Teatrul Naţional Radu Stanca Sibiu zeigt Thomas Perle

Oktober 24, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

 „LIVE“: Digitales Theater zum Zustand Europas

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

„Identitätshinterfragung und mediale Manipulation“ nennt der in Wien lebende rumäniendeutsche Autor Thomas Perle (Rezension seines Stücks „mutterseele“: www.mottingers-meinung.at/?p=24193, „karpatenflecken“ wird im Dezember am Burgtheater zu sehen sein), „Identitäts- hinterfragung und mediale Manipulation“ also nennt Perle die Grundideen seines aktuellen Projektes „LIVE“.

Wie manifestiert sich Wahrheit im Internet? Wie funktioniert ebendort die Beeinflussung? Perle lässt in seinem Text die Grenzen zwischen der viel beschworenen neuen Realität und der Fiktion verschwimmen – und hat mit Bobi Pricop am Teatrul Naţional Radu Stanca im rumänischen Sibiu einen Regisseur gefunden, der es ihm gleichtut. „LIVE“ ist ein Medienhybrid, ein Theaterstück von cineastischer Ästhetik, konzipiert für den digitalen Raum. Fünf Episoden, in denen aktuelle europäische soziologische Themen beleuchtet werden, ein Abend, der auf der Bühne für eine begrenzte Anzahl von Zuschauern stattfindet und gleichzeitig per Online-System einem Publikum im Netz zugänglich gemacht wird.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Womit man auch von Österreich aus dabei sein kann. Gespielt wird in deutscher und rumänischer Sprache, mit den jeweils gegenteiligen und englischsprachigen Untertiteln. Die Schauspielerinnen und Schauspieler Johanna Adam, Yannick Becker, Emőke Boldizsár, Daniel Bucher, Anca Cipariu, Fabiola Petri, Daniel Plier, Valentin Späth und Ali Deac erzählen in den fünf Szenen Geschichten, die in enger Verbindung mit ihren persönlichen stehen. „Die in der Show beschriebenen Charaktere und Situationen spiegeln die Gedanken und Anliegen des gesamten Teams wider“, so Bobi Pricop über sein Work-in-Progress.

Und so ist man dabei, wenn eine aufgelöste Spielplatzmutti durch die nächtlichen Straßen irrt. Ihre Tochter wäre von einem Jungen belästigt worden, aber das sei doch kein Grund, dass dessen Mutter ihn bei Beschwerde so verprügle. Die zugeschalteten Kommentare reichen vom empörten „Leute, was passiert da mit uns?“ bis zum „Verkaufe Kinderbettwäsche“ … und Bildstörung … Beim einem Online-Spiel wird sich über Grenzen hinweggesetzt, nicht nur Landes-, sondern auch die von „Kill ihn! Schick‘ mir Kristalle! Benutze den Schild!“ Bis die Kombattanten im virtuellen Raum ihr wahres Ich erkennen, und eine zarte Love Story beginnt.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

#Corona-Theater im besten Sinne ist es, was hier geboten wird, in rotes Licht getauchte Kamerafahrten zeigen eine auf vier Kojen unterteilte Bühne, in denen je ein Darsteller, eine Darstellerin samt Technik-Team sitzt. Bei perfektem physical distancing wird per Laptop und Handy interagiert. „Ausgehend von unserer Frage nach Identität in der Krise kam die wirkliche Krise in Form der noch andauernden Pandemie“, kommentiert Perle das Gezeigte.

Eindrücklich ist derart ein Online-Bewerbungsgespräch, Fabiola Petri  und Daniel Plier, in dem sich eine multilinguale, rumänische IT-Spezialistin bei einem offenbar deutschen Jobvermittler vorstellt. Der der hochqualifizierten Frau mit überheblichen Sätzen wie „Es ist nichts Schlimmes daran, das Berufsfeld zu wechseln“ oder „Das sind nun einmal die Stellen für Menschen aus Ihrem Land“ Arbeit als Erntehelferin oder in der Pflege anbietet. Eine Diskussion, die sie „erschöpft, leer und sich wertlos fühlend“ beendet.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Oder jenes Handy-Telefonat eines deutschen Chirurgen, Ali Deac, mit einer in Rumänien lebenden Mutter, ihr Sohn sei am Arbeitsplatz verunfallt und schwerstverletzt und sie müsse 900 € für die Kosten seiner medizinischen Behandlung überweisen. Lange lässt die Frau mit den schreckgeweiteten Augen auf sich einreden, bis sie fragt: „Und das ist kein Betrug …?“ Deutlicher und un/menschlicher als an diesen beiden Beispielen lässt sich das West-Ost-Gefälle innerhalb der EU, dieses seit 2007 unveränderte Zentrum-Peripherie-Modell kaum erklären.

