

Auftritt der famose, mit Gänsehautstimme gesegnete Franz Pätzold als Dionysos, um seine bösen Absichten kundzutun, ein Hass sprühender, manipulativer, wenn man‘s so lesen will: „rechtspopulistischer“ Demagoge, der seine Anhängerschar, die fanatische Armee der Bakchen, Motto: Gehorsam sein anstatt sich eigene Gedanken machen, zu Mord, Totschlag, Gräueltat anführt. Und wie diese ihren totalitären Anspruch auf Land und Leute skandieren: „Wir holen uns unser Land zurück. Diese Stadt gehört uns. Wie haben kein Recht zu scheitern“, später: „Wir werden immer mehr. Unsere Erregung steigert sich zur Raserei!“

Derart bekundet Rasche sein Bestreben das griechische Theater als Vehikel für Äußerungen zur aktuellen Lage der Nation zu nutzen, ohne groß zu verschleiern, auf wen diese abzielen. Euripides wird zur Schablone für Rasches gesellschaftspolitisches Statement. Sein Schattenspiel in Slow Motion begleitet Minimalmusic von Nico van Wersch, dargeboten von einem Streichquintett, Tenor und Bariton und der großartigen Schlagwerkerin Katelyn King, die mit ihrer Batterie an Trommeln und Pauken nicht nur den Rhythmus fürs Geschehen vorgibt, sondern mit ihrem Sound eine archaisch anmutende Atmosphäre schafft.

Ihr Taktschlagen besiegelt sozusagen den Untergang der Zivilisation. Pätzolds charismatischem Dionysos entgegen stellt sich aber Pentheus, dargestellt von Felix Rech, um nichts weniger „lärmend“ als sein Widerpart, ein starker Machthaber, der nicht an einen Führer, sondern an Verfassung und Gesetze, freie Bürger und den Schutz für Unterdrückte glaubt. Wie Raubtiere lässt Rasche Rech und Pätzold nebeneinander her gleiten, ohne, dass sie einander auch nur einmal eines Blickes würdigen. Pentheus lässt den in Menschengestalt erschienenen Gott verhaften, was dem freilich kein Hindernis ist, die Thebanerinnen – und bei Rasche auch – Thebaner in seinen Bann zu ziehen und auf den Berg Kithairon zu locken. Unter den frisch rekrutierten Bakchen ist auch Pentheus‘ Mutter Agaue, Kadmos zweite Tochter, was Dionysos und Pentheus de facto zu Cousins macht.

Franz Pätzold brilliert als wütender Gott Dionysos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Zu spät kommt über Agaue die Erkenntnis: Katja Bürkle. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Martin Schwab als Kadmos, Felix Rech als Pentheus und Hans Dieter Knebel als Teiresias. Bild: A. Pohlmann / Burgtheater

Markus Meyer macht den Chorführer und hat als solcher auch einige Solostellen. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Den gemeinsamen Großvater Kadmos gestaltet der Doyen der Produktion, Martin Schwab, wie einen modernen Altpolitiker. Schwabs Kadmos hat genug Wissen und Erfahrung, um die Vorgänge rund um Dionysos zu durchschauen, doch rät er aus opportunistischen Gründen dazu, sich ihnen nicht entgegenzustellen, sondern sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Er selbst erhofft sich durch die Verwandtschaft zum numinosen Enkel einiges: Ruhm und Ehre für die Sippe. Wie Schwab seinen alten Freund Teiresias, Hans Dieter Knebel als Hüter der Religion, dazu anstiftet, ihm zu zeigen, wie man tanzt, wollen sich die beiden Greise doch mit den Bakchen im Wald vergnügen, wie er einen kleinen Hüftschwung probiert, da menschelt es plötzlich an diesem ansonsten durchchoreografierten Abend.

