Burgtheater: Die Ratten

März 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Versuchstiere irren durchs Lebenslabyrinth

Aug‘ in Aug‘ mit der Ratte: Sylvie Rohrer als Frau Hassenreuter. Bild: Bernd Uhlig

Zurzeit zeigt der Schweizer Fotograf Matthieu Gafsou im Rahmen des Foto-Wien-Festivals in der Otto-Wagner-Postsparkasse seine Bilderserie „H+“ zum Thema Transhumanismus. Darunter ist die Aufnahme einer Laborratte, mittels Gurtenkonstruktion künstlich auf den Hinterbeinen gehalten, in den Kopf eine Elektrode gesteckt, in ihrem Gesicht alles Leid der Welt.

Es ist dieses gequälte Tier, an das einen Andrea Breths Abschiedsinszenierung am Burgtheater von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ denken lässt. Alles ist grau und Beklemmung und Plage, Breth versetzt des Dramatikers Homo homini rattus in eine Atmosphäre diffuser Angst – und selbst ein, zwei die Zuschauer zum Lachen animierende Momente, etwa, wenn die Gesamtschaft der Theatermenschen zu 1920er-Jahre-Schlagern stolpernd auf die Bühne tänzelt, enttarnen sich als kritischer Kommentar zu deren letzter verzweifelter Selbstbehauptung als bildungsbürgerlicher Kreis. Eine Empfindung von Ausweglosigkeit tut sich auf, unterstrichen vom Bühnenbild Martin Zehetgrubers, dieses ein Labyrinth aus durch Verdreckung opaken Plexiglaswänden, durch das die Figuren mal gehetzt laufen, mal wie somnambul irren.

Getriebene, auf der Flucht vor ihren Lebensumständen. Versuchstiere, deren Verhalten die Breth mit ihrer Arbeit erforschen will. Kein Dachboden, keine John’sche Wohnung mehr, kein oben oder unten, sondern ein sich beinahe beständig drehender Müllfundus aus versifften Matratzen, ausrangierten Kloschüsseln, der Boden bedeckt mit Zeitungsfetzen, später mit gesichtslosem Leichen-Volk, in Winkeln hockende Riesenratten. Durch diesen Schmutz-Filter sind die Szenen zu sehen, die Rotation eröffnet immer wieder neue Räume und Perspektiven, doch kein Durchlass, kein Entkommen nirgendwo. Ein Setting, in dem Breth als Großmeisterin des psychologischen Naturalismus nun die Zustände menschlicher Würde auslotet.

Maurerpolier John freut sich über das Söhnchen: Johanna Wokalek, Oliver Stokowski und Alina Fritsch. Bild: Bernd Uhlig

Doch Pauline Piperkarcka will ihr Kind um jeden Preis zurück: Sarah Viktoria Frick und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Und in dessen Mittelpunkt sie bemerkenswerter Weise den oft so genannten und mitunter wenig verstandenen zweiten Handlungsstrang stellt – die Begebenheiten rund um den ehemaligen Theaterdirektor Hassenreuter, dessen Frau und Tochter und Schauspielschüler. Deren groteske Proben zu Schillers „Die Braut von Messina“ auf dem Mietshausspeicher, den daraus entstehenden Streit zwischen Hassenreuter und dem aus dem Theologiestudium ausgeschiedenen Erich Spitta. Hie ein Plädoyer für das Pathos, da die Ablehnung alles gestelzten Bombasts.

Spittas kühne Aussage, eine Putzfrau könne ebenso Protagonistin einer großen Tragödie sein, wie eine Shakespeare’sche Lady Macbeth, leitet Breth direkt über zum Drama der Frau John und des ungewollt schwanger gewordenen Dienstmädchens Pauline Piperkarcka.

Sven-Eric Bechtolf spielt sich als Hassenreuter brillant ins Zentrum der Aufführung. Wie alle Darstellerinnen und Darsteller des Abends beherrscht er die Kunst vielschichtiger Charakterzeichnung, Breth hat mit ihrem Ensemble in feinsten Nuancierungen herausgearbeitet, wann die Figuren vorgeben zu sein und wann sie wirklich sind.

