Theater in der Josefstadt: Wie man Hasen jagt

September 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein vergnüglicher Abend über aberwitziges Fremdgehen

Léontine und Moricet beim Versuch eines Schäferstündchens: Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

Ein triebgesteuertes Chaos ist es, das Regisseur Folke Braband Donnerstagabend auf die Bühne der Josefstadt stellte. Der Erfolgsgarant an den Kammerspielen inszenierte erstmals am großen Haus, und das Ergebnis ist ganz großartig. Gegeben wird Georges Feydeaus Farce „Wie man Hasen jagt“, und Braband erfreut mit seiner inspirierten, präzisen Regie, die für Feydeaus so exakt komponierte Vaudeville-Stücke unerlässlich ist. Tempo und Timing stimmen, die Pointen sitzen punktgenau.

Und wie schön ist es erst, dass Braband mit leichter, aber treffsicherer Hand einen Abend zum feingeistigen Schmunzeln und nicht zum Schenkelklopfen gestaltet hat. Unterstützt in seinen Ideen wird der Regisseur von den hellwachen Josefstadt-Schauspielern, die die hohe Kunst der Komödie aus dem Effeff beherrschen. Allen voran Pauline Knof, Martin Niedermair und Roman Schmelzer.

In seinem Lust-Spiel zerpflückt Feydeau die Unsitten und die Scheinmoral einer besseren Gesellschaft. Gutbürgerlich-zufrieden könnte man sein, doch ach!, all diese saturierten Wohlstandsmenschen sind in ihrem Innersten einsame, seelisch erfrierende Wesen, voller Sehnen nach mehr.

Bei Feydeau sind alle immer auf der Suche nach dem kleinen Glück, am besten vermittels des kleinen Tod. Und so kommt es, dass Monsieur Duchotel vorgibt, regelmäßig aufs Land zu fahren, um zu jagen – angeblich mit seinem Freund Cassagne, während er in Wahrheit in Paris Madame Cassagne als einzigen Hasen weit und breit erlegt. Der Schwindel fliegt natürlich auf, und Duchotels Ehefrau Léontine beschließt sich per Seitensprung mit Hausfreund Moricet zu rächen.

Der stellt der Dame schon lange nach, und soll nun endlich zum Schuss kommen. Wie’s sein muss, treffen einander alle im selben Zimmer in der selben Absteige, inklusive eines Polizeikommissars, der im Auftrag von Cassagne dessen Frau als Ehebrecherin entlarven soll. Verwirrend nur, dass es deren mehrere gibt. Zum Durcheinander tragen bei: ein entlarvender Brief in der Tasche einer Hose, die ungünstiger Weise den Träger wechselt, fertige Fleischpasteten, wo es geschossenes Wild geben müsste, und Duchotels Neffe Gontran, der mit seinem Onkel eine Menge gemein hat, Stichwort: Geliebte …

Wenn in der Hosentasche ein entlarvender Brief steckt, …: Roman Schmelzer als Duchotel mit Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… muss man mitunter sogar zur Waffe greifen: Roman Schmelzer und Pauline Knof. Bild: Erich Reismann

Braband und sein Ensemble haben sichtlich Spaß an der Figurenüberzeichnung, jeder Charakter ist hier eine Type, vom Irrwitz der tumultösen Handlung umzingelt und ergo am Rande des Nervenzusammenbruchs. Je mehr der Abend Fahrt aufnimmt, umso mehr bröckelt die mühsam errichtete Lügenfassade. Die Not ihrer Figuren wird von den Darstellern dabei bitterernst genommen, dies das erste Komödien-Gebot, denn nur so kann Komik entstehen. Man ergeht sich in Versprechen und Versprechern, Hinters-Licht-Führungen und scheut auch vor Quer-übers-Bett-Stunts und Slapstick nicht zurück.

