Kammeroper: Faust

Oktober 12, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klappmaul-Mephisto als strahlender Opernstar

Erste Annäherung ans „schöne Fräulein“: Quentin Desgeorges als Faust, Jenna Siladie als Marguerite und Dumitru Mădărășan als Méphistophélès. Bild: Herwig Prammer

Kalte Schauer beim Drame lyrique. An der Kammeroper hat Nikolaus Habjan Charles Gounods „Faust“ inszeniert, und da in Rezensionen der Arbeiten des preisgekrönten Regisseurs so gern formuliert wird, er ließe die Puppen tanzen, voilà: In der finalen Walpurgisnacht bittet Habjan vier greise Säuglingsfigürchen zum bizarren Ballett auf dem Hochseil, hässliche Homunkuli als sozusagen Vorahnungen des Kommenden, und ihr Erscheinen einer der optischen Höhepunkte dieses fantastisch opulenten Opernabends.

Der einen alles überstrahlenden Star hat, in Form des menschengroßen Klappmaul-Méphistophélès, in Szene gesetzt von Puppenspielerin Manuela Linshalm und Bassist Dumitru Mădăraşăn, der dem Fürsten der Finsternis dank jener seltenen „Schwärze“ im Timbre eine elegante, subtile Gefährlichkeit verleiht. Mit jedem kurzen Kopfschütteln, dass ob der Torheit von Gottes Kreaturen stets zwischen Sarkasmus und Fassungslosigkeit changiert, beweist diese Puppe, und man darf das so sagen, denn Habjans Kreationen sind Subjekt, nie Objekt, ein so enormes schauspielerisches Können, wie man sich’s von manchem Fleisch-und-Blut-Teufel erhoffte.

Dieser rotgewandete Dämon mit verschlagen glitzernden Feueraugen, verächtlich verzogenem Mund und gräulichen Krallenhänden ist der Spielmacher, einer, der auch fürs Komödiantische sorgt, wie sich nicht zuletzt auf der Kirmes erweist, wo er das Volk zur „Ronde du veau d’or“ wie Marionetten tanzen lässt. Dieses dargestellt vom aus Mariana Garci Crespo, Ena Topcibasic, Anne Alt, Barbara Egger, Vladimir Cabak, George Kounoupias, Alexander Aigner und Klemen Adamlje bestehenden Vokalensemble, das mit seiner erstklassigen stimmlichen Leistung und einer überbordenden Spiellust eine der Erfreulichkeiten dieser Aufführung ist.

Gleichbleibend brillant ist es, ob der Achter-Chor nun die aus der Schlacht heimkehrenden Soldaten gegenläufig zur Musik nicht als Sieger, sondern als Kriegsversehrte markiert, oder später im Dom droht Marguerite in Stück zu reißen. Mit dem Chor wurde auch die Orchesterbesetzung verkleinert, Leonard Eröds stimmungsvolle Fassung wird vom Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Giancarlo Rizzi aufs Feinste umgesetzt. Das Bühnenbild von Jakob Brossmann und Denise Henschl wechselt von Marguerite unschuldsweißer Stube über wie in Blut getränkte Kirchenrundbögen zur düsteren Kerkerzelle.

Vom Glanz verblendet, legt Marguerite den Schmuck des Méphistophélès an: Jenna Siladie und Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Herwig Prammer

Auf der Kirmes: Benjamin Chamandy als Wagner, Kristján Jóhannesson als Valentin und Klemen Adamlje und Alexander Aigner vom Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Die Frömmler vergreifen sich an Marguerite: das Vokalensemble gehört zu den Erfreulichkeiten der Aufführung. Bild: Herwig Prammer