Aus Hauptmanns satirischer Überspitzung macht Bechtolf eine brüchige Gestalt, die im Frack und mit Gehstock Halt in ihrer Großmannshaltung sucht. Er geriert sich als Theatergott, der vom hohen, reinen Parnassos in die Probleme der Zinskaserne gezogen wird, wo er gütig zwischen den Sterblichen zu vermitteln sucht, während tatsächlich sein Familienleben nicht weniger von Lüge und Argwohn umwölkt ist, wie das der Johns.

Beeindruckend ist auch Johanna Wokalek, die die Frau John früh changierend zwischen depressivem Irresein und kalter Berechnung anlegt. So, wie sich in dieser Inszenierung alles zwischen Wahnsinn und Wahnwitz bewegt, hält sie das Söhnchen der Piperkarcka bald für ihr eigenes, vor drei Jahren verstorbenes, und manipuliert ihren offensichtlich geistig beeinträchtigten Bruder, bis er zum Mörder wird. Nicholas Ofczarek macht aus diesem Bruno einen Psychopathen, der einen schaudern lässt und gleichzeitig doch auch Mitleid erregt. Wie man es hier angesichts dieser Erniedrigten, Ausgestoßenen, Hoffnungslosen eigentlich mit jedem hat. Oliver Stokowski gelingt als Maurerpolier John die imposante Studie eines gutherzigen Kerls, der den latenten Gewalttäter allerdings in sich trägt.

Frau Johns Bruder Bruno ist ein gefährlicher Psychopath: Nicholas Ofczarek und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Hassenreuter versucht zu vermitteln: Sylvie Rohrer, Oliver Stokowski, Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Christoph Luser als aufmüpfiger Erich Spitta und Marie-Luise Stockinger als Walburga gehören ebenfalls zu den Erfreulichkeiten des Abends. Und natürlich Sarah Viktoria Frick, die als gekaufte und verratene Piperkarcka im Wortsinn gegen die ihr widerfahrenden Ungerechtigkeiten anrennt. Viel große Schauspielkunst zeigt sich auch in den kleineren Auftritten: Roland Koch als rigoroser Gottesmann Pastor Spitta, Stefan Hunstein, der als Käferstein ein Kabinettstück liefert, Elisabeth Augustin als Frau Kielbacke, Bernd Birkhahn als Schutzmann oder Branko Samarovski als Hausmeister Quaquaro.

Als Königinnen des Dramatischen beweisen sich einmal mehr Sylvie Rohrer als realitätsferne Hassenreuters-Gattin, Andrea Wenzl als Wienerisch parlierendes Hassenreuters-Pantscherl Alice Rütterbusch – und die wunderbare Andrea Eckert.

Bis sie erscheint, hält man die Morphinistin Knobbe in der Haushierarchie für die Geringste, doch dann kommt eine Aristokratin des Elends, die sich von den anwesenden Herren gern umgarnen lässt. Eindrucksvoll, wie die Eckert mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Das Ende ist ein leises. Alina Fritsch verkündet als Selma den Selbstmord der Frau John.

Darauf kein Aufschrei, kein Ausbruch, keine Anklage, sondern stumm stehen die Figuren auf und setzen ihren Gang durchs Lebenslabyrith fort … Dass Andrea Breth mitten im tosenden Schlussapplaus zum Mikrophon griff, um sich beim Burgtheater-Publikum „für seine Treue“ zu bedanken, kam unerwartet und war schön. Zu hoffen ist, dass dies nur den Abschied vom Haus, aber nicht von Wien bedeutet.

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  1. 3. 2019

Burgtheater: Eines langen Tages Reise in die Nacht

April 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Familienzerfleischung vor Felsformation

August Diehl, Alexander Fehling, Corinna Kirchhoff und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Ein Zelebrieren der Langsamkeit ist Andrea Breths Inszenierung von Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Fast vier Stunden dauert der wehmütige, seltsam verwehte Abend, durch den die Darsteller wie somnambul und weißgewandet geistern. Der Breth gelingt damit großes Theater. Präzise seziert sie des Autors Familienzerfleischung – das ist so schmerzhaft wie schön, und entfaltet eine ungeheure Sogwirkung.

