Odeon – Serapions Ensemble: Lamento Allegro

Januar 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Tanz um den gestohlenen Esel

Der Oasenmann ist mit Ehefrau und Esel unterwegs ins Niltal, um seine Waren zu verkaufen: Elvis Grezda und Sandra Rato da Trindade. Bild: © Odeon/S. Smidt

Ohnedies ist alles Interpretation und Assoziation. So soll’s auch mit der Szene sein, in der sich Julio Cesar Manfugás Foster an eine in schlammbraune Arbeitskittel gewandete Beamtenschar wendet. Eine nach dem anderen stolpern sie hinter ihrem Schalter hervor, immer mehr werden sie, mit gurkenglasdicken Brillen, schlampig gebundenen Krawatten, diversen Ticks – jedes Zucken ein Verneinen der Zuständigkeit, jede Gebärde eine „Mich geht das nichts an“-Geste.

Es wird Aufstellung genommen, Ähnlichkeiten mit nächstens zu sehenden Angelobungsbilder sind …, im Lärm der Bürokratie geht die Beschwerde des Bürgers, oder weist ihn die Hautfarbe antizipativ als Nichthiesigen aus?, unter. Man hört nur zwei seiner Worte: „Wasser … Essen …“ Weit hergeholt? Stimmt. „Klagen des Bauern“ oder „Der redekundige Oasenmann“ ist ein mittelägyptisches Literaturwerk. Darin wird ein Niedriggestellter auf seinem Weg ins Niltal, wo er seine Waren verkaufen will, von einem leibeigenen Pächter seiner gesamten Habe beraubt. Worauf er sich an dessen Besitzer, den Obervermögensverwalter des Pharaos, der sich wiederum an seine Räte, später an den Pharao höchstselbst wendet.

Doch Gerechtigkeit widerfährt dem Bauern nicht. In neun Klagereden fordert er diese nun für sich ein, wird dafür verprügelt und vom untertänigen Volk sogar mit dem Tode bedroht. Der göttliche Herrscher allerdings lässt die Reden heimlich schriftlich festhalten, denn er ist seit Langem auf der Suche nach einem begnadeten Geschichtenerzähler … „Lamento Allegro“ nennt das Serapions Ensemble seine unter der Leitung von Max Kaufmann, Mario Mattiazzo und Erwin Piplits entstandene Inszenierung des Stoffs, deren Wiederaufnahme im Odeon Theater mit dem Jahreswechsel geschehen ist. Eine Parabel, so das Programmheft, über jene dicke Decke, die sich die Demokratie seit der attischen übergeworfen hat, um derart die Ungleichbehandlung von Staatsvolk und Zugezogenen, heißt: die wahre Macht der Archonten und Demagogen, Apparat die einen, System die anderen, zu tarnen.

In seine bewährt poetischen Bilder packt das Serapions Ensemble auch diesen kollektiven Theaterzauber. Ein Esel, mittels Fahrradgestell zum Laufen gebracht, ein Thespiskarren mit vielfältig nutzbarer Transportkiste, zwei Laufbänder und ein alter Filmprojektor – das sind jene Requisiten, um die herum die neue Kreation aus Schauspiel, Gesang, Tanz und bildnerischen Elementen komponiert ist. Julio Cesar Manfugás Foster, José Antonio Rey Garcia, Elvis Grezda, Ana Grigalashvili, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Miriam Mercedes Vargas Iribar, Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Gerwich Rozmyslowski und Sandra Rato da Trindade gestalten den 90-minütigen Abend.

Thespiskarren ohne Tier: Julio Cesar Manfugás Foster mit Rey Garcia, Vargas Iribar, Rozmyslowski, Grigalashvili und Iszlay. Bild: © Odeon/S. Smidt

Wütende Menge: José Antonio Rey Garcia, Julio Cesar Manfugás Foster, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Gerwich Rozmyslowski, Ana Grigalashvili und Mario Mattiazzo. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Räte kommen zwar aus ihrer Zauberkiste, doch …: Ana Grigalashvili und Elvis Grezda. Bild: © Odeon

… sind mit der Frage überfordert: Ana Grigalashvili, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die belämmerte Beamtenschar: Grezda, Rozmyslowski,  Mattiazzo, Rey Garcia, Iszlay, Rato da Trindade, Grigalashvili, Vargas Iribar. Bild: © Odeon/S. Smidt

Die Krawatte wird als Würgehalsband gebraucht: Grezda, Rozmyslowski, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Wobei jeder mehrere Figuren verkörpert, Sandra Rato da Trindade und Elvis Grezda als Bauersleute beginnen den Reigen, sie in safrangelbem Kaftan, er in lindgrünem, und wie die Kostüme – sie noch aus den Beständen von Ulrike Kaufmann – von Spieler zu Spielerin weitergereicht werden, José Antonio Rey Garcia und Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Mercedes und Miriam Vargas Iribar, macht deutlich wer nun als Chui-ni-Anup nebst Gattin unterwegs ist. Knapp nach Weihnachten erinnern die beiden an die Legende von Marias kleinem Esel, das Schwingen dreier Seile markiert den reißenden Fluss, den es zu durchqueren gilt, dann ein Wandteppich aus Wüste, Wind, Unwetter.