Méphistophélès zerstört Marguerites letzte Hoffnung auf Gottes Gnade: Jenna Siladie, Dumitru Mădărășan und Manuela Linshalm; hinten: das Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Und, apropos Blut: Die blutjungen Solistinnen und Solisten sind allesamt ausgezeichnet. Dass Quentin Desgeorges über einen kraftvollen, metallischen Tenor mit Gestaltungsvermögen für lyrische wie dramatische Momente verfügt, hat er am Haus bereits demonstriert, als Faust ist er zwischen Puppensex (den es tatsächlich gibt!), Schuld und Sühne, auch darstellerisch sehr präsent. Man weiß schier nicht, denn ähnlich sehen sich die beiden jedenfalls, ob der etwa einen Meter große Klappmaul- oder der Menschen-Faust verzweifelter dreinschauen. Dies Doppeln ist Habjans Art von Humor. Den übrigen Figuren hat er übrigens ebenfalls Kleinformat verordnet, einzig Marthe Schwertlein ist nur ein Schädel, ein unsympathisches Gesicht mit geil hervorquellenden Glubschaugen, ein Kopf, als wäre er gerade von der Guillotine gefallen.

Auch Marguerite wird auf dem Weg zum Schafott nur noch ein totenblasses Antlitz sein. Jenna Siladie ist für die Marguerite verantwortlich, und vermittelt mit ihrem weich fließenden Sopran von jungfräulicher Keuschheit übers glutvolle Es-endlich-erleben-Wollen bis zur reuigen Sünderin, die mit Stärke und Abscheu den Satan zurückweist, ganz großartig ein Gros an Gefühlen. Marguerite-Siladie trägt ihr Marguerite-Klappmaul in zweifachem Sinn wie eine Puppe, achtlos, ja sie fast über den Boden schleifend, als sie Siébels Blumen mit einem Pfft! wegwirft, kaum, dass sie das beelzebub’sche Schmuckkästchen entdeckt, dann wieder wird sie deren leidendem Zug um Augenbrauen und Mund gerecht, und drückt ihre Rollenpartnerin sanft ans Herz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Intensität Habjans von Produktion zu Produktion neu Auszubildende im Zusammenspiel mit der Puppe finden, als käme zur handwerklichen Virtuosität unversehens eine Seelenverwandtschaft, sobald Person und Pappmaché ins Zweigespräch treten. Hochpoetische, hochemotionale, hochdramatische Szenen kann Habjan so entstehen lassen: Von zärtlichen Küssen bis zu stürmischer Leidenschaft, von einem Umtänzeln bis zu dem Punkt, da die Puppe der Puppe unter den Rock greift. Wenn Puppen-Faust und -Marguerite sich an der Schaukel unterm Baum schon liebkosen, während ihre menschlichen Pendants mit dem Einander-in-die-Arme-Fallen noch ringen. Wenn die Degen von Puppen-Faust und -Valentin in Wahrheit von luziferischen Lakaien-Menschen geführt werden.

„Gerichtet!“ – „Gerettet!“ Dumitru Mădărășan als Méphistophélès, Jenna Siladie als Marguerite, Kristján Jóhannesson als Valentin und Quentin Desgeorges als Faust. Bild: Herwig Prammer

Schließlich die superbe Sequenz im Dom, wo Klappmaul-Méphistophélès Mădăraşăn-Priester erst von sich besessen macht, bevor er ihm seine Wünsche zu Puppen-Marguerites Vernichtung ins Ohr haucht, wobei deren anschließendes Ans-Leuchtkreuz-Schlagen im Publikum ein hörbares Atemgeräusch verursachte. Spaßig hingegen, wie Méphistophélès dann das Orchester zur Eile antreibt, damit’s schnell ein Ende nimmt mit der Kirchenmusik.

Mit Witz stattet auch Juliette Mars ihre Marthe Schwertlein aus. Den Puppenkopf vors eigene Gesicht haltend, jagt die Liebestolle den Teufel auf Teufel komm raus, bis dem sonst so schlitzohrigen Scheusal die Luft ausgeht. Ghazal Kazemi befördert die oftmalige Wurzen Siébel mit seufzend schmachtenden Jünglingstönen zum mutigen Kämpfer für das Gute. Benjamin Chamandy stimmt als Wagner ein fröhliches Trinklied an – und ist ansonsten ein kollegialer Mitbeweger von diversen Puppenteilen. Ein Souverän bei den Männern ist Kristján Jóhannesson als edel-starker Valentin, besonders stimmgewaltig bei der Verfluchung Marguerites, doch mit lang gehaltenen Legatobögen bereits beeindruckend beim Gebet „Avant de quitter ces lieux“ vor seinem Aufbruch in den Krieg.

