Burgtheater: Ingolstadt

September 5, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Die Wasserschlacht der jungen Wilden

Jan Bülow, Tilman Tuppy und Lukas Vogelsang. Bild: © Matthias Horn

„Ingolstadt“ in der Inszenierung von Ivo van Hove ist von den Salzburger Festspielen ans Burgtheater übersiedelt, und liest man die Rezensionen von der Perner-Insel, waren die KollegInnen entweder in einer anderen Aufführung oder es wurde an dieser im August noch intensiv gearbeitet. Selten jedenfalls sieht man scheinbar somnambule Schattengeschöpfe zu solch Scheusalen mutieren und derart unvermittelt in Gewalt ausbrechen, dass es beim Betrachtenden ein geradezu körperliches Unwohlsein auslöst. Ein enthemmter Totschlag, ein grausames Waterboarding, die unerbittlichen Vergewaltigungen – und das alles sehr sorgsam in Szene gesetzt.

Auf emotionale Implosion folgt die Explosion, man spürt die vom kalten, katholischen Generalgewissen diktierte Scham, die Sehnsucht, sich aus einer fatalen Herkunft emporzuziehen, spürt das vorprogrammierte Scheitern, die Wut im Bauch mit voller Wucht am eigenen Leib. Zur Wasserschlacht der jungen Wilden gilt es fünf neue Ensemblemitglieder zu begrüßen: Dagna Litzenberger Vinet als Alma, Maximilian Pulst als Korl, Jonas Hackmann als Fabian, Lukas

Vogelsang als Christian und Julian von Hansemann als Rosskopf – und wer fragt, wie sich dieser Figurenreigen ineinanderfügt: Nun, Koen Tachelet hat Marieluise Fleißers Stücke „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ zu einem gemacht, das erste aus dem Jahr 1924 von der Kritik hochgelobt, Fleißers Debütschauspiel über das Rudelgesetz unter Gymnasiasten und deren Umgang mit Ausgestoßenen, das zweite 1929 von Bert Brecht erzwungen und „bearbeitet“, weil sie den Ton hatte, den er nicht finden konnte, weil er sich via Theaterskandal einen Namen als Rebell und Erneuerer machen wollte.

Toxische Männlichkeit allüberall – von der Entstehungsgeschichte des Werks bis zum Inhalt der „Komödie“: Küstriner Soldaten sind für den Bau einer Holzbrücke in Ingolstadt stationiert, was die Dienstmädchen Berta und Alma auf Liebespfaden wandeln lässt, wobei die Almas durchaus ins Professionelle führen. Das Ineinander-Fließen-Lassen der beiden Texte wirkt dank Tachelet bemerkenswert selbstverständlich und vollkommen logisch. In dichten Dialogen erzählt er tatsächlich beide Stücke parallel. Szenen werden wechselweise gespielt und bleiben überwiegend im Original. Gelegentlich greift sogar das Personal des einen Stücks in das andere ein. Der harte Kerl Peps ist ein Kumpel vom mit seinem Vater hadernden Elegiebürscherl Fabian und beide per Outfit ausgewiesen als Provinz-Rocker, Olga kann sich nur mit letzter Kraft vor den sexhungrigen Pionieren retten, der sinistre, undurchschaubare Protasius taucht mal in der Gruppe auf, mal in jener unter.

Für diese dysfunktionale Gesellschaft, in der Verschlossenheit und Verstocktheit die Verletzlichkeit kaschieren, hat Bühnenbildner Jan Versweyveld eine Wasserlandschaft mit gefährlichen Tiefen zum Ertrinken und Ertränken erdacht („Fegefeuer“ sollte ursprünglich „Die Fußwaschung“ heißen), dazwischen kleine Inseln, darüber bunte Lichterketten wie beim immerwährenden Volksfest, an drei Seiten Weltspiegelwände, manchmal auch eine Leinwand für Videoprojektionen und giftgrüner Nebel, dazu Türme mit Megafonen, die unangenehm an Lager erinnern, ein Nährboden für Feinseligkeiten, ein Flickwerk aus Hindernissen und Abgründen. Zum Beginn im Sonnenuntergang sagen alle brav knieend das Glaubensbekenntnis auf, zum Schluss das Vater unser, dazu dezent irrlichternde Choräle.