Selten zuvor war an dem oft gesehenen Stück spürbar, wie sehr Verletzung durch große Liebe entsteht. Die Morphinistin und ihre beiden Alkoholiker, der Tuberkulosekranke und sein pathologischer Geizhals, die Hysterikerin und die Nicht-mehr-Hinhören-Könner sind hier vier ineinander verzahnte Existenzen. Keiner kann ohne, niemand mit den anderen. Dass sich da unterschwellige Aggressionen an die Oberfläche Bahn brechen, ist klar. Doch kaum hat man sich angepöbelt oder gar gerauft, herrscht wieder eitel Eintracht. Familie ist, sagt Breth, eine lebenslang erdrückende Umarmung, die zum Erstickungstod führen muss.

Dass Edmund am Ende, ein Bild des Friedens, am Meer sitzt, nachdem all die Drogenkonsumenten endlich ins Bett gefunden haben, glaubt man ihm kaum. Aus der Familie Tyrone, wie Breth sie malt, gibt es im Guten wie im Schlechten kein Entkommen. Da hilft kein retrospektiv versöhnlicher Schlussmoment, kein versonnener Blick in die Ferne der Zukunft. O’Neill selbst macht das deutlich, hat er doch seinen autobiografischen Text spät geschrieben und nur zur posthumen Veröffentlichung freigegeben …

Am Burgtheater glänzt ein herausragendes Schauspielerquartett. Sven-Eric Bechtolf gibt den James Tyrone, Corinna Kirchhoff die Mary, Alexander Fehling und August Diehl die Söhne Jamie und Edmund. Andrea Wenzel holt aus ihren wenigen Auftritten als aufmüpfiges Hausmädchen Cathleen alles. Dreh- und Angelpunkt der Aufführung ist Kirchhoffs Mary. Kirchhoff spielt die Süchtige mit enormem Charisma. Mit fahrigen Fingern streicht sie immer wieder ihre Haare zurecht, versichert mit vor vorgegaukelten Emotionen überschnappender Stimme, ihre Sucht im Griff zu haben, bevor sie sich eben wegen dieser wieder in schwatzhaftes Selbstmitleid ergießt.

Sie ist die Manipulative, die größte Egoistin unter den Egozentrikern, und wie sie in ihren Erinnerungen lebt und andere für ihre zerstörten Träume verantwortlich macht, als hätt’s nie gegolten, einen Entscheid selbst zu treffen, das ist großes Kino. Dann, je mehr sie wieder in ihrer Sucht verschwindet, wird diese Mary immer mehr zum jenseitig-empyreischen Wesen. Bis sie schließlich mit hohem Stimmchen und wie abwesend über die Bühne torkelnd ihre Frömmeleien verkündet.

Sven-Eric Bechtolf und August Diehl. Bild: Bernd Uhlig

Corinna Kirchhoff und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Diese hat Martin Zehetgruber als endzeitliche Küste angelegt. Statt in die von O’Neill verlangte Abbildung des elterlichen Sommerhauses, das Monte Christo Cottage in Conneticut, verlegt er die Handlung in eine nebelig düstere Landschaft, in der eine Felsformation einen Wasserlauf säumt, den die Darsteller immer wieder spritzend durchqueren müssen. Im Hintergrund ein Walskelett, das sich endlich nach vorne drehen und Edmunds letzter Begleiter sein wird. So entsteht atmosphärisch dicht eine Situation, die niemandes Zuhause sein kann – wie Mary stets beklagt, in ihrer Ehe kein Heim gehabt zu haben, ein Umstand, den wohl auch die Söhne so empfinden.

