Bronski & Grünberg: Rigoletto – Denn er hat es nicht anders VERDIent

November 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Hampelmann und sein Hofstaat blöder Clowns

Lisa Reichetseder, Julia Edtmeier, Aleksandra Corovic, Rouven Stöhr, Stefan Lasko, Lukas Strasser und Max Konrad. Bild: © Philine Hofmann

Das Bronski & Grünberg, dies Jahr für den Nestroy-Spezialpreis nominiert gewesen, zeigt als aktuelle Produktion „Rigoletto“ mit dem Untertitel „Denn er hat es nicht anders VERDIent“. Das schon als Hinweis darauf, dass hier natürlich nicht große Oper gegeben, sondern eine der feinen Grotesken gezeigt wird, für die sich das Theater im neunten Bezirk mehr und mehr einen guten Namen macht. Text und Bühnenbild sind von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki, Regie führte Alex Pschill.

Und wie! Pschill spielt seine ganze Kammerspiele-Erfahrung an Klipp-Klapp-Komödie aus, nur dreht er die Schraube weiter, überdreht sie, bis eine überdrehte Aufführung hervorschnellt, skurril, absurd und absolut zum Totlachen. Letzteres vor allem ein Verdienst der wunderbaren Julia Edtmeier, die als Rigoletto so erbarmungswürdig komisch ist, so verbissen ernsthaft im allgemeinen Wahnsinn, der sie umzingelt, dass man gar nicht anders kann, als ihren Hofnarren mitleidig zu mögen.

Wiewohl die Figuren ganz nahe bei Verdi geführt werden, ist der traurige Berufspossenreißer nicht der einzige Clown weit und breit. Edtmeier, Dymnicki und Pschill legen ihr Stück als Analyse dieses Seinszustands an.

Vom Arlecchino – tatsächlich lässt Pschill seine Darsteller etliche Lazzi spielen – bis zu Pennywise ist die Bandbreite ja groß, und so regiert hier ein böser Hampelmann über einen Hofstaat blöder Hanswurste. Rouven Stöhr ist dieser Herzog von Mantua, ein erotomanischer Einfaltspinsel, dem die meiste Zeit die Zunge aus dem Hals hängt, wenn er sich über die Ehefrauen seiner Untergebenen hermacht. Wie im Scherenschritt strampelt er über die Bühne, und lacht wie ein Wolf knapp vorm Zubeißen, glaubt einer, sich seinen Wünschen widersetzen zu können. Stöhr verpackt in die Rolle so viel Irresein, wie sie zulässt, sein Herzog ist ein gefährlicher Machtmensch, hinter dessen Charme das Verderben lauert.

Umringt ist er von Max Konrads „Ceprano“, Lukas Strassers „Marullo“ und Stefan Laskos „Bianco“ (er auch für die Musik zuständig, erstaunlich in wie vielen Variationen man „Caro nome“ und „La donna è mobile“ intonieren kann, erstere Arie einmal sogar als Orgasmus), drei Tölpel und Handlanger, die ihren Herrn hasslieben und ihre Rache an ihm stattdessen an Rigoletto ausleben wollen. Herrliche Szenen entstehen da, wenn das Trio versucht, sich im Tausend-Türen-Palast zu verstecken, um Gildas habhaft zu werden. Die Tochter des Rigoletto gestaltet Lisa Reichetseder hart an der Grenze zu einer modernen Colombina, als eine lebenslustige und selbstsichere Figur, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und mit ihren 18 Jahren endlich wissen will, was die Männer-/Welt zu bieten hat. Aleksandra Corovic ist ein schön sinistrer Sparafucile.

Dreh- und Angelpunkt der durch Crowdfunding finanzierten Inszenierung ist aber, wie gesagt, Julia Edtmeiers Rigoletto. Laborierend an einer Déformation professionnelle ist dieser Außenseiter, ausgestattet mit einem Mikrophon wie ein – in diesem Falle schlechter – Stand-up-Comedian, in jeder Beziehung unlustig. Seine Witze zünden nicht, und auch, wenn er der Versuchung nicht widerstehen kann, auf der berühmten Bananenschale auszurutschen, findet das keiner komisch. Die Augen stets unstet, die zuckenden Mundwinkel nach unten gezogen, die Finger dauernd in angespannter Bewegung, so agiert Edtmeier als einer, der das Schlimmste – die Schändung seiner Tochter – verhindern will, und doch versagen muss.

