Wiener Festwochen: Peter Brooks „Battlefield“

Juni 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Fülle des leeren Raums

Der junge König braucht neue Hoffnung: Jared McNeill als Yudishtira, Carole Karenera als seine Mutter Kunti, Ery Nzarama als ein Bote/Freund. Bild: Caroline Moreau

Die Wiener Festwochen 2017 enden, wie sie begonnen haben: mit dem Mahabharata. Feierte Tianzhuo Chens Version „Ishvara“ die Dekadenz der Opulenz, so ist Peter Brooks „Battlefield“ die minimalistische Version des Jahrtausende alten Epos. Bereits 1985 hat sich der Regiegott mit dem indischem Versmythos befasst.

Damals in einer neunstündigen Theaterfassung und einem dreistündigen Film, nun hat er eine Szene herausgegriffen, neu inszeniert und fein ziseliert. Einmal mehr hält Peter Brook an seinem Manifest des leeren Raums fest, und zeigt, welche Fülle, welche Kraft der Schauspieler sich im gleichsam Nichts befinden kann.

Yudishtira hat die Familienfehde gewonnen und wird zum neuen gerechten König ausgerufen werden. Allein, Zweifel beschleichen seine Brust, hat doch nicht nur seine Mutter Kunti den Tod ihres mit der Sonne gezeugten Gott/Sohns Karna zu beweinen, sondern auch sein blinder Onkel Dritarashtra die Hinmetzelung seiner hundert Nachkommen. Angesichts Millionen Toter auf dem Schlachtfeld kann König Yudishtira, das Blut des Massakers noch an den Händen, seinen Sieg nur als Niederlage empfinden. Mit Hilfe von Kunti und Dritarashtra, versucht er verzweifelt zu ergründen, wie er angesichts seiner Schuld inneren Frieden finden kann.

Brook und seine Co-Regisseurin Marie-Hélène Estienne packen den von Jean-Claude Carrière bearbeiteten Stoff in einfache Bilder. Ein Dutzend Bambusstäbe und ein paar bunte Tücher genügen, um Darsteller und Handlung zu verorten.Was bleibt, ist ein ewiggültiger Grabgesang am Schlachtfeld Welt. Toshi Tsuchitori – er schon 1985 mit dabei – begleitet das Geschehen auf der Trommel, unterstreicht, akzentuiert wenn nötig. Jared McNeill spielt den Yudishtira, Sean O’Callaghan den Dritarashtra, Carole Karemera die Kunti und Ery Nzaramba diverse Boten/Freunde. Sie argumentieren sich durch dies hochphilosophische Werk, das Leid des Menschen und die Lust der Natur am Leben, als ob es ihr Alltäglichstes wäre.

Familienrat: Sean O’Gallaghan, Ery Nzaramba und Carole Karemera. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

Ery Nzaramba als auf dem Schlachtfeld sterbender Großvater Bishma. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

„Battlefield“ atmet Gleichnisse. Ein Kind stirbt nach einen Schlangenbiss. Wer kann Schuld haben? Die Schlange, der Tod, die Zeit, das Schicksal? Eine Taube, von einem Falken gejagt, landet erschöpft auf dem Oberschenkel eines mildtätigen Herrschers. Der bietet sein Fleisch für das Fleisch der Taube. Doch wird dem hungrigen Falken so Gerechtigkeit widerfahren? Ein Wurm will über die Straße kriechen – und muss doch von einem Ochsenkarren zermalmt werden.

