Landestheater NÖ: Árpád Schillings „Erleichterung“

Dezember 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das bröckelnde Bürgerhaus ist schnell neu verputzt

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“

Die Produktion ist bis 17. 2. am Landestheater Niederösterreich zu sehen, am 23. und 24. 1. gastiert das Haus damit an der Bühne Baden.

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  1. 12. 2017

Landestheater NÖ: Romeo und Julia

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dramaqueen trifft Keifzange, am Ende beide tot

Upper-Class-Kids beim (selbst)mörderischen Zeitvertreib: Tim Breyvogel und Seyneb Saleh als Romeo und Julia. Bild: Alex Pelekanos

Beim Verlassen des Theaters macht es ein schätzungsweise siebenjähriger Knabe aus der Reihe vor einem deutlich. „Mama, warum sind die alle wieder aufgestanden und haben weitergespielt?“ Jahaha! Weil sich da einer was gedacht hat. Sebastian Schug inszenierte am Landestheater Niederösterreich Shakespeares „Romeo und Julia“ als Mix aus untoten Neo-noir-Film-Fechtkünstlern, sinistrem Lucius-Malfoy-Lookalike und dem Thomas-Bernhard-„Theatermacher“-Zitat:

„Selbst an unseren Staatstheatern lernt kein Mensch mehr sprechen“. Güldene Ausnahme: Johanna Tomek als Amme. Trostlos. Da war man extra nach St. Pölten aufgebrochen, um sich shakespearen zu lassen, doch selten hatte der Welt größte Lovestory weniger Liebe, die Darsteller weniger Charisma, die Inszenierung weniger Tiefgang. Wo’s doch so ist, dass man ob der Seelenblähungen des Lerchen-Pärchens seit Gymnasiumstagen dachte: Durchbrennen, Job suchen, in Glück und Frieden leben, wo liegt euer Problem, Freunde?, so tritt immerhin dies in Schugs Arbeit klar zu Tage. Ein Haufen verwöhnter Upper-Class-Kids macht sich den Ennui mit Mord und Selbstmord spannend. Kraftvolles Spektakel statt romantischer Himmelwärts-Verklärung, das wär‘ was gewesen. Nur bleibt der Versuch nicht im Ansatz stecken, er wird gar nicht erst unternommen …

Wo also anfangen im Unglück? Beim Tschinderassabum? Die Jungs beweisen gleich eingangs, dass sie besser den Degen als Worte führen können. „Romeo“ Tim Breyvogel schaut aus, wie aus dem Wasser gezogen, gepflegt grungig, jedenfalls hat er von Beginn an den irren Märtyrer- und das Selbstmitleid im Blick. Lasst mich den „Unendlichen Spaß“ haben, ich knüpfe mich dafür auch in der Garage auf! Man sagt es wirklich nicht gern, aber, nachdem er unter Donner und Blitz seine Julia kennengelernt hat, ist es tatsächlich besser, dass aus den beiden nix geworden ist.

Julia trinkt das Gift: Seyneb Saleh mit Johanna Tomek als Amme, Elzemarieke de Vos als Mercutio, Josephine Bloéb als Graf Paris, Emanuel Fellmer als Tybalt und „Romeo“ Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Plastikklumpenbett: Seyneb Saleh mit Josephine Bloéb, Stanislaus Dick als Benvolio, Emanuel Fellmer, Elzemarieke de Vos, Martina Spitzer als Lady Capulet und Johanna Tomek. Bild: Alexi Pelekanos

Seyneb Saleh spielt die höhere Tochter höchst ungestüm, wenn diese Julia alles ist, dann kein zartes Fräulein. Im Gegenteil, das Früchtchen, eigentlich: der Trampel, wütet gegen alle ihr Untergebenen, von Eltern bis Amme, und man stelle sich das Angetraute vor: Romeo, die Dramaqueen, Julia, die Keifzange – wo soll das enden, wenn nicht bei Kishon? Ach ja: In der Drei-Stunden-Aufführung schnappen sich Romeo und Julia jedes irgend taugliche Selbstmordinstrument, um sich aus dem Leben zu befördern, werden aber stets von gutmeinenden Helfern am Suizid gehindert. Man hätte früher Zuhause sein können …

Was sonst noch gilt es zu bejammern, außer dem Fehlen des berühmten Balkons? Elzemarieke de Vos erprobt sich als Mercutio und ist ein durchaus schelmisch-tänzelnder Freigeist, der seinen Welthass auskotzt (Mercutio und Tybalt/Emanuel Fellmer schließen mit einem Zombie-Kuss auch den Pausenvorhang), bevor das Ensemble Guns n’Roses schändet. Diese jenseitige Darbietung von „Sweet Child of Mine“ hat sich Axl Rose echt nicht verdient. Josephine Bloéb wäre ein sehr passabler, zarter, leise anbetender Graf Paris, hätte die Regie ihr den Raum gegönnt, den die Figur gelohnt hätte. Stanislaus Dick mimt einen gutgelaunten Benvolio.

