brut: Der Kreisky-Test. Die erste Online-Produktion von Nesterval. Zusatztermine ab 4. Mai

April 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genießt die Genossen vor der Webcam!

Nesterval – Der Kreisky Test: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, und in der Mitte Astôn Matters als Gertrud Nesterval. Bild: © Rita Brandneulinger

Die gute Nachricht ist, wegen des großen Online-Erfolges gibt es ab 4. Mai Zusatz- vorstellungen, für die der Vorverkauf am 27. April um 13 Uhr auf brut-wien.at startet. Sonst wär’s irgendwie hirnrissig gewesen, hier über die neue Nesterval-Produktion zu schreiben, deren erste #StayAtHome-Performance, die via Zoom-Meeting stattfindet, und dabei wie immer immersiv, interaktiv, live – und bis 28. April komplett ausverkauft ist.

Schwierig ist das Schreib-Unterfangen hier sowieso, bitten einen die Drag- und anderen Artists im Anschluss an die Session doch ausdrücklich im Sinne eines künftigen Publikums nichts zu spoilern. Nesterval-Auskennern sei im Gegensatz zur bei der „Dunklen Weihnacht im Hause Grimm“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36227) erlittenen Schlappe also nur verraten: We did it diesmal! Vorm wunderbaren Sechziger-Jahre-Wandverbau empfängt einen um nichts weniger wundersam Astôn Matters als Dr. Gertrud Nesterval, das heißt, die Dame befindet sich in einem schwarzweiß-knistrigen Archivfilm, von dem aus sie die Kameradinnen und Kameraden an den Bildschirmen begrüßt.

Das Anliegen der ehemaligen Bruno-Kreisky-Anhängerin ist tatsächlich ein siedend heißes, sei doch die sozialistische Idee nach wie vor in Gefahr, und, nein, sie teile den Fortschrittsoptimismus des großen Vorsitzenden ganz und gar nicht, aber wer höre sie schon – als Frau. Entwickelt hat die Linienuntreue ergo einen Plan, um ihre politische Heimat zu schützen, den sogenannten „Kreisky-Test“, mittels dessen jene Auserwählten ausgeforscht werden sollten, die in der auf Rot gewendeten Utopia „Goodbye, Kreisky!“ des Wartens auf bessere Zeiten würdig wären. Dann verschwanden die Nesterval und ihre Idee auf Nimmerwiedersehen.

Bis der Nesterval Fonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben ihrer Familie im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, das Experiment wieder aufgriff. Das sich nunmehr bereits im letzten Versuchsstadium befindet. Mit vier Kandidatenpaaren, deren linke Lauterkeit die Testerinnen und Tester aka das Publikum in einem mehrstufigen Verfahren zu überprüfen angehalten sind. Wie gewohnt werden die, die richtig wählen, zu Gewinnern gekürt, kollektive Intelligenz ist gefragt, daher wird man auch diesmal in Kleingruppen geteilt – und los geht’s.

Statt im Studio brut von Raum zu Raum nun eben auf einer Virtual Room Tour. Bei der man in den Einzelbefragungen die Wiener Jo und Moritz, die die Sozialdemokratie mit der Muttermilch eingesogen haben und denen „Freundschaft!“ über alles geht, Sneza und Dalibor, die Geschwister aus Novi Sad, Partisaninnen-Enkel mit Migrationshintergrund, Sofia und Davide, Mutterfigur und Hausmann aus Sansepolcro, und Valerie und Blanca aus Santander, die erfolgreiche Architektin und ihre Aufputz-Ehefrau, kennenlernt. Die Spieler Christopher Wurmdobler, Johannes Scheutz, Romy Hrubeš, Bernhard Hablé, Andy Reiter, Niklas-Sven Kerck, Laura Hermann und Julia Fuchs schlüpfen in diese Rollen, das Game-Setting erdacht von Herrn Finnland und Frau Löfberg.

Ein Analyseteam gibt die Fragen zum Abarbeiten vor, über Kindheit, Besitztümer, Probleme, Bruder-Schwester-Sex, was wäre aus einem brennenden Haus zu retten, mit wem ein Abendessen angenehm, einmal mehr gilt es Absichten zu durchleuchten, während über Solidarität und Großmütter, die Biografie von La Pasionaria und die Politik-Einimpferin Tante Isabelle schwadroniert wird. Ein bisschen zu technisch ist das alles, buchstäblich und bildlich, denn beim Monitoring von Wertvorstellungen und dem Aufspüren möglicher Verräter wird man vom unsichtbaren Überwachungssystem in brüskem Tone ausgebremst. Keiner kann hier fragen, wie er will.

Bild: © Lorenz Tröbinger

Bild: © Herr Finnland

Bild: © Lorenz Tröbinger

Bild: © Lorenz Tröbinger

Und während einem vielleicht Jos Angespanntheit beim Nachhaken nach seinen Eltern, Blancas Abscheu vor den männlichen Kandidaten: „Wir werden Männern dieses Projekt nicht auch noch überlassen“, oder die seltsamen Floskeln, mit denen Dalibor den Kampfgeist von Sneza lobt, auffällt, während sich in Phase drei Blanca und Dalibor „bei allem Respekt“ gegenseitig der Intoleranz und Unfairness beschuldigen, all das kostet wertvolle Minuten, in denen man des Rätsels Lösung näherkommen wollte, geht einem der faschistoide Kommandoton aus dem Hintergrund mehr und mehr auf die Nerven.

Noch eine Vorschrift, noch einmal „Achtung, Achtung!“ und ich lauf‘ Digital-Amok, die Nestervals orgeln gekonnt auf der Klaviatur der Gefühle, auch der eigenen, Feminist Jo verlässt nach einer „Scheißfrage“ enerviert sein Bildschirmfenster und muss mit viel Überredungskunst zurückgebeten werden, worauf er einem leutselig, siehe oben, seine „Freundschaft!“ anbietet: „Du kannst dich immer auf mich verlassen!“, Dalibor wird vom Big Brother mit Sanktionen bedroht, weil er sich übers Kantinenessen beschwert.

In den knackigen 80 Minuten der Performance werden die Teilnehmer mehr und mehr zusammengeschaltet, bis wieder alle online versammelt sind, um zu entscheiden, wem sie ihre Gunst erteilen. Es folgt – zu hochdrama- tischer Musik – Phase 5, der „Gertrud-Test“, psst: Plot-Twist, nicht zu viel, nur die Worte Heimlichkeiten, Kadaver- gehorsam, wahres Gesicht, und siehe Klubzwang: Immer drauf achten, in welchem Club man sich befindet!

So weit also zum „Kreisky-Test“, der freilich eine Fleisch-und-Blut-Begegnung mit dem Nesterval-Trupp nicht ersetzen kann, aber wenn schon Theater online, dann bitte so. Genießt die Genossen vor der Webcam! Den Applaus dafür kann man am Ende auch via Zoom spenden, eine Fortsetzung im Real Life soll’s im Herbst geben. Das übliche Nesterval-Gettogether entfällt natürlich, aber wer sich nach Abschluss des Meetings nicht abrupt wegschaltet, kann die Darstellerinnen und Darsteller immerhin noch beim Gedankenaustausch über die eben stattgefundene Vorstellung belauschen.

So funktioniert die Teilnahme: Die Verwendung der kostenlosen Videokonferenz-App Zoom ist Voraussetzung, um bei „Der Kreisky-Test“ dabei zu sein. Erforderlich ist dazu ein Computer oder Laptop mit Kamera und Mikrofon. Am gewählten Vorstellungstag bekommt man via Email einen Teilnahmelink mit Bedienungsanleitung und einer „Notrufnummer“. Im virtuellen Warteraum empfängt einen darauf ein Host, der von nun ab alle weiteren Schritte mit einem durchgeht.

www.nesterval.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=s43c1YngId4           vimeo.com/399959263

Publikumsgespräch am 1. Mai, 20 Uhr, auf brut-wien.at

  1. 4. 2020

brut im Gewerbehaus – Nestervals „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“

November 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Nervensanatorium wird die Stille zur Mord-Nacht

Lauter nette Leit: Performer Astôn Matters aka Herr Rainer empfängt die Weihnachtsgäste in seinem Patientenzimmer. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Um die frohe Botschaft als erstes zu verkünden: Weil die Tickets in kürzester Zeit weg waren, hat Nesterval von 18. 11. bis 12. 12. neun Zusatztermine hinzugefügt. Die Expertentruppe für immersives Theater, die Vorgänger- produktion „Das Dorf“  ist für den Nestroy-Spezialpreis nominiert (www.mottingers-meinung.at/?p=35311), lädt – auch diesmal in Kooperation mit brut Wien –  ins Gewerbe- haus zum Performance-Abenteuer „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“.

Eine weitere Episode aus der Geschichte der sagenumwobenen Familiendynastie, deren künstlerischer Teil sich mit Vorliebe dem Zirkus zuwandte, während die eigentlich Porzellanmacher sich im Zweiten Weltkrieg der Herstellung von Waffen widmeten – mittels Einsatz von Zwangsarbeitern, weshalb sich Magda Nesterval bei den Nürnberger Prozessen strafrechtlich verantworten musste. Tochter Martha entriss der Mutter schließlich die Vorstandsposition; ein Großteil des Vermögens ging in den „Nesterval Fonds für karitative Zwecke“ über – doch dann passierten die bis heute ungelösten Todesfälle im Familienhospiz Engel …

Soweit die Historie zur nun vom Ensemble dargebotenen Story. Es ist das Jahr 1954, es ist Weihnachten, und Anstaltsleiterin Oberschwester Martha Nesterval holt Freunde und Förderer des Hauses zum Christfest ins Nesterval’s Sanatorium Grimm. Keine Geringeren als die Gebrüder Jacob und Wilhelm haben für die Einrichtung eine Behandlungsform ausgeklügelt, die den Patientinnen und Patienten ein zu ihren psychischen Störungen passendes Märchen zuteilt – und die Besucher sind nun herzlich aufgefordert, sich mit dieser Therapie vertraut und mit den Pfleglingen bekannt zu machen.

Wie stets auf dem schmalen Grat von Fakt und Fiktion balancierend, geleiten einen 23 Performer, Drag Artists und Schauspieler durch den Abend, wobei das Publikum von Fräulein Stulle aka Martha Nesterval, der freundlichen Schwester Tabea, ist gleich Julia Fuchs, und den Geschwistern Berger, der herrischen Sibille, der hantigen Elsa und dem für die Punsch-Ausschank im Frühstücksraum zuständige Hons (Pamina Puls, Sabine Anders und Lu Ki), empfangen und zwecks Besichtigung per bunten Armbinden in Kleingruppen aufgeteilt wird. Eines der Dinge, die erfährt, wer aufmerksam zuhört, ist, dass die jene Namen nur angstvoll wispernden Patienten die Bergers als „die teuflischen Drei“ titulieren.

Die Insassen des Sanatoriums sind nämlich weit weniger irre, als von ihnen behauptet wird, und wieder einmal haben Herr Finnland und sein aus Autorin Frau Löfberg und Ausstatterin Andrea Konrad bestehendes Leading Team ein Denk-Spiel erdacht, das es zwischen Krippenspiel und dem „Wichteln“ genannten Verteilen kleiner Geschenke zu durchschauen gilt. Sachte und sensibel heißt es nun zu den verstörten Seelen vorzudringen. Des Rätsels Lösung lautet, je mehr man interagiert, Fragen stellt und Schlüsse zieht, desto erkenntnisreicher gestaltet sich die Sache, also ausschwärmen und Informationen einholen, schließlich gibt es für die siegreiche Mann- und Frauschaft ein Präsentpaket zu gewinnen.

Willy Mutzenpachner aka Herr Friedrich flüchtet vor Männern bis auf den Kaminsims. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Herr Finnland und Frau Löfberg vor den Weihnachtssocken, in denen die Tätertipps deponiert werden. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Nachdem man sich derart durch die Verhaltensregeln studiert hat, vom Personal vorm notorischen Lügner mit dem Gestiefelten-Kater-Syndrom gewarnt und punkto der Selbstmordabsichten des von Andy Reiter verkörperten Herrn Anton beruhigt, vom Pulloverzipfel zuzelnden Helmut des Herrn Walanka zur Krippe geführt und über seine Funktion als König Melchior beim folgenden Spiel in Kenntnis gesetzt wurde, beginnt ebendieses. Aber: ein Schrei, Antons entleibter Körper liegt im Stiegenhaus, ein Schwächeanfall ob der Aufregung beschwichtigt Fräulein Martha.

Doch wer Augen hat zu sehen – um an dieser Stelle die Offenbarung des Johannes zu zitieren. Zur Ablenkung der Gäste dürfen diese nun die Patientenzimmer und Behandlungsräume inspizieren, jedes einzelne mit Röhrenradio oder einstmals als „Psyche“ bezeichneter Spiegelkommode bis in diverse Fifties-Details liebevoll dekoriert, und von den Bewohnern mit rotem Riesenkugelmobile, einem papierenen Schneeflockenwald oder einer Geschenkpaket- pyramide verschönert. Wer – je nach Sichtweise – Glück oder Pech hat, kann aber auch von den Ehrengästen weil Geldgebern, der hochschwangeren Helga und ihrem Ehemann Tomasz Nesterval, abgefangen werden.

Um bei herablassend genäseltem Smalltalk in den schier endlosen Lobgesang über die regelmäßigen Finanzspritzen für ihre Kranken einzustimmen. Längst ist da klar, die feucht-fröhliche Adventstimmung ist eine vorgegaukelte, die Stichworte dazu: Abzocke und Unfreiwilligkeit, und zumal hier einer mit Vergnügen über den anderen tratscht und dessen Geheimnisse ausplaudert, tun sich allmählich gewaltige Abgründe auf. Die bigotte Atmosphäre von Betstuhl, Kruzifix, Heiligenbüste verwandelt sich ins Bedrohliche, das heimelige Licht scheint plötzlich düsterer, was eben noch skurril war, wird spooky, denn was Nesterval im Gewerbehaus veranstalten, ist im Wortsinn ein Psychothriller. In dessen Verlauf es logischerweise nicht bei einer Leiche bleiben kann.

Von Tobsuchtsanfällen und Tränen, von Zoff hinter verschlossenen Türen und Todesahnungen beim Kartenlegen, vom unerlaubten Entwenden einer Akte bis zum Unzucht-Gekreische bei einer Séance, erlebt jeder Zuschauer den Abend so, wie er ihn sich arrangiert. Allemal interessant ist es, Willy Mutzenpachners Herrn Friedrich in der Isolierzelle aufzusuchen, allerdings Achtung: der „Froschkönig“ fürchtet sich vor Männern. Auch eine Begegnung mit dem im Rollstuhl sitzenden Fräulein Adelheid, ist gleich Laura Hermann, mit Johannes Scheutz‘ an den „Sieben Geißlein“ leidenden Herrn Konrad im Arztzimmer und mit dem großen Herz des Ganzen, Romy Hrubeš‘ auralesendem Fräulein Charlotte, sind aufschlussreich. Denn niemand im Sanatorium Grimm ist ohne Schuld, die meisten jenseits von Gut bei Böse, und Katz-und-Maus ihr bevorzugtes Spiel.

Dank des Nebengeschäfts des Herrn Theodor von Bernhard Hablé wird die Spurensuche zwar zumindest kurzzeitig unbeschwerter, doch schon erklingt aus dem Frühstücksraum „Jingle Bells“ als schwermütige Trauermusik. Das ist der Moment, an dem Operation Dunkle Weihnacht beginnt … Bei der Premiere entpuppte sich übrigens Gruppe grün als Meisterdetektive, obwohl Herrn Finnlands Maxime ja die vom Dabeisein ist, das alles ist. „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“ ist ein Mordsspaß, bei dem einmal hingehen und mitmachen nicht ausreicht, um alle Facetten dieser verrückten Vorführung genießen zu können. Und wenn sie nicht gemeuchelt sind, dann metzeln sie noch heute …

Video: www.youtube.com/watch?v=7t3yirtPOSU           www.nesterval.at           brut-wien.at

  1. 11. 2019

Kunstforum: Flying High. Künstlerinnen der Art Brut

Februar 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Werk, das sich seinen Platz erst erobern muss

Aloïse Corbaz: Brevario Grimani, um 1950 (Ausschnitt). abcd / Bruno Decharme collection. Bild: © César Decharme

Mit „Flying High“ zeigt das Kunstforum Wien ab 15. Februar die erste Ausstellung, die sich weltumspannend den weiblichen Positionen der Art Brut von 1860 bis in die Gegenwart widmet. Die Ausstellung ist in jeder Hinsicht ein Höhenflug: Sie versammelt 316 Werke von 93 Künstlerinnen aus 21 Ländern, die die inhaltliche und ästhetische Vorstellung, was Kunst ist, sprengen. Die Ausstellung nimmt den von Jean Dubuffet 1945 definierten Begriff „Art Brut“ für jene ursprüngliche, nichtakademische Kunst außerhalb des kulturellen Mainstreams als Ausgangspunkt.

In der Vielfalt und Heterogenität der präsentierten Werke wird deutlich, dass der Art-Brut-Begriff heute längst über Arbeiten aus Psychiatrien hinausgeht und auch die Produktion von „mediumistischen“,  von einem Geist geführten Künstlerinnen, „Einzelgängerinnen“ und Künstlerinnen mit Behinderungen umfasst. Diese Erweiterung ist nicht zuletzt durch den radikalen Wandel der Institution Psychiatrie – von ehemals geschlossenen Anstalten über offenere Strukturen bis zu deren Auflösung – begründet.

Zeitgenössische Art Brut entsteht heute vielfach in Ateliers oder in von den Künstlerinnen selbst geschaffenen Strukturen. Die Chronologie der Ausstellung beginnt mit Highlights aus den historischen Sammlungen der Psychiater Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn. Beide sammelten und förderten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Kunst aus Psychiatrien und publizierten darüber. Der Hauptraum des Kunstforum Wien zeigt Meisterinnenwerke aus der Sammlung von Jean Dubuffet  aus der Collection de l’Art Brut, Lausanne, die Dubuffet zwischen 1945 und 1976 zusammentrug. Eine repräsentative Auswahl von Werken aus der Sammlung L’Aracine schließt den Überblick über jene Sammlungen ab, die Entstehung und Geschichte der Art Brut entscheidend prägten. Darüber hinaus zeigt die Schau eine Vielzahl von Werken aus bedeutenden internationalen und österreichischen Privatsammlungen.

Julia Krause-Harder: Nanotyrannus, 2013. Courtesy Atelier Goldstein. Bild: © Uwe Dettmar

Judith Scott: Ohne Titel, o. J. abcd / Bruno Decharme collection © Creative Growth Art Center. Bild: © César Decharme

Die Geschichte weiblicher Art-Brut-Künstler spiegelt die Emanzipationsgeschichte von Frauen auf einer prekären Ebene wider: Diese sind bis heute „Außenseiterinnen der Außenseiter“. Die Art Brut hat nach wie vor keinen gleichberechtigten Platz neben der „Hochkunst“ gefunden. Da Frauen sowohl innerhalb der Art Brut als auch jenseits der feministischen Kunst ihren Platz erst erobern müssen, ist eine Präsentation ihrer Werke hoch an der Zeit. Die Ausstellung nun verdeutlicht, dass ästhetische Gesichtspunkte gegenüber diagnostischen Kriterien und Biografie sowie der Exzentrität der Autorinnen mehr und mehr an Relevanz gewinnen. Durch die Arbeiten von unterschiedlichsten Künstlerinnen entsteht ein vielstimmiges Panorama gestalterischer Ausdruckskräfte: Worin unterscheiden sich jene individuelle Mythologien, die Art Brut begründen, je nachdem, ob sie von Künstlerinnen oder Künstlern geschaffen wurde? Erzählen die Arbeiten von Frauen tatsächlich andere Geschichten als Männer? Wie werden Differenzen in den Produktionsweisen, Medien und Ikonografien sichtbar?

Die Schau geht diesen Fragen nach und reflektiert die direkte und ursprüngliche, oft auch subversive Ausdruckskraft und Qualität der von Frauen geschaffenen Art Brut. Die Unterschiede und auch mögliche Gemeinsamkeiten im Ausdruck von Künstlerinnen und Künstlern der Art Brut anhand von Gegenüberstellungen zu visualisieren, wird Thema einer anderen Ausstellung sein. Wie überall gilt auch im Feld der Kunst: Nur was wahrgenommen werden kann, existiert auch.

www.kunstforumwien.at

13. 2. 2019

brut Wien: Das Programm der Saison 2016/17

September 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grenzverletzungen und andere Streifzüge durch die Stadt

Showcase Beat Le Mot: Nazisupermenschen sind euch allen überlegen. Bild: © Gerolf Mosemann

Showcase Beat Le Mot: Nazisupermenschen sind euch allen überlegen. Bild: © Gerolf Mosemann

Dienstagvormittag stellte Kira Kirsch das Spielzeitprogramm von brut Wien vor: Mit einer durchschnittlichen Auslastung von etwa 90 % zieht sie eine positive Bilanz über die vergangene und ihre erste Spielzeit als künstlerische Leiterin des Hauses; an 225 Spieltagen kamen insgesamt an die 16.000 Besucher. Ab 25. September geht’s nun mit einem dichten, abwechslungsreichen zweiwöchigen Eröffnungsprogramm in die neue Saison.

Es eröffnet die Wiener Gruppe toxic dreams mit der Uraufführung der schwarzen Beziehungskomödie Thomas B or Not, die im Kosmos von Off- und Staatstheater angesiedelt ist. Zum Social Muscle Club laden die Wiener Künstler Laia Fabre und Thomas Kasebacher (notfoundyet) und Stefanie Sourial ein. Düster-orchestrale Melodien gibt es vom Wiener Black Palms Orchestra rund um Christian Fuchs, der live auf der Bühne im brut von zahlreichen lokalen Musikern unterstützt wird, darunter Ankathie Koi (Fijuka), Anna Attar (Monsterheart) und Oliver  Welter (Naked Lunch). Mit Spannung erwartet werden darf die Österreichische Erstaufführung von Nazisupermenschen sind euch allen überlegen am 7. Oktober. Das Performancekollektiv Showcase Beat Le Mot arbeitet seit 1997 mit brachialem Humor und fröhlich-sarkastischen Grenzverletzungen an der radikalen Aufarbeitung historischer Themen und Geschichten. Ihr aktuelles Projekt beschäftigt sich mit zeitreisenden Nazisupermenschen und entfacht ein humorvolles Spiel mit dem politisch Unkorrekten.

Prominent besetzt ist das erste brut+ Projekt der Saison mit dem bekannten Performancekollektiv Rimini Protokoll. Ab 28. September führt Hausbesuch Europa (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=21388) in die Räume von Wiener Privatwohnungen. Jede Aufführung findet in einem anderen Zuhause statt und involviert dort 15 Gäste in ein Gesellschaftsspiel, das um die Frage kreist, wie viel Europa in  uns allen steckt. Den öffentlichen Raum besiedelt das österreichisch-deutsche Performance- und Fernsehkollektiv irreality.tv. Ab 10. Oktober bauen die Künstler am Kriemhildplatz im 15. Bezirk für mehrere Wochen ein Filmset auf und interpretieren gemeinsam mit Menschen vor Ort sehr frei Motive aus Wagners Ring für die partizipative Stadt-Fernsehserie Der Ring des Nibelungenviertels.

Ein besonderes Highlight ist die Uraufführung von Doris Uhlichs neuestem Stück Ravemachine am 20. Oktober, einer Zusammenarbeit mit dem Choreografen und Tänzer Michael Turinsky,  in der körperliche, musikalische und mechanische Energien aufeinanderprallen. In Kooperation mit WUK performing arts findet zudem der Workshop Every Body Electric für Menschen mit Behinderungen statt, dessen Ergebnisse am 22. Oktober mit einem Remix von Ravemachine und anschließender Rave-Party im WUK gezeigt werden.

Doris Uhlich: Ravemachine mit Michael Turinsky. Bild: © Theresa Rauter

Doris Uhlich: Ravemachine mit Michael Turinsky. Bild: © Theresa Rauter

Theater im Bahnhof: Aufräumen. Drei Frauen finden die Hose von Johanna Dohnal. Bild: © Johannes Gellner

Theater im Bahnhof: Aufräumen. Drei Frauen finden die Hose von Johanna Dohnal. Bild: © Johannes Gellner

Mit Sicherheit und Überwachung in öffentlichen und privaten Räumen beschäftigt sich die Wiener Gruppe Fourdummies. Gemeinsam mit dem Publikum begeben sich die Künstler am Nationalfeiertag auf einen Streifzug, um die Inszenierung und die Repräsentation von Sicherheit zu untersuchen. Das Ergebnis der Recherche, Safe Vienna! Save Vienna!, kommt im Frühjahr im brut zur Premiere. Mit Rollenstereotypen setzen sich zwei starke Frauenpositionen aus der Steiermark auseinander, die in Räumen im 5. und im 6. Bezirk gezeigt werden. Mit Female History folgen die Rabtaldirndln einem selbstauferlegten Bildungsauftrag und erzählen ab 7. November in einer performativen Vortragsreihe von der Selbstermächtigung unkonventioneller Frauenfiguren.

Die Frauen des Theaters im Bahnhof wagen ab 21. November mit dem preisgekrönten Stück Aufräumen eine humorvolle Bestandsaufnahme zum Thema Feminismus in Österreich und nehmen die Geschichte der ehemaligen SPÖ-Frauenministerin Johanna Dohnal zum Ausgangspunkt. Die erfolgreiche Interviewserie Zu Gast im brut – Ein Talkshowkonzentrat setzt das TiB schon ab 19. November fort. Anlässlich der Vienna Art Week gibt es ein Spezial zum Thema „Schönheit“. Pro Abend wird vier Gästen in intimen Zwiegesprächen von der Interviewerin Pia Hierzegger auf den Zahn gefühlt.

Erfahrungen mit dem Staatsterror im Iran, Widerstand und Flucht beschäftigt die Wiener Künstler Gin Müller, Gorji Marzban und Jan Machacek in ihrem neuen Stück Fantomas Monster, das am 16. Dezember Premiere hat. Anfang 2017 verwandelt das Wiener Künstlerduo hoelb/hoeb den Saal im brut in einen Resonanzraum für die Themen Verlust und Trauer. Das installative Performanceprojekt Lost_Inn. staging grief involviert das Publikum in Gespräche mit Experten, Seelsorgern und Ethikern über die Beschaffenheit von Trauerräumen und -ritualen. Weitere Uraufführungen im Jänner und Februar sind noch in Planung.  Der Küchenstammtisch Bring your own booze findet wie gewohnt montags statt, der erste  der Saison am 10. Oktober.

Die finanzielle Situation für 2016 schließt an jene der vergangenen Jahre an. Das Jahresbudget beträgt etwa 1.8 Millionen Euro, daran tragen den größten Anteil die Stadt Wien, ein EU-Projekt und die Eigeneinnahmen. Ein Antrag beim Bund wurde erneut abgelehnt, ein Gesprächstermin hat diesen Status quo bestätigt. Für das Budgetjahr 2017 geht man im brut daher von ähnlichen Zahlen wie 2016 aus. Das brut wird selbst ein EU-Projekt beantragen und ist Partner in zwei weiteren EU-Anträgen. Ein weiterer Bundantrag ist ebenfalls in Planung. In den kommenden beiden Saisonen wird das Künstlerhaus bekanntlich generalsaniert. Als Letztstand der Gespräche mit dem Vermieter Künstlerhaus wurde versichert, dass trotz Baugeschehen um und am brut ein nahezu störungsfreier Betrieb während der kommenden Spielzeit möglich sein wird.

brut-wien.at

Wien, 13. 9. 2016

Rimini Protokoll sucht Gastgeber in Wien

August 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Für das Projekt „Hausbesuch Europa“

Rimini Protokoll: Hausbesuch Europa. Bild: © Pigi Psimenou

Rimini Protokoll: Hausbesuch Europa. Bild: © Pigi Psimenou

Die Performancegruppe Rimini Protokoll sucht Wienerinnen und Wiener, die bereit sind, ihre Wohnung für eine zweistündige Aufführung von „Hausbesuch Europa“ für 15 Gäste zu öffnen. Nach Amsterdam, Bergen, Lissabon, Berlin, Prag, und vielen weiteren Städten tourt das Projekt im Herbst auch durch Wiener Wohnungen und baut so ein dezentrales Netzwerk auf, das sich von Haustür zu Haustür über den Kontinent erstreckt.

Für die Aufführungen werden im Zeitraum vom 28. September bis 9. Oktober Privatwohnungen benötigt. Sie sollten einen großen Tisch mit 15 Sitzplätzen und einen Backofen oder ein Backrohr zur Verfügung stellen können. Die gesamte weitere Organisation übernimmt brut Wien. Interessenten melden sich unter organisation@brut-wien.at. Auf der Webseite brut-wien.at findet sich ein Anmeldeformular, das ausgefüllt mit Angaben zur Wohnung und einem Foto der Wohnung mitzuschicken ist.

Das Team bringt Kekse, Tee und Kaffee mit, natürlich die notwendige Technik, und, so nicht genug Sitzgelegenheiten vorhanden sind, auch Klappstühle. Die Adresse der Wohnung wird nicht öffentlich bekanntgegeben, erst nach dem Bezahlen der Tickets bekommen die jeweiligen Theatergäste den Ort der Veranstaltung genannt.

Bild: © Pigi Psimenou

Bild: © Pigi Psimenou

Bild: © Pigi Psimenou

Bild: © Pigi Psimenou

Zum Projekt:

„Hausbesuch Europa“ ist eine Aufführung, die sich im Handgepäck transportieren lässt und die einem so nahe kommt, wie es die großen Ideen sonst selten tun. Was ist Europa? Ist es eine geografische Grenze, eine kulturelle Identität, ein Staatenverbund? Europa, so wird immer wieder konstatiert, ist am ehesten eine sich ständig wandelnde Idee – zu theoretisch, als dass sie vom Einzelnen als Lebenswirklichkeit erfahren werden könnte. Rimini Protokoll kontrastiert diese abstrakte europäische Idee mit der Individualität einer Privatwohnung. In einem Wohnzimmer werden 15 Menschen Teil eines Gesellschaftsspiels, das persönliche Geschichten und die Mechanismen des politischen Europa miteinander verzahnt. Was sich erst noch anfühlt, wie eine politische Sitzung, nimmt bald eine andere Wendung: Karten werden ausgebreitet, Probleme werden diskutiert und gemeinsam Entscheidungen getroffen. Für die Dauer einer Aufführung wird Europa als sozialer Raum erfahrbar.

Mehr Infos: www.homevisiteurope.org     www.rimini-protokoll.de

Trailer: vimeo.com/131524136

Wien, 10. 8. 2016