Volkstheater: Brooklyn Memoiren

Mai 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die verfallsdatumsfrei konsumierbare Flüchtlingsstory

Anja Herden, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bruderzwist im Hause Jerome, doch die Hausherrin spricht ein Machtwort. Anja Herden als Kate mit ihren „Söhnen“ Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nun ist die letzte Premiere im Haupthaus des Volkstheaters also doch noch ein Stück über Flüchtling- und Fremdsein geworden. Freilich gut verpackt in eine verfallsdatumsfrei konsumierbare Familiengeschichte, doch das tut der Freude über den Abend keinen Abbruch. Statt der wegen der aufgeheizten Anti-Flüchtlingsstimmung abgesagten satirischen Dystopie „Homohalal“ von Ibrahim Amir inszenierte Sarantos Zervoulakos Neil Simons „Brooklyn Memoiren“.

Was dem Haus eine der besten Produktionen der laufenden Saison bescherte. Denn Zervoulakos ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Der in Griechenland geborene Regisseur taggte sein Statement zur Zeit einfach auf die Nostalgietapete. Auch bei Simon geht’s um Asyl und ein Leben in Warteposition, um erfüllte und enttäuschte Erwartungen im jeweiligen land of the free, und um Solidarität, ohne die kein Menschsein sein wird, sagt er. Im Fernsehen laufen „The Bold and The Beautiful“ und später „Dynasty“. Das ist der way of life, von dem viele träumen, „America’s oder Austrias next Topmodel“ wird ihnen verkauft als der Weg dorthin. Doch dies oder ein Handy zum Begaffen von Pin-up-Fotos sind nicht die schönsten augenzwinkernden Anachronismen, die sich Zervoulakos leistet.

Eugene, Neil Simons Alter Ego, der Sohn mit dem Schriftstellergen, füllt nämlich keine Hefte mehr mit seinen Notizen. Er filmt den tagtäglichen Familienwahnsinn mit der Handycam, und im Insert als Datum 1938, und im Fernsehen zu sehen nun Schwarzweiß-Bilder von Menschen, die vor einer ideologieirren Mörderbande davonlaufen. Wie sich die Bilder gleichen. Wie schnell ein Gestern zum Heute wird. Das sicherlich sollte man niemals vergessen.

So sitzen sie also in ihrem Container(wohn)heim, die Jeromes, es ist beengt und laut und keine Chance auf Privatsphäre, die gibt es nur hinter dem Duschvorhang. Ihr Leben haben sie mit Ramschladenschnäppchen und aus der Altkleidersammlung ausgestattet, und ihm wie zum Trotz ein wenig Glanz verliehen, mit einem grauenhaften Glitzerpulli hier und einem, nein: vielen Zierkissen da – letztere in Plastik verpackt, man will die guten Stücke schließlich schonen. Das Bühnenbild von Thea Hofmann-Axthelm und die Kostüme von Werner Fritz, beides schonungslos grell-knallbunt-scheußlich, sind bei dieser Inszenierung schon die halbe Miete. Ihr „Platz ist in der kleinsten Hütte“ kulminiert in einer Zu-Bett-Geh-Szene. Es ist erstaunlich, woraus sich alles Schlafplätze bauen lassen. Die Schauspieler turnen sich mit viel Akrobatik durch dieses Setting.

Denn auf den paar Quadratmetern, die Zimmer, Küche, Kabinett darstellen, wohnen sieben Leute. Kate mit ihrem Ehemann Jack und den Söhnen Stanley und Eugene, und ihre hier aufgenommene, weil verwitwete Schwester Blanche mit den Töchtern Nora und Laurie. Nils Rovira-Muñoz ist ein wunderbar komödiantischer Eugene, der wohldosiert den Clown macht oder auf Slapstick setzt. Bei Neil Simon liegt die Tragi- gleich neben der -komödie, das zeigt Zervoulakos ganz vorzüglich, und Rovira-Muñoz setzt seine Rolle mit viel Sinn für diese Ironie des Daseins um. Als Erzähler richtet er sein scharfes Auge auf seine Verwandtschaft, die im New-Yorker-Stadtrandviertel in einer Art Stand-by-Modus aufs Irgendwann-wird-alles-besser wartet. Gesprächsthema Nr. 1 ist die Geldnot, das heißt: Gespräch ist gut, bei aller Liebe wird aneinander vorbeigeredet oder einander nicht zugehört oder wenn doch, dann sich gegenseitig missverstanden. Wie Familie eben so ist. Und weil, wo Leben Lachen ist, bietet das die Grundlage für den Simon’schen Humor.

Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Da kommt keine Freude auf – Laurie muss Onkel Jack etwas zu trinken bringen: Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Noras Lebensträume fliegen hoch, aber Mama Blanche reagiert auf so viel Elan ängstlich: Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anja Herden und Birgit Stöger haben die Schwestern Kate und Blanche mit einem Putz- und Nähfimmel versehen, das Heim muss piccobello Heimat sein!, sie sind zwei betuliche, lebensängstliche Muttertiere, Einwandererkinder, die viel zitierte „zweite Generation“, von denen Kate vor Ressentiments gegen die „fremden“, irischen Nachbarn überläuft, während Blanche in der großen Tradition der jiddischen Mames eine Meisterin im geduldigen Tragen von Leid und im Verzicht üben ist. Und wie’s einer guten, jetzt wird’s kurz katholisch, Mater Dolorosa eigen ist, verstehen sie sich auch bestens auf Sticheleien, Nörgeleien und Streitereien.

Ein Glück, dass Rainer Galke als Jack das alles mit Großmut und Galgenhumor nimmt. Er, der von zwei Jobs gerade einen verloren hat, dem jede Entscheidung aufgebürdet wird, der nie zu Ruhe kommen darf, vor allem nicht, wenn ihm die Frauen diese gerade ausdrücklich gönnen. Galke gestaltet mit der Lakonie eines Da-kann-man-halt-nix-machen einen Fels in der Familienbrandung, ihm ist einmal mehr eine glaubhafte Figur gelungen, fast ist er der Vater, den sich jeder nur wünschen kann.

Seyneb Saleh ist als Nora die Traumtänzerin der Sippschaft, die von einer Karriere als Musicalstar schwärmt, Katharina Klar als Laurie dagegen das patzige, hässliche Entlein, das sich nicht nur teenagertypisch hinter seinen Haaren, sondern auch hinter einem Herzflattern versteckt, vor allem, wenn’s darum geht, den Müll rauszutragen. Und dann Stanley. Von Kaspar Locher weitestgehend von seiner Strizzihaftigkeit befreit. Während sich die anderen mit Schuldgefühlen und -zuweisungen in der Waage halten, ist er derjenige, mit dem man Mitgefühl hat. Der ältesteste, der nie nach seinen Wünschen und Sehnsüchten gefragt wurde, auf dem der Druck des Geldverdienens lastet, der lernen muss, dass man sich Gerechtigkeitssinn und Stolz als Arbeiterkind finanziell nur bedingt leisten kann. Locher lässt Stanley am Ende sehr schön über sich hinauswachsen, er hat diesen Charakter gedreht und gewendet und zeigt ihn nun als einen Menschen mit vielen Facetten. Und wie jeder Jerome ist auch er warmherzig und hilfsbereit.

Denn die Geschichte, sie hat eine Message, und es muss ja nicht so sein, dass man nie aus ihr lernt. Jacks von den Nazis verfolgten Verwandten ist die Ausreise nach London gelungen, sie werden den nächsten Dampfer nehmen. Wo sie unterkommen sollen? Wenn wir alle ein klein wenig zusammenrücken, ist hier bei uns doch mehr als genug Platz! Das Publikum in dieser dritten Vorstellung war angerührt und amüsiert und dankte mit viel Applaus. Das Volkstheater hat mit seiner speziellen Art, Unterhaltung und Haltung zu zeigen, bei den letzten Premieren dieser Spielzeit so richtig Fahrt aufgenommen. Mit diesem Wind in den Segeln kann es frohgemut in die nächste gehen.

Kaspar Locher im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18954

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19538

www.volkstheater.at

Wien, 4. 5. 2016

Volkstheater: Kaspar Locher im Gespräch

April 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt den Stanley in „Brooklyn Memoiren“

Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er gehört zu den vielbeschäftigten Schauspielern der neuen Intendanz von Anna Badora. Drei Premieren hat Kaspar Locher (mehr: www.volkstheater.at/person/kaspar-locher/) in seiner ersten Saison am Volkstheater bereits absolviert, nun steht am 22. April mit Neil Simons „Brooklyn Memoiren“ die nächste große Rolle an. Als Stanley spielt er den Sohn einer Emigrantenpatchworkfamilie und verspielt den Lohn, den diese Familie zum Überleben dringend braucht. Der vielfach ausgezeichnete US-Dramatiker und Drehbuchautor Simon erinnert sich in seinem Stück an die eigene Kindheit zur Zeit der Großen Depression und des nahenden Zweiten Weltkriegs. Mit seinem Porträt einer Mischpoke in prekären Umständen schuf er ein Plädoyer für Humor und Solidarität. Kaspar Locher im Gespräch über Analogien zum heute, Europa vor einer neuerlichen Zerreißprobe und wie Fussball die Menschen zusammen bringt:

MM: Sind Sie durch die Verschiebung der Produktion von „Homohalal“ zu einer weiteren Rolle in dieser Spielzeit gekommen?

Kaspar Locher: Ich hätte in „Homohalal“ auch mitgespielt. Ich habe zwar „Brooklyn Memoiren“ nicht gekannt, aber da wir das andere auch noch nicht vorbereitet hatten, und der Vorlauf lang genug war, hatte ich ausreichend Zeit, mich auf was Neues einzustellen.

MM: Es wurde eine aktuelle Uraufführung gegen ein Stück, das 1938 spielt, getauscht. Wie wird es angelegt, nostalgisch umweht oder zeitgenössisch?

Locher: Die Ästhetik und die Ausstattung ist eine trashige-heutige, die Zeit ist immer noch 1938. Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, das alles bleibt. Wir arbeiten daran die Parallelen und Analogien zum heute aufflackern zu lassen. In „Brooklyn Memoiren“ geht’s um eine Migrantenfamilie, also so gesehen ist es auf jeden Fall ein Stück zur Zeit.

MM: Neil Simon steht für Boulevard. Können Sie damit etwas anfangen?

Locher: Das interessiert mich nicht so, das ist eher eine Zuschreibung. „Boulevard“ klingt immer nach dem Zwang lustig zu sein, ich pralle davor nicht entsetzt zurück, aber ich denke, dass in den Neil-Simon-Figuren viel mehr steckt als „Schenkelklopfen“. Das Stück ist keine typische Klipp-Klapp-Komödie, es so zu inszenieren wäre zu einfach, der Humor ist komplexer, finde ich. Da muss man erst mal dahinter kommen. Wir haben bei den Proben zuerst daran gearbeitet, die Tiefe der Charaktere auszuloten und versuchen jetzt wieder in die Leichtigkeit, in den Witz zu kommen. Wir haben da einen kleinen Umweg eingelegt. Als ich das Stück zum ersten Mal gelesen habe, habe ich viele Dinge darin nicht erkannt, die ich jetzt ganz deutlich sehe.

MM: Nämlich?

Locher: Ich dachte erst mal: Was ist eigentlich das Problem meiner Figur? Es erscheint so klein. Es war spannend, gemeinsam mit Regisseur Sarantos Zervoulakos, der da natürlich schon Vorstellungen hatte, erst mal in die Tiefe zu gehen, ohne zu wissen, ob das lustig ist oder nicht. Ich sehe sehr viele lustige Momente, und wenn wir jetzt noch in die erforderliche Leichtigkeit kommen, wird’s das auch fürs Publikum sein. Dann kommt das gut.

MM: Haben Sie also das Problem gefunden, das Ihre Figur Stanley hat?

Locher: Ja, aber ich möchte das hier nicht ausbreiten. Das ist wie beim Fußball: Die Antwort kommt auf dem Platz. Das erste Wichtige zu entdecken war für mich, dass in dieser Familienkonstellation die Probleme, die auf dem Papier keine große Dringlichkeit haben, zwischen den Menschen enorm sind. Man muss in so einer großen Sippschaft dran arbeiten, dass man auch mal dran kommt, dass man seinen Standpunkt vertreten kann. Stanley ist einer, der zu kurz gekommen ist. Gerade als es hieß, er soll aufs College gehen, zogen die Cousinen ein und er wurde Vollzeit arbeiten geschickt.

MM: Ist er in dieser Mischpoke der Tunichtgut? Sind Sie der Schurke in diesem Stück?