Dass Julio Cesar Manfugás Foster mit seiner vazierenden Truppe den Thespiskarren nicht länger allein ziehen will, mag – siehe Subventionssituation – als selbstironisches Augenzwinkern gedeutet werden, jedenfalls wird das Grautier gestohlen. Es bleibt der Imaginationskraft jedes einzelnen überlassen, in die folgenden Choreografien einen roten Faden einzuweben, die Strahlkraft der Aufführung versteht es, Fantasiebegabte aller Ausbildungsgrade für sich einzunehmen. Mit einem Maskenmix von Commedia dell’arte bis Mad Max, mit Musik von Goran Bregović, Philipp Glass, Meredith Monk, Mohammad Reza Mortazavi bis Richard Wagner.

Gesprochen, gesungen wird in vielen Ensemblesprachen, Gerwich Rozmyslowski führt, als die Reihe an ihm ist, seine Beschwerde auf Wienerisch. „Zu wem kann ich heute reden?“, das Gebet um Gerechtigkeit, wird zur Anklage, wird kämpferisch circensisch, wird zu einem resignativen „Wozu soll ich noch reden?“. Ein per Hoverboard schwebender Trenchcoat-/Würdenträger befragt die Räte, dies einer der skurril-schönsten Momente, wenn die vielarmige, verschlafene Obrigkeit, an der Spitze Ana Grigalashvili, aus der Kiste tritt, und unterm sich selbst eingeflüsterten Motto „Sag‘ kein Wort!“ mehr und mehr ins Taumeln gerät.

Der redekundige Oasenmann wird von Pharaos Stoffsäulen eingewickelt: Elvis Grezda, Ana Grigalashvili und Mercedes Miriam Vargas Iribar. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Dramatik des Visuellen, die wunderbar berührende Grausamkeit des Ganzen, wird um Textzitate erweitert, vom „Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba“ aus dem Papyrus Berlin 3024 bis zum Gedicht „Die Freiheit ist schrecklich“ von Ali Podrimja. Freiheit, sagt das Serapions Ensemble damit, ist Verantwortung, und nur der eigenverantwortliche Mensch kann eine diesem würdige, lebenswerte Gesellschaft bilden. In der eine ethische Grundhaltung jedem einzelnen

inne ist, ohne dass ihn Gesetze dazu zwingen. Eigeninitiative ist das Credo zur Stunde. Die Darsteller tanzen nach Haka-Art. Das abschließende, überwältigende Bild: Aus sich drehenden Stoffzylindern wird ein Säulenpalast, der zusammen mit den historischen Kolonnaden der einstigen Getreidebörse ein monumentales Gesamtkunstwerk ergibt. Und während im Thronsaal des Pharaos dessen Untertanen am Schlips wie am Würgehalsband geführt werden, fallen die Stoffe und umschlingen den Bauern. Steht er da als königlich gekleideter Auserwählter oder als ein seinem Gebieter Ausgelieferter?

Die Gedankenwelt des Bauern und die allzu menschliche Universalgeschichte verschwimmen.  „Auf dem Rücken der Schildkröte / ein jedes Ding war schrecklich / auch die Freiheit“, rezitiert Grezda, nun wieder Oasenmann, Ali Podrimja. Da erkennt man erst, was das Auge bereits vorher beobachtet hat: Je mehr sich der Beraubte in seinen Klagen mit dem Diebstahl beschäftigt, desto mehr beraubt er sich der Freiheit. Das ist der Preis fürs Recht bekommen, für Privilegien und Reichtum aus der Hand der Machthaber. Sehr eindrucksvoll verschwindet zum Schluss die Frau erst durch die, dann auf der Filmleinwand, und mit ihr der Esel – mutmaßlich ins wahrhaft Freisein. Tosender Applaus für diese absolut staunenswerte Produktion.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zn4NvfvbFRs&feature=youtu.be           vimeo.com/330207813           www.odeon-theater.at

  1. 1. 2020

Das Festspielhaus St. Pölten präsentiert Grupo Corpo

Mai 2, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Goran Bregovic: Champagne for Gypsies