Der Abend beginnt mit der von Peps schwangeren Olga, Marie-Luise Stockinger ruppig und Tilman Tuppy rabiat, die bei der Engelmacherin schnell das Weite gesucht hat. Das wiederum hat der, weil er einem Hund die Augen ausgestochen hat, von der Schule expedierte Roelle gesehen, der Love Interest Olga nun mit seinem Wissen über den „Widersacher“ in ihrem Uterus (so Olga über den Fötus) zu erpressen sucht. Roelle hält sich selbst für einen Heiligen, erzählt leider den falschen Leuten, dass ihn die Engel besuchen, weshalb er hier nicht von den Mitschülern, sondern von den Pionieren gefoltert wird – und Jan Bülow ist grandios als creepy Schmerzensmann, der die Augen bis zum nur noch Weißen verdreht, wenn die himmelschreiende Ungerechtigkeit ihn demütigt.

Lukas Zach, Julian von Hansemann, Oliver Nägele, Etienne Halsdorf und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Der Schmerzensmann und seine Mater dolorosa: Jan Bülow und Elisabeth Augustin. Bild: © Matthias Horn

Jan Bülow, Rainer Galke als mysteriöser Protasius und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Marie-Luise Stockinger, Pioniere (M.: Gunther Eckes) und Dagna Litzenberger Vinet. Bild: © Matthias Horn

Nicht weniger durchdringend die nächste Niedertracht, diesmal die von Maximilian Pulst als Pionier Korl Lettner, dem sich die Berta von Lilith Häßle an den Hals wirft, obwohl die jungfräuliche Hausgehilfen nach dem Willen des Hausherrn eigentlich Fabrikantensohn Fabian Unertl, so sensibel wie gereizt: Jonas Hackmann, zum Mann machen soll. Korl warnt Berta vor wahrer Liebe: „Da kann ich bös sein, wenn eine gut zu mir ist. Die Frau wird von mir am Boden zerstört, verstehst.“ Und so geschieht es auch.

In den Ingolstädter Stücken spielen drei Machtstrukturen eine Rolle: Hier die subtileren von Patriarchat und Kirche als Beschleuniger der Katastrophe, dort die durchschaubare, aber nicht minder wirkungsvolle Hierarchie des Militärs. Zwei Systeme, zwei Mal Zwangsjacken. Sie dominieren das soziale Leben und verlangen Unterwerfung für die sittliche Säuberung und den Schutz, den sie dadurch bieten. Im fliegenden Wechsel der Allianzen, zwischen all den imaginiert-seelischen und tatsächlich messerscharf gezückten Waffen findet niemand seinen Platz. Fleißer will das nicht analysieren, sie will zeigen, wie sogenannte moralische Richtlinien eine Gemeinschaft wie mit Säure zersetzen, wenn der einzelne den Geboten und Verboten nicht standhalten kann. Tachelet und van Hove folgen der Dramatikerin auf diesem Weg – oder um den ihr so unlieb gewordenen Brecht zu bemühen: der Vorhang zu und alle Fragen offen.

„Alma“ Dagna Litzenberger Vinet versucht sich als Nachwuchs-Prostituierte, um der modernen Sklaverei einer Dienstmagd in die fragwürdige „Freiheit“ zu entschlüpfen, wird vom großartig von Gunther Eckes verkörperten Münsterer und vom Rosskopf des Julian von Hansemann bedrängt, schließlich vom Feldwebel genommen und ausgenommen. Der Druck steige immer von oben nach unten, vom General zum Major zum Hauptmann, „je mehr nach unten, desto reißender wird der Zorn, desto mehr wirkt er sich aus“, hält der lapidar fest und kommandiert ein „Rechts um!“ Bierzeltstimmung, aktuelle Wahlkampf-Atmosphäre herrscht im Menschenzirkus der Monstrositäten, der Wutbürger und Verschwörungstheoretiker. Beunruhigend ist das: Der Wiedergänger Ingolstadt ist immer und überall – beim ersten Mal dauerte der Albtraum Jahre, binner derer man hierzulande und beim Nachbarn diese dreckig-gärende Brühe auschwitzen musste.

