Kasino des Burgtheaters: Theblondproject

Oktober 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Aufzug mit der Avatarin

Gesine Danckwart und Caroline Peters erklären dem anwesenden Publikum den Ablauf des Abends. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Als Rod Stewart sein Album „Blondes Have More Fun“ veröffentlichte, war er mehr als 40 Jahre von der gestrigen Uraufführung entfernt, und nein, als Angehörige dieser – wenn auch mittlerweile im Friseursalon aufgepeppten – Spezies kann man nicht sagen, dass man an „Theblondproject“ besonders viel Spaß gehabt hätte. Theatermacherin Gesine Danckwart und Schauspielerin Caroline Peters haben die immerhin vom deutschen Fonds Doppelpass geförderte Produktion der Danckwart’

schen Formation Chez Company und des Burgtheaters gemeinsam entwickelt und getextet, und fungieren nun im Kasino desselben auch als Performerinnen. Dass der Abend allerdings ab der initialen Phase nicht zündet, mag an der eigenen Erwartungshaltung gelegen sein, wurde doch via Burgtheater-Webseite vollmundig verkündet, die Akteurinnen würden sich anhand der klischeebehaftesten Haarfarbe von allen mit Rollenbildern, Identitätsmustern, Machtstrukturen, heißt: eben den üblichen Mythen ums Blondsein, beschäftigen. Davon bleibt ein von Peters zugegeben virtuos vorgetragener Blondinenwitz und bereits anfangs die Ansage, die eine, Danckwart, sei immer schon Feministin gewesen, während die andere, Peters, damit bis dato wenig zu tun hatte, hätte sich ihrer Selbstverwirklichung doch nie ein Mann in den Weg gestellt.

Was bei einer Mitarbeiterin in einem Apparat, der vom Literaturkanon bis zur Bühnentätigkeit männlich dominiert ist, an sich schon verwundert, auch eingedenk der Tatsache, dass die zwei großen Wiener Theater von Frauen- zurück in Männerhände gegeben wurden. Staunende Sprachlosigkeit befällt einen aber erst, als das Künstlerinnenduo sich dem Gendering verweigert, und für sich selbst in seinen Aufgaben das Maskulinum wählt – Autor, Regisseur, Schauspieler. Ist das ein Witz in dieser Welt weißer Hetero-Herren?

An einer Station steuern die Zuschauer die Avatarin … Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

… und die reagiert sofort auf deren Wünsche. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

„Theblondproject“ will sich als Indikator des neuen Kušej’schen Burgtheaters verstanden wissen, wobei vor allem im Kasino stattfinden soll, was weibliche Avantgarde, Diskurs darüber – mit einem Wort: emanizipationsbewegt ist. Bewegt wird aber erstmal nur das Publikum, eingeladen zu einem Parcours durch die Hinterbühnenräume des Kasinos, wo an Bildern, Filmen, Erlebnissen allerhand passiert. Chefmaskenbildner Peter Spörl referiert über Haare, daneben Perücken und Spiegel, um das Gehörte gleich auszuprobieren. Komparsinnen und Komparsen unterhalten mit Anekdoten über berühmte Blondinen, an Musik erklingt der Plastikblondsong „Barbie Girl“ von Aqua und Emilia Mitikus „Big Big World“.

Herzstück der Installation sind Video-Interviews mit Frauen, Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler, Theaterwissenschaftlerin Monika Meister und anderen aus der vielzitierten „Mitte der Gesellschaft“ stammenden Macherinnen. Das innovative Highlight des Ganzen ist denn freilich nicht Inhaltliches, sondern ein Stück Technik, Thekla Kaischauri als mit Stirnkamera ausgestattete „Avatarin“, deren Live-Aufnahmen in den Saal übertragen, und deren Aktionen von den Zuschauerinnen und Zuschauern gesteuert werden können. So muss sie mal Klavierspielen, mal raus auf den regennassen Schwarzenbergplatz, mit einem selber zum Schluss im Aufzug hinunter Richtung Eingangsbereich fahren.

Bevor es gilt, sich aus der Bunten-Abend-Atmosphäre zu verabschieden, monologisiert Caroline Peters noch dreißig Minuten lang, kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, von der strawberryblonden Rita Hayworth über die Hitchcock-blonde Tippi Hedren zur wasserstoffblonden Marilyn Monroe, diese als Smiley auf der Spielfläche versinnbildlicht, und apropos, Sex-: von Bikini zu Atoll zu Atombombe.  Bombshellblond und in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung womansplaint Peters, was das Zeug hält, flachst, sie sei im Laufe der Veranstaltung noch (flachs)-blonder geworden, schäkert mit Souffleuse Monika Brusenbauch, weil’s doch nur ein Scherz ist, wenn sie sich aus deren Einsagebuch die vergessenen Formulierungen holt.

Keep on Smiley: Caroline Peters als Bombshell Blonde in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Da geht das Auditorium dankbar mit, doch hat’s anschließend Gesine Danckwart schwer, die, in Fell gehüllt, den mutmaßlich maßgeblichen Satz der Vorführung sagt: „Ich sehe mich einfach nicht.“ Und ist das der Fall, kann ich auch nicht gesehen werden. Da legt sich der Frauen- solidaritätsschalter doch noch um, auch wenn dieses Selbst- bespiegelungsprojekt – „Spiegel“ im Sinne von: zwar glänzender, aber letztlich zweidimensionaler Oberfläche

– nichts zu Selbstreflexion, schon gar nicht Selbstfindung beigetragen hat. Immerhin ein Erfreuliches: Auf den zu Beginn ausgeteilten Fragebögen geben am Ende 87 Prozent der diese Ausfüllenden an, den Begriff „Feminismus“ nicht zum Schimpfen zu verwenden. „Befragen“ ist auch das Stichwort, das „Theblondproject“ für sich erkoren hat, Danckwart und Peters wollen das mit sich, einander und anderen weiter tun. Im Frühjahr 2012 soll es dann ein zweites Projekt an der Deutschen Oper Berlin geben.

www.burgtheater.at           www.theblondproject.net

  1. 10. 2019