Alles endet nicht in einem Sack, sondern mit einem Koffer. Doch wer da drin steckt … unbedingt anschauen!

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27. 11. 2017

Bronski & Grünberg: Richard III.

Oktober 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mordsspaß mit dem Monster

Sympathy for the Devil: Josef Ellers macht aus Richard III. einen charmanten Verführer. Bild: © Philine Hofmann

Es gibt viele gute Gründe, warum Shakespeare-Aficionados sich die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg nicht entgehen lassen dürfen, und es gibt einen sehr guten Grund – namens Josef Ellers. Der 29-jährige Klagenfurter gibt einen „Richard III.“ wie ihn sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Verschmitzt, falsch und verräterisch, um Verständnis, ja um Mitleid heischend, da unschuldig „ums schöne Ebenmaß verkürzt“, und mehr als gewillt, den Dreckskerl aufzuführen. Das Ziel heißt Krone, dafür werden Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ellers wischt alle möglichen Vorbilder, die Wien schon gesehen hat, scheint’s unbekümmert aus dem Blickfeld. Er macht auf charmanter Manipulator, und buckelt dabei im Wortsinn wie ein treuer Diener des Staates; statt A-part-Sprechen setzt er aufs Beiseitegrinsen, macht sich so das Publikum zum Komplizen, und tatsächlich, man hat Sympathien für diesen gerissenen Teufel. Der hat Witz, der hat Charisma, man hat einen Mordsspaß mit dem Monster. Und endlich einen Richard, bei dem verständlich ist, warum die diversen Witwen der von ihm Gemeuchelten auf ihn fliegen …

Helena Scheuba ist als Regisseurin und Übersetzerin für diese tadellose Inszenierung verantwortlich, mit der das Bronski & Grünberg seine zweite Saison eröffnete. Auf der Rückwand hat Bühnenbildner Daniel Sommergruber den „Schummelzettel“ angebracht, die Stammbäume der Geschlechter Lancaster und York. Auf einen Blick erklärt sich wer mit oder warum gegen wen, während Richard, das rote Farbkübelchen in der Krüppelhand, blutrünstig und mit Malerpinsel die Namen derer streicht, die er bereits gefällt hat. Ganz am Rande steht – Richmond, und darunter hängt sein Schwert.

Elizabeth schwört ihre Verbündeten ein: Johanna Rehm mit Sophie Aujesky und David Jakob. Bild: © Philine Hofmann

Schwarze Tränen und Verwünschungen für Richard: David Jakob als Königin Margaret. Bild: © Philine Hofmann

Wie überhaupt jeder Figur eine Requisite zugeteilt ist. Sophie Aujesky, Johanna Rehm und David Jakob nehmen sie von den jeweiligen Haken, verwandeln sich blitzschnell in den nächsten Charakter. Das tolle Dreiergespann schlüpft in alle weiteren Rollen, stattet zwei Dutzend Nebenfiguren mit oder ohne Rückgrat, mit übler Gesinnung oder nobler Haltung aus – ob Mann oder Frau ist egal. Und so ist Sophie Aujesky unter anderem ein großartig wütender Eduard, ein ehrenwerter Lord Hastings und eine angewiderte und dennoch leicht um den Finger gewickelte Anne (deren Name auf der Wand entsprechend die Seiten wechselt).

David Jakob brilliert vor allem als Richards Mann fürs Grobe, Buckingham, und als parzenhafte, schwarze Tränen weinende Königin Margaret. Außerdem ist er der im Tower ermordete Bruder George. Johanna Rehm ist eine verzweifelt rasende Elizabeth, ein angstvoller Stanley, und schließlich der ruhmreiche Richmond – inklusive beeindruckendem Schwertkampf mit Ellers‘ Richard. Rehm und Aujesky können auch ihre Slastickqualitäten ausspielen, sei’s als tollpatschige gedungene Mörder, in dieser Szene ist Scheubas Arbeit echtes Shakespeare’sches Volkstheater, oder als präpotent aufsässiges Prinzenpaar, zwei echte Früchtchen, die den Onkel wegen seiner Behinderung verspotten. Ihre Abschlachtung markiert Aujesky als mit dem Feuerzeug spielender Tyrell einfach, indem sie ihre Papierkrönchen anzündet. Zwischen solch symbolhaften, mitunter trashigen Szenen läuft Popmusik zu Liebe, Macht, Schuld.