Lili Winderlich und Lukas Vogelsang. Bild: © Matthias Horn

Maximilian Pulst und Lilith Häßle. Bild: © Matthias Horn

Jonas Hackmann und Dagna Litzenberger Vinet. Bild: © Matthias Horn

Die Jungs, die Gang um Peps und Fabian, dabei auch Lukas Vogelsang als Olgas Bruder Christian, klaut der Armee Holz für die Ausbesserung des eigenen Badestegs, der Feldwebel beschuldigt Korl und seine Mannen, der will aus Roelle-Pendant Fabian ein Geständnis erpressen. „Das alles geht dich gar nichts an“, erläutert der brutal auftrumpfende Münsterer seinem Opfer. „Aber das wär grad für dich was, und dass lass ich jetzt an dir aus.“ Die einzige Funktion von Gewalt besteht darin, sie weiterzugeben. Alldieweil dämmert der auf Olga eifersüchtigen Clementine, Lili Winderlich mit Vernaderer-Gen, dass das Schicksal der Schwester nichts weniger als die Ächtung durch die Gemeinde bedeutet.

Währenddessen schauen die Pioniere dem verhassten, weil seine Macht missbrauchenden Feldwebel beim Untergang in den Donaufluten zu. Als dieser Kommisskopf brilliert Oliver Nägele, sowie als Olgas Vater Berotter, der sich vor den Befindlichkeiten seiner Kinder in Ohnmachten rettet, und als Geschäftsmann Unertl, der mit dem selber früher oft gehörten Satz, die neue Generation wisse gar nicht wie gut’s ihr gehe, die Meinung der Altvorderen in Ingolstadt zusammenfasst. Zu diesen gehört auch die famose Elisabeth Augustin als Roelles Mutter, eine ihn unterdrückende, ihn dirigieren wollende Mater dolorosa. Die Szenen zwischen Augustin und Bülow gehören mit zu den besten, ebenso die Erscheinungen von Rainer Galke als Agent Provocateur Protasius, der den „vom Teufel besessenen“ Roelle einem Doktor überantworten will – und honi soit, der da an einen mit den Initialen J.M. denkt.

Weder Tachelet noch van Hove haben aus dem Blick verloren, dass Fleißer aus weiblicher Perspektive erzählt – und sie haben dafür die richtigen Mitstreiterinnen. Dagna Litzenberger Vinet, Lilith Häßle, Lili Winderlich und Marie-Luise Stockinger fegen mit ihrem psychischen wie physischem Leid, ihrer Verachtung, ihrer Wucht, ihrem Trotz, ihrer sprachlichen Präzision alle an die Wand. Und doch finden sie kein Glück. Das ist die bitter-ernüchternde Wahrheit von „Ingolstadt“. Zum Ende seiner emphatisch-energetischen Schauspielleistungen stellt sich das Ensemble im Gegenlicht zum Chor auf. „Ein Lied!“ fordert der nächste Feldwebel, der in Gestalt von Oliver Nägele der alte ist. Und die Meute singt:

Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel
Weil wir so brav sind, weil wir so brav sind
Das sieht selbst der Petrus ein
Er sagt: „Ich lass‘ gern euch rein“
Ihr ward auf Erden schon die reinsten Engelein …

Teaser: www.youtube.com/watch?v=K4mJ5AM7Pqo           www.burgtheater.at

5. 9. 2022

Burgtheater: Die Edda

Oktober 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Heidenspaß mit Göttern, Monstern, Helden

Das Selbstopfer Odins: In der Rolle des Allvaters hängt sich Markus Hering an Yggdrasil, den Weltenbaum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Stimmung, die Stimme ist hypnotisch. Beschwörend erbietet sie Ehrfurcht den göttlichen Geschlechtern Heimdahls und dem Allvater, bevor sie erzählt, wie er, Odin, die Menschenwelt Midgard schuf, den Eschenholz- mann Ask und die Ulmenfrau Embla, wie er sich zur Erlangung von Weisheit und Wissen erst am Weltenbaum Yggdrasil erhängte, bevor er an Mimirs Quelle ein Auge dafür gab. Nebel wabert von der Bühne übers Publikum, das Licht ist schwefelgelb-fahl, als Elma Stefanía Ágústsdóttir in isländischer Sprache die Völuspá, die Weissagung der Seherin, spricht.

Ihr deutschsprachiges Pendant Dorothee Hartinger als die Völva rezitiert sie ihr nach. Und noch während die beiden sich in Rage reden, werden sie schon vom Fenriswolf der Stacyian Jackson umschlichen, dieser ein Symbol fürs Ende, wird doch seine Entfesselung dereinst die Ragnarök beginnen lassen. Auftritt der Nornen, der Schicksalsfrauen, Andrea Wenzl als vergangenes Fatum Urd, Marie-Luise Stockinger als die gegenwärtig werdende Verdandi und Mavie Hörbiger als zukünftige Schuld Skuld, und auch sie sind um beängstigende Prophezeiungen nicht verlegen.