Prospero Brook arbeitet sich ab an der Frage nach der Gerechtigkeit und der Wahrheit als Königspflicht. Gott Krishna und die Göttin Ganges treten auf, um das Ihre zu verkünden. Großvater Bishma wird auf dem Schlachtfeld, wo er von Pfeilen durchbohrt stirbt, besucht und nach seiner Meinung befragt. Die Antwort ist ein atemberaubendes Destillat des Sanskrit-Textes. Die Bedeutung dieser enormen Sammlung an Geschichten und der religiösen und lebensklugen Parabeln wird am besten mit einem Satz aus dem ersten Parva des Mahabharata zusammengefasst: „Was hier gefunden wird, kann woanders auch gefunden werden. Was hier nicht gefunden werden kann, kann nirgends gefunden werden.“

Das Ensemble brilliert: Carole Karemera, Sean O’Callaghan, Jared McNeill und Ery Nzaramba. Bild: Pascal Victor, ArtComArt

„Battlefield“ zeigt die apokalyptischen Nachwirkungen jedes Krieges. Brook stellt Nachforschungen an – nach Verantwortung, Schuld und Vergebung in einer von Konflikten und Kriegen zerrütteten Zeit, die aus seiner Inszenierung ein Lehrstück für die Gegenwart machen.  Und diese Fragen richten sich in erster Linie an Trump, Putin, Erdogan und Assad, aber auch an alle anderen Staatsoberhäupter dieser Welt.

www.festwochen.at

Wien, 17. 6. 2017

Wiener Festwochen 2017: Jude Law spielt Theater

Februar 17, 2017 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Tomas Zierhofer-Kin präsentiert sein erstes Programm

Ein Hollywoodstar spielt in Wien Theater: Jude Law wird in Ivo van Hoves Visconti-Adaption „Obsession“ auf der Bühne im MuseumsQuartier stehen. Bild: Jan Versweyveld

Donnerstag Vormittag präsentierte Tomas Zierhofer-Kin, neuer Intendant der Wiener Festwochen, gemeinsam mit Geschäftsführer Wolfgang Wais und Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny im magdas Hotel sein Programm für die erste Saison. Von 12. Mai bis 18. Juni will er die Stadt in einen „kulturellen Ausnahmezustand“ versetzten und mit neuen Ideen frischen Wind ins mehr als 65 Jahre alte Festival bringen.

„Das Neue braucht Freunde“, fiel Mailath-Pokorny dazu ein. Zierhofer-Kin, der Mann, der zuvor das Kremser donaufestival als Hort der Avantgarde etablierte, will auch diesmal auf „Hochglanz“ verzichten. Wobei das so nicht ganz stimmt, haben doch auch eine ganze Menge Theaterstars ihr Kommen angesagt. Auf die Frage einer Journalistin, ob er aufs Publikum über 40 verzichten wolle, konnte Zierhofer-Kin daher kontern, er wünsche sich, dass sich Stamm- und junges Publikum mischen, und die jeweils einen den anderen den Weg von Theatersaal zu Performanceraum, von der Sub- zur Hochkultur und retour zeigen.

Überhaupt ist Mitmachen, miteinander Machen eine Sache, die dieses Jahr groß geschrieben wird. „In einer Zeit, die sich tagtäglich albtraumhaft zum Negativen verändert, wollen wir einen anderen, ungewöhnlichen Blick auf die ,echte‘ Welt eröffnen“, so Zierhofer-Kin. „Wir verstehen Kunst als Tool zur Selbstermächtigung. Wir wollen das Publikum einbeziehen und ihm Raum zum Nachdenken eröffnen. Wir haben nämlich Vieles, nur einfache Antworten auf komplizierte Fragen haben wir nicht.“ Das „Viele“, so Wolfgang Wais ergänzend, wird mit einem Budget von 13 Millionen Euro finanziert, davon 10,5 Millionen Subventionen. Mit 40.000 Karten kommen etwas weniger als im Vorjahr in den Verkauf. „Das ist so“, so Wais, „weil viele Produktionen bei freiem Eintritt zu besuchen sind.“

