Rund um die Burg 2020: Das Literaturfestival geht online

April 30, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Stars wie T. C. Boyle und Stewart O’Nan lesen live

T. C. Boyle, © echo medienhaus

Das #Corona-Virus und seine bekannten Auswirkungen hat auch vor dem traditionsreichen Literaturfestival „Rund um die Burg“ nicht Halt gemacht. Dennoch findet das Lesefest auch dieses Jahr statt – und zwar online. Mit wie gehabt zahlreichen nationalen und internationalen Stars der Literaturszene geht der 24-Stunden-Lesemarathon heuer am 8. Mai eben über die virtuelle Bühne.

Nicht weniger als 45 Autoren – und damit mehr als doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren – lesen ab 10 Uhr auf rundumdieburg.at aus ihren Werken. Und das nicht nur am Veranstaltungstag: Alle Beiträge können auch danach noch gestreamt werden.

Mit dabei sind Superstars wie T. C. Boyle, dessen Zuschaltung aus Santa Barbara, Kalifornien, um Mitternacht Ortszeit läuft, Rafik Schami mit „Vom Überlisten“ um 11 Uhr, Stewart O’Nan, dessen Lesung aus Pittsburgh aus „Henry Himself“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37172) ab 13.20 Uhr läuft, Hilary Mantel aus dem Süden Englands, die ab 16 Uhr den Abschluss ihrer Cromwell-Trilogie „The Mirror and the Light“ vorstellt (Rezension Band I „Wölfe“: www.mottingers-meinung.at/?p=153, Rezension Band II „Falken“: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), John Stralecky, der um 20 Uhr aus seinem Bestseller „Auszeit im Café am Ende der Welt“ liest, und Raoul Schrott um 0.40 Uhr mit „Eine Geschichte des Windes“.

Monika Helfer, © echo medienhaus

Rafik Schami, © echo medienhaus

Stewart O´Nan, © echo medienhaus

Eröffnet wird mit Fernseh-Legende Hugo Portisch, der ab 10 Uhr in seiner Wohnung aus seiner Autobiographie „Aufregend war es immer“ vorträgt. Michael Köhlmeier erzählt zuhause in Hohenems ab 21 Uhr seine beliebten Märchen (Rezension „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“: www.mottingers-meinung.at/?p=30974) und spätnachts ab 0.20 Uhr liest Monika Helfer, deren Roman „Oskar und Lilli“ von Arash T. Riahi unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt wurde und eigentlich bereits im Kino sein sollte www.einbisschenbleibenwirnoch.at, aus ihrem jüngsten Werk „Die Bagage“.

Lesen werden außerdem Georg Biron, Erika Pluhar, „Superheldin“ Lisz Hirn, Stefan Slupetzky aus „Bummabunga“, Steirerkrimi-Autorin Claudia Rossbacher, Tex Rubinowitz www.mottingers-meinung.at/?p=33292, Gerhard Nechyba Liobelsberger aus „Alles Geld der Welt“, Eva Rossmann, Joesi Prokopetz, ORF-Wetter-Moderatorin Eser Akaba aus „Sie sprechen ja Deutsch!“, Chris Lohner sowie the one and only Erich Schleyer.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=l2Y0Z0uSnpg           rundumdieburg.at

30. 4. 2020

Hilary Mantel, © echo medienhaus

Raoul Schrott, © echo medienhaus

Michael Köhlmeyer, © echo medienhaus

John Strelecky, © echo medienhaus

Die Offene Burg präsentiert ihr Programm

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Los geht’s am Wochenende 1. und 2. Oktober

Burg-Herrin Karin Bergmann, Offene-Burg-Leiterin Renate Aichinger und das Team Anna Manzano, Airan Berg, Katrin Artl und Barbara Rosteck bei der Programmpräsentation. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Burg-Herrin Karin Bergmann, Offene-Burg-Leiterin Renate Aichinger und das Team Anna Manzano, Airan Berg, Katrin Artl und Barbara Rosteck bei der Programmpräsentation. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weil ihr die „Junge Burg“ zu kurz gegriffen hat, weil immer wieder die Frage kam, warum TheaterClubs und Workshops nur für ganz junge Leute angeboten werden, startet Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann mit dieser Saison die „Offene Burg“. Hier gibt’s nun de facto keine Altersgrenzen mehr, und das Haus öffnet sich, wie Bergmann sagt, „in jeder Beziehung“ hinaus in die Stadt.