Am Ende ihrer Politikeransprachen, dem Verbalduell Richard vs Richmond, folgt der Waffengang, Richards Name der letzte, der von den Siegern genussvoll gestrichen wird. Zweieinhalb Stunden dauert die Aufführung im Bronski & Grünberg, jede Minute davon spannend. Als nächstes will das Team um Kaja Dymnicki und Alexander Pschill mittels Crowdfunding einen „Rigoletto“ auf die Beine stellen. Von „Richard III.“ gibt es noch zehn Vorstellungen bis 10. Dezember.

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5. 10. 2017

Der todkranke Eduard wütet über Richards Ränkespiel: Sophie Aujesky mit Johanna Rehm. Bild: © Philine Hofmann

Buckingham macht sich zu Richards Handlanger: David Jakob und Josef Ellers. Bild: © Philine Hofmann

Bronski & Grünberg Theater: # Werther

April 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kanarienvogel kommt auch vor

Josef Ellers. Bild: Jan Frankl

Das Bühnenbild ist im Wesentlichen ein überdimensionales Smartphone-Display. Die „Super Rich Kids“ sind über allerlei Kanäle miteinander verbunden. Facebook, Snapshot, Twitter. Und man ahnt, schon lange war kein junger Werther mehr so jung wie diesmal.

„# Werther“ heißt entsprechend zum Social-Media-Auftritt des Protagonisten der Abend, den Regisseurin Helena Scheuba, Tochter von Florian und Mena Scheuba, mit dem Josefstadt-Schauspieler Josef Ellers entwickelt hat, und der noch bis 25. April im Bronski & Grünberg Theater zu sehen ist.

Scheuba und Ellers legen Goethes Roman 1:1 aufs Heute um – und siehe da: Es geht sich aus. Egal, ob mitten im O-Ton-Monolog eine Freundschaftsanfrage von Pauli Rosenberger reinkommt, „der Graf“ zum „One Night in Wahlheim“-Rave lädt, oder sich später Albert und Werther via SMS über Sinn und Unsinn von Suizid austauschen werden. „# Werther“ ist radikal anders, erfrischend neu gedacht – und, zumindest was die via iPod zugespielte und die Stimmungslagen des Antihelden definierende Songauswahl betrifft, laut.

Josef Ellers spielt sich 70 Minuten lang die Seele aus dem Leib. Von 0 auf 100, von manisch zu depressiv, kommt er in einer Tanzdrehung. Wenn ihn Lotte mit ihren „kleinen Vertraulichkeiten“ aufsext, kann er sich vor dem Griff in die Hose durch strenges Workout retten. Der an verliebten Lippen pickende Kanarienvogel kommt diesbezüglich übrigens auch vor. Man sieht seinen Werther Wodkatrunken und –kotzend. Und amüsiert sich, wenn über das „sehr viel Natur“ eines lieben Fräuleins berichtet wird – und dazu ein Vollbusenbild zu sehen ist.

”Es ist in der Welt nichts Lächerlicheres erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch kommen mir oft darüber die Tränen in die Augen“, sagt Werther. Da ist Lotte längst als Hintergrundbild hochgeladen, und Liebe und Leid sind immer während. Zu den Selfies gehört auch ein Waschbrettbauchvergleich mit Albert und ein Herumalbern in einer Jahrmarktachterbahn. Die Assoziationen, die Scheuba und Ellers finden, sind großartig, die Pistole knapp vor Aus ein Emojicon.

Bild: Jan Frankl

Bild: Jan Frankl

Ellers changiert zwischen Hoffen und Bangen, zwischen dem Versuch, seine Verzweiflung weg zu kaspern und stets ein bissl Machogehabe. Bis das Unheil mittels eines geänderten Beziehungsstatus Gewissheit wird, und sich das Unglück Bahn bricht, und ”# Werther“ sich aus allen Foren abmeldet. So bedingungslos ist das Begehren immer noch. Nach mehr als 200 Jahren, und nachdem Briefe längst durch Textnachrichten abgelöst sind. Scheuba hat das zeitlos-poetische von Goethes Werk unterstrichen, gerade indem sie es in der Jetztzeit andockt. ”# Werther“ ist ein junger Romantiker, der in einer Welt, die ihm alles bieten möchte, seinen Platz sucht und doch keinen Halt findet, und Josef Ellers stürmt’s und drängt’s in der Rolle als Wohlstandsverwahrlosten, als gäbe es, nein: weil er weiß, es gibt kein Morgen. Herr Geheimrat wäre mit dieser Interpretation seines Ansinnes wohl zufrieden gewesen …