Akademie des Verlernens und Performeum

Drei neue Programmschienen wird es heuer geben: Die Akademie des Verlernens knüpft an die Gründungszeit der Wiener Festwochen an. „Sie wird als ein Denkmodell entstehen, das sich ins restliche Programm integriert“, erklärt Zierhofer-Kin. Künstler, Aktivisten, Philosophen sind eingeladen, mit den Zuschauern (in kostenlosen Workshops) über den Zustand der Gesellschaft zu diskutieren. Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak wird die Akademie mit ihrem Vortrag „What Time is it on the Clock of the World?“ im Rathaus eröffnen. Die Anti-Fascist Ballet School lädt zum gemeinsamen Tanzen in die Lugner City, bei Hamamness kann man sich von Badepersonal verwöhnen lassen, beim Simmeringer Frühschoppen bittet die Burschenschaft Hysteria zu Würstel, Bier und Politdiskussion. Ein Muss ist der Vortrag der Journalistin Carolin Emcke „Gegen den Hass“ am 19. Mai im MQ. Für ihr gleichnamiges Buch wurde Emcke 2016 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Mit dem Performeum wird auf einem ÖBB-Gelände nahe des Hauptbahnhofs ein temporäres Performancemuseum entstehen. „Wir wollen dort möglichst viele unterschiedliche Bereiche von Performance zeigen: Tanz, Klang, Installationen, Medienkunst …“, so Zierhofer Kin, der empfiehlt: „Am Wochenende morgens hingehen und bis zum Abend bleiben.“ Zwei der spannendsten Programmpunkte: Ben Pryors „House of Realness“, ein Ort für queeren ekstatischen Widerstand gegen eine Trump-Welt – für Zuschauer ab 18 Jahren, und „Nathi.Aha.Sasa“. Für diese Gruppenausstellung hat Kuratorin Zohra Opoku afrikanische Künstlerinnen, die in Europa weitgehend unbekannt sind, aufgefordert die Geschichte ihres Kontinents und „Herstory“ darzustellen. Hyperreality schließlich beschäftigt sich in vier Nächten mit elektronischer Musik.

Musiktheater: Jonathan Meese zeigt endlich seinen Parzifal

Die diesjährige Eröffnungsproduktion: „Ishvara“ des chinesischen Shootingstars Tianzhuo Chen. Bild: Zhang Yan

Musiktheater nach Mozarts „Entführung aus dem Serail“: Les Robots ne connaissent pas le Blues. Bild: Knut Klassen

Die Eröffnungsproduktion der Festwochen 2017 ist die Europa-Premiere von Ishvara. Der junge chinesische Künstler Tianzhuo Chen untersucht in seinem Opernhappening Geschichte und Religion, die menschliche Existenz und die spirituelle Ausbeutung in der modernen Welt. Dazu mischt er Buddha mit South Park, Hinduismus mit Popkultur – eine bildgewaltige, stark politische Performance, die einen visuellen und akustischen Sog entwickelt. Besonders freut sich Zierhofer-Kin, dass er nach der Absage von Bayreuth, Jonathan Meese gewinnen konnte, sein Parzifal-Projekt für Wien weiterzuentwickeln (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=20786).

Das hat der Kunstberserker nun mit Komponist Bernhard Lang, dem Klangforum Wien und dem Arnold Schoenberg Chor getan. Das Ergebnis dieses sehr kreativen Umgangs mit Wagner heißt Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz), eine Space Opera und laut Zierhofer-Kin „ziemlich gewaltig“. Mozarts „Türkenoper“ haben Monika Gintersdorfer und Benedikt von Peter zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit gemacht. Nach der „Entführung aus dem Serail“ zeigen sie mit Les Robots ne coinnaissent pas le Blues die Konfrontation zweier heterogener Kulturen.

Sprechtheater und mehr: Von Peter Brook und Ivo van Hove bis zu Romeo Castellucci

Peter Brook zeigt seine jüngste Arbeit „Battlefield“, eine Kurzversion seiner Inszenierung des Mahabharata. Bild: Caroline Moreau

Nach Jelineks „Schutzbefohlenen“ die neue Arbeit der „Schweigenden Mehrheit“: Traiskirchen. Das Musical. Bild: www.christianstangl.at

Mit den Zuständen der USA befassen sich zwei Produktionen: Romeo Castelluccis Arbeit Democracy in America beschäftigt sich mit der Gründung der Vereinigten Staaten als Utopieprojekt des kolonialistischen Europa und mit Alexis de Tocquevilles „De la démocratie en Amérique„. Es geht um Puritanismus, Populismus und die Tyrannei der Mehrheit.