Es geht dem Ende zu: Seyneb Saleh mit Martina Spitzer, Thomas Bammer als Bruder Lorenzo und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

In den Mittelpunkt des Geschehens rückt Schug ein geschmolzenes und wieder erstarrtes schwarzes Plastikpodest, irgendwie unappetitlich, aber sehr sinnig Beischlafnest und Aufbahrungsbett in einem. Where do we go now? Dem Ende zu. Da darf noch einmal gelacht werden, wenn Romeo unter heftigem Geknarze einen Eisendeckel aufstemmt, um sein Zufallsopfer Paris zu begraben. Den Liebenden gönnt die Regie keinen sanften Tod. Romeo zappelt sich zu Tode, Julia rührt mit dem Dolch in ihrem Bauch herum. Die bereits Gefällten kommen wieder und wieder und wieder. Sie werden als Chor und Bühnencombo benötigt.

Die Produktion läuft bis 31. Jänner am Landestheater Niederösterreich und auch als Silvester-Vorstellung. Am 19. und 20. Dezember ist „Romeo und Julia“ an der Bühne Baden zu Gast.

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  1. 10. 2017

Landestheater NÖ: Mit „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ gelingt ein fulminanter Neuanfang

September 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Würfelspiel von den sehnsüchtigen Herzen

Maria Petrova, Klemens Lendl, Johannes Silberschneider, Helmut Wiesinger und Lukas Spisser. Bild: Alexi Pelekanos

Bai Dan zeigt, wie man seine Lebenswürfel selbst in die Hand nimmt: Johannes Silberschneider (M.) mit Maria Petrova, Klemens Lendl, Helmut Wiesinger und Lukas Spisser. Bild: Alexi Pelekanos

Mit einer solchen Arbeit beginnt man eine Intendanz. Marie Rötzer zeigt zum Amtsantritt am Landestheater Niederösterreich „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Roman von Ilija Trojanow, und zeigt damit erstmals, was sie im Gespräch mit mottingers-meinung.at als ihre künstlerische Handschrift angekündigt hatte. Sie zeigt, dass die Teilnahme eines Theaters am politischen Diskurs dieser Tage nicht den Verzicht auf Poesie bedeuten muss. Und schon gar nicht die Weglassung von Humor.

Der diesmal ein fein melancholischer und dabei um nichts weniger ein subtil anarchischer ist. Der Regisseur, der dies alles in eine Form gegossen hat, ist Sandy Lopičić. Er macht aus Trojanows Buch ein Schelmenstück, ein Spiel von sehnsüchtigen Herzen. Seine Figuren sind Suchende, und was sie am Ende gefunden haben werden, ist die Menschlichkeit. Denn wenn Protagonist Johannes Silberschneider anfangs als Erzähler in der Proszeniumsloge sagt: „Das Herz ist manchmal ein Totem, manchmal ein Paragraf“, dann hat sich Lopičić für die Darstellung ersteres entschieden. Bei ihm sind die Menschen gut, daran will er glauben.

Trojanow hat 1996 die Geschichte seiner Familie und die Flucht seiner Eltern von Bulgarien in den gar nicht so goldenen Westen als modernes Märchen niedergeschrieben: Während Alexandar im Kommunismus des Todor Schiwkow wohlbehütet aufwächst, wächst seinem Vater das politische System der Fremdbestimmung und Überwachung zum Hals raus. Voller Hoffnung wagt er mit Frau und Kind die Flucht aus der Diktatur in ein vermeintlich besseres Leben. Doch Emigration, das bedeutet immer auch Einsamkeit, Isolation und Ausgrenzung. Und im Flüchtlingslager erneutes Fremdbestimmtsein. Alexandar fällt in Depression, Oblomowitis nennt es Trojanow. Da erscheint sein Taufpate Bai Dan, ein Magier, ein Meister im Würfelspiel und ein großer Geschichtenerzähler. Er hat gespürt, dass mit seinem Schützling etwas nicht stimmt – und nun nimmt er ihn mit auf eine Reise zu sich selbst …

Lopičić hat aus diesem überbordenden Konvolut einzelne Episoden extrahiert. Er hat als Essenz seiner Inszenierung das Thema Flucht destilliert. Folgerichtig ist ein Zwischenspiel in einer Flüchtlingsunterkunft das Herzstück seiner Aufführung. Die Flüchtlinge sind ob der schlechten Unterbringung in einen Hungerstreik getreten, dafür gibt’s Schelte von einem Striezel essenden UNHCR-Mitarbeiter. Man möge doch mit derlei Aktionen den Frieden nicht stören. Frieden? Des Bürgers Ruf nach seinem Recht auf Sicherheit und Beständigkeit im Leben ist immer durch solche bedroht, die ein Beispiel für dessen Unbeständigkeit und Unsicherheit sind. Tim Breyvogel als durchgeknallter DJ von „Radio Asyl“ und „Strotter“ Klemens Lendl gestalten diese Szene als kabarettistisches Kabinettstück. Wie sie Witz und Wirklichkeit an den Händen nehmen und kräftig Willkommen schütteln, ist sozusagen Synonym für den Abend.