Im Zentrum steht der Gedanke „Schranken einreißen, Berührungsängste überwinden. Uns schwebt eine Art Bürgertheater vor, in das sich alle aktiv einbringen und mitmachen können. Wir wollen alle Generationen ansprechen“, so Bergmann. „Wir wollen“, sagt sie scherzhaft, „nicht nur auf Menschen zugehen, die schon regelmäßig ins Burgtheater kommen, sondern allen für ihr Steuergeld etwas geben. Wir wollen entlang des Spielplans Themen für diese Stadt und ihre Gesellschaft setzen.“ Freitag Vormittag stellte sie gemeinsam mit Offene-Burg-Leiterin Renate Aichinger und deren Team das erste Programm vor.

Die StadtRecherchen gehen 2016/17 über die Donau

Dessen Herzstück sind die StadtRecherchen, konzipiert von Airan Berg und in den Bezirken Floridsdorf und Donaustadt mit 210 Schülerinnen und Schülern und Schauspieler Fabian Krüger, der die „Orestie“ vorstellte, bereits gestartet. Berg, bekannt als ehemaliger Intendant des Schauspielhaus Wien, begeht mit dem Projekt sein Homecoming nach Wien und an die Burg. In Workshops will er Themen, die in Aischylos‘ Drama verhandelt werden, Recht vs Rache, „Sex’n’Crime“, mit interessierten Menschen diskutieren und zu eigenen Formaten weiterentwickeln. Die sollen schließlich nicht nur in Transdanubien, sondern im Frühjahr 2017 auch auf der großen Burg-Bühne zu sehen sein. Berg: „Eingeladen sind alle, auch Privatpersonen, wir suchen aber auch die Zusammenarbeit mit Schulen, Kulturvereinen, Jugendclubs, Seniorentreffs, Migranten-Organisationen, Sozialeinrichtungen … Ziel ist kein Laienspiel, sondern eine Vielfalt von multi-disziplinären Interventionen, Szenen, Installationen, Videos, Liedern, Musik oder Blogs.“ Anmeldungen: offeneburg@burgtheater.at

Bühne des Burgtheaters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bühne des Burgtheaters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Burgtheater - Versenkung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Burgtheater – Versenkung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

ACTion, ImproFix und KulissenSpechteln

Weiterhin gibt es natürlich ein großes Paket für Kinder und Jugendliche. Weiterhin gibt es fünf TheaterClubs, mit den Themen Muse bis Mischkulanz, heuer aber erstmals auch den Generationen-Club „Wiener Brut Unlimited“, bis 99 Jahre, den Renate Aichinger selbst leitet. Aichinger: „Mir geht es um gemeinsames Tun und Ausprobieren mit allen, denen kein Theaterabo in die Wiege gelegt wurde. Wir begeben uns gemeinsam auf eine seismographische Spurensuche nach dem Goldenen Wienerherz, quer durch Nationen und Generationen. Ich bin gespannt, was wir entdecken werden.“ Die VorstellBar geht diese Saison erstmals auch an Schulen.