Jóhannessons Valentin ist auch die Mitwirkung an der Kerker-Szene gegönnt, in der er der Schwester als stummer Mahner zur Seite steht. Zum schönen Schluss fällt hinter dieser ein goldener „Eisener“. Besser kann man ein höllisches „Ist gerichtet!“ versus des himmlischen „Nein, gerettet!“ kaum andeuten. Das Zuschauerergebnis: Auch am fünften Spieltag viel Jubel für alle Beteiligten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbyrkBBe2Ts           www.theater-wien.at           www.nikolaushabjan.com

  1. 10. 2019

Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

www.burgtheater.at

30. 11. 2018

Nikolaus Habjan inszeniert „Faust“

Februar 4, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiel mit Puppen im Grazer Next Liberty

"Faust" Klaus Huhle mit Mephisto-Puppe Bild: Lupi Spuma

Bei den Proben: „Faust“ Klaus Huhle mit seinem Mephistopheles
Bild: Lupi Spuma

Nikolaus Habjan inszeniert Goethes Welttragödie. Mit Charakterdarsteller Klaus Huhle als Faust, Puppenspielerin Manuela Linshalm als Mephistopheles und dem Ensemble des Grazer Next Liberty. Premiere ist am 12. Februar. Für die Bühne ist Jakob Brossmann verantwortlich, der zuletzt für seinen Dokumentarfilm „Lampedusa im Winter“ mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde (Interview und Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764).

www.nextliberty.com

nikolaushabjan.com

Wien, 4. 2. 2016

Volkstheater: Das Wechselbälgchen

Dezember 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bitternis in bezaubernden Bildern

Seyneb Saleh Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh mit Puppe Zitha
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Figuren, die langsam, mit Bewegungen, die sich ihre Geschmeidigkeit erst ertasten, zum Leben erwachen, werden gleich selber Figuren bewegen. In Schaukästen stehen sie, steigen aus ihnen, aus dem schwach Beleuchteten ins Halbdunkel; Gebirge ist im Hintergrund gemalt, davor ein Bergdorf, eine Kirche und ein Bauernhof als Modell. Ein Heimatmuseum. Der Ursprung als Quelle der Bitternis. Und diese Bitternis in bezaubernden Bildern. Die Dioramen sind von Jakob Brossmann; und in und vor ihnen hat Nikolaus Habjan „Das Wechselbälgchen“ von Christine Lavant inszeniert, eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken, uraufgeführt im Volx/Margareten.

Nichts an diesem Heimatmuseum ist museal. Habjan entdeckte die Lavant für sich, als er sich mit der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel beschäftigte. Für seinen Abend „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. Das Spiegelgrundkind, der Überlebende des NS-Kinder-Euthanasie-Programms. Habjans Plädoyer ist, dass das Ewiggestrige keine immer währende Wahrheit bleiben darf. Er zeigt, welch frohen Herzens der Mensch sein kann, wären da nicht Instanzen, die vorgeben, was gut und böse, richtig und falsch, gesund und ungesund, wert und „unwertes Leben“ zu sein hat. Die Kärntner Autorin Maja Haderlap hat die archaisch anmutende Erzählung dramatisiert, sie trifft dabei den Lavant-Ton, dessen poetische Wortegewalt, die lavanttalerisch durchsetzte Kunst-Sprache ihrer Landverwandten. Wo das Sentiment überfließen, wo das Schmalz rinnen könnte, ist Sprödheit. Hartleibige Leute verständigen sich in kargen Dialogen. Die Herzen so kalt wie der Bach, der schon zum Ertrinken ruft, die Seelen so karstig wie die Landschaft.

