Volkstheater: Der gute Mensch von Sezuan

Oktober 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Brechts Parabel bleiben ein paar illegale Teigtascherl

Im Schatten des im Wortsinn großen Bert Brecht: Andreas Patton, Steffi Krautz, Claudia Sabitzer, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Constanze Winkler, Lukas Watzl, Isabella Knöll und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn zum Schluss der Kurz’sche Satz fällt „Sozial ist, was stark macht“, dann ist die mutmaßliche Stoßrichtung des Abends endlich formuliert. Klar, Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ ist das Stück der Stunde, Robert Gerloff hat’s nun am Volkstheater inszeniert, wo man auch höchst p.c. die Autorinnen- schaft von Ruth Berlau und Margarete Steffin anführt. Einen Konnex zum „kapitalistischen Surrealis- mus“, wie ihn Markus Metz und Georg Seeßlen beschreiben, gibt der Regisseur als Referenz an.

Was bedeutet, wo’s früher „Ohne Fleiß kein Preis“ hieß, sind die Systemmacher heute die mit der größten Fähigkeit, aus nichts ein Etwas zu kreieren – Stichwort: Erfindungs/Reichtum. In dieses Konzept wird nun gezwängt, was sich nicht wehren kann. Gerloff schraubt seine extrem stilisierte, durchchoreografierte Inszenierung bis zum Anschlag auf artifizielles Konstrukt, als könne maximale Künstlichkeit ein Mehrwert fürs Zur-Kenntlichkeit-Entstellen sein. Dies ist wohl, was er unter epischem Theater versteht, und passend zu dieser fixen Idee ist das Bühnenbild von Gabriela Neubauer eine Art „Turm zu Babel“-Baustelle, von welcher der übermenschengroße, tatsächlich Zigarre qualmende Kopf des Godfather auf seine Kreaturen blickt, und sind es die Kostüme von Johanna Hlawica aus einem zu eigener Körperhaftigkeit gestärkten Kunst-Stoff.

Das tollste Teil trägt die „achtköpfige Familie“ in Form eines riesigen Ponchos mit je einem Kopfdurchschlupf für jeden von der Verwandtschaft – die Mischpoche als ein mächtiger Parasit. Das alles ist von ansprechender Ästhetik, allerdings verheddert sich Gerloff im Bemühen, Brechts Protagonistin Shen Te einer Gesellschaftsanalyse à la Metz/Seeßlen zu unterwerfen. Selbstverständlich kann man der Figur den Versuch einer aberwitzigen Verbindung von Profitgier mit humanistischem Gedankengut in die Schuhe schieben, freilich will die von der Prostituierten zur Tabakhändlerin Avancierte mittels eines imaginären Vetters ihre wirtschaftliche Interessen mit ihren Moralillusionen synchronisieren.

Nur steckt im Brecht-Text mehr Kritik an wachstumsimmanenten Unsinnigkeiten, sozialen Ungerechtigkeiten, am Primat permanenter Profitmaximierung, ergo an der Ausbeutung von Arbeitskraft, als die postfaktische Schulweisheit sich träumt. Was, während der Zuschauer in der Reihe hinter einem, weiß, männlich, offensichtlich wohlsituiert, laut über das längst überfällige Abschaffen von Arbeitnehmervertretungen angesichts „der zunehmenden Zufriedenheit der Berufstätigen mit dem Zwölf-Stunden-Tag“ philosophiert, hätte sich über die Verhältnisse in Sezuan nicht alles anmerken lassen?

Shen Te verwandelt sich Shui Ta: Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jan Thümer als mit seinem Schicksal hadernder Flieger Yan Sun. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Über Abgehängte, Arbeitslose und den diesen aufgezwungene Ich-AGs, über Gehaltsschere und Schere im Kopf, über die sogenannten betrieblichen Umstrukturierungen, die immer beim Personalabbau in der Belegschaft beginnen … Doch ein wirkliches weiteres Ausführen der Parabel bis zur Situation der Gegenwart passiert nicht. Wiewohl Shen Te die Götter natürlich fragt, „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“, und diese vor der kapitalistischen Ökonomie kapitulieren. Am Volkstheater springinkerln sie ihr fröhliches Liedchen trällernd über die sich beständig drehende Bühne. Imre Lichtenberger Bozoki hat Paul Dessaus Musik für die dreiköpfige Band Raphael Meinhart, Oliver Stotz und er selbst der Trompeter eingerichtet, und wechselt den Sound zusätzlich von Genesis‘ „I Can’t Dance“ – samt dazu ausgeführtem Video-Walk – zum „The End“ der Doors.