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Wien, 19. 4. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Der Spieler

März 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Saigon spielen die Amis auf Russisch Roulette

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Dominic Oley als „Der Spieler“ Alex W. Rodeo würgt den arroganten Franzosen Froggie alias Florian Carove. Bild: © Lukas Wögerer

Im erst diesen Winter aus der Taufe gehobenen Bronski & Grünberg Theater stand am Wochenende „Der Spieler“ auf dem Premierenplan. Die beiden künstlerischen Leiter Alexander Pschill und Kaja Dymnicki haben aus Dostojewskis Roman eine eigene Fassung fürs Haus erarbeitet, haben auch gemeinsam Regie geführt – und einen richtig klasse Abend auf die Bühne gestellt. Die große Kunst, die ihnen hierbei gelang: Wiewohl die Zeit um mehr als hundert Jahre und der Ort um beinah 9.700 Kilometer verschoben wurden, wird dem Nonplusultra aller russischen Schriftsteller keine Gewalt angetan.

Pschill und Dymnicki haben dies Werk der Weltliteratur, wie vom Autor vorgesehen, als burleske Groteske verstanden. Sie setzen in ihrem Text auf Wortwitz und Sprachspielereien, treiben das gegenseitige Miss- und Unverständnis der Figuren auf die Spitze; sie setzen in ihrer Inszenierung alle Mittel der Komödie ein, von Slapstick und Slow Burn bis Sitcom-Off-Gelächter und Klipp-Klapp, und machen so, was für die glänzend agierenden Schauspieler punkto Tempo und Timing eine Tour de Force ist, zur Tour d’Humeur fürs Publikum.

„Der Spieler“ residiert und hasardiert nun im Saigon der Roaring Seventies. In einem versifften Hotel mit ausgeschildert zweideutigen Angeboten, Zigarettenigel auf dem Couchtisch, Captain Kirk im Fernsehen und einem Richard-Nixon-Foto an der Wand langweilt sich eine Gruppe Glücksritter, die ihr Schicksal der erbsengroßen Elfenbeinkugel anvertraut hat. Außer dem Fake-Franzosen de Grieux und seiner angeblichen Schwester Mademoiselle Blanche, entstammen die übrigen Gäste der zweiten Grande Nation, die sich in Indochina blutig geschlagen geben musste – den USA. Der General wurde von der United States Army ausgemustert, „weil es da so einen Vorfall in Pearl Harbour gab“, sein vom Hauslehrer zum Sekretär avancierter Lohnsklave nennt sich Alex W. Rodeo, und alle zusammen warten sie auf das Ableben von Auntie Babushka in Pittsburgh. Leichte Mädchen, malträtierte Marines, eine Fleisch gewordene Discokugel und ein Menschen/Äffchen in Hotelpagenuniform stürmen als Lokalkolorit immer wieder quer durchs Geschehen.

Ansonsten ist die Handlung die gleiche geblieben. Dabei skizzieren Pschill und Dymnicki eine Spaßgesellschaft, wie sie heutiger nicht sein könnte. Das Amüsement um jeden Preis, selbst den der Insolvenz, steht im Lebensmittelpunkt, der Schein – vor allem der Geldschein – gilt mehr als das Sein. Nur, weil dies alles unecht, obwohl doch Authentizität die zur Stunde gebotene Maskerade ist, lauert mitten in der Kokain-highen Society auch die Verzagtheit und die Verzweiflung.

Tagsüber gähnt im Hotel Saigon die große Langeweile: Lisa Reichetseder als Blanche, Martin Zauner als US-General, Florian Carove als Froggie und Julia Edtmeier als Polina. Bild: © Lukas Wögerer

Doch des Nachts kommen die Spielernaturen aus ihren Schlupflöchern: Martin Zauner, Lisa Reichetseder, Florian Carove und Dominic Oley. Bild: © Lukas Wögerer

Das Ensemble ist mit überbordender Spielfreude bei der Sache. Allen voran Dominic Oley als „Spieler“ Alex. Mit hoher Geschwindigkeit turnt er über die Bühne wie durch den Text, ein Wirbelwind, gebeutelt von Roulettesucht und unerwiderten romantischen Gefühlen und Rachegelüsten ob dieses Seelenzustands. Martin Zauner, neben Pschill und Oley der dritte Josefstädter im Bunde, gibt den General als weinerlichen Choleriker, eine asymmetrische Mischung, wie sie wohl nur ihm gelingen kann. Pschill und Dymnicki entfachen für dies dynamische Duo ein Feuerwerk an szenischen Einfällen, die Schwüle der mit viel Liebe für Details ausgearbeiteten Situationen ist dem tropisch-feuchten Klima Vietnams angepasst.

