Leopold Museum: Egon Schiele. Die Jubiläumsschau

Februar 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Vergleich mit Günter Brus und Thomas Palme

Egon Schiele, Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910 © Leopold Museum, Wien. Bild: Leopold Museum, Wien

Im Jahr 2018, ab 23. Februar, 100 Jahre nach seinem Tod, ist dem zentralen Künstler aus der Sammlung des Leopold Museum, Egon Schiele, eine besondere Ausstellung gewidmet: einzigartig durch die Kombination von Gemälden, Papierarbeiten und zahlreichen Archivalien präsentiert die Ausstellung die wichtigsten Themen im Schaffen des Künstlers: zunächst sein selbstbewusstes Heraustreten aus der Tradition und seine Findung als Ausdruckskünstler, in der Folge Motivgruppen wie die ambivalente Figur der Mutter oder die Tabubrüche in Form der Darstellung junger Mädchen und Buben, des weiteren Themen wie Spiritualität und Verwandlung, seine enigmatischen Häuser und Landschaften oder etwa seine spannungsvoll komplexe Analyse in seinen Porträtdarstellungen.

Die Gewichtung der Ausstellung ergibt sich aus jener der Sammlungen Leopold, die Kunstgeschichte schrieben: bei den Ölbildern wie den Papierarbeiten liegt der Schwerpunkt auf den expressionistischen Jahren 1910–1914, wobei die Blätter zu je einem Drittel den Selbstdarstellungen, den Porträts und Akten der Mädchen und schließlich jenen erwachsener Frauen gewidmet sind. Demgegenüber umfassen die Gemälde die genannten Themen. Neben dem umfassenden Sammlungsbestand, deren Papierarbeiten aus restauratorischen Gründen in drei Durchläufen gezeigt werden, sind einzelne herausragende Schiele-Werke von internationalen Sammlungen als „noble Gäste“ in die Jubiläumsausstellung integriert.

Günter Brus, Aktionszeichnung, 1966 © Privatsammlung. Bild: N. Lackner/UMJ

Thomas Palme, No Text, 2014 © Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum. Bild: N. Lackner/UMJ

Am 3. März folgt dies Schau „Schiele – Brus – Palme“. Egon Schiele, Günter Brus (geboren 1938) und Thomas Palme (geboren 1967) – Enfant terribles ihrer jeweiligen Generation – erweiterten mit ihren Arbeiten den herkömmlichen Kunstbegriff. Schieles schonungslose Beschäftigung mit dem Individuum, mit dem Selbst, war der notwendig verstörende Auftakt für das von zwei Weltkriegen erschütterte 20. Jahrhundert. In den 1960er-Jahren nimmt Günter Brus den Körper als Kapital für die Kunst wieder auf und radikalisiert Schieles Analyse des Ichs, indem er bald Papier und Leinwand verlässt und sich wortwörtlich einer Zerreißprobe stellt. Eine Generation später ist es Thomas Palme, der das Erbe von Schiele und Brus in seinen Grafiken weiterführt, indem er jene zitiert, weiterdenkt oder ihnen antwortet. In der Ausstellung entsteht ein fiktiver – zwischen Brus und Palme auch direkter – Dialog, der zeitliche, räumliche und gesellschaftliche Grenzen bei aller existentialistischen Pein oft auch spielerisch hinter sich lässt.

www.leopoldmuseum.org

22. 2. 2018

Belvedere 21: Günter Brus. Unruhe nach dem Sturm

Januar 31, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Umfassende Retrospektive zum 80. Geburtstag

Günter Brus: Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien mit Anna Brus

Anlässlich seines 80. Geburtstags würdigt das Belvedere 21 ab 2. Februar das Gesamtwerk von Günter Brus mit einer umfassenden Retrospektive. „Passend zum Jahresmotto ‚Spirit of ’68‘, das 2018 als Klammer für die gesamten Aktivitäten des Hauses fungiert, wird mit dieser Ausstellung Günter Brus als großer Kunstrebell der 1960er-Jahre gewürdigt. Fünfzig Jahre nach der radikalen Aktion ,Kunst und Revolution‘ zeigen wir, dass Brus nie aufgehört hat sich weiterzuentwickeln“, so Generaldirektorin Stella Rollig.

Günter Brus gehört heute zu den wesentlichen internationalen künstlerischen Positionen in Österreich. Als Vertreter des Wiener Aktionismus thematisiert der Künstler in den 1960er-Jahren mit eindringlicher Präsenz die physische und psychische Verfasstheit des Menschen und die Ausgesetztheit des Individuums gegenüber gesellschaftlichen Regelwerken. Mit seinem radikalen, körperbezogenen und performativen Werk gelingt es ihm, sich von der „Marke“ Wiener Aktionismus zu lösen und sich als wesentlicher Wegbereiter der internationalen Aktions- und Performancekunst in die Geschichte einzuschreiben. 1970 wendet sich Günter Brus von der Aktionskunst ab und beschäftigt sich zunehmend mit dem Medium Zeichnung, mit „Bild-Dichtungen“ und Theaterarbeiten.

Ein Anliegen dieser Schau ist die umfassende Präsentation der ausgewählten Serien. Neben den bekannten Aktionsfotos, ergänzt um bisher kaum gezeigtes Material, werden Brus’ serielle Zeichnungen und „Bild-Dichtungen“, darunter der 160-teilige Zyklus „Leuchtstoffpoesie und Zeichenchirurgie“, in ihrer Gesamtheit gezeigt. Insgesamt sind rund 120 Werkzyklen und Werke mit mehr als 700 Einzelobjekten in der Ausstellung zu sehen, darunter Filme und bisher unbekannte Werkserien. „Die Ausstellung  wirft einen Blick auf das gesamte Œuvre des Künstlers und macht Zusammenhänge sichtbar. So sind die Theaterprojekte, die Zeichnungszyklen und die Künstlerbücher genauso wie die frühe gestische Malerei und die bekannten Aktionen Indizien für Brus’ radikale Kunstauffassung einer konsequenten Zerstörung des Kunstwerks, genauer gesagt seiner traditionellen Gestalt als Tafelmalerei“, erläutert Kurator Harald Krejci.

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Die Retrospektive öffnet sechs Themenfelder: Malerei im erweiterten Feld, Günter und Anna Brus, Bild und Narration, Kollaborationen, Theater und Psyche sowie die Berliner Zeit. Einen besonderen Fokus legt die Ausstellung auf Günter Brus’ Zusammenarbeit mit seiner Frau Anna, der Namensgeberin seiner ersten Performance. Aufgezeigt wird Anna Brus’ Anteil an der Erarbeitung der Aktionen. Anders als seine Mitstreiter Mühl oder Nitsch, die in ihren Arbeiten und im Umgang mit ihren Modellen dem Machismus verhaftet waren, hat Günter Brus immer mit seiner Frau kooperiert. Anna Brus sicherte den Lebensunterhalt für ihre Familie und wirkte in ihrer Freizeit bei Aktionen mit – ein Familienmodell, das in den frühen 1970er-Jahren sehr unüblich war. Inwieweit diese Form der Partnerschaft eine bewusste Entscheidung mit emanzipativer Grundhaltung war, bleibt offen. Fakt ist, dass Günter Brus Geschlechterrollen in seinem Werk immer wieder aufgreift und damit stereotype Zu schreibungen und Rollenbilder hinterfragt.

www.belvedere.at

1. 2. 2018

Bruseum: Damage Control

November 6, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Body Art and Destruction 1968-1972

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970 Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970
Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Das BRUSEUM, Neue Galerie Graz, zeigt ab 14. 11. die Schau „Damage Control“. Im Jahr 1970 hat Willoughby Sharp im kurzlebigen Museum of Conceptual Art in Chicago eine Ausstellung kuratiert, die unter dem Namen Body Works erstmals die gerade im Entstehen begriffene Tendenz einer körperzentrierten Kunst – die später unter dem Namen Body Art firmieren wird – einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hat. Die präsentierten Videoarbeiten von Vito Acconci, Terry Fox, Bruce Nauman, Dennis Oppenheim, Keith Sonnier und William Wegman zeigten im Wesentlichen „the use of the artist’s own body as sculptural material“. Sie zeigten jedoch auch bereits die Dekonstruktion und Destruktion dieses neuen skulpturalen Materials und damit die Selbstverletzung der Künstler als künstlerischen Akt: Acconci brannte sich die Haare von den Brustwarzen, Oppenheim ließ sich durch den Sand schleifen und Wegman steckte sich 11 Zahnstocher in den Gaumen. Als das Museum of Contemporary Art in Chicago fünf Jahre später unter demselben Ausstellungstitel einen erneuten Rückblick wagte, war die Künstlerliste bereits um europäische Protagonisten wie Günter Brus, Joseph Beuys, Gina Pane, Urs Lüthi oder Rudolf Schwarzkogler erweitert.

Aus Anlass der Ausstellung „Damage Control: Art and Destruction Since 1950“, die im Herbst im Kunsthaus Graz gezeigt wird, widmet sich das BRUSEUM jenem Aspekt künstlerischer Zerstörung, den die vom Hirshhorn Museum in Washington konzipierte Schau vernachlässigt: der Body Art in ihrer Anfangszeit unter dem speziellen Blickwinkel der aktionistischen Selbstverletzung. Damit bietet sich die einmalige Gelegenheit, die späten Aktionen von Günter Brus im internationalen Kontext zu verorten und zu überprüfen, ob er wirklich der erste war, der seinen Körper im Rahmen einer Performance verletzte und damit als „Begründer der Body Art“ gelten kann, als der er immer wieder bezeichnet wird. Die Ausstellung nähert sich dem Phänomen selbstverletzender Körperkunst nicht nur aus einer historischen Perspektive, sondern auch unter dem Gesichtspunkt einer „Ästhetik des Erhabenen“, wie dies die Österreichische Akademie der Wissenschaften in einem ihrer jüngsten Forschungsprojekte initiiert hat. Ausgangspunkt der These ist die Annahme, dass sowohl die Body Art als auch die Idee des Erhabenen die Beherrschung des Körpers und der mit ihm assoziierten Gefühlswahrnehmungen ins Zentrum stellen.
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Die Ausstellung zeigt Arbeiten unter anderem von Vito Acconci, Günter Brus, Chris Burden, Terry Fox, Stephen Laub, Barry LeVa, Dennis Oppenheim, Gina Pane, Larry Smith, VALIE EXPORT und William Wegman.

Wien, 6. 11. 2014

Museum der Moderne Salzburg: Ana Mendieta …

März 28, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

… im Dialog mit dem Wiener Aktionismus

Ana Mendieta: Untitled (Glass on Body Imprints), 1972, Suite of six colour photographs, estate prints, 65 x 48 x 2,3 cm; Untitled (Body Tracks), 1974, Colour photograph, lifetime print, 25,4 x 20,3 cm, Collection Igor DaCosta; Untitled (Facial Hair Transplant), 1972, Suite of seven colour photographs, estate prints 1997, 32,4 x 48,9 cm; alle: © The Estate of Ana Mendieta Collection, L.L.C. Courtesy Galerie Lelong, New York and Paris and Alison Jacques Gallery, London

Ana Mendieta: Untitled (Glass on Body Imprints), 1972, Suite of six colour photographs, estate prints, 65 x 48 x 2,3 cm; Untitled (Body Tracks), 1974, Colour photograph, lifetime print, 25,4 x 20,3 cm, Collection Igor DaCosta; Untitled (Facial Hair Transplant), 1972, Suite of seven colour photographs, estate prints 1997, 32,4 x 48,9 cm; alle: © The Estate of Ana Mendieta Collection, L.L.C. Courtesy Galerie Lelong, New York and Paris and Alison Jacques Gallery, London

Ab Mitte März werden im Museum der Moderne Salzburg die ersten Ausstellungen und Veranstaltungen präsentiert, die unter der neuen Leitung von Sabine Breitwieser ausgerichtet werden. Los geht’s am 29. März mit Ana Mendieta. Traces. Das Museum der Moderne Salzburg widmet der US-amerikanischen Künstlerin erstmals im deutschsprachigen Raum eine umfangreiche Retrospektive und stellt ihre Werke mit der parallel gezeigten Ausstellung Im Dialog: Wiener Aktionismus inhaltlich zueinander in Beziehung.

Ana Mendieta zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit. Sie wurde 1948 in Kuba geboren und im Alter von zwölf Jahren von ihren Eltern gemeinsam mit ihrer Schwester in die USA geschickt, um dort aufzuwachsen. Sie kam 1985, mit erst 36 Jahren, in New York ums Leben. Ihr bahnbrechendes  Werk wurde in großen Retrospektiven in den USA und Europa gewürdigt und ist in Sammlungen wichtiger Museen vertreten. Eine umfassende Ausstellung im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Österreich, und die erste deutsche Monografie über Ana Mendieta sind längst überfällig. Die Ausstellung präsentiert mit rund 150  zentralen Arbeiten in einer Vielzahl von Medien, die von Fotografie, Film und Skulptur  bis zur Zeichnung reichen, einen umfangreichen Überblick. In einer großen Sektion  wird das Archiv der Künstlerin präsentiert; Kleinbilddias und Fotografien, Notizbücher und Postkarten werden eigens für die Ausstellung aufbereitet. Mendieta widmete ihre Arbeit der Suche nach ihrer Herkunft und Identität. Im  Laufe ihrer kurzen Karriere – und ihres ebenso kurzen Lebens – schuf die Künstlerin ein radikales wie originelles Werk, in dem sich ihr Interesse an der Wechselbeziehung zwischen Ritualen und Skulptur, zwischen Körper und Natur manifestiert. Unter Einsatz ihres eigenen Körpers in Verbindung mit elementaren Materialien wie Blut, Feuer, Erde und Wasser kreiert sie „Körperbilder“ und vergängliche „Erdkörper“-Skulpturen. Mendieta lotet darin Themenkomplexe wie Leben und Tod, Wiedergeburt und spirituelle Transformation aus. Der Schmerz und Bruch durch kulturelle Vertreibung und Exil sind in einigen ihrer Werke deutlich lesbar. Die Umrisse des Körpers der Künstlerin werden beispielsweise durch Schwarzpulver, Feuerwerk oder Wasser ausgelöscht. Mendieta formt Darstellungen von antiken Göttinnen aus Sand, ritzt sie in Felsen, schreibt sie in Ton oder auf Blättern ein. Die künstlerischen Medien, die sich Mendieta in ihren Arbeiten zunutze macht, könnten unterschiedlicher nicht sein, aber die Bilder, die sie herstellt, sind von einer unverwechselbaren, überwältigenden und mystischen Poetik gekennzeichnet.

Zeitgleich beginnt die Schau Im Dialog: Wiener Aktionismus. Gezeigt werden Arbeiten von Renate Bertlmann, Günter Brus, VALIE EXPORT, Adolf Frohner, Anestis Logothetis, Otto Muehl, Hermann Nitsch, Friederike Pezold und Rudolf Schwarzkogler. Das Museum der Moderne Salzburg widmet erstmalig eine eigene Ausstellung  KünstlerInnen und Werken aus der Sammlung, die mit dem sogenannten Wiener Aktionismus assoziiert werden. Zusätzlich werden in einem Raum Werke von Künstlerinnen gezeigt, die einen gänzlich anderen Körperbegriff und ein neues Frauenbild ins Zentrum rücken und in Zusammenhang damit eine Medienkritik einbringen. Dieser spezielle Fokus auf die Sammlung des Museum der Moderne Salzburg erschließt überraschende Bestände, die durch ihren Umfang und mit bislang kaum gezeigtem Material beeindrucken. Aus dieser Vielfalt kann eine Geschichte der Repräsentation von körperbezogener Kunst abgelesen werden, die deren Entwicklung in den letzten Dekaden verdeutlicht.

Dass diese Ausstellung parallel zur Retrospektive von Ana Mendieta stattfindet, passiert natürlich nicht ohne Grund. Während ihres Studiums bei Hans Breder am Intermedia Program an der School of Art and Art History der University of Iowa, USA, das dieser ab 1968 mehr als drei Dekaden lang geführt hatte, wurde Mendieta mit der Arbeit von KünstlerInnen wie Vito Acconci, Mary Beth Edelson, Hans Haacke, Allan Kaprow oder Robert Wilson, aber auch mit den Wiener Aktionisten  vertraut. Das hat in den Performances und der künstlerischen Praxis von Mendieta einen deutlichen Widerhall gefunden. Die teilweise radikale Auseinandersetzung mit  dem Körper als künstlerischem Medium, die gezielte Auswahl von Fotografien, denen  die Aufgabe zukommt, ein performatives Werk im Galerienkontext zu vermitteln, sowie  der experimentelle Umgang mit Konzepten und Disziplinen sind nur einige dieser  Verbindungen, die wir heute erkennen können.

www.museumdermoderne.at

Wien, 28. 3. 2014

Essl Museum: Made in Austria

März 11, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Karlheinz Essl selbst kuratiert

Maria Lassnig, Science fiction, 1988, 2-teilig, Öl auf Leinwand, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien  Bild: Mischa Nawrata, Wien

Maria Lassnig, Science fiction, 1988, 2-teilig, Öl auf Leinwand, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien
Bild: Mischa Nawrata, Wien

„made in austria“ ist die titelgebende Ausstellung für das Jahresmotto 2014 des Essl Museums, das heuer sein 15-jähriges Bestehen feiert. Aus diesem Grund wird das Ausstellungsprogramm der österreichischen Kunst, dem Kern der Sammlung Essl, gewidmet. Karlheinz Essl, der die Ausstellung selbst kuratiert, zeigt seine persönlichen Schwergewichte der jüngeren österreichischen Kunstgeschichte und setzt ihre Werke in den Galerieräumen in reizvolle Beziehungen zueinander.

Zu sehen sind Werke von Friedensreich Hundertwasser, Max Weiler, Maria Lassnig, Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, Herbert Brandl, Hubert Scheibl, Franz West, Erwin Wurm, Franz Ringel, Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt, Günter Brus, VALIE EXPORT und Hermann Nitsch.

Der Kern der Sammlung
„Museen sind das kollektive kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Oft hörte ich, dass wir nun für zeitgenössische Kunst jene Aufgabe erfüllen, welche viele öffentliche Museen für alte Kunst innehaben. Unsere Sammlung ist natürlich gewachsen, auf heute mehr als 7000 Kunstwerke. Sie bildet einen Großteil dessen ab, was seit dem Ende des Krieges in der österreichischen Kunst in einem internationalen Kontext geschehen ist. Im 15. Jahr unseres Bestehens möchten wir diesen österreichischen Kern ins Zentrum des Ausstellungsgeschehens rücken. Mit „made in austria“ präsentiere ich meinen ganz persönlichen Blick auf dieses Kunstgeschehen“, so  Essl. Der Sammler zeigt jene Künstlerinnen und Künstler, die für ihn ihre Spuren deutlich in der österreichischen, aber auch in der internationalen Kunstwelt hinterlassen und das weltweite Kunstgeschehen beeinflusst haben. In der Ausstellung stellt er spannungsvolle Bezüge zwischen den einzelnen künstlerischen Positionen und Kunstwerken her – mit Dialogen, aber auch Reibungspunkten, mit unerwarteten Einblicken und Überraschungen. Alle siebzehn Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung kennen Agnes und Karlheinz Essl seit langen Jahren persönlich, mit vielen verbindet sie eine langjährige Freundschaft. Das Sammlerpaar hat sie oft in den Ateliers und bei Ausstellungen besucht, ihre künstlerische Entwicklung leidenschaftlich mitverfolgt und immer wieder auch Werke für die Sammlung angekauft.

Max Weiler und Friedensreich Hundertwasser
Im ersten Ausstellungsraum treffen vegetative Naturformen von Friedensreich Hundertwasser auf die spirituelle Landschaftsbetrachtung von Max Weiler. Für Hundertwasser ist die Natur das Allumfassende, seine Kunst prägen organische, vegetative Formen, der Kreis und insbesondere die Spirale. 1972 entwirft Hundertwasser die „Regentage-Mappe“, eines der ersten Kunstwerke, das für die Sammlung Essl angekauft wurde, welche sich auf das Frühwerk bis Anfang der 1960er-Jahre konzentriert.
Weiler sieht das Spirituelle in der Natur, in den Malereien der 1950er-Jahre abstrahiert er die Naturformen immer mehr. In der wegweisenden Werkserie „Wie eine Landschaft“ der 1960er-Jahre nimmt er Probierpapiere als Vorlage für seine großformatigen vergeistigten Landschaftsmalereien. Diese Werkserie stellt einen zentralen Wende- und Höhepunkt in seinem künstlerischen Schaffen dar.

Maria Lassnig und Arnulf Rainer
Maria Lassnig und Arnulf Rainer ist der zweite Ausstellungsraum gewidmet. Nach Aufenthalten in Paris und vor allen New York wurde Lassnig 1980 als erste Professorin an die Universität für Angewandte Kunst nach Wien berufen. Ab diesem Zeitpunkt haben Agnes und Karlheinz Essl ihre Werke gesammelt. Werke aus diesen Jahren werden auch in der Ausstellung gezeigt. In einem mutigen Akt der Selbstdarstellung und Entblößung bringt Lassnig körperliche wie psychische Befindlichkeiten zum Ausdruck, dabei zeigt sie schonungslos ihre Sehnsüchte, besonders auch ihre Ängste und ihr Leiden. Auch Rainer entblößt sich in den Automatenfotos, er präsentiert ein fratzenartiges Gesicht und wirft einen skeptischen Blick auf sich selbst, aber auch auf Gesellschaft und Welt. Durch die malerische Bearbeitung wird dieser Ausdruck noch verstärkt. Die „Face Farces“ treffen auf Lassnigs malerische Selbstentäußerungen. Daneben sind Kunstwerke aus Rainers Frühzeit zu sehen – Werke, mit denen er sich in die internationale Kunstgeschichte der Nachkriegszeit eingeschrieben hat: mehrere Fingermalereien, insbesondere aber eine Zentralisation und eine frühe schwarze Übermalung.

Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, Herbert Brandl, Hubert Scheibl
Der größte Galerieraum lebt von der Gegenüberstellung zweier Künstlergenerationen: auf der einer Seite die abstrakten Maler der Nachkriegszeit Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha (die Künstler der Gruppe „St. Stephan“ rund um Monsignore Otto Mauer), auf der anderen Seite zwei Vertreter der „Neuen Wilden“ aus den 1980er-Jahren, Herbert Brandl und Hubert Scheibl. In der Ausstellung sind nur Arbeiten zu sehen, in denen das Figurative nicht mehr sichtbar ist. Holleghas intensive malerische Formfindung mit dünnem Farbauftrag geht vom realen Gegenstand aus, der sich dann aber zugunsten der farbintensiven Abstraktion vollkommen auflöst. Auch der abstrakte Realismus von Mikl entwickelte sich aus Körperteilen, insbesondere Gelenken – sie sind Grundlage für seine freien Umsetzungen in Malerei. Prachensky entwickelte eine am internationalen Informel orientierte, expressive Malweise. Die Farbe Rot und tektonische Elemente sind wesentliche Bestandteile seiner gestisch abstrakten Bilder. Die in der frühen Schaffensphase expressiven Bilder von Brandl fanden später in subtil gemalten Werken, die kosmisch-spirituelle Landschaften erahnen lassen, ihre Fortsetzung. Scheibls in vielen Schichten aufgetragene, abstrakte Bilder bestechen durch ihre Farbigkeit, Dichte und Intensität. Es sind zutiefst meditative Bilder, die zu einer kontemplativen Betrachtung einladen.

Franz West und Erwin Wurm
In einem weiteren Ausstellungsraum liegt der Fokus auf der Skulptur, ein zentraler Schwerpunkt in der Sammlungstätigkeit. Franz West und Erwin Wurm sind in diesem Medium äußerst innovative Wege gegangen. West hat mit viel Witz und meist unter Verwendung „armer“, kunstferner Materialien zu einen erweiterten Kunst- und besonders auch Skulpturbegriff beigetragen. So zum Beispiel durch seine „Passstücke“: diese zunächst aus Papiermaché hergestellten Objekte sind nicht als Skulpturen per se gedacht, sondern als „körpererweiternde Prothesen“. West arbeitet auch mit der Technik der Collage, indem er Bild- und Malerei ideenreich miteinander kombiniert. Auch Wurms Arbeit ist von einem distanzierten und ironischen Blick auf die Skulptur gekennzeichnet. Durch die Dekonstruktion traditioneller Elemente der Bildhauerei erweitert er den Skulpturenbegriff: Autos werden fett, Häuser schmelzen, Körper werden durch ihre Kleidung hilflos und unbeweglich. Mit den „One-Minute-Sculptures“ wurde er in den 1990er-Jahren international bekannt. Begleitend zu den skulpturalen Arbeiten ist bei Wurm die Videostillserie „One Minute Sculptures“, bei Franz West die Collagen und Schriftbilder der „Eisenbahner Serie“ zu sehen.

Franz Ringel, Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt
Es war zu Beginn der Sammlertätigkeit, als der Grafiker und Aquarellist Kurt Moldovan das Sammlerehepaar auf eine Reihe von jungen, ambitionierten Malern aufmerksam gemacht hat. Moldovan versammelte um sich eine Gruppe von jungen Künstlern und Künstlerinnen, die erstmals zusammen vom Kunsthistoriker Otto Breicha 1968 in der Ausstellung „Wirklichkeiten“ präsentiert wurden. Diese Ausstellung war für Karlheinz Essl sehr einprägsam, stellte sie doch in ihrem teils sozialkritischen Realismus eine Gegenposition zum international dominierenden Informel und so auch zu den Künstlern der Gruppe „St. Stephan“ dar. Gleichzeitig war sie auch ein Protest gegen die Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Im nächsten Ausstellungsraum ha Essl Werke von Franz Ringel, Martha Jungwirth und Kurt Kocherscheidt ausgewählt. Die Künstler sind in ihrer malerischen Ausdrucksweise sehr unterschiedliche Wege gegangen. Ringel schockiert mit seinen stark überzeichneten, sexuell konnotierten Menschenbildern. Jungwirth malt abstrakt, aber immer wieder mit Anklängen an Figur und Landschaft. Kocherscheidt (dem erst jüngst 2013 im Essl Museum eine große Einzelausstellung gewidmet war) abstrahiert Natur- und Landschaftsformen in einer bewusst asketischen Malerei.

Günter Brus und VALIE EXPORT
Im vorletzten Raum sind Günter Brus und VALIE EXPORT zu sehen. Essl zeigt bei Brus nicht Video- und Fotoarbeiten aus der Hochphase des Aktionismus, sondern seine „nachaktionistische“ Schaffensphase, als er mit den aufsehenerregenden Körperaktionen aufgehört hatte und sich nun malerisch und grafisch ausdrückte. Die sogenannten „Bild-Dichtungen“ seien, so Brus, nur eine Verschiebung des aktionistischen Inhalts von der körperlichen Performance hin zur Malerei, zur Zeichnung und zur Schrift.
Einer Auswahl dieser Bild-Text-Arbeiten werden Werke von VALIE EXPORT gegenübergestellt. Mit ihrer körperbetonten, feministischen Medien-Kunst hat EXPORT einen wesentlichen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst geliefert, viele nachfolgende Künstlergenerationen berufen sich auf sie. Neben vier Videoarbeiten (u.a. das „TAPP und TASTKINO“) werden eine Reihe ihrer fotografischen Körperkonfigurationen aus den 1970er-Jahren gezeigt.

Hermann Nitsch
Einen Raum widmet der Sammler dem großen Aktionismuskünstler Hermann Nitsch. Mit ihm verbindet das Sammlerpaar eine intensive, langjährige Freundschaft. Essl schätzt an Nitsch seinen umfassenden Kunstbegriff. Er geht vom Theater und der Performance aus und greift in alle Lebensbereiche des Menschen hinein; in seinen Aktionen behandelt er existenzielle Themen wie Leben und Tod, Blut und Opfer oder auch die Religion. Die Architektur des letzten Galerieraumes hat etwas Kapellenartiges an sich. Sie wurde Nitsch zur Verfügung gestellt, um darin einen sakralen Raum mit Arbeiten aus dem reichen Fundus der Sammlung Essl einzurichten.
In der Ausstellung gibt es neben den einzelnen Bildern keine Bildbeschreibungen. Die Besucherinnen und Besucher werden dazu aufgefordert, zuerst ohne Informationen die Werke zu betrachten. In jedem Ausstellungsraum findet sich aber ein Handout mit einem Raumplan und den Bildbeschreibungen, mit Kurztexten zu den einzelnen künstlerischen Positionen sowie Anmerkungen des Kurators Karlheinz Essl.

www.essl.museum

Wien, 11. 3. 2014