Stanislaus Dick und Johannes Silberschneider. Bild: Alexi Pelekanos

Während Alexandar, Stanislaus Dick mit Silberschneider, in der Fremde nicht mehr aus dem Bett kommt … Bild: Alexi Pelekanos

Lukas Spisser, Zeyneb Bozbay, Tim Breyvogel und Klemens Lendl. Bild: Alexi Pelekanos

… beplaudert daheim der Stammtisch sein Schicksal: Lukas Spisser, Zeyneb Bozbay, Tim Breyvogel und Klemens Lendl. Bild: Alexi Pelekanos

Der, apropos: Die Stottern, insgesamt sehr musikalisch ist. Neben dem Wiener Duo begleiten auch Drehleierspieler Matthias Loibner und die bulgarische Percussionistin Maria Petrova die Schauspieler, die Musiker sind Mitakteure, so wie die Schauspieler auch Musik machen. In diesen schönsten Momenten gleitet die Aufführung in die Anarchie, die Inszenierung agiert wie ein wild gewordener Zirkus; Lopičić ist ein Mann mit bosnischen Wurzeln und weiß, wie man mit Balkan die Seele zum Tanzen bringen kann.

Er erzählt Trojanow nicht linear, er springt zwischen den Zeiten, zwischen einer Art bulgarischem Wirtshausstammtisch, den Koffer packenden Eltern Alexandars und ihm selbst, der nicht mehr die Kraft findet, sein Bett zu verlassen. Die Schauspieler fallen aus den Figuren, werden zu Chronisten ihrer Zeit, steigen wieder in die Rolle ein – und wenn sie dann mit Mimik und Gestik das eben Gesagte konterkarieren, ist das durchaus auch clownesk. Alle sind immer auf der Drehbühne, die die Welt bedeutet und die Günter Zaworka mit seinem Lichtdesign zu einem Ort immer wieder neuer Geheimnisse zaubert.

Auch unter Marie Rötzer scheint das Landestheater Niederösterreich ein starkes Ensemblehaus zu bleiben. Mit Johannes Silberschneider als Bai Dan hat man sich zwar einen hochkarätigen Gast geholt, einen Schauspieler mit unendlichem Bühnencharisma, doch freilich agiert er als Primus inter pares, wenn er aus seiner Figur einen Philosophen macht, eine Art Psychotherapeuten an Alexandars Bett, als wär sie sein Alter Ego. Sein Bai Dan weiß, dass Würfeln nichts mit Glück oder Schicksal zu tun hat, sondern nur mit Geschicklichkeit. Alles liegt in deiner Hand ist seine Botschaft an sein Patenkind – und damit ans Publikum.

Den Alexandar spielt Stanislaus Dick, und wie er ihn spielt, als einen, der sich in einer Quarantäne aus Erinnerung und sich nicht erfüllender Erwartungen eingesperrt hat, ist kaum zu glauben, dass er erst im Sommer sein Studium am Wiener Konservatorium abgeschlossen hat. Außerdem spielt er Akkordeon. Lukas Spisser und – ebenfalls neu am Haus – Zeynep Bozbay sind die Eltern Vasko und Jana. Er ein Querdenker, ein Querkopf, ein ewig Unangepasster, ein Kraftlackel, sie zart, doch ihm Paroli bietend im Versuch, seine Flucht-Höhenflüge zu erden. Auch das eine eindringliche Szene, wie die beiden schließlich doch ihr Hab und Gut für den Weg in die Freiheit sortieren. Was nimmt man mit, was lässt man los? Mutters Gobelins, ein heißgeliebtes Stofftier, Vaters Tischtennisschläger? Neben ihren Haupt- gestalten die meisten auch noch eine Anzahl skurriler Nebenrollen, Bozbay etwa eine irre Wahrsagerin, Spisser einen gefährlich komischen KDS-Agenten. Helmut Wiesinger ist unter anderem die nach Süßigkeiten süchtige Baba Slatka, die irgendwie auch der Wirt ist, je nachdem, ob Tuch auf dem Kopf oder um den Hals, der großartige Tim Breyvogel außer DJ Bogdan auch Vaters bester Freund Boro.

Sandy Lopičić hat Trojanows Buch als Gleichnis gelesen. Vieles erfährt man nur beiläufig, Diverses hat er aus-, das Tandem gleich ganz weggelassen, doch was er sagen will, ist klar. Heimat, dieser geschändete, zu Schanden definierte Begriff, heißt zuerst zu sich selbst nach Hause zu kommen. Heimat ist leicht zu verlieren, doch bekanntlich: „Rettung lauert überall“ dort, wo Menschen zu finden sind. Das Publikum in St. Pölten dankte dem neuen Team mit viel Applaus für einen hinreißend sympathischen und optimistisch klugen Abend. Man freut sich jetzt schon auf mehr …

Marie Rötzer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=22087

Ilija Trojanow im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14956

TIPP: Am 22. und 23. November ist die Aufführung zu Gast an der Bühne Baden.