Langsam, die Unsterblichen haben bekanntlich alle Zeit der Ewigkeit, befestigen die Bühnenarbeiter Yggdrasil am Schnürboden. „Wisst ihr, was das bedeutet?“, schreien die Schauspielerinnen immer wieder in den Zuschauerraum, und, ja, man weiß es. Weil die isländischen Theaterschaffenden, Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson und Autor Mikael Torfason, zweiterer nunmehr Wahlwiener, seit seine Frau Elma Stefanía Ágústsdóttir von Martin Kušej ans Burgtheater engagiert wurde, es verstehen, die nordischen Mythen einfach verständlich und ergo zugänglich zu präsentieren.

Die Kinder des Loki: Marta Kizyma, Stacyian Jackson, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Musiker Gabriel Cazex. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Nornen: Marie-Luise Stockinger, Mavie Hörbiger, Andrea Wenzl mit Dorothee Hartinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Entsprechend wurde „Die Edda“ gestern, bei der Premiere der Wiener Fassung, gefeiert, diese – entgegen der preisgekrönten Inszenierung aus Hannover – angereichert um Torfasons mit hiesigen Darstellern erarbeiteten Texten, aber gleichbleibend hintersinnig und humorvoll. Diese Edda mit ihren verblüffenden Bildern, wunderbaren Liedern, starken schauspielerischen Leistungen und, ja: abyssischen Einsichten, wirkt als Einstiegsdroge ins Epos lange nach. Das feierliche Pathos des großen Ganzen konterkarieren Arnarsson und Torfason mit schrulligen Miniaturen, Dietmar König macht sogar auf Sekundärliteratur-Erklärbär.

Oder mit Backstage-Situationen, bei denen die Bühnenarbeiter ebenso ins Geschehen eingebaut werden, wie eine sichtlich verdutzte Maskenbildnerin. Arnarsson setzt auf die hohe Professionalität seines Casts, die ihrerseits ganz aus dem Geist der Improvisation entsteht. Auf konvulsivische Verzweiflung folgt gefakte Freundschaft folgt die gegenseitige Verarsche der Götter, denn alles ist hier Lug und Trug – bis mitten unter den sich tummelnden Riesen, Zwergen, Monstern, plötzlich Markus Hering als Mikael einen Torfason-Monolog auf dessen Vater Torfi Geirmundsson hält.

Der als Zeuge Jehovas dem Sohn die lebensrettende Bluttransfusion verweigerte, von den Ärzten aber ausgetrickst wurde, und, als ein fix vorhergesagter Weltuntergang nicht stattfand, zur alten Island-Religion und zum Alkoholismus wechselte. Schließlich seien die Protagonisten der Edda allesamt stramme Säufer. Es ist dies der Gänsehautmoment, wenn die Aufführung derart die Familiengeschichte des Schriftstellers mit der historischen Schrift verbindet, sein persönliches Wohl und Wehe mit dem aller existierenden Wesen verknüpft. Es scheint, als würde der ins Unendliche wabernde, sich selbst umschlingende Sagenstoff durch diesen nur allzu menschlichen Einschub geerdet.

Baldur und Loki: Jan Bülow und Markus Hering, hinten: Marie-Luise Stockinger als Thor. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Marie-Luise Stockinger spielt Thor und seine um ihre Haarpracht beraubte Frau Sif. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Ein Dutzend Akteure schlüpfen in Arnarssons und Torfasons Edda-Kaleidoskop in bis zu drei Charaktere, mal schnoddrig, mal souverän auftretend, schart man sich um Odins Galgenbaum, als dieser hangelt sich Markus Hering anfangs von dessen Stamm zu seinen Stämmen herab. Unter der Leuchtröhrenwalze von Bühnenbildner Wolfgang Menardi erstrahlen Dorothee Hartinger als Frigg, Andrea Wenzl als Freyja, Jan Bülow als ihr Bruder Freyr, später als Baldur. Hering und Hartinger sind in Anatomie-Bodysuits auch die ersten Midgard-Bewohner Ask und Embla, und unternehmen als solche einen dialogischen Ausflug zu Adam und Eva.