Das Konzept kalt wird von Habjans Hauptdarstellerin gleichsam konterkariert. Zitha, die Puppe, agiert, als ob es, nein: weil es um ihre Existenz geht. Es ist bei Habjan kein kindlicher Irrtum, das Objekt zu subjektivieren. Seine Figuren, diesmal gemeinsam mit Denise Heschl gebaut, spielen nicht, brauchen auch keine darstellerische Behauptung aufzubauen. Sie sind. Dieses besondere, hässliche, halbglatzige Kind hat eine Wahrhaftigkeit, die weh tut, die zu Tränen rührt. Es ist in Wahrheit nicht zum Aushalten, diese Rüge muss sich der Regisseur gefallen lassen, man möchte einmal aus seinen Abenden gehen, ohne, dass einem Wimperntusche auf der Wange klebt. Am Schluss, vor tosendem Applaus und den Bravorufen war in der Stille der ersten Schockstarre rundum deutlich Schniefen und Schneuzen zu hören.

Zitha hat sich die Lebenslust aus ihrem „unwerten Leben“ gestohlen, wie sie da sitzt und verstohlen kichert … „Ibillimutter“, sagt sie im Vater-Mutter-Kinderspiel, „Ich bin die Mutter“ ist ihre so zärtliche wie trotzige Selbstbeachtung. Das gesamte Ensemble leiht diesem kleinen Wesen, Lavants Menschlein, das keine Ahnung vom Tod hat, der aber doch kommen muss, Hand und Stimme. Zitha ist „Das Wechselbälgchen“, unehelich geborenes, behindert zur Welt gekommenes Kind der einäugigen Kuhmagd Wrga. Die Gemeinde weiß, ein böser Geist hat das echte, das gesunde Geschöpf gegen sein krankes getauscht. Der Pfarrer weiß, was Sünde ist und wohin sie zwangsläufig führen muss. Der Knecht Lenz kommt in den Ort, er erwartet sich Glück von der Glasaugenfrau – doch bevor er sie zur seinigen macht, soll der Wechselbalg ins Wasser. Über dieser geistigen Talenge wird das Schicksal wie die biblischen Berge zusammenstürzen. Am Ende aller Zeit.

Habjan entpuppt – pardon!, aber der war schon serve-volley – sich einmal mehr als großer Bildermagier. Er taucht Mitmenschliches und Unmenschlichkeit in mystisches Licht, und strahlt die Alle-Weisheiten-der-Welt-Aufsager scharf an. Seine Schauspieler sind auch Puppenspieler. Die aus der „anderen Welt“, Zitha und ihr späteres Schwesterlein Magdalena, Pfarrer Duldiger, die Schwundbäuerin sind Figuren, beide, der Glaube und der Aberglaube, sind übergroß und übermächtig. Realität erleiden Wrga, Lenz, der Bartl-Thoman, die Weiddirn und alle zusammen als die Keuschenkinder, die mit dem Puppenkind Zitha wie mit einer Puppe spielen. In hohem Tempo erfolgt der Wechsel zwischen den Charakteren. Das ist auch eine artistische Höchstleistung und funktioniert an einem Beispiel etwa so: Gábor Biedermann hält die Klappmaulpuppe, verleiht deren Gesicht mit seiner Hand Mimik und spricht als Pfarrer, Claudia Sabitzer schlüpft unter dessen Soutane, die Hände, die Geste, die Körperhaltung des Geistlichen sind ihre.

