Kaviar

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Zack! ins Dixi-Klo gegriffen

Ein windiger Anwalt, ein schmieriger Stadtrat und ein gar nicht gerissener Glücksritter machen Jagd aufs große Geschäft mit dem Russen: Simon Schwarz, Joseph Lorenz und Georg Friedrich. Bild: 2019 Ioan Gavriel

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch. Also beginnt das Ganze durchgeknallt, der Russenmilliardär Igor auf einem österreichischen Hochstand, und wie er – von Jagdgewehr bis Panzerfaust – mit aller Waffengewalt einen nackten Mann aufs Korn nimmt. Der trägt bei seinem unfreiwilligen Tanz im Kugelhagel einen Lenin-Gipskopf, den sollte man sich merken, denn es wird ein Heidenspaß und eine Riesenüberraschung werden, wer diesen am Ende von Igor übergestülpt bekommt …

Als die Regisseurin und Drehbuchautorin Elena Tikhonova die Arbeit an ihrer Austrorussen-Komödie „Kaviar“ begann, dachte sie an eine Posse basierend auf ihren eigenen Erfahrungen in der Community, nicht aber, dass ihr erster Spielfilm von der knallharten Realität derart bestätigt werden könnte. Nun ist die aberwitzige Geschichte seit Freitag in den Kinos zu sehen, und erinnert frappant an manches, was die Republik seit Mitte Mai unter dem Schlagwort „Ibiza-Video“ beschäftigt. Allerdings bedarf es auf der Leinwand keiner Nichte, sondern der Oligarch selbst schreitet zur Tat. Der obszön reiche Igor hat nämlich einen Herzenswunsch. Er will sich nach Vorbild der Ponte Vecchio in Florenz auf der Wiener Schwedenbrücke eine Protzvilla samt Zwiebeltürmen errichten lassen.

Die Kontakte dafür soll ihm seine persönliche Dolmetscherin, sprich: in seinen Augen Leibeigene, Nadja checken. Die wendet sich an ihre beste Freundin Vera, deren einheimischer Ehemann Klaus schon lange am Schwarzgeldvermögen andocken will. Klaus bindet seinen Haberer, Rechtsanwalt Ferdinand Braunrichter ein, der seinerseits weiß, mit welchem überambitionierten Stadtrat man zum „Waidmanns Heil!“ antreten muss. So ist auch dieser Hans Zech bald im Boot, dank der Verlockung, Igor werde der Stadt Wien die Donaukanalsanierung finanzieren. Geschmierte drei von insgesamt 100 Millionen Bakschisch landen vorab schon in Liechtenstein, klar, Klaus und Ferdinand wollen Hans reinlegen, blöd nur, dass der Politiker Russisch spricht. Doch während die Männer tricksen, schmiedet das Damentrio, erweitert um Veras blauhaarige Babysitterin Teresa und angestachelt durch Klaus‘ halbseidene Seitensprünge, selber Pläne, um ans Bare zu gelangen.

Oligarch Igor schmeißt sich an Klaus‘ Ehefrau ran: Margarita Breitkreiz als Nadja, Georg Friedrich als Klaus, Mikhail Evlanov als Igor und Daria Nosik als Vera. Bild: 2019 Thimfilm

Veras Babysitterin Teresa macht bei Nadjas Love Interest, Oberpunk Don, das Rennen: Sabrina Reiter und Robert Finster. Bild: 2019 Thimfilm

Das Damentrio sucht den Lkw mit den Schmiergeldmillionen: Daria Nosik, Margarita Breitkreiz und Sabrina Reiter. Bild: 2019 Thimfilm

„Kaviar“ ist so knallbunt wie die Cartoons, die zwischen den Aufnahmen zu sehen sind. Insgesamt zu harmlos, ja, zu risikolos für beißende Satire, ist der Film ein schlitzohriger Culture-Clash-Comic, der von Wodka-Konsum bis Kalaschnikow kein Klischee auslässt, und mit Darstellern in komödiantischer Hochform punktet. Allen voran Georg Friedrich als so gierigem wie begriffsstutzigem Möchtegerngauner Klaus und Simon Schwarz, der als Ferdinand nicht viel heller auf der Platte ist. Schnitzler-Schauspieler Joseph Lorenz erfreut als jovial-saturierter Volksvertreter, der sich im Gefühl sonnt, alle Fraktionen in der Hand zu haben. Elena Tikhonova handelt mit diesen dreien ihren haarsträubend glaubwürdigen Korruptionsfall ab.

Von Geschäften, die auf einer Serviette unterzeichnet werden, dem flotten Austausch von Staatsbürgerschaften gegen „Wirtschaftsförderung“, von Geldwäsche bis Bordellbesuchen. Wunderbar Szenen, in denen Friedrichs Klaus eine Bande von Hausbesetzer-Punks beschäftigt, um im ersten Bezirk für Igors Inspektion mit Presslufthämmern eine Baustelle zu faken. Großartig, wie er vor Ort dem von Mikhail Evlanov gefährlich gönnerhaft und stets gutgelaunt gespielten Obskuranten sogar einen Unterwasserlift und einen Tiergarten verspricht, während er hernach versucht, der Polizei, David Oberkogler als Gesetzeshüter, die Aktion als Flash Mob zu verkaufen.