Ein ironisches Geplänkel um den Biss in den Apfel, ein Querverweis auf den einen Urquell, aus dem offenbar alle Schöpfungsgeschichten sich ergießen, dies wohl ebenso zu deuten, wie das hintergründige Hereinschieben der Lupa Capitolina, alldieweil an der Rampe Odin gegen Freyja kämpft, Andrea Wenzl als aufmüpfige Vanin, die von den Asen nicht an den Riesen Thrymur, auch in dieser Rolle: Dietmar König, verheiratet werden will. Marie-Luise Stockinger spielt sowohl Thor, als auch dessen Ehefrau, die schöne Sif, die Gattin wie der Donnergott aber bald glatzköpfig, nachdem Loki der Sif ihre goldblonde Haarpracht geklaut hat.

„Alufolie“, brüllt der mit explosivem Temperament ausgestattete Thor den mit einem silbernen Glitzeranzug angetanen Loki an – Florian Teichtmeister als Verschlagenheit in Person, der sich nichtsdestotrotz im Wortsinn von Gott und der Welt missverstanden fühlt. Seine drei mit der Riesin Angrboda gezeugten Monsterkinder zeigen in den fantastischen Kostümen von Karen Briem Elma Stefanía Ágústsdóttir als Hel, Stacyian Jackson als Fenriswolf und Marta Kizyma als Midgardschlange. Zwischen Tragi- und -komik, von archaisch zu anarchisch zu aberwitzig, changieren die Edda-Episoden, die das Ensemble zum Besten gibt:

Dietmar König, Teichtmeister, Kizyma, Stockinger, Jackson, Ágústsdóttir, Bülow, Hörbiger und Hering. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Odin bekämpft Freyja, die Bühnenarbeiter bewegen die Lupa Capitolina: Andrea Wenzel vs. Markus Hering. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Odins schmerzhafte, per Speer durchgeführte Entfernung seines linken Auges für einen Schluck aus Mimirs Brunnen. Lokis in Heiterkeit scheiternder Versuch, die Zwerge zu überreden, Sif neue Locken aus Echtgold zu gießen. Die nur durch Heimtücke gelungene Fesselung des Fenriswolfs, für die Kriegsgott Tyr eine Hand verlieren muss. Baldurs Ermordung mit einem Mistelzweig, den seine Mutter Frigg vergessen hat, um Gnade für den Sohn zu bitten – worauf der strahlende Lichtgott mit christlicher Sonnenkrone neugeboren erscheint. Dass der „rote Faden“, der auf der Bühne von Hand zu Hand gereicht wird, dick wie ein Seil ist, verwundert nicht.

Köstlich ist vor allem der sprachliche Schlagabtausch zwischen Teichtmeisters Loki und Stockingers Thor, die zwischen hohem Ton und scharfzüngigem Slang switchen. Wie aber Teichtmeister Lokis Hass auf die Verwandtschaft „hechelt“, wie er dessen Bestrafung durch das Gift einer Schlange gestaltet, da zeichnet er den sinistren Spaßvogel, den gewandten Gestaltwandler mit einer dramatischen Tiefe aus, die ihn zum Dreh- und Angelpunkt der Produktion erhebt.

Wenzls Fruchtbarkeitsgöttin Freyja wirft sich den Männern lustvoll an den Hals, nur um sie später ins Unglück zu stürzen. Mavie Hörbiger verstört auch als Riesin Elli, sie das Alter schlechthin, das sogar Thor bei einem Ringkampf in die Knie zwingt. Alles an dieser Edda ist Jonglage, Persiflage, Slapstick und Sarkasmus rund um die andauernden Themen des Werden, Wachsen und Vergehen, weshalb aus dem Heidenspaß mit Helden schnell tödlicher Ernst werden kann. Als nach der Pause der kahle Weltenbaum von einem Baugerüst umstellt ist, und Musiker Gabriel Cazes „My Body Is A Cage“ von Arcade Fire intoniert, ist der Weg endgültig frei für wilde Assoziationen über Willen, Zwang und Fügung. Die Figuren turnen am Gerippe des Lebens, das Gute wie das Böse, Baldur wie Loki, sind wie auch die Welt zum Untergang verdammt. Der Stammbaum der Götter fällt im Schnee zusammen – und so beginnt das Spiel von Neuem.

www.burgtheater.at

BUCHTIPP: Wissen, wo der Hammer hängt – Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35531

  1. 10. 2019

Akademietheater: Vögel

September 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus dem Burg- wird nun ein Internationaltheater

