Michail Bulgakow: Das hündische Herz

Juni 17, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Aus dem tierischen Lumpi wird ein menschlicher Lump

buchMoskau nach Lenins Tod 1924 unter den Bolschewiki. Stalin beginnt seine Herrschaft zu festigen. Die Schauprozesse und Ausschaltung aller ihm kritisch gesinnter Menschen inklusive alter Kampfgefährten, steht erst bevor. Der geniale Chirurg Filipp Filippowitsch Preobraschenski lockt den Straßenköter Lumpi mit einer „Krakauer spezial“ zu sich nach Hause. Er pflanzt ihm die Hirnanhangdrüse und die Hoden eines verstorbenen Kleinkriminellen ein. Doch das Experiment des Verjüngungsexperten geht schief.

Der Hund überlebt zwar den Eingriff, wird jedoch nicht verjüngt, sondern vermenschlicht – zum „neuen Menschen“. Ganz im Sinne der Bolschewiki. Der so zum kommunistischen Genossen mutierte Tiermensch, zeigt bald sein wahres Gesicht und erweist sich als echter Halunke. Er bleibt Tier, in Menschengestalt, jagt Katzen und auch dem weiblichen Geschlecht nach. „Lumpi Lumpikow“ alias „Polygraph Poligraphowitsch“, so steht sein Name im liebevoll beigelegten Passport, erkennt rasch, wie man vom System profitiert und andere zum eigenen Vorteil in Misskredit bringt.

Noch dazu erhält er ein Amt in der Moskauer Stadtverwaltung. Der Chirurg erkennt mit Schrecken, dass er „die Geister, die er rief“ nicht mehr los wird. Nur die gewaltsame Umkehrung der Operation kann die Gesellschaft noch retten. Am Schluss liegt der Köter Lumpi wieder zu Füßen seines Herrn ans Ledersofa gelehnt. „,Schwein gehabt, richtig Schwein gehabt’ dachte er vor dem Einschlummern … Bin längst Teil dieser Wohngemeinschaft.“

Michail Bulgakow schrieb die Erzählung bereits 1925, seine Veröffentlichung erlebte er nicht mehr. Zu brisant und zu viel politische Sprengkraft auf knapp 200 Seiten, wie auch KPdSU-Parteimitglied Lew Kamenew feststellte, der seinerseits Jahre später dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel: „(Das hündische Herz) ist eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse und kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht.“ Den Vorwurf der Konterrevolution versuchte Bulgakow mit den Worten von Filippowitsch zu entkräften: „Meine Reden enthalten nicht die leiseste Spur dieser elenden Konterrevolution. Nur gesunden Menschenverstand und eine Menge Lebenserfahrung …“ Der Autor bekam die Macht des Staatsapparats bald zu spüren. 1926 wurden bei einer Wohnungsdurchsuchung die beiden existierenden Kopien des Romans beschlagnahmt, erst drei Jahre später, auf Maxim Gorkis Fürbitte, wurden sie Bulgakow zurückgegeben. Es folgte ein Publikationsverbot, von einer Veröffentlichung nahm der Autor Abstand. Es kursierten in der Folge mehrere Fassungen, immer mit Eingriffen und Streichungen im Text. Die erste textologisch fundierte Ausgabe ist die 1989 in Moskau erschienene fünfbändige Edition der Werke Bulgakows, auf der auch Alexander Nietzbergs Neuübersetzung basiert.

Bulgakow, sein berühmtester Roman ist wohl „ Meister und Margarita“, vereint in „Das hündische Herz“ faustische Motive mit Mary Shelleys „Frankenstein“ und Gustav Meyrinks „Der Golem“, parodiert gleichzeitig die Neumenschen-Idee und persifliert den Fortschrittsglauben. Er teilt die Menschen jedoch nicht in „die Guten“ und „die Bösen“ ein, alle wirken bizarr und sonderbar, das gilt für Lumpi ebenso wie für Filipp Filippowitsch Preobraschenski, seinen Assistenten Dr. Bormenthal und deren schräge Moskauer Kundschaft, bessere, zahlungskräftige Leute, die alles geben würden, um wieder jung zu sein. Dafür hat sich der Chirurg auch einige Privilegien herausgeschlagen. Eine große Wohnung, gutes Essen und Trinken, Personal sind für Preobraschenski Selbstverständlichkeit, während andere Sowjetbürger in Not und Armut ihr Leben fristen. Und so zeigt er auch keinerlei Verständnis dafür, diese Privilegien aufzugeben. Privilegien, die sich auch die sowjetische Nomenklatur, einmal an der Macht, rasch genommen hat.