Mit Augenzwinkern ins Publikum und ab und an A-part-Sprechen will man dieses für sich als Komplizen gewinnen. Alles ist hier eindeutig zweideutig. Und für zusätzlich anrüchige Anspielungen sorgen Situationen beim Patronenstopfen und Flinteputzen, und fast so, als hätte der große Louis de Funès für diese Produktion Pate gestanden, erprobt man sich in dessen berühmten Dialog „Nein!“-„Doch!“-„Oh!. Gelungen auch das Bühnenbild von Stephan Dietrich, der als Kontrast zum steril-weißen, Vernunft verströmenden Wohnzimmer der Duchotels auf das sinnliche Bordellrot des Pariser Liebesnests setzt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die wunderbare Pauline Knof als Léontine. Die hat in ihrer Anstrengung Gleiches mit Gleichem zu vergelten anfangs noch Skrupel, bis die Hüllen endlich fallen. Léontine gelten zweifellos Feydeaus Sympathien, sie ist intelligenter, schneller, entschiedener im Kopf, als die Männer, daher kann sie sie leicht gängeln. Knof stellt das fabelhaft dar. Den betrogenen Betrüger Duchotel gibt Roman Schmelzer als – zumindest anfangs noch – in sich ruhenden Herrn im Haus, als wendigen Seitenspringer, der überzeugt ist, sein Frauchen mit seinem Jägerlatein dumm zu halten. Als sich das Blatt wendet, bleibt ihm nicht mehr als um Gnade zu winseln.

Martin Niedermair gibt den Moricet, dieser ist Arzt und Poet – und damit eine der wenigen Feydeau-Schöpfungen, die einen veritablen Beruf hat, lebt man doch sonst beim französischen Dramatiker eher vom nicht näher definierten Vermögen. Niedermairs Moricet ist ein sympathischer Sehnsüchtler, ein fast naiver Schwerenöter, mutmaßlich mehr verliebt in die Vorstellung einer romantischen Liebe, als in Léontine. Dass der wunderbare Komödiant in heruntergelassenen Hosen beste Figur macht, versteht sich.

Die Gräfin Latour empfängt ihre Gäste, …: Elfriede Schüsseleder mit Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… Polizeikommissar Bridois verhört sie: Alexander Strobele mit Pauline Knof, Martin Niedermair und Jörg Reifmesser und Manuel Waitz als Polizisten. Bild: Erich Reismann

Neben diesem flotten Dreier begeistern: Tobias Reinthaller als Duchotels Neffe Gontran, ein Frechdachs, ein Schlitzohr und Schnorrer, dem die familiären Herzensirrungen und -wirrungen zu einem kleinen Vermögen verhelfen, bezahlt ihn doch jeder ausgiebig für sein Stillschweigen. Holger Schober, als Cassagne ein breiten Wiener Dialekt sprechender Simpel, der den Duchotel’schen Verwicklungen geistig nicht zu folgen vermag, und immer das Falsche zum falschesten Zeitpunkt sagt. Elfriede Schüsseleder als Gräfin Latour, nunmehr Hausmeisterin im Etablissement in Paris, wo sie beschwipst nach dem Rechten sieht.

Schüsseleder gestaltet die Rolle als kleines Glanzstück, ist sie es doch mit der Feydeau „ermahnt“ und aufzeigt, was aus den Untreuen wird (die Gräfin war weiland mit einem Dompteur vom Zirkus durchgebrannt). Alexander Strobele schließlich geht als strenger Polizeikommissar Bridois auf die Pirsch, ist aber ein Ehrenmann, der auch im Bemühen, den Durchblick zu behalten, durchaus über dieses und jenes hinwegsieht. Am Ende ist nicht alles gut, aber auf dem besten Wege dorthin. Geläutert ist freilich niemand, nur gefinkelter geworden im Erfinden von Alibis. Das Publikum dankte für die köstliche Unterhaltung mit großem Applaus.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6y8RIVwutL4

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  1. 9. 2017

Kammerspiele: Monsieur Claude und seine Töchter

September 9, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Klischees ausgespielt, bis sie sich selbst entlarven

Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Monsieur Claudes Multikulti-Familie: Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter M. Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Und wieder hat Folke Braband einen Komödienhit gelandet. An den Kammerspielen zeigt der Regisseur nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Der nackte Wahnsinn“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt, der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit abgehandelt werden.

Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist auch Autor Stefan Zimmermann zu danken, der mit seiner Textfassung die Untiefen des Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet hat und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen beiden Jahren gedreht, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Braband und Zimmermann nehmen diese Entwicklungen aufs Korn, und nehmen sie so ernst, dass ihnen gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihnen überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Sie haben die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und Braband lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Brabands Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich, siehe oben, etwas sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaß steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer!

Siegfried Walther ist als Monsieur Claude Dreh- und Angelpunkt des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Walther malt die Schablone, die diese Figur sein könnte, mit einer ganzen Palette an Gefühlsfarben aus, er gibt seinem Monsieur Claude Charakter, konterkariert dessen saturierte Selbstgefälligkeit mit Selbstzweifeln und entgeht so mit Verve jener Knallchargigkeit, der sich sein Filmkollege Christian Clavier nicht entziehen konnte. Eine Leistung, mit der Walther gleichsam die Grundierung der Aufführung festlegt.

Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Mit Chateauneuf du Pape lassen sich alle Grenzen überwinden: Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Peter Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Ein Liebespaar gegen alle gesellschaftlichen Widerstände: Peter M. Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Denn niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Susa Meyer ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Ida Ouhé-Schmidt als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen.

Die vier Liebespaare gestalten Michaela Kaspar und Ljubiša Lupo Grujčić, Silvia Meisterle und Vincent Bueno, Daniela Golpashin und Martin Niedermair, Martina Ebm und Peter M. Marton. Mit oft nur kleinen Gesten und Andeutungen gelingt es ihnen ihre Rollen in der Handlung und in ihren Beziehungen zu verorten.

Meisterle als Michelle ganz überspannte Künstlerin, Golpashin als Adèle mit einem genervten Augenrollen, wenn ihr Mann wieder einmal seine jüdischen Ahnen anruft. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Grujčić gibt den südländischen Heißsporn, der sich politisch völlig unkorrekt wegen seiner permanenten „Bombenstimmung“ frotzeln lassen muss, Niedermair einen raunzigen Nörgler, der sich alles Leid seines Volkes auf die schmalen Schultern geladen hat, Vincent Bueno das –  nicht Schlitzauge, sondern – freundliche Schlitzohr, er wird ergo von den anderen beiden auch als „dauergrinsender Arschkriecher“ beschimpft. Bueno greift dann zum Gaudium der Zuschauer auf seine Martial-Arts-Künste zurück, der Musicaldarsteller in seiner ersten Sprechtheaterrolle ist die erfreulichste Überraschung des Abends, wie er spielt, auch sein komisches Talent ausspielt, wie er sich ins Kammerspiele-Ensemble fügt, als hätte er nie etwas anderes gemacht, davon möchte man gern mehr sehen.

Als Tausendsassa zeigt sich Markus Kofler, wie schön, dass die Josefstadt mit seinem Engagement beweist, dass sie ein waches Auge Richtung freier Szene hat. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein lautmalerisches Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen erster Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, dem Fahndungsplakat gilt. Ein Araber, Sie wissen, da kann man nie wissen …

Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Folke Braband freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Im diesbezüglich durchkomponierten Programmheft mit seltsamen Europakarten samt „Dracula- und Autodiebländern“ findet sich dafür ein Psycho-Fragebogen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

Vincent Bueno im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21953

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1r2bTOH5gVs&feature=youtu.be

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Wien, 9. 9. 2016

Kammerspiele: Vincent Bueno im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt in „Monsieur Claude und seine Töchter“

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vindent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vincent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Der französische Kinoerfolg des Jahres 2014, „Monsieur Claude und seine Töchter“, kommt nun auf die Bühne. An den Kammerspielen wird die Komödie von Philippe de Chauveron und Guy Laurent in einer Inszenierung von Folke Braband am 8. September uraufgeführt. Madame und Monsieur Verneuil, dargestellt von Susa Meyer und Siegfried Walther, wären ein zufriedenes Ehepaar, hätten ihre vier bildhübschen Töchter nicht eine Affinität zu Männern aus anderen Kulturkreisen.