Seyneb Saleh ist als Wrga überragend. Überraschend wie ähnlich sie mit Kopftuch und Schürze der Lavant ist, beide streitbare Schmerzensfrauen, die ihrem krankheitsbedingt mühseligen Körper mit wilder Widerspruchskraft entgegentreten. Sie, am untersten Ende der Dorfhierarchie, ist ihrer Zitha durchaus ähnlich, dickköpfig und bockbeinig im Aufstampfen: Ich bin nun einmal da in dieser Welt. Als Mutter eine Löwin, als Magd ein Arbeitstier, erschütternd in ihrer Schilderung der eigenen garstigen Kindheit. Ihr Kind soll es besser haben. Deshalb fällt sie auch dem einen zum Opfer, der ihr die Lüge des besseren Lebens vorgaukelt. Sie wechselt ihr Strohbett gegen Lenz‘ Schläge. Florian Köhler steht Salehs Darbietung in nichts nach. Würde man ihn nicht schon kennen, man müsste schreiben, ist er die Entdeckung des Abends. Als einer, der viele Fs in Lenz vereint. Faschistisch, fanatisch, Frevler an der Nächstenliebe, einer, dem bald was „fremd“ vorkommt. Köhler spielt den Aufhetzer mit den einfachen Sprüchen, seine Pose ist Herrenmenschentum, spielt einen wundergläubigen Wundertäter, dem ein Traum Geld und gesellschaftlichen Aufstieg an der Seite einer Frau mit gläsernem Kopf prophezeit hat, der Wrgas Qualen mit tausend quälenden Mittelchen zu heilen verspricht. Köhler ist ein fabelhafter Unsympath.

Seinen Gegenpol gestaltet Gábor Biedermann als gläubiger Bartl-Thoman, ein stiller Leidender, die Stimme der Liebe in diesem Stück, die nicht ge- oder erhört wird. Er übernimmt neben der Pfarrersfigur als Thoman auch die Funktion des Erzählers. Der barfüßige Naturbursch wird bei Biedermann zum Philosophen, zum Außenstehenden, der das Treiben beobachtet, aber nichts ausrichten kann. Man spürt mit ihm die Abscheu wie seine Tendenz zur Flucht vor der Welt. Claudia Sabitzer fügt sich in die Riege der erfahrenen Puppenspieler perfekt ein. Sie ist als solche die gespenstische Schwundbäuerin, ein Hexenwesen, das Kräuterweiblein, die Personifizierung der Allmacht der Natur. Sie und Thoman vertreten das Prinzip des Spirituellen gegen den institutionalisierten, verkopfen Glauben des Pfarrers. Sabitzer ist außerdem die Weiddirn, die missgünstige Nachbarin, die dem Wechselbalg sein Leben „wie Gott in Frankreich“ missgönnt.

Womit es mit Auftritt Lenz ohnedies ein Ende hat. Die glückliche kleine Zitha wird aus Angst und Qual zum bissigen Tier, heißt es im Text. Zum Verhängnis wird der Puppe allerdings eine Puppe. Habjan gestaltet eine wunderbare „Unterwasserszene“ im Bach, drei Spieler schwimmen, strudeln, sterben mit Zitha. Am Ende ist Reue. Und Vergebung. „Vielleicht ein Ausdruck ihrer Großherzigkeit“, sagt Habjan über die Lavant. Seine Inszenierung sagt, mögen wir nie wieder am offenen Grab derer stehen, denen wir die Rettung verweigert haben.

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Gábor Biedermann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16438

www.volkstheater.at

TIPP: Am Volkstheater ist auch Nikolaus Habjans Inszenierung von Camus‘ „Das Missverständnis“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15568, dazu ein Gespräch mit Seyneb Saleh: www.mottingers-meinung.at/?p=15526.

