Theater im Bahnhof Graz / Live-Zoom: Liebe Regierung! Briefe aus dem Bauch der Republik

Dezember 12, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie viele Schaumrollen bis zum Speiben?

Von Grazerinnen an den Grazer: Monika Klengel und Pia Hierzegger mit einem an den neuen Bildungsminister Martin Polaschek adressierten Brief. Bild: © Johannes Gellner

Eine Live-Online-Leseperformance ist die jüngste herausfordernde Idee des niemals um eine solche verlegenen Grazer Theater im Bahnhof. Da immer mehr Menschen, egal welcher politischen Glaubensrichtung, das Gefühl haben nicht gehört zu werden, startete das TiB den Versuch einer schriftlichen Annäherung an den Staat. Das Team bat das Publikum, Briefe an Mitglieder der aktuellen Bundesregierung oder andere politische Verantwortungs- trägerinnen und -träger zu verfassen.

Diese werden nun an fünf Abenden, der erste davon gestern, in abwechselnder Besetzung von Monika Klengel, Eva Hofer, Juliette Eröd, Jacob Banigan, Beatrix Brunschko, Gabriela Hiti, Martina Zinner, Elisabeth Holzmeister, Pia Hierzegger und Lorenz Kabas vorgetragen. Selbstverständlich im typischen TiB-Stil. Heißt: als eine Art Schaumrollen-Challenge. Beherzt hineingebissen werden muss ins Blätterteiggebäck, dass die Zuckerschneefüllung nur so quillt. Bis man – nach Vorbild chinesischer Glückskekse – auf dem Zettelchen mit der Losnummer für den nächsten vorzulesenden Brief herumkaut.

Das geht so lange, bis die leere Schaumrolle gezogen ist, gestern gelang das Eva Hofer um 19.14 Uhr – und während man vorm Bildschirm sitzt und lauscht und staunt, windbeutelt einen die Frage: Wie viele Schaumrollen, bis es zum Speiben ist? Klar hat die Performance keinen anderen Mehrwert als den, ein Stimmungsbild, ein Sittenbild des derzeitigen Zustands der Republik darzustellen. Wobei die TiBler bei ihrer mehlspeisigen Lottoziehung trotz aller Dreistigkeit allesamt Waisenkinder gegen die Chuzpe der rochierenden Parteiwiedergänger und Volksverdreher sind.

Immerhin: Welch ein Einfall, Schaumrollen für die ihre Rollen spielenden politischen SchaumschlägerInnen! Und so momentan das Ganze daherkommt, gilt es den Hut zu ziehen vor den Umbauarbeiten, die die vergangenen Tage wohl mit sich brachten. Einen Brief jetzt mit MFG enden lassen? Der Freiheitsruf der DDR-Bürgerinnen und Bürger „Wir sind das Volk!“ nun rausgebrüllt vom rechten Rand der gegen den „Impfzwang“ Demonstrierenden? Wie Worte doch im Munde umgedreht ihre Bedeutung ändern.

Eva Hofer. Bild: © Johannes Gellner

Lorenz Kabas. Bild: © Johannes Gellner

Monika Klengel. Bild: © Johannes Gellner

Die Radikalisierung der Sprache ist denn auch Thema vieler Briefe. Martina Zinner hat einen von M.J.Z. mit dem Wunsch um mehr Dialog und der Bitte, Kinder nicht als Superspreader zu bezeichnen. Die Leiterin eines steirischen Pflegeheims beschwert sich bei Landeshauptmann Schützenhöfer über den Bogner-Strauß-Sager von Pflegeeinrichtungen als „Sarggassen“ und ungeimpftem Pflegepersonal als „Todesengel“.