Dionysos lockt alldieweil Pentheus auf den Berg, vorgeblich, damit er die Bakchen-Briganten in ihrem kollektiven Rausch beobachten kann, doch er wird entdeckt und von der wütenden Meute in Stücke gerissen. Pätzold zitiert darüber im Hacksprech Nietzsches Zarathustra: “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: – ihr – habt – noch – Chaos – in – euch!“ Die Masse hat über die Macht gesiegt. Zum Ende erklärt Kadmos seiner Tochter Agaue in quälerisch langsamer Behutsamkeit, dass der Kopf, den sie in der schwarzblutigen Hand hält, nicht der eines Berglöwen ist.

Sondern der ihres Sohnes, den ihr Toben tötete. Da entfährt Schwab ein so tiefer, grässlicher Klagelaut aus der Brust, dass es einen schaudern macht. Nach der ihren Gipfelpunkt erreicht habenden Gewalt-Orgie ist dies der unerwartete Antiklimax der Aufführung: Katja Bürkle überzeugt als Schmerzensmutter aus eigenem Verschulden, sie ist die gramgebeugte Menschin, die Verliererin im Kräftemessen der Männer, und wie die Bürkle das spielt, von Erstaunen zu Erkenntnis zu Entsetzen, beinhaltet mehr Emotionspsychologie, als die alten Griechen je zugelassen hätten.

Markus Meyer ist ein ausgezeichneter Chorführer, dem ein paar Solostellen überantwortet wurden, der aber auch in der Gruppe dank seiner besonderen Ausstrahlung jederzeit zu erkennen ist. Und während die Figur mit dem absoluten Machtanspruch, Dionysos, weiterzieht und die Zuschauer gleichsam durch die Zeitgeschichte führt, versuchen die Restthebaner, im Bewusstsein, wie steinig dieser Weg sein wird, zu einer geordneten Gesellschaft zurückzukehren. „Die Bakchen“ präsentiert Ulrich Rasche als „Ritualhandlung“, als im Wortsinn „schwarze Messe“. Hervorragend gelungen sind bei dieser Einstiegsproduktion des neuen Burgtheater-Teams außerdem die martialischen, viel Haut zeigenden Kostüme von Sara Schwartz und die – um den Einsatz einer Livekamera erweiterten – Videos von Sophie Lux.

Rasche indes hat es geschafft, bewährte und neue Ensemblemitglieder des Hauses nahtlos zusammenzufügen, alle miteinander Ausnahmeschauspieler, was Präzision und Präsenz betrifft, allesamt imstande gemeinsam mit der Laufbandhydraulik in höhere Sphären abzuheben – und dass Pätzold und Rech einander vom Typ, von der Körpersprache und der Stimmführung her ähnlich sind, ist ein zusätzlich prickelndes Moment. Man darf’s ruhig sagen: Diese „Bakchen“ sind ein Gesamtkunstwerk, anhand dessen Rasche gekonnt den Widerstreit zweier Weltsichten, den Kampf demokratischer vs. antidemokratischer Kräfte durchdekliniert. Auf welcher Seite Kušejs Burgtheater steht, ist logisch, auch, dass das Haus sich in dieser Stadt, in diesem Land politisch einmischen wird. Der Applaus dafür war laut und lang. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=34408

www.burgtheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=amzocdYiAVg           Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=JH2FE8V23_Y&t=1s           www.burgtheater.at/maschinengetrieben

BUCHTIPP:

Raoul Schrott: Euripides. Die großen Stücke. Ein literarischer Brückenschlag von Aktuellem zur Antike, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44896: Mit einem Zitat Apollons beginnt Raoul Schrott seine Übertragung von „Euripides. Die großen Stücke – Alkestis, Bakchen, Elektra, Orestes“, die dieser Tage bei dtv erschienen ist. Euripides‘ Dramen zählen bis heute weltweit zu den vielgespielten, Martin Kušej begann 2019 seine Burgtheater-Direktion mit den „Bakchen“, das TAG zeigte ante Corona eine Version der „Medea“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36752).