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Wien, 17. 9. 2016

Werk X: Proletenpassion 2015 ff.

Januar 23, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Herz schlägt links und Blut ist rot

Claudia Kottal, Bernhard Dechant Bild: © Yasmina Haddad

Claudia Kottal, Bernhard Dechant
Bild: © Yasmina Haddad

Ich hatte einen Vorgesetzten, der meinte auf kritische Worte eines Mitarbeiters: „Ich sehe nicht, dass Sie an Ihrem Schreibtisch festgekettet sind. Sie können jederzeit gehen.“ Dem folgte ein Vorgesetzter, der die Gehälter langgedienter Mitarbeiter einkürzte mit den Worten: „Ich zahle Sie ja nicht fürs älter werden.“ Auch die wurden dann in weiterer Folge gegangen. Warum das hier steht? Weil die Leibeigenschaft abgeschafft ist. Weil man sich trotzdem selbst verkauft. Für die schönere Wohnung, das größere Auto, den Urlaub am weißeren Strand.

Im Werk X hatte die „Proletenpassion 2015 ff.“ von Heinz Rudolf Unger und den „Schmetterlingen“ Premiere. Eigentlich eine Uraufführung, denn Autor Unger und das neue Team rund um Regisseurin Christine Eder haben das Werk aus dem Jahr 1976 weitergeschrieben. Sich gefragt, ob es noch Klasse ist, zu kämpfen. Oder der Mensch aus Geschichte lernt. Worauf die Antwort ja klar ist: Nein. Die Macht ist in ihrem Zuhause geblieben, die Mittel ihrer Ausführung haben sich seit den Bauernkriegen verändert. Gerädert zu sein ist heute eine Eigenleistung des Untergebenen.

Wie weiland in der Arena ist der Abend ein Konzert mit Kontext. Gustav und Knarf Rellöm sind diesmal fürs Musikalische zuständig, Claudia Kottal, Tim Breyvogel und Bernhard Dechant spielen Szenen, erklären mit Witz, Ironie, Zynismus, was vor beinah 40 Jahren noch nicht erklärt werden musste. Sie holen sich die Lacher aus Eders Inszenierung ab, wenn beispielsweise die Erstürmung der Bastille wie ein Fußballmatch „übertragen“ wird. Alle spielen, singen, musizieren hier mit vollstem Enthusiasmus. Das macht Freude beim Zuschauen. Die „Proletenpassion“ ist ein Stationentheater. Von eben den Bauernkriegen über französische und Oktoberrevolution bis zu Faschismus, zu kurz Stalinismus, rein ins Jahr 2015: Mit seinen Hedgefonds, mit seinen Heuschrecken, Ungers Lieblingshorrorbild, dem Neoliberalismus, und – zum Glück sagt’s Knarf Rellöm: Pegida. Denn zu einer Theaterdemonstration, die sich Begriffserklärung auf die Fahnen geschrieben hat, gehört ein Exkurs über die Frechheit einer Grauslichkeit den Freiheitsruf „Wir sind das Volk!“ so zu vergewaltigen.

So sitzt man zufrieden in einer fetzigen, retrochicen Veranstaltung. Kartons auf der Bühne formen das Wort Revolution; Fahnen und Plakate ist genug da. Von „Vive la Commune“ über „Hannah Arendt lesen“ bis zu „Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten“ und – das schneidet ins Herz: „Euer Studium war geschenkt, unseres wird jetzt beschränkt“. Im Stück fällt der Satz, dass es unbegreiflich sei, wie widerstandslos sich die neue Generation die sozialen Errungenschaften wieder wegnehmen lässt. Schon mal wegen eines Sitzstreiks auf der Ringstraße vom Parlament Richtung der Sicherheit des Audi Max gelaufen, verfolgt von knüppelnden Polizisten? Ist noch nicht so lange her. Als für Studentenlinke auf die Straße zu gehen nicht bedeutete, einmal über die Gass’n von der ÖH hinein ins Büro in der Löwelstraße.

Daran wird nicht gerührt, an der Sozialdemokratie heute. Wes Brot ich fress‘ …

Da bleibt man lieber in der Historie, erzählt vom „System“, das immer schon an allem Schuld war, vom Ablasshandel, vom Hackler, der zum Lohnsklaven wurde, über die 1970er Jahre mit Kreisky, Schranz und Dradiwaberl. Fristenlösung, Vietnamkrieg, Sympathie für die RAF, die Arena-Besetzung. Zeit-Geister. Von der Gier nach Geld und den Spekulanten, die’s immer schon gab, deren Blasen regelmäßig platzen. Im Falle eines Falles: Manager nehmen alles. Dazu Videos, Ausschnitte aus Spielfilmen oder „Es war einmal … der Mensch“. Marx, Lenin, Krupp, Thyssen, Hitler  – Stalin kommen so schnell hintereinander vor, dass man beinah vergißt, dass links ist, wo der Daumen rechts ist. Der Unterschied? Ganz einfach: Kommunismus rangiert unter „Gute Idee, schlechte Ausführung“, Kapitalismus als Kampf zwischen Mensch und Markt. Der darf denn am Ende auch zu Wort kommen (Bernhard Dechant: wunderbar!), um Entschuldigung bitten – und um die Abschaffung der Politik, die ihm im unendlichen Wachstum nur Steine in den Weg legt. Komisch, dass hier niemandem eingefallen ist, dass der „Konsum“  längst eingegangen ist. Vielleicht haben die Dämpfe vom Rabattmarken- und Stickerpickerlkleben die Erinnerung daran vernebelt.

Fazit: Eine superreiche Elite steht gegen den Rest der Welt. Aber wir werden uns wehren. Wie seit 1525. Haha! „Wir lernen im Vorwärtsgehen“ ist das letzte (neue) Lied. Wohin bleibt offen. In die Jugendarbeitslosigkeit? Job um Job – das AMS ruft SOS? In die Altersarmut? Eine utopistische Veranstaltung. Oder es heißt wieder: AUF DIE PLÄTZE! Fertig! Los!

Die „Proletenpassion“ war immer schon work in progress. Das wird wohl auch bei dieser Fortführung so sein. Das Kompliment an alle Beteiligten ist, dass man – und das kommt dieser Tage am Theater eher selten vor – gerne noch eine Stunde (statt der zweieinhalb, selbst die „Schmetterlinge“ haben damals vier gebraucht) länger geblieben wäre, um mehr zu sehen, mehr zu erfahren, weniger aus anno Schnee, mehr über das Heute. Material von Unger ist nämlich  ausreichend vorhanden.

Und die wir wählten, verwandelten / sich in Säulen des Staates, in tragende.

Sie verhandelten und verbandelten / sich … und wir blieben Fragende …

http://werk-x.at

www.mottingers-meinung.at/heinz-rudolf-unger-im-gespraech/

Wien, 23. 1. 2015

Heinz Rudolf Unger im Gespräch

Januar 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Werk X: Proletenpassion 2015 ff.

Didi Kern, Elise Mory, Oliver Stotz, Tim Breyvogel, Knarf Rellöm, Imre Lichtenberger Bozoki, Gustav Bild: © Yasmina Haddad

Didi Kern, Elise Mory, Oliver Stotz, Tim Breyvogel, Knarf Rellöm, Imre Lichtenberger Bozoki, Gustav
Bild: © Yasmina Haddad

Am 22. Jänner wird im Werk X „Proletenpassion 2015 ff.“ uraufgeführt. Eine Fortschreibung des legendären Werks von Heinz Rudolf Unger und den „Schmetterlingen“. Denn Geschichte wird nicht nur gemacht, Geschichte wird auch geschrieben – und zwar zumeist nicht von den Armen, Unterdrückten und Mittellosen, sondern von jenen, die zumindest keine Gegner der herrschenden Macht sind. Der „Geschichte der Herrschenden“ eine „Geschichte der Beherrschten“ gegenüber zu stellen, das war der Anspruch des Autors Heinz Rudolf Unger und der Band „Schmetterlinge“, als sie bei den Wiener Festwochen 1976 ihre „Proletenpassion“ vorstellten. In insgesamt 65 Liedern wird die Geschichte der letzten 500 Jahre als eine Geschichte der Klassenkämpfe erzählt, an deren vorläufigem Ende nicht unbedingt der Sieg der Arbeiterklasse steht. Knapp 40 Jahre später macht sich Regisseurin Christine Eder gemeinsam mit Unger, Gustav und Knarf Rellöm daran, die Geschichte der Proleten erneut und aus zeitgenössischer Sicht zu untersuchen und bis in die Gegenwart weltweiter Proteste von Occupy bis Gezi fortzuschreiben: Wann kommt die Revolution? Kommt sie überhaupt? Können wir die Geschichte noch immer als Abfolge von Klassenkämpfen lesen? Die „Proletenpassion 2015 ff.“ untersucht klassisch marxistische Geschichtsauffassung aus einer postmarxistischen, zeitgenössischen Perspektive – und wagt am Ende keinen Ausblick, sondern eine Bestandsaufnahme der Gegenwart.

Der Autor im Gespräch:

MM: Die „Proletenpassion“ wurde 1976 im Rahmen der Wiener Festwochen in der Arena in der Regie von Dieter Haspel uraufgeführt. Die „Schmetterlinge“ spielten – und das Ganze mündete in der Arena-Besetzung. Wie war damals der Geist der über dem Abend schwebte?

Heinz Rudolf Unger: Völlig anders und nicht zu vergleichen mit dem neoliberalen Geist, der heute allüberall schwebt. Es gibt große Unterschiede zwischen den Menschen damals, es ist ja fast 40 Jahre her, und heute. Nun folgt im Werk X die  Proletenpassion 2015 ff.“ – und die Leute, die das jetzt auf die Bühne stellen, waren 1976 großteils noch gar nicht auf der Welt. Das ist das Faszinierende für mich, das Abenteuer, und gleichzeitig eine Kühnheit von denen, dass sie die Herausforderung annehmen. Das Team hat heute ganz andere Voraussetzungen als damals die „Schmetterlinge“, die ja zwei Jahre gebraucht haben, um das Ganze auszuarbeiten, mithilfe von großen Arbeitsgruppen, die dann verdichtet wurden – dichten kommt ja von verdichten -, und so wurden Berge von Material zu schmalen Liedzeilen. Die „Schmetterlinge“ hatten ein geistiges Hinterland. Es gab eine Studentenbewegung, es gab jede Menge Unterstützung und Neugierde und ein Umfeld, das den Geist in sich getragen hat, wohingegen das Werk X ein Theater am Stadtrand ist, das sich seine Umgebung noch erobern muss. Also, das sind ganz andere Voraussetzungen.

MM: Trotzdem ist man guten Mutes.

Unger: Ja, Harald Posch und Ali M. Abdullah haben sich das vorgenommen. Ich habe ihnen gesagt, das ist gefährlich und riskant, aber sie nehmen die Herausforderung an. Die „Schmetterlinge“ unterstützen sie auch. Georg Herrnstadt stellt ihnen Material zur Verfügung und berät sie auch, aber vieles wird anders sein als 1976. Es muss viel mehr erklärt werden. Die Menschen waren früher politisch bewusster, hatten eine Vorstellung, in welche Richtung sie die Welt verändern wollen, das ist alles vorbei. Das ist der Unterschied – und das Faszinierende an dem Projekt jetzt.

MM: „ff“ bedeutet, dass Sie die „Proletenpassion“ aber weiter geschrieben haben. Sie haben die vergangenen fast 40 Jahre im Text aufgeholt, aufgerollt.

Unger: Die „Proletenpassion“ ist in Stationen aufgebaut. Von den Bauernkriegen über französische und Oktoberrevolution bis zum Faschismus werden Herrschaftsstrukturen und soziale Fragen in einer Mischung aus verschiedenen musikalischen und literarischen Stilelementen thematisiert. Ein bisschen Kritik an der Sozialdemokratie war auch schon drin. Das wird jetzt natürlich von Regisseurin Christine Eder nicht alles eins zu eins übernommen. Es gibt neue Musiker, wie den Rocker Knarf Rellöm aus Hamburg oder „Gustav“ Eva Jantschitsch, neue Schauspieler, Claudia Kottal, Tim Breyvogel und Bernhard Dechant. Sie werden die historischen Abläufe darstellen. Die waren in der alten „Proletenpassion“ zwar angesagt, aber es war nicht notwendig die Dinge ausufernd zu benennen. Heute haben die jungen Leute, 20-, 30-Jährige, von vielen Sachen, die damals hochaktuell waren, natürlich keine Ahnung. Leider muss ich sagen. Die angesprochenen Probleme sind aber aktuell geblieben. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich noch weiter vergrößert, in einem Ausmaß, das damals noch gar nicht abzusehen war. Also: Es bleibt die Struktur der „Proletenpassion“ erhalten – und dann gibt es eine Kluft von ungefähr 40 Jahren, von der Uraufführung bis zum heutigen Neoliberalismus, die zu überbrücken war. Das habe ich getan.

MM: Die Arbeiterbewegung ist Geschichte, ebenso der Kommunismus, der Kapitalismus steht am Abgrund. Was war Ihnen aus diesen 40 Jahren, die Sie nun schreiberisch aufgeholt haben, wichtig herauszuarbeiten?

Unger: Der Kapitalismus ist nicht vorbei, sondern hat eine andere Form und eine viel größere Dimension angenommen. Es gibt zum Beispiel neue Liedtexte über Hedgefonds und die Wirtschaftskrise, über die so genannten Heuschrecken, Manager, die immer kaltblütiger und unverfrorener vorgehen. Genau zu der Zeit, als ich an dem Text gearbeitet habe, kam eine Nachricht in den Medien, dass ein New Yorker Hedgefonds den Staat Argentinien geklagt hat. Die haben, als Argentinien vor der Pleite stand, billig, als Schnäppchen, Staatsanleihen gekauft, die sie jetzt vor Gericht zum Nennwert einfordern. Das heißt: Argentinien würde im Falle einer Verurteilung finanziell ins Nichts fallen. Solche Dinge spielen sich ab – und die muss man in ein kleines Lied packen. Es gibt auch ein Spekulantenlied, der sinngemäß singt, wenn der Ölpreis sinkt, kaufe ich eben Gold oder Blutdiamanten. Diese Menschen, die mit uns reales „Monopoly“ spielen, die möchte ich anprangern. Ausbeutung hat es immer gegeben, aber die globale Dimension hat sich verändert. Es geht in der Welt um ein Match zwischen übermächtigem Reichtum und ohnmächtiger Armut.

MM: Sehr passend ist auch die Stelle, an der ein Mitarbeiter in seiner Firma so brav arbeitet, dass er sich selbst wegrationalisiert.

