Schikaneder: Die ersten Szenen des neuen Musicals

September 16, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

VBW-Musicalintendant Christian Struppeck im Gespräch

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Koen Schoots, Bild: VBW/Herwig Prammer

Die Hauptdarsteller Milica Jovanovic und Mark Seibert mit dem musikalischen Leiter Koen Schoots. Bild: VBW/Herwig Prammer

Zum ersten Mal präsentierten die Vereinigten Bühnen Wien Freitagvormittag im Raimund Theater Szenenausschnitte aus ihrem neuen Musical „Schikaneder“. Am 30. September hat die von VBW-Musicalintendant Christian Struppeck erdachte und verfasste und von Stephen Schwartz komponierte Liebesgeschichte rund um die Entstehung der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ Weltpremiere.

„Wir wissen über Schikaneder, dass Zeitgenossen ihn einen Charismatiker nannten, seine Frau Eleonore wird als Schönheit mit silbriger Stimme beschrieben. Mal sehen, ob wir das getroffen haben“, scherzt Struppeck. Der Vorhang hebt sich, gibt den Blick frei auf die beiden Hauptdarsteller Mark Seibert und Milica Jovanović. Es ist das Jahr 1775, die erste Begegnung von Emanuel und Eleonore in Innsbruck, da ist er Star der Theatertruppe von Franz Moser, sie die Newcomerin – und es funkt. Die Anziehungskraft der Bühne, sie wirkt auch zwischen den beiden. Im Orchestergraben sitzt das 32-köpfige VBW-Orchester, der musikalische Leiter Koen Schoots hat am Cembalo Platz genommen. Von dort aus begleitet er auch die Rezitative. „Träum groß!“ geht los, der vorprogrammierte Hit der Produktion, ein Duett im schwungvollen Sound des großen, klassischen Musicals.

Charisma getroffen! Seibert und Jovanović sind ein ebenso charmantes wie schelmisches Paar. Seibert spielt einen Schikaneder, der von seinem Genie überzeugt, auch ein bissl selbstverliebt ist, einen liebenswerten Visionär mit großen Plänen und noch größeren Träumen. „Mach‘ dich von den Fesseln der Wirklichkeit los“, singt er. Die deutschsprachigen Texte stammen einmal mehr von Michael Kunze. Sie aber ist nicht weniger selbstbewusst, wird von Jovanović dargestellt als eine, die dem Schikaneder Paroli bieten kann und will. „Warum spiel‘ ich in diesem Stück nicht den Don Juan?“, wird sich der Theatermagier später fragen. A Powerpaar is born.

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble. Bild: VBW/Herwig Prammer

Szene im Ballettsaal mit Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble … Bild: VBW/Herwig Prammer

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble. Bild: VBW/Herwig Prammer

… in der Eleonore und Emanuel versuchen, ihre Liebe geheim zu halten. Bild: VBW/Herwig Prammer

Eine Einschätzung, die ganz im Sinne des Erfinders ist. „Emanuel Schikaneder war der größte Theatermacher im deutschsprachigen Raum, vielleicht sogar in Europa“, sagt Struppeck. „Er war der Sohn zweier Lakaien, und in der damaligen Zeit war es eigentlich unmöglich dorthin zu kommen, wo er hingelangt ist, an die Spitze der Wiener Bühnenlandschaft. Er war ein Magier der Bühne, er hatte Mut zum Experiment, er war als Sänger, Schauspieler, Dichter und Produzent ein Universaltalent, ein Vorgänger Johann Nestroys und Max Reinhardts und, indem er die Wichtigkeit des Schauwerts von Aufführungen erkannt hat, ein Vorreiter des modernen Musicals.“

Worte, die so etwas wie Seelenverwandtschaft vermuten lassen. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet das Leading Team an der Produktion, inspiriert hat Struppeck eine Schikaneder-Büste, die er im Salzburger Landestheater gesehen hat. Historisch, sagt er, ist sein Buch „erstaunlich akkurat. Natürlich sind nicht alle Details bekannt, aber die Geschichte ist schon so passiert“. Die Geschichte des Musicals ist die der „Zauberflöte“ minus Mozart. Struppeck: „Schikaneder ist der Kopf dahinter, die ,Zauberflöte‘ ist seine Idee, er hat Mozart engagiert, er hat den Papageno der Uraufführung gespielt. Mit dem Gewinn, den er daraus erzielt hat, hat er das Theater an der Wien gekauft.“ Heute ein Haus der Vereinigten Bühnen.