Am unbehaust Umherziehen der Familie Tyrone trägt natürlich deren Oberhaupt James die Schuld. Sven-Eric Bechtolf gibt den Ein-Stück-Schauspieler mit Hang zur ausladenden dramatischen Geste. Stets ist an seinem James deutlich, dass er die Vaterrolle auch „spielt“, wenn er zwischen Eigensinn und echter Sorge um seine Frau und seinen Sohn, gefangen in seinen Zwängen und Ängsten, und zwischen Großsprecherei und Kleinmut changiert. Bechtolf brilliert in seinem intensiven Auftreten. Wie Alexander Fehling, der als Jamie die Krankheiten des James‘ geerbt hat und wie er zwischen Selbstverteidigung und -anklage pendelt.

Berührend, wie er vom Kraftlackl im ersten Teil zum betrunkenen Häufchen Elend wird. In einer Saufszene mit Edmund legt Breth ihr Konzept deutlich dar, dass hier alles gesagt und getan wird, weil Menschen in übergroßer Zuneigung einander zu viel abverlangen … Bleibt Edmund, des Autors Alter Ego, August Diehl. Der hat sich den zwar ebenso Desillusionierten, aber immer noch Familienfreundlichen wie eine zweite Haut angezogen. Herzerwärmend, wie er, als es schon längst die Diagnose Schwindsucht gibt, den anderen bei ihren Selbstsüchteleien noch zuhört und zusieht. Alles in allem überzeugt Diehl am meisten durch seine Wahrhaftigkeit. „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ am Burgtheater ist ein überragend gelungener Theaterabend, streckenweise larger than live, den man nur empfehlen kann.

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  1. 4. 2018

Akademietheater: Die Geburtstagsfeier

September 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Stück für Schwarzseher

Eine Polonaise fürs Geburtstagskind: Nina Petri, Oliver Stokowski, Max Simonischek, Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Andrea Breths Interpretation von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ ist von Salzburg nach Wien übersiedelt, wo die Comedy of menace am Akademietheater mit Jubel und Applaus bedacht wurde. Nicht, dass man das Ganze nicht auch in 90 Minuten hätte erzählen können, aber Breth trat an, ihren Pinter zu zelebrieren (es ist ihr zweiter nach dem „Hausmeister“), und wer ihre Liebe zu Dada und gaga kennt, zum Absurden und zum Abwegigen, weiß wohin dieser Weg führte.

Über die doppelt so lange Strecke jedenfalls, und gefühlt ging‘s an jeder Abzweigung Richtung „Arsen und Spitzenhäubchen“. Gelacht wurde jedenfalls exakt so viel. Das Spätwerk des Literaturnobelpreisträgers ist fast so ausinterpretiert wie der „Hamlet“. Ungefähr jeder Literaturkritiker hat schon seinen Senf dazu gegeben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich dass der politische Mahner einfach mal so einen Thriller mit Funfaktor geschrieben hat. Nein, Stanley (Pinter hat das reale Vorbild einst in Eastbourne kennengelernt) muss ein Zivilisations-, Gesellschafts-, Kirchenflüchtling sein, einer, der sich als Individuum über die Bedürfnisse der Gemeinschaft stellt, weshalb diese ihn einholt und zur Strecke bringt.

Wahlweise ist er Verbrecher/Vergewaltiger, ein Betrüger sowieso, Mitglied jener ominösen „Organisation“, der auch Goldberg und McCann angehören – was wiederum von Kirche bis Gauner, oder beides, reichen kann. Das Judentum wird auch bemüht, schließt heißt Stanley Webber und Goldberg, na eben Goldberg.

Wie Pinter – er schrieb Uraufführungsregisseur Peter Wood, Stanley werde sich „ganz sicher nicht dazu äußern“ – schert sich auch Breth einen feuchten Kehricht um all das. Sie lässt das Geheimnis, wo es hingehört, und das ist gut so. Aufs Schärfste zurückzuweisen ist der von der Salzach herübergeschwappte Vorwurf, das Stück wäre schlecht. Das dem grumpy old man, der es meisterhaft verstand, das Publikum in die Abgründe seines eigenen tagtäglichen Geschwätzes blicken zu lassen? Dessen Pausen beredter sind als anderer Dramatiker Dialoge?