Locher: Nein! Ich habe erst, das kann ich ja jetzt verraten, versucht, ihn schlechter zu machen, als es dasteht. Ich wollte ihn in den Abgrund treiben. Er pokert die ganze Nacht, säuft, verliert seine Stelle, erfindet Ausreden, alles erstunken und erlogen, hat ein freches Mundwerk, ist mit Frauen unterwegs, aber ich bin jetzt wieder davon weggekommen. Weil es spannender ist, ihm seinen Gewissenskonflikt zu lassen, ihn für seine Prinzipien einstehen zu lassen. Er will tatsächlich ein guter Mensch sein, wird aber von der Verantwortung mit seinem verdienten Geld die Familie ernähren zu müssen, erdrückt. Das ist ein Riesenkonflikt. Stanley ist 18!

Brooklyn Memoiren: Kaspar Locher, Rainer Galke, Nils Rovira-Muñoz, Anja Herden, Birgit Stöger, Katharina Klar und Seyneb Saleh. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Brooklyn Memoiren: Kaspar Locher, Rainer Galke, Nils Rovira-Muñoz, Anja Herden, Birgit Stöger, Katharina Klar und Seyneb Saleh. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

MM: Können Sie so ein Familienmodell nachvollziehen?

Locher: Ich kann das total verstehen. Familie ist etwas Schönes, sie gibt einem Halt und ist gleichzeitig etwas Grässliches. Familie sind die einzigen, die man sich nicht aussuchen kann. Ich habe eine ältere Schwester und eine jüngere Halbschwester, ich kann mich also ganz gut einfühlen.

MM: Sind Sie ein geübter Komödiant oder ist das neu für Sie?

Locher: Ich glaube schon, dass ich lustig sein kann. Ich bin vielleicht nicht der typische Komödiant, aber ich versuche, alle Schubladen zu umgehen, daher versuche ich das auch. Der Humor in diesem Stück kommt ja aus Situationen, in denen jemand verzweifelt nach einer Lösung für ein Dilemma sucht. So gesehen hat es ohnedies was Tragisches. Aber da wir uns auf engstem Raum bewegen, bin ich derzeit mit dem Checken der Bühnengänge genauso beschäftigt, wie mit dem Ausloten der Figur. Es ist eine große Herausforderung. Auch, den Kollegen den Fokus zu geben. Oder zu nehmen (er lacht). Da fast alle fast immer auf der Bühne sind, muss man schauen, wo man bleibt.

MM: Sprechen wir über Sie: Sie sind in Basel geboren, haben in Zürich begonnen – was ist das Schweizerische an Ihnen?

Locher: Oh weh! Früher hatte ich Probleme damit, als Schweizer auf das Schweizerische angesprochen zu werden, aber jetzt bin ich ja schon älter und es geht. Wenn man länger im Ausland lebt, fängt man an zu verstehen, was die Leute meinen, oder in mir auch sehen. Wobei ich durchaus einige Klischees erfülle. Ich esse sehr viel Schokolade und Käse. Ich habe den Schweizer Willen zum Kompromiss, ich kann in einem Streit gut die Argumente und Ziele des Gegenübers sehen. Ansonsten rede ich sehr langsam. Ich weiß nicht, welchen Eindruck ich da auf Sie gerade mache?

MM: Es geht. Und Schwyzerdütsch?

Locher: Ist meine Muttersprache.

MM: Die Schweiz erscheint ein wenig als Enklave, die vom Rest Europas nichts wissen will. Das war 1938 so, als jüdische Flüchtlinge an der Grenze standen, und die Schweiz sie postwendend retourniert hat. Das ist in der derzeitigen Flüchtlingskrise nicht anders. Die Schweiz hält sich für eine Insel. Warum nimmt die Schweiz an Europa nicht teil?

Locher: Das Traurige ist, dass dieses Modell Schule macht. Europa verliert immer mehr seine gemeinsame Kraft. In vielen Ländern sind Nationalismus und Rechtspopulismus treibende Kräfte. Ich erkenne hier bei der FPÖ die gleichen rassistischen Werbestrategien wie ich sie aus meiner Heimat von der Schweizerischen Volkspartei schon kenne. Die Schweiz hat halt lange vor meiner Geburt beschlossen, sich rauszuhalten. Und Geld zu verdienen, indem sie sich raushält. Und Geschäfte zu machen, die man nur machen kann, wenn man sich raushält. Naja …

MM: Und die aktuelle Flüchtlingsdebatte?

Locher: Gibt es auch in der Schweiz. Es gibt viel weniger Asylanträge als zum Beispiel in Österreich, aber trotzdem tut man so, als wär’s eine Katastrophe.