Saint Genet zeigt in Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness die Migrationstragödie der Donner Party. 1846 waren 87 Siedler auf dem Weg in den Westen. Nachdem sie in der Sierra Nevada in einen Schneesturm geraten waren, passierten zwischen den Überlebenden unfassbare Gräueltaten. Saint Genet gehen der Frage nach, was passieren muss, damit eine Gesellschaft die Tabugrenzen niederreißt, und Kannibalismus an die Stelle von Empathie tritt.

Autor Mohammad Al Attar und Regisseur Omar Abusaada schildern im Drama Während ich warte den Syrienkrieg aus sehr persönlicher Sicht: In einem Krankenhaus liegt der junge Taim im Koma, doch sein Gehirn arbeitet und dokumentiert gesehene Szenen von Verzweiflung und Liebe, Aufbegehren und Ohnmacht. So wird sein Krankenzimmer zum Sinnbild für ein ganzes Land, das zwischen Leben und Tod schwebt.

Nach viel zu langer Absenz darf man sich endlich wieder auf eine Arbeit von Peter Brook freuen. Der Regiealtmeister hat dreißig Jahre nach seiner legendären Inszenierung des indischen Epos „Mahabharata“ eine Kurzfassung erstellt. Battlefield zeigt die apokalyptischen Auswirkungen des Krieges zwischen zwei Königsfamilien – wie immer mit großem spielerischem Ernst. Da verwandlen sich Schals in Flüsse und Leichentücher, und die Lebenden wie die Toten werden von Adlern und Würmern begleitet.

Nach der von Identitären gestörten Aufführung von Elfriede Jelineks „Schutzbefohlenen“, zeigt Die Schweigende Mehrheit im Volkstheater ihre jüngste Produktion: Traiskirchen. Das Musical. Tina Leisch und Bernhard Dechant haben erneut ihr Künstlerkollektiv aus Helfern und Hilfsbedürftigen zusammengetrommelt, um in einem verwegenen Spektakel die dringenden Fragen dieser Tage zu stellen. Ein Sittengemälde der Gesellschaft ist auch Die selbsternannte Aristokratie der Truppe La Fleur. Entlang der Romane und Erzählungen von Honoré de Balzac werden arme, ehrgeizige junge Menschen porträtiert, die Kontinente überqueren, um in den westlichen Metropolen ihr Glück zu versuchen. Zierhofer-Kin: „La Fleur geht es darum, zu zeigen, wie Menschen auf der Flucht Rollen annehmen, die ihnen zugeschrieben werden, und so in Muster verfallen, die ihnen gar nicht entsprechen.“ Regisseur Milo Rau, bekannt für seine künstlerischen Auseinandersetzungen mit Anders Breivik und Marc Dutroux, wird mit dem Journalisten und Blogger Robert Misik im Schauspielhaus Wien eine performative Agora kreieren, in der Publikum, Politiker, Experten und Ensemblemitglieder des Hauses gemeinsam diskutieren sollen. Die Agenda wird vom Publikum mitbestimmt, sei’s österreichisches Tagesgeschehen oder Weltpolitik.