Eine jüdische, eine muslimische und eine Hochzeit mit einem Asiaten mussten sie schon über sich ergehen lassen, da verkündet endlich die jüngste Tochter, einen französischen Katholiken heiraten zu wollen. An dem passt alles – bis auf die Hautfarbe. Musicaldarsteller Vincent Bueno übernimmt als chinesischer Schwiegersohn Chao Ling seine erste Sprechtheaterrolle. Ein Gespräch über Alltagsrassismus, das Gefühl Heimat, das neue Album „Wieder Leben“ und wie ein „Musicalfuzzi“ an den Kammerspielen nun für Rambazamba sorgt:

MM: Das ist Ihre erste Rolle am Sprechtheater, wie geht’s?

Vincent Bueno: Ja, und ich fühle mich extrem geehrt, dass ich mitmachen darf. Ich habe viel Musicalerfahrung, aber eine reine Schauspielrolle habe ich seit meiner Studienzeit nicht mehr gespielt, damals beim Armen Theater Wien, weil Erhard Pauer mein Abschlusslehrer am Konservatorium war. Die Proben an den Kammerspielen sind nun eine tolle Erfahrung mit tollen Kollegen.

MM: Wie sind Sie in die Produktion gekommen? Gab’s ein Casting?

Bueno: Nein und das ist das Coole daran: Die Josefstadt hat mich angefragt! Und natürlich war ich interessiert. Ich habe dann bei Herrn Direktor Föttinger vorgesprochen, einen Text aus „A Chorus Line“, und das war eine ziemlich arge Challenge, weil er aufs erste Kennenlernen doch sehr … wie soll ich das jetzt sagen? … respekteinflößend ist. Er hat zu mir gesagt: Du bist zu brav, ich will deine derbe Seite sehen, ja, und das versuche ich jetzt. Außerdem lerne ich gerade, meine Körpersprache zurückzunehmen.

MM: Funktioniert eine Theaterfamilie anders als eine Musicalfamilie?

Bueno: Gute Frage. Ich will jetzt nichts falsches sagen. Eine Musicalfamilie ist lebendiger, aufgeweckter, Sprechtheaterschauspieler sind nachdenklicher, in sich gekehrter. Vielleicht haben sie sich ja deswegen einen Musicalfuzzi geholt, damit er für ein bisschen Rambazamba sorgt. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich fühle mich so wohl, man wächst hier so zusammen. Man ist beim Sprechtheater angewiesener aufeinander, weil ein Satz in den anderen greift. Da kann keiner einen Egotrip veranstalten. Da wir nicht tanzen, nicht singen, ist sprechen, miteinander sprechen das Essenzielle.

MM: Sie spielen den chinesisch-stämmigen Schwiegersohn Chao Ling. Wie ist der?

Bueno: Eigentlich nicht so weit weg von meiner Person. Was uns unterscheidet ist, dass er Banker ist und ich ein Künstler, aber wir haben beide diese Sunshine-Art. Er ist im Gegensatz zu mir so strukturiert, er ist ein Checker, ich nicht. Ich bin sehr bescheiden, er kann seine Meinung rauslassen, das ist für mich grad noch ein bisschen schwer, aber wir sind auf einem guten Weg miteinander.

MM: Bescheidenheit ist nicht die beste Eigenschaft im Showbusiness.

Bueno: Das glaube ich auch. Aber das ist das Asiatisch-Höfliche an mir, das ich nun beim Spielen vollkommen ausschalten muss. Eine Challenge!

MM: Ist das Asiatisch-Höfliche nicht ein Stereotyp?

Bueno: Glaube ich nicht, die meisten Asiaten sind von Natur aus höflich. Es gibt einen Unterschied zwischen Höflichkeit und Aufrichtigkeit, und Asiaten haben diese Mischung, mit der viele Europäer nicht wirklich umgehen können. Die glauben, das Ja-Sagen und Verbeugen und Alles-Gut-Sagen ist ein Fake, aber es ist eine Sache des Respekts im gegenseitigen Umgang miteinander, die es im europäischen Raum so nicht gibt.

