TAG: Macbeth – Reine Charaktersache

Februar 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Zufall macht den Mörder

Julian Loidl ist der perfekte Macbeth. Bild: Anna Stöcher

Gegen Ende sagt eine der Hexen, Georg Schubert spielt sie, sie hätte jedem der anwesenden Männer den Königswahn in den Kopf pflanzen können. Dass es Macbeth traf und sie damit ausgerechnet sein Schicksal besiegelte, war – Zufall. Mit diesen Gedankenspielereien, was wählt der Mensch, wo wird für ihn gewählt, befasst sich Gernot Plass bei seiner jüngsten Shakespeare-Überschreibung im TAG. Wie immer, wenn Plass zum britischen Barden greift, ist ihm ein exzellenter Abend gelungen. Modern, witzig, temporeich, und das alles, ohne dem Shakespeare’schen Stoff in irgendeiner Weise Gewalt anzutun.

Im Gegenteil, Plass bleibt nahe am Original, seine Sprache ist poetisch, sie kontrastiert die Brutalität der Handlung. „Heutig“ ist die eine Frage, die ihn offenbar umtreibt: In dieser Welt, in der Selbstbestimmtheit ein Recht ist, auf das es zu pochen gilt, wie weit ist’s wirklich damit her? Gibt es so etwas wie freien Willen, freie Entscheidung überhaupt, oder muss sich nicht jedermann Kräften beugen, die von außen auf ihn einwirken? Derlei philosophischem Überbau folgt fantastisches Schauspiel.

Ein mit einem bald besudelten weißen (Leichen-)Tuch bedecktes Podium stellt die Hochebene dar, drauf und drunter wird gemeuchelt und gemordet, dass es eine Freude ist. Den „geilen Bräutigam der Göttin Krieg“ gibt Julian Loidl. Er ist die Idealbesetzung für diesen Typus Macbeth, ein Zögerer und Zauderer, den die zunehmende Macht mit sich steigernder Angst ausstattet, ebendiese wieder zu verlieren. Loidl gestaltet den Hin- und Hergerissenen ganz großartig, erst am Schluss, erneut auf dem Schlachtfeld, wird dieser Krieger wieder zu sich gefunden haben.

Ihm zur Seite steht Elisa Seydel als eine intensive Lady Macbeth (und wie alle anderen außer Loidl in unzähligen weiteren Rollen. Plass gelingt es, mit sechs Darstellern Shakespeares gesamten schottischen Kosmos zum Leben zu erwecken), sie eine vom Ehrgeiz Getriebene, die die Chance der Prophezeiung nicht ungenutzt verstreichen lassen kann. Wie Seydel zetert und tobt, schmeichelt und kurz darauf mit Liebesentzug droht, wenn er nicht nach ihrem Willen tanzt, ist sehenswert. Diese Lady Macbeth ist eine große Manipulatorin.

Die drei Hexen bei der Arbeit: Lisa Schrammel, Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Banquo wird ermordet: Lisa Schrammel, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen ist ein ehrenwerter Banquo, Georg Schubert als despotischer Duncan kein so guter König, wie dem nachgesagt wird. Lisa Schrammel macht unter anderem den Malcolm zum sich ermannenden Söhnchen, Raphael Nicholas ist als Lennox verzweifelt über die politischen Entwicklungen in seiner Heimat. Allesamt Krieger in ihren erstaunlich erstarrten Männlichkeitsritualen, die Bühne (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) ein düsteres Schlachtengemälde, in das ab und an allerdings kräftig Farbe gebracht wird – womit nicht nur das Blutrot gemeint ist.

Denn wie stets, wenn Plass bei Shakespeare die Finger im Spiel hat, kommt natürlich der Humor nicht zu kurz. Zum einen, wenn sich Nicholas, Schrammel und Schubert als gedungene Mörder im Dialektsprechen und Bärbeißigsein üben, zum anderen, wenn die drei als Hexen auftreten. Die sind bei Plass in Leoprint gehüllte Esoteriktanten, die zwischen Hekates Zauberworkshop und den aktuellsten Societymagazinen tändeln. Dass diesen Spaßgesellschaftsgirlies überhaupt jemand etwas glaubt, grenzt an ein Wunder. Doch natürlich kommt’s, wie’s kommen muss. Dafür war gerade der richtige Mann zur richtigen Zeit am falschen Ort. Alles Zufall – oder was?