Neu sind TheaterWerkstatt zu den Bereichen szenisches Schreiben, Stimme oder Bewegung, mit „Babel? No Problem!“ bietet Anna Manzano eine Werkstatt für Menschen an, die im Deutschen nicht so firm sind. Außerdem gibt’s mit „ACTion“ ein offenen Theatertraining, mit ImproFix eine Improgruppe, die auch in die Stadt gehen wird, vom Gemeindebau bis an den Gürtel, Wochenendworkshops angedockt an Inszenierungen (im November: „Endspiel“, im Dezember: „Pension Schöller“) und für die Kleinsten KulissenSpechteln, unter dem Titel „BurgNachtTraum“ eine Abenteuerübernachtung im Haus und Vorlesestunden mit Burgstars. Mit „Hamlet, Ophelia und die anderen“ wird ab April im Kasino eine Shakespeare-Adaption zu sehen sein, bei der Jugendliche ab 14 Jahren bereits ab der Textgestaltung eingebunden sind. Regie führt Cornelia Rainer.

Dank der Zusammenarbeit mit der Swarovski Foundation kann das Burgtheater in der Spielzeit 2016/17 jungen Menschen zwischen 10 und 18 Jahren, denen der Zugang aus finanziellen Gründen sonst verwehrt bliebe, 600 Eintrittskarten zum Besuch von Theatervorstellungen kostenlos zur Verfügung stellen und fünfzehn Stipendien für Veranstaltungen der Offenen Burg vergeben.

Nicholas Ofczarek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nicholas Ofczarek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Joachim Meyerhoff. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Joachim Meyerhoff. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Das Offene-Burg-Wochenende am  1. und 2. Oktober

Auftakt der Offenen Burg ist das Wochenende 1. und 2. Oktober, das bei freiem Eintritt ins Burgtheater einlädt. Unter dem Titel „Menschen – Tiere – Sensationen“ findet im ganzen Haus, auch an bisher unbekannten Orten wie dem mysteriösen Luftmischraum, Programm statt. Von den Katakomben bis ins Erzherzogzimmer, vom Requisitenkeller bis zur Bühnentechnik, von den Werkstätten der Maske bis zur Dramaturgie präsentieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Burg Ausschnitte und Einblick in ihre Arbeit. Ein Höhepunkt des Wochenendes ist die spektakuläre Bühnenshow, in der die Technik zeigt, was die Bühne kann. Dazu gibt es Szenisches, ein literarisches und musikalisches Programm mit Mitgliedern des Burgtheater-Ensembles wie Regina Fritsch, Ignaz Kirchner, Dörte Lyssewski, Michael Maertens, Peter Matić, Joachim Meyerhoff, der neue Texte vortragen wird, Nicholas Ofczarek, Elisabeth Orth, Caroline Peters, Barbara Petritsch oder Branko Samarovski. Mit dabei sind auch der Dramatiker Ferdinand Schmalz und die jungen österreichischen Autorinnen Miroslava Svolikova und Sandra Gugic. Der in Graz lebende kongolesische französischsprachige Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila, Autor des preisgekrönten Romans „Tram 83“, wird bislang Unveröffentlichtes lesen.

Abends ist dann die Premiere von Goethes „Hermann und Dorothea“ mit Maria Happel und Martin Schwab. Bergmann: „Für mich ist das Stück programmatisch, denn es geht um eine Frau, eine Flüchtende, die aus Religionsgründen ihre Heimat verlassen muss, und in einer Stadt mit Besitzstandsängsten landet …“ Die für das Projekt „Offene Burg“ eingesetzten Mittel liegen bei 250.000 Euro.

www.offeneburg.at

www.facebook.com/offeneburg/

Wien, 22. 9. 2016

Strategien für das „Haus der Geschichte“ vorgestellt

September 9, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Natürlich ein eigener Direktor