Gerloff lässt sein Ensemble dazu hopsen und im Gleichschritt tänzeln. Louis de Funés‘ berühmtes „Nein! – Doch! – Oh!“ kommt zu Ehren, und da das Ganze bekanntlich in China angesiedelt ist – hurra, was ein Spaß! -, die berüchtigten sich illegal in Österreich aufhaltenden Teigtascherl. In dieser Sinnspruchszenerie spielt Claudia Sabitzer die Shen Te mit einem Anstand und einer Würde, die alles überstrahlt, und um nichts schlechter ihren ausgeklügelt gemeinen Cousin Shui Ta, ihr gewinnorientiertes zweites Ich, das der gutmütigen Wohltäterin die Schmarotzer vom Leib schneidet. Die neben Sabitzer eindrücklichste Rollengestaltung gelingt Gertrud Roll, die als die Shin die Ereignisse mit staubtrockenem Sarkasmus kommentiert – und trotzdem für Momente die warmherzige Mitmenschlichkeit dieses Charakters aufblitzen lässt.

Jan Thümer gibt den Flieger Yang Sun gebrochen genug, um seinen Weg vom schäbigen Liebhaber zum kleinlaut die bösartigen Einflüsterungen seiner Mutter befolgenden Söhnchen zum Peitschen schwingenden Vorarbeiter in der Tabakfabrik nachvollziehbar zu machen. Ein Anti-Held, wie er bei Brecht steht. Steffi Krautz ist als Mutter Yang wie Hausbesitzerin Mi Tzü geldgierig und intrigant, und versteht es, beide Frauen messerscharf gezeichnet über die Rampe zu bringen. Und apropos, Rampe: Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler auf Brecht-Manier in einen Lichtspot und aus ihren Rollen, um sich mit ihren Bemerkungen direkt ans Publikum zu wenden.

So tut’s auch „die achtköpfige Familie“, mit Thümer sind es Isabella Knöll, Günther Wiederschwinger, Constanze Winkler und Lukas Watzl, die wiederholt für witzige Einlagen sorgen. Sie alle agieren vielfach, wie Andreas Patton unter anderem als zwielichtiger Barbier, der gedenkt, sich durch eine Heirat mit Shen Te deren „Marke“ der Ehrbarkeit einzukaufen, oder Nils Hohenhövel, der als Schreiner vom zahlungsunwilligen Shui Ta in den Konkurs getrieben wird. Watzl bestreitet als Wasserverkäufer auch die erste Begegnung mit den Göttern.

„Die Shin“ Gertrud Roll kommentiert staubtrocken das Geschehen; hinten: Claudia Sabitzer und Steffi Krautz als Hausbesitzerin Mi Tzü. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aber, wie gesagt: Mehr Sinnieren über Ursache und Wirkung vom Geld-regiert-die-Welt ist nicht, auch nicht über das mit dem Abhacken des ganzen Arms endende Reichen des kleinen Fingers, oder über Wohltätigkeit als Wertschöpfungsmaßnahme, oder über politische Veränderung, die im Kleinen gern beginnen kann, aber im Großen weitergehen muss. Der pädagogische Fingerzeig, der am Volkstheater mitunter überschnell zur Stelle ist, hinkt den hehren Absichten der Aufführung diesmal gehörig hinten nach. Schade. Über „Sezuan ist überall und insbesondere im neoliberalistischen Hierzulande“ wäre Ausführlicheres zu sagen gewesen.