MM: Es ist eine Komödie, aber auch ein Stück über Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft. Haben Sie den auch schon erfahren?

Bueno: Nicht nur erfahren. Ich spüre, auch wenn ich nicht direkt auf mein asiatisches Aussehen angesprochen werde, Blicke auf mir, da denke ich mir Wow! Leute schauen einen gerade in der jetzigen Zeit wieder schief an, wenn sie zu erkennen glauben, dass man ein „Ausländer“ ist. Das ist teilweise blanker Hass. Ab dem Zeitpunkt aber, wo ich Wienerisch spreche, denn ich bin ja hier geboren, ist es für sie okay. Nach dem Motto: Ah, der kann sich anpassen. Es ist grotesk, aber es ist so.

MM: Sind die Asiaten nicht die guten, fleißigen „Ausländer“, die freundlichen Exoten?

Bueno: Und die Afrikaner und die Araber die bösen, arbeitsscheuen, meinen Sie? Ja, das stimmt schon, wir kriegen’s nicht so ab. Das ist jetzt auch sehr Thema bei den Proben mit Peter Marton und Ljubiša Lupo Grujčić, meinen Mitschwiegersöhnen, mit denen ich mich privat super verstehe. Wir versuchen die Vorurteile noch mehr zu unterstreichen, noch etwas Sahne draufzugeben, damit’s einerseits komisch ist, andererseits aber auch verstanden werden kann, dass es so nicht weitergeht im menschlichen Zusammenleben. Denn die Schwiegersöhne haben ihre Scharmützel miteinander, die auf ihrer unterschiedlichen Herkunft basieren. Wir wollen alle dem Monsieur Claude gefallen, doch der wünscht sich nur einen urfranzösischen Bräutigam für zumindest eine seiner Töchter.

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album "Wieder Leben" vor. Bild: Vincent Bueno

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album „Wieder Leben“ vor. Bild: Vincent Bueno

MM: Sie haben auf den Philippinen wie hier eine große Fanbase. Fühlen Sie sich zweigeteilt oder nehmen Sie best of both worlds?

Bueno: Ich habe eine Zeitlang auf den Philippinen gelebt, weil ich mich dort im Showbusiness etablieren wollte, und das Komische ist, ich habe festgestellt, dass ich mich in Österreich am Heimischsten fühle, aber in keinem der beiden Länder zuhause. Das heißt, ich gehöre nach Österreich, bin hier geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen, die österreichische Kultur ist meine Kultur, und trotzdem werde ich als fremd gesehen. Auf den Philippinen wussten die Leute, der ist nicht von hier, der hat keine Ahnung von unserer Kultur, deswegen können wir den auch nicht vermarkten.

MM: Das heißt, auf den Philippinen sind Sie Österreicher?

Bueno: Ja, man nannte mich The Austrian Idol, nach der Show „American Idol“, weil ich damals gerade im ORF „Musical – Die Show“ gewonnen hatte … (er schmunzelt).

MM: Was uns zur Musik bringt. Sie haben ein neues Album aufgenommen: „Wieder Leben“. Erzählen Sie etwas zu dessen Entstehungsgeschichte?

010063_db7035c8492c457a8ebb20c825b5d6e8Bueno: Es ist erstmals ein deutschsprachiges Album, was nicht alle in meiner Community mögen, aber meinen amerikanischen Stil habe ich beibehalten. „Wieder Leben“ hat damit zu tun, dass ich in den vergangenen Jahren vieles erlebt habe, wovon ich dachte, ich muss darüber schreiben. Es gab viele Momente in meinem Leben, die mir die Energie nahmen, nach denen ich erst wieder Kraft tanken musste, und beim Schreiben des Albums dachte ich, ich will „Wieder Leben“. Ich war eine Zeitlang offline, jetzt war’s soweit online zu gehen. Ich bin wieder da!