MM: Sie sind 2013 ans Schauspielhaus Graz gekommen. Wie kam’s?

Locher: Tatsächlich durch die Zentrale Arbeitsvermittlung. Das ist eine  Künstleragentur, die vom deutschen Staat bezahlt wird. Sie schauen sich die Abschlussvorsprechen an den Schauspielschulen an und wenn man Glück hat, empfehlen sie einen weiter. Ich war zwei Jahre am Schauspielhaus, habe viel und große Rollen gespielt, und habe mich da auf jeden Fall wohl gefühlt.

MM: Wie empfinden Sie nun Wien?

Locher:  Es ist schön nach Basel und Graz, und ich war ja auch in Chemnitz engagiert, in eine Großstadt zu kommen. Es gefällt mir sehr gut. Ich habe mir auch schon viel angesehen. Mit dem Fahrrad die Stadt erkundet. Oder Ausflüge gemacht – zum Kahlenberg zum Beispiel. Natürlich war ich auch in diversen Theatern. Auch das Angebot in der freien Szene ist toll. Es gibt in Wien ein Riesenangebot für die Freizeit.

Als Fortuna in Nestroys "Zu ebener Erde ...": Kaspar Locher (oben) mit Steffi Krautz, Sylvia Bra und Haymon Maria Buttinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Fortuna in Nestroys „Zu ebener Erde …“: Kaspar Locher (oben) mit Steffi Krautz, Sylvia Bra und Haymon Maria Buttinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Romeo und Julia: Thomas Frank, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Romeo und Julia: Die drei Romeos der Philipp-Preuss-Inszenierung Thomas Frank, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM:Und das Volkstheater? Sie waren auch in Produktionen, die schwierig aufgenommen wurden …

Locher: Aber das war zu erwarten. Mir macht es trotzdem extrem Spaß hier. Wir werden alle miteinander einen langen Atem brauchen, wir mussten uns als Ensemble zusammenfinden, da sind wir einen großen Schritt weiter, und das Publikum muss sich erst einmal an uns und unsere Art, Theater zu zeigen, gewöhnen. Jetzt kennen wir einander, jetzt kann es weitergehen. Ich freue mich schon auf die zweite Saison.

MM: Was macht Sie als Schauspieler aus? Was erwarten Sie sich vom Beruf? In einem kurzen Text über Sie stand „Mitbestimmungsrecht“. Das lieben Regisseure.

Locher: Das ist heute nicht mehr so, die „Regiegötter“ gibt es kaum noch. Sarantos beispielsweise fragt uns immer alle nach unserer Meinung – und dann setzt er seine um. Einer muss ja die Entscheidungen treffen. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich habe schon gerne die Möglichkeit, mich einzubringen. Was das Schauspielen betrifft, macht es mich unglaublich glücklich, wenn eine Situation entsteht, in der jeder den anderen unterstützt. Wenn man auf der Bühne gemeinsam fliegt, wenn man merkt, dass man eine Gruppe ist, die zusammenhält,  wenn man gemeinsam etwas erlebt, das einem niemand nehmen kann. Das habe ich schon in der Schule am Theater geliebt. Das ist schön und das überträgt sich auch auf die Zuschauer. Das ist die Magie, nach der wir alle suchen.

MM: Sie sind ein Teamspieler. Damit sind wir bei Ihrem Spieltriebe-Spielclub „Elf Freunde“, der sich mit Fußball befasst (mehr: www.volkstheater.at/junges/spieltriebe-die-spielclubs-des-jungen-volkstheaters/). Sie haben ja schon über den Platz gesprochen, das Thema scheint Sie sehr zu beschäftigen.

Locher: Ich bin ein großer Fußballfan, das ist eine gute Metapher für viele Dinge, die uns beschäftigen. Zum Beispiel die Karriereplanung: Wenn ein junger Spieler glaubt, er muss ganz jung ganz viel Geld bei einem großen Verein verdienen, und dann kommt er dort nie zum Zug und hat’s verkackt. Das heißt für mich: Schau‘ erst einmal, was zu dir passt, bevor du Entscheidungen triffst. Ich habe selber gespielt und habe es dann durchs Theater ausgetauscht. Ich spiele immer noch so oft es geht, aber ein Hobby ist halt schwer in dem Beruf.

MM: Sie könnten eine Volkstheatermannschaft gründen.