Ein Satz zu Beginn dieser Rezension, einer zum Schluss: „Mir ist nicht so wichtig, wer mit wem regiert, mir ist wichtig, wer wofür regiert“, so Bundespräsident Van der Bellen bei der Erteilung des Regierungsbildungsauftrags an Sebastian Kurz. Hoffentlich steckt dieser Spruch in der Lichtenfelsgasse schon hinter einem der Spiegel.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2019

Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 12. 2017

Zelinzki: Das neue Bandprojekt mit Beatrix Neundlinger

November 23, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Konzert als Reise „Zwischen Wut und Übermut“

Die Band Zelinzki präsentiert ihre erste CD mit einem multimedialen Konzertabend. Bild: Oswald Wintersteller

Die Band Zelinzki mit Beatrix Neundlinger (re.) präsentiert ihre erste CD „Die Weltformel“ mit zwei multimedialen Konzertabenden. Bild: Oswald Wintersteller

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger untersuchen mit ihrem neuen Band-Projekt “Zelinzki” die aktuellen Befindlichkeiten der Österreicher in Zeiten der  zweiten allgemeinen Verunsicherung. Ihre musikalischen Aufmucker gibt es unter dem Titel „Die Weltformel“ bereits auf CD.

Nun folgt deren Präsentation in Form eines multimedialen Konzerts am 26. November im Wiener Theater Akzent und am 30. November in der Argekultur Salzburg. Mit diesem Abend laden die Musiker zu einer Reise „Zwischen Wut und Übermut“, zu einem Musikvarieté, das „den Aufhetzern Einhalt gebieten, den Feiglingen Mut machen und die Träumer aufwecken“ soll. Dazu ist der Band so ziemlich jedes musikalische Mittel Recht, von Liebeslieder über Muntermacher zu Hymnen. Den raschen, oft überraschenden Wechsel der Gefühle und Musikrichtungen kann sich die Band locker leisten. Die Musiker überspringen mit professioneller Leichtigkeit jeden Grenzzaun der Genres. Und wenn es sein muss, wird er auch eingerissen oder einfach überrannt.

Zelinzki war selbst ein Flüchtender. Ein Asylsuchender. Ein Heimatloser. „Zelinzki“ trägt seine Ideen weiter. Macht Musik aus seinen Geschichten. Und aus den Geschichten seiner Freunde.

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Eine Reise "Zwiscen Wut und Übermut". Bild: Anna Reisinger

Keine Zeit für Koffer: Eine Reise „Zwischen Wut und Übermut“. Bild: Anna Reisinger

Die Texte sind von Heinz Rudolf Unger, von ihm auch „Die Weltformel“, von Else Lasker-Schüler, Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht oder H. C. Artmann. Im Unger-Blues „Weckt Nicht Den Kleinen“ erlarvt sich das vermeintliche Kind als „der Faschist in mir“, der die Türen verrammelt und auf den baldigen Bau einer Mauer hofft. „Erinnerungen“ von Bert Brecht klingt, als hätte Wolf Biermann Pate gestanden; der Text ist auf der CD-Hülle abgedruckt: „Wenn ich es denken könnte, wüsste ich es bereits, doch könnte es dir nicht erklären. Denn wenn du es denken könntest, dann wüsstest du es bereits und müsstest nicht auf mich hören …“  In „Wia Geds Da Denn“ nach der Nöstlinger wiederum wird von einer Generation erzählt, die nicht gelernt hat, eine Meinung haben zu dürfen, die lieber „stad“ ist als sich Gedanken zu machen über Politik und die Welt.

Und sofort hat man beim Zuhören wieder Schmetterlinge im Bauch, der Politrock der 1970er-Jahre und sein Protestsongpotential sind noch lang nicht ausgeschöpft. Man hört es der Formation an, dass es immer noch und schon wieder Arenen zu besetzen und zurückzuerobern gibt. So ist die CD ein Schlachtruf für alte Mitstreiter – und eine Empfehlung für neue, die dazukommen wollen.

www.zelinski.at

Wien, 23. 11. 2016

Theatermuseum: Five Truths. Shakespeares Wahrheit und die Kunst der Regie

April 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Katie Mitchell zeigt Ophelias Wahnsinn hoch fünf

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Wie unterscheiden sich die Regiestile von fünf der einflussreichsten europäischen Theaterpraktikern des 20. Jahrhunderts? Wie würden Konstantin Stanislawski, Antonin Artaud, Bertolt Brecht, Jerzy Grotowski oder Peter Brook die berühmte Wahnsinnsszene der Ophelia aus Shakespeares Hamlet inszenieren?