Auch ein Hollywoodstar wird in Wien erwartet: Jude Law wird in Ivo van Hoves Visconti-Adaption Obsession in der Rolle des Gino auf der Bühne stehen. Mit „Ossessione“, der bahnbrechenden Verfilmung des Klassikers „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ von James M. Cain, gilt Luchino Visconti als Wegbereiter des italienischen Neorealisums. In kurzen Szenen, roh, poetisch und brutal, erzählt er die Geschichte von zwei Liebenden am Rande der Gesellschaft: Gino, einem attraktiven Herumtreiber, und Giovanna, einer jungen, unglücklichen Ehefrau eines Tankstellenbetreibers, die versucht, ihrem früheren, von Armut geprägten Leben zu entkommen. Zusammen entwerfen sie den Plan, Giovannas Mann zu töten …

Drei besondere Tipps von mottingers-meinung.at

Zum Mitmachen für Mutige: Haircuts by Children. Bild: John Lauener

Das australische Back to Back Theatre zeigt mit Lady Eats Apple die Vertreibung aus dem Paradies und den Aufbruch in eine unbekannte Welt. Die Schauspieler mit Down Syndrom erklären in einer aufblasbaren Skulptur die Schöpfung aus ihrer Sicht. Ein Mitmachen für Mutige ist die Performance Haircuts by Children, die genau das ist, wonach es klingt: Kinder werden von professionellen Friseuren in einem Crash-Kurs unterrichtet.

Dannach betreiben sie einen Frisiersalon und bieten einen kostenfreien Haarschnitt der besonderen Art. Die Übung: sich einem Kind anzuvertrauen und eine einmalige Erfahrung mit ihm zu teilen. Das kanadische Kollektiv Mammalian Diving Reflex wird nicht nur mit Wiener Kinder Grenzen durchbrechen, sondern auch mit sechs Wiener Seniorinnen und Senioren, Vertretern einer Großelterngeneration, die man in All the Sex I’ve Ever Had nach den Dingen fragen kann, die einem die Eltern nie erklärt haben.

Der Online-Kartenverkauf startet jetzt.

www.festwochen.at

Wien, 16. 2. 2017

Theatermuseum: Five Truths. Shakespeares Wahrheit und die Kunst der Regie

April 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Katie Mitchell zeigt Ophelias Wahnsinn hoch fünf

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Wie unterscheiden sich die Regiestile von fünf der einflussreichsten europäischen Theaterpraktikern des 20. Jahrhunderts? Wie würden Konstantin Stanislawski, Antonin Artaud, Bertolt Brecht, Jerzy Grotowski oder Peter Brook die berühmte Wahnsinnsszene der Ophelia aus Shakespeares Hamlet inszenieren?

Für ihre Video-Installation hat die berühmte britische Regisseurin Katie Mitchell, die in Österreich zuletzt bei den Salzburger Festspielen ihre Arbeit „Forbidden Zone“ zeigte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10209), diese eine Szene mit ein und derselben Schauspielerin im Stil dieser fünf maßgeblichen Regisseure inszeniert und gefilmt. Das Theatermuseum zeigt die „touring installation“ des Victoria and Albert Museum ab 21. April zum 400. Todestag von William Shakespeare.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7oxnyRl8e8A

www.theatermuseum.at

Wien, 19. 4. 2016

Interview: Irina Brook

Februar 8, 2013 in Bühne

 

Peer Gynt als Rockopa und Prospero als Koch

Irina Brook, Tochter von Theaterlegende Peter Brook, zeigt bei den Salzburger Festspielen zwei Produktionen: „Peer Gynt“ und Shakespeares „Sturm“.

Auf der Halleiner Perner Insel gehen gerade die Proben zu Ende. Schauspieler strömen aus dem dunklen Bauch der alten Saline in den sonnigen Innenhof. Es wird gelacht, eine Gitarre ausgepackt, getanzt, gesungen. Hinter ihrer Truppe kommt Regisseurin Irina Brook ins Freie. Eine zierliche, blonde, starke Frau. „Uff“, sagt sie erst einmal, nimmt sich ein Fläschchen Mineralwasser, kämpft mit einer widerspenstigen Haarsträhne. Dann erzählt sie.

KURIER: Salzburgs neuer Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf will mit fremdsprachige Produktionen internationales Publikum ins Sprechtheater holen. Sie sind die erste, die er  einlud. Wie kam’s?

