Tanzkosmos: “EGAL-EQUAL”

November 24, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Editta Braun lädt die heimische Szene aufs Parkett

Iris Heitzinger & editta braun company „PAULA” Bild: © Editta Braun

Iris Heitzinger & editta braun company „PAULA”
Bild: © Editta Braun

Die renommierte Salzburger Choreografin und Pionierin der zeitgenössischen österreichischen Tanzszene Editta Braun stellt in der dritten Edition des Wiener TanzKosmos-Festivals (25., 27. und 29.11. im Wiener KosmosTheater) 10 Arbeiten österreichischer und internationaler ChoreografInnen unter das Thema „egal-equal“.
Ihre eigene editta braun company, die heuer ihr 25jähriges Bestehen feiert, wird mit zwei aktuellen Produktionen zu Gast sein.

MANPOWER, RISKSund POLITICS sind die drei dicht programmierten Abende betitelt, an denen

SAMUEL KIRSCHNER (Wolfsberg), DANTE MURILLO & PAWEL DUDUS (Bogota/Wien; Racibórz/Polen/Wien), OVERHEAD PROJECT (Köln; Preview),  MATAN LEVKOWICH & LUAN DE LIMA (Jerusalem/Wien; Caxias do Sul/ Brasilien/Salzburg), EDITTA BRAUN COMPANY (Salzburg), BARBIS RUDER (Wien; ausgezeichnet mit dem PERFORMANCEPREIS H13 2014 des Kunstraum Niederösterreich!), IRIS HEITZINGER (Barcelona/Salzburg), MARIA KOLIOPOULOU/PROSXIMA DANCE COMPANY (Athen; Uraufführung), CIELAROQUE/HELENE WEINZIERL (Salzburg) und ROOTLESSROOT/JOZEF FRUCEK & LINDA KAPETANEA (Zilina/Slowakei; Athen; Österreichische Erstaufführung)

mit ihren neuesten Arbeiten zeigen, wie weit das große Feld “Tanz” gesteckt sein kann.

Ob mit Tanz im klassischen Sinne, ob mit Akrobatik oder Performance, mit Text oder ohne, als Solo oder gemeinsam, improvisiert oder durchchoreografiert – egal, welcher künstlerische Weg gewählt wird –  sie alle stellen Fragen, reflektieren, provozieren, üben Kritik an unserer Gesellschaft, an unserem Zusammenleben.
Egal! Equal: gleichwertig, aber alles andere als gleichgültig!
Da wird die Kommunikation der Körper erforscht (Overhead Project) oder von den Etappen einer Beziehung erzählt (Matan Levkowich&Luan de Lima). Da dienen die  Bilderwelten des Hieronymus Bosch (Dante Murillo & Pawel Dudus) oder Chats auf Internet-Dating-Plattformen (Barbis Ruder) als Inspirationsquelle. Da entsteht Choreografie aus dem Augenblick (Editta Braun), da wird in einem Tanzstück nach Marlen Haushofers “Die Wand” über das Nichts reflektiert (Editta Braun/Iris Heitzinger). Da dienen weiblichen Figuren der griechischen Mythologie als Grundlage für eine durchchoreografierte Studie (Maria Koliopoulou). Da verzerren eine Truppe aus Salzburg, eine aus Griechenland die Wahlfreiheit der Demokratie zur Kenntlichkeit (cieLaroque/helene weinzierl) oder empören sich vehement (RootlessRoot), bringen uns zum Lachen oder konfrontieren uns mit roher Gewalt.

PROGRAMMÜBERBLICK: www.kosmostheater.at

Wien, 24. 11. 2014

Gerhard Polt: Und Äktschn!

Januar 31, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthouse Kino aus der Garage

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

„Die haben doch im Bunker auch improvisieren müssen.“ Genau. Was also sollte Vollamateur Hans A. Pospiech aufhalten, seine „Hitler privat“-Spieldoku zu drehen? Schließlich sieht er sich als Aufdecker à la Michael Moore. Ist wie das Vorbild kompromisslos der Wahrscheinlichkeit der Wahrheit verpflichtet. Und weiß: „Der Mensch stirbt, aber der Film bleibt.“ Ab 6. Februar haucht Gerhard Polt diesem letzten Kinosaurier, der sich über Wasser hält, indem er Zweite-Weltkriegs-Memorabilien aus dem Nachlass seines Vaters verscherbelt (pro Stalinorgel-Pumperer 50 Euro), in „Und Äktschn!“ Leben ein. Der jüngste Streich des bayerischen Vollkabarettisten kommt so amüsant-„amateurhaft“ daher – ein echter Pospiech eben -, so entschleunigt, so grenzenlos in seiner „Beschränktheit“, dass es die reine Freude ist. Ein Kultfilm über einen Film, der Kult werden muss. Arthouse Kino aus der Garage. Denn dort schnippelt Pospiech an seinem Meisterwerk.