Unger: Das war sogar schon im Original drin und ist leider aktueller denn je. Die Arbeitsplätze werden immer weniger, Firmen wandern ab in „billigere“ Regionen. Den Preis zahlen die Menschen hier wie dort. Da kann die Politik nichts schönreden.

MM: „Kleiner Mann“ ist ein Begriff, den Sie verwenden. Es gab 1976 schon Proteste dagegen. Nun hat sich zwischenzeitlich eine Partei draufgesetzt und den Begriff in unliebsamen Zusammenhang gebracht. Die wahren Proletarier gibt es nicht mehr, der Begriff Prolet ist heute ganz anders interpretiert. Wie kann man damit umgehen?

Unger: Gegen den „kleinen Mann“ haben damals die Linksgruppierungen protestiert, alle möglichen Fraktionen, die’s da gegeben hat, wollten mitmischen, auch der Begriff Passion war ihnen nicht recht, weil er Leidensgeschichte bedeutet. Sie hätten lieber einen starken, proletarischen Helden als Protagonisten gehabt, nicht eine Geschichte, wo „das Volk“ immer draufzahlt. So ist es am Ende zwar nicht siegreich, aber die Handlung eigentlich richtig. Die „Schmetterlinge“ nannten ihre Musik dazu sogar ein Oratorium. Das Thema steht geradezu prägnant für heute: die Manipulation des Bewusstseins der Menschen. Heute halten sich laut Umfragen der vergangenen zwei, drei Jahre zwei Drittel der Menschen, die knapp über oder sogar unter der Armutsgrenze leben, für Mittelstand. Für den unteren Rand der Mittelschicht, aber Prolet würden sie nicht für sich als Bezeichnung wollen. Georg Herrnstadt hat dazu gesagt: Auch, wenn sie sich nicht als Proletarier erleben, sie sind welche. Auch die Prekariatsarbeiter sind ausgebeutete Proletarier. Da hat sich nichts geändert, außer dem Bewusstsein, was durch Manipulation durch Politik, Medien etc. passiert.

MM: Gibt es den stolzen Arbeiterstand nicht mehr? Gibt es nur mehr die, die in TV-Realitysoaps auf dem Sofa herumlungern? Ist das der Grund, warum niemand mehr für das Recht auf Arbeit auf die Barrikaden geht?

Unger: Durchaus möglich. Es kommt darauf an, dass man überhaupt erkennen kann, wer man ist, wo man steht und was auf einen einwirkt. Auch das hat sich in den vergangenen 40 Jahren verändert. Weil ich vorhin die Medien erwähnt habe: Das Bild ist als Informationsquelle immer mächtiger geworden, der Text ist in der Bedeutung immer stärker zurückgegangen. Das führt dazu, dass man eine immer oberflächlichere Sicht auf die Realität bekommt. Das geht alles sehr schnell an einem vorbei und ist auch sehr dünnhäutig, wenn man sich so umschaut. Dadurch wird man noch manipulierbarer. Uns geht es in der „Proletenpassion“ um Begriffsklärungen. Das ist eigentlich schon revolutionär genug: einen Begriff zu klären.

MM: Wie darf ich mir die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den heute Mitwirkenden vorstellen. Da sitzt Godfather Heinz Rudolf Unger umgeben von seinen „Kindern“?

Unger: (er lacht) Nicht so, ich lerne auch gerade eine Menge dazu. Ich war bei einigen Musikproben, wir sind immer in Kontakt. Christine Eder versucht die ökonomischen Entwicklungen über die Zeiten herauszuarbeiten. Das ist ihre Arbeit, damit habe ich nichts zu tun, ich bin der Textlieferant, und es ist sehr spannend ihr dabei zuzusehen. Ich bin vertrauensvoll, das neue künstlerische Team ist schon sehr gut. Sie machen das wirklich gut. Die „Schmetterlinge“ werden sich wundern, wenn sie ihre Lieder neu vertont hören. Für mich ist das ganz interessant, ich eigne mir gerade eine ganz neue Hörgewohnheit an.

MM: Das klingt alles so schön harmonisch. Hatten Sie und Christine Eder nie einen Generationenkonflikt, in dem Sinne, dass Begrifflichkeiten eine andere Wertung bekommen haben. Im Klartext: Haben Sie nie aneinander vorbei geredet?

Unger: Christine Eder kennt die „Proletenpassion“ seit sie fünf Jahre alt war. Sie wollte sie immer schon in einem zeitgemäßen Kontext inszenieren. Das hat sich mit dem Werk X wunderbar ergeben. Die Räumlichkeiten sind ganz passend. Für diesen Platz ist diese Arbeit ein Geschenk. Wir reden also, denke ich, in dem Sinne alle dieselbe Sprache.

MM: Ist es für Sie eine Bestätigung Ihrer Lebensarbeit, dass Sie 2015 wieder um Ihre politische Meinung gefragt werden? Oder sind Sie schon altersmilde geworden?