M.W. kritisiert als Losnummer 18 und via Pia Hierzegger Werner Kogler für seine „versaute Annäherung an die Fremdenfeindlichkeit“ des Koalitionspartners, Neo-Bundeskanzler Nehammer muss sich – noch als Innenminister – „zynische Ressentiments“ und „eine Show ohne jede Substanz“ vorwerfen lassen. Eine irakische Schutzsuchende, Künstlerin, 2015 nach Österreich gekommen, schildert ein Über-/Leben ohne gültige Papiere. Eine ehemalige Ostdeutsche adressiert Alexander van der Bellen. Österreich erinnere sie mehr und mehr an die DDR: „Politik und Medien auf der einen Seite, die Menschen auf der anderen Seite, und die beiden hatten nichts miteinander zu tun.“

Alldieweil zeichnen, eigentlich karikieren gerade nicht lesende PerformerInnen auf einem Flipchart die Elli Köstinger, den Mückstein, die (sic!) Edtstadlerin, den neuen Bildungsminister Martin Polaschek – ein Gruß aus Graz an den gewesenen Grazer Uni-Rektor -, und sie tun dies per Schlafbrille blind gemacht wie die Justitia. Ein Zeichen für die Unparteilichkeit des Abends. Hier werden nämlich auch Schaumrollen gegessen, die dem Ensemble nicht schmecken … Die Gesichter röten sich, nach den Lippen die Augenlider, die Wangen; die Getränke zum Runterspülen jedwedes Süßen wechseln von Tee und Frucade zu Rotwein und Wodka-Stoli.

PolitikerInnen blind skizziert: Juliette Eröd, Monika Klengel und Lorenz Kabas. Bild: © Johannes Gellner

Eva Hofer mit einem Foto von Bildungsminister Martin Polaschek und Lorenz Kabas. Bild: © Johannes Gellner

Pia Hierzegger hat Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein an die Wand gemalt. Bild: © Johannes Gellner

Lena Rucker begleitet die Live-Lese-Performance musikalisch. Bild: © Johannes Gellner

A.E. hat gedichtet, Gabriela Hiti trägt vor: „Der neue Innenminister / nie den Basti vergisst er /  er baut ihm in Wien ein Museum / und das andere schließt er …“ Zum Schluss: Christa Wolf, Kassandra. „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen, in Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter ändern Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen …“

„Aus dem Bauch der Republik“ hat das TiB Sprachtheater auf höchstem satirischem Niveau gestaltet und dem Anlass entsprechend getragen vorgetragen. Heute, bei der zweiten Lesung, kann und wird alles so ähnlich und doch ganz anders sein. Schauen, hören Sie sich das an. Die Hoffnung, etwas bewirken zu können, stirbt bekanntlich zuletzt.

Zoom-Link an fünf Abenden bis 22. 12. ab 17.50 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos, Spenden gehen am Heiligen Abend an den Verein Doro Blancke Flüchtlingshilfe. Die Briefe, aber auch Bilder, Objekte und andere Left-Overs aus den Performances, werden danach als Installation „Liebe Regierung. Das Studio“ zugänglich sein.

Link für die ZOOMVERANSTALTUNGEN           SPENDE statt KARTE

www.theater-im-bahnhof.com

  1. 12. 2021

Volkstheater: ich lerne: gläser + tassen spülen

Januar 30, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Briefe von Bertolt Brecht und Helene Weigel

Bild: © Klaus Lefebvre

Bild: © Klaus Lefebvre

„Ich bitte Helli, folgendes zu veranlassen: 1) daß der Tod sichergestellt wird, 2) daß der Sarg aus Stahl oder Eisen ist, 3) daß der Sarg nicht offen ausgestellt wird, 4) daß er, wenn er ausgestellt werden soll, im Probenhaus ausgestellt wird, 5) daß weder am Sarg noch am Grab gesprochen, höchstens das Gedicht An die Nachgeborenen verlesen wird, 6) daß die Totenwache, wenn eine solche gewünscht wird, nur von Schauspielern gehalten wird, 7) daß keine Musik gespielt wird, 8) daß das Grab im Garten in Buckow oder im Friedhof neben meiner Wohnung in der Chausseestraße liegt und nur den Namen Brecht auf einem Stein hat. Danke, Helli!“