Noch ein Hitler-Film also. Satire übers Dritte Reich sells. „Ich finde, man sollte Hitler nicht nur kaputt reden, sondern auch -spielen und -recherchieren“, sagt der britischösterreichische Regisseur Frederick Baker im Interview. „Der Mann las Karl May als Inspiration, wenn es um militärische Führung ging! Er schickte Winnetou-Ausgaben an seine Generäle an der Front. Hitler war ein richtiger Provinzler und ist es bis zuletzt geblieben. Die Wahrheit ist, je näher man an ihn ran kommt, desto provinzieller, absurder und witziger wird er. Humor ist eine wahre Wunderwaffe. Das wusste Hitler auch, denn auf Hitler-Witze stand die Todesstrafe. Auch im Namen aller, die für ihre Hitler-Witze starben, ist es wichtig, dass wir diese ‚wehrkraftzersetzende‘ Tradition fortsetzen.“ – „Frederick Baker, meinem Co-Autor und Freund wurde klar, dass zum Beispiel in dem Film ‚Der Untergang‘ auch unterging, wie so ein Mensch entstehen konnte. Das Alpha fehlte, nicht das Omega“, ergänzt Gerhard Polt mit tiefstem Ernst dazu. Nach der Lektüre der Bücher von Historiker Werner Maser habe er erkannt, dass er sein Hitler-Bild über Bord werfen könne: „Gänzlich neu war mir die Information, dass es sich bei Herrn Hitler anscheinend um einen durchaus sympathisch daherkommenden Mann gehandelt haben muss, der eindrucksvoll parlierend vor allem die Damenwelt der Münchner Gesellschaft entzückt hat und so in die ‚High Society‘ der Stadt gelangen konnte. Für mich ergab sich daraus der Verdacht, dass die sympathischen Zeitgenossen die oft gefährlicheren sind, weil sich ihnen die Wege leichter ebnen als ihren Kollegen, den Unsympathen.“

Den Gröfaz (größter Führer aller Zeiten, Frederick Baker liebt diese Abkürzung) spielt Volksopernchef Robert Meyer. Ein Schallplattenladenbesitzer, ein Laie, denn der Adolf Hitler war auch kein Profi. Große Kunst, wie Meyer mit „ungekünstelter Echtheit“ versucht, dem Original so wenig wie möglich nahe zu kommen. Man will dem Oarschloch schließlich kein Denkmal setzen. Pospiech-Polt lässt seinen Hauptakteur alle Qualen eines Darstellers wider Willen durchleiden. Und siehe da: Je unhitlerischer der zu werden versucht, desto ähnlicher wird er ihm. Wunderbar eine Konditoreiszene mit Gisela Schneeberger, in der Meyer eine Prrrinzrrregententorrrte bestellt. Darauf sie: „Aber Adi! Der Datschi is ganz frisch!“ So einen Hitler braucht der deutsche Film. Schneeberger, Polts wie immer kongeniale Filmpartnerin, mutiert als Wirtin Frau Grete zum Fräulein Eva Braun. Frau Grete ist nicht nur hinter der Schank eine, die weiß wo’s langgeht, sondern auch vor der Kamera. Mit strenger Hand und schriller Stimme dirigiert sie die anderen durch die Untiefen der Drehtage. Ein Kabinettstück der bayerischen Kabarettistin. Lobt auch Gerhard Polt: „Fred Baker und ich wollten visualisieren, mit welcher Hingabe Dilletanten das angeblich Seriöse zur Aufführung bringen. Wenn Gisela Schneeberger die Eva Braum spielt, kommt sie in ihrer Harmlosigkeit der geschichtlichen Person wahrscheinlich viel näher als andere noch so ehrenwerte Bemühungen.“