Wien, 5. 12. 2015

Lampedusa im Winter

November 2, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das Leben endet nicht, nur weil Asylwerber kommen“

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

„Hallo, wir sind auf See, unser Boot ist beschädigt. Hier sind Frauen und Kinder an Bord“, sagt eine Stimme in die Finsternis. Die Lösung wäre so einfach: Europa holt die Flüchtlinge ab, bevor sie in die seeuntüchtigen, wie nur zum Kentern gebauten Nussschalen steigen. Einfach. Menschlich. Ohne Lagermentalität, ohne bauliche Barriere, heißt: Zaun im Kopf. Mehr als 3200 Menschen kamen dieses Jahr bei ihrer gefährlichen Reise ums Leben, die meisten von ihnen Kinder. Der kleine Syrer Ailan Kurdi lag tot am Strand wie eine Puppe. Offenbar fällt es den Politikern schwer, die humanitäre Pflicht gegenüber Hilfesuchenden in Einklang zu bringen mit ihrer Wahltagspanik vor rechtspopulistischen Schreihälsen, die sich als Vox Populi an den von ihnen erfundenen „kleinen Mann“ anbiedern.

Die, die Europa erreichen, erreichen Lampedusa. Der Name längst ein Symbol, ein Synonym, eine Metapher für die Tragödie, denn wer kennt ihn schon, diesen nackten Felsen im Meer. Vom Norden, vom wohlhabenden Teil Europas aus betrachtet, scheint er wie eine Achillesferse, die Sorgen bereitet. Vom Süden aus ist er ein Tor der Hoffnung für unzählige Menschen auf der Flucht, für Verfolgte, die Rettung suchen. Man liest von Frontex und dazu die Worte suspekt und Abschottungsaktion. Man liest „mehr Flüchtlinge als Einwohner“. Bernd Liepold-Mosser hat dazu einen Theaterabend gestaltet: www.mottingers-meinung.at/?p=12669 Und noch einer hat genauer hingesehen. Der Wiener Filmemacher Jakob Brossmann. Er zeigt in seinem Film „Lampedusa im Winter“, der am 6. November in die Kinos kommt, sozusagen eine dritte Seite der Medaille, die vielen Grauschattierungen, die zwischen Schwarz und Weiß liegen, wenn Menschen zusammenleben. Brossmann hat mit großer Sensibilität beobachtet und dokumentiert, sein Blick als Regisseur ist behutsam und unaufdringlich.

„Lampedusa ist wahrscheinlich der am meisten von Migration und Flucht betroffene Ort der Welt“, sagt Brossmann im Interview. Für Tausende Flüchtlinge ist der Name ein Versprechen, für viele die Insel die Rettung, ihr erster Eindruck von Europa. Für 4500 Lampedusani aber bedeutet das ein Leben als Zeugen eines permanenten Scheitern Europas. Seit Jahren kämpfen sie mit dem Ausnahmezustand. Die winzige Insel am Rande des Kontinents ringt verzweifelt um ihre Würde – und um Verständnis für die Bootsflüchtlinge, obwohl viele sie für den Grund der andauernden Krise halten. „Ich wollte wissen, was das in einer Gemeinschaft verschiebt. Ich wollte“, so Brossmann, „diese Lebensrealität beschreiben. Ich entschied während des Winters zu arbeiten, wo die Insel in dem Zustand der ,Insularità‘ auf sich zurückgeworfen ist, wo die Touristen und die Medien verschwunden sind, und existentielle Fragen sichtbar werden. Sehr schnell stellte sich heraus, dass nicht die Flüchtlinge das Problem der Insel sind. Ich entdeckte auf Lampedusa, dass die dortige Situation nicht, wie man als europäischer Medienkonsument meinen möchte, ein Nährboden für Rassismus und Xenophobie ist. Im Gegenteil: Es findet hier eine Form von Solidarität statt – die nicht immer zum Zug kommt, aber grundsätzlich vorhanden ist. Denn die Inselbewohner sehen sich als Opfer derselben zynischen Politik wie die Flüchtlinge. Daher nimmt der Film nicht nur eine Perspektive auf Lampedusa ein, sondern zeigt vor allem eine lampedusanische Sicht der Dinge.“