Agierend zwischen fundierter Sachkenntnis und poetischer Inspiration findet Schrott die sprachlichen Mittel, diese Modernität herauszustreichen. Wäre seine Arbeit Musik, sie wäre Jazz – die Standards und dazu die Improvisation. Der Text wechselt in Windeseile von Pathos zu Alltagssprache. Apollon empfiehlt Thanatos: „Immer mit der ruhe“, der nennt ihn „einfaltspinsel“, dieser erwidert „prinzipienreiter“ … Eine Leseempfehlung für Liebhaber.

22. 4. 2021

Burgtheater: Online-Premiere mit Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski

April 19, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Video-Essay nach Texten von Jean Paul

Dörte Lyssewski. Bild: © Katarina Šoškić

Am 24. April um 19 Uhr findet via Burgtheater-Website sowie auf dem YouTube-Kanal des Burgtheaters eine besondere Film-Premiere statt: „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“, ein Videoessay mit den Stimmen von Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski, in der Regie von Felix Metzner. Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten des Burgtheaters erhalten eine exklusive Preview dieses Films bereits am 21. April.

Eine Anmeldung zum Newsletter ist bis 15 Uhr am 21. April möglich, um diese Preview zu erhalten. (Anmeldung unter www.burgtheater.at/newsletter-bestellen) Die ursprünglich für diese Saison geplante Inszenierung von David Greigs „Monster“ im Vestibül in der Regie von Felix Metzner, musste Pandemie-bedingt in die nächste Spielzeit verschoben werden. 2020 inszenierte Metzner vier Folgen für die Nestroy-Preis-nominierte Onlinevideo-Reihe „Wiener Stimmung“ des Burgtheaters sowie „Das große Shakespeare-Abenteuer“ am Theater der Jugend.

Zum Stück

Für das Projekt „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“ hat Regisseur und Ur-Ur-Ur-Enkel Jean Pauls, Felix Metzner, Texte aus verschiedenen Werken des Autors in einen neuen Kontext gestellt: Metzner befasst sich so anhand eines exemplarischen Menschenlebens fragmentarisch mit der Entstehung des menschlichen Ichs. Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski verleihen den Texten mit ihren Stimmen eine neue Interpretation und stehen mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten für die unterschiedlichen Facetten des menschlichen Bewusstseins. Für die Gestaltung der visuellen Ebene verwendete der Regisseur private Filmaufnahmen aus seinem Archiv aus über drei Jahrzehnten. In Kombination mit der Sprache Jean Pauls entsteht so eine phantastische und gleichsam psychedelische Reise, die das Publikum von der Erde bis ans Ende des Universums und wieder zurück transportiert.

Branko Samarovski. Bild: © K. Šoškić

Felix Metzner. Bild: © Lukas Gnaiger

Markus Meyer. Bild: © Katarina Šoškić

Zum Autor

Jean Paul gilt als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller, dessen komplexes Werk zwischen Klassik und Romantik anzusiedeln ist. Obwohl er zeitweise in Vergessenheit geriet, waren die Auflagen seiner Werke zu Lebzeiten vergleichbar mit denen seiner Zeitgenossen Goethe und Schiller. Vor allem beim weiblichen Publikum fand seine humorvolle und bildreiche Sprache großen Anklang. Mit seinem verbalen Erfindungsreichtum prägte der Franke die Deutsche Sprache nachhaltig. Worte, wie „Wetterfrosch“, „Schmutzfink“ oder „Weltschmerz“ entstammen seiner Phantasie. Seine „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“ übte zudem großen Einfluss auf die Arbeit von Friedrich Nietzsche und C.G. Jung aus.

www.burgtheater.at

19. 4. 2021

Burgtheater: Des Kaisers neue Kleider / Junge Akademie

Februar 5, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Widersprechen – Regeln brechen