Irina Brook: Ja, die allerallererste! Es ist eine Ehre. Wie es dazu kam, das müssen Sie Sven-Eric Bechtolf fragen. Ich glaube, er mag einfach was und wie wir es machen. Wir reden seit zwei Jahren über eine Zusammenarbeit, wir haben einen ähnlichen Theatergeschmack – und mochten beide, was wir über einander hörten. Wir sprachen über Dinge, bei den Worte wie Märchen, Magie und „big show“ fielen …

Und so zeigen Sie heuer auf der Perner Insel als Neuinszenierung, als Eigenproduktion der Festspiele, „Peer Gynt“ (Premiere: 30. 6.) in englischer und als Gastspiel „La Tempete“ in französischer Sprache.(Premiere: 24. 8.). Beim Versuch, „Peer Gynt“ zu inszenieren, kann man nur in Schönheit scheitern.

Ich hoffe, das tue ich. (Sie lacht.) Das gilt übrigens auch für Shakespeare. Vielleicht bin ich masochistisch, vielleicht liebe ich Herausforderungen; ich mag es einfach mich mit schwierigen Dingen zu beschäftigen. Da habe ich „Nahrung“ für mich und meine Schauspieler, da erwacht mein kreatives Herz, das macht eine Probe doch erst aus, wenn man gemeinsam überlegt, wie man so eine Riesensache plausibel erzählen kann.

Bei „Peer Gynt“ haben Sie 14 Schauspieler, Musiker, Tänzer, Sänger aus Indien, Japan, Ruanda, um nur die exotischsten zu nennen. Ihr Hauptdarsteller ist aus Island. Ist das Wechseln zwischen Kulturen Teil Ihrer Natur?
Ich bin mit dieser Art von Theatertruppe groß geworden, meine Welt ist multikulturell. Für mich ist das normal, alles andere wäre seltsam. Wir repräsentieren „die Menschheit“. Je mehr man Kulturen mixen kann, umso reicher wird eine Aufführung.

Ihr „Peer Gynt“ wird eine Art Rockstar sein, der seine besten Zeiten schon hinter sich hat?
Ich wollte die Geschichte in einer modernen, in meiner Sprache erzählen. Peer träumt ja seine ganze Jugend davon, reich und berühmt zu sein, ich hätte aus ihm also auch einen Businessman machen können, aber das wäre weniger lustig gewesen. Und heutzutage träumen die Kids doch davon, Rockstar, Hollywoodstar oder etwas in der Richtung zu werden. Deshalb habe ich mich für diese Metapher entschieden. Ich bin fasziniert von seiner „Suche“, ich bin fasziniert von Männern, von Antihelden, die sich im Leben verloren haben. Für mich muss er von Anfang an jemand sein, der das Publikum emotional berührt, nicht, dass alle gleich von Anfang an sagen: Was ist das für ein Kotzbrocken? Wenn er so wäre – ohne eine zweite Schicht – würde Solveig nicht ein Leben lang zu ihm halten.

Und „La Tempête“? Bei Ihnen ist Prospero ein italienischer Koch?
Er leitet ein Restaurant, das aber gleichzeitig auch eine Art Zirkus ist. Das Ganze ist sehr inspiriert vom italienischen Film der 50er-Jahre, von Fellini, es ist sehr „magisch“, emotional. Die Tiefe von Shakespeares Worten wird ein wenig von Musicaltheater überdeckt.

Ihr Vater hat vor Jahren bei den Wiener Festwochen seinen legendären „Tempest“ präsentiert, der war mehr in einem „zenbuddhistischen“ Milieu angesiedelt. Wie würden Sie, können Sie Ihre Ästhetik im Vergleich zu seiner beschreiben?
Ich bin sehr glücklich, dass einer der außergewöhnlichsten, begnadeten Regisseure ausgerechnet mein Vater ist. Ich hatte also nie Grund gegen ihn zu rebellieren, ich habe von ihm all meine Ideen über Humanität und wie Theater das Leben von Menschen verändern soll. Er hat seine Arbeiten im Laufe seiner Karriere mehr und mehr geschliffen, ist immer klarer und puristischer geworden. Bei mir ist alles noch mehr Rock`n`Roll. Ich bin eine andere Generation, habe Punk gehört, höre HipHop – da inspirieren mich natürlich ganz andere Einflüsse als ihn.