Und so sieht man den friedlichen Aufstand der Fischer gegen das inkompetente Fährunternehmen, das seinen Auftrag verschlampt, die Verbindung mit dem Festland zu gewährleisten. Beobachtet das Juniorenfußballteam, das gewissenhaft trainiert, um sich auf die Saison vorzubereiten. Erhält Einblick in das Museum der Meerestragödien, eröffnet von jemandem, der mit Herzblut gefundene Habseligkeiten von Schiffsbrüchigen einsammelt, von Briefen bis zu Rettungswesten. Da ist die kämpferische Bürgermeisterin Giusi Nicolini, die sich für alle einsetzt, Einheimische wie Migranten. Einer der Kernmomente des Films ist, wie sie sich mit ausgebreiteten Armen vor 25 Flüchtlinge stellt und sich für die in Europa herrschenden Gesetze entschuldigt. Sie hat die Regeln nicht gemacht. Da ist eine Gruppe Flüchtlinge, die protestiert, weil ihr die Weiterreise nach Portugal durch Bürokratie verunmöglicht wird. Der Film gibt auch der Institution Küstenwache eine menschliche Dimension und zeigt, was die Einsätze auf dem Meer mit diesen Menschen machen und von ihnen fordern. Der Film begleitet das winterliche Leben vieler Leute, die in ihrem Dialekt, der aus der Zeit der Piraten stammt, alle Ankömmlinge einfach als „Türken“ bezeichnen. Doch dann versuchen sie, diese mit großer Wärme aufzunehmen. Die Lampedusani erleben aus nächster Nähe, wie eine kleine Gesetzesänderung plötzlich unermessliches Leid bringt und wie als „natürliche Phänomene“ Verkauftes auf politischer Ebene dazu gemacht wird. Brossmann: „Die risikoreichen Überfahrten sind ein direktes Resultat der Zäune von Ceuta und Melilla, und ähnlicher Anlagen, die man überall errichtet. Sie sind unmittelbare Auswirkungen von Gesetzestexten. Die Lampedusani haben selbst erlebt, wie ihre Insel instrumentalisiert wurde, um Bilder einer ,Invasion‘ zu erzeugen“.

„Lampedusa im Winter“ enthält abseits der Beschreibung konkreter Zustände auch eine essayistische Komponente über das Wollen im Kleinen und das Nichtkönnen(wollen?) im größeren Zusammenhang. Er ist eine Ohrfeige für Brüssel. Und den Rest einer Welt, von der nicht zuletzt unbeweglich und wenig bewegt die USA und Kanada überzeugt sind, nicht dazuzugehören und ergo mit deren Problemen nichts zu tun zu haben. Außer, in ersterem Fall, einem Konflikt kann mit Bombardements begegnet werden. Brossmann überschreitet nie die Grenze des Darstellbaren, des Fassbaren, der Pietät. Er setzt nicht auf Effekt. Wodurch er die Effekthascherei anderer durchschaubar macht. „Lampedusa im Winter“ transportiert eine klare Gegenstimme zum Diskurs, der im medialen Mainstream herrscht. Lampedusa ist klein, so klein, dass den Einwohnern das Wegschauen unmöglich gemacht ist. Sie müssen sich mit Leid und Tod und Elend auseinandersetzen, müssen selber verarbeiten, was den Flüchtlingen passiert und passiert ist, bevor sie angekommen sind. Sie erleben beinah täglich, wie sich das Glück des Geretteten in blanke Verzweiflung über das europäische Asylwesen verwandelt. Und sie leben trotzdem weiter. „Eines der Dinge, die einem Lampedusa geben kann, ist Zuversicht“, sagt Brossmann. „Die Botschaft für uns ist: Das Leben endet nicht, weil 70.000 Asylwerber nach Österreich kommen. Ich frage mich seit diesen Dreharbeiten immer wieder, wie diese Annahme überhaupt aufkommen kann“. Bleibt zu wünschen, dass dieser Film und seine Botschaft nicht nur einen eingeschworenen Kreis an Dokumentarfilm-Connaisseuren erreicht, sondern ein möglichst großes Publikum.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=drXnFXhjYSo

lampedusaimwinter.derfilm.at

Wien, 2. 11. 2015