Dies sei, sagt Pricop, eine Zeit „in der alles möglich und glaubwürdig ist, solange es gelingt, eine emotionale Verbindung zu unseren Schwachstellen, Veranlagungen oder Erwartungen herzustellen“. Und lässt das Ganze mit einer sarkastisch-heiteren Episode enden: Schauspieler Daniel Bucher als Journalist von „Guerilla Investigation“ auf der Suche nach jenem schwulen Priester, dem man in einem geheimen Kloster einem Folter-Exorzismus unterzogen haben soll.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Eine Schnitzeljagd mit jeder Menge Anrainer-Befragung, Bildern eines Mercedes fahrenden Klerus‘, neue Kirchen, kaputte Straßen, Schafe inmitten von Solarpaneelen und des Reporters Erkenntnis: „Um ehrlich zu sein, habe ich mir Rumänien ganz anders vorgestellt …“ Herrlich!

www.tnrs.ro/home

24. 10. 2020

Rabenhof: 3 Frauen und 1000 Bücher

Dezember 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold auf dem Höhepunkt

Esra Özmen, Erni Mangold und Sandra Cervik. Bild: © Pertramer / Rabenhof

Erni Mangold, Sandra Cervik und Esra Özmen – die Idee, die Schauspielerinnen und die Musikerin an einem Abend zu vereinen, ist genial. „3 Frauen und 1000 Bücher“ heißt ihr Programm, das gestern im Rabenhof Premiere hatte. Hausherr Thomas Gratzer hat die Kooperation mit dem Theater in der Josefstadt für die Bühne eingerichtet, und da Esra eine Hälfte des Duos EsRAP ist, ist ihr Bruder Enes Özmen selbstverständlich mit von der Partie. Von Arendt, Hannah bis Wollstonecraft Shelley, Mary begibt man sich auf eine literarische Reise.

Mal im Zwiegespräch mit der Dichterin, mal im Dialog mit der Darstellerin daneben, führt der Weg übers Da- als Frausein zur Freiheit zu Feminismus zur Rosa-Luxemburg’schen Familienaufstellung. Und wer nun fragt, was Sappho, Simone de Beauvoir und Valerie Solanas gemeinsam haben, so sind das Wutanfall und Herzenswärme, Aufbegehren und Begehren, Erregung ergo mal zwei, Passion, meint: Leidenschaft, nicht Leiden. Lina Loos gilt es wieder zu entdecken, ihr posthum gefundenes Theaterstück „Wie man wird, was man ist“, und apropos: Elfriede Gerstls „Tandlerfundstücke“ und die Anarchismus-Essays der Friedensaktivistin Emma Goldman.

Ottakring-Kind Esra Özmen rappt Christine Nöstlingers „Iba de gaunz oamen Leit“ und Ingeborg Bachmanns „Ich“ – wie’s für sie typisch ist auf Deutsch, heißt im ersten Fall: Wienerisch und Türkisch. Liest man hier die ZeilenSklaverei ertrag ich nicht / Ich bin immer ich / Will mich irgend etwas beugen / Lieber breche ich … Ich bin immer ich / Steige ich, so steig ich hoch / Falle ich, so fall ich ganz“, hat man ihren Rhythmus sofort im Ohr.

Die Damen mit Sänger Enes Özmen. Bild: © Pertramer / Rabenhof

Enes Özmen kann dazu nicht nur beatboxen, er verkörpert in all der angeklagten toxischen Männlichkeit das – im Wortsinn – Bild von einem Mann, wie es Frauen bevorzugen. Die Hip-Hop-Geschwister haben in dieser phallokratischen Welt die vorgeschriebenen Geschlechterrollen einfach vertauscht. Esra steuert die harten, schnellen Reime bei, während Enes mit seiner feinfühlig lyrischen Stimme die melodischen Vokalparts übernimmt. Enes singt Arabeske vom Feinsten, wonach Erni Mangold und Sandra Cervik zum größten Vergnügen des Publikums nöstlingerisch über das „echd ungerechd“-e Intimverhältnis räsonieren:

„A Mau deaf ruig waumpad sei, es redt eam kana ind Fettn drei. A blada Mau is a schdatlicha Hea und jedazeid guad fian Geschlechdsvakea. A Mau deaf ruig glozad sei, ohne Hoa is sei Zeid no laung ned vuabei. A Glodzn, de zeigd vun guada Bodenz und unhamlich hocha Sexual-Frequenz …“ Zum Höhepunkt kommt die Mangold als Onkel Bill, der – wer die US-Serie aus den späten 1960ern kennt – seine verwaisten Nichten und Neffen aufzieht, und sich bei Elfriede Jelinek von der kindlichen Verwandtschaft gern befingern lässt.

Mit Sibylle Berg wird übers Mittelklasse-Midlifecrisis-Paar Rasmus und Chloe gelästert, der eine Partner vom anderen gehegt und gepflegt, wie eine liebgewordene Zimmerpflanze, mit der queeren Graphic-Novel-Autorin Alison Bechdel die ewige Mutter-Tochter-Beziehungskiste bejammert, und weil Frauen keine Waserln sind, hat diesbezüglich stellvertretend für alle Stefanie Sargnagel einen Kater, den postalkoholischen, nicht das Tier. Ihre bereits berühmten, bachmann-publikumsbepreisten „Penne vom Kika“ sind nach wie vor – Sie wissen schon! – geschmacklos gut.

www.rabenhoftheater.com           www.esrapduo.net                     www.youtube.com/user/karayazi90/videos

  1. 12. 2019

Volkstheater/Bezirke: Anderthalb Stunden zu spät

Februar 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Aufbruch ohne aufzubrechen

Bettina Ernst und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gérald Sibleyras ist ein begnadeter Komödienschreiber. In Frankreich und in etlichen Ländern, in deren Sprache seine Stücke übersetzt wurden, weiß man das. Nun auch hierzulande. Denn das Volkstheater zeigt in den Bezirken seine „Anderthalb Stunden zu spät“ als österreichische Erstaufführung. Die junge Regisseurin Aurelina Bücher hat den Abend mit Rainer Galke und Bettina Ernst rasant in Szene gesetzt.

Die beiden spielen das Ehepaar Laurence und Pierre, eingeladen zum Abendessen zu Pierres Geschäftspartner Chalmet, der ihm die Anteile an der gemeinsamen Steueranwaltskanzlei für gutes Geld abgekauft hat. Ein feiner Grund also, um die bevorstehende Pension gemeinsam zu feiern. Doch da fällt Laurence die Decke auf den Kopf. Statt Smalltalk hat sie plötzlich Redebedarf. Der jüngste Sohn ist ausgezogen, dafür der Mann bald rund um die Uhr daheim, Großmutter ist sie gestern geworden – Laurence fühlt sich alt und am Abgrund. Die Uhr tickt. Man sollte längst gehen. Doch es wird ein Abbruch ohne aufzubrechen …

Galke und Ernst verstehen es, diese späte Midlife Crisis mit trockenem Humor auszustatten. Köstlich, wie er ständig auf die Uhr sieht, während sie trotzig die Malutensilien auspackt. Er, ein müde gewordener Ehediener an der Seite einer Nervensäge, sie, aus Bequemlichkeit zum Heimchen am Herd geworden. Kein Ehethema wird den beiden im weiteren Verlauf der Nicht-Geschehnisse peinlich sein. Die Familie wird durchgehechelt, und frühere Verhältnisse. Da gesteht Laurence nie eines mit Jacques gehabt zu haben – und Pierre stürzt in Verzweiflung, war doch gerade das Begehrtsein seiner Frau durch einen anderen Mann für ihn Dreh- und Angelpunkt des gemeinsamen Sexlebens. Und des des eingeweihten Chalmet.

Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Ich habe mich nie entfalten können, ich habe mich immer nur kümmern dürfen“, sagt Laurence. Und es sind solche Sätze, die der charmanten Komödie ihre Wahrhaftigkeit geben. Was (Spießer-Ambiente-Bühnenbild: Monika Rovan) Klippklapp mit nur einer Tür hätte werden können, bekommt so Tiefgang. Aus dem Publikum gibt es wissendes Schmunzeln ob Laurences Gefühl, etwas im Leben verpasst zu haben. Klar, dass sie auch Pierre einen bis dato nicht vorhandenen Pensionsschock verordnen will.

Auf dem Höhepunkt des Schlagabtausches kommt es doch noch zu einem Dinner. Zu zweit. Mit Gürkchen und Banane und einer ganzen Batterie Supermarktpudding. Popcorn wird zum Ventil, auf den Boden gestreut und niedergetrampelt, als Zeichen dafür, dass man auch einmal unkonventionell sein kann und es mit dem selbstverordnet restriktiven Lebensstil nun vorbei sein soll. Am Ende wird man schon noch aufbrechen. Aber nicht gleich. Denn zuerst haben Laurence und Pierre noch etwas Wichtiges zu tun. Neues Leben, erneuerte Liebe …

www.volkstheater.at

  1. 2. 2018

Frankfurter Buchmesse: Aufarbeitung der Zeitgeschichte

Oktober 13, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Fünf Lesetipps zum Gastland Indonesien

5233955935_3868b14e4e_bIndonesien ist kein Land der Leser, sagen die Indonesier. Man lasse sich Geschichten lieber vom traditionellen Schattenspiel Wayang Kulit erzählen. Oder vom Fernsehen. Werden Bücher gelesen, dann religiöse, Unterhaltungsliteratur und Lyrik. Indonesien ist ein Land mit gesellschaftspolitisch höchst aktiven Autoren. Sie wollen von Vorkommnissen erzählen, die von öffentlicher Seite verschwiegen wurden (siehe unten: „Kurze Geschichte Indonesiens“). Siebzig von ihnen kommen zur Frankfurter Buchmesse.

Die Frankfurter Buchmesse beginnt am 14. Oktober. Vorab fünf Lesetipps:

Laksmi Pamuntjak, Journalistin aus Jakarta, legt mit Alle Farben Rot ihren ersten Roman vor. Er ist ein Anschreiben gegen das Vergessen der Gräuel des Suharto-Regimes, eine wichtige Stimme im Prozess der Aufarbeitung der indonesischen Zeitgeschichte, in der, wie die Autorin sagt, „Gut und Böse schwer zu trennen sind“. Jahrzehnte nach Suhartos Sturz 1998 sucht eine Frau auf der Gefangeneninsel Buru nach den Spuren des Mannes, den sie in jenen Tagen geliebt und dann verloren hat. In den Wirren einer Straßenschlacht wurden Amba und Bhisma auseinandergerissen, und Amba wusste all die Jahre nichts über das Schicksal ihrer großen Liebe. Bis sie eines Tages eine anonyme Mail erhält, aus der hervorgeht, dass Bhisma damals nach Buru verschleppt wurde. Und so macht sich Amba auf, um endlich Antworten auf die Fragen zu finden, die sie schon so lange quälen. Entlang der Linien des indonesischen Nationalepos Mahabharata, dieser großen Erzählung von Liebe und Krieg, entfaltet Laksmi Pamuntjak das Panorama einer jungen Nation und ihres bewegten 20. Jahrhunderts. Dabei gelingt es ihr Ästhetik, Schönheit von Sprache, mit ihrem Willen zur Aufklärung zu vereinen.

Leila S. Chudoris Roman Pulong (Heimkehr nach Jakarta) besteht aus Briefen, abgeschickt aus dem Gefängnis und abgeschickt aus dem Exil in Paris. Das Buch verknüpft historische Ereignisse mit dem persönlichen Schicksal zweier Generationen. Dimas Suryo, der 1965 im Ausland war und nicht mehr nach Indonesien zurückkehren konnte, lebt als Mitbesitzer eines indonesischen Restaurants in Paris und leidet lebenslang unter seiner Heimatlosigkeit. Lintang Utara, seine Tochter mit der Französin Vivienne, reist 1998 für ihr Filmstudium nach Jakarta und begegnet auf ihre Art der Geschichte und Gegenwart Indonesiens. Sie gerät in die Studentenunruhen, die zum Ende der Ära Suharto führten. Die indonesische Gesellschaft stehe, so Chudori in einem Interview, dem Leid anderer immer noch gleichgültig gegenüber. Dies ein Erbe der Diktatur, zu sehen auch an einem staatlichen Museum, in dem bis heute den Suharto-Generälen und ihren Metzeleien gehuldigt wird. Chudori schuf im Roman eine eindrückliche Szene, in der Lintang Utara dieses Museum besucht. In den intellektuellen Kreisen des Landes wird das Buch als „Gegengift gegen die offizielle Version der Geschichte“ und gegen das allgemeine Schweigen gelobt. Der Roman ist mit seinen verschiedenen Zeitebenen und Erzählperspektiven komplex gebaut. Und weil Teile davon von einem Restaurant handeln, gibt es auch jede Menge Kochrezepte.

Andrea Hirata schrieb mit Die Regenbogen-Truppe den aktuell meistverkauften Roman Indonesiens, musste sich allerdings auch vorwerfen lassen, mit seiner verklärenden Art Armut zu schildern, huldige er einem „Disney-Stil“. Hirata selbst, auf der Insel Belitung östlich von Sumatra geboren, sieht sich als Mann mit Bildungsauftrag; als solcher müsse er „Lesbares“ zu Papier bringen. In „Die Regenbogen-Truppe“ erzählt er von seiner eigenen Schulzeit: Söhne und Töchter von Fischern und Minenarbeitern wollen nicht eine einzige Unterrichtsstunde verpassen, denn für sie ist die Schule die einzige Möglichkeit, der Armut zu entkommen. Da ist zum Beispiel Lintang, das mathematische Genie, oder Mahar, der Künstler und angehende Schamane. Und Ikal, der seinen Weg macht: von der Armenschule über das Studium in Paris und London zum gefeierten Schriftsteller. Hirata eröffnet tiefe Einsichten in ein zerrissenes Land, in dem Bildung nach wie vor ein Privileg ist. In diesem Sinne ist sein Roman auch mehr als ein autobiografisches Dankeschön an seine Lehrerin, sondern ein Plädoyer dafür, allen Kindern dieser Welt den Weg in Schulen zu ermöglichen. Das Buch wurde bereits verfilmt.

Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Seno Gumira Ajidarma ist einer von Indonesiens profiliertesten und einflussreichsten Autoren. Sein Motto “Wenn Journalismus zum Schweigen gebracht wird, muss Literatur sprechen” spiegelt sich in seinen Werken wider, die meist gegenwärtige soziale, kulturelle und politische Zustände Indonesiens dokumentieren. In Jazz, Parfüm & Der Zwischenfall setzt sich Ajidarma mit der militärischen Gewalt in Ost-Timor während der indonesischen Besatzungszeit auseinander: Ein Journalist empfängt unzählige Berichte über Massenmorde und Folterungen in einer der indonesischen Provinzen. Er liest die Texte langsam, mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit, und seine Gedanken driften ständig zu seinen großen Leidenschaften ab: Jazz und Parfüm. Nach und nach wird deutlich, dass seine Gedankensprünge zu Miles Davis und Dior einen bestimmten Grund haben: Er ist gezwungen, die meisten der Informationen zu zensieren. Der Journalist spielt auf Zeit – aber zu welchem Zweck? Ein poetischer Text von politischer Brisanz.

Last, but not least, und um den Kreis zu Laksmi Pamuntjak zu schließen: Pramoedya Ananta Toer. Er gilt als der große alte Mann der indonesischen Literatur, er ist das Gewissen der Nation. Der 2006 verstorbene Autor war mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert. Bereits von den holländischen Besatzern wegen „antikolonialem Denken“ inhaftiert, brachte ihn Suharto erneut hinter Gitter. Die Zensoren des Suharto-Regimes belegten seine Werke mit dem Bannfluch des „Marxismus, Leninismus und des Kommunismus“ und verboten sie wegen ihres „subversiven“ Gehalts. Selbst Personen, die diese Bücher nur besaßen, landeten im Gefängnis. Dennoch blieb Pramoedya der meistgelesene zeitgenössische Autor des Landes. Seine Schriften wurden im großen Stil hektographiert und unter der Hand weiter gereicht. Seine Tetralogie Bücher der Insel Buru, auf der Gefangeneninsel Buru begonnen und unter Stadtarrest vollendet, ist Indonesiens Beitrag zur Weltliteratur. „Pram“, wie die Indonesier ihn liebevoll nennen, erzählt die Geschichte seines Landes von den holländischen Besatzern bis in die Jetztzeit. Die allgegenwärtige Repression veranlasste ihn allerdings, die Handlung dieser Romane in die Zeit um 1900 zu verlegen. Der Hauptprotagonist, der javanische Adelige Minke, erlebt – sehr kurz gefasst – gesellschaftlichen Aufstieg, Diskriminierung wegen seiner dunkleren Hautfarbe und Vertreibung ins Exil. Leitmotivisch durchzieht Prams Schriften die Auseinandersetzung der einheimischen mit der europäischen Kultur und damit die Schärfung historischen und sozialen Bewusstseins. Immer geht es ihm um die Sprache als Instrument von Herrschaft und als Medium des Widerstands. Subtil vermittelt er seine Botschaft: „Bediene dich deines Verstandes und schärfe dein Erinnerungsvermögen, um die Verhältnisse erst zu verstehen und dann zu verändern“.

Kurze Geschichte Indonesiens

Mit der Ankunft eines kleinen Expeditionskorps 1596 begann die holländische Kolonialzeit in Indonesien. Noch vor dem 1. Weltkrieg entstanden die ersten nationalistisch-indonesischen Parteien. Ihre Hauptidentifikationsfigur: der spätere Staatspräsident Sukarno. Der Kampf gegen die holländische Besatzung wurde intensiver. Im März 1942 kapitulierte die kleine holländische Schutztruppe nach dem Verlust Batavias vor den ganz Südostasien unterwerfenden Japanern. Nach dem Ende der brutalen japanischen Besatzung erklärte am 17. August 1945 der erste Präsident Sukarno zusammen mit Mohammad Hatta Indonesien für unabhängig. Die wieder anrückenden Holländer reagierten mit Gewalt. Erst am 27. Dezember 1949, nach starkem internationalen Druck, erkannten sie das südostasiatische Land offiziell an.

Sukarno leistete wichtige Arbeit bei der Bildung eines indonesischen Selbstbewusstseins und der Identifikation der Einwohner mit ihrem Staat, und es gelang ihm zu Beginn möglichst viele Bevölkerungsgruppen – der insgesamt 360 – anzusprechen. Trotz dieser Erfolge verschärften sich besonders die Konflikte zwischen Kommunisten (PKI) und dem Militär. Sukarno wiederum nutzte die zahlreichen Lücken in der Verfassung und rief 1960 die „gelenkte Demokratie“ und die „gelenkte Wirtschaft“ aus, was besonders von den USA nicht gerne gesehen wurde. Am Schluss ernannte ein von ihm ausgewähltes Gremium ihn zum Präsidenten auf Lebenszeit. Während dieser Zeit wurden einzelne Parteien verboten, insbesondere jene, die sich entlang ethnischer Linien geformt hatten, auch um ein Auseinanderbrechen des indonesischen Staates zu verhindern. Sukarnos zunehmende Willkürherrschaft führte schließlich zu einem Umsturzversuch, der der mitgliederstarken Kommunistischen Partei des Landes angelastet wurde. Bis heute ist ungeklärt, was wirklich geschah. Die offizielle, das heißt von den Militärs kolportierte Version lautete, dass am 30. September 1965 Kommunistische Frauen Generäle entführt und diese nicht nur getötet, sondern zudem noch verstümmelt hätten.

Der bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Hintergrund agierende Generalmajor Suharto machte die Kommunisten (PKI) für die Ereignisse verantwortlich und übernahm die Befehlshoheit. Es folgte ein erfolgreicher Gegenputsch rechtsgerichteter Armeeeinheiten. Die Welle der Gewalt, die landesweit von der Armee organisiert wurde, richtete sich vor allem gegen tatsächliche oder vermeintliche Anhänger der PKI und Chinesen und kostete mehr als einer halben Millionen Menschen das Leben, einige Quellen sprechen sogar von bis zu einer Million Toten. Ganze Dörfer wurden mitsamt ihrer Einwohner ausgelöscht, wenn sie im Verdacht standen, der falschen Seite nahe zu stehen: einer der größten politisch motivierten Massenmorde im 20. Jahrhunderts. Die Vorgänge sind bis heute nur unzureichend untersucht, daher sind genaue Angaben zur Zahl der Opfer nicht möglich. Nach wie vor gilt diese Zeit in Indonesien als Tabuthema. Darüberhinaus wurden zahlreiche regimekritische Politiker, Künstler und Schriftsteller als politische Gefangene inhaftiert und mussten Zwangsarbeit leisten. Der neue starke Mann Suharto wurde am 12. März 1967 „geschäftsführender Staatspräsident“, Sukarno blieb vorerst noch nominelles Staatsoberhaupt. Erst am 27. März 1968 übernahm Suharto formal das Amt des Staatspräsidenten, Sukarno starb 1970 nach längerer Krankheit.

Als Folge der Ereignisse wurde die kommunistische Partei des Landes nahezu ausradiert, dafür erhielt Suharto durch die USA breite militärische Unterstützung. Doch die Gewalt des Regimes richtete sich nicht nur gegen Kommunisten und Chinesen. Am 6. Juni 1975 besetzten indonesische Truppen die portugiesische Enklave in Westtimor, im Oktober desselben Jahres auch grenznahe Gebiete der Kolonie Portugiesisch Timor. Suharto befahl am 7. Dezember 1975 die militärische Invasion Osttimors. In den folgenden Wochen wurden 60.000 Menschen, 10 Prozent der Bevölkerung, getötet. Ein weiterer Massenmord, bei dem die Weltöffentlichkeit tatenlos zusah. Osttimor wurde am 17. Juni 1976 dem indonesischen Staatsverband eingegliedert. Mit der Wirtschaftskrise 1998 und zunehmenden Korruptionsvorwürfen kam es zu den ersten Protesten, in deren weiterem Verlauf der Diktator nach blutigen Unruhen in der Hauptstadt Jakarta zum Rücktritt gezwungen wurde. Während seiner 32-jährigen Regierungszeit wurden die Menschenrechte in allen Bereichen mit Füßen getreten.

1999 wurde erstmals ein Staatspräsident frei gewählt. Im selben Jahr wurde nach internationalen Protesten und der Landung einer Friedenstruppe in der zukünftigen Hauptstadt Osttimors, Dili, die Besetzung Osttimors aufgegeben. Zuvor hatten die indonesischen Streitkräfte das Land in Schutt und Asche gelegt. Am 20. Mai 2002 erhielt das kleine Land seine Unabhängigkeit. Indonesien mit seinen 17.500 Inseln ist heute der Staat mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung (ca. 200 Mio. von 240 Mio. Einwohnern). Immer wieder wird das Land von terroristischen Anschlägen erschüttert (z. B. 2002 auf Bali), die von radikalen islamischen Gruppen verübt werden. 2014 wurde Joko Widodo zum Staatspräsidenten gewählt.

Ullstein Buchverlage, Laksmi Pamuntjak: „Alle Farben Rot“, Roman, 672 Seiten. Übersetzt von Martina Heinschke.

Weidle Verlag, Leila S. Chudori: „Pulong (Heimkehr nach Jakarta)“, Roman, 432 Seiten. Übersetzt von Sabine Müller.

Hanser Berlin, Andrea Hirata; „Die Regenbogentruppe“, Roman, 272 Seiten. Übersetzt von Peter Sternagel.

Angkor Verlag, Seno Gumira Ajidarma: „Jazz, Parfüm & Der Zwischenfall“, Roman, 160 Seiten. Übersetzt von Guido Keller.

Unions Verlag, Pramoedya Ananta Toer: “Bücher der Insel Buru”, vier Romane. Übersetzt von Brigitte Schneebeli und Giok Hiang Gornik.

www.ullsteinbuchverlage.de

www.weidleverlag.de

www.hanser-literaturverlage.de

angkor-verlag.blogspot.co.at/

www.unionsverlag.com

www.buchmesse.de

Wien, 13. 10. 2105

Wien für Insider

August 13, 2013 in Buch

Eine schaurige Lektüre

Abseits von imperialem Glanz und architektonischer Schönheit birgt Wien geheimnisvolle, unheimliche und rätselhafte Geheimnisse. Wer die dunklen Seiten und schaurigen Orte entdecken will oder den verborgenen Schönheiten und düsteren Geschichten der Stadt auf die Spur kommen möchte, für den gibt es nun eine ganze Reihe von Büchern:

9783854316459_Cover_300dpiGeheimnisvoller Da Vinci Code in Wien. Verborgene Zeichen  – Versteckte Botschaften
Von Gabriele Lukacs und Robert Bouchal. Pichler Verlag. 192 Seiten.
Hinter der glänzenden Fassade der Bundeshauptstadt gibt es zahlreiche geheimnisvolle Codes, verschlüsselte Botschaften und verborgene Zeichen. Kennen Sie die originalgetreue Kopie des „Abendmahls“ von Leonardo da Vinci in Wien, den wahren Geheimcode im Gemälde? Wissen Sie, wo in Wien der Heilige Gral aufbewahrt wird? Haben Sie jemals vom Gralshüter und dem Kultraum unter der Maria-Magdalenen-Kapelle gehört? Wien verbirgt viele Geheimnisse, die man nur entdeckt, wenn man einen Blick hinter die Fassaden der Traumstadt riskiert

Unheimliches Wien. Gruselige Orte – Schaurige Gestalten – Okkulte Experimente
Von Gabriele Lukacs und Robert Bouchal. Pichler Verlag. 208 Seiten.
Die Donaumetropole Wien ist auch eine Fundgrube für alles Dunkle und Mysteriöse. Keine andere Stadt kann mit einer so großen Anzahl an gruseligen Schauplätzen und Sammlungen aufwarten, auf ihrer fantastischen Entdeckungsreise führen Robert Bouchal und Gabriele Lukacs in eine faszinierende Welt, die selbst den meisten Wienern unbekannt ist.

Unbekanntes Wien.Verborgene Schönheit – Schimmernde Pracht
Von Isabella Ackerl und Harald A. Jahn. Pichler Verlag.256 Seiten.
Wie jede Metropole wächst auch Wien heute über seine historischen Grenzen hinaus und bringt Neues hervor. Altes muss nur allzu oft weichen, doch gibt es liebevoll Restauriertes, das Vergessenes zutage fördert. Zahlreiche Geheimtipps machen diesen ebenso amüsant wie spannend zu lesenden Band zu einem wertvollen Begleiter für jeden Wien-Fan.

Dunkle Geschichten aus dem alten Wien
Von Barbara Wolflingseder. Pichler Verlag. 176 Seiten.
In ihren „dunklen Geschichten“ begibt sich Barbara Wolflingseder auf eine faszinierende Zeitreise in die Welt Alt-Wiens. Sie fördert Vergessenes und Verborgenes zutage, erzählt von düsteren Geheimnissen und mysteriösen Bluttaten, von Verbrechen, die einst die Stadt erschütterten. Eine schaurig-spannende Begegnung mit dem morbiden Schattenreich der Kaiserstadt.


Lexikon der Wiener Gemeindebauten. Namen | Denkmäler | Sehenswürdigkeiten
Von Peter Autengruber und Ursula Schwarz. Pichler Verlag. 320 Seiten.

Wiener Gemeindebauten prägen seit den 1920er Jahren das Stadtbild, manche sind schon lange Wahrzeichen, andere kaum bekannt. Das Lexikon der Wiener Gemeindebauten listet nun alle benannten Bauten auf, erklärt die Namen, Denkmäler und Sehenswürdigkeiten – eine Fundgrube für alle Wiener und Nicht-Wiener, die sich auf die Spuren des „Roten Wien“ begeben wollen.Mit den ersten großen Gemeindebauten setzte das „Rote Wien“ einst ein wichtiges Zeichen: für eine neue Solidarität mit den sozial Schwachen, für eine neue Politik der Gerechtigkeit und der Rücksichtnahme. Bauten wie der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt oder der Goethehof in Kaisermühlen wurden zu Wahrzeichen dieses solidarischen Wohnungsbaues, bis heute prägt der „Gemeindebau“ die Wohnlandschaft Wiens. Das „Lexikon der Wiener Gemeindebauten“ listet alle benannten Gemeindebauten mit Adresse in alphabetischer Reihenfolge auf und erklärt ausführlich die Herkunft der Namen. Darüber hinaus werden das Datum der Errichtung und das Benennungsdatum genannt. Erklärt werden aber nicht nur die Namen der Bauten, sondern auch Denkmäler, Sehenswürdigkeiten und Kleinode. Die zahlreichen Plastiken, Reliefs, Brunnen und Mosaike in Gemeindebauten werden erstmals in ihrer Vollständigkeit erfasst und beschrieben. Fotos der Gemeindebauten, Porträts der Geehrten, eine Liste der umbenannten Wohnhausanlagen, eine Liste der Künstler und ihrer Kunstwerke sowie eine Liste der ausführenden Architekten und Architektinnen mit bibliografischen Daten machen das Buch zum Nachschlagewerk.

http://pichlerverlag.styriabooks.at/

Von Rudolf Mottinger

Wien, 13. 8. 2013