Unger: (er lacht wieder) Alt ja, milde niemals. Ich mache aber in letzter Zeit immer öfter die Erfahrung, dass Stücke, die ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert geschrieben habe, wieder gespielt werden. „Zwölfeläuten“ beispielsweise wird zwei, drei, vier Mal im Jahr produziert. Da kann man nur seinem früheren Ich gratulieren, dass man so was hingestellt hat. Bei der „Proletenpassion“ ist das so ähnlich. Wir haben Kontakte mit Leuten, die das auch spielen wollen. Wir graben also nichts aus, wie eine Zeitung geschrieben hat, wir haben etwas Neues geschaffen. Und das wird nach der Uraufführung an anderen Bühnen weitergehen.

MM: Um auf das Stichwort politische Meinung zurückzukommen …

Unger: Die ist, dass heute alles vernebelt wird. Es wird Angst geschürt, wie zur Zeit der Kreuzzüge, „das Fremde“ ist wieder Feind, das hatten wir auch schon, wir fürchten uns vor der Grippewelle in den USA … und so werden die Probleme der einzelnen Menschen wieder zweitrangig. Die „große Angst“, die nicht zuletzt die Medien schüren, überlappt natürlich Arbeitslosenzahlen. Wir sind doch diesbezüglich eh die besten in Europa, nur jeder Zehnte … das zentrale Thema wird schöngeredet. Derjenige, der sich fragt, wie überlebe ich ohne Arbeitsplatz, wird überhört.

MM: Sie haben im Gespräch durchklingen lassen, die jungen Menschen heute hätten in Ihren Augen keine Ideale mehr. Was kritisieren Sie?

Unger: Sie sind teilnahmsloser am gesellschaftspolitischen Geschehen. In Europa gab es einmal eine wache Generation von aufmüpfigen Studenten, das ist heute ganz anders. Heute muss man Ellbogen zeigen, straight sein, den Sinn des Händlers in sich entwickeln. Wer diesem Archetypus entspricht, ist auf der Welle, die heute gefordert wird.

MM: Was würden Sie sich vom Publikum 2015 wünschen? Soll es das Werk X besetzen? Gibt es eine Message an die Zuschauer?

Unger: Ich bin sehr gespannt, wie die „Proletenpassion 2015 ff.“ aufgenommen wird. Da kann ich nichts vorhersagen. In der Premiere werden wahrscheinlich nicht nur junge Leute sitzen, sondern wie in der Muppet Show meine Waldorfs und Statlers. Ich hoffe doch, dass der eine oder andere Wegbegleiter, von den Resetarits-Brüdern bis zu Erwin Steinhauer, zur Premiere kommt. Messages habe ich mehrere: Ich will die Verwirrung über gewisse Dinge entwirren. Beispielsweise, dass Kommunismus als Idee nicht unbedingt schlecht sein muss, nur weil er schlecht ausgeführt wurde. Eine gute Idee fürs Volk hört nicht auf eine gute Idee zu sein, nur weil sie von Machthabern (!), von Despoten verpfuscht wurde. Ich will, dass die Zuschauer erkennen, wie man den Begriff Demokratie von der Scheindemokratie, der maskierten Demokratie, die uns umgibt, löst. Wahlen sind keine Garantie für Wahrheit. Diese Begriffsklärungen müsste das Werk schaffen.

MM: Wenn Sie etwas an Österreich ändern könnten, was wäre das?

Unger: Schwer zu sagen. Wir leben im Auge des Taifuns. Alleine, das zu erkennen, dass wir in einer windstillen Zone sind und rundherum tobt der Sturm, das wäre schon eine wichtige Erkenntnis. Im Sinne von: Egal, wie gut wir jetzt dastehen mögen, die Verhältnisse gehören verbessert, jetzt, wo es möglich ist. Ein Appell an den Finanzminister. In Österreich wird Klassenkampf im klassischen Stil betrieben, wenn ich an die Steuerdebatte denke, wenn eine Partei sich so gegen die Gesamtschule wehrt, damit es nur ja verschiedene Abstufungen von Chancen gibt, wenn Studiengebühren erhoben werden … Da fällt mir vieles ein, das ich gern anders hätte.

MM: Wie geht es bei Ihnen jetzt künstlerisch weiter?

Unger: Ich habe im vergangenen Jahr Texte eben für die „Proletenpassion 2015 ff.“ und für Erwin Steinhauers Programm „Hand aufs Herz“ geschrieben. Ab dem 22. Jänner kümmere ich mich wieder um meine Themen. Aber über ungelegte Eier gackere ich noch nicht. Ach ja, es gibt noch etwas Neues von mir, noch eine Uraufführung: Ich habe für Dieter Haspel das Stück „Ein Kellner. Ein Gast. Eine Hure“ geschrieben, dass derzeit im Werkl Theater im Goethehof läuft (www.werkl.org). Es ist ein Maskenspiel, Personen, die ihre Identität vertauscht haben und damit dann fertig werden müssen. Mehr will ich nicht verraten.

 http://werk-x.at

www.heinz-rudolf-unger.at

Wien, 20. 1. 2015