14982919088_4560db5114_b„Wir haben im gemeinsamen Dialog eine Lösung gefunden“, sagte Kanzleramtsminister Josef Ostermayer Mittwoch Vormittag bei der Präsentation seiner Pläne für das neue Haus der Geschichte. Die sind: Das Museum soll im ersten Obergeschoß der Neuen Burg errichtet werden und eine Publikumsfläche von 3.000 Quadratmeter umfassen. Es soll ein Kompetenzzentrum sein, in dem die Besucherinnen und Besucher der Geschichte Österreichs auf die Spur kommen können – über Sonderausstellungen, Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und interaktive Vermittlungsformate.  „Konsensual“ sei die Umsetzungsstrategie des Internationalen Beirates unter Vorsitz des Zeithistorikers Oliver Rathkolb; der Ausdruck ist Ostermayer deshalb wichtig, weil die Platzfrage im Vorfeld heftig diskutiert wurde. Das Kunsthistorische Museum hatte Bedenken, ob in der Neuen Burg genug Raum für alle und alles sei (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=13345). Nun ist klar, dass dessen Sammlung Alter Musikinstrumente von 1.900 auf 1.600 Quadratmeter reduziert und künftig zum Teil im ersten Obergeschoß, zum Teil im Mezzanin gezeigt werden wird.

Das Haus der Geschichte soll einerseits organisatorisch an die Österreichische Nationalbibliothek andocken, es sollen so „Synergien genutzt werden“. Andererseits soll es aber natürlich einen eigenständigen Direktor, ein eigenes Budget, einen eigenen wissenschaftlichen Beirat und auch einen Publikumsbeirat haben. Der inhaltliche Hauptschwerpunkt des Hauses werde der Zeitraum 1918 bis jetzt sein, jedoch ausgehend von 1848. Ostermayer: „Mit dem Haus der Geschichte in der Neuen Burg, dem Bekenntnis, die Neue Burg und den Standort Heldenplatz neu zu denken, setzen wir ein starkes Signal. Ich bin davon überzeugt, dass es eine wichtige Aufgabe unserer Generation ist, einem möglichst breiten Publikum eine Auseinandersetzung mit der Geschichte Österreichs im europäischen und internationalen Kontext zu ermöglichen.“ Verwiesen wurde auch darauf, dass bereits bei den Eingangsbereichen klar erkennbar sein soll, worum es in den verschiedenen Ausstellungsbereichen der Neuen Burg – Haus der Geschichte, das neue Weltmuseum Wien, die neu präsentierte Sammlung Alter Musikinstrumente, das Ephesos- und das Papyrusmuseum, die Hofjagd- und Rüstkammer und die Österreichische Nationalbibliothek – geht.

Zu den Kosten gibt es keine Angaben, Schätzungen würden erst angestellt. Für alles Weitere werde es einen Architektenwettbewerb geben, bei dem darauf geachtet werden soll, „dass es innovative Vorschläge geben wird“. Am 12. Oktober werden vierzehn Museumsexperten in einer Enquete über den Sinn des geplanten Museums Haus der Geschichte – „Es wird ein Ort der Vernunft, der Reflexion und des Blicks in die Zukunft sein.“ – diskutieren. Als nächster Schritt aber, so Ostermayer, werde eine Änderung des Bundesmuseengesetzes vorbereitet. „Ziel ist, dass wir im November 2018 fertig werden. Dieses Ziel ist extrem ambitioniert.“

Ostermayers Pläne erwecken das Missfallen von FPÖ und NEOS. Beide Parteien orten mit diesem Konzept vergebene Chancen.