MM: Was Sie ansprechen hat mit Ihrer Familie zu tun. Ihre Tochter ist vergangenes Jahr kurz nach ihrer Geburt gestorben. Das ist so traurig, dass es eigentlich unmöglich ist, etwas dazu zu sagen. Aber wenn man das weiß, hört man’s aus dem einen oder anderen Song raus.

Bueno: Wenn es einen berührt, dann freut mich das. Meine Frau Charity stand beim Schreiben dieser Songs sehr hinter mir, sie hat mich mit meiner Musik immer unterstützt. Sie ist die beste Frau der Welt, und auch wenn das jetzt kitschig klingt, sie ist eine, wie man sie nicht alle Tage sieht. In der Zeit, in der das mit unserer Tochter passiert ist, haben wir sehr zueinander gehalten. Man kann an so einem Schicksalsschlag als Paar zerbrechen, oder daran wachsen. Wir, denke ich, sind gewachsen. Wir wissen, dass unsere Kleine jetzt woanders ist, das hilft uns.

MM: Man hört Soul und R&B. Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Bueno: Michael Jackson, Justin Timberlake, James Brown … Alle Performer, die sich gut bewegen und eine gute Stimme haben. Diese Sorte Allroundperformer vermisse ich hier in Österreich, was vielleicht heißt, dass Österreich mit so einem Total-Package nicht umgehen kann – und dann noch dazu mit einem „ausländisch“ ausschauenden Österreicher. Deswegen will ich meinen Stil gar nicht wirklich ändern; mein Album ist vom Gefühl her ziemlich „schwarz“.

MM: Sie unterrichten auch? Wen?

Bueno: Ich arbeite gerne mit Leuten, die schon wissen, dass sie singen können. Ich will niemandem Singen beibringen, sondern an einem Stil, an einer Ausdrucksweise feilen. Das macht mir Spaß. Also, wer das möchte, kann sich über meine Webseite gern bewerben.

MM: Pläne?

Bueno: Musik machen. Ich bin Musiker. Am 11. September spiele ich übrigens mit meiner Band im 25hours-Hotel. Das erste Mal live „Wieder Leben“.

www.vincent-bueno.com

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Wien, 31. 8. 2016

Kammerspiele: Der nackte Wahnsinn

Oktober 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gewinnerteam in der Klipp-Klapp-Königsklasse

Alexander Pschill und Ulli Maier Bild: Erich Reismann

Alexander Pschill und Ulli Maier
Bild: Erich Reismann

Der erste Gedanke beim schnellen Hinsehen: Die Ott spielt mit? Es ist Ulli Maier, die ihre Figur zur Hommage an die heuer 90 Jahre alt gewordene Grande Dame der Kammerspiele macht. Eine Charakterzeichnung mit lebhafter Mimik und Gestik und extravagant getürmtem Rotschopf. Eine Perle Anna, eine Ähnlichkeit, weil auch Mrs Clackett die Haushälterin ist, die von Publikumsliebling Dotty Otley dargestellt wird, die wiederum beide von Ulli Maier verkörpert werden. Maier als Erzkomödiantin.

An den Kammerspielen hatte Michael Frayns Boulevardstück „Der nackte Wahnsinn“ Premiere. Das ist die Königsklasse des Klipp-Klapp-Theaters, und das Ensemble der Kammerspiele geht eindeutig als Sieger in dieser Disziplin hervor. Allen voran Michael von Au, der mit erst an diesem Mittag gebrochenem Mittelfuß spielte, was auch von den Kollegen heftig beklatscht wurde, was dem hervorragenden Schauspieler zu Unrecht peinlich war. Regisseur Folke Braband hat ganze Arbeit geleistet, dies zum Thema Disziplin in dieser Disziplin, denn das Timing stimmt auf den Punkt, die Pointen sitzen, das Tempo ist atemberaubend hoch. Frayns geniale Kulissenblickkomödie braucht Handwerk und Würde, sonst wird die Eskalation zum Affentheater. Nicht umsonst heißt es an einer Stelle, es sei so zu spielen, wie es das Orchester auf der Titanic tat. Das Schiff kränkt und kracht und kippt – dennoch: Haltung! In Brabands Inszenierung gelingt nicht nur das, sondern auch die Darstellung von Menschen, allesamt durchaus reizend. Im doppelten Wortsinn. Der Versuchung, aus Frayns Schauspielstereotypen Knallchargen zu machen, wurde elegant nicht erlegen; der Abend ist in gewissem Sinne very british. Alexander Pschill etwa beherrscht den Understatement-Tonfall perfekt.