Gernot Plass im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28155

dastag.at

  1. 2. 2018

TAG: Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring

Oktober 9, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verkleinerungsform von Lessings Ideendrama

Der eine Ring vervielfältigt sich: Emese Fay, Georg Schubert und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Der Eine Ring vervielfältigt sich: Emese Fay, Georg Schubert und Elisabeth Veit im Three-Stooges-Modus. Bild: © Anna Stöcher

Es ist schließlich also Sultan Saladin, der die Ringparabel erzählt. Sie ist dem Nathan nicht neu, wie übrigens kaum etwas, das an diesem Abend passiert. Recha wird, durch die drei abrahamitischen Religionen gereicht, erst Atheistin, dann Terroristin. Am Ende, statt stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen, fackelt sie den Palast ab.

Solcherart ist der Religionsringelreihen, den Autor Thomas Richter als seine Arbeit an Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ vorlegt. „Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring“ heißt sie, uraufgeführt im TAG, und tatsächlich bleibt die große Frage nach dem Mehrwert dieser Neuschreibung unbeantwortet. Richter bleibt so nahe am Original, er präsentiert um nichts mehr als eine Verkleinerungsform des Lessing’schen Ideendramas, ein 90-minütiges Trivialdramolette, für das er das Schauspiel Richtung Schwank dreht. Eine Linie, eine Ziellinie, lässt sich weder am Text noch an der Regie von Dora Schneider ausmachen.

Das ist als vertane Chance durchaus bejammernswert. Denn da wäre mit Courage um einiges mehr drin gewesen. Das Thema, von Lessing vorgegeben, die Verwandten im Glauben, die sich gegenseitig die Köpfe ein- und abschlagen, ist aktuell das weltpolitisch brisanteste, warum wer welchen Krieg führt und mit welchen Propagandamitteln er ihn als heilig anpreist. Es macht zu fassungslos, ist zu erklärungsnotständig, als dass es anno 2016 und mit beinah 240 Jahren mehr Geschichte im Nacken, diese ein ewiges Ringen um Verständigung und Frieden, nicht gegolten hätte „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ neu zu erfragen.

Gut durchgekaute Brocken wie Werte und Wahrheit müssen den Speichelleckermündern entrissen, die Segnungen des Vernunftglauben Aufklärung, dieser abendländischen Abgrenzungsvokabel, end/gültig definiert und das Trugschlusswort Toleranz seines wohlklingenden Glanzes entkleidet werden. Liegen dann die Begrifflichkeiten nackt und bloß, kann Lessings „Nathan“ gern ein Lustspiel mit Amme sein. So aber bleiben Handschuhpantomime, ein wenig Ausdruckstanz und Slapstick ziemlich allein übrig.

Wie ein Synonym für die Inszenierung steht das Bühnenbild von Alexandra Burgstaller, eine spannende Metallstangenkonstruktion, als wär sie erdacht entlang des Bibelspruchs „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“, die Räume arrangieren, freigeben und versperren könnte, aber als dreidimensionale Spielfläche zu wenig genutzt wird.

Recha in Diskussion mit Saladin: Elisabeth Veit und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

„Terroristin“ Recha wird am Ende Saladins Palast abfackeln: Elisabeth Veit und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

Der Tempelherr verachtet den Juden Nathan: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Der Tempelherr verachtet den Juden Nathan: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Das TAG-Ensemble, Jens Claßen, Emese Fay, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit, agiert selbstverständlich auf dem üblichen hohen Niveau. Claßen stellt einen zärtlich-weisen und dennoch im Wiedererweckungswunsch seines Bruders Assad verblendeten Saladin dar. Nicholas‘ Tempelherr ist ein stolzer christlicher Gotteskrieger und als solcher so unverständig präpotent, wie’s der ferne Westen im Nahen Osten seit jeher ist. Eine vorzügliche Daja ist Emese Fay. Wie sie, als ihr ihr Antisemitismus nicht mehr opportun erscheint, den christlich-jüdischen Schulterschluss gegen den Islam versucht, denn Konfessionsfeindbild muss sein, und dies als ebenso beklemmendes wie witziges Kabinettstück gestaltet, das ist die Verve, die man der ganzen Aufführung gewünscht hätte.