www.weltmuseumwien.at

Wien, 9. 9. 2015

Die „Junge Burg“ spielt Heinrich von Kleist

Mai 3, 2013 in Tipps

„Ego Shooter – Michael Kohlhaas“

Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am 5. Mai hat im Vestibül des Burgtheaters eine Produktion der TeilnehmerInnen des TheaterJahrs Premiere: „Ego Shooter – Michael Kohlhaas“. Nach der Novelle von Heinrich von Kleist. Die Erzählung spielt in der Mitte des 16. Jahrhunderts und handelt vom Pferdehändler Michael Kohlhaas, der gegen ein Unrecht, das man ihm angetan hat, zur Selbstjustiz greift und dabei nach der Devise handelt: „Fiat iustitia, et pereat mundus“ („Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“). Was so viel heißt wie, dass bei ihm der Zweck die Mittel nicht mehr heiligt. Oder: Er über’s Ziel hinausschießt. Der historische Hintergrund zu Kleists 1808 veröffentlichtem Text: Das Schicksal von Hans Kohlhase. Der lebte im 16. Jahrhundert als Kaufmann in Cölln an der Spree im Brandenburgischen. Am 1. Oktober des Jahres 1532 begab er sich auf eine Reise zur Leipziger Messe. Auf dem Weg dorthin wurden ihm jedoch auf Geheiß des Junkers von Zaschnitz zwei seiner Pferde abgenommen mit der Begründung, er habe sie gestohlen. Kohlhase versuchte, juristisch dagegen vorzugehen. Vergleichsverhandlungen fanden am 13. Mai 1533 auf der Burg Düben statt, führten jedoch zu keiner friedlichen Beilegung des Konfliktes. Ein Grund bestand vor allem darin, dass der Ritter von Zaschwitz inzwischen verstorben war und seine Erben eine angemessene Entschädigungszahlung verweigerten. Aus diesem Grund erklärte Kohlhase 1534 die Fehde und brannte Häuser in Wittenberg nieder, beging auch weitere Verbrechen. Schließlich wurde er ergriffen und am 22. Mai 1540 in Berlin öffentlich durch Rädern hingerichtet.

Auch Kleists Novelle dreht sich um Vorspiegelung falscher Tatsachen, Amtsmissbrauch, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Auf Kohlhaas’ Weg durch die Instanzen der Justiz wird der klare Fall zusehends trüber, Kohlhaas wird als Querulant beschimpft, die „Suppe sei zu dünn“. Und die Erklärung für die veränderte Rechtslage scheint heute noch so plausibel wie eh und je: an den Schaltstellen der Macht sitzen Tronkas Verwandte, Kohlhaas’ Klage verfängt sich in einem Netz aus Verwandten, Verschwägerten, Eigeninteressen und politischer Rücksichtnahme. Einem Staat, der die Einhaltung der Gesetze nicht gewährleisten kann (oder will?), fühlt sich Kohlhaas nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet. Und bald scharen sich andere Unzufriedene, Benachteiligte und Rechtlose um ihn. Die „gerechte Sache“ wird mehr und mehr zu Unrecht. Kleist verbirgt in seiner Schrift  Kritik an seiner Zeit: an absolutistischem Machtmissbrauch, Willkür und Unterdrückung. Doch auch in Demokratien scheint es mitunter hilfreich, wenn man nicht nur die Gesetze kennt, sondern vor allem – den Richter… In der Regie von Peter Raffalt spielen Anna Hofmann, Amrei Keul, Larissa Semke, Genet Zegay, Aaron Friesz, Johannes Hoff und Noah Saavedra.

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013

Theater Ballhaus Naunynstraße: Interview mit Michael Ronen und Jerry Hoffmann

April 16, 2013 in Bühne

Premiere von „Ich rufe meine Brüder“ in St. Pölten

Am 20. April findet in der Theaterwerkstatt des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten die deutschsprachige Erstaufführung von „Ich rufe meine Brüder“ von Jonas Hassen Khemiri statt. Ein Selbstmordanschlag in Stockholm im Dezember 2010, bei dem der Attentäter starb und zwei Passanten verletzt wurden, diente Khemiri als Ausgangslage für sein Stück. Khemiris Protagonist Amour geht am Tag nach dem Anschlag durch die Straßen der Stadt und sieht sich konfrontiert mit den ängstlichen und ablehnenden Blicken der Menschen auf ihn, seine dunkle Haut, seine schwarzen Haare und Augen. Er telefoniert mit seinen „Brüdern“ und sagt: „Wer sind die Anderen? Es gibt keine Anderen. Es gibt Extremisten auf allen Seiten, die uns weismachen wollen, es gäbe die Anderen. Jeder, der über die Anderen spricht, ist ein Idiot.“ Das Stück entstand im Rahmen des Theaternetzwerks Europe Now. Im Jänner 2013 wird die Uraufführung im Riksteatern Stockholm und Stadttheater Malmö stattfinden. Das Landestheater Niederösterreich präsentiert die Inszenierung als Koproduktion mit dem Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße – das sich den Themen Migration, Rassismus und kulturelle Vernetzung verschrieben hat – und in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater Berlin, wo die Produktion im Herbst 2013 nach der Spielserie in St. Pölten aufgenommen wird. Ein Interview mit Regisseur Michael Ronen und Hauptdarsteller Jerry Hoffmann                                                                      