„Der nackte Wahnsinn“, im Original „Noises off“, das ist der Befehl, mit dem der Inspizient auf der Hinterbühne um Ruhe bittet, wenn die Vorstellung beginnt, ist Stück-im-Stück. Die Darsteller müssen deshalb das Prinzip Rolle-in-der-Rolle bewältigen, jeder Schauspieler spielt eine Schauspielerfigur, die eine Rolle spielt: Eine mittelmäßige Theatertruppe bringt ein schlechtes Lustspiel zur Aufführung. Drei Mal ist dessen erster Akt zu sehen, als Generalprobe, als Repertoirevorstellung – mit Perspektivewechsel auf die Rückseite des Bühnenbilds von Stephan Dietrich – und als Dernière. Das Ensemble scheitert nicht nur an tellerweise Sardinen, sondern vor allem an Zwischenmenschlichem. Die gruppendynamischen Prozesse rund um Eifer-, Trunk- und Geltungssucht geraten von Runde zu Runde mehr aus den Fugen, bis alles neben der Spur Amok läuft. Da ist viel Platz für Slapstick und Schmiere, da ist auch einiges an Stuntmanqualitäten gefragt, was die Kammerspieler alles eifrig bedienen.

Mit Vollgas vor den Vorhang. So schlecht kann gar nichts sein, dass es hier nicht brillant ist. Je fürchterlicher das Stück, je mieser die Gags, je elender die Schauspieler, desto entfesselter der Applaus. Doch auch überlebensgroß gemacht, ist die Sache im Kern aus dem wirklichen Künstlerleben gegriffen. Die Kontaktlinsensuche auf dem Bühnenboden. Der soufflierte Text, bis auf Balkonhöhe wortdeutlich, allein nicht für den vergesslichen Darsteller. Nerven- und andere Zusammenbrüche. Die hohe Dichte an Kollegen diverser Wiener Häuser im Publikum beweist auch dies: Am Frayn-Stoff ist viel Wahres dran. Der englische Dramatiker zeigt Schauspieler als entzückende Sensibelchen, aber wehe, wenn die Rampensau losgelassen.

„Ich liebe meine Schauspieler“ ist entsprechend auch das Mantra von Regisseur Lloyd Dallas. Michael von Au siedelt ihn zwischen geduldigem Gott-Vater und Psychotherapeut an, bemüht allen Be- und Empfindlichkeiten gerecht zu werden, aber damit gestraft, dass seine Mimen meinen, ihr Mitdenken sei gefragt. Und Gott sah, dass es schlecht war. Schlecht auch, dass er sowohl mit der graumäusigen, fettnapfgefährdeten Regieassistentin (Eva Mayer sehr fein auf ihrem Weg von der Unterwürfigkeit in die Emanzipation) ein Pantscherl hat, als auch mit der jugendlichen Naiven Brooke. Alma Hasun gestaltet die Nachwuchshoffnung als Sexyhexy ohne Scheu vor auch nur irgendeinem Blondinenklischee. Wunderbar der letzte erste Akt, als schon alles im Argen liegt und sie, weil leicht langsam im Kopf und daher improvisationsbefreit, am Text klebt.