Sie sind ursprünglich den Fußstapfen Ihrer Mutter gefolgt, waren 15 Jahre lang Schauspielerin. Haben Sie deshalb heute mehr Empathie für die Probleme, den Schmerz Ihrer Schauspieler?
Unbedingt. Denn ich war als Schauspielerin sehr unglücklich und möchte unbedingt, dass sich die Leute in meinen Produktionen wohlfühlen, dass die Stimmung gut ist. Ich dachte als Mädchen, ich muss wie meine Mum sein. Ich hatte nie das Selbstvertrauen, wie denken, ich könnte wie mein Vater sein. So ging ich nach New York, arbeitete als Kellnerin und habe gleichzeitig Off-off-off-off-Broadway gespielt – also wie in einer Hollywoodschnulze – und war sehr unglücklich. All diese Regisseure, die mit einem herumkommandiert haben, die keine Interesse an meiner Meinung hatten, für die man wie ein Gegenstand war, den sie auf einer Bühne drapieren konnten, so wollte ich nie sein. Mir geht es um den Spirit, das Gruppengefühl, das muss bei einer Arbeit stimmen. Deshalb bereiten wir uns mit Workshops und mit Körpertraining, mit Yoga auf eine Inszenierung vor.

Das Selbstvertrauen zum Regieführen gab Ihnen dann Ihre Hochzeit …
Ich habe russisch-orthodox geheiratet und wollte, das alles perfekt ist. Also konnte das niemand außer mir machen! Die Kellner durften nicht nur so servieren, sondern mussten eine gewisse Attitüde annehmen. Die Dekoration, die Blumen, alles musste passen. Und dann dachte ich: Wenn ich das inszenieren kann, kann ich alles inszenieren. Ich habe ja beim Théâtre du Soleil „gelernt“ und werde nun im September in einem Vorort südlich von Paris mein erstes, eigenes Theater eröffnen, ein „Traumtheater“, das aus mehreren alten Lagerhäusern besteht, wo ich hoffe, meine Vorstellungen noch besser umsetzen zu können. Es soll mehr werden, als ein Theater, ein Meeting Point, ein Seminarzentrum. Das wird sehr cool. Ich hätte allerdings auch Hochzeitsplanerin werden können. (Sie lacht.)

Stimmt ’s, dass Sie „Der leere Raum“, die theatertheoretische „Bibel“, die Ihr Vater 1969 schrieb, nie lasen?
Ja, aber ich werde es vielleicht jetzt tun, wenn ich nach Salzburg nach Hause komme. Ich denke, jetzt, wo ich selber ein Theater aufmache, bin ich reif dafür und kann meine Herkunft „umarmen“. Ich hätte auch nie daran gedacht Les Bouffes du Nord von ihm zu übernehmen, und er hat mich sehr klug davor bewahrt, mich Vergleichen und Anspielungen auf seine Person auszusetzen. Ich habe das alles erst verstanden, als ich älter geworden bin …

Was erwarten Sie sich von Salzburg?

Ich habe keine Ahnung, wie das Publikum hier ist. Die Festspiele hier sind ja berühmt als Opernfestival. Ich hoffe, dass die Menschen, die in meine Aufführungen kommen, offen dafür sind, sich ein paar Stunden lang in eine andere Welt versetzen zu lassen, alles, was „draußen“ ist vergessen. Dass sie wieder Kind werden. Das kann man nämlich, ohne „kindisch“ zu sein.

Zur Person: Befreit von den Promi-Eltern

Irina Brook
Geboren 1963 in Paris. Tochter von Theaterlegende Peter Brook und Schauspielerin Natasha Perry. Ging mit 18 nach New York, um bei Stella Adler zu studieren, wechselte später vom Schauspiel zur Regie. Lernte bei Ariane Mnouchkine. Gründete 2008 ihre eigene Compagnie, inszeniert Theater und Oper.

Prix Molière
Gewann mehrmals den Theaterpreis Prix Molière. Wurde 2002 vom französischen Kulturminister zum Chevalier des Arts et des Lettres ernannt. Die englische Übersetzung von „Peer Gynt“ stammt von US-Autor Sam Shepard, die Musik von Iggy Pop.

Festspielsommer in Salzburg

Februar 8, 2013 in Bühne

Cucina Italiana: Ferdinand (re.) beweist Prospero und Miranda, dass er ihre Kochrezepte beherrscht
25.08.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/4

Bunter „Sturm“ in Salzburg Kritik:

Eine hinreißende, entzückende Version von Shakespeares letztem Werk zeigt Irina Brook Shakespeares bei den Salzburger Festspielen.

Haubenköche sind Magier und in ihrem Küchenreich oft Tyrannen zwischen Topfdeckeln. Ein prominenter „Chef“ formulierte einmal: „In meiner Küche gibt es keine Demokratie.“
Daran mag Irina Brook gedacht haben, als sie sich Shakespeares „Sturm“ hernahm. Die Tochter von Theaterlegende Peter Brook präsentiert bei den Salzburger Festspielen nach einem mitreißenden „Peer Gynt“ nun eine hinreißende, entzückende Version des letzten Dramas des britischen Barden. Wobei Brooks Interpretation mit „Drama“ so gut wie nichts mehr zu tun hat.

Sondern mit Clownerie und akrobatischen Kunststücken – ein Hauch von Zirkusluft weht durchs Alte Salinenhaus auf der Halleiner Perner Insel. Würde dieses international hochgelobte Gastspiel am Zirkusfestival in Monte Carlo teilnehmen, es würde auch dort einen Preis gewinnen.

„Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“, ist das berühmteste Zitat aus dem „Sturm“. Brook zeigt, was Shakespeare damit gemeint haben könnte. Ein Zuschauerraum voll Erwachsener mit glänzenden Kinderaugen.

Dreisprachig im Dauereinsatz

Fünf Schauspieler in (bis auf die Miranda-Darstellerin Ysmahane Yaqini) jeweils mehreren Rollen sind im sprachlichen und körperlichen Dauereinsatz.

Singend, tanzend, musizierend, zaubernd, jonglierend, ständig wechselnd zwischen Französisch, Italienisch und Englisch erzählen sie die Geschichte des Prospero.

Einst war er Herzog von Mailand, wurde aber von seinem Bruder entmachtet und samt Tochter auf eine Insel verbannt, wo er als unsympathischer Zauberer lebt. Luftgeist Ariel und Hexensohn Caliban machte er sich untertan. Bis eines Tages ein Schiff auftaucht – und Prospero den Tag seiner Rache gekommen sieht …

Irina Brook verlegt die Handlung ins Kulinarische.

Ihr Prospero („Funiculì, Funiculà“ singend: Renato Giuliani), der „König der Pasta“ wurde aus seinem Ristorante vertrieben. Als nun unter den Schiffbrüchigen der Sohn seines Widersachers, Ferdinand, auftaucht, muss der beweisen, dass er gut kochen kann. Bart David Soroczynski, Sohn von Zirkuskünstlern, tut’s mit einer gekonnten Zwiebel-Jongliernummer.
In atemberaubendem Tempo läuft Brooks „La Tempête“ ab. Großartig auch die Szene, in der Ariel (Scott Koehler) wie in einer Rückwärtsspule die Begegnung von Caliban (Hovnatan Avédikian) mit ein paar tölpeligen Matrosen rekonstruiert. Am Schluss herrscht Friede, Freude, Frittata.
Miranda und Ferdinand werden die neuen Lokalbesitzer. Und Prospero legt Patiencen.