Jan Walter, Jerry Hoffmann, Marion Reiser, Nora Abdel-Maksoud Bild: Margarita Broich

Jan Walter, Jerry Hoffmann, Marion Reiser, Nora Abdel-Maksoud
Bild: Margarita Broich

MM: Was hat Sie bewogen, diese Produktion zu inszenieren beziehungsweise mitzuspielen?

Michael Ronen: Seit ich für das Ballhaus Naunynstraße in Berlin arbeite, beschäftige ich mich mit dem Thema Solidarität. Das Theater beschäftigt sich ja in erster Linie mit migrantischen und postmigrantischen Anliegen. Shermin Langhoff wollte, dass dieses Stück, in dem es um Mitmenschen mit Migrationshintergrund geht, von mir, dem Enkelkind eines jüdischen Österreichers, der 1935 aus Österreich fliehen musste, das in Israel geboren ist und sich mit seinem jüdischen Erbe beschäftigt, inszeniert wird. Wir alle sind „die Anderen“. Aus politischen Gründen, aus religiösen Gründen, aus „optischen“ Gründen – das herauszuarbeiten, ist mir sehr wichtig. „Ich rufe meine Brüder“ ist für mich ein Ruf nach einer neuen Gemeinschaft, einem neuen Miteinander. Interessant fand ich auch die Form, in der Jonas Hassen Khemiri sein Stück geschrieben hat. Bei uns wird es ein Mix aus Comic, Manga, Film noir, Sin City, Triphop …

MM: Im Stück geht es gar nicht um religiöse Konflikte. Es gibt in Stockholm ein Selbstmordattentat. Und daraufhin fällt jeder, der „so“ aussieht, dunkle Haut, dunkle Haare, hat, unter eine Art Generalverdacht. Da wird eine Kollektivschuld über eine Gruppe Menschen gestülpt. Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Jeder! Denn er kann nur ein Bombenschmeißer sein.

Jerry Hoffmann: Das ist eine Erfahrung, die ich auch schon machen musste. Insofern verstehe ich die Figur Amor, den Protagonisten des Stücks, den ich darstelle. Ich bin gebürtiger Hamburger, mein Vater kommt aus Ghana. Neulich am Flughafen Zürich wurde ich aus der Warteschlange geholt werde und mein Gepäck wurde untersucht. Andererseits ist es lustig, dass Ober – wie hier im Cafe Landtmann – mir automatisch eine englischsprachige Speisekarte geben und Michael eine in Deutsch. Obwohl er kaum Deutsch spricht. Man wächst auf und sieht sich mit Vorurteilen konfrontiert. Das ist auch etwas, womit wir in dieser Inszenierung spielen: Gibt es diesen Generalverdacht – oder ist er nur eine Einbildung der Betroffenen – in diesem Fall Amor, der sich ungerecht behandelt fühlt, der Solidarität unter seinen „Brüdern“ sucht und nicht findet, und mit der Ohnmacht, der Trauer, der Wut ringt, nichts dagegen tun zu können.

MM: Ist es so, dass Migranten der dritten Generation immer noch nicht als vollwertige Staatsbürger wahrgenommen werden?

Ronen: Ja, das hat sich nicht verändert. Nicht in Schweden, nicht in Deutschland, nicht in Österreich, nicht in Großbritannien. Dort ist man zwar Commonwealth-Staatsbürger, aber nicht „british“. Das ist ja, was Amor so wütend macht, dass er nicht wirklich dazugehört zu den Schweden. Dabei können Migranten eine Kultur sehr bereichern, neue Einflüsse einbringen, die ganze Textur eines Landes verändern. Das ist natürlich die Vision, der Traum vom Ballhaus. Wir machen Revolution mit Kunst und Liebe und Internationalität.

