Theater in der Josefstadt: Joseph und seine Brüder

Dezember 6, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Witz und Wahn beim „Händchenhalten“

Sandra Cervik (Mut), Tonio Arango (Potiphar), Florian Teichtmeister (Joseph) Bild: © Moritz Schell

Sandra Cervik (Mut), Tonio Arango (Potiphar), Florian Teichtmeister (Joseph)
Bild: © Moritz Schell

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. So lässt sich die Uraufführung von Thomas Manns „Joseph und seine Brüder – Die Berührte“  am Theater in der Josefstadt in mehrerlei Hinsicht beschreiben. Regisseur Günter Krämer erwählte den dritten Teil der Romantetralogie (Bühnenfassung: Herbert Schäfer) zum Objekt seiner Begierde – die Verführung des nunmehr ägyptischen Sklaven Joseph, neuer Name: Osarsiph, durch das Weib des Potiphar. Die Geschichte ist bekannt. Aus der Bibel und der Operette. Vom Musical und den Comedian Harmonists. Je nach Geschmack. Mann nannte sein Opus Magnum „ein humoristisches Menschheitslied von mythischer Heiterkeit“. Entstanden zwischen 1926 und 1943 gilt das Werk vielen als Parabel auf Franklin D. Roosevelt und seinen New Deal. Es kann nur einen geben. In God We Trust. Wer recht tut, dem wird recht geschehen. Krämers Theatercollage besteht fast nur aus Originaltexten. Er durchbricht deren Erzählton, indem er seine Schauspieler, Florian Teichtmeister, Sandra Cervik, Tonio Arango, Erni Mangold als widerlich-intriganter, machtlüsterner Diener Dûdu, und einen Damenchor, mit dem Publikum kokettieren lässt. Beiläufiges Beiseitesprechen, bei dem die wirklich wichtigen Dinge gesagt werden. Krämer nimmt Mann so ernst, dass er ihn unernst inszenieren, seine Sätze gegen den Strich bürsten kann – Sätze wie Die wild herumzündelnden Eigenschaften des Osarsiph haben im Busen der Herrin, deiner Gemahlin, einen Brand entfacht, und die Flammen beginnen schon, am Gebälk deiner Ehre zu lecken … oder Doch dann hob die Riesenkatze die Pranke, und aufs Bedrohlichste reckten sich ihre Krallen, ihn zu zerfleischen … Na, das ist doch SMSex pur.

Die Berührte ist Sandra Cervik: Mut wurde schon als Kind mit Potiphar vermählt. Wurde zur Mondnonne für den Lichtsohn. Bei ihm, den für die höhere Beamtenlaufbahn von seinen Eltern geschlechtslos Gemachten, geht nichts mehr. Das stört die Mut erst, als sie Joseph trifft. Und ihr ihr Körper sagt, dass es da noch was gibt. Drei Jahre umflirrt sie ihn, die verschmähte, zänkische Urschel. Cervik spielt das virtuos, mit Verve und Witz, nahe am Wahnsinn. Nur Mut! Möchte man ihr zurufen. Schön eine Szene, in der ihr Potiphar den Geruch des Geschlechtlichen vorführt und sie entsetzt zurückweicht. Schön, wie sich Joseph und sie begegnen – verklemmt, verschüchtert, verloren. Eine Amour fou. Später weggewischt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Florian Teichtmeister spielt den Joseph mit Augenzwinkern. Und blankem Entsetzen. Eine gewagte Mischung, für die es einen Darsteller seines Formats braucht. Denn sooo lustig ist das alles nicht. Ein Sklave, dem sowohl bei der Befriedigung als auch der Nichtbefriedigung der Wünsche seiner Herrin die Hinrichtung droht. Und irgendwie will er’s ja auch. Streift, streichelt sie, muss sich kaltes Wasser in die Hose kippen. Dieser Joseph ist gar nicht so keusch (die „Pompadour“ wird natürlich angesungen). Halb ziehen sie sich, halb sinken sie hin. Neckisch ist die Mut, und fürchterlich in ihrer Liebe. Dazu diese Anmutung, der schönste Jüngling von überhaupt und tatsächlich nur ein Durchschnittstyp zu sein. Joseph als Traumbild aller erotischen und homoerotischen Phantasien. Zweiteres wunderbar in Szene gesetzt, wenn Potiphar ihn in den Armen wiegt und ihm alle möglichen Foltertodvarianten aufzählt. Macht- und Ohnmachtsspiele in ägyptisch angehauchtem Ambiente. Samt Hieroglyphen-Goldwand und Glühbirnenflut. Eine Wasserschlacht, denn der Nil ist auch auf der Bühne, in Frack und Abendkleid. Den Martini stets griffbereit. Tonio Arango ist als Potiphar ganz soignierter älterer Herr, nobel, gleichzeitig ein Conférencier für den Abend: Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es war eigentlich alles anders. Geschichte schreiben die Sieger, nicht die Sklaven. Schuld, Scham, Spottgelächter kommen nur für die einen infrage … So Potiphar. Nur weiß man nicht, wie’s wirklich war …

Trotzdem und trotz der oder vielleicht sogar wegen der ideenüberbordenden Inszenierung Krämers und der fulminanten Schauspielerleistung bleibt die Frage im Hirn hängen: Warum macht man das? Uraufführen um der Uraufführung willen? Einen Text auf die Bühne heben, den man offenbar so was-auch-immer-schwülstig? findet, dass man ihn durchgehend konterkariert. Was auch immer gesagt wird, gezeigt wird das Gegenteil. Das hat was, ja. Aber trifft es Thomas Mann? Einen hätte es jedenfalls getroffen. Marcel Reich-Ranicki hätte nicht tatenlos zugesehen, wie sein heiliger Thomas profanisiert wird. Schwülstig! Mann, der hätte mir was erzählt.

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/florian-teichtmeister-im-gespraech

Wien, 6. 12. 2013

Florian Teichtmeister im Gespräch

November 19, 2013 in Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Joseph und seine Brüder“ an der Josefstadt

Sandra Cervik, Florian Teichtmeister, Tonio Arango Bild: Jan Frankl

Sandra Cervik, Florian Teichtmeister, Tonio Arango
Bild: Jan Frankl

Am 5. Dezember wird am Theater in der Josefstadt Thomas Manns „Joseph und seine Brüder – Die Berührte“ in einer Bühnenfassung von Herbert Schäfer uraufgeführt. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ Mit diesen Worten beginnt Thomas Manns umfangreichstes Romanwerk „Joseph und seine Brüder“. Geplant als eine Novelle, entstand eine umfangreiche Tetralogie, sein gleichzeitig größtes und am wenigsten gelesenes Werk, begonnen 1926 in München, vollendet 1943 im kalifornischen Exil. Joseph, Jaakobs Lieblingssohn, den er mit Rahel zeugte, provoziert seine Halbbrüder durch Schilderung seiner hochfahrenden Träume. Auf einer Reise fallen die Brüder über ihn her, werfen ihn in einen trockenen Brunnen und verkaufen ihn schließlich an ismaelitische Händler, deren Karawane nach Ägypten zieht. Dort wird Joseph an das Haus des Potiphar verkauft, „Freund des Pharao“. Joseph nennt sich ab jetzt „Osarsiph“, wie nach ägyptischem Brauch die Toten angesprochen werden, da er selbst für seinen Vater und für seine Familie längst als verstorben gilt. Potiphar wurde als Kind von seinen Eltern kastriert, ein Ritual, um ihm eine Karriere als Höfling zu eröffnen. Seine Ehe ist deshalb nur eine Ehe der Form, wie auch seine Hofämter im Grunde leere Ehrentitel sind. Im großen Kapitel „Die Berührte“ des dritten Romanteils „Joseph in Ägypten“ sehen wir Mut-em-Enet, Potiphars Frau, zunächst zufrieden in ihrer nicht vollzogenen Ehe. Sie entwickelt aber in den drei Jahren ihrer geschlechtlichen Einsamkeit ein immer stärkeres Verlangen zu dem jungen Joseph, Sklave im Hause. Potiphar selbst sucht nach einem Weg, sein eigenes Verlangen nach Ruhe, Liebe, Menschlichkeit mit seiner hohen Stellung zu verbinden, und überprüft währenddessen, wieweit er sich dabei auf den Rat seines Hofes (hier in Gestalt seines Höflings Dûdu) verlassen kann …  Günter Krämer inszeniert Schäfers Theaterfassung von „Die Berührte“, aus Thomas Manns umfangreichem Roman, jenes Kapitel, das sich auf das Zusammentreffen von Potiphar, Mut und Joseph konzentriert. Die Collage besteht nur aus Originaltexten aus Thomas Manns Roman. Es spielen: Florian Teichtmeister (Joseph), Sandra Cervik (Mut), Tonio Arango (Potiphar) und Erni Mangold(Dûdu).

MM: Endlich typgerecht besetzt – als schneidend schöner Jüngling Joseph!

Florian Teichtmeister: Genau, ich bin sehr froh, dass man endlich erkannt hat, wo meine Stärken liegen: gut aussehend und jung vor allem. Siebzehn und geil.

MM: Wie empfinden Sie die Figur des Joseph? Es wird lange über ihn gesprochen, bevor er auftritt. Er hat relativ weniger Text, dafür, dass er die Titelrolle ist. Er ist mehr Projektionsfläche in dem Ehedrama, das sich zwischen Potiphar und Mut abspielt.

Teichtmeister: Ich glaube, das ist die einzige Art, ihn zu spielen. Denn die Frage ist ja, kann ich das einlösen, mit dem Spiel, mit meiner Peron, mit dem, was der Text über Joseph hergibt? – und ich sage: Nein. Ich sehe das genau so, wie Sie. Was ist eine Projektionsfläche? Sie ist weiß und hält still. Das heißt: Je mehr man eine eindeutige Richtung vorgibt, umso mehr beschränkt man die Möglichkeiten, die die Zuschauer in Joseph sehen können. Der größte, der gefährlichste Moment ist, wenn man als Figur, über die im Vorfeld schon sehr viel gesprochen wurde, auftritt. Da wird im Kopf was aufgebaut, was dann gar nicht eingelöst wird. Das ist so, wie wenn dein Lieblingsroman verfilmt wird. In dem Text geht es gar nicht um Joseph, sondern um das, was sich in seiner Peripherie abspielt, um das, was die Menschen in ihn hineinprojizieren. So wie ihn Thomas Mann beschreibt, bei allem, was Thomas Mann in ihn hineinlegt, ist er von größtmöglicher Naivität bei maximaler Klugheit. Hat eine offensichtliche körperliche und geistige Attraktivität. Man müsste eigentlich zu zwanzigst auftreten, um alle diese Vorgaben zu erfüllen, oder man schafft es, dass der Kern der Geschichte nicht Joseph ist. So, dass man als Zuschauer erkennt, dass das, was die anderen über ihn sagen, gar nicht wahr ist. Das ist doch viel spannender. Ich will nicht das spielen, was die anderen sagen. Sondern etwas, das vielmehr eine Aussage über diese anderen trifft. Wenn eine Frau über die Schönheit eines Mannes schwärmt und dann kommt ein Durchschnittstyp, dann erzählt das mehr über die Frau als über den Mann.

MM: Nur schön sein ist auch zu wenig. Diese Art „männliche Buhlschaft“ – wichtige Rolle, kaum Text – wie legen Sie sie also an?

Teichtmeister: Als Widerspruch. Ältere Frau will jungen Mann, der anfangs eigentlich ein zwölfjähriges Kind ist, er rennt weg. Das ist fad. Das erklärt das Herrinnen-Sklaven-Verhältnis. Ich glaube an eine gegenseitige Anziehung, die sich Joseph aber versagt. Darin liegt die Erotik. Dass versteht man schnell. Mann beschreibt tolle Vorgänge, die weniger mit dem Aussehen, sondern mit dem Adel des Geistes und der Qualität des Gefühls zu tun haben, um Oskar Werner zu zitieren. Da gibt es etwa die großartige Szene, in der Joseph dem unfruchtbaren Potiphar erklärt, wie man mit dem Finger Blüten bestäubt. Die Angelegenheit zwischen Potiphar und Mut rührt ihn. Das ist wichtiger, als das der aussieht, wie ein junger Gott. Ich muss ja lachen. Ich gebe ein Interview zum Stück, tauche aber auf – und bin schon wieder weg. Sandra Cervik und Tonio Arango hingegen wälzen den ganzen Abend Textmassen. Aber nur in Josephs Absenz baut sich etwas auf. Wobei ich in Günter Krämers Inszenierung vielleicht öfter da bin, als man glaubt. Verdeckt, versteckt. Wir überlegen uns dazu gerade sehr viel.

MM: Er ist aber auch ein Überlebenskünstler. Einer, der sein eigenes Spiel spielt. Er weiß, dass er sich dieser Frau entziehen muss, weil alles andere ein sicheres Todesurteil wäre.

Teichtmeister: Ja, genau. So denke ich auch: Die Gefahr, die ein Leben birgt. Du wirst verkauft, verschachert, da wirst du sehr schnell sehr wach. Man denkt, da will er sich schützen. Doch er öffnet sich, beobachtet seine Umwelt und agiert statt zu reagieren. Dieser Gut- und Sanftmütige schaltet das Hirn ein und den Unterleib aus. Da ist sehr viel Humor in dem Ganzen. Günter Krämer fällt da eine Menge ein. Joseph versucht Mut beispielsweise über eine steile, glatte Fläche zu entkommen und rutscht immer wieder in ihre Richtung. Sie, neben ihm, geht die Schräge ganz leicht bergauf. Wir bügeln in alle Richtungen gegen den Strich. Wie und was wir spielen ist ein konträrer Subtext zu dem, was wir sprechen.

MM: Ihr spielt den dritten Teil von Thomas Manns Tetralogie. Um beim Thema zu bleiben: Günter Krämers Schluss hat mich unbefriedigt zurückgelassen.

Teichtmeister: Wie Joseph die Mut. Ich darf das nicht verraten: Günter und Tonio wälzen eine Idee. Um es kryptisch auszudrücken, die Frage ist, ob Überlieferung und Realität deckungsgleich sind, wenn ein Dritter über andere erzählt. Geschichte schreiben die Sieger. Hier sagen die Ägypter, die Mächtigen, die Herrscher: Es war so und so! Das setzen wir als Gerücht in die Welt. Aber war es so? Das wird hoffentlich eine Überraschung. Das ganze Ding ist so schräg und so verrückt, mir gefällt die Offenheit und der Möglichkeitsraum, die Krämer uns Schauspielern hier schafft.

MM: Lassen Sie uns kurz über die Sprache sprechen: Die ist auf den ersten Blick sehr erzählerisch, berichthaft, da steht man sicher vor der Überlegung, wie dem Leben einhauchen. Andererseits geht’s ganz schon zur Sache, wenn Muts untergebene Frauen kichern, Joseph möge „seine Pfeile auf sie abschießen“.

Teichtmeister: Stimmt. Man muss aus der Berichthaftigkeit dieser Texte die Subjektivität herausholen. Der Berichtende ist ja nicht frei von Beziehungen, von Bewertungen. Wenn ein Mann einer Frau eine Beschreibung ihrer Figur,  ihre körperlichen Veränderungen „erzählt“, dann ist man ganz schnell im Persönlichen, steht plötzlich in einer Beziehung zu einander: Deine Schenkel sind dicker geworden, dein Gesicht hagerer … Das muss man nur aushalten. Und sofort kann man sich nicht mehr freimachen, kann nicht mehr kalt wissenschaftlich schildern. Warum sagt man einer Frau so etwas? Aus Liebe, aus Selbstschutz, nicht aus Lust an der Verletzung. In der völligen Subjektivierung all dieser Vorgänge liegt die Chance des Abends. Im Text steckt so viel an Aggression, an Neid, an Liebe, an Härte – wir müssen da sofort in die Situation, so entgehen wir dem Roman. Wir sind, wir berichten nicht. Das ist anstrengend und schwierig, aber super.

MM: Sie wurden unlängst in einem sehr liebevollen Porträt einmal mehr als „Jungtalent“ bezeichnet. Bald geht sich das nicht mehr aus.

Teichtmeister: So lange Menschen das schreiben, geht sich das aus. Das ist die Erschaffung der Realität durch das Wort. So lange das noch wo steht, bin ich’s noch.

MM: Ernsthaft. Sie haben einen Burgtheater-Ausflug absolviert, samt Wandertag nach Salzburg. Welchen künstlerischen Weg wollen Sie in Zukunft gehen? (Das ist die Wo-sehen-Sie-sich-in-zehn-Jahren-Frage.)

Teichtmeister: Ich habe durch die Möglichkeiten der letzten Jahre sehr großen Gefallen daran gefunden, über einen längeren Zeitraum planen zu können und zu dürfen, was mich interessiert, was ich machen will. Und was mich nicht interessiert beziehungsweise was ich glaube, nicht zu können. Obwohl man mich natürlich immer überzeugen kann, etwas zu probieren. Das ist ein Weg, den ich gerne weitergehen würde. Es geht mir nicht darum, jeden Abend auf der Bühne zu stehen. Die Wahl zu haben, ist eine unglaubliche Qualität. Da habe ich Blut geleckt, das will ich vertiefen, weil ich das Gefühl habe, das darin eine große Eigenverantwortung versteckt ist – und ich übernehme gern Verantwortung für das, was ich mache. Mir liegt es nicht zu sagen: Ich bin ja nur Schauspieler, womit man mich besetzt, ist das Problem einer Direktion, eines Regisseurs, aber nicht meines. Manchmal identifiziere ich mich zu sehr mit dem, was ich tue. So bin ich halt. Mir ist das nicht wurscht. Das hat nichts mit Größenwahn zu tun. Für mich ist das der Kern des Berufs: Zu wissen, wo kann man hin, wo will man noch hin, was muss rausschauen. Ich würde gerne, dass das zehn Jahre noch so weiter geht, dass Menschen mit Projekten kommen und fragen: Willst das machen? Ich wünsche mir jedenfalls viel Glück auf meinem weiteren Lebensweg. Und große Rollen an großen Häusern. Ich habe Lust an der Vielfalt.

MM: Dazu gehören auch Film und Fernsehen? Sie haben gerade die Dor-Film-Produktion „Sarajevo“ nach dem Roman von Milo Dor abgedreht.

Teichtmeister: Mein Betrag zum Gedenkjahr 2014. In der Regie von Andreas Prohaska. Erzählt wird die Geschichte des Untersuchungsrichters Leo Pfeffer, den ich spiele. Er soll die serbischen Attentäter vernehmen und die Anklage vorbereiten. Doch dieser Leo stößt auf Widersprüche, merkt das irgendetwas nicht so einfach ist, wie die Oberen es gern hätten. Irgendetwas stimmt nicht an der offiziellen Version des Attentats, die unter der Folter erzwungen wurde. Er sieht mehr und mehr, dass da ein paar 17-Jährige für eine politische Idee verheizt wurden. Der Film bietet eine sehr schöne Verschwörungstheorie. Mit dabei sind unter anderem die Kollegen Juergen Maurer, Cornelius Obonya, Heino Ferch, Erwin Steinhauer, Friedrich von Thun und Dominik Warta.

MM: Sie haben dieses Jahr den Nestroy-Publikumspreis gewonnen. Erfreut?

Teuchtmeister: Ich freue mich sehr. Über die Nominierung und darüber, dass so viele Menschen abgestimmt haben. Vor allem, da es der Publikumspreis ist und das Publikum für mich Kern und Ziel des Theaters ist. Da kommen die Menschen ins Theater, geben uns damit einen Vertrauensvorschuss, geben uns Zeit und Geld. Und für diese Menschen arbeite ich. Es liegt allerdings auch eine Gefahr darin, Publikumsliebling zu sein. Man darf nicht dorthin kommen, nur noch die Wünsche und Erwartungshaltungen des Publikums zu befriedigen. Zu sagen, das kann ich nicht spielen, kann nicht der „Bösewicht“ sein, sondern nur der Sympathieträger, weil ich bin ja Publikumsliebling. Und wenn man mal was anderes macht, sagen die Leute: Ui, da war er aber nicht gut. Ich hoffe, ich wurde gewählt, weil ich Verschiedenstes anbiete, weil ich gerade in die Sympathieträger eine Kerbe schlage, weil ich – siehe mein gfeanzter Leim im Burg-„Lumpazivagabundus, siehe der Jungautor Wegner in Daniel Kehlmanns „Der Mentor“ an der Josefstadt, welch ein eingebildeter Fatzke! -, pardon, auch das Arschloch auf der Bühne sein kann. Und gerne sein will. Du kannst mit Bühnencharme viel anrichten, aber er richtet auch viel mit dir an.

www.josefstadt.org

Zur Einstimmung 😉 Comedian Harmonists  – In der Bar zum Krokodil www.youtube.com/watch?v=Ihzj929kYGQ

Madam PompadourJoseph, ach Joseph, was bist du so keusch! www.youtube.com/watch?v=wEPtxWLyPgs

Wien, 19. 11. 2013

Lucky Luke reitet nach Krems

Mai 29, 2013 in Ausstellung

Der wilde Westen kommt ins Karikaturenmuseum

lucky_luke_2012Er zieht schneller als sein Schatten, ist als einsamer Cowboy immer auf Seiten des Gesetzes, hat mit seinem cleveren Pferd Jolly Jumper und seinem so treuen wie tollpatschigen Hund Rantanplan zwei erstklassige Schurkenjäger zur Seite – und das sind IMMER die vier Dalton-Brüder. Lucky Luke ist eine Legende. Nicht nur im Wilden Westen. Erstmals wird der Held auch im Karikaturmuseum Krems für Recht und Ordnung sorgen (von 2. Juni bis 17. November). Die Ausstellung, kuratiert von Direktor Gottfried Gusenbauer, ist weltweit einzigartig und zeigt wichtige Stationen des Comic-Klassikers mit Schwerpunkt auf der Arbeit seines Zeichners Achdé, aber nicht ohne Lucky Lukes künstlerischen „Vater“, den belgischen Comic-Zeichner Morris, in Originalen zu vergessen. Achdé wurde nach dessen Tod Morris‘ Nachfolger. Noch testamentarisch hatte Morris verfügt, dass es weitere Lucky-Luke-Abenteuer geben solle. Achdé stieg 2003 mit „Der französische Koch“ ein.

Viele Protagonisten haben realen Hintergrund, der Stoff für einmalige Storys bietet. Sei es der Gründer des FBI, Allen Pinkerton, historische Schurken wie Billy the Kid, eine Reminiszenz an den Meisterkoch Auguste Escoffier oder Showbiz-Diven wie Celine Dion. In Krems räumt man mit Wild-West-Klischees auf, enthüllt so manche Wahrheit und lässt Kinderträume für Groß und Klein wahr werden. Die Schau wurde um Exponate von privaten Sammlern ergänzt.

Auch für den 1961 in Lyon geborenen Achdé erfüllte sich mit seinem Cowboy ein Kindheitstraum. Schon als Fünfjähriger soll er auf die Frage, was er einmal werden wolle, „Lucky-Luke-Zeichner“ geantwortet haben. „Dann“, so erzählte er Gottfried Gusenbauer, „habe ich 1999 an einem Kollektiv teilgenommen, das eine Hommage an Morris schuf. Bei dieser Gelegenheit bin ich Madame Morris begegnet, zufällig an meinem Geburtstag. Sie kam auf mich zu und sagte: ,Sind Sie Achdé? Ihre Geschichte hat Morris sehr gefallen.‘ Sie sagte nur diesen kurzen Satz, aber das war für mich das schönste Geschenk, das es gibt.“

www.karikaturenmuseum.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 29. 5. 2013

„Ich rufe meine Brüder“ nach St. Pölten

April 21, 2013 in Bühne

Der Schrecken als schwarzweiße Graphic Novel

 Jerry Hoffmann Bild: Alexi Pelekanos

Jerry Hoffmann
Bild: Alexi Pelekanos

Eine der innovativsten Inszenierungen der Saison ist derzeit in St. Pölten zu sehen. Das Landestheater Niederösterreich zeigt in seiner Theaterwerkstatt – in Kooperation mit Shermin Langhoffs Berliner Ballhaus Naunynstraße (die künstlerische Leitung hat sie bereits vollständig an Wagner Carvalho und Tunçay Kulaoğlu übertragen) und dem Maxim Gorki Theater, dessen designierte künstlerische Leiterin sie ist – das Stück „Ich rufe meine Brüder“. Jonas Hassen Khemiri, vielfach ausgezeichneter Autor und Dramatiker, in Stockholm geborener Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers, schrieb es, nachdem 2010 in einer beliebten Einkaufsstraße zwei Sprengsätze detonierten. Der Selbstmordattentäter: ein 28-jähriger im Irak geborener schwedischer Staatsbürger. In einem Abschiedsbrief entschuldigte er sich bei seinen Eltern für sein Doppelleben.

Die Anschläge beim Boston-Marathon geben Khemiris Arbeit traurige Aktualität. US-Präsident Obama war in einem ersten Statement ratlos wie viele: „Warum haben junge Männer, die hier aufgewachsen sind und studiert haben, zu so starker Gewalt gegriffen?“ Khemiri hilft auf diese und ähnliche Fragen nicht mit Antworten. Er stellt neue. Wie der Regisseur der Produktion, Michael Ronen. Er ist in Jerusalem geboren, seine Familie 1945 aus Wien emigriert. Hauptdarsteller Jerry Hoffmann ist Hamburger mit Wurzeln in Ghana. Er spielt Amor. Student. Partytiger. Trip Hopper. Ist Erzähler, Protagonist, Attentäter (?). Darüber diskutiert das Publikum, als es nach der Vorstellung ins Foyer flutet, heftig. Dazu gibt es keine Erklärung. Das muss jeder mit sich selber ausmachen. Klar ist nur, dass Amor bei hell erleuchtetem Zuschauerraum immer wieder aus der Szene steigt. „Wir sind alle unschuldig“, müssen die Menschen dann beispielsweise  mit ihm gemeinsam skandieren. Stimmt nicht. Von Breivik bis Bin Laden. Von faschistischen Parteien bis zu „Alltags“rassisten allerorts.

In Stockholm hat es also einen Anschlag gegeben. Und Amor bricht sein Leben weg. Sein bester Freund Shavi (Jan Walter vom Landestheater) hat Frau und Kind, das Mädchen, in das er sich verguckt, fühlt sich gestalkt und verlässt das Viertel, die Verwandtschaft in Tunesien will einen kaputten Bohrkopf gegen einen neuen eintauschen, der Verkäufer am Reklamationsschalter schasselt Amor ab. Kein Umtausch. Nirgendwo. Hoffmann spielt das einmal lapidar, einmal lustig, listig, nie launisch. Er ist einfach ein charmanter, fescher Bursch. Nicht durchschaubar. Nicht einsehbar. Hat er bei vollem Licht betrachtet Zukunfts- oder nur Visionen? Hat er Alb- oder Tagträume? Zwei der stärksten Szenen: Amor hört nächtens auf einer Brücke Polizisten mit einem „Ausländer“ diskutieren. Schon sieht er sich die Beamten mit einem Messer niederstehen; und erfährt beim Näherkommen, dass sich der Mann nur verfahren hat und ihm die Amtspersonen den richtigen Weg beschreiben. Amor – oder, glaubt er, ist das eigentlich ein anderer? – wirft die Stichwaffe ins Wasser und rennt. Er telefoniert mit seiner schwedischen Oma. Bald stellt sich heraus, dass sie längst tot ist. Ein weißer Luftballon. Und rundherum wächst die Generalverdächtigung gegen die mit der dunklen Haut und den schwarzen Haaren, fühlt (?) Amor sich bespitzelt, nimmt auf allen Seiten die Angst zu. Und mit ihr die Aggression. Alle paralysiert.

Als optische Auflösung für seine Inszenierung haben sich Michael Ronen und sein Team eine Supersache einfallen lassen. Auf den drei Wänden der Bühne wird die Story als schwarzweiße Graphic Novel erzählt. Im Stil von Mangas oder Frank Millers „Sin City“. Großartig! Wie die Figuren sich mitunter per Sprechblasen verständigen, wie sogar auf Details wie Augenbewegungen geachtet wird. Großartig und ein bisschen spooky. Blut und Brand bleiben rot. Olivier Durand ist für diese Illustrationen und Animation zuständig; Video: Benjamin Krieg, Hanna Slak, Guillaume Cailleau. Marion Reiser (ebenfalls Ensemblemitglied des Hauses) und Nora Abdel-Maksoud beweisen die Vielfältigkeit ihrer Darstellungskunst in diversen Frauenrollen. Ein Abend, den man nicht versäumen sollte. Ein Abend, der nichts deutet, der kein Dolmetscher sein will, aber dennoch manches verständlicher macht.

Die Produktion wird noch bis 27. April am Landestheater Niederösterreich gezeigt und dann im November in Berlin ins Ballhaus Naunynstraße in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater übernommen.

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/theater-ballhaus-naunynstrase-interview-mit-michael-ronen-und-jerry-hoffmann

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 4. 2013

Theater Ballhaus Naunynstraße: Interview mit Michael Ronen und Jerry Hoffmann

April 16, 2013 in Bühne

Premiere von „Ich rufe meine Brüder“ in St. Pölten

Am 20. April findet in der Theaterwerkstatt des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten die deutschsprachige Erstaufführung von „Ich rufe meine Brüder“ von Jonas Hassen Khemiri statt. Ein Selbstmordanschlag in Stockholm im Dezember 2010, bei dem der Attentäter starb und zwei Passanten verletzt wurden, diente Khemiri als Ausgangslage für sein Stück. Khemiris Protagonist Amour geht am Tag nach dem Anschlag durch die Straßen der Stadt und sieht sich konfrontiert mit den ängstlichen und ablehnenden Blicken der Menschen auf ihn, seine dunkle Haut, seine schwarzen Haare und Augen. Er telefoniert mit seinen „Brüdern“ und sagt: „Wer sind die Anderen? Es gibt keine Anderen. Es gibt Extremisten auf allen Seiten, die uns weismachen wollen, es gäbe die Anderen. Jeder, der über die Anderen spricht, ist ein Idiot.“ Das Stück entstand im Rahmen des Theaternetzwerks Europe Now. Im Jänner 2013 wird die Uraufführung im Riksteatern Stockholm und Stadttheater Malmö stattfinden. Das Landestheater Niederösterreich präsentiert die Inszenierung als Koproduktion mit dem Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße – das sich den Themen Migration, Rassismus und kulturelle Vernetzung verschrieben hat – und in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater Berlin, wo die Produktion im Herbst 2013 nach der Spielserie in St. Pölten aufgenommen wird. Ein Interview mit Regisseur Michael Ronen und Hauptdarsteller Jerry Hoffmann                                                                      

Jan Walter, Jerry Hoffmann, Marion Reiser, Nora Abdel-Maksoud Bild: Margarita Broich

Jan Walter, Jerry Hoffmann, Marion Reiser, Nora Abdel-Maksoud
Bild: Margarita Broich

MM: Was hat Sie bewogen, diese Produktion zu inszenieren beziehungsweise mitzuspielen?

Michael Ronen: Seit ich für das Ballhaus Naunynstraße in Berlin arbeite, beschäftige ich mich mit dem Thema Solidarität. Das Theater beschäftigt sich ja in erster Linie mit migrantischen und postmigrantischen Anliegen. Shermin Langhoff wollte, dass dieses Stück, in dem es um Mitmenschen mit Migrationshintergrund geht, von mir, dem Enkelkind eines jüdischen Österreichers, der 1935 aus Österreich fliehen musste, das in Israel geboren ist und sich mit seinem jüdischen Erbe beschäftigt, inszeniert wird. Wir alle sind „die Anderen“. Aus politischen Gründen, aus religiösen Gründen, aus „optischen“ Gründen – das herauszuarbeiten, ist mir sehr wichtig. „Ich rufe meine Brüder“ ist für mich ein Ruf nach einer neuen Gemeinschaft, einem neuen Miteinander. Interessant fand ich auch die Form, in der Jonas Hassen Khemiri sein Stück geschrieben hat. Bei uns wird es ein Mix aus Comic, Manga, Film noir, Sin City, Triphop …

MM: Im Stück geht es gar nicht um religiöse Konflikte. Es gibt in Stockholm ein Selbstmordattentat. Und daraufhin fällt jeder, der „so“ aussieht, dunkle Haut, dunkle Haare, hat, unter eine Art Generalverdacht. Da wird eine Kollektivschuld über eine Gruppe Menschen gestülpt. Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Jeder! Denn er kann nur ein Bombenschmeißer sein.

Jerry Hoffmann: Das ist eine Erfahrung, die ich auch schon machen musste. Insofern verstehe ich die Figur Amor, den Protagonisten des Stücks, den ich darstelle. Ich bin gebürtiger Hamburger, mein Vater kommt aus Ghana. Neulich am Flughafen Zürich wurde ich aus der Warteschlange geholt werde und mein Gepäck wurde untersucht. Andererseits ist es lustig, dass Ober – wie hier im Cafe Landtmann – mir automatisch eine englischsprachige Speisekarte geben und Michael eine in Deutsch. Obwohl er kaum Deutsch spricht. Man wächst auf und sieht sich mit Vorurteilen konfrontiert. Das ist auch etwas, womit wir in dieser Inszenierung spielen: Gibt es diesen Generalverdacht – oder ist er nur eine Einbildung der Betroffenen – in diesem Fall Amor, der sich ungerecht behandelt fühlt, der Solidarität unter seinen „Brüdern“ sucht und nicht findet, und mit der Ohnmacht, der Trauer, der Wut ringt, nichts dagegen tun zu können.

MM: Ist es so, dass Migranten der dritten Generation immer noch nicht als vollwertige Staatsbürger wahrgenommen werden?

Ronen: Ja, das hat sich nicht verändert. Nicht in Schweden, nicht in Deutschland, nicht in Österreich, nicht in Großbritannien. Dort ist man zwar Commonwealth-Staatsbürger, aber nicht „british“. Das ist ja, was Amor so wütend macht, dass er nicht wirklich dazugehört zu den Schweden. Dabei können Migranten eine Kultur sehr bereichern, neue Einflüsse einbringen, die ganze Textur eines Landes verändern. Das ist natürlich die Vision, der Traum vom Ballhaus. Wir machen Revolution mit Kunst und Liebe und Internationalität.

MM: Glauben Sie, dass Stücke, wie die von Khemiri, die Menschen zum besseren Verständnis füreinander bringen können?

Ronen: Theater ändert die Realität nicht. Sagt man. Als Regisseur und Darsteller hoffe ich aber, dass das intime Treffen mit einem Publikum doch was erreichen kann …

Hoffmann: Ich glaube, dass Theater oder Filme in den Köpfen etwas in Bewegung setzen können! Eine Idee, eine Vorstellung davon, dass man ein Problem vielleicht auch von einer anderen Seite andenken, beleuchten kann.

Ronen (grinst): Jerry hofft auf ein politisches Nachbeben in St. Pölten.

MM: Fühlen Sie beide sich als Kinder zweier Kulturen?

Hoffmann: Ich bin  in Deutschland geboren, aufgewachsen. Die Frage nach „meinen Wurzeln“, „meiner wirklichen Heimat“ wird mir dennoch regelmäßig gestellt.

Ronen: Home is where your heart is!

MM: Khemiri hat dieses Stück 2010 geschrieben, bevor der Amoklauf vom rechtsradikalen Anders Breivik Skandinavien erschütterte. Kam damit ein Umdenken? Oder ist es trotzdem immer noch von Vorteil „blond und blauäugig“ zu sein?

Ronen: Natürlich ist es besser blond und blauäugig zu sein. Es war seltsam, seine Begründung für seine Tat zu hören. Aber an den Vorurteilen oder auch nicht Vorurteilen in der Bevölkerung hat das nicht geändert. Ein: Einer „von uns“ kann so etwas auch machen, kam da nicht. Ich kenne das auch aus dem nationalistischen Israel. Ich bin in Tel Aviv aufgewachsen mit der Angst, in jeden Bus, in jedes Eiscafe könnte sich ein Selbstmordattentäter eingenistet haben. Täglich Terror! Ich verstehe den Punkt, den wir im Stück ansprechen, dass Angst die Menschen zusammenschweißt total. Angst vor dem Anderen, dem Fremden, dem, was man nicht versteht. Das kenne ich.  Aber die Welt wird lernen müssen, mit dieser Angst umzugehen. Denn diese Angst schafft Totalitarismus. Diese Angst spielt gewissen Politikern und dem Militär in die Hände. Was in den USA nach 9/11 passiert ist, ist Wahnsinn: Menschen willkürlich festnehmen, wegsperren, foltern. Wir hören nur aus weiter Ferne, was sich dieser Tage in Guantanamo ereignen soll. Denn die Öffentlichkeit darf nichts hören, nichts sehen, nichts wissen … Auch darum geht es in „Ich rufe meine Brüder“. Amor hat ja seine Gymnasiumsclique verloren, weil eben nun jeder etwas studiert, ein Teil seiner Familie ist nach Tunesien zurückgegangen, um mit Ferienhäusern für Touristen Geld zu verdienen, sein bester Freund hat Frau und Kind. Amor ist einsam. Auch er hat Angst.

MM: Im Stück gibt es einige Szenen, die man mit Humor inszenieren könnte. Etwa, wenn die „Attentäter“ üben unauffällig normal zu gehen. Oder Amor in den Schlüsselsituationen seines Lebens am Telefon ständig von einer Tierschutzorganisation belästigt wird, sein Anruf bei seiner schwedischen Oma. Eine Frage an den Regisseur: Werden wir auch lachen?

Ronen: Ich hoffe das wirklich! Unser Familienname in Österreich war ja Fröhlich.(Er lacht.)

MM: Ist Amor der Attentäter?

Ronen: Ja, das ist die Frage! Ich denke, dass das jeder für sich entscheiden sollte. Khemiri hat das Stück so geschrieben, dass jeder mit seinen eigenen Bildern im Kopf aus dem Theater gehen kann, gehen soll!

MM: Für uns alle wurde doch der Abrahamsbund geschlossen. Warum können wir nicht Leben und Leben lassen? Warum stören sich die einen an einem Kopftuch und die anderen an einem Bikini?

Ronen: Weil Kolonialismus, Faschismus, Totalitarismus für ihre Machtkonzepte ein Feindbild aufbauen mussten und müssen. Nur, wenn ich „draußen“ einen künstlichen Konflikt schaffe, kann ich von Problemen im Land ablenken. Leider gehen immer noch zu viele Menschen solchen „Führern“ auf den Leim. Du und ich und Jerry und der Kellner und der Busfahrer, der uns hergebracht hat, WIR kommen doch großartig miteinander aus.

Zu den Personen: Jonas Hassen Khemiri wurde 1978 in Stockholm als Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers geboren. Er studierte Wirtschaft und Literatur in Stockholm und Paris. Bereits 2003 machte er mit seinem Debütroman „Das Kamel ohne Höcker“ auf sich aufmerksam, für den er den renommierten Borås Tidnings Debütpreis bekam. Dem Folgeroman „Montecore“ wurde 2006 der Per-Olov-Enquist-Preis zuerkannt. Als Dramatiker trat er erstmals 2006 mit „Invasion!“ am Stadttheater in Stockholm in Erscheinung. „Invasion!“ wird derzeit von der „Jungen Burg“ im Burgtheater-Vestibül gezeigt (nächste Termine: 19. und 21. April). 2008 präsentierte Khemiri „God Times Five“, sein zweites Theaterstück. Diesem folgte „We Are A Hundred“, das 2009 am Stadttheater in Göteborg uraufgeführt wurde und den HEDDA Award for best play 2010 erhielt. Inzwischen werden Khemiris Stücke im gesamten deutschsprachigen Raum zahlreich gespielt.

Die Regie von „Ich rufe meine Brüder“ übernimmt Michael Ronen, Hausregisseur am Ballhaus Naunynstraße. Michael Ronen,geboren 1982 in Jerusalem als Enkelkind österreichischer Einwanderer, studierte Regie an der London Academy of Music and Dramatic Arts, wo er 2006 das Künstlerkollektiv Conflict Zone Arts Ayslum gründete. Am Ballhaus Naunynstraße war Michael Ronen bereits an zahlreichen Produktionen beteiligt. 2010 inszenierte er die Science-Fiction-Komödie „Warten auf Adam Spielman“ von Hakan Savas Mican und 2011 Perikızı von Emine Sevgi Özdamar.

Darsteller des Amor ist Jerry Hoffmann. Er wurde 1989 in Hamburg geboren. Er studierte Schauspiel zunächst an der Otto-Falckenberg-Schule in München und wechselt dann an die Universität der Künste Berlin. Sein Filmdebüt gab er 2009 mit der Darstellung des Samir in dem Kinofilm „Shahada“. Seit 2011 ist er neben Martin Wuttke an der Volksbühne Berlin in „Schmeiß dein Ego weg“ von René Pollesch zu sehen. Das Serientestemonial „Wir sind wieder wer“ (u.a. mit Heiner Lauterbach, Regie Thomas Stuber) gewann 2012 den No Fear Award beim deutschen Nachwuchspreis First Steps. 2012 drehte er den TV-Mehrteiler „Zeit der Helden“ unter der Regie von Kai Wessel. Außerdem ist er als Sprecher für Hörbuch, Hörspiel und Synchron tätig. 2013 wurde er für den Berlinale Talent Campus ausgewählt.

www.landestheater.net

www.burgtheater.at

www.ballhausnaunynstrasse.de

www.gorki.de

Michael Ronen hat außerdem ein Internetprojekt, in dem er Orte mit ihren Geschichten verbinden will: www.capsuling.me

Von Michaela Mottinger

Wien, 16. 4. 2013