Lulu lässt sich schänden: Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Mit so tollen Zähnen wird man der Boss: Roland Koch und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Breth trägt dem Rechnung, der Thriller-Variante mit Pause nämlich: Sie zerhackt, was Pinter in drei Blöcke geteilt hatte, in kurze, manchmal längere, von Blackouts getrennte Szenen. Mitunter sieht man starre Einzelbilder, mitunter wird interagiert (aber einander dabei nie direkt ins Gesicht geblickt), das Tempo wechselt. Das ist so filmisch, dass einmal sogar die Zeitlupe zum Einsatz kommt. Bei einem Blinde-Kuh-Spiel. Breth macht aus der „Geburtstagsfeier“ das Stück für Schwarzseher. Und Bert Wrede darf sich dazu mit spooky Wabersound austoben. Geräusche, wie die Zeitung umblättern, Tee einschenken …, werden via Mikrophon verstärkt – ein gelungener Effekt. Bestechend ist das Lichtdesign von Friedrich Rom.

Bestechend auch das Bühnenbild von Martin Zehetgruber. Er zeigt eine abgehauste, versiffte Privatpension an einem englischen Strand, die längst von Sanddünen und trockenen Grasbüscheln erobert wurde. Vor der Tür krängt ein angeschlagenes Holzboot, nach der Pause wird es sich bis in den Innenraum vorgearbeitet haben. Obwohl alle ständig vom strahlenden Sonnenschein schwafeln, hängt der Nebel tief. Dies wohl der Kern von Pinters Aussage. Allüberall verbal vermittelter Selbstbetrug; man muss es sich nur einreden, und gut ist’s.

In dieses Biotop nun hat sich der ominöse Stanley zurückgezogen. Der angeblich verkrachte Konzertpianist hat wie seine Behausung die Körperpflege eingestellt, und müffelt in jeder Bedeutung des Wortes vor sich hin. Umflattert wird er von der ältlichen Hausherrin Meg, die, ausgestattet mit einem kolossalen Iokaste-Komplex, sich zwischen Muttergefühlen und sexueller Belästigung schwankend auf ihn stürzt. Dritter im Haushalt ist Megs Mann Petey, die meiste Zeit dabei, stoisch seine Zeitung zu lesen. So heiß ihr unterm Kittel ist, ihn lassen die Faxen seiner Frau längst kalt.

Dieses Trio Infernal gestalten Max Simonischek als Stanley, Nina Petri und Pierre Siegenthaler vom Feinsten. Petri vibriert vor Betulichkeit und (vorgetäuschter?) Naivität, Simonischek zahlt es ihr mit grantiger Grausamkeit heim. Im Verhältnis der beiden manifestiert sich schon die Aggression und Gewaltbereitschaft, die in weiterer Folge die Handlung dominieren wird.

Die Stimmung eskaliert: Roland Koch, Andrea Wenzl, Max Simonischek, Nina Petri und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Und der Nagelzwicker kommt zum Einsatz: Oliver Stokowski, Max Simonischek und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Auftritt nun nämlich Roland Koch als Goldberg und Oliver Stokowski als McCann. Es ist verwunderlich, dass sich keiner wundert, dass es zwei Herren im Anzug an den A**bgrund der Welt verschlägt. Aber Meg hat eine Erklärung: „Wir sind sehr empfohlen“, lautet ihr Mantra. Dass die Fremden hinter Stanley her sind, ist gleich klar. Meg hingegen beginnt auf dessen Kosten eine Geburtstagsfeier rauszuschinden, und weil dieser nur halbherzig bestreitet einen solchen zu haben, gibt’s als Geschenk eine Kindertrommel. Derweil laufen Goldberg und McCann zur Höchstform auf, was die Alkoholbeschaffung betrifft.