Dazu gehören natürlich Friedrich’sche Sätze wie „Hoit die Pappn, wannst mit mir redst!“ oder, als er nur mit einem Negligé bekleidet in einem Badezimmerfenster feststeckt und um Hilfe ruft, der Gemeindebau antwortet: „Geht’s a bissl leisa!“. In den Mittelpunkt ihres Klamauks stellt Tikhonova aber eine Frauenfreundschaft, die alles aushält: Margarita Breitkreiz als streng gekämmt verklemmte Nadja, Daria Nosik als deren Turbolidschatten und Highest Heels tragende BFF Vera und Sabrina Reiter als wiederum deren Kein-Kind-von-Traurigkeit-Kindermädchen Teresa bekämpfen die männlichen Betrüger mit allen – von modernem Hightech bis traditionellem Sex – Mitteln.

Nur einmal gerät die weibliche Solidarität ins Wanken – ein kurzes Intermezzo, als auf einer wilden Party mit Erdapfelsaft aus Kristallgläsern und traurigen Karaoke-Liedern der von Nadja so dringend ersehnte Oberpunk Don, Robert Finster, sich statt der Gastgeberin der gleicher gesinnten Teresa zuwendet. Doch schnell versöhnen sich die Ladys wieder, rollt doch der Rubel Richtung Wien, in einem Lkw, den die Mädels dank Veras Maneater-Qualitäten zu kapern gedenken, bevor die selbsternannten Herren der Schöpfung seiner habhaft werden können. Und so beginnt auf der Osteuroparoute, heißt: in der burgenländische Pampa, ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem bald alle im Wortsinn nach dem großen Geschäft riechen.

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch: Mikhail Evlanov. Bild: 2019 Thimfilm

Das hat Zack! Zack! Zack! mit den Dixi-Klos zu tun, in die Georg Friedrich seinen Griff ins Braune wird tun müssen, weil Igor denn doch nicht so deppert ist, wie die Wiener gern geglaubt hätten. Und alldieweil es für die Männer „Shit Happens!“ heißt, feiern die Frauen auf Geld-stinkt-nicht-Art die Umverteilung des Kapitals.

„Kaviar“ ist nicht hohe Kunst, aber ein erfreulicher Sommerspaß mit drolligen Animationen und einem temperamentvollen Soundtrack von Karwan Marouf. Ist der Film gewordene Beweis für den humorigen Unterschied dafür, ob Russen-Klischees über Russen oder von einer gebürtigen Russin erzählt werden. Und wenn Vera über Klaus klagt: „Er hat meine Fü(h)llungen verletzt“, kommt auch der Wortwitz nicht zu kurz. Merke: Gerechtigkeit gibt es in Liechtenstein. Aber wer muss mit dem Haupt von Wladimir Iljitsch herumspringen? Die Antwort ist … anschauen.

www.kaviar-film.at

  1. 6. 2019

Martin Wuttke ist „Der eingebildete Kranke“

Dezember 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Landestheater NÖ: Lachen bis der Tod kommt

Bild: (c) Thomas Aurin

Bild: (c) Thomas Aurin

Es beginnt, nein, nicht im Theater, sondern mit dem Programmheft. Vorne, nein, nicht Martin Wuttke als Molières Eingebildeter Kranker, sondern Frank Castorf. Ein pelzverbrämter Charakterkopf. Ein Ausfall. Eine Anzüglichkeit. Zwischen dem Gottöberst der Berliner Volksbühne und seinem Bühnenbelzebub gab es mal ein Zerwürfnis. Stichwort: „Tatort“. Der verlorene Sohn ist wieder da. Ein Hündlein an der Mutter Zitzen. Um Artaud zu zitieren. Und inszenierte sich selbst und ein halbes Dutzend Mitakteure als Hypochonder Argan nebst Mitleidenden. Nun war die Produktion – Teil einer Trilogie, in der Castorf „Der Geizige“ zeigt und René Pollesch „Don Juan“ macht, in den Hauptrollen jeweils Martin Wuttke – im Landestheater Niederösterreich, St. Pölten, zu sehen. Eine Dekonstruktion Jean-Baptistes mit den Mitteln der Diskurstheaterkantinendramaturgie. Grimassieren und Klistieren als Krampf im Kopf. Wenn der Schwanz nicht ausreicht, bleibt einem immer noch das Hirn zum Wedeln. Und weil Spaß nicht sein muss, aber kann, vibriert das Ganze grand-guignolisch vor Schauspielerslapstick. Ein grotesk klamaukiges Kasperltheater. In dem Wuttke das Krokodil gibt. La Comédie-Française. La Maison de Molière. Möchte man rufen. Der Dichter-Schauspieler-Regisseur fiel in der Maske des Argan auf der Bühne tot um. Was hier natürlich mit dem berühmt berüchtigten „Backstage“-Kameraeffekt, video killed the theatrestar, das Castorf-Pollesch’sche Lieblingsspielzeug, hoffentlich schenkt ihnen das Christkind heuer ein neues, thematisiert wird. Aber weil ein Genie wie Molière für einen Überdrüber wie Wuttke nicht genügt, packt er eine Portion Antonin Artaud oben drauf.