Locher: Das habe ich tatsächlich vor. Ich habe schon rumgefragt, es gab hier wohl mal eine Mannschaft, es gibt sogar noch Dressen. Mal schauen, ich bleibe dran.

MM: Erzählen Sie doch was über die „Elf Freunde“.

Locher: Das ist ein Projekt mit dem Georg Danzer Haus. Mit Spielerinnen und Spielern aus Österreich und Syrien. Unser Grundimpuls war, das Thema Fußball als Ausgangspunkt  zu nehmen, da man sich über Fußball in allen Ländern der Welt unterhalten kann, auch wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Es macht großen Spaß, einen gemeinsamen Abend zu kreieren. Es ist ganz spannend, mal auf der anderen Seite zu stehen. Ich denk‘ ja manchmal oben: ich verstehe ihn einfach nicht, was will er mir sagen, jetzt bin ich selber Spielleiter und wenn ich nach einem Geschwurbel meinerseits in ratlose Gesichter sehe, bringe ich gleich viel mehr Verständnis für meinen Regisseur auf. Das ist eine gute Erfahrung.

MM: Da wir nun schon beim Verbindenden des Fußballs sind, meine Abschlussfrage zur EM: Daumendrücken für die Schweizer Mannschaft oder den Schweizer Trainer?

Locher: Für die Mannschaft, natürlich, auch wenn Marcel Koller ganz Großartiges leistet. Zum Glück treffen die beiden ja nicht so schnell aufeinander, aber da die Schweizer gerade so gar nicht in Form sind, behalte ich mich mir die Österreicher als zweites Eisen im Feuer.

www.volkstheater.at

Wien, 18. 4. 2016

Colm Tóibíns „Brooklyn“ im Kino

Januar 21, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nostalgie über Migrantenschicksale

Saoirse Ronan und Emory Cohen Bild: © 2015 Twentieth Century Fox

Saoirse Ronan und Emory Cohen
Bild: © 2015 Twentieth Century Fox

Kitsch? Kitsch ist keine Kategorie. Bester Film, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin sind’s. Und in diesen ist „Brooklyn“ für den Oscar nominiert. John Crowley hat den Roman von Colm Tóibín verfilmt, das Drehbuch dafür hat ihm Nick Hornby geschrieben. Was hat man in diesem Roman gewohnt. Mit den Protagonisten gelebt, geliebt, gelitten. Allein die Szene, in der die junge Eilis einen Badeanzug fürs erste Rendezvous kaufen will, ist das Lesen wert.

Der eine macht zu blass, der andere zu dicke Oberschenkel, der dritte ist zu freizügig. Tóibín hat tief in die Frauenseele geschaut. Und nicht nur in sie. Er berichtet davon, wie es ist fremd zu sein. An zwei, nicht an einem Ort, eine grundlegende Erfahrung aller Emigranten. Ein Emigrant hat nicht die alte Heimat verloren, sondern keine neue Heimat gewonnen, sagte Stefan Zweig. „Brooklyn“ ist ein zartes Buch. Von einer Wehmut, die das Herz erwärmt. Umhüllt von feinem Humor. Und das Ende ist zum Glück … Der Film nun zerkocht das Gemüt. Wo Tóibín subtil und zwischen den Zeilen das Schicksal irischer und italienischer Auswanderer in die USA der 1950er Jahre gesellschaftskritisch durchleuchtet, setzt Crowley auf Nostalgie und deren zauberhaft schöne Bilder. Sein „Brooklyn“ erscheint als ahistorische Fantasie in güldenem Sonnenschein. Koreakrieg und Kommunistenhetze? Das muss anderswo gewesen sein.

Tóibín erzählt eine einfache Geschichte. Das irische Mädchen Eilis Lacey geht, weil es daheim keine Arbeit und ergo keine Zukunft gibt, nach New York. Das heißt, sie wird von der Mutter, ihrer Schwester und vom Herrn Pfarrer verpflanzt, soll sie doch monatlich Geld an die Lieben nach Hause schicken. Sie wird in einer Pension für junge Frauen untergebracht und der Obhut eines irischen Priesters überantwortet. Sie nimmt eine Arbeit in einem Modekaufhaus an, in dem bald die ersten schwarzen Frauen shoppen werden, sie geht in den Buchhaltungskurs der Abendschule, sie nimmt an den Aktivitäten der katholischen Gemeinde teil. Sie geht nur zögerlich zum Tanz, bei dem sich einige Italiener unter die Iren mischen. Und sie verliebt sich. In den Italo-Amerikaner Tony, der in der Neuen Welt bereits große Pläne geschmiedet hat. Eine Familie, ein Geschäft, ein bisschen Wohlstand, davon träumt der Sizilianer. Eilis zögert. Lange. Und weil ein schreckliches Unglück geschehen ist, muss sie zurück nach Hause. Wo sie erkennt, dass sie nicht mehr zu Irland, sondern, wenn schon nicht zu den USA, doch immerhin zu Tony gehört.

