Lavant! – Bernd Liepold-Mosser über die Dichterin

September 30, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Theaterprojekt am Stadttheater Klagenfurt

Christine Lavant  Bild: (c) Robert Musil-Institut für Literaturforschung

Christine Lavant
Bild: (c) Robert Musil-Institut für Literaturforschung

Das Stadttheater Klagenfurt widmet Christine Lavant zu ihrem 100. Geburtstag die erste Schauspielpremiere der neuen Spielzeit. In einer Textmontage von Bernd Liepold-Mosser und Ute Liepold, die sich aus Gedichten, biografischen Aufzeichnungen, Briefen und den Prosatexten zusammensetzt, werden die vielen Facetten dieser faszinierenden Vertreterin der österreichischen Nachkriegsliteratur zum Ausdruck gebracht und für die Gegenwart neu umgesetzt. Die Band Clara Luzia steuert eigens für das Projekt „Lavant!“ komponierte Songs bei. Mitwirkende: Nikolaus Barton, Jele Brückner, Sèbastien Jacobi, Sandra Lipp, Johanna Mertinz, Katja Uffelmann und Nadine Zeintl. Premiere ist am 8. Oktober.

Mehr über Christine Lavants Leben und Werk: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

www.stadttheater-klagenfurt.at

Wien, 30. 9. 2015

Tobias Moretti in „Das finstere Tal“

Februar 5, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Prochaska Austro-Western im Corbucci-Stil

Tobias Moretti  Bild: © Allegro Film / Thomas W. Kiennast

Tobias Moretti
Bild: © Allegro Film / Thomas W. Kiennast

„Es gibt Sachen, über die darf man nicht reden. Sachen, die früher passiert sind. Vor langer Zeit. Aber dass man nicht über sie reden darf, heißt nicht, dass man’s je vergessen kann. Es gibt nämlich Sachen, die lassen sich nie mehr vergessen“, sagt die Braut Luzi als sich herausstellt, dass die Verhältnisse nicht so sind, wie manche es gern hätten. Nach dem Erfolg mit heimischem Horror in “ In 3 Tagen bist du tot“ versucht sich Regisseur und Autor Andreas Prohaska nun an einem anderen fürs Alpenland ungewöhnlichem Genre: dem Western. In Form von „Das finstere Tal“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Willmann.  Ein düsteres Geheimnis, ein entlegenes Hochtal und ein schweigsamer Fremder kommen vor. Ein vom Schnee zugedeckter Mikrokosmos, in Tücher gehüllte Männer. Eine furiose Mischung aus vielschichtigem Italo-Film und packendem Heimatdrama. Ein Epos von Schuld, Rache und Liebe. Wie in Michael Hanekes „Das weiße Band“ ist die Stimmung wie ein Gewittersturm, die Bildästhetik wie in Sergio Corbuccis „Leichen plastern seinen Weg“. Die asphaltieren nun Gebirgswege.

Über einen versteckten Pfad, irgendwo hoch oben in den Alpen, erreicht nämlich ein einsamer Reiter ein kleines  Dorf, das sich zwischen unwirkliche Gipfel duckt. Niemand weiß, woher dieser Fremde kommt, der sich Greider nennt, und niemand will ihn hier haben. Unverhohlenes Misstrauen schlägt ihm entgegen. Die Söhne des Brenner-Bauern, der als Patriarch über Wohl und Wehe der Dorfbewohner entscheidet, hätten ihn wohl weggejagt, wenn Greider ihnen nicht eine Handvoll Goldmünzen gegeben hätte. Greider, der sich als Fotograf ausgibt, wird bei der Witwe Gader und ihrer jungen Tochter Luzi von den Brenner-Söhnen den Winter über untergebracht. Luzi, die kurz vor ihrer Heirat mit ihrem Lukas steht, ist voll  Furcht, ob des bevorstehenden Ereignisses. Denn eine Hochzeit ist in diesem Dorf mit einer furchtbaren Tradition verknüpft. Wer sich dem widersetzt, ist einer erbarmungslosen Abstrafung ausgesetzt. Nachdem der Schnee das Dorf eingeschlossen hat und kaum ein Sonnenstrahl mehr das Tal erreicht, kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem einer der Brenner-Söhne stirbt. Als der nächste Sohn auf mysteriöse Weise umkommt, wird klar, dass es sich wohl nicht um einen Zufall gehandelt hat: Die Brenner-Familie muss büßen – Greider hat eine Rechnung aus längst vergessen geglaubten Zeiten zu begleichen …

In Prochaskas Regie brillieren Sam Riley mit seiner coolen, großartigen Präsenz als Greider und Paula Beer mit ihrer facettenreichen, eindringlichen Darstellung der Luzi zusammen mit dem hochkarätigen Cast um Tobias Moretti, Clemens Schick, Florian Brückner bis zu Erwin Steinhauer und Hans-Michael Rehberg. „Normalerweise versuchen ja alle, den internationalen Markt zu erobern indem man auf Englisch dreht und auch deutsche Schauspieler Englisch sprechen lässt“, sagt Andreas Prochaska im Interview. „Wir sind aber den
umgekehrten Weg gegangen und holten mit Sam Riley als Greider einen britischen Star und haben ihn Deutsch sprechen lassen. Das war auch für mich sehr reizvoll, weil man diese zwei Welten durch die Besetzung bedienen kann. Der Fremde ist sozusagen aus dem Wilden Westen. Der Akzent, wenn er Deutsch spricht, ist nicht gemacht, sondern echt. Und diese Begegnung des Fremden mit den Österreichern
hat ein ganz eigenes Spannungsfeld.“ Und so wie der Fremde im Buch von einem echten „Fremden“ gespielt wird, durften die Bewohner des Tals nicht von zu weit herkommen, so Prochaska: „Das war auch interessant beim Casting. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass es nicht funktioniert, wenn die Schauspieler zu sehr aus dem Norden kommen. Bis auf den Clemens Schick und die Paula Beer sind es tatsächlich vor allem Tiroler oder Bayern.“ Zu dem Paket gehörten natürlich auch die Bewohner der Dorfgemeinschaft des „finsteren Tals“ – insbesondere die Brenner-Sippe, die die absolute Herrschaft im Tal hat, über Leben und Tod entscheidet  und sich jedes Recht herausnimmt. Die Besetzung dieser Herrscher-Bande ist auf den Punkt gelungen – vom furchteinflößenden Tobias Moretti als Kopf der Brenner-Söhne bis zu Hans-Michael Rehberg als bedrohlichem Patriarch.

So wie für die meisten war es auch für Andreas Prochaska der „mit Abstand anstrengendste Film“, den er je gemacht hat. Und dass, obwohl alles „ohne größere Schwierigkeiten ablief“ und selbst die Kälte für alle menschlichen Beteiligten irgendwann einfach dazu gehörte. „Nur die Pferde hatten echte Probleme“, so Prochaska. „Das war mir vorher auch nicht klar, dass Pferde bei minus 15 Grad anfangen zu husten.“ Andreas Prochaskas Film wird auf der diesjährigen Berlinale in der Special Gala Premiere haben und startet am 14. Februar in Österreich in den Kinos.

Andreas Prohaska im Gespräch:

Wie sind Sie auf „Das finstere Tal“ gestoßen?

Andreas Prohaska: Ich habe an einem Samstagmorgen in einer österreichischen Tageszeitung die Literaturkritiken überflogen und in einer kleinen Spalte wurde „Das finstere Tal“ besprochen. Als ich den Kurzinhalt las, dachte ich: Das liegt genau in meinem Beuteschema: Western, Berge, Rache. Ich habe den Roman gelesen und anschließend mit Thomas Willmann Kontakt aufgenommen.

Können Sie noch etwas mehr über ihr Beuteschema erzählen?

Prohaska: Ich habe ja in Österreich zwei Horrorfilme gedreht, „In drei Tagen bist du tot“ und das Sequel dazu. Der erste Film war quasi ein US-Teenie-Slasher, nur mit österreichischen Darstellern, die auch im österreichischen Dialekt gesprochen haben. Dass dieser österreichische Genrefilm auch international auf Interesse gestoßen ist, hat mich überrascht und mich in meiner Absicht bestärkt lokal Authentisches mit Genre zu kombinieren. Ich bin immer auf der Suche nach Geschichten, die mir ermöglichen das heimische Potential zu nützen und die gleichzeitig international funktionieren können. Da lag „Das finstere Tal“ genau auf meiner Linie. Thomas Willmann hat ja auch in seinem Nachwort geschrieben, dass er sich von Ludwig Ganghofer und Sergio Leone inspirieren hat lassen und genau diese Kombination von klassischem Western und Heimatfilm hat mich auf Anhieb gereizt. Und welcher Filmregisseur würde nicht gerne einen Western machen? Die Erfüllung eines Bubentraums. Die Geschichte versucht nicht wie in den Spaghetti Western Europa als Nordamerika zu verkaufen. Ich wollte etwas machen, bei dem der Ort, an dem der Film spielt, zu einem eigenen Charakter wird. Das hat sich aufgrund der Geschichte geradezu aufgedrängt. Greider kommt ja aus Amerika zurück in dieses abgelegene Tal um etwas zu „erledigen“.

Worin liegt der Reiz von Genre-Erzählungen für Sie?

Prohaska: Es ist etwas, was ich mir selber gerne anschaue und was ich gerne mache. Außerdem kann man im Muster eines Genrefilms auch andere Themen transportieren, dem Zuschauer „unterjubeln“ und ihn dabei auf spannende Weise unterhalten. Ich möchte im Kino Filme machen, die ich mir selber gerne anschaue. Dazu gehören Horror, Thriller und Komödie. Ich erzähle gerne Geschichten, bei denen ich eine unmittelbare Reaktion vom Publikum bekomme. Bei einem gelungen Horrorfilm spürt man die Spannung im Raum, hört die Schrecklaute aus dem Publikum. Auch bei der Komödie kriegt man ein unmittelbares Feedback, wenn die Leute an den richtigen Stellen lachen, hat man gewonnen. „Das finstere Tal“ ist da sicher erwachsener als meine früheren Filme und ich bin natürlich sehr gespannt, wie das Publikum darauf reagieren wird. Aber ich hab bei den Testscreenings die eine oder andere Träne gesehen, das war schon sehr erfreulich.

Wie sehr haben Sie sich in der Vorbereitung noch mal mit dem Subgenre des Schneewesterns auseinandergesetzt?

Prohaska: Ich habe mir natürlich alles, was ich früher mal gesehen hatte, wieder angeschaut. Ich weiß gar nicht, wie viele Western ich im letzten halben Jahr gesehen habe. Das Besondere am „Finsteren Tal“ ist, dass es mehr ist als ein Western, der im Schnee in den Alpen spielt. Letztlich hat der Film Elemente von einem psychologischen Thriller, es ist die Geschichte einer Identitätssuche, es ist ein Heimatfilm, ein Drama und die Action kommt auch nicht zu kurz. Es ist sozusagen Western mit Mehrwert.

Genre ist ja im deutschsprachigen Raum grundsätzlich ein schwieriges Thema, solange es nicht um Komödien geht. Ist Österreich da gerade was Authentizität angeht vielleicht sogar stärker als Deutschland, weil es eben auch ein schärfer abgegrenzter Raum ist?

Prohaska: Was Genre in Österreich angeht, sehe ich mich da schon in gewisser Weise als eine Art Vorreiter. Vor „In drei Tagen bist du tot“ gab es einige Low-Budget-Versuche, aber keinen astreinen Genrefilm, der sich über das Genre nicht lustig macht und professionell produziert wurde. Das war auch ein großer Schritt bei uns und hat schon einige Türen geöffnet. Jedes Land hat unheimliche Geschichten zu bieten und in unserem kleinen Land, das so gerne verdrängt, muss man nicht lange graben, um in Abgründe zu schauen. Und das Ganze in wunderschöner Landschaft, die jedes Touristenherz erfreut. Die Natur ist ein Faktor, der bezaubernd, betörend und tödlich sein kann und sie wurde seit den Heimatfilmen aus meiner Sicht filmisch vernachlässigt. Ich habe das Gefühl, dass es das Genrekino nicht zuletzt deswegen so schwer in Deutschland hat, weil man sich jeden Sonntagabend kollektiv Mord und Totschlag im Fernsehen anschaut. Es gibt ein Misstrauen des Publikums gegenüber den heimischen Filmemachern, man traut es uns einfach nicht zu. Das war in Österreich nicht anders, und jeder Film der sich auf dieses dünne Eis begibt, hat es schwer. Aber man darf nicht aufgeben!

Hat es auch damit zu tun, dass man gerne versucht möglichst „amerikanisch“ zu werden, sobald es um Genrestoffe geht?

Prohaska: Ja. Ich habe oft das Gefühl, dass man nicht nur nach Amerika schielt, sondern richtiggehend starrt und amerikanischer sein will als die Amerikaner. Da kann man nur verlieren.

„Das finstere Tal“ wurde im Winter in einem Tal in Südtirol gedreht. War Ihnen klar, was für eine Herausforderung das sein würde?

Prohaska: Der zweite Teil von „In drei Tagen bist du tot“ hat auch im Schnee und Winter gespielt. Dadurch hatte ich eine gewisse Erfahrung und wusste, dass das eine riesige Herausforderung werden würde. Unser Budget war zwar nicht ganz klein, aber wir hatten praktisch keinen Spielraum in unserem Drehplan. Wenn man dann fast Dreiviertel des Drehs Außenaufnahmen hat, dann ist man den Elementen schutzlos ausgeliefert, was für alle Beteiligten ein großes Risiko war. Im Schnee dauert alles länger. Allein schon der Transport einer Kamera von A nach B ist ein Problem, weil man die Sets jungfräulich erhalten muss und keine Spuren im Schnee hinterlassen darf. Das, was wir letztlich zu wenig an Zeit und Budget hatten, hat aber das Team durch einen enormen Einsatz ausgeglichen. Viele aus der Crew haben mir gesagt, dass es Geschichten wie „Das finstere Tal“ sind, warum man den Job eigentlich macht. Diese Begeisterung hat uns durch den Winter gebracht.

www.dasfinsteretal.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=23HEZpkQHQI

Wien, 5. 2. 2014

Gerhard Polt: Und Äktschn!

Januar 31, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthouse Kino aus der Garage

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

„Die haben doch im Bunker auch improvisieren müssen.“ Genau. Was also sollte Vollamateur Hans A. Pospiech aufhalten, seine „Hitler privat“-Spieldoku zu drehen? Schließlich sieht er sich als Aufdecker à la Michael Moore. Ist wie das Vorbild kompromisslos der Wahrscheinlichkeit der Wahrheit verpflichtet. Und weiß: „Der Mensch stirbt, aber der Film bleibt.“ Ab 6. Februar haucht Gerhard Polt diesem letzten Kinosaurier, der sich über Wasser hält, indem er Zweite-Weltkriegs-Memorabilien aus dem Nachlass seines Vaters verscherbelt (pro Stalinorgel-Pumperer 50 Euro), in „Und Äktschn!“ Leben ein. Der jüngste Streich des bayerischen Vollkabarettisten kommt so amüsant-„amateurhaft“ daher – ein echter Pospiech eben -, so entschleunigt, so grenzenlos in seiner „Beschränktheit“, dass es die reine Freude ist. Ein Kultfilm über einen Film, der Kult werden muss. Arthouse Kino aus der Garage. Denn dort schnippelt Pospiech an seinem Meisterwerk.

Noch ein Hitler-Film also. Satire übers Dritte Reich sells. „Ich finde, man sollte Hitler nicht nur kaputt reden, sondern auch -spielen und -recherchieren“, sagt der britischösterreichische Regisseur Frederick Baker im Interview. „Der Mann las Karl May als Inspiration, wenn es um militärische Führung ging! Er schickte Winnetou-Ausgaben an seine Generäle an der Front. Hitler war ein richtiger Provinzler und ist es bis zuletzt geblieben. Die Wahrheit ist, je näher man an ihn ran kommt, desto provinzieller, absurder und witziger wird er. Humor ist eine wahre Wunderwaffe. Das wusste Hitler auch, denn auf Hitler-Witze stand die Todesstrafe. Auch im Namen aller, die für ihre Hitler-Witze starben, ist es wichtig, dass wir diese ‚wehrkraftzersetzende‘ Tradition fortsetzen.“ – „Frederick Baker, meinem Co-Autor und Freund wurde klar, dass zum Beispiel in dem Film ‚Der Untergang‘ auch unterging, wie so ein Mensch entstehen konnte. Das Alpha fehlte, nicht das Omega“, ergänzt Gerhard Polt mit tiefstem Ernst dazu. Nach der Lektüre der Bücher von Historiker Werner Maser habe er erkannt, dass er sein Hitler-Bild über Bord werfen könne: „Gänzlich neu war mir die Information, dass es sich bei Herrn Hitler anscheinend um einen durchaus sympathisch daherkommenden Mann gehandelt haben muss, der eindrucksvoll parlierend vor allem die Damenwelt der Münchner Gesellschaft entzückt hat und so in die ‚High Society‘ der Stadt gelangen konnte. Für mich ergab sich daraus der Verdacht, dass die sympathischen Zeitgenossen die oft gefährlicheren sind, weil sich ihnen die Wege leichter ebnen als ihren Kollegen, den Unsympathen.“

Den Gröfaz (größter Führer aller Zeiten, Frederick Baker liebt diese Abkürzung) spielt Volksopernchef Robert Meyer. Ein Schallplattenladenbesitzer, ein Laie, denn der Adolf Hitler war auch kein Profi. Große Kunst, wie Meyer mit „ungekünstelter Echtheit“ versucht, dem Original so wenig wie möglich nahe zu kommen. Man will dem Oarschloch schließlich kein Denkmal setzen. Pospiech-Polt lässt seinen Hauptakteur alle Qualen eines Darstellers wider Willen durchleiden. Und siehe da: Je unhitlerischer der zu werden versucht, desto ähnlicher wird er ihm. Wunderbar eine Konditoreiszene mit Gisela Schneeberger, in der Meyer eine Prrrinzrrregententorrrte bestellt. Darauf sie: „Aber Adi! Der Datschi is ganz frisch!“ So einen Hitler braucht der deutsche Film. Schneeberger, Polts wie immer kongeniale Filmpartnerin, mutiert als Wirtin Frau Grete zum Fräulein Eva Braun. Frau Grete ist nicht nur hinter der Schank eine, die weiß wo’s langgeht, sondern auch vor der Kamera. Mit strenger Hand und schriller Stimme dirigiert sie die anderen durch die Untiefen der Drehtage. Ein Kabinettstück der bayerischen Kabarettistin. Lobt auch Gerhard Polt: „Fred Baker und ich wollten visualisieren, mit welcher Hingabe Dilletanten das angeblich Seriöse zur Aufführung bringen. Wenn Gisela Schneeberger die Eva Braum spielt, kommt sie in ihrer Harmlosigkeit der geschichtlichen Person wahrscheinlich viel näher als andere noch so ehrenwerte Bemühungen.“

Harmlos ist an Polts Film eigentlich nichts. Nur versteckt hinter bayerisch-österreichischer G’mütlichkeit. Des bissl Alltagsfaschismus/ – rassismus. Die Erklärung, dass der indische Ober kein Neger ist, aber doch auch dunkel. Und trotzdem zum Goebbels geeignet, weil erstens: Bollywood und zweitens: Von denen stammt’s Hakenkreuz. Ja, das ist alles eh so bös‘ gemeint, wie’s klingt. Polt macht das Publikum durch In-die-Kamera-Sprechen zum Komplizen seiner Farce. Er befindet sich im Delirium der Dilettanz. Seine hingestotterten Halbsätze sind von einer Brillanz, die man ein Zeitl behirnen muss, um zu ihrem Kern vorzudringen.

Sein Ensemble ist auf Augenhöhe: Maximilian Brückner als fauler Neffe und Kameramann. Nikolaus Paryla als vor Ekel geschüttelter Cineast. Der Filmklubchef ist ein Naderer, „der Würstlverkäufer, der windige“. „Der filmt gegen die ganze Welt an“, fürchtet er sich vor Pospiech. Michael Ostrowski als schleimig-smarter Sparkassen-Filialleiter. Viktor Giacobbo als immer noch gestriger „historischer Berater“. Robert Palfrader als textloser „Bormann“ und Thomas Stipsits als osteuropäischer Handwerker. Beide haben zwar nur Kurzauftritte, aber vom Feinsten. „Dürft ich etwas sagen?“, fragt Palfrader-Bormann. Nein. Dafür Erni Mangold, die mit ihrem Foxl zum Blondie-Casting kommt. Weil, der ist eine starke Persönlichkeit, der spielt jeden Schäferhund. Als Pospiech doch auf Reinrassigkeit besteht, schimpft sie ihn Neonazi. „Obwohl, für an Neonazi san’S z’alt.“ Das alles ereignet sich zum verpopt-verfremdeten Wagner’schen Nibelungen Tod, Lichtstimmung: Ragnarök. Und geht in allgemeiner Hitlerei unter. Das 1000-jährige Reich darf sich jedenfalls als entlarvt betrachten. Das ist Gerhard Polts meisterliches Ver-Sprechen.

www.undaektschn.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FOcZCJcUmx4

Wien, 31. 1. 2014

Akademietheater: Die Marquise von O.

Mai 11, 2013 in Bühne

Sterlingsilber schmeckt eben nach nichts

Es ist nicht leicht eine Meinung zu einer Inszenierung zu haben, die so nichts sagend ist, die offenbar nicht einmal eine Meinung über sich selber hat. Daher folgendes: Die Bozner Society-Lady Renate Hirsch Giacomuzzi zeigte einer einschlägigen Fernsehsendung in St. Moritz einmal ihren neuen Maibach. In der Mitte der Rückbank lässt sich per Knopfdruck eine Bar mit Kühlung hochfahren, darin eine Flasche Champagner und Kelche aus Sterlingssilber. „Wissen Sie“, sagte die Hirsch zur staunenden Jungreporterin, „zur Grundausstattung gehören Flöten aus Swarovski-Kristall. Aber ich hielt sie in einem Fahrzeug für zu zerbrechlich, deswegen haben wir umdisponiert.“

Oliver Masucci, Andrea Clausen, Dorothee Hartinger Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Masucci, Andrea Clausen, Dorothee Hartinger
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Akademietheater wird derzeit Yannis Houvardas‘, hauptberuflich Intendant des Griechischen Nationaltheaters in Athen, Inszenierung von Ferdinand Bruckners „Die Marquise von O.“ gegeben. Und auch da will man offenbar keine Scherben. Also holt man auf Nummer Sicher das gute Silber aus der Lade, poliert es auf Hochglanz, deckt eine wunderbare Tafel – und vergisst darüber, dass Sterlingsilber nach nichts schmeckt. Sondern, dass man auch was auftischen muss. Das tut immerhin Bühnenbildner Johannes Schütz mit einer wunderbaren Lösung aus halbdurchsichtigen Wänden auf einer ebenso schön beleuchteten wie anzuschauenden Bühne.

Der Rest des Abends ist hart, Mann! Die Burg, „Weihetempel der Kunst“, wird immer mehr zur Selbstbeweihräucherungsbühne. In diesem Fall mit Live-Streichquartett auf der Bühne. Toll. Traurig nur, wenn ein Regisseur den Kern der Sache, bei der er Regie führen soll, ignoriert. Und damit ist nicht gemeint, dass Houvardas das Drama über weite Strecken statitsch wie eine antike Tragödie anlegt. Aber aus Schauspielstars wie Dorothee Hartinger, Peter Simonischek, Andrea Clausen, Oliver Masucci und Dietmar König dermaßen nichts zu machen, das ist wirklich eine Leistung. Kurz zusammengefasst ergehen sich die einen in Hysterie (die Damen), die anderen in umso mehr Härte (die Herren). Simonischek spielt den überlebensgroßen, verschrobenen, vor Imponiergehabe platzenden Vater, der ein „Isaak“-Opfer, sprich: Abtreibung, fordert, und als das misslingt vor der Schande nach Breslau „flieht“. Mutter Andrea Clausen versteckt sich überspannt-manieriert-schockiert hinter ihrer Geige. Motto: Was ich nicht sehe, gibt es nicht. Immerhin: Dietmar König ist ein vornehmer Friedrich, der das Weite sucht, wo ihm Nähe verweigert wird. Eine kleine Rolle, eine schöne Leistung. Dorothee Hartinger changiert als Marquise zwischen Verwirrung, Verzweiflung über und Verachtung für die Menschheit.  Ist gleichzeitig traumwandlerisch, schwebend, entrückt. Und am Ende genauso erschöpft-ernüchert wie das Publikum. Eine neue Nuance, ein neues Gefühl, irgendetwas – aber nein, alles schon dagewesen, alles schon gesehen; auf zweifelsfrei höchstem Niveau zeigen die Artisten ihre bewährten Kunststücke.

Oliver Masuccis Hauptmann immerhin macht eine Wandlung durch. Bekannt für seine Rollengestaltungen von Anatol Kuragin bis Achilleus als Zyniker, Charmeur, Filou mit unwiderstehlichem Raubtierlächeln, arrogant, überheblich, selbstverliebt, nun gar ein Vergewaltiger, zieht er all seine Joker auch diesmal. Aber: Er wird ein hilflos Liebender, ein Hin- und Hergerissener, ein Getriebener in der Frage, ob er der Vater des O.-Kindes ist oder nicht. Tatsächlich ist die letzte Szene, als er der Hartinger zärtlich den Bauch berührt, und sie ihm eine Verbal-Watschn gibt, die Ehrenrettung des Ganzen. Also rein in den Pelzmantel, raus aufs Schlachtfeld …

Bleibt, Houvardas schlimmste Sünde abzuhandeln. Denn weder galt es (Achtung: KritikerkollegInnenzitate!) Ferdinand Bruckner „den Muff der Zeit“ abzuklopfen, noch einem „Trendbarometer“ zu gefallen, noch zu jubeln, dass auf „platte Gegenwartsbezüge“ verzichtet wurde. Bruckner schrieb 1933 – danach emigrierte er nach Paris – ein hochpolitisches Stück. Von einem darniederliegenden, zerfallenden Europa. Von Niedergang bis Niederträchtigkeit. Von einer Politik, die zerstört, statt aufbaut, die nicht nur keine Antworten hat beziehungsweise gibt, sondern sich nicht einmal mehr Fragen stellt. Und: Er schrieb ein Emanzipationsdrama. Im Gegensatz zu Kleist, wo alles in Liebe, Wonne, Hochzeit endet, zeigt die Marquise hier der Gesellschaft den Mittelfinger. Sie wird gehen. Allein. Und Mutter sein, wo sie keiner kennt. Dazu kann einem heute was einfallen. Ohne die von manchen so gefürchtete Abrissbirne namens „Modernisierung“. Es reichte auch ein leicht Schlag mit dem Reflex-Hämmerchen. Aber im Maibach bewegt man sich eben lieber vorsichtig, verschüttet nichts, freut sich über die Silberkelche und lauscht Beethoven.

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/die-marquise-von-o-am-akademietheater-2

Von Michaela Mottinger

Wien, 11. 5. 2013

„Die Marquise von O.“ am Akademietheater

April 19, 2013 in Tipps

Nach dem Ende öffnen sich neue Horizonte

Honi soit qui mal y pense. „Die Marquise von O.“, die am 19. 4. am Akademietheater Premiere hat, hat natürlich nichts mit „Emmanuelle“  Sylvia Kristel zu tun. Die war 1974 ja auch „Die Nichte der O.“ Einen bemerkenswerten Film nach Kleists Novelle gibt es allerdings: Aus dem Jahr 1976 von Eric Rohmer; mit Bruno Ganz und Edith Clever.

Presse: Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben.

Oliver Masucci (Hauptmann), Dorothee Hartinger (Frau von O.)
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In Wien ist nun Ferdinand Bruckners dramatische Bearbeitung des berühmten Kleist’schen Stoffs zu sehen. Yannis Houvardas, Intendant des Nationaltheaters in Athen, inszeniert das Stück. Der Inhalt (bei Bruckner, nicht bei Kleist): Die Selbstbefreiung eines gesellschaftlichen Opfers aus Erpressung und Unterdrückung, schließlich Zerbrechen – statt wie bei Kleist Versöhnung – der familiär-einengenden Bande. Und ein Aufbruch zu neuen Horizonten. Der Marquise passiert nämlich etwas „Unglaubliches“: Sie kommt in andere Umstände, ohne sich erklären zu können wie (ein Hauptmann hat sie im Vorbeiflitzen, als sie ohnmächtig war, das waren die besseren Damen damals ja öfters, vergewaltigt). Die Eltern und ihr Verlobter reagieren verstört. Die Marquise, die sich selber immer mehr zum Rätsel wird, gibt in ihrer Verzweiflung schließlich jene Zeitungsannonce auf, in der sie den ihr unbekannten Kindsvater auffordert, sich bei ihr zu melden. Statt Hochzeit mit dem Vergewaltiger folgt die Annahme des Kindes der Gewalt durch die Mutter allein …

Starker Tobak. Den der Altösterreicher Bruckner, der 1933 nach Paris emigrierte, wieder ins Preußen (des 18. Jahrhunderts/napoleonische Kriege/ergo Männergesellschaft, Krieg und Tod) verlegte. Kleist war inhaltlich aus Verlegenheit nach Italien ausgewandert. Wie sehr der Grieche Houvardas  im Drama Euro(pa)-Themen wie Solidarität statt Zwietracht, sozialen Wandel statt Stände- und Staatenstillstand, die Notwendigkeit von Kultur statt deren Kaputtsparung, Freiheit und Frieden statt wirtschaftlichen Fortschritt als neoliberalistische Religion … anklingen lassen wird – man wird sehen. Zärtlich will er sein. Und Beethoven live spielen lassen.

Ein Erfolgsgarant für die Produktion dürfte schon einmal Johannes Schütz als Bühnenbildner sein. Und an erster Stelle natürlich das exzellente Ensemble: Dorothee Hartinger als Marquise, Peter Simonischek und Andrea Clausen als die entsetzten Eltern, Oliver Masucci – nach allem, was man von ihm bisher gesehen hat, sicher eine Idealbesetzung für den schlitzohrigen Hauptmann – und Dietmar König.

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 4.