Ah! Das kann man auskosten. Das Theater der Grausamkeit: der zerstreute Text, der entstellte Körper, die unterdrückte Stimme, die Wuttke übrigens gar nicht unterdrückt. Das Theater und sein Double. Für Artaud sollte die Aufführung nicht Nachahmung der Wirklichkeit sein, sondern eine Wirklichkeit für sich. Keine Grenze mehr zwischen ästhetischem Wert und Unwert. Dazu nahm Artaud wegen undefinierbarer chronischer Schmerzen über Jahrzehnte Drogen wie Laudanum, Opium, Heroin und Peyote. Ewig lang war er in der Psychiatrie. Wo er mit eigenem Blut und eigener Scheiße seine Thesen an die Wände schrieb. Na, das passt doch wie die Faust aufs Auge. Krankheit als (Ein-)bildung. Krankheit als gesellschaftliches Konstrukt. Artauds Kunstvisionen sowie anklagende Bezichtigungen, auch des gutbürgerlichen Elternhauses, sind in verworrener Vielfalt in Molières Text eingewoben – bitte-bitte, mach‘ doch irgendwer eine Seminararbeit über diese Inszenierung …

Ein rotweißgestreifter Vorhang auf dem „Zum Todlachen“ steht, darüber ein Plastikgeisterbahnskelett, ein Memento-Mori-Emblem, das in regelmäßigen Abständen das Stundenglas dreht, Hendrik Arnst als grobschlächtiger Spielansager (später als Argans Bruder Béralde) – so beginnt das Spektakel. Und dann er: In offenem, weißem Rüschennachthemd samt Liebestötern, mit weiß geschminktem Hundenasenclownsgesicht samt schwarzer Hundeohrenmütze, mit Stock, ein Unsympath in Schlapfen, tatterig, zitterig, schnarrt, spuckt, krächzt, kreischt, fiepst, japst, keucht Wuttke den Anfangsmonolog. Eine Aufzählung der ihm verordneten Medikamente und deren Kosten. Auf Französisch. Unsichere Blicke fallen rechts und links auf die Eintrittskarten. Im falschen Stück? Das kommt auf die Perspektive an. Regisseur Wuttke schenkt dem Schauspieler Wuttke jedenfalls nichts punkto Stimm- und Körpereinsatz. Ein dürres Menschlein in XXL. Im sanatoriumhaften, schwarzweißen Bühnenbildsalon von Bert Neumann, who else. Die Verausgabung auf Französisch bleibt Programm. Alle Darstölleeer müüsen sich der Üb-ung unterziehön mit accent zu sprechön. Dazu gibt es sicher eine EU-Verordnung: Wo Komödie draufsteht, muss Komödie drin sein. Wuttke beherrscht auch diese Disziplin, lässt sich Rieseneinläufe verpassen, die hinten rein, vorne raus und bis ins Publikum spritzen.

Seinem Wahnsinn am nächsten kommen Lilith Stangenberg, die beide Töchter Argans spielt, Maximilian Brauer als Möchtegern-Arzt/Künstler-Schwiegersohn, der der illustren Gesellschaft sowohl einen Opernentwurf als auch ein Drehbuch vorstellt, und die immer wunderbare Margarita Breitkreiz als brachialcharmante Zofe Toinette. Ein Name, der hier klingt wie Tourette. Brigitte Cuvelier gibt die schon das Grab schaufelnde, aufs Erbe geiernde Ehefrau Béline; Abdoul Kader Traoré ist ein ziemlich unscheinbarer Cléante. Dafür überzeugt Jean Chaize, der als Notar und Arzt in Krampusmaske einen wahren Feitstanz aufführt. Was Wuttke sträflicherweise unterschlägt, ist die Intrige, in die die ihn Liebenden Argan verstricken, um ihn von seiner Krankheitshysterie zu heilen und die ihn Nichtliebenden zu entlarven. Dafür heißt’s: Ducken, da fliegt ein Regieeinfall! Un-tief. Man unterwirft sich der Konformität der Volksbühnengewohnheiten. Ruckzuck geht’s mit der Handlung zu Ende. Fuck you, Molière. Da war doch noch was, will man dem Zirkus, dem Jahrmarkt, diesen Zurschaustellern nachrufen. Doch die Wandertruppe ist schon weiter. Auf dem Weg zum Intellelsein.

www.landestheater.net

Wien, 30. 11. 2013