Nach der Pause: Auftritt der vierten Josefstädterin, Alexandra Krismer als Auntie Babushka schrill, schräg, schrecklich, gekommen, um die Mischpoche aufzumischen und, schließlich selbst vom Spielfieber gepackt, deren erwartetes Erbe zu verlieren. Wie von weit her hört man das Klacken der Kugel im Kessel – Rien ne va plus … Oley, Zauner und Krismer gestalten ihre Figuren hart an der Karikatur und schwer satirisch. Die Intimität des Raumes verleiht ihrer Darstellung eine Unmittelbarkeit, der man sich nicht entziehen mag.

Ein zweites Epizentrum des Abends sind die Wortgefechte zwischen Oleys Alex und dessen Love Interest Polina. Julia Edtmeier gestaltet die Tochter des Generals mit spöttisch-sarkastischem Mundwerk, aber heißblütigem Schulterzucken. Lisa Reichetseder macht aus Blanche eine berechnende Möchtegern-Femme-Fatale. Herrlich, wie sie Gilbert Bécauds „L’important c’est la rose“ auf lasziv getrimmt vorträgt. Als Gegensatzpaar fungieren auch David Oberkoglers kühl zurückhaltender, doch berechnender Engländer Astley und Florian Carove als de Grieux, hier Froggie genannt. Wie Carove mit Ustinov’scher Hercule-Poirot-Attitüde seine Intrigen spinnt, ist ein Kabinettstück für sich.

Oh Schreck, die Tante verzockt ihr ganzes Vermögen! Alexandra Krismer als Auntie Babushka mit Lisa Reichetseder, Martin Zauner, Julia Edtmeier, Florian Carove und Dominic Oley. Bild: © Lukas Wögerer

Nach zwei Stunden ist Apokalypse Now. Hochstapler und Hasardeure sind entlarvt, das Geld, statt auf dem Konto eingegangen, auf der Spielbank ausgegeben. Die gar nicht glorreichen Sieben treten den Rückzug an …

Das Publikum im ausverkauften Bronski & Grünberg Theater tobte vor Vergnügen. Zu sehen ist „Der Spieler“ dort bis 9. April; noch bis 4. April zeigt Claudia Kottal ihre Erfolgsproduktion „Vor dem Fliegen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24085). Das Bronski & Grünberg entpuppt sich mehr und mehr als wunderbare Bereicherung der Wiener Theaterlandschaft. Prädikat: Sehenswert!

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Wien, 13. 3. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Vor dem Fliegen

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Kottal variiert „Thelma & Louise“ auf Wienerisch

Bewaffnet und gefährlich: Julia Schranz als Louise/Christiane. Bild: Monika Rovan

Es ist schon etwas Besonderes, sich über eine Theaterneugründung zu wagen. Schauspieler Alexander Pschill und seine berufliche wie private Mitstreiterin Kaja Dymnicki haben’s gewagt, haben das Bronski & Grünberg Theater aus der Taufe gehoben – und das Besondere beginnt schon Foyer. Der morbide Charme der nach den Underdogs aus Lubitschs Kinotragikomödie „Sein oder Nichtsein“ genannten Bühne ist unvergleichlich.

Das Ambiente changiert zwischen abgehaustem Etablissement und heimeliger Wohnzimmeratmosphäre anno psychedelic Seventies. Die Garderobe bedient man bitte selbst, am Buffet dafür der berühmte Fred Pschill, der in dieser neuen Rolle nicht nur völlig aufgeht, sondern – ein Glück – auch seinen erlesenen Weingeschmack ans Haus mitgebracht hat. Der Spielplan liest sich spannend, die Schauspielernamen auch, hat Alexander Pschill doch etliche seiner Josefstadt-Kollegen zum Mitmachen animieren können. Doch nicht nur die wissen die Intimität des neuen Spielraums zu schätzen.

Donnerstagabend brachte Claudia Kottal „Vor dem Fliegen“ zur Uraufführung. Das Stück stammt von ihr, sie hat auch die Regie übernommen und mit Julia Schranz und Anna Kramer zwei hervorragende Darstellerinnen besetzt. Der Text ist eine Paraphrase von Ridley Scotts Meisterwerk „Thelma & Louise“, ganze Dialogpassagen sind dem Drehbuch von Callie Khouri entnommen. Dazu verwendet Kottal Zitate aus Interviews, die das Team mit Frauen und Männern geführt hat, und Stellen aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution“.