Grupo Corpo: Sem Mim/Parabelo Bild: Jose Luiz Pederneiras

Grupo Corpo: Sem Mim/Parabelo
Bild: Jose Luiz Pederneiras

Dass brasilianischer Tanz weit mehr ist als nur Samba – dafür steht seit Jahrzehnten vor allem ein Name: Grupo Corpo, die weltweit bekannte Compagnie aus Belo Horizonte, die nun erstmalig seit 2006 nach Österreich kommt. Am 8. Mai präsentiert sie im Festspielhaus St. Pölten die beiden Stücke „Sem Mim“ und „Parabelo“ als Österreich-Premiere. Zeitgenössisches Ballett, das sich auch in musikalischen und tänzerischen Traditionen mit der farbenfrohen Lebenslust Brasiliens verbindet, ist das Erfolgsrezept des Ensembles, das mit seinem faszinierend-wilden Stil bei ausgedehnten Tourneen auf der ganzen Welt Furore gemacht hat. In St. Pölten zeigen sie ihre international gefeierte Produktion „Sem Mim“ („Ohne mich“), die auf mittelalterlichen Troubadour-Gesängen basiert. Die uralten Themen von Liebe und Sehnsucht, Trennung und Vereinigung werden im Bild von Ebbe und Flut, von der Ruhe und den Stürmen eines Meeres in eine packend- impulsive Bewegungspartitur übersetzt.

Im zweiten Teil des Abends präsentiert Grupo Corpo das Stück „Parabelo“, das Choreograf Rodrigo Pederneiras selbst als die „ländlichste und am meisten brasilianische“ Kreation seines Werkkatalogs bezeichnet. Hingebungsvolle Gesänge gepaart mit einer sinnlichen Ästhetik lösen sich am Ende des Stückes in einen ausgelassenen Reigen reich an tänzerischer Leichtigkeit, brasilianischen Rhythmen und kraftvollem Fußstampfen auf. Im Anschluss an die Vorstellung findet ein Samba Club statt. Das Luis Ribeiro Project feat. Paula Barembuem (Gesang) und Daniel Mesquita (Gitarre) wird auftreten und den Kleinen Saal mit brasilianischen Rhythmen wie Choro, Samba und Baião zum Schwingen bringen. Anschließend findet eine Dance Lounge statt. Für junge Tanzschaffende gibt es die Möglichkeit am 7. Mai an einer Masterclass mit Mitgliedern von Grupo Corpo teilzunehmen. In ihrem Heimatland engagiert sich Grupo Corpo auch im Bereich Vermittlung und betreibt eine eigene Tanzschule, die es überwiegend mittellosen Kindern ermöglicht, eine Ausbildung in Musik oder Tanz zu absolvieren.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=4ilFKOIsjhY

TIPP: Goran Bregovic: Champagne for Gypsies, 24. Mai:

„If you don’t go crazy you’re not normal“ – so lautet die Botschaft von Goran Bregović, dessen Name geradezu als Synonym von „Balkan Brass“ gelten kann. Mit seiner Wedding and Funeral Band hat er maßgeblich zum Balkan-Boom der letzten Jahre beigetragen. Zu seinem musikalischen Nährboden, der sich von Budapest bis Istanbul erstreckt, zählt auch das Volk der Roma, das nicht nur die Musik im ehemaligen Jugoslawien tief geprägt hat. Ihm setzt der Musiker auf seinem neuen Album „Champagne for Gypsies“ ein mitreißendes Denkmal, während seine CD „Alkohol“ einer unverzichtbaren Quelle südosteuropäischer Lebensfreude gewidmet ist. Berauschend ist auch Bregovićs Musik: Sie bringt die Beine zum Tanzen, beflügelt die Fantasie und befreit die Emotionen. Vorsicht: Suchtgefahr!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=d_6s3CZbLwM

www.festspielhaus.at

Wien, 2. 5. 2014

Goran Bregović im Theater an der Wien

April 30, 2013 in Tipps

Champagne for Gypsies

ChampagneCover300DPIGoran Bregović hat bereits mehrfach das Publikum im ausverkauften Theater an der Wien begeistert. Am 4. Mai  präsentiert der Sänger und Gitarrist mit dem Perkussionisten Alen Aemović und dem Wedding and Funeral Orchestra das Programm „Champagne for gypsies“. Der serbische Rockstar, der mit seiner Band mehr als sechs Millionen Alben verkaufte, hat es geschafft, seine Musik, die von Rock, Klassik und Volksmusik beeinflusst ist, von den Balkanstaaten in die ganze Welt zu verbreiten. Mit der ihm eigenen außergewöhnlichen Energie und seinem Talent lädt Bregović ein, seinen neuen explosiven musikalischen Cocktail „Alkohol: Champagne for Gypsies“ zu probieren – ein exklusives Konzert, das zum Tanzen, Trinken und Feiern gemacht ist – ganz im Sinne von Bregovic: „If you don’t go crazy you’re not normal“. Aber auch zum Nachdenken, denn – wie der Künstler sagt: „Gypsies are not a problem of this world, they have always been one of the talents of this world”. Und genau diesen Talenten ist das zündende Programm  gewidmet.

www.theater-wien.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 30. 4. 2013