Für ihre Video-Installation hat die berühmte britische Regisseurin Katie Mitchell, die in Österreich zuletzt bei den Salzburger Festspielen ihre Arbeit „Forbidden Zone“ zeigte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10209), diese eine Szene mit ein und derselben Schauspielerin im Stil dieser fünf maßgeblichen Regisseure inszeniert und gefilmt. Das Theatermuseum zeigt die „touring installation“ des Victoria and Albert Museum ab 21. April zum 400. Todestag von William Shakespeare.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7oxnyRl8e8A

www.theatermuseum.at

Wien, 19. 4. 2016

Theater an der Wien: Dreigroschenoper

Januar 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Dieses Soho liegt am Neusiedlersee

Macheath "sitzt" im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble Bild: © Monika Rittershaus

Macheath „sitzt“ im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble
Bild: © Monika Rittershaus

Nach der Pause, wenn Nina Bernsteiner und Gan-ya Ben-gur Akselrod einander als Polly und Lucy beim Eifersuchtsduett den Barock von der Brust reißen, weiß man endlich, dass Weltklasseregisseur Keith Warner es wirklich so wollte – zwischendurch hatte man sich nämlich schon ernsthaft gefragt, ob das alles ernst gemeint sein kann. Das Theater an der Wien zeigt zum Zehn-Jahres-Jubiläum als Opernhaus seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“.

Warner versuchte – ja, was? – eine Persiflage auf die eigene Zunft? Sicher auf Bert Brecht, wie ein paar zusammenhanglos platzierte Maoisten-Statisten vermuten lassen. Und Kurt Weill, der Arme? Die Satire allerdings entzieht sich der Karikatur. Und so geschieht das Schlimmste, was der „Dreigroschenoper“ mutmaßlich passieren kann: Die Inszenierung ist nicht sexy. Das haben sich der alte Erotomane und sein stilles Musikgenie nicht verdient. „Ich verlang‘ ja keine Oper hier“, sagt Macheath. Die hat er aber gekriegt.

Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Und mehr Zeilen als die paar hier hingeschriebenen werden das Gegenteil behaupten. Man kennt das „Stück mit Musik“ vom Sprechtheater, wo es, wie dieser Abend eindrucksvoll bewiesen hat, auch hingehört, aber man war doch voller Hoffnung – Oper! Lasst endlich einmal die Fachmenschen ran! Schlussendlich konnte man sich kaum damit abfinden, dass da manche den heißen Erdapfel nicht und nicht aus dem Mund brachten, jedoch gar nicht daran gewöhnen, dass die Dialoge im Operettenjargon zum besten gegeben wurden. Im Theater an der Wien liegt Soho am Neusiedlersee, dafür gab es sogar einen Dialogcoach. Wobei das gegenüber vielen Kolleginnen und Kollegen der leichten Muse unfair ist. Die können’s nämlich. Singen und schauspielern. Hier hat der Arnold Schoenberg Chor, der zum Finale im Gefängnis als sinistre Streetgang auftritt, mehr darstellerische Präsenz als mancher Protagonist. „Sie spielen eben so gut sie können“, sagt Peachum. Meint damit aber nicht explizit Markus Butter als Tiger Brown.

Dabei wäre die Künstlichkeit, die „Verfremdung“, auf die Warner setzt, durchaus angebracht. Die Art, wie er etliche Songs aus der Handlung nimmt und auf eine eigene Showbühne stellt, ist im Sinne der Erfinder. Auch der von Boris Kudlička erdachte Bühnenbildkubus, die gesamte Mischung aus Grind und Kitsch sind stimmig. Und doch scheint es, als hätte Warner bei Brecht nicht bis auf den Bodensatz geschaut. Er planscht durch Untiefen, wo sich Abgründe auftun. Das Verbrechen und die verlorenen Existenzen, die Arglist und die Armut, die Gemeinheit des gemeinen Volks und der gutbürgerlichen Gesellschaft, sie werden von der Opernattitüde im Wortsinn zer-schmettert. Differenziert geht anders. Freilich sollte Warner nicht mit dem altehrwürdig erhobenen Zeigefinger des epischen Theaters herumwedeln, aber zwischen Lehrstück und Leerstück müssen doch noch ein paar Positionen zu besetzen sein. So hat er Brecht nur „Revue“ passieren lassen. So wurde das scharfsinnige, zynische, mit der ganzen Wut und Wucht eines jungen Mannes geschriebene Original zum Musical – ups, das böse Wort im Theater an der Wien – weichgespült.