Man sagt, die Vorbilder für Goldberg und McCann wäre das in den 1950er-Jahren extrem populäre Komikerduo Jewel und Warriss. Und Stokowski und Koch legen es zumindest ähnlich an. Stokowski, der den im Original verlangten irischen durch den hessischen Akzent ersetzt hat, ist als der Mann fürs Grobe das Sensibelchen. Umso erschreckender die Momente, wenn ihm die Kontrolle abhanden kommt, und er sich nur mühsam davon abhalten kann gegen jemandes Kopf oder andere Körperteile zu treten. Doch in ihren Unterwerfungsspielchen ist der wahrhaft Brutale der elegante, eloquente Goldberg.

Wie diese Figur das Geschehen, so dominiert Roland Koch die Inszenierung. Seine Performance als unterschwellig gefährlicher Charmeur ist schlichtweg großartig. Er misshandelt die Frauen – Andrea Wenzl als zunehmend betrunkener Nachbarin Lulu bricht er fast die Hand, bevor er aus ihr einen One-Night-Stand macht -, ohne es zu merken. Meg drückt er bei jeder Gelegenheit gegen die Wand, wohl weil er Platz für seine Persönlichkeit braucht. Allein schon Roland Koch ist es wert, sich diesen Abend zu gönnen. Und auch sonst entfaltet die Aufführung, so man sich auf sie einlässt, einen mächtigen Sog. Breths „Geburtstagsfeier“ ist ein beklemmend belustigendes Erlebnis.

Das Ende? Die Brutalitäten gegenüber Stanley nehmen zu, seine Brille bricht – und was ist mit seiner Zunge passiert? Black. Alles beim Alten. Nur Stanley ist weg. Lulu, das bereitwillig sexuelle Opfer, sieht sich zurückgelassen. Meg redet sich ein, die Partyqueen gewesen zu sein. Und Petey? Wiewohl er schon wieder Zeitung liest, hatte er seinen Moment des Aufbegehrens – und vielleicht als einziger den Durchblick.

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  1. 9. 2017

Akademietheater: Diese Geschichte von Ihnen

Februar 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage nach dem Zweck unheiliger Mittel

Nicholas Ofczarek und August Diehl Bild: Bernd Uhlig / Burgtheater

Nicholas Ofczarek und August Diehl
Bild: Bernd Uhlig / Burgtheater

Die dritte Szene ist nichts für schwache Nerven. Da ist mitanzusehen, was man bis dahin nur vernommen hat. Vernommen auch, weil hier alles einem Verhör gleicht. Eine Situation spiegelt sich in der nächsten. Die Eskalation nimmt bis zur endgültigen Entgleisung immer mehr Tempo auf. Runde um Runde. Ein Bühnenboxkampf. In drei Szenen in drei Stunden werden viele Bilder eines Mannes entworfen, die sich lang nicht und dann doch plötzlich zu einem zusammensetzen. Andrea Breth hat am Akademietheater John Hopkins‘ „Diese Geschichte von Ihnen“ inszeniert. Eine ganz außerordentliche Arbeit mit einem ganz außerordentlichen Nicholas Ofczarek.

Hopkins hat das Drama 1968 geschrieben, da hatte er bereits das Drehbuch zum James-Bond-Film „Thunderball“ und 50 Episoden der BBC-Polizeiserie „Z-Cars“ verfasst; das Recherchieren dafür hatte ihn zu seinem Stück inspiriert. 1970 gab’s mit Peter Palitzsch in Stuttgart einen Theaterskandal, alles dachte an die Tötung von Benno Ohnesorg. 2016 denkt man immer noch an den Bankierssohn Jakob von Metzler und die von Wolfgang Daschner angedrohte „Rettungsfolter“. „Held oder Verbrecher?“, fragten die Medien damals. Daschner bekam eine Geldstrafe und eine Verwarnung; der Elfjährige war ermordet, als man ihn fand. Sergeant Johnson also, Hopkins‘ Antiheld, prügelt einen Menschen zu Tode. Er ist völlig überzeugt, den Mann erwischt zu haben, der für eine Serie von Kinderschändungen verantwortlich ist. Doch ist dieser Baxter tatsächlich der Gesuchte gewesen? In Szene eins kehrt Johnson betrunken nach Hause zurück, Szene zwei konfrontiert ihn mit dem internen Ermittler, die dritte Szene schließlich ist die Rückblende auf die Tat.