Harmlos ist an Polts Film eigentlich nichts. Nur versteckt hinter bayerisch-österreichischer G’mütlichkeit. Des bissl Alltagsfaschismus/ – rassismus. Die Erklärung, dass der indische Ober kein Neger ist, aber doch auch dunkel. Und trotzdem zum Goebbels geeignet, weil erstens: Bollywood und zweitens: Von denen stammt’s Hakenkreuz. Ja, das ist alles eh so bös‘ gemeint, wie’s klingt. Polt macht das Publikum durch In-die-Kamera-Sprechen zum Komplizen seiner Farce. Er befindet sich im Delirium der Dilettanz. Seine hingestotterten Halbsätze sind von einer Brillanz, die man ein Zeitl behirnen muss, um zu ihrem Kern vorzudringen.

Sein Ensemble ist auf Augenhöhe: Maximilian Brückner als fauler Neffe und Kameramann. Nikolaus Paryla als vor Ekel geschüttelter Cineast. Der Filmklubchef ist ein Naderer, „der Würstlverkäufer, der windige“. „Der filmt gegen die ganze Welt an“, fürchtet er sich vor Pospiech. Michael Ostrowski als schleimig-smarter Sparkassen-Filialleiter. Viktor Giacobbo als immer noch gestriger „historischer Berater“. Robert Palfrader als textloser „Bormann“ und Thomas Stipsits als osteuropäischer Handwerker. Beide haben zwar nur Kurzauftritte, aber vom Feinsten. „Dürft ich etwas sagen?“, fragt Palfrader-Bormann. Nein. Dafür Erni Mangold, die mit ihrem Foxl zum Blondie-Casting kommt. Weil, der ist eine starke Persönlichkeit, der spielt jeden Schäferhund. Als Pospiech doch auf Reinrassigkeit besteht, schimpft sie ihn Neonazi. „Obwohl, für an Neonazi san’S z’alt.“ Das alles ereignet sich zum verpopt-verfremdeten Wagner’schen Nibelungen Tod, Lichtstimmung: Ragnarök. Und geht in allgemeiner Hitlerei unter. Das 1000-jährige Reich darf sich jedenfalls als entlarvt betrachten. Das ist Gerhard Polts meisterliches Ver-Sprechen.

www.undaektschn.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FOcZCJcUmx4

Wien, 31. 1. 2014

Theater Scala: „Glaube Liebe Hoffnung“

November 29, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein kleiner Totentanz von Ödön von Horváth

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Am 3. Dezember hat im Theater Scala Ödon von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ Premiere.

„Aber ich laß den Kopf nicht hängen!“ sagt sich die arbeitslose Elisabeth immer wieder und will als Ich-AG mit einem Wandergewerbeschein wieder auf die Füße kommen. Die notwendigen Kosten soll der Verkauf ihrer Leiche schon zu Lebzeiten an die Anatomie bringen. Doch dort winkt man bedauernd ab. Ein nicht ganz uneigennützige Präparator ist zwar bereit ihr das Geld vorzustrecken, doch Elisabeth gerät auf der Suche nach einem Auskommen und ein bißchen Liebe in einen Teufelskreis aus sturer Bürokratie und menschlicher Anteils- und Rücksichtslosigkeit, der ihr zuletzt kaum noch eine andere Wahl läßt, als ins Wasser gehen zu wollen. Aber selbst ein Selbstmord ist nicht so einfach und wird von ihrer Umwelt mit Unverständnis und als grober Undank betrachtet. Horvath portraitiert einerseits die kleinen Spießer und Egoisten, die Opfer des Systems und gleichzeitig selbst Täter sind, andererseits gelingen ihm berührende Momente des Kampfs eines Menschen um die Selbstbehauptung und eine menschenwürdige Existenz. „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu“, dieses berühmte Horvath-Zitat gilt auch ganz besonders für dieses Stück, in dem ein Menschenkind versucht, seine Sehnsüchte nicht aufgeben zu müssen. Irgendwann gehen Glaube und Liebe aber doch verloren. Die Hoffnung schaut sich rechts und links um, sieht, dass alle tot sind und sagt: Na gut, dann sterb‘ ich halt zuletzt …

In der Inszenierung von Peter Gruber spielen Barbara Braun, Roman Binder, Robert Ceeh, Reinhold Kammerer, Alexander T.T. Mueller, Marion Rottenhofer, Christina Saginth, Leopold Selinger und Patrick Weber. Zu sehen bis 21. Dezember.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 29. 11. 2013