Auch eine berühmt-berüchtigte Anekdote wird vorkommen, nämlich, „dass Schikaneder das Federkostüm schon für ein anderes Stück hatte, aber dann doch nicht verwenden konnte. Er wollte das teure Teil aber nicht verschwenden, indem er’s weggeworfen hätte – und so wurde aus Papageno ein Vogelhändler.“ Was Struppeck bezüglich Plot jedoch viel mehr interessierte als solcherart Histörchen, war, dass Schikaneder alle Unternehmungen gemeinsam mit Eleonore vornahm. „Sie haben die Stoffe gemeinsam entwickelt und umgesetzt, das ist unser Blickwinkel im Stück: Schikaneders Ehe mit dieser besonderen Frau, über die man bis dato so wenig wusste.“

Milica Jovanovic und Mark Seibert. Bild: VBW/Rolf Bock

Milica Jovanovic und Mark Seibert. Bild: VBW/Rolf Bock

Franziska Schuster, Armin, Kahl, Katie Hall, Florian Peters und Katja Reichert. Bild: VBW/Rolf Bock

Franziska Schuster, Armin, Kahl, Katie Hall, Florian Peters und Katja Reichert. Bild: VBW/Rolf Bock

Auf der Bühne sind die Darsteller bereit für die zweite Szene. In „Irgendwas passiert“ tratschen sich die Theaterkollegen im Ballettsaal den Mund über die Liebesaffäre zwischen Emanuel und Eleonore in Fransen. Ein Ausschnitt, der beweist, dass bei all den großen Gefühlen auch das Komödiantische nicht zu kurz kommen wird. So wie Hardy Rudolz, als Franz Moser mit überdimensionaler Perücke und Ballettmeisters Stock ausgestattet, da versucht seine Mimen bei und an der Stange zu halten, wird’s witzig. Auch bei den unzähligen Kostümen zeigt sich die Liebe zum Detail zweier Tony-Preisträger – Regisseur Sir Trevor Nunn und Ausstatter Anthony Ward. Weil die Kostüme optisch der Zeit angepasst sein sollten, wurden sie aus historischen Beständen gefertigt, Schmucksteine, Pailletten sind tatsächlich aus anno dazumal, die Knöpfe wurden aus alten Bordüren oder Spitzenbesätzen gepresst.

Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seiber und Sir Trevor Nunn. Bild: VBW/Rolf Bock

Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seiber und Sir Trevor Nunn. Bild: VBW/Rolf Bock

Struppeck freut sich, dass es immer wieder möglich ist, die Superstars unter den Musicalmachern nach Wien zu holen. Obwohl: „Das internationale Team ist eine logistische Herausforderung, man muss gut vorbereiten, wo man wann mit wem arbeitet. Denn ein Musical kann man nicht am Schreibtisch entwickeln, das muss man immer wieder ansehen und anhören.“ Sein Gemütszustand nun, so knapp vor der Uraufführung?

Er lacht. „Sagen wir: Die nächsten 14 Tage werden turbulent, das macht aber auch sehr viel Spaß.“ Turbulent wird es mittlerweile auch auf der Bühne. Finale des 1. Akts. Schikaneder und Eleonore sind zu Seitenspringern geworden. Sie geht mit Johann Friedl nach Wien, er bekennt sich öffentlich zu seinem Pantscherl mit Maria Anna Miller, das Ensemble glaubt sich ob dieser Trennung erledigt. Mit Seibert und Jovanović treten in dieser Szene auch Florian Peters und Katie Hall als Solisten auf. Und, ja, da denkt man sie zu hören: Zauberflöten-Zitate! Zumindest sind’s deutliche „dramatische“ Opernklänge, die Stephen Schwartz da aufs Notenblatt gebannt hat. Hunderte echte Kerzen sorgen für ein stimmiges Lichtdesign. Das lässt sich über „Schikaneder“ jetzt schon sagen: Es wird bestimmt bombastisch. Der erste Eindruck ist jedenfalls hinreißend.

Was Komponist Stephen Schwartz über „Schikaneder“ sagt: www.mottingers-meinung.at/?p=19731

www.musicalvienna.at

Wien, 16. 9. 2016

Thomas Drozda folgt auf Josef Ostermayer

Mai 17, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Von den Vereinigten Bühnen Wien ins Kanzleramt

Thomas Drozda. Bild: VBW

Thomas Drozda. Bild: VBW

Im Regierungsteam des designierten neuen Bundeskanzlers und SPÖ-Parteichefs Christian Kern wird es nach aktuellen Medienberichten vier Ministerwechsel geben. Einer davon trifft wie vermutet das Amt von Kunst- und Kulturminister Josef Ostermayer (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19791), ihm soll Thomas Drozda ins Kanzleramtsministerium nachfolgen.