Zu einer einfachen Geschichte gehören komplizierte Gefühle. Tóibín nähert sich ihnen aus Eilis‘ Perspektive. Leise, ohne Pathos, aber mit großer Präzision, entfaltet er ein Menschenleben im Transit. Eines, dessen Körper schon „da“ ist, dessen Geist und Seele aber noch „dort“ sind. Wie modern das dieser Tage wieder erscheint, dieses Thema Migration, dieses nicht Ankommen im Angekommensein. In Brooklyn ist Eilis ein Niemand, ohne Freunde und Familie, ohne Erinnerungen an Orte oder Menschen, ein Gespenst, dem nichts etwas bedeuten kann, weil es nichts wiedererkennt. Trist ist das. Doch Leben wehrt sich. Und in einer der schönsten Szenen im Buch schildert der Autor den Aufbruch zum bunten Abend im Pfarrhaus, die erste Begegnung der strenggläubigen Irin mit den flotten, lebenslustigen und, ja, ein wenig vom Rotwein angesäuselten Italienern. Wo Menschen sind, ist Hoffnung, heißt das. Gemeinsam feiern bringt die Leute zusammen. Egal, aus welchem Land sie ursprünglich kommen mögen, wo gelacht wird, öffnet sich die Welt.

Dem allen spürt der Film in seiner Weise nach, versteht es jedoch nicht Eilis‘ Coming-of-Age-Geschichte in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Talent und Charme sind den Hauptdarstellern Saoirse Ronan als Eilis und Emory Cohen als Tony zwar nicht abzusprechen, aber ihre beiden Rollen zerlaufen in einer von Nick Hornby verschuldeten Bedeutungslosigkeit. Was im Falle Eilis‘ besonders schmerzt, gibt es doch ohnedies wenig Stoffe, die aus weiblicher Sicht erzählt werden. Hier steht die Frauenfigur für nichts außer sich selbst – und nicht einmal das in irgendeiner Weise charakteristisch. Sie ist weder Spiegel ihrer Zeit noch deren Gegenentwurf, sondern in manchen Fällen einfach eine Trutschn, etwa wenn Spaghetti als das unbekannte Nahrungsmittel zu beträchtlichen Wickeln führen. Bei Tóibín, im Kontext der irisch-italienischen Annäherung, liest sich das weniger peinlich. Doch das Unbekannte mit Eilis Augen zu erkunden, interessierte die Filmemacher offenbar nicht. Crowleys konventionell-angestaubter Blick ruht vielmehr leicht abschätzend auf ihr. Der Regisseur setzt auf Ausstattung statt auf Tiefe. Nach und nach werden die Bilder bunter, die Kleider modischer … das ist zu schlicht und harmlos. Nur weil einem Tóibín das Abgründige nicht um die Ohren schmeißt, bedeutet es nicht, dass es in seinem Buch nicht existiert.

Zum Glück weiß Saoirse Ronan, wie man einen Film trägt. Ihre Leinwandpräsenz ist phänomenal. Von „Abbitte“ bis „Grand Budapest Hotel“ hat sie sich ihre erste Hauptrolle verdient erarbeitet, nun ist ihr reduziertes Auftreten, ihr leichtes, intelligentes Spiel das Beste am Film und das Beste für Colm Tóibín. Ihretwegen braucht man sich nicht zu scheuen, sich der Kino-Romanze hinzugeben. Wie sich ihre Eilis vom zurückhaltenden Mauerblümchen zur selbstbewussten jungen Frau mausert ist allemal sehenswert. Kitsch? Kitsch ist keine Kategorie. Aber Ronan ist eine würdige Oscar-Kandidatin.

Buchtipp: Hanser Verlag, Colm Tóibín: „Brooklyn“, Roman, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Giovanni Bandini und Ditte Bandini. www.hanser-literaturverlage.de

www.fox.de/brooklyn

Wien, 21. 1. 2016