Brecht, November 1953, Berlin

Erst seit jüngstem gehört die „Brecht-Sammlung Victor N. Cohen“ dem Brecht-Archiv, einschließlich zahlreicher unbekannter Briefe, die Brecht während seines amerikanischen Exils Mitte der vierziger Jahre von der Ostküste der USA an Helene Weigel nach Kalifornien geschickt hat. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jahrhundertbriefe“ präsentieren am 3. Februar um 19.30 Uhr im Empfangsraum des Volkstheaters die Schauspieler Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier eine Auswahl aus den im Suhrkamp-Verlag erschienen Briefen erstmals auf einer österreichischen Bühne:
ich lerne: gläser + tassen spülen
Bertolt Brecht und Helene Weigel
Briefe 1923–1956
In einer ersten Bestandsaufnahme ihrer Beziehung schreibt Brecht zum Jahreswechsel 1923/24 an und über die junge Schauspielerin: „H W“; von ihr getrennt, herrschen bei ihm „Starke Langeweile/90% Nikotin/0% Grammophon“. Immer wieder bestürmt er sie: Sie möge ein Zimmer oder eine Wohnung beschaffen, Bücher und Artikel besorgen, er erkundigt sich nach ihren Rollen und nach der Resonanz von Publikum und Kritik; er berichtet über die Arbeit an den eigenen Stücken oder darüber, dass er „mit viel Nikotin wenige Sonette hergestellt“ habe. Nach der Flucht aus Deutschland Anfang 1933 geht es immer wieder um Orte, an denen Brecht weiterarbeiten kann, um die Mühsale einer Familie im Exil und um die Nöte einer Schauspielerin, die 15 Jahre lang ohne Bühne ist. Die aus begütertem Wiener Hause stammende Schauspielerin Helene Weigel lernt Brecht durch Vermittlung eines Jugendfreunds  im September 1923 in Berlin kennen. Sie wird Geliebte, Ehebrecherin an Marianne Zoff, schwanger, Ehefrau. Eine Jahrhundertverbindung. Brecht, biblisch im Wort-Sinn, liebte und betrog die Frau, bewunderte und beherrschte die Schauspielerin, vertraute der Gefährtin wie wohl keinem anderen Menschen. Er webt sie ein in sein Spinnennetz aus Zartheit, Hass, Verfallenheit und Beutegier. Früh ist der Ton seiner Briefe harsch und verlangend: Helene Weigel hat „Schwamm und Bürste“ zu ordnen, Briefe (an Piscator und Herbert Ihering) abzuschreiben, „ruf auch sogleich Ullstein an“ und „erkundige dich“ und „schicke mir“ und „hinterleg die genaue Adresse des Schuhmachers für mich“. Dazwischen ist diese Korrespondenz voller Tratsch und Klatsch über Schauspieler, Sottisen über Kollegen, Ehrgeizausflügen ins Elysium Berlin. Politisches vom Marxisten sucht man. „Ich küsse Dich, liebe, alte Helli, es ist schlimm, daß ich nicht da bin“, schreibt Brecht aus Paris zu Weigel nach Moskau. „Lieber Bert, jetzt muß ich Dir schon einen Brief schreiben, weil es mir selber närrisch vorkommt, daß ich nein sage, wenn Du mit mir schlafen willst, und außerdem erstaunt mich Dein sofort auftretendes neubelebtes Interesse, wieso, nur wegen dem nein?“, schreibt die Weigel. Und 1944 nach Bekanntwerden seiner Liaison mit Ruth Berlau: „Du kannst und willst nicht eine deklarierte mit Stempel versehene Ehe führen,  (…) das ist schon ein Fußtritt von besonderer Heftigkeit.“
Brecht-Enkelin Johanna Schall findet sich in der Welt dem Künstlerduo durch den Briefwechsel näher gebracht. Selbst große Geister leben zwischen niedrigen Erledigungen. Kunst ist alles, aber der Abwasch ist auch noch da. „Beide waren eigenwillige Dickköpfe, aber das ist ja eine Eigenschaft, die meiner ganzen Familie eigen zu sein scheint.“
Bertolt Brecht / Helene Weigel: „Briefe 1923-1956. ich lerne: gläser + tassen spülen“, herausgegeben von Erdmut Wizisla. Suhrkamp Verlag.
Wien, 30. 1. 2014