Ofczarek findet für seine Darstellung die Temperatur herzerfroren. Sein Johnson klammert sich an seine zynische Verzweiflung, als sei sie die Türschnalle zum Notausgang aus dieser Situation. Er schwankt zwischen Cop-Attitüde und den Tränen eines Kindes. Er verbreitet mit seiner Angst Schrecken. Man weiß nicht, ob er nun mehr um seinen Job fürchtet oder um seine Menschlichkeit. Doch wie alle Hopkins’schen Figuren wird auch er sich als Januskopf erweisen, der um die eigene Achse rotiert. Und der Alkohol fließt. Und die Prügel beginnen. Im Zusammentreffen mit Maureen wird die Gewalt gegen Baxter schon vorweggenommen. Sie attackiert ihn, Andrea Clausen als Lockenwicklergattin vor ihrem mit Heile-Welt-Nippes angeramschten 70er-Jahre-Wandverbau. Eine Scheußlichkeit, und wie die spätere Baustelle des Polizeireviers, von Martin Zehetgruber erdacht. Ein hellbrauner Bretterverschlag gegen das Draußen, das sich ganz offensichtlich im gesellschaftlichen Umbau befindet. Europa, es hat sich empathiebefreit, und dies seine größte Sünde, und wer noch welche aufbringt, der … Maureen, das macht Clausen deutlich, hat ihren Mann schon öfter so erlebt. Sie ist verhärmt und ungeliebt; man hat sich ohnedies nichts mehr zu sagen, daher glaubt man der Clausen auch kein Wort. Käme mein Mann nach Hause und sagte, er hätte einen Igel überfahren, ich wäre mehr aus dem Häuschen. Breth lässt ihre Lieblingsschauspielerin eine weitere ihrer spröden, kargen, unnahbaren Frauenfiguren gestalten. Das wirkt im Zusammenhang ein wenig gekünstelt.

Doch gerade das macht Breths Zugang zur Geschichte klar. Hopkins ist ein Meister der Regieanweisungen, und Breth hat sie alle ernst genommen. Sie spielt sein Stück wie eine Partitur. Siedelt es an zwischen Polizeireport und Theatertonfall. Gestaltet Psychothriller und das Psychogramm eines Täters. Eines Opfers. Die Grenzen werden noch ebenso verschwimmen wie die Schuldfrage. Die Er-lösung bleibt aus. Während sich der Irrsinn aus Johnsons Kopf zu Bühnenbildern formt, lässt Breth ihr Ensemble all die Brutalität mit einer gewissen Beiläufigkeit abhandeln. Als gäbe es keine andere Möglichkeit das vorzutragen, es zu ertragen, als in Lakonie. Es geht in „Eine Geschichte von Ihnen“ um Selbstbehauptung und um das Nichtfunktionieren von Kommunikation. Breth lässt die Darsteller die Abarten von Macht durchexerzieren, Hopkins hat deren Verhältnis immer wieder neu geordnet, und Breth lotet es aus.

Und so, wie man das Gefühl nicht los wird, Maureen und Johnson befänden sich in einer Art perversem Ehespielchen, folgt darauf die Katz-und-Maus-Hatz. Mit Roland Koch als distinguiertem Ermittler Cartwright. Auch er ein unklarer Charakter. Kochs Cartwright ist Helfer und Verderber in einem. Ein Aufklärer, aber zu wessen Gunsten? Objektiv, aber zu wessen Vorteil? Er ist der Typ, der Unruhe und Unbehagen verursacht. Wie er da den verständnisvollen Vorgesetzten mimt, führt diese Einvernahme folgerichtig zur nächsten, der letzten. Noch wird der Infight mit Argumenten geführt, doch schon sind die beiden Protagonisten von Hopkins geschickt in einen Nervenkrieg verstrickt. Und dann liegen diese blank und auch Cartwright langt zu. Der emotionale und der pragmatische Bulle sind ja doch artverwandt. Koch überzeugt in dieser Rolle. Naturgemäß. Wie er unterdrückte Wut ahnen lässt, als er sein Gegenüber mit verständnisvoller Miene zermürbt. Cartwrights Chefinspektor-Fassade bröckelt umso mehr, je länger die Szene dauert. Hinter dem Berg aus Professionalität taucht ein monströses Hinterland auf. Die Distanz, die er vom labilen Johnson zu seinem Beruf fordert, ist längst perdu. Hopkins manipuliert mit einem Stück über Manipulation.

Andrea Breth hat daraus die Fragen zur Zeit destilliert. Zeigt auf, wie es ist, wenn die Rechtsstaatlichkeit an ihre Grenzen stößt. Was passiert, wenn sie überschritten werden. Und wohin es führt, wenn Terror mit Terror beantwortet wird. Welcher Zweck heiligt welche Mittel? „Diese Geschichte von Ihnen“ ist eine über nicht verhandelbare gesellschaftliche Grundsätze. Bei gleichzeitiger Relativierung des Begriffs Wahrheit. Das ist so klug, dass eine einzige Antwort unmöglich ist. Breth lässt Fantasien offen. Ihr ultimatives Spiel ist das mit den Gedanken der Zuschauer. Einer davon ist: Wer ist hier eigentlich der Lustmörder?

Am Ende der Anfang. Nicholas Ofczarek trifft auf August Diehl, Johnson endlich auf Baxter. Der merkt schnell, dass er der intellektuell, in dem Sinne auch der moralisch überlegene ist, als er keine Gegenwehr leistet; er gibt sich provokant überheblich, ist nervös-blasiert, hochreflektiert – und bösartig. Zu ähnlich ist die Vergangenheit dieser beiden, als dass sie sich in dieser Gegenwart nicht zeigen müsste. Diehl wimmert, schreit und flüstert. Knochen brechen, Blut fließt, und Baxter analysiert kühl Johnsons Seelenzustände. Einer ist des anderen in die Enge getriebenes Tier. Baxter schafft es, Defensive mit Sadismus zu kombinieren, Johnson schlägt genussvoll zu. Ofczareks explodierende Gewaltbereitschaft, seine Weinerlichkeit und schmierige Jovialität treffen auf Diehls brillante Verkörperung von einem, der leidet – und es genießt? Ofczarek bricht über die Szene herein wie ein rasender Rachegott. Er fordert sie jetzt ein. Für die Demütigungen einer kaputten Ehe, einer missglückten Karriere, eines aus der Bahn geworfenen Lebens. Für all die vergewaltigten Kinder. Breths Abend ist in seiner extremen Körperlichkeit wie geschaffen für seine intensive Bühnenpräsenz, sein Spiel kennt keine Sekunde Pause, er führt und prägt diese Aufführung. Doch der feinnervige Diehl schenkt dem Berseker nichts. Und schließlich hat dieser sich selbst entlarvt.

All das, weil Sprache doch nur im Ungenauen bleiben kann, interpretiert schon mehr, als die Breth es tut. Die Grande Dame des deutschsprachigen Theaters ist nicht zur allumfassenden Enträtselung angetreten. Eine, die den Menschen so klar sieht, weiß freilich, dass dessen Wesen im Unklaren bleiben muss. Und so entlässt sie einmal mehr aus dem Theater, ihrer moralischen Anstalt, ohne den mahnenden Zeigefinger bemüht zu haben. Was sie aufwirft, sind Fragen. Welche Bedingungen muss eine gerechte Gesellschaft erfüllen? Gibt es für Menschenrechte Grenzen? Wo überschreitet Toleranz ihren Wert? John Hopkins erhielt 1996 den Humanitas-Preis, für seine Arbeiten, in denen er die Menschenwürde und das Recht auf Freiheit hervorhob.

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Wien, 1. 2. 2016