Des Kaisers neue Kleider: Arthur Klemt und Felix Kammerer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Das Burgtheater stellt von 5. bis 7. Februar noch einmal sein Familienstück im kostenlosen Stream zur Verfügung: „Des Kaisers neue Kleider“ frei nach Hans Christian Andersen in der Regie von Rüdiger Pape mit Arthur Klemt als Kaiser, Felix Kammerer als Lakai, Hanna Binder und Stefan Wieland als Ministerin für Reichtum und Geld und Minister für Ruhe und Ordnung, Lukas Haas und Annina Hunziker als Paul und Marie.

Der Stream ist über die Website des Burgtheaters oder den YouTube-Kanal abrufbar, es ist keine separate Anmeldung erforderlich. Für Menschen ab sechs Jahren.

Inhalt: Der Kaiser interessiert sich für Mode, Stoffe und Kleider. Er hat alles und von allem zu viel. Das Volk hat nichts und davon noch weniger. Misswirtschaft der Minister, Verschwendung der Ressourcen und kein transparentes und demokratisches politisches System schaffen Not und Missstände. Not macht erfinderisch. Marie und Paul haben einen genialen Einfall.

Mit diesem und ihrem Mut und mit Hilfe des Lakaien bringen sie das ganze System zu Fall. Am Ende wird der Kaiser nach Strich und dem sprichwörtlichen Faden hinters Licht geführt.

Das berühmte Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen ist eine allgemeingültige Geschichte über die Angst, nicht genug zu sein und nicht genug zu haben und darüber, wie viel der Einzelne mit Mut und Humor erreichen kann. Rüdiger Papes Kinder- und Jugendtheater-Inszenierungen werden regelmäßig von Festivals im In- und Ausland eingeladen und ausgezeichnet, das Familienstück der Saison 2020/21 ist seine erste Inszenierung für das Burgtheater.

Arthur Klemt, Hanna Binder, hi.: Stefan Wieland, Felix Kammerer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Stefan Wieland, Arthur Klemt und Hanna Binder. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Die Abschlusspräsentation der Jungen Akademie im Stream

Am 6. Februar um 19 Uhr hat die digitale Präsentation der Jungen Akademie und ihrer insgesamt fünf Projekte Premiere – als Film, als Stream, als Hörspiel – moderiert von den Burgtheater-Ensemblemitgliedern Lilith Häßle und Felix Kammerer. Der Stream ist im Anschluss an die Premiere noch 72 Stunden auf der Burgtheater-Website und via Burgtheater-YouTube-Kanal abrufbar. Während der Premiere kann live via YouTube diskutiert und kommentiert werden, im Anschluss an die Premiere findet ein Publikumsgespräch via Zoom statt. Die Teilnahme an der Premiere ist kostenfrei – wer „nur zuschauen“ möchte, kann dies via Burgtheater-Website oder YouTube-Kanal des Burgtheaters tun, wer live während der Präsentation kommentieren möchte, benötigt dafür einen YouTube-Account.

Die Junge Akademie lädt die Menschen der Stadt ein, Akteurinnen und Akteure auf ihren Bühnen, in ihren Bezirken zu werden. In Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern des Burgtheaters, in Kooperation mit sozialen und kulturellen Einrichtungen der Stadt, arbeiten verschiedene Gruppen zum Thema Macht & Körper. Eigene Geschichten sollen auf die Bühne gebracht werden. Die Projekte sind so unterschiedlich, wie die Bezirke in denen geprobt wurde. In „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“, in Kooperation mit dem Gleis 21, hat Theaterpädagogin Katrin Artl den Teilnehmerinnen die Frage gestellt: Wer bestimmt, wie Frauen sein sollen? Das Projekt richtete sich an Mädchen und Frauen ab 14. Was macht mich zur Frau, wer prägt mich und meine Kultur, meine Religion, meine Familie, meine Freundinnen? Wer möchte ich gerne sein? Was bedeutet es überhaupt Frau zu sein? Wie steht es mit Solidarität und wie entsteht Konkurrenz?

Burgtheaterstudio. Bild: © Daniela Trost

Junge Akademie: Regeln ändern. Bild: © Burgtheaterstudio

„Es war einmal …“ – in Zusammenarbeit mit dem Verein JUHU! haben junge Menschen unterschiedlicher Herkunft mit der Schauspielerin Monika Haberfellner und der Journalistin Katrin Wimmer an einem Hörspiel und kurzen Videosequenzen zum Thema Märchen gearbeitet. Das Projekt „Wer darf Widerspruch“ in Kooperation mit der Brunnenpassage und der Kunsthalle Wien setzte sich filmisch und performativ mit Mechanismen von Macht und Ohnmacht auseinander, unausgesprochene Regeln der gesellschaftlichen Ordnung in Österreich wurden dabei unter die Lupe genommen. Wie ist es möglich über Rassismen, Sexismen, Diskriminierungen zu sprechen? Was braucht es dazu? Und vor allem – Wer darf es? Und auch wann? Wer darf Widerspruch. Geleitet wurde das Projekt von der Theater- und Filmregisseurin Nina Kusturica.

Das vierte Projekt ist ein Chor-Projekt in einer digital-tauglichen Adaption, umgesetzt von der Theaterpädagogin Raphaela van Bommel. In „Regeln ändern“ wurde mit Elementen und Texten aus dem aktuellen Spielplan des Burgtheaters gearbeitet. Das Tanz-Projekt „Über die Grenzen in die Freiheit“ beschäftigte sich mit dem Thema Selbstständigkeit, Freiheit und Grenzen. Werden Grenzen durch Worte festgelegt? Welche Grenzen braucht die Freiheit? Im Rahmen der Jungen Akademie am Burgtheater wurde das Tanz-Projekt an mehreren aufeinanderfolgenden Workshop-Tagen mit der Choreografin Daniela Mühlbauer erarbeitet.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/user/BurgtheaterWien

5. 2. 2021

Burgtheater online live: Die Maschine in mir (Version 1.0)

Januar 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Glück wird’s nicht Maertens Last Tape gewesen sein

Michael Maertens als Mark O’Connell mit Tim Cannons Unterarm-Implantat. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Wie man sich online und dennoch live ein Theater machen kann, haben bis dato Nesterval mit ihren Kreisky-Performances (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=42764, www.mottingers-meinung.at/?p=39561) deutlich gemacht. Nun ist das Burgtheater dran, das im Kasino Michael Maertens auf die Bretter schickt, mit der Produktion „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ des britisch-irischen Regie-Duos Dead Centre aka Ben Kidd und Bush Moukarzel.

Das mit dem „Auf die Bretter Schicken“ ist durchaus ein Bonmot betreffs des gezeigten Projekts. Auf niemand Geringeren als Shakespeare berufen sich Dead Centre im Gespräch, der Dänenprinz II.2: „Thine evermore most dear lady, whilst / this machine is to him, Hamlet“, ein Brief an Ophelia, eine Metapher des Menschen/-herz als Maschine.

Die sich Heiner Müller für sein Intellektstück zu eigen gemacht hat, und darum geht‘s auch hier: Intellekt vs Intelligenz vs Künstliche Intelligenz. Michael Maertens, nein, er tritt nicht auf, er erscheint auf dem Bildschirm. Ein „Hallo! Schön, dass sie da sind“ ans Publikum, ein „Es ist alles andere als ideal, wie wir uns hier begegnen“. Und ab geht es in die Untiefen des Live-Streamings, dieser Light-Variante des interaktiven Theaters, war doch die/der angemeldete Zuschauerin/Zuschauer vorab veranlasst, drei kurze Videos von sich aufzunehmen, drei Mal 30 Sekunden so tun als ob, dies der Inbegriff des Theaters, nun sieht man sich als eines der Gesichter auf einem der 100 iPads, mit denen Maertens „interagiert“.

Letzte Reihe? Frechheit! Da kann sich das Pressebüro warm anziehen! Ach was, es ist ja einerlei, vorm heimischen Bildschirm sitzt man sowieso erste Reihe fußfrei … Was die kommenden 50 Minuten leider nicht verhandelt, da kann einem der Maertens noch so treuherzig-tief in die Augen schauen, sondern lediglich zu diesem vorgetragen wird, ist das Thema Transhumanismus. „Man hört oft, dass das Theater ein sterbendes Medium sei und ich glaube, das stimmt auch – es ist das Sterbe-Medium, ein Ort, an dem wir gemeinsam in Echtzeit sterben“, sagt Maertens und freut sich darauf, dies die kommende Dreiviertelstunde via #Covid-Connection gemeinsam zu tun.

Der Sinn des Lebens, der Sinn des Todes, der Sinn dieses Abends? Dead Centre haben Mark O’Connells Bestseller „Unsterblich sein“ hergenommen, für den der Dubliner Autor das Uncanny Valley bereiste, um mit Tech-Millionären und angehenden Cyborgs die Digital Future dessen zu besprechen, was derzeit noch Fleisch und Dysfunktionalität ist. Dead Centres Denkansatz versteht sich, die Pandemie hat ein Körperproblem, genau genommen ist dieser mittlerweile Biohazard. Warum also keine Version 1.0 von sich hochladen? Mit einer Maschine verschmelzen, der Geist ohne den vor sich hin verrottenden Körper.

Wer Hörgerät oder Herzschrittmacher hat, sagt Maertens, sei ohnedies auf dem besten Weg zur Bionik-Person. Eingespieltes Gelächter im Kasino, weil wir ein solches schließlich aufgezeichnet haben. Wir sind die Roboter, daraus hätte sich eine Menge machen lassen, wird es aber nicht. „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ ist Vortrag, nicht Vorspiel einer gar nicht so weit entfernten Zukunft. Ein Erklärstück. Frontalunterricht. Michael Maertens ist sein Ich-Selbst und zeitgleich Mark O’Connells Alter Ego, der per Tablet milde auf seinen Darsteller blickt. So viel zur virtuellen und zur realen Existenz, und tatsächlich ist dies der spannendste und spaßigste Teil der Aufführung:

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Maertens im Zwiegespräch mit O’Connell, der sein Mängel-Wesen über den ihn verkörpernden Schauspieler upgraden will. Jedoch: Christoph Waltz und Michael Fassbender, dieser als „Alien“-David sogar Androiden-kundig, blieben unerreichbar, also schlug das Burgtheater einen anderen Michael vor. „Scheiße, wer soll das denn sein?“, fragten sich beide Beteiligte über den jeweils anderen, bis einen „Bibi und Tina“-Exkurs später die Sache klar war. Der Charakterprofiler wird keine Figur hochladen, kein „O’Connell“ werden und sich in diesem Prozess verlieren.

Darüber hätte sich Diskurs gelohnt. Avatare, Humanoide, Hybride, Anthropomorphismus. Stattdessen wird die Liste all derer abgearbeitet, die der Autor bei seinen Recherchen getroffen hat. Tim Cannon, selbsternannter Cyborg und Kämpfer gegen körperliche Imperfektion – mittels Implantate, die er sich unter die Haut näht, beispielsweise eines, das seine Temperatur misst und nach dieser die Heizung reguliert. Maertens rezitiert Yeats‘ „Sailing to Byzantium“:Once out of nature I shall never take / My bodily form from any natural thing, / But such a form as Grecian goldsmiths make / Of hammered gold and gold enameling …“

Zum Gilgamesh-Epos wird er auch noch kommen, und zu Google-Mastermind Ray Kurzweils Whole Brain Emulation, der Kopf längst in den Datenclouds – Mindfiling machen wir schließlich bereits täglich in den Social Media. Sich schon mal selbst gegoogelt? Ist man, wer man meint? Fragt Maertens, allein in einem Theatersaal voller Technik, das Lockdown-stille Publikum. Sind Sie noch da? Sie könnten alle eingeschlafen sein! Auch dazu hat man ein Video gemacht. O‘Connells plärrendes Baby will Maertens nun „ausmachen“, der Bildschirm fällt und kriegt einen Sprung, daheim der Kater ob des unerwarteten Lärms einen Schreck.

Mit O’Connell (re.). Bild: Marcella Ruiz Cruz

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Ein Live-Chat, seitlich rechts, wird eingeschaltet. Zur Absicherung vor der Einsamkeit. Zum Turing-Test. Keine Bange, wir sind echt, wir antworten menschlich auf Erkundigungen nach unserem Ende, freie Vorstellungskraft und schwache Rechenkünste, und Arcade Fire singen den Selbstabschaffungssong „My Body Is A Cage“. Beim Futuristen und Alcor-Boss Max More werden jetzt schon Körper kyrogenisiert, heißt: tiefgefroren, die Köpfe davor abgetrennt, Geistes-Gespenster im Sci-Fi-Limbus, 181 „Patienten“, die auf die Auferstehung in einer Brave New World warten. „Jesus!“, wie die Amerikaner nun ausrufen würden. Ein bisschen muss man an den eigenen, auf dem Tablet servierten Kopf denken.

Und apropos, Johannes und Salome: Es ist eine biblische Sünde, dass Dead Centre Michael Maertens nun erklären lassen, nur Männer hätten diesen Tick vom ewigen Leben. Martine und Bina Rothblatt und ihre Theorie der Transferred Consciousness, Natasha Vita-More von der technospirituellen Organisation Humanity+, Nadia Magnenat Thalmann von der Nanyang Technological University Singapur, Ayanna Howard von der Georgia Tech University, schon einmal von diesen Frauen gehört?

Auf Metaebene kann keiner applaudieren. Der so ambitioniert wie verloren wirkende Maertens wischt sich, in dieser Versuchsanordnung seines Spielvermögens beraubt, durch die Chat-Nachrichten. Maertens, der im Geflimmer um ihn stets die Contenance wahrt. Maertens, den auf seinem Parforceritt durch Futureland aber auch die Zweifel quälen, „ob er nicht schon zu viel gespielt habe“, und ist es doppelbödig bei dieser Art der Präsentation trotz aller Uhrzeit-Ansagen Zweifel an einer wie-auch-immer „Echtheit“ des Ganzen anzumerken?

Was einen an der zwischen philosophischer Reflexion und kritischer Auseinandersetzung unschlüssigen „Maschine in mir“ am meisten auffällt, ist das, was fehlt: Ein Theaterabend unplugged. Ein Schauspieler, eine Schauspielerin, Figuren, die leben, weil sie Wirkung erzeugen. Keine Daten-Sätze, ein Humanismus ohne Trans-, Geisteswesen samt Körper, ein Charakterdarsteller-Dasein. Das ist der Code. Das ist der beste „Technotrick“ der Bühne. Bis ein solcher wieder möglich ist, gilt es Quarantäne-Streams wie „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ ihren Achtungserfolg für Innovation zu gönnen. Dies wird nicht Maertens Last Tape gewesen sein, so ist mit Leib und Seele zu wünschen.

Teaser: vimeo.com/494125633           www.youtube.com/watch?v=-GaD-Fqs5G4           Dead Centre im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=HP5PmE0qVGU           www.deadcentre.org           www.burgtheater.at

TIPPS: Maria Arlamovsky: Robolove            Technisches Museum Wien: Künstliche Intelligenz?

  1. 1. 2021

Das Burgtheater streamt live: Michael Maertens in „Die Maschine in mir (Version 1.0)“

Dezember 10, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Produktion von Dead Centre zu Silvester im Kasino

Bild: © Marcella Ruiz Cruz

„Für Weihnachten haben wir speziell für Familien ein Geschenk: Wir zeigen für alle ab sechs Jahren online auf unserer Website vom 24. Dezember, 14 Uhr, bis 27. Dezember, 14 Uhr, kostenlos eine Aufzeichnung unseres aktuellen Familienstücks ,Des Kaisers neue Kleider‘ nach Hans Christian Andersen“, bringt Martin Kušej eine frohe Botschaft aus dem Burgtheater, und weiter: „Die #Corona-bedingte Verschiebung der Inszenierung

,Tristesses‘ ermöglicht die kurzfristige Umsetzung eines neuen digitalen Projekts. Das Regieduo Dead Centre erarbeitet mit Michael Maertens die Inszenierung ,Die Maschine in mir‘, ein Projekt, das den Theaterraum mit dem digitalen Raum verschränken wird. Es freut mich wahnsinnig, dass Ben Kidd und Bush Moukarzel dafür nach Wien gekommen sind und wir nach ihrer ,Traumdeutung‘ und vor ihrem Wittgenstein-Abend nun damit ein drittes Projekt gemeinsam realisieren können.“

Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Die Maschine in mir (Version 1.0)

Mit „Die Traumdeutung von Sigmund Freud“ durchbrach das irisch-britische Regieduo Dead Centre lustvoll die Trennung zwischen Spiel auf der Akademietheater-Bühne und Realität im Zuschauerraum, indem der Traum einer Wiener Zuschauerin zum Inhalt eines ganzen Theaterstücks wurde. Die jüngste Kreation von Dead Centre hat am 31. Dezember Premiere und geht noch einen Schritt weiter. Der Monolog mit Michael Maertens ist eine Erkundung des Transhumanismus – eine Forschung, die die Grenzen des menschlichen Körpers zu überwinden sucht. Das Theaterstück basiert auf der preisgekrönten Reportage „Unsterblich sein“ des irischen Journalisten Mark O’Connell, der einen aufrüttelnden Bericht über die Sehnsucht des Menschen nach ewigem Leben vorlegt.

Er schlägt den Bogen vom Gilgamesch-Epos bis an die Orte unserer Gegenwart, an denen die Utopie der Unsterblichkeit bereits physische Realität ist, Menschen zu Cyborgs werden und Köpfe in der Wüste Arizonas darauf warten, zum Leben erweckt zu werden. Michael Maertens überwindet die Grenzen zwischen seinem Körper und denen des Publikums in dieser Silvesterpremiere ebenfalls mit technischer Hilfe: Das Publikum sitzt via iPads live auf der Zuschauertribüne des Kasinos und kann seine Drinks von zu Hause aus schon während der Vorstellung genießen. Unser Leben als Maschine? Prosit!

Dead Centre. Bild: Lukas Beck

Premiere am 31. Dezember, 18 Uhr im Kasino, Übertragung via Live-Stream. Karten sind erhältlich ab 16. Dezember, 10 Uhr, online unter www.burgtheater.at Die Zuschauerinnen und Zuschauer erhalten einen Link per E-Mail mit ihrer Buchungsbestätigung. Der Buchungs- vorgang wird abgeschlossen, indem man auf den Link klickt und ein Video seines Gesichts aufnimmt. Dieses Video wird in der Vorstellung verwendet. Die Aufnahme ist sehr einfach und dauert etwa 30 Sekunden – benötigt werden lediglich ein Computer oder ein Telefon mit einer Kamera. Am Tag der Aufführung erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer einen weiteren Link, über den sie sich die Vorstellung ansehen können. Vorstellungen bis 16. Jänner.

www.burgtheater.at

10. 12. 2020