Die Schlüsselerzählung, die Ringparabel, wird bei Richter/Schneider zum running gag, eingeschobene Szenen, ausgeführt von allen Darstellern, die abwechselnd als die drei Söhne des Alten agieren. Ihre Namen, Ham, Ram, Bam, lassen allerdings Assoziationen zu, die sie nicht erfüllen. Vielmehr wird sich verbal und körperlich brutal abgewatscht wie bei The Three Stooges, die lächerlichen Moe-Perücken passen auch zu diesem Eindruck, und das umfangreiche Geräuscharsenal, das auf das Publikum abgefeuert wird.

Die Ringe vermehren sich, am Ende ist’s ein ganzer Kübel voll. Was wohl weltläufig bedeuten soll, dass vom Freimaurer- über den Scientology- bis zu Saurons Ring jedes Bekenntnis keine Berechtigung hat. Lessings Schluss „Alle positiven und geoffenbarten Religionen sind folglich gleich wahr und gleich falsch“ und damit die Universalität seines – von Richter nunmehr in Schutt und Asche gelegten – Versöhnungsgedankens können sich aus dem Inhalt eines Holzeimers freilich nicht erklären. Und so geht’s den Zuschauern punkto Verwirrung und Zuversicht wie den Brüdern. Man applaudiert. Aber nirgendwo findet sich ein Testament.

Trailer: vimeo.com/185632587

dastag.at

Wie, 9. 10. 2016

TAG: Shut (me) down

Oktober 9, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas Stier ist nur noch ein Totenschädel

Bild: Anna Stöcher

Bild: Anna Stöcher

Was passiert, wenn ein Philosoph und Mathematiker mit kompliziertem Trümmerbruch im Bett liegt? Er schreibt ein Stück. Und zwar ein großartiges. Steffen Jäger verfasste fürs TAG „Shut (me) down oder Der Weg ins Zentrum des Abseits“, fungierte auch gleich als Uraufführungs-Regisseur, und ließ sich für sein Autoren-Debüt von Iwan Gontscharows Roman “Oblomow” inspirieren. Allerdings: Sehr frei nach … dem Bettgenossen. Zur Erinnerung: Der 1859 erschienene „Oblomow“, nach dem auch ein psychiatrisches Symptom benannt ist, ist der Prototyp des faulen russischen Adligen. Er verliert sich in den Traum eines geborgenen, sicheren, von aller Verantwortung freien Lebens, in dem der Schlaf Zentrum und Schwerpunkt der täglichen Verrichtungen ist. Der Roman ist eine engagierte Anklage gegen die herrschende Gesellschaft der Gutsbesitzer, des Land- und des Dienstadels. Oblomows Tod das Ende eines vergeudeten, ungenutzten Lebens.

Nun Jäger: Lilie (Julia Schranz) hat das Investmentbanking im kleinen Finger. Sie fällt die Karriereleiter steil nach oben. Alles scheint berechenbar. Das Leben ist letztlich nur das, was man fest im Griff hat. Doch eines Morgens steht sie einfach nicht mehr aus dem Bett auf. Ihr schwant etwas. DRAUSSEN sieht es nicht gut aus. DRAUSSEN lauert die Verantwortung. DRAUSSEN bricht das System zusammen. „Hatten wir das nicht schon mal?“, ist der leitmotivische Satz, den im Laufe der Inszenierung alle Figuren sagen werden. Und während die Krise DRAUSSEN ihre Wellen schlägt, bleibt Lilie einfach liegen. Ihr irritiertes soziales Umfeld wählt das Mittel der Belagerung … Dabei beginnt alles so schön auf einem weißen Podest (Bühne: Alexandra Burgstaller; Kostüme: Aleksandra Kica), auf dem Lilies Beförderung gefeiert wird. Gut, dass der Börsenbulle nur noch als Skelettschädel daliegt, könnte irritieren. Und, dass Lilies Boss am nächsten Tag verschwunden ist. Schon mal bemerkt, dass die Begriffe Bankenchef und Bandenchef nur ein Buchstabe trennt? Lilie, gerade noch dabei, durch perfektes Investieren Geld zu machen, um es in die nächste Finanzkatastrophe zu stecken – das Spiel der „neuen“ Generation -, verkriegt sich unter  der Bettdecke. Und findet ihr neopoststrukturistisches Heim plötzlich Scheiße.