Ruth Brauer-Kvam gibt die esoterisch gute Fee, die Mutter der Kompagnie mit Wallekleid und Frankensteins-Braut-Perücke. Jeder ist ihr ein „Herzblatt“ oder ein „Schätzchen“, Hauptsache Ruhe herrscht. Eine, die Oliver Huether dringend braucht. Zwar besetzt als Mannsbild vom Dienst, kriegt er wegen jeder Kleinigkeit Nasenbluten. Huether macht aus seiner Figur einen meschuggenen Method Actor, sein Gehabe wie von einem Stummfilmstar entliehen. Heribert Sasse erledigt für Selsdon Mowbray die letzte Bühnenrunde, die fatalerweise immer an einer Whiskyflasche vorbeiführt. Sasse spielt das herrlich desorientiert, sein Selsdon ist ein liebenswerter Nebensichsteher. Dass ausgerechnet seine Figur als Einbrecher im Stück-Stück für den Thrill sorgen soll, ist an Komik kaum zu überbieten. Martin Niedermair als Inspizient und Mädchen-für-eh-alles gerät zunehmend aus der Fassung. Er liefert auch eine Direktorspersiflage ab, die Herbert Föttinger in der Loge einen Lachanfall beschert.

Bleibt das Liebespaar, das mit all seinen Irrungen und Wirrungen zusätzlich für Irrsinn sorgt: Alexander Pschill und Ulli Maier. Pschill ist der Dandy der Truppe, ein Halbsätze stammelnder Selbst-Darsteller, dem das Herz vom rechten Fleck Richtung Abgrund entgleist, als er seine „Dotty“ Ulli Maier in den Armen eines anderen wähnt. Da kommt sogar eine Axt zum Einsatz, bis seine Allerliebste – Maier in zunehmender Auflösung, siehe Frisur, siehe Beruhigungspillen – ihn von ihrer Unschuld überzeugen kann. Am Ende ist alles gut, auf der Bühne, weil die Tournee endlich vorbei ist, auf der Bühne der Kammerspiele sowieso. Die exzellente Performance aller Beteiligten wurde mit viel Jubel bedankt.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=p1Vun2IQeP8

Wien, 16. 10. 2015

Kammerspiele: KUNST

Februar 21, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein flotter Dreier

Martin Zauner (Yvan), Herbert Föttinger (Serge), André Pohl (Marc) Bild: © Erich Reismann

Martin Zauner (Yvan), Herbert Föttinger (Serge), André Pohl (Marc)
Bild: © Erich Reismann

André Pohl, Herbert Föttinger und Martin Zauner machen „KUNST“. Das haben sie vor 18 Jahren schon einmal gemacht. Nun spielt die Originalbesetzung der österreichischen Erstaufführung erneut Yasmina Rezas Stück, und, kam das Trio damals auf hundert heftig beklatschte Vorstellungen, braucht man nicht zu orakeln, um festzuhalten: Es könnten diesmal noch mehr werden. Das Premierenpublikum in den Kammerspielen war nämlich höchst entzückt. Zu Recht. Denn nicht nur, dass Rezas Text nichts an Witz und Charme eingebüßt hat, sind die Darsteller sogar noch besser, noch prägnanter geworden. Gereift wie der edle Wein, den Serge seinen Gästen kredenzt. In „KUNST“ geht es zumindest vordergründig um ebendiese. Serge, Dermatologe der High Snobiety, hat sich ein sündteures, monochromes Bild gekauft. Weiß mit weißen Streifen. Diese „Scheiße“ kann ihm sein Kumpel Marc, der Misanthrop, nicht durchgehen lassen. Es gibt Streit. In dem Papierwarenverkäufer Yvan, wie immer um Ausgleich zwischen den Parteien bemüht, zu vermitteln versucht. Und schon steht eine lebenslange Freundschaft auf dem Prüfstand. Wegen nichts. Oder?

Pohl ist ein herrlicher Marc. Ein Wahrheitsfanatiker, der höflich sein will, aber es trotz allem Sich-auf-die-Zunge-Beißens nicht kann. Pohl changiert zwischen zynisch und süffisant, zwischen spöttelnd und überheblich. Und ist eigentlich doch nur in Sorge um Serge, mit dem er glaubt nicht mehr Lachen zu können. Den Serge gibt Föttinger, beruflich ein Macher, wie es schon sein Tonfall ausweist, ein Liebender, