Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

www.burgtheater.at

30. 11. 2018

Nikolaus Habjan inszeniert „Faust“

Februar 4, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiel mit Puppen im Grazer Next Liberty

"Faust" Klaus Huhle mit Mephisto-Puppe Bild: Lupi Spuma

Bei den Proben: „Faust“ Klaus Huhle mit seinem Mephistopheles
Bild: Lupi Spuma

Nikolaus Habjan inszeniert Goethes Welttragödie. Mit Charakterdarsteller Klaus Huhle als Faust, Puppenspielerin Manuela Linshalm als Mephistopheles und dem Ensemble des Grazer Next Liberty. Premiere ist am 12. Februar. Für die Bühne ist Jakob Brossmann verantwortlich, der zuletzt für seinen Dokumentarfilm „Lampedusa im Winter“ mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde (Interview und Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764).

www.nextliberty.com

nikolaushabjan.com

Wien, 4. 2. 2016

Volkstheater: Das Wechselbälgchen

Dezember 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bitternis in bezaubernden Bildern

Seyneb Saleh Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh mit Puppe Zitha
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Figuren, die langsam, mit Bewegungen, die sich ihre Geschmeidigkeit erst ertasten, zum Leben erwachen, werden gleich selber Figuren bewegen. In Schaukästen stehen sie, steigen aus ihnen, aus dem schwach Beleuchteten ins Halbdunkel; Gebirge ist im Hintergrund gemalt, davor ein Bergdorf, eine Kirche und ein Bauernhof als Modell. Ein Heimatmuseum. Der Ursprung als Quelle der Bitternis. Und diese Bitternis in bezaubernden Bildern. Die Dioramen sind von Jakob Brossmann; und in und vor ihnen hat Nikolaus Habjan „Das Wechselbälgchen“ von Christine Lavant inszeniert, eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken, uraufgeführt im Volx/Margareten.

Nichts an diesem Heimatmuseum ist museal. Habjan entdeckte die Lavant für sich, als er sich mit der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel beschäftigte. Für seinen Abend „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. Das Spiegelgrundkind, der Überlebende des NS-Kinder-Euthanasie-Programms. Habjans Plädoyer ist, dass das Ewiggestrige keine immer währende Wahrheit bleiben darf. Er zeigt, welch frohen Herzens der Mensch sein kann, wären da nicht Instanzen, die vorgeben, was gut und böse, richtig und falsch, gesund und ungesund, wert und „unwertes Leben“ zu sein hat. Die Kärntner Autorin Maja Haderlap hat die archaisch anmutende Erzählung dramatisiert, sie trifft dabei den Lavant-Ton, dessen poetische Wortegewalt, die lavanttalerisch durchsetzte Kunst-Sprache ihrer Landverwandten. Wo das Sentiment überfließen, wo das Schmalz rinnen könnte, ist Sprödheit. Hartleibige Leute verständigen sich in kargen Dialogen. Die Herzen so kalt wie der Bach, der schon zum Ertrinken ruft, die Seelen so karstig wie die Landschaft.

Das Konzept kalt wird von Habjans Hauptdarstellerin gleichsam konterkariert. Zitha, die Puppe, agiert, als ob es, nein: weil es um ihre Existenz geht. Es ist bei Habjan kein kindlicher Irrtum, das Objekt zu subjektivieren. Seine Figuren, diesmal gemeinsam mit Denise Heschl gebaut, spielen nicht, brauchen auch keine darstellerische Behauptung aufzubauen. Sie sind. Dieses besondere, hässliche, halbglatzige Kind hat eine Wahrhaftigkeit, die weh tut, die zu Tränen rührt. Es ist in Wahrheit nicht zum Aushalten, diese Rüge muss sich der Regisseur gefallen lassen, man möchte einmal aus seinen Abenden gehen, ohne, dass einem Wimperntusche auf der Wange klebt. Am Schluss, vor tosendem Applaus und den Bravorufen war in der Stille der ersten Schockstarre rundum deutlich Schniefen und Schneuzen zu hören.

Zitha hat sich die Lebenslust aus ihrem „unwerten Leben“ gestohlen, wie sie da sitzt und verstohlen kichert … „Ibillimutter“, sagt sie im Vater-Mutter-Kinderspiel, „Ich bin die Mutter“ ist ihre so zärtliche wie trotzige Selbstbeachtung. Das gesamte Ensemble leiht diesem kleinen Wesen, Lavants Menschlein, das keine Ahnung vom Tod hat, der aber doch kommen muss, Hand und Stimme. Zitha ist „Das Wechselbälgchen“, unehelich geborenes, behindert zur Welt gekommenes Kind der einäugigen Kuhmagd Wrga. Die Gemeinde weiß, ein böser Geist hat das echte, das gesunde Geschöpf gegen sein krankes getauscht. Der Pfarrer weiß, was Sünde ist und wohin sie zwangsläufig führen muss. Der Knecht Lenz kommt in den Ort, er erwartet sich Glück von der Glasaugenfrau – doch bevor er sie zur seinigen macht, soll der Wechselbalg ins Wasser. Über dieser geistigen Talenge wird das Schicksal wie die biblischen Berge zusammenstürzen. Am Ende aller Zeit.

Habjan entpuppt – pardon!, aber der war schon serve-volley – sich einmal mehr als großer Bildermagier. Er taucht Mitmenschliches und Unmenschlichkeit in mystisches Licht, und strahlt die Alle-Weisheiten-der-Welt-Aufsager scharf an. Seine Schauspieler sind auch Puppenspieler. Die aus der „anderen Welt“, Zitha und ihr späteres Schwesterlein Magdalena, Pfarrer Duldiger, die Schwundbäuerin sind Figuren, beide, der Glaube und der Aberglaube, sind übergroß und übermächtig. Realität erleiden Wrga, Lenz, der Bartl-Thoman, die Weiddirn und alle zusammen als die Keuschenkinder, die mit dem Puppenkind Zitha wie mit einer Puppe spielen. In hohem Tempo erfolgt der Wechsel zwischen den Charakteren. Das ist auch eine artistische Höchstleistung und funktioniert an einem Beispiel etwa so: Gábor Biedermann hält die Klappmaulpuppe, verleiht deren Gesicht mit seiner Hand Mimik und spricht als Pfarrer, Claudia Sabitzer schlüpft unter dessen Soutane, die Hände, die Geste, die Körperhaltung des Geistlichen sind ihre.

Seyneb Saleh ist als Wrga überragend. Überraschend wie ähnlich sie mit Kopftuch und Schürze der Lavant ist, beide streitbare Schmerzensfrauen, die ihrem krankheitsbedingt mühseligen Körper mit wilder Widerspruchskraft entgegentreten. Sie, am untersten Ende der Dorfhierarchie, ist ihrer Zitha durchaus ähnlich, dickköpfig und bockbeinig im Aufstampfen: Ich bin nun einmal da in dieser Welt. Als Mutter eine Löwin, als Magd ein Arbeitstier, erschütternd in ihrer Schilderung der eigenen garstigen Kindheit. Ihr Kind soll es besser haben. Deshalb fällt sie auch dem einen zum Opfer, der ihr die Lüge des besseren Lebens vorgaukelt. Sie wechselt ihr Strohbett gegen Lenz‘ Schläge. Florian Köhler steht Salehs Darbietung in nichts nach. Würde man ihn nicht schon kennen, man müsste schreiben, ist er die Entdeckung des Abends. Als einer, der viele Fs in Lenz vereint. Faschistisch, fanatisch, Frevler an der Nächstenliebe, einer, dem bald was „fremd“ vorkommt. Köhler spielt den Aufhetzer mit den einfachen Sprüchen, seine Pose ist Herrenmenschentum, spielt einen wundergläubigen Wundertäter, dem ein Traum Geld und gesellschaftlichen Aufstieg an der Seite einer Frau mit gläsernem Kopf prophezeit hat, der Wrgas Qualen mit tausend quälenden Mittelchen zu heilen verspricht. Köhler ist ein fabelhafter Unsympath.

Seinen Gegenpol gestaltet Gábor Biedermann als gläubiger Bartl-Thoman, ein stiller Leidender, die Stimme der Liebe in diesem Stück, die nicht ge- oder erhört wird. Er übernimmt neben der Pfarrersfigur als Thoman auch die Funktion des Erzählers. Der barfüßige Naturbursch wird bei Biedermann zum Philosophen, zum Außenstehenden, der das Treiben beobachtet, aber nichts ausrichten kann. Man spürt mit ihm die Abscheu wie seine Tendenz zur Flucht vor der Welt. Claudia Sabitzer fügt sich in die Riege der erfahrenen Puppenspieler perfekt ein. Sie ist als solche die gespenstische Schwundbäuerin, ein Hexenwesen, das Kräuterweiblein, die Personifizierung der Allmacht der Natur. Sie und Thoman vertreten das Prinzip des Spirituellen gegen den institutionalisierten, verkopfen Glauben des Pfarrers. Sabitzer ist außerdem die Weiddirn, die missgünstige Nachbarin, die dem Wechselbalg sein Leben „wie Gott in Frankreich“ missgönnt.

Womit es mit Auftritt Lenz ohnedies ein Ende hat. Die glückliche kleine Zitha wird aus Angst und Qual zum bissigen Tier, heißt es im Text. Zum Verhängnis wird der Puppe allerdings eine Puppe. Habjan gestaltet eine wunderbare „Unterwasserszene“ im Bach, drei Spieler schwimmen, strudeln, sterben mit Zitha. Am Ende ist Reue. Und Vergebung. „Vielleicht ein Ausdruck ihrer Großherzigkeit“, sagt Habjan über die Lavant. Seine Inszenierung sagt, mögen wir nie wieder am offenen Grab derer stehen, denen wir die Rettung verweigert haben.

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Gábor Biedermann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16438

www.volkstheater.at

TIPP: Am Volkstheater ist auch Nikolaus Habjans Inszenierung von Camus‘ „Das Missverständnis“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15568, dazu ein Gespräch mit Seyneb Saleh: www.mottingers-meinung.at/?p=15526.

Wien, 5. 12. 2015

Lampedusa im Winter

November 2, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das Leben endet nicht, nur weil Asylwerber kommen“

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

„Hallo, wir sind auf See, unser Boot ist beschädigt. Hier sind Frauen und Kinder an Bord“, sagt eine Stimme in die Finsternis. Die Lösung wäre so einfach: Europa holt die Flüchtlinge ab, bevor sie in die seeuntüchtigen, wie nur zum Kentern gebauten Nussschalen steigen. Einfach. Menschlich. Ohne Lagermentalität, ohne bauliche Barriere, heißt: Zaun im Kopf. Mehr als 3200 Menschen kamen dieses Jahr bei ihrer gefährlichen Reise ums Leben, die meisten von ihnen Kinder. Der kleine Syrer Ailan Kurdi lag tot am Strand wie eine Puppe. Offenbar fällt es den Politikern schwer, die humanitäre Pflicht gegenüber Hilfesuchenden in Einklang zu bringen mit ihrer Wahltagspanik vor rechtspopulistischen Schreihälsen, die sich als Vox Populi an den von ihnen erfundenen „kleinen Mann“ anbiedern.

Die, die Europa erreichen, erreichen Lampedusa. Der Name längst ein Symbol, ein Synonym, eine Metapher für die Tragödie, denn wer kennt ihn schon, diesen nackten Felsen im Meer. Vom Norden, vom wohlhabenden Teil Europas aus betrachtet, scheint er wie eine Achillesferse, die Sorgen bereitet. Vom Süden aus ist er ein Tor der Hoffnung für unzählige Menschen auf der Flucht, für Verfolgte, die Rettung suchen. Man liest von Frontex und dazu die Worte suspekt und Abschottungsaktion. Man liest „mehr Flüchtlinge als Einwohner“. Bernd Liepold-Mosser hat dazu einen Theaterabend gestaltet: www.mottingers-meinung.at/?p=12669 Und noch einer hat genauer hingesehen. Der Wiener Filmemacher Jakob Brossmann. Er zeigt in seinem Film „Lampedusa im Winter“, der am 6. November in die Kinos kommt, sozusagen eine dritte Seite der Medaille, die vielen Grauschattierungen, die zwischen Schwarz und Weiß liegen, wenn Menschen zusammenleben. Brossmann hat mit großer Sensibilität beobachtet und dokumentiert, sein Blick als Regisseur ist behutsam und unaufdringlich.

„Lampedusa ist wahrscheinlich der am meisten von Migration und Flucht betroffene Ort der Welt“, sagt Brossmann im Interview. Für Tausende Flüchtlinge ist der Name ein Versprechen, für viele die Insel die Rettung, ihr erster Eindruck von Europa. Für 4500 Lampedusani aber bedeutet das ein Leben als Zeugen eines permanenten Scheitern Europas. Seit Jahren kämpfen sie mit dem Ausnahmezustand. Die winzige Insel am Rande des Kontinents ringt verzweifelt um ihre Würde – und um Verständnis für die Bootsflüchtlinge, obwohl viele sie für den Grund der andauernden Krise halten. „Ich wollte wissen, was das in einer Gemeinschaft verschiebt. Ich wollte“, so Brossmann, „diese Lebensrealität beschreiben. Ich entschied während des Winters zu arbeiten, wo die Insel in dem Zustand der ,Insularità‘ auf sich zurückgeworfen ist, wo die Touristen und die Medien verschwunden sind, und existentielle Fragen sichtbar werden. Sehr schnell stellte sich heraus, dass nicht die Flüchtlinge das Problem der Insel sind. Ich entdeckte auf Lampedusa, dass die dortige Situation nicht, wie man als europäischer Medienkonsument meinen möchte, ein Nährboden für Rassismus und Xenophobie ist. Im Gegenteil: Es findet hier eine Form von Solidarität statt – die nicht immer zum Zug kommt, aber grundsätzlich vorhanden ist. Denn die Inselbewohner sehen sich als Opfer derselben zynischen Politik wie die Flüchtlinge. Daher nimmt der Film nicht nur eine Perspektive auf Lampedusa ein, sondern zeigt vor allem eine lampedusanische Sicht der Dinge.“

Und so sieht man den friedlichen Aufstand der Fischer gegen das inkompetente Fährunternehmen, das seinen Auftrag verschlampt, die Verbindung mit dem Festland zu gewährleisten. Beobachtet das Juniorenfußballteam, das gewissenhaft trainiert, um sich auf die Saison vorzubereiten. Erhält Einblick in das Museum der Meerestragödien, eröffnet von jemandem, der mit Herzblut gefundene Habseligkeiten von Schiffsbrüchigen einsammelt, von Briefen bis zu Rettungswesten. Da ist die kämpferische Bürgermeisterin Giusi Nicolini, die sich für alle einsetzt, Einheimische wie Migranten. Einer der Kernmomente des Films ist, wie sie sich mit ausgebreiteten Armen vor 25 Flüchtlinge stellt und sich für die in Europa herrschenden Gesetze entschuldigt. Sie hat die Regeln nicht gemacht. Da ist eine Gruppe Flüchtlinge, die protestiert, weil ihr die Weiterreise nach Portugal durch Bürokratie verunmöglicht wird. Der Film gibt auch der Institution Küstenwache eine menschliche Dimension und zeigt, was die Einsätze auf dem Meer mit diesen Menschen machen und von ihnen fordern. Der Film begleitet das winterliche Leben vieler Leute, die in ihrem Dialekt, der aus der Zeit der Piraten stammt, alle Ankömmlinge einfach als „Türken“ bezeichnen. Doch dann versuchen sie, diese mit großer Wärme aufzunehmen. Die Lampedusani erleben aus nächster Nähe, wie eine kleine Gesetzesänderung plötzlich unermessliches Leid bringt und wie als „natürliche Phänomene“ Verkauftes auf politischer Ebene dazu gemacht wird. Brossmann: „Die risikoreichen Überfahrten sind ein direktes Resultat der Zäune von Ceuta und Melilla, und ähnlicher Anlagen, die man überall errichtet. Sie sind unmittelbare Auswirkungen von Gesetzestexten. Die Lampedusani haben selbst erlebt, wie ihre Insel instrumentalisiert wurde, um Bilder einer ,Invasion‘ zu erzeugen“.

„Lampedusa im Winter“ enthält abseits der Beschreibung konkreter Zustände auch eine essayistische Komponente über das Wollen im Kleinen und das Nichtkönnen(wollen?) im größeren Zusammenhang. Er ist eine Ohrfeige für Brüssel. Und den Rest einer Welt, von der nicht zuletzt unbeweglich und wenig bewegt die USA und Kanada überzeugt sind, nicht dazuzugehören und ergo mit deren Problemen nichts zu tun zu haben. Außer, in ersterem Fall, einem Konflikt kann mit Bombardements begegnet werden. Brossmann überschreitet nie die Grenze des Darstellbaren, des Fassbaren, der Pietät. Er setzt nicht auf Effekt. Wodurch er die Effekthascherei anderer durchschaubar macht. „Lampedusa im Winter“ transportiert eine klare Gegenstimme zum Diskurs, der im medialen Mainstream herrscht. Lampedusa ist klein, so klein, dass den Einwohnern das Wegschauen unmöglich gemacht ist. Sie müssen sich mit Leid und Tod und Elend auseinandersetzen, müssen selber verarbeiten, was den Flüchtlingen passiert und passiert ist, bevor sie angekommen sind. Sie erleben beinah täglich, wie sich das Glück des Geretteten in blanke Verzweiflung über das europäische Asylwesen verwandelt. Und sie leben trotzdem weiter. „Eines der Dinge, die einem Lampedusa geben kann, ist Zuversicht“, sagt Brossmann. „Die Botschaft für uns ist: Das Leben endet nicht, weil 70.000 Asylwerber nach Österreich kommen. Ich frage mich seit diesen Dreharbeiten immer wieder, wie diese Annahme überhaupt aufkommen kann“. Bleibt zu wünschen, dass dieser Film und seine Botschaft nicht nur einen eingeschworenen Kreis an Dokumentarfilm-Connaisseuren erreicht, sondern ein möglichst großes Publikum.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=drXnFXhjYSo

lampedusaimwinter.derfilm.at

Wien, 2. 11. 2015

Volkstheater: Das Missverständnis

Oktober 24, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Psychothriller mit Puppen

Seyneb Saleh, Nikolaus Habjan Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seyneb Saleh, Nikolaus Habjan, der tote Jan
Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Es beginnt à la Alfred Hitchcock. Das alte Haus auf dem Hügel. Nebelschwaden untermalen dramatisch Smetanas „Moldau“. Und eine Stimme aus dem Off sagt: „Mutter … du bist seltsam.“ Nikolaus Habjan zeigt am Volkstheater seine Inszenierung von Albert Camus‘ „Das Missverständnis“, eine Übernahme aus dem Schauspielhaus Graz und als solche für den Nestroy-Preis 2015 in der Kategorie „Beste Bundesländer-Aufführung“ nominiert. Habjans Arbeit ist ein Puppen-, Masken- und Schauspiel. Selbst die Puppen tragen noch Masken, wie jeder Protagonist verbergen auch sie hier ihre wahren Absichten. Der zurückkehrende Sohn Jan gibt sich als Fremder aus, verbirgt sein tatsächliches Ich, die Mutter und Schwester Martha, dass sie längst des Fremden Tod beschlossen haben. Sie sind in Jans Abwesenheit zu Mörderinnen geworden. Die Erkenntnis kommt. Zu spät. Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.

Camus schrieb „Das Missverständnis“ zum Ende des Zweiten Weltkriegs im besetzten Paris. Viel von diesem Glück ist, wo Resignation ist, und wo Gott wohnt, hat er mutmaßlich selber schon vergessen, liegt in seinem Text. Er ist beim Wiederlesen, heißt: Wiederhören, erstaunlich tagesaktuell, wenn über Europa, das Land ohne freudige Gesichter berichtet wird, wenn Menschen vergehen vor Heim- und Fernweh nach einem, nach ihrem Land am Meer, wo Sonne und Sand brennen. Das mare nostrum wird gerade zum Massengrab. Und Europa schaut mit gekonnt geübter Betroffenheitsmiene zu. Der erste afrikanische Literaturnobelpreisträger wandte sich bei seiner 1957er Rede in Stockholm nicht nur gegen Repression, sondern auch gegen den Terror, damals den des FLN. „Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber bevor ich die Gerechtigkeit verteidige, werde ich meine Mutter verteidigen“, sagte der gebürtige Algerier Camus. Auch das deklinieren seine einander Missverstehenden durch. Wenn zum Schluss Charles Trenets „La Mer“ erklingt, wird die Sehnsuchtsklangdopplung klar: das Meer und la mère, die Mutter.

Ohne die Puppen wäre Camus‘ absurder Politpathos, seine Verfremdungssprache, die Vertrautheit zur bewussten Illusion macht, schwieriger auszuhalten. Hier wird nicht miteinander verhandelt, sondern sich gegeneinander verhalten. Dies und die handhaberisch existenzielle Entschleunigung stehen für eine Kommunikationsunfähigkeit, aber nicht für das Entsagen der Emotionen. Sie beuteln einen, diese Puppen. Wenn sie von der Einsamkeit des Verbrechens, selbst wenn von Tausenden gemeinsam begangen, sprechen.

Habjan erzählt detailverliebt in großen Bildern. Die graue Welt kippt, die böhmische Herberge oben, ganz strange motel, deren Rezeption unten, sind in Schieflage im Bühnenbild von Jakob Brossmann; durch diese Räume ging das Leben ohne jemals verweilt zu haben. In diesem Klima der Grabeskälte agieren die Figuren aus Meursaults Zeitungslektüre. Ihr Tonfall: Ausweglosigkeit. Habjan stellt eine Verbindung zwischen dem Hinrichtungskandidaten in seiner Zelle, Camus entlieh den Inhalt des „Missverständnis'“ einer Episode seines Romans „Der Fremde“, und den zum Hinscheiden Verurteilten des Dramas her. Wie’s ausgehen wird, daraus macht das Stück von Anfang an kein Geheimnis, und trotzdem gelingt es dem Regisseur der handlungsarmen Handlung etwas Verrätseltes zu geben. „Das Missverständnis“, so berühmt philosophisch wie psychologisch bedeutsam, gerät ihm schlicht spannend. Habjan, ein Meister des Suspense. Der Abend ist atmosphärisch dicht, beklemmend, von großer Intensität wie Intimität. Ein Kammerspiel, das seinen grausigen Sinn für Humor über das Publikum ergießt. Ein Psychothriller mit Puppen.

Florian Köhler spielt und spielt mit seinem Puppenzwilling den Jan. Vergrübelt und in sich gekehrt sind sie beide; ihr Jan kann vor lauter Lauterkeit nicht aus seiner Haut, oder seinem Stoff. „Darf ich auf mein Zimmer gehen?“, fragt dieser nicht als Sohn erkannte Gast die Mutter. Er sagt den Satz wie das gewesene Kind es getan hätte: „Darf ich auf mein Zimmer gehen?“ Der Puppen/Mensch will gerettet werden und tut doch alles, damit das unmöglich ist, wenn das Menschliche die Bestie wird. Fehlenden Hang zum Humanismus stellt denn auch seine Schwester als ihre schwache Seite aus. Sie beruft sich auf ihre Humanität beim Töten, weil weniger gewaltsam als die Natur. Nikolaus Habjan zeigt die klappmäulige Martha verbittert, zerrissen, genervt, mit androgyner Stimme und bestrumpften Beinen. In ihr schildert sich die fundamentale Sinnlosigkeit der Existenz am erschreckendsten, denn welchen Sinn macht es, ohne sinnvolle Alternative von der Sinnlosigkeit befreit zu werden: Martha wird das Meer nicht sehen, sondern sich den Strick drehen. Beide, der geliebte, abwesend geglaubte Sohn, und die ungeliebte, aber anwesende Tochter, kranken an ihrer Schöpferin. Seyneb Saleh gestaltet Jans Frau Maria als Schauspielerin, angstvoll-aggressiv, mit Katalysatorwirkung, und Jans Mutter als Puppenspielerin. Scheinbar mühelos gelingt ihr der Wechsel zwischen junger und alter Frau in Stimme wie Haltung. Als Maria durchkreuzt ihre ausbruchsstarke Spielweise die metaphysische Stimmung der Inszenierung. Ein Ruf nach Barmherzigkeit, ein Flehen um restmenschliche Wärme. Eine eindrückliche Leistung.

Die Puppen sind Bühnenpartner mit denen die Darsteller ins Zwiegespräch gehen. Die Mutter, als sie von instinktbefohlenen Skrupel befallen in einen Fauteuil sinkt, Jan, changierend zwischen Enttäuschung und Entsetzen, als er sich knapp vor Schierlingstrank den Verdruss über die Verwandtschaft eingestehen muss. Die Puppe denkt, der Mensch gibt ihr eine innere Stimme, das ist eine Qualität, die es nur so geben kann. Und apropos, Stimme wie Haltung: Es ist, man kann es leider nicht weniger peinlich sagen, entzückend!, wie Habjan seine Puppe beobachtet, wie ehrlich erstaunt er ist, ob der furchtbaren Dinge, die sie formuliert, wie er mit seiner Mimik ihre Gesten kommentiert.

Am Ende des erlösungsgedanklich erbarmenbefreiten Teufelskreises zieht Köhler die Hand aus seinem Jan, die Puppe stirbt, der Mensch nun Geist sagt noch: „Ich bin’s“ – und ab. Die Entsorgung der Puppe durch die Mitpuppen im Fluss ist grauenhaft grotesk. Schmerzhaft. Den greisen Knecht, letztlich letzter Überlebender, gestalten mit fahlgesichtiger Maske alle drei Spieler abwechselnd, weil ER in allen ist. Als die verzweifelte Maria sich auf den Fußboden wirft und „Gott erbarme Dich meiner!“ schreit, spricht dieser unbeteiligte, unbeeindruckte Allvater-Hausdiener sein erstes Wort, das abschließende Wort des Stücks: „Nein!“. Der Schmerz reicht nicht an das Unrecht heran, das Menschen angetan wird. Die Großartigkeit der Darbietung von Saleh, Köhler und Habjan tröstet einen fulminanten Abend lang über diese Erkenntnis hinweg. Und das Wissen, dass der verschämte, verhärmte Katholik Camus Gott nicht für tot, sondern nur für alt, behäbig und schwerhörig hält. Bravo!

Seyneb Saleh im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15526

Nikolaus Habjan in „Fasching“: www.mottingers-meinung.at/?p=14584    nikolaushabjan.com

www.volkstheater.at

Wien, 24. 10. 2015