Die gar nicht liebe Familie: Eli Gorenstein als Großvater Etgar, Sabine Haupt als Mutter Norah, Markus Scheumann als Vater David, Jan Bülow als Eitan Zimmermann und Yousef Sweid als Rabbi. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Er hat es bereits vor Amtsantritt angekündigt, und Martin Kušej setzt sein weltoffenes Ansinnen, das Burg- von Österreichs Nationaltheater zum Internationaltheater zu machen, mit der zweiten Premiere seiner Intendanz auch schon um: Am Akademietheater zeigt der in Israel geborene Regisseur Itay Tiran, er in dieser Funktion sowie als Schauspieler neues Ensemblemitglied, Wajdi Mouawads „Vögel“ als Österreichische Erstaufführung.

Das aktuelle Erfolgsstück des frankokanadischen Schriftstellers libanesischer Herkunft, der in Wien spätestens seit „Verbrennungen“, 2007 am Akademietheater, bekannt ist, ist der perfekte Stoff für Kušejs Idee des Kosmopolitischen, ereignet es sich doch auf drei Kontinenten, in den vier Sprachen Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch, und die Schauspieler switchen zwischen ihnen, dass vom von manchen gefürchteten babylonischen Sprachgewirr keine Rede sein kann. Dazu hat Bühnenbildner Florian Etti die notwendigen Übertitel so ins Setting integriert, dass ein einfaches Mitlesen möglich ist.

Eitan und Wahida wollen nur ihre Liebe beschützen: Jan Bülow und Deleila Piasko. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Doch Eitan wird in Israel bei einem Attentat schwer verletzt: Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Mouawad erzählt in „Vögel“ vom konfliktträchtigen Aufeinandertreffen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion, genauer gesagt: Er schildert die Verwerfungen des Nahostkonflikts anhand dreier Generationen einer jüdischen Familie, die Vererbung des Shoah-Traumas an die Nachkommen – und die Ausweglosigkeit bei der Suche einer friedlichen Lösung mit den Palästinensern. Itay Tiran nennt seine Inszenierung im Interview mit der Bühne ein „Identitäts-Experiment“, und tatsächlich steht über allem die Frage, wer diese zu definieren und über sie zu bestimmen hat. Gruppenidentität sei das Grundübel der Menschheit, heißt es dazu an einer Stelle.

Cast und Crew sind Kinder vieler Länder, in der Mehrzahl kommen sie aus Österreich, Deutschland, Palästina und Israel. Und so spielt die arabisch-israelische Salwa Nakkara die Israelin Leah Kimhi oder Deleila Piasko, Tochter einer Schweizer jüdischen Familie, die Araberin Wahida. Jan Bülow und Markus Scheumann gestalten, oft auch Hebräisch sprechend, die Rollen des Eitan Zimmermann und seines in Berlin lebenden Vaters David, jene Figur, als die Itay Tiran am Schauspiel Stuttgart selbst auf der Bühne stand. Der hochbegabte Genetikstudent Student Eitan bändelt also in der New Yorker Universitätsbibliothek mit der Geschichtestudentin Wahida an.

Das Buch, das sie liest, sagt er, fasziniert ihn, dieses das Thema ihrer Doktorarbeit, dessen Protagonist Hasan al-Wazzan, im späten 15. Jahrhundert in Granada geboren, später Diplomat des Sultans von Marokko, noch später, 1518, von Piraten im Mittelmeer gefangen genommen und Papst Leo X. zum Geschenk gemacht. In Natalie Zemon Davis‘ Buch „Trickster Travels“ ist nachzulesen, wie der Pontifex sich rühmt, den Muslim zum Christentum gebracht zu haben, doch ist ungewiss, ob der nunmehrige „Johannes Leo Africanus“ den fremden Glauben nicht nur zum Schein angenommen hat. Als Ikone kultureller Verflechtung ist al-Wazzan mit seinem lebenslangen Bemühen, den Europäern einzubläuen, dass die islamische Welt kein Satansort ist, jedenfalls der psychologische Überbau von Mouawads Gesellschaftsdrama.

Eitan eröffnet seinen darob entsetzten Eltern, dass er mit der US-arabischen Wahida lebt: Markus Scheumann und Sabine Haupt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die geschiedenen Großeltern hüten seit Jahrzehnten ein Geheimnis: Eli Gorenstein und Salwa Nakkara als Leah Kimhi. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Der nerdige Mansplainer Eitan, von Bülow in Anbetracht seiner Eigenheiten mit etwas Overacting angelegt, wird wirklich die große Liebe der attraktiven Wahida, und so reist er zu seinen Eltern nach Berlin, Vater David, seinerseits Sohn des Holocaust-Überlebenden Etgar und als solcher schwer erkrankt am Überlebensschuld-Syndrom, und die von Sabine Haupt dargestellte Mutter Norah, Tochter jüdischer Kommunisten aus der ehemaligen DDR. David hat zu Arabern die einschlägig bekannte Meinung, beim gemeinsamen Abendessen donnert er sein Veto gegen diese Verbindung, und bekundet Norah, wiewohl Verständnis für die Gefühle ihres Sohnes habend, dass sie sich nie gegen ihren Mann stellen wird, wogegen Großvater Etgar verzweifelt versucht, die Wogen zu glätten.

Eli Gorenstein gibt diesen liebenswert-eigenwilligen Charakter, der israelische Schauspieler, Regisseur, Sänger und Cellist, der in seiner Heimat sowohl als böser Scar im „König der Löwen“ als auch mit seiner Interpretation von Frank-Sinatra-Songs ein Star ist, ist mit seinem Changieren zwischen der Last der Vergangenheit und den Auseinandersetzungen der Gegenwart das darstellerische Highlight der Aufführung. Indes kommt Eitan einem Familiengeheimnis auf die Spur, ist doch David nicht der, der er selber zu sein glaubt, sondern augenscheinlich ein Sohn des von ihm so deklarierten „Untermenschenvolk“. Um das zu verifizieren reist Eitan mit Wahida nach Israel, wo er seine Großmutter sehen will, die sich, eben damit dieses Geheimnis nicht aufgedeckt wird, vor Jahrzehnten von Etgar trennte und ihn und David nach Europa drängte.

Salwa Nakkara macht aus dieser Leah Kimhi erst sozusagen des Teufels Großmutter, eine zynische, streitsüchtige, ihr Umfeld verschreckende Frau, zumindest bis sich die Schleier über den Geschehnissen lüften. Und während Wahida in Israel allmählich ihr verdrängtes arabisches Ichbewusstsein wiederentdeckt, wird Eitan Opfer eines Terroranschlags, auf den Tod verletzt liegt er im Krankenhaus, und Leah muss sich mit der Sippe in Deutschland in Verbindung setzenVerpackt hat Autor Wajdi Mouawad das alles in der Form eines subtil humorvollen Konversationsstücks, und Itay Tiran bedient gekonnt die Mechanismen dieses Well-made Play. Für die fließenden Übergänge von Ort und Zeit sorgen vier verschiebbare Quaden, auf die Videos von Yoav Cohen, atmosphärische Vogelmuster, Nachrichten- und Propagandabilder, denn selbstverständlich lässt Mouawad Sabra und Schatila nicht unerwähnt, Stadtkulissen, und eben die Schriften projiziert werden.

Nadine Quittner als lesbische Soldatin Eden mit Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Übertitel sind ins Bühnenbild integriert: Deleila Piasko und Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Neben Markus Scheumann als dauermürrischem, alles Nichtjüdische ablehnenden David, dessen historische und gegenwärtige Feindbilder letztlich Synonyme seiner zutiefsten Seelenverletztheit sind, und Sabine Haupt als zwischen nervös flirrend und leicht hysterisch schwankender Norah, spielt Nadine Quittner die lesbische Soldatin Eden, die eine Leibesvisitation Wahidas zu deren Vergewaltigung macht, und Yousef Sweid den Wazzan und einen Rabbi. Deleila Piasko und Jan Bülow sind ein zu Herzen gehendes „Die Schöne und das Biest“-Paar. Mit ausreichend Pathos geht’s einem Ende entgegen, an dem nicht alle Figuren lebend ankommen.

Eitan, von der nun ganz in ihrer Abstammung aufgehenden Wahida verlassen, klagt über die Unversöhnlichkeit ihrer beiden Völker, über Vorurteile und permanente Verdächtigungen, über Engstirnigkeit und Hang zur Radikalität. Das natürlich ist die Botschaft, die nach dreieinhalb forderndem Stunden Theater den großen Schlussapplaus bewirkt. Lautester Publikumslacher des Abends: Als David seine Mutter drangsaliert, weil er wissen will, was sie mit Wahida und Norah besprochen hat, antwortet Leah auf ihre berühmt-berüchtigte Art: „Wir reden übers Hochzeitsessen, können uns aber nicht entscheiden: koscher oder halal“.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Gert Voss in seiner letzten Kinorolle

November 5, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Labyrinth des Schweigens

Alexander Fehling Bild: © CWP Film/ Universal Pictures/ Heike Ulrich

Alexander Fehling
Bild: © CWP Film/ Universal Pictures/ Heike Ulrich

Ende der Woche startet ein Film über ein wichtiges Stück Zeitgeschichte: Regiedebütant Giulio Ricciarelli erzählt – basierend auf den wahren Begebenheiten – vom schwierigen Zustandekommen der Auschwitzprozesse, die erst 1963 begannen. Ricciarelli wirft einen ganz eigenen, besonderen Blick auf das Lebensgefühl der Wirtschaftswunderjahre – die Zeit von Petticoat und Rock’n Roll, in der die Menschen Vergangenes vergessen und lieber nach vorne blicken wollten. Das schamhafte Verdrängen und Verschweigen des Holocausts sind kennzeichnend für die frühen Jahre der Adenauer-Regierung. Da gibt es beispielsweise eine unglauliche Szene, die im Gebäude der Staatsanwaltschaft Frankfurt spielt. Ein Jurist behauptet, „die Leute auf der Straße“ hätten nie von Auschwitz gehört. Zufällig wählt er ein paar Aktenträger aus und – keiner weiß was. Oder will was wissen …

Deutschland 1958 – Wiederaufbau, Wirtschaftswunder. Johann Radmann (Alexander Fehling) ist seit Kurzem Staatsanwalt und muss sich wie alle Neulinge um Verkehrsdelikte kümmern. Als der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) im Gerichtsgebäude für Aufruhr sorgt, wird er hellhörig: Ein Freund Gnielkas hat einen Lehrer als ehemaligen Auschwitz-Wärter erkannt, doch niemand will seine Anzeige aufnehmen. Gegen den Willen seiner direkten Vorgesetzten beginnt Radmann sich mit dem Fall zu beschäftigen – und stößt auf ein Geflecht aus Verdrängung, Verleugnung und Verklärung. Nur Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss, diese Rolle ein Beleg mehr, wie sehr er fehlt) unterstützt seine Neugier, er selbst möchte die dort begangenen Verbrechen seit Langem an die Öffentlichkeit bringen, für eine Anklage fehlen ihm jedoch die Beweise. Als Johann Radmann und Thomas Gnielka Unterlagen finden, die zu den Tätern führen, erkennt Bauer sofort deren Brisanz – und beauftragt Radmann offiziell mit der Leitung weiterer Ermittlungen. Der stürzt sich nun vollends in seine neue Aufgabe und setzt alles daran, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Er befragt Zeugen, durchforstet Akten, sichert Beweise und lässt sich so sehr in den Fall hineinziehen, dass er für alles andere blind wird – selbst für Marlene Wondrak (Friederike Becht), in die er sich gerade erst Hals über Kopf verliebt hat. Johann Radmann überschreitet Kompetenzen, überwirft sich mit Freunden, Kollegen und Verbündeten und gerät auf seiner Suche nach der Wahrheit immer tiefer in ein Labyrinth aus Schuld und Lügen. Doch was er schließlich ans Licht bringt, wird das Land für immer verändern ..

Emotional,  packend, aufwühlend rekonstruiert der Film ein fast unbekanntes Kapitel dieser Jahre, das aber den Umgang mit der eigenen Vergangenheit grundlegend veränderte. Eine fesselnde Geschichte über Mut, Verantwortung und den Kampf um Gerechtigkeit. Übrigens: Wie der „Spiegel“ kürzlich in einer Titelgeschichte schrieb, beträgt der Anteil der SS-Angehörigen, die in Deutschland (BRD) verurteilt wurden, 0,48 %.

In weiteren Rollen sind Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Johann von Bülow und Robert Hunger-Bühler zu sehen.

www.imlabyrinth-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=I4sYpRbeTAM&list=PL91B6CC8769B413C9?autohide=2?showinfo=0?wmode=transparent

www.imlabyrinth-film.de/literatur : „Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht“ und „Als Kindersoldat in Auschwitz. Die Geschichte einer Klasse von Thomas Gnielka“

Wien, 5. 11. 2014