Der Dramatiker Steffen Jäger entpuppt sich als Satiriker, als Sprachspieler, als Wortejongleur, der seine Figuren in skurril-sarkastische Situationen treibt. Was in den Dialogen nicht passt, wird passend gemacht. Redest du deins, rede ich meins. So kalauert sich das Ensemble durch Halbsätze im Serve-and-Volley-Spiel. Alles ist eindeutig zweideutig. Etwa Julia Schranz‘ U-Bahn-Ansage, man möge den Spalt zwischen Waggon und Perron beachtet. „Je mehr wir in die Renovierung investieren, um so größer wird er.“ Was will man auch erwarten vom „Proletenschlauch“?

Lilies Unproduktivität – und Schranz kann wunderbar mit der Gesteppten von einer Ecke der Bühne in die andere robben – bringt eine Schar weder so irr- noch so witziger Personen auf. Da muss doch was, da muss man doch … Der erste „Durchgreifer“ ist Georg Schubert als Ehemann Robert, ein Lokalpolitiker, für den das alles wahnsinnig peinlich, aber weil Hochzeitstag und so, und Anschleimen sowieso sein Geschäft – keine Chance. Ein Sieg immerhin: Da außer ihm keiner mehr zur Wahl geht, gewinnt er mit 100% der Stimmen. Jens Claßen spielt den vor Zukunftsfurcht ganz zerfressenen Untergebenen Schachinger, der, es wäre wegen einiger Unterschriften … Elisabeth Veit als Schwester Rosa und Emese Fáy als gleich morgen ihren Jahrhundertroman beginnende Schriftstellerfreundin Helene scheitern ebenso beim Deckenwegziehen. Nur Hund Brutus (Raphael Nicholas erfüllt alle Hol’s-Balli- und Gib‘-dem-Fraudi-ein-Bussi-Erwartungen besser als Martin Rütters Vorzeigewauwaus) freut sich. Was gibt es Schöneres, als sich den ganzen Tag im Bett herumzuflätzen? Da kann aus dem Bäuchleinkraulen schon ein „Ja, ja, ja, tu es“ werden. Na ja.

Jäger fügt diesen Merk- noch ein paar Denkwürdigkeiten hinzu. Das Highlight: Der Chor der Obdachlosen, von Claßen, Nicholas und Veit angelegt wie in der griechischen Tragödie, samt Wehgeschrei, bekannt nur aus Performances auf Bühnen, nicht aus dem Fernsehen, vielleicht noch als dokumentarische Häppchen, als sozialkritisches Requisit, auf Festen, auf denen „die anderen“ andere Häppchen fressen. Sehr schön auch Fáy als Mona Lisa (echter Kopf in fotokopiertem Gemälde), die erbost ihre Geschichte erzählt. Nämlich, dass erst der Diebstahl durch Vincenzo Peruggia und die damit verbundene öffentliche Erregung ihr ihren Ruhm beschert hätten (und, dass sie seit 500 Jahren ihren podice nicht mehr gesehen hätte) – ein mit Verve hingeworfenes Kabinettstück über die Werteskala von Kunst. Jäger spielt mit virtual und reality, lässt Konsoleninhaftierte und Autorenschaftinternierte miteinander agoraphobien. My home is my pokey. Und dann natürlich sie: Europa (Veit) mit dem Stier(schädel). Sich beklagend, dass ihr Name nur noch ein Wort zum Handeln, im Sinne von Ware, von Preisschacherei, nicht im Sinne von zur Tat schreiten, ist. „Als Hure habe ich begonnen und als Hure werde ich enden.“

„Schleichende Fehler werden erst bemerkt, wenn sie schon rennen.“ Noch so ein jägerscher Halali-Satz. Und so danken die Darsteller den Menschen zum Schluss, dass sie so konsequent inkonsequent sind. Dank zurück für diesen intelligenten, ironischen Abend, für diesen ideenreichen Text und dessen imposante Darbietung. Anm. laut Prof. Jäger, Lexikon der Krise: Stier sind wir schon, jetzt muss es nur noch in den Schädel rein.