Aus diesem Mix ist ein gewitzter, auch witziger Abend entstanden, der Geschlechterrollen und -klischees hinterfragt und dabei die Männer wie die Frauen aufs Korn nimmt. Es geht um Rollenprägungen, um schmerzfreie Indianer und mitleidheischende Heulsusen, um männliches Machtgefühl und die Bequemlichkeit der weiblichen Opferhaltung – und die Frage, ob das alles genetisch oder gesellschaftlich bedingt ist. „Emanze, ist das ein Superwort?“, will Julia Schranz eruieren. Und dann, apropos: aufs Korn nehmen, ist plötzlich eine Pistole im Raum, und wer den Film kennt, weiß, dass damit auch geschossen werden wird.

Überhaupt ist es von Vorteil, den Film zu kennen. Die versteckten Anspielungen auf das Roadmovie machen bei Entschlüsselung einfach zu viel Spaß. Kottal hat ihre Protagonistinnen von Arkansas-am-A***-der-Welt an die Wiener Peripherie übersiedelt, der Trip soll entsprechend zum Annaberg gehen, doch natürlich wird auch diesmal der harmlose Wochenendausflug zweier Freundinnen und Mediamarkt-Verkäuferinnen zur Höllenfahrt.

Statt im US-Provinzkaff Kellnerinnen nun Mediamarkt-Verkäuferinnen an der Wiener Peripherie: Claudia Kottal und Anna Kramer. Bild: Monika Rovan

Auch die Fast-Vergewaltigungsszene aus dem Film fehlt auf der Bühne nicht. Schranz und Kramer wechseln dazu blitzschnell die Rollen. Bild: Monika Rovan

Christiane und Michelle heißen sie, und holen sich ihr Publikum als Flyer verteilende „Hühner“ aus dem Vorraum ins Innere des Geschehens. In einen mit zwei Kloschüsseln ausgestatteten Mitarbeiteraufenthaltsraum (Bühne: Monika Rovan), der je nach Bedarf zur Bar oder zum Motelzimmer wird, beziehungsweise zur jeweils dazugehörenden Toilette. So wandlungsfähig wie die diversen Häusln müssen auch die Schauspielerinnen sein. Des Hühnerkostüms entledigt gestalten sie nicht nur die beiden Frauenrollen, sondern wechseln blitzschnell die Position, um auch in die Haut der Männer zu schlüpfen. Beeindruckend gelingt das in der Fast-Vergewaltigungsszene in der Bar, Anna Kramer als Angegriffene, Julia Schranz als Angreifer, dann plötzlich als bewaffnete Christiane, deren Trauma sich – siehe Louise – nach und nach enthüllt.

Filmszenen durchbrechen die Bühnenrealität, Erstere durch Zweitere auch ein wenig persifliert, etwa wenn „Bradl Pitt“ am Straßenrand links liegen gelassen wird oder der Kauf von „Safepants“, den versperrbaren Unterhosen gegen sexuelle Übergriffe, angekurbelt werden soll. Sehr pointiert wird das alles vorgebracht, oft sehr konkret in der Darstellung und daher umso zwingender. Sowohl Schranz als auch Kramer wissen das Publikum zu packen, wissen, wie’s funktioniert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Für Thrilleratmo sorgt die Musik von Eva „Gustav“ Jantschitsch.

Während Kramer weibliche Rückzugsszenarien aus unangenehmen Situationen durchexerziert, stellt Schranz lapidar fest: „Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selber.“ Dies ihrem Ratgeber „Was Männer wirklich wollen“ entnommen, denn die Ratgeberinnenpose gegenüber den Zuschauern wird selbstverständlich eingenommen. Sind ja auch Männer im Raum. Die keineswegs „mitgenommen“, sondern zum Schluss dieser klugen, aber nie belehrenden Aufführung genauso gut unterhalten waren wie ihre Begleiterinnen. Das Bronski & Grünberg Theater hat mit „Vor dem Fliegen“ eine großartige schwarze Komödie auf dem Programm. Deren Titel bezieht sich auf Thelmas letzte Worte: „Steig aufs Gas!“ Das ließ sich das Trio Kottal, Schranz und Kramer nicht zwei Mal sagen. Bravo!

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Wien, 23. 2. 2017