Drozda ist seit 2008 Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien, davor war er als Geschäftsführer bei der Burgtheater GesmbH tätig. Außerdem ist der gebürtige Oberösterreicher Mitglied im Aufsichtsrat der Theater Service GmbH und im Stiftungsrat des Österreichischen Rundfunks.

Polit-Erfahrung sammelte er als wirtschaftspolitischer Berater im Kabinett Vranitzky, in dem er für die Bereiche Budget, Finanzen, Soziales, Jugend und Familie und später auch für Kunst und Kultur verantwortlich war. Später arbeitete er auch als Wirtschafts- und kulturpolitischer Berater von Viktor Klima.

www.wien.gv.at/wiki/index.php/Thomas_Drozda

Wien, 17. 5. 2016

Schikaneder: Ab 30. September im Raimund Theater

Mai 10, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Vereinigten Bühnen präsentierten ihr neues Musical

Erste musikalisce Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder "Träum groß!". Bild: VBW

Erste musikalische Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder „Träum‘ groß!“. Bild: VBW

Als schließlich zum ersten Mal vor Publikum der vorprogrammierte Hit „Träum‘ groß!“ intoniert wurde, klang es schon so, als würde Wolfgang Amadé ums Eck grinsen. Was nicht zuletzt daran lag, dass Dirigent Koen Schoots sein 31-köpfiges Orchester „mozartisch“, das heißt: „in der Fast-Original-Zauberflöten-Besetzung“, aufgestellt hat. Mark Seibert und Milica Jovanovic sangen das Liebesduett von Eleonore und Emanuel Schikaneder.

Denn darum geht’s im Wesentlichen, die turbulente Liebesgeschichte des genialen Wiener Theatermachers und seiner Frau. Das alles rund um die Schöpfung der „Zauberflöte“, deren Librettist und Ur-Papageno der Schauspieler, Sänger und Regisseur war. Und, nein, Mozart kommt diesmal nicht vor. Wie das geht, kann man ab 30. September, also genau 225 Jahre nach der Erstaufführung der Freimaureroper, erleben, wenn die Vereinigten Bühnen „Schikaneder“ als insgesamt dreizehnte Musical-Uraufführung des Unternehmens auf die Bühne des Raimund Theater heben.

Intendant Christian Struppeck, als Autor auch für das Buch verantwortlich, stellte die Produktion Dienstag Vormittag gemeinsam mit seinem „Schreibpartner“, dem Komponisten und Liedtexter Stephen Schwartz vor. Der Oscar-, Grammy- und Golden-Globe-Preisträger ist ein Showman. Und so war ein Klavier flugs zur Stelle, auf dem der New Yorker Musiker für die Presse und einige handverlesene Musicalfans ein Best-of seiner Melodien zum besten gab. Dazu erklärt er in Kurzfassung die Handlung: Man lernt sich kennen, „We are only young once“, doch er kann seine Angewohnheit, sich für andere Frauen zu interessieren, nicht ablegen, es gibt einfach „Too many fish in the sea“. Sie lernt erst „To look the other way“, doch nach Trennung und Beinah-Pleite steht das Geschäftliche wieder im Vordergrund, es heißt „Striktly business“ und man macht sich an die Arbeit zu einer der berühmtesten Opern der Welt.

„It’s all true and really funny“, sagt Schwartz über seine Story. Und, dass er es erst aufregend, gefährlich und erschreckend fand, dass in seiner Musik Zitate von Mozart zu hören sein sollten. Nun, die Übung scheint aufs erste Hinhören gelungen. So zwischen volkslied’schem „Klinget, Glöckchen, klinget“, Walzeranklängen und very Wienerischem L’amour-Hatscher. Michael Kunze schreibt die deutschsprachige Fassung, David Cullen hat die Orchestierung übernommen.

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Die Schikaneders in ersten Kostümen: Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Seit vier Jahren schon beschäftigt sich Struppeck intensiv mit dem Projekt. Er sei fasziniert, sagt er, von diesem waghalsigen Unternehmer, mit seinem Sinn fürs Spektakuläre und seinen Antennen für den Publikumsgeschmack. Und, mal ehrlich, was könnte schöner an ein VBW-Haus passen, als eine Hommage an den Gründer der Raimund-Theater-„Schwesterbühne“, des Theaters an der Wien. Dies sei in dieser Stadt tatsächlich längst überfällig.

Auch Darsteller Mark Seibert schwärmt von seinem Charakter: „Schikaneder war definitiv ein Visionär, der das Theater neu erfinden wollte. Privat allerdings war er ein Hallodri, der es immer geschafft hat, mit einem Augenzwinkern davonzukommen. Ich bewege mich da auf einem schmalen Grat, denn Schikaneders großes Selbstbewusstsein und seine maßlose Selbsteinschätzung können schnell auch unsympathisch wirken. Meine Aufgabe wird es sein, die Figur so charmant zu gestalten, dass man ihn trotzdem mag.“ Bühnenpartnerin Milica Jovanovic sieht Eleonore Schikaneder als „moderne, emanzipierte Frau, und das im 18. Jahrhundert! Es ist fantastisch, wie sie es geschafft hat, von der Schauspielerin zur Intendantin zu werden. Welch eine Karriere! Schade, dass sie heute fast vergessen ist.“ Nachsatz: „Doch das werde ich jetzt ja ändern.“ Sie lacht.

Mit den beiden spielen unter anderem Reinwald Kranner, der „gerade übt, in Saft zu gehen“, den Schikaneder-Gegenspieler Karl Marinelli, Florian Peters Eleonores Verehrer Johann Friedl, Katie Hall die Maria Anna Miller, Franziska Schuster und Katja Reichert die Barbara Gerl, die spätere Papagena, und Josepha Hofer, Mozarts Schwägerin, die spätere Königin der Nacht. Hardy Rudolz ist als Franz Moser und Josef von Bauernfeld zu sehen, Armin Kahl als Benedikt Schack.

Anthony Ward gestaltet Bühnen- und Kostümbild, „alles wird aussehen, wie 1791“, sagt er, „und auch die Art, wie die Bühnenbilder bewegt werden, haben wir an die damaligen technischen Gegebenheiten angepasst“; Anthony van Laast übernimmt die Choreografie. Und mit noch einem Superstar kann Christian Struppeck aufwarten: Sir Trevor Nunn wird Regie führen. Der Tony-Preisträger und ehemalige Intendant der Royal Shakespeare Company meldet sich via Videozuspielung zu Wort. Was er davon hält, Schikaneder ein Musical zu widmen? „Well, das ist nicht die schlechteste Idee der Welt!“ Stimmt. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

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Wien, 10. 5. 2016

„Evita“ kehrt nach Wien zurück: Premiere im Ronacher

Dezember 2, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Borchert und Drew Sarich als Perón und Che

EV_DINA4_Solo_300dpiAndrew Lloyd Webbers und Tim Rices Welterfolg „Evita“ wird wieder in Wien zu sehen sein: Am 9. März ist Premiere im Ronacher. Damit kehrt das berühmte Musical nach 35 Jahren erstmals wieder in der Fassung von Michael Kunze an den Ort zurück, an dem die deutschsprachige Erstaufführung stattfand. Am Mittwoch präsentierte Vereinigte-Bühnen-Intendant Christian Struppeck die Pläne für die Produktion: „Ich bin außerordentlich stolz, den berühmten Hollywood-Regisseur Vincent Patterson für die Regie und Choreographie unserer neuen Fassung gewonnen zu haben, der schon die preisgekrönte Verfilmung mit Weltstar Madonna in der Titelrolle choreographiert hatte. Und natürlich freut es mich ebenso, dass wir mit unseren Stars Katharine Mehrling, Drew Sarich und Thomas Borchert eine hochkarätige Besetzung gewinnen konnten.“

Patterson war bei der Präsentation des Casts nicht anwesend, bekam von Evita-Darstellerin Katharine Mehrling allerdings seltsame Blumen gestreut: „Wenn er mit einer Person spricht, dann kriecht er fast in sie hinein.“ Die deutsche Schauspielerin und Sängerin hat mit dem Musical ihre persönliche Wien-Premiere, die anspruchsvolle Titelrolle aber schon gesungen. „Man muss diese Figur verstehen, um sie lieben zu können“, unterstrich sie ihren Bezug zur argentinischen Diktatorengattin und Ikone. Ihr sei lieber, wenn ein Charakter nicht platt, sondern mehrdimensional und durchaus kritisch zu betrachten sei. Und bei Evita gehe es genau um diese Janusköpfigkeit zwischen Heiligenschein und Grausamkeit. Mehrling zur Seite stehen zwei hiesige Publikumslieblinge: Thomas Borchert als Präsident Juan Perón – derzeit ist er als Vater Leopold in „Mozart!“ zu sehen – und Wahl-Wiener Drew Sarich als Frauenheld und Revolutionär Che. „Che ist eine herrliche Rolle“, schwärmt er. „Nicht nur, weil er der einzige ist, der mit dem Publikum spricht und es auf seine Seite zieht. Er ist charismatisch, charmant und sexy. Er und Evita sind wie zwei wilde Tiere, darauf aus, sich gegenseitig zu zerfleischen. Was will man von einer Rolle mehr?“

Bei diesem Cast denkt Christian Struppeck bereits jetzt laut über eine Verlängerung nach: Sie sei möglich, wenn die Auslastungszahlen stimmen.

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Wien, 2. 12. 2015

Volkstheater: Die sieben Todsünden

Oktober 11, 2014 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Bill brilliert als Weill-Interpretin

Maria Bill Bild: © Christoph Sebastian

Maria Bill
Bild: © Christoph Sebastian

Dass Maria Bill eine großartige Chansonnière ist, ist eine Binsenweisheit. Nun interpretiert sie am Volkstheater in einer Inszenierung von Michael Schottenberg Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“. Das heißt: Der Regisseur hat dem nur etwa 35-minütigem Werk neun Weill-Lieder aus seinen Exilen in Paris und den USA vorangestellt – und viel „Dreigroschenoper“. Begleitet von Michael Hornek am Flügel und Milos Todorovski am Bandoneon gibt die Bill La Diva. In schwarzer Courturerobe mit weißem Federkragen, der noch als allerlei Requisit herhalten wird müssen, singt sie sich viersprachig von „Speak Low“ aus dem Musical „One Touch of Venus“ und „Je Ne T’aime Pas“, 1934 verfasst für die Sopranistin Lys Gauty, bis zur „Seeräuber-Jenny“ und „Youkali“ aus Weills Oper „Marie Galante“. Allein dieser Teil des Abends hätte einen schon glücklich gemacht. Das Programm ist wie eine Vorwegnahme des oder eine Erinnerung an das Kommende(n). Eine Primadonna – und wie sie dazu wurde …

Also: „Die sieben Todsünden“. Kurt Weill schrieb das „Ballett mit Gesang“ 1933 in Paris im Auftrag des reichen Engländers Edward James für dessen Ehefrau, die Tänzerin Tilly Losch. Weill, mit Brecht schon verkracht, weil ihn dieser bei den Proben zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als „falschen Richard Strauss“, den er „in voller Kriegsbemalung“ die Treppe hinunterwerfen werde, beschimpft hatte, fungierte als Liberettist. Nachdem Jean Cocteau abgelehnt hatte. Dem Werk war, bis auf eine Plattenaufnahme mit Lotte Lenya 1956, kein Erfolg beschieden. Inhalt: Die Schwestern Anna I und II, eine Sängerin, eine Tänzerin, ein Hirn, ein Herz, Sinn und Sinnlichkeit, werden von der Familie losgeschickt, um mit Anna IIs Kunst genug Geld für ein Haus am Mississippi zu verdienen. Sieben Stationen müssen die Annas durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss. Zum Zwecke des Profits. Denn Sünden werden dort zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Die Familie, ein Männerquartett, gibt dazu bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsre Kinder, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt“ ab.

Ivaylo Guberov, Martin Mairinger, Johannes Schwendinger und Wilhelm Spuller sind „die Familie“. 40 Musiker des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, unter der Leitung von Milan Turković, glänzen als Meister an ihren Instrumenten. Die Bill entledigt sich ihres Edeloutfits, steigt von Kothurnen und steht da. Ein Mädchen im Blümchenkleid. Wie im Prolog beschrieben: „Wir sind eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige“, verkörpert sie beide Annas. Ich und Über-Ich. Eine gespaltene Persönlichkeit. Die nicht tun will, von dem sie weiß, dass sie es tun muss. Ihr Leben: ein Requisitenkoffer, in dem sie zeitweilig auch lebt. Maria Bill zieht alle Register ihres Könnens. Ist Clownin ebenso wie Tragödin. Erinnert an Paulette Goddard in den Chaplin-Filmen. Singt, tanzt (Schwanenwatschel, äh, -see), spielt, dirigiert – kurz. Es ist die Habgier, die ihr diese Idee eingibt, die Turković kraft seines Amtes aber sofort unterbindet. Am Ende ist das Haus finanziert. Ein erkauftes Unglück. Das Vermächtnis der unwirklich schönen Kunstgestalt vor dem Klavier …

Die folgende minutenlange – es wurde schon der Vorhang heruntergelassen und noch immer applaudiert – Publikumsbegeisterung galt natürlich in erster Linie Maria Bill. Welch eine Sängerin. Welch eine Schauspielerin. Welch ein Star.

www.volkstheater.at

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Wien, 11. 10. 2014