MM: Glauben Sie, dass Stücke, wie die von Khemiri, die Menschen zum besseren Verständnis füreinander bringen können?

Ronen: Theater ändert die Realität nicht. Sagt man. Als Regisseur und Darsteller hoffe ich aber, dass das intime Treffen mit einem Publikum doch was erreichen kann …

Hoffmann: Ich glaube, dass Theater oder Filme in den Köpfen etwas in Bewegung setzen können! Eine Idee, eine Vorstellung davon, dass man ein Problem vielleicht auch von einer anderen Seite andenken, beleuchten kann.

Ronen (grinst): Jerry hofft auf ein politisches Nachbeben in St. Pölten.

MM: Fühlen Sie beide sich als Kinder zweier Kulturen?

Hoffmann: Ich bin  in Deutschland geboren, aufgewachsen. Die Frage nach „meinen Wurzeln“, „meiner wirklichen Heimat“ wird mir dennoch regelmäßig gestellt.

Ronen: Home is where your heart is!

MM: Khemiri hat dieses Stück 2010 geschrieben, bevor der Amoklauf vom rechtsradikalen Anders Breivik Skandinavien erschütterte. Kam damit ein Umdenken? Oder ist es trotzdem immer noch von Vorteil „blond und blauäugig“ zu sein?

Ronen: Natürlich ist es besser blond und blauäugig zu sein. Es war seltsam, seine Begründung für seine Tat zu hören. Aber an den Vorurteilen oder auch nicht Vorurteilen in der Bevölkerung hat das nicht geändert. Ein: Einer „von uns“ kann so etwas auch machen, kam da nicht. Ich kenne das auch aus dem nationalistischen Israel. Ich bin in Tel Aviv aufgewachsen mit der Angst, in jeden Bus, in jedes Eiscafe könnte sich ein Selbstmordattentäter eingenistet haben. Täglich Terror! Ich verstehe den Punkt, den wir im Stück ansprechen, dass Angst die Menschen zusammenschweißt total. Angst vor dem Anderen, dem Fremden, dem, was man nicht versteht. Das kenne ich.  Aber die Welt wird lernen müssen, mit dieser Angst umzugehen. Denn diese Angst schafft Totalitarismus. Diese Angst spielt gewissen Politikern und dem Militär in die Hände. Was in den USA nach 9/11 passiert ist, ist Wahnsinn: Menschen willkürlich festnehmen, wegsperren, foltern. Wir hören nur aus weiter Ferne, was sich dieser Tage in Guantanamo ereignen soll. Denn die Öffentlichkeit darf nichts hören, nichts sehen, nichts wissen … Auch darum geht es in „Ich rufe meine Brüder“. Amor hat ja seine Gymnasiumsclique verloren, weil eben nun jeder etwas studiert, ein Teil seiner Familie ist nach Tunesien zurückgegangen, um mit Ferienhäusern für Touristen Geld zu verdienen, sein bester Freund hat Frau und Kind. Amor ist einsam. Auch er hat Angst.

MM: Im Stück gibt es einige Szenen, die man mit Humor inszenieren könnte. Etwa, wenn die „Attentäter“ üben unauffällig normal zu gehen. Oder Amor in den Schlüsselsituationen seines Lebens am Telefon ständig von einer Tierschutzorganisation belästigt wird, sein Anruf bei seiner schwedischen Oma. Eine Frage an den Regisseur: Werden wir auch lachen?

Ronen: Ich hoffe das wirklich! Unser Familienname in Österreich war ja Fröhlich.(Er lacht.)

MM: Ist Amor der Attentäter?

Ronen: Ja, das ist die Frage! Ich denke, dass das jeder für sich entscheiden sollte. Khemiri hat das Stück so geschrieben, dass jeder mit seinen eigenen Bildern im Kopf aus dem Theater gehen kann, gehen soll!

MM: Für uns alle wurde doch der Abrahamsbund geschlossen. Warum können wir nicht Leben und Leben lassen? Warum stören sich die einen an einem Kopftuch und die anderen an einem Bikini?

Ronen: Weil Kolonialismus, Faschismus, Totalitarismus für ihre Machtkonzepte ein Feindbild aufbauen mussten und müssen. Nur, wenn ich „draußen“ einen künstlichen Konflikt schaffe, kann ich von Problemen im Land ablenken. Leider gehen immer noch zu viele Menschen solchen „Führern“ auf den Leim. Du und ich und Jerry und der Kellner und der Busfahrer, der uns hergebracht hat, WIR kommen doch großartig miteinander aus.

Zu den Personen: Jonas Hassen Khemiri wurde 1978 in Stockholm als Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers geboren. Er studierte Wirtschaft und Literatur in Stockholm und Paris. Bereits 2003 machte er mit seinem Debütroman „Das Kamel ohne Höcker“ auf sich aufmerksam, für den er den renommierten Borås Tidnings Debütpreis bekam. Dem Folgeroman „Montecore“ wurde 2006 der Per-Olov-Enquist-Preis zuerkannt. Als Dramatiker trat er erstmals 2006 mit „Invasion!“ am Stadttheater in Stockholm in Erscheinung. „Invasion!“ wird derzeit von der „Jungen Burg“ im Burgtheater-Vestibül gezeigt (nächste Termine: 19. und 21. April). 2008 präsentierte Khemiri „God Times Five“, sein zweites Theaterstück. Diesem folgte „We Are A Hundred“, das 2009 am Stadttheater in Göteborg uraufgeführt wurde und den HEDDA Award for best play 2010 erhielt. Inzwischen werden Khemiris Stücke im gesamten deutschsprachigen Raum zahlreich gespielt.

Die Regie von „Ich rufe meine Brüder“ übernimmt Michael Ronen, Hausregisseur am Ballhaus Naunynstraße. Michael Ronen,geboren 1982 in Jerusalem als Enkelkind österreichischer Einwanderer, studierte Regie an der London Academy of Music and Dramatic Arts, wo er 2006 das Künstlerkollektiv Conflict Zone Arts Ayslum gründete. Am Ballhaus Naunynstraße war Michael Ronen bereits an zahlreichen Produktionen beteiligt. 2010 inszenierte er die Science-Fiction-Komödie „Warten auf Adam Spielman“ von Hakan Savas Mican und 2011 Perikızı von Emine Sevgi Özdamar.

Darsteller des Amor ist Jerry Hoffmann. Er wurde 1989 in Hamburg geboren. Er studierte Schauspiel zunächst an der Otto-Falckenberg-Schule in München und wechselt dann an die Universität der Künste Berlin. Sein Filmdebüt gab er 2009 mit der Darstellung des Samir in dem Kinofilm „Shahada“. Seit 2011 ist er neben Martin Wuttke an der Volksbühne Berlin in „Schmeiß dein Ego weg“ von René Pollesch zu sehen. Das Serientestemonial „Wir sind wieder wer“ (u.a. mit Heiner Lauterbach, Regie Thomas Stuber) gewann 2012 den No Fear Award beim deutschen Nachwuchspreis First Steps. 2012 drehte er den TV-Mehrteiler „Zeit der Helden“ unter der Regie von Kai Wessel. Außerdem ist er als Sprecher für Hörbuch, Hörspiel und Synchron tätig. 2013 wurde er für den Berlinale Talent Campus ausgewählt.

www.landestheater.net

www.burgtheater.at

www.ballhausnaunynstrasse.de

www.gorki.de

Michael Ronen hat außerdem ein Internetprojekt, in dem er Orte mit ihren Geschichten verbinden will: www.capsuling.me

Von Michaela Mottinger

Wien, 16. 4. 2013