Und apropos Nuancen: Immer wieder die Musik. Das Klangforum Wien unter Johannes Kalitzke interpretiert Weill vom Feinsten, nur gesungen wird er wenig. Unter den Damen wagte es einzig Anne Sofie von Otter als Spelunken-Jenny sich vom Schöngesang abzuwenden – Salomonsong! -, sich als Diseuse zu erproben, auf die Weillness zu setzen. Weill, das ist Hässlichkeit, geschlürft bis zur Neige, ist Nachtclub-Timbre, ist Ironie und schrille Töne, und immer wieder auch jüdischer Trauergesang. Diese Disziplin beherrscht halt nicht jeder. Besonders laut hörte man Roma Bahn in ihrer letzten Ruhestätte rotieren. Dafür ist Otter darstellerisch so gut wie inexistent, jedenfalls keine abgetakelte Hure, der man abnimmt, dass sie noch genug Freier abbekommt, sondern eine schmerzgebeugte Elendsgestalt.

Einer, der’s definitiv beherrscht, ist Florian Boesch als Bettlerkönig Peachum. Er ist die finstere Lichtgestalt des Abends. Perfekt bigott und sehr schön straffällig. Er ist ganz ehrenwerter Kapitalist und ganz ehrloser Gauner. Er trifft die richtig „schnarrigen“ Töne beim Singen und Sprechen, interpretiert hinterlistig und sarkastisch, macht aus seinem Part beinah ein Kabarettstückchen. Wann immer er auf der Bühne ist, herrscht Freude. Mit Angelika Kirchschlager, die als seine Celia ein Hausfrauenalbtraum in Rosa sein darf, bildet er nicht nur beim Anstatt-dass-Song das Dreamteam der Aufführung; beide tanzen sich auch schwungvoll durch die großartige Choreografie von Anthony van Laast, dessen West-End-Tempo zum Glück aus der einen oder anderen szenischen Langatmigkeit die Luft rausnimmt. Der Kirchschlager kommt bei ihrer Darstellung gewiss zugute, dass die Mrs. Peachum die große Geste durchaus verträgt.

Tobias Moretti spielt einen unterkühlten Macheath. Doch unter der ruhigen Oberfläche ist sein Mackie Messer tatsächlich das in der Moritat besungene gefährliche Raubtier, der Menschenfresser und der Alphamann der Londoner Unterwelt. Moretti hat hart gearbeitet, das sieht man, das gilt es zu würdigen. Moretti hält mit den Stars des Musikdramas mehr als stand, weil er näher an Weills Musik und noch näher an Brechts Drama ist. Er bringt die nötige Lakonie für die Rolle auf. Ist körperlich – im Gefangenenkäfig -, in den Gesangs- und Tanzeinlagen auf der Höhe. Er hat sich eine Schaustellerstimme zugelegt: Kommen Sie näher, kommen Sie ran!, gibt einerseits mit rollendem R den Crooner, andererseits wie im Kanonensong den beinharten Killer. Ist weinerlich und wehleidig über sich selbst und brutal zu den anderen. Nur diese eine Farbe, den Womanizer, den erst Frauenverführer und dann -schänder nimmt man seiner ansonst schillernden Figur nicht ab. Aber wenn er „Man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhämmern ein“ droht, dann steht er endlich auf, der gute Geist der Gesellschaftskritik. Auf dem Friedhof von Highgate, den Mackie kurzfristig schon als neue Adresse ins Auge fassen muss, liegt auch Karl Marx. Und so altvaterisch ist Brecht nicht, dass die Gründung – oder in Österreich Kauf und Verkauf – einer Bank nicht immer noch …

Zusammenfassend? „Dreigroschenoper“ geht schwer. Aber sie so lange zur Oper zu zerquetschen, bis eine Operette rausrinnt, geht gar nicht. Da fallen ja dem Haifisch vor Schreck die Zähne aus.

www.theater-wien.at

Wien, 14. 1. 2016