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Trailer: http://vimeo.com/108120574

Wien, 9. 10. 2014

Das TAG: „Heinrich 4“

Oktober 31, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Plass: Wie immer ein Ass

(sorry, aber wenn sich’s so schön reimt …)

Elisabeth Veit, Raphael Nicholas, Jens Claßen, Georg Schubert, Horst Heiss, Michaela Kaspar Bild: Anna Stöcher

Elisabeth Veit, Raphael Nicholas, Jens Claßen, Georg Schubert, Horst Heiss, Michaela Kaspar
Bild: Anna Stöcher

Das Leben ist Scheiße. Das hat Gernot Plass mit seiner Inszenierung von „Heinrich 4  – Jetzt retten wir mal Jesus“ am TAG wieder einmal klar gemacht. „Scheiße“ ist das meistgebrauchte Wort des 140-Minuten-Abends. Plass‘ sechs Darsteller, die – wenn kein Verzähler vorliegt – 22 Figuren verkörpern, sagen es zornig, verzweifelt, resignativ, marottig: Scheißi-u-Scheißi-u. Da tickt einiges nicht richtig auf der englischen Insel. Plass, Gründungsmitglied des TAG und seit der Spielzeit 2013/14 dessen neuer künstlerischer Leiter, hat sich nach seinem überragenden „Richard 2“ (und dem großartigen „Hamlet sein“) nun ans nächste Shakespeare-Drama gewagt: „Heinrich IV.“, Historie in zwei Teilen, in Versen und Prosa, die Mitte der Lancaster-Tetralogie und deswegen von Staatsinteresse, weil sich aus diesem Hause die Tudors und damit Elizabeth I. entwickeln und so ihren Thronanspruch legitimieren. Der Abend ist wie gewohnt eine Überschreibung, frei nach dem britischen Barden, mit dem nicht wirklich nötigen Zusatz: „Jetzt retten wir mal Jesus“, weil Heinrich IV. ins gelobte Land kreuzziehen will, aber eh vorher stirbt (tatsächlich pilgerte er 1392/93 nach Jerusalem). Egal. Gernot Plass nämlich präsentiert sich mit dieser Arbeit wieder einmal als DER Shakespeare-Regisseur der Stunde. Sie ist rasant, martialisch, scharfzüngig, zeitkritisch – und nicht zuletzt abgrundtief komisch. Ein Stück Ewig- und Jetzt-sofort-Gültiges über Macht und Ohnmacht, Eigen- und Fremdinteressen, Beruf und Betrug. Boss sein als Bürde. Die Undankbarkeit der Großen. Schwierige Vater-Sohn-Beziehungen. Falsche Freunde. Humor meets Horror. Geschichte ist alles, Geschlecht nichts. Weshalb auch eine Schauspielerin Hitzkopf Percy, dieses unbändige Schlachtross in königlichen Diensten, spielt, während ein Kollege mit blondem Perückenzopf entzückend Frau Percy gibt. DAS Gerücht allerdings ist sehr sexy weiblich, eine Butler’sche Studie für Gender-Forscher, aber wie alle Ver-Körperten von Gewicht.

Die Story: Henry Bolingbroke hat seinen Cousin Richard II. im Tower entsorgt. Der hatte zwar die größeren Ansprüche auf die Krone, aber die kleineren, beziehungsweise angeblich queer gelegten Eier, war jedenfalls dem „Gnadenlosen Parlament“ ausgeliefert. Rosenkrieg. An allen Fronten Gefechte, nun auch gegen Schottland und Wales. Heinrich IV. ruft seinen Sohn, später Heinrich V., zu den Waffen, doch der säuft und hurt sich lieber mit dem feisten, vom Theaterpublikum aller Jahrhunderte heißgeliebten Jack Falstaff durch die Wirtshäuser. Prinz Harry und seine Streiche. Da brauchte es noch keine Sun, der König erfuhr auch so davon. Doch als seine einstigen Königsmacher Northumberland, dessen Sohn Percy und Worcester („Wuster“) von ihm abfallen, soll der Sprößling fürs Köpferollen fit sein. IV stirbt (bei Plass hat auch ein Kopfpolster damit zu tun), V rafft den goldenen Stirnschmuck an sich. Und verleugnet Falstaff wie einst Petrus den Jesus … Dazu spielt’s Anklänge von Black Sabbaths „War Pigs“: www.youtube.com/watch?v=sc0BqXN9BKw  und am Ende Cat Stevens‘ „Father and Son“: www.youtube.com/watch?v=Q29YR5-t3gg Musik: Dr. Plass.

Ausstatterin Alexandra Burgstaller erschuf für diese Vision eine Welt in Schwarz-Grau-Weiß. Kleidung, Wälle/Wände, Stühle, Bänke, die zum Totenbett, zum Sarg werden. Im Bühnenboden versteckt ein Wassergraben, in dem man sich beim Kämpfen so richtig gut einsudeln kann. Mach‘ dich nicht nass, das besorge ich schon. Auf dem Schlachtfeld geht es weniger komplex zu als in der Geheimdiplomatie. All diese Versatzstücke werden von den Schauspielern immer wieder neu arrangiert. Hacklerregelung. Schwerstarbeit im Shakespeare’schen Hochofen. Schier unglaublich, was sechs Leute an Schlachtgetümmel und -lärm erzeugen können … Horst Heiss ist ein fabelhafter König, streng autoritär, aufgefressen von Staatsräson, Krankheit, schlechtem Gewissen. Er fordert Loyalität, weil er weiß, was ohne passiert, er fordert für seine Feldzüge Finanzausgleich: „I want my money back!“ Alles an ihm ist Kommandobunker, seinem Sohn würde er lieber eine flaken. Der ist hin- und hergerissen zwischen zwei Vaterfiguren. Mitm Falstaff ist’s halt lustig. No risk, trotzdem fun. Man ist doch nur einmal jung, dumm und gefräßig. Raphael Nicholas spielt den Prinzen schön schizophren zwischen unfrisiert und perfekt gescheitelt, zwischen Schlabberlook und Anzug mit Krawatte. Die personifizierte Ich-Störung, in der die kommende Gefahr schlummert. Wie ein Raubkatze bewegt sich Nicholas übers Parkett. Geknechtete Kinder werden Tyrannen. Plass lässt zahlreiche Anspielungen aufs Theater zu. In einer „Theaterszene“ geben mal der Prinz, mal Falstaff den König. Zukunftsweisend. „Heinrich V.“ steht schon auf dem Spielplan. Georg Schubert ist ein wunderbarer Falstaff. Welch ein Schlitzohr, welch ein eloquenter Gauner, des Lebens nackte Lust, ein Tunichtgut, der so gut tut, ein Spaßmacher. Der beinhart skrupellos die Feinde in die Falle führt. Ihm gehört die Bühne. Obwohl Plass dem blassen Lancaster-König und Titelgeber deutlich mehr Raum gibt als das elisabethanische Original. Ein Kräftemessen inszeniert er. Zwischen der Ratio und dem Rattenfänger. Am Ende will es, kann es der nicht glauben, dass der junge König ihn verbannt. Am Abend, spätestens morgen wird er Audienz bei ihm haben. Da ist Schubert anrührend. Scheißi-u-Scheißi-u.

Jens Claßen überzeugt in zahlreichen Rollen, etwa als erst siegessicherer, dann verkrampfter Northumberland oder als „abtrüniger“ Bischof – York, ebenso Michaela Kaspar unter anderem als Wuster und als Gerücht. Elisabeth Veit ist ein Percy mit vor Ärger und Ekel verzogenem Mund. Die Warnung Nur-nicht-den-Kopf-verlieren ist bei dem bereits umsonst. Auch er erhebt Ansprüche auf Zepter und Krone. Geht nicht. Beides gebührt Plass.

www.dastag.at

Trailer: vimeo.com/77903879

Wien, 31. 10. 2013