Neben den skurrilen Szenen, die an Nikolai Gogol erinnern (beispielsweise „Die Nase“), und der Erzählung aus Sicht des Hundes im ersten Kapitel – „Da schaut, wie ich vor die Hunde gehe“ –, ist auch Bulgakows Sprache bemerkenswert. Als moderner Erzähler setzt er auf das Prinzip der Überraschung. Er lässt den Leser eine Zeit lang im Dunkeln und steigt oft unvermittelt in den Text ein, wie etwa bei der Frage, ob sich Lumpi bei Tisch endlich eine Serviette umbinden soll. Die vorliegende Ausgabe von „Das hündische Herz“ in der hervorragenden Übersetzung von Alexander Nitzberg, ist aber auch noch in einer anderen Hinsicht etwas Besonderes. Die detaillierten und durch starke Ornamentik geprägten Collagen von Christian Gralingen machen das Buch zu einem eindrucksvollen Sprach- und Bildkunstwerk. Die Illustrationen tragen starke Züge technischer Konstruktionszeichnungen und erinnern an die russische Avantgarde der frühen 1920er-Jahre.

Über den Autor:
Michail Bulgakow (1891–1940), russischer Romancier, sehnte sich nach Ruhe und führte ein atemloses Leben: Er studierte Medizin, schlug sich als Übersetzer und Theaterregisseur durch, war dreimal verheiratet und morphiumsüchtig. Seine Werke wurden zensiert und er widersetzte sich Stalin, der ihm die Ausreise verwehrte. Als er mit 49 Jahren starb, hatte er die letzten zwölf Jahre an seinem Lebenswerk „Meister und Margarita“ geschrieben. Die Veröffentlichung dieses Werkes und von „Das hündische Herz“ sollte er nicht mehr erleben.

Edition Büchergilde, Michail Bulgakow: „Das hündische Herz“, Roman, 200 Seiten mit 36 Illustrationen von Christian Gralingen. Aus dem Russischen übersetzt von Alexander Nitzberg und mit einem Nachwort versehen.

www.edition-buechergilde.de

Wien, 17. 6. 2016

Kojo Laing: Die Sonnensucher

August 3, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine Stadt im Umbruch

LaingCoverFürGrid-207x300Beni Baidoo ist für viele ein Narr, aber auch einer der letzten Weisen einer Stadt, die im Umbruch begriffen ist. Dort, wo noch alte Mythen und Legenden vorherrschen, andererseits die Moderne aber auch langsam Einzug hält. „Im Busch gleich hinter Accra, diesem Busch, den eine Handvoll wilder Perlhühner mit ihren Schreien aufwühlte, saß Beni Baidoo.“ So beginnt Kojo Laings großartiger Roman „Die Sonnensucher“ über die ghanaische Hauptstadt, ihren Weg zur Metropole, und die dort lebenden Menschen, die, jeder auf seine Art, einzigartig sind. Seine Protagonisten sind Suchende, teilweise orientierungslos. Visionen für die Zukunft haben sie kaum und leben in den Tag hinein. Einer dieser bunten Vögel, Beni, hat allerdings einen großen Traum: Er möchte ein eigenes Dorf gründen, ein kleines Paradies schaffen. Dafür reitet er auf seinem Esel durch die Stadt Accra, sammelt Spenden und hält Ausschau nach Damen, die sich zu Müttern vorkolonialer Nachkommen eignen.
Kojo Laings mitreißendes und mosaikartiges Bild einer Metropole und ihrer Bewohner ist der erste afrikanische Großstadtroman. Er steht im Spannungsfeld von westafrikanischer Erzählkunst und europäischer Moderne. Der Autor präsentiert dem Leser eine Vielzahl exzentrischer Charaktere – vom wirren Beni, dem von seiner Frau verlassenen Vater, der mit seinem Sohn und Enkel zusammenlebt, bis zum Bischof, der sich endlich zur Heirat durchringt – und führt durch das quirlige Leben von Accra im Ghana der 70er-Jahre, das politisch durch die Abfolge zahlreicher Militärregierung gekennzeichnet ist. Gesellschaftliche Stagnation und wuchernde Korruption breiten sich aus, ein tiefer Fall aus der Euphorie der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit 1957.
Diese Zeit bietet auch allerlei Spielräume für Ganoven: Da ist der gierige Dr. Boadi, der versucht, zwei Rennpferde als Ackergäule getarnt durch den Zoll zu schmuggeln; als die Tiere ausbrechen, fällt der Betrug zwar vielen Augenzeugen auf, doch nur einer lässt sich sein Schweigen nicht erkaufen.
Aus den vielen Geschichten entsteht eine faszinierende, farbintensive Gesellschaftsparabel einer afrikanischen Metropole sowie die Bestandsaufnahme eines Landes im Umbruch. Laing spart aber auch nicht mit Gesellschaftskritik. Die ehemaligen kolonialen Machthaber wurden durch eine Klasse korrupter und machtgieriger Politiker ersetzt. Charakteristisch dafür ist die Szene, in der eine Demonstration damit endet, dass alle Teilnehmer von der Polizei zum Essen eingeladen werden, ein Angebot, das bereitwillig angenommen wird. Glückliche Paare gibt es keine. Beziehungen sind meist schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Fragmentierung der Gesellschaft macht auch vor der Familie nicht halt. Frauen, die ihren Männern zu alt geworden sind, werden verstoßen.
Und so ist der Roman zwar Satire und über weite Strecken komisch, auf der anderen Seite zeigt er jedoch auch die zerrissenen Seelen. Sie stehen zwischen zwei Welten und wissen nicht, wohin sie gehören, wie die Stadt Accra selbst, die einerseits noch Dorf ist, aber auch schon zur Mega-City heranwächst. Bezeichnend für viele Städte des afrikanischen Kontinents. Für Ilija Trojanow ist „Die Sonnensucher“ „ein Versuch, das brodelnde Chaos der jungen Metropole Accra abzubilden, die Dynamik sowie den Wahnsinn, die Gewinner sowie die Verlierer, geschrieben in den verschiedenen Dialekten der Stadt, von Pidgin bis hin zu kolonial geprägtem Englisch.“ (Dieses Sprachengewirr geht leider etwas in der deutschen Übersetzung verloren, dafür trifft Thomas Brückner die blumige, poetische Sprache Laings perfekt). Mit all seinen Facetten und Handlungssträngen, die ineinanderlaufen, entsteht so etwas wie eine Nacherzählung des Turmbaus zu Babel, und wenn eine der Protagonistinnen scheinbar durch die Lüfte fliegt und das Leben von oben betrachtet, wird alles zu einem niemals enden wollenden Hexensabbat.
Ein Danke an die Edition Büchergilde, die diesen Roman wiederentdeckt hat.

Über den Autor:
Kojo Laing wurde 1946 in Kumasi (Ghana) als ältester Sohn des anglikanischen Pfarrers George Ferguson Laing und Darling Egan geboren. 1968 schloss er seinen Master an der Universität von Glasgow in Geschichte und Politikwissenschaft ab, 1969 heiratete er und ging mit seiner Ehefrau nach Ghana zurück. Kojo Laings Arbeit umfasst bis heute vier Romane und einen Gedichtband. Seine Arbeit beschränkte sich ursprünglich auf Dichtungen, so dass erst 1986 sein erster Roman „Search Sweet Country“ (dt. „Die Sonnensucher“), erschien. Sein zweiter Roman „Women of the Aeroplanes“ erschien 1988 und 1992 „Major Gentl and the Achimota Wars“ und schließlich „Big Bishop Roko and the Altar Gangsters“ 2006.

Edition Büchergilde, Weltlese, Band 14, Kojo Laing: „Die Sonnensucher“, Roman, 544 Seiten. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Mit einem Nachwort von Ilija Trojanow

www.edition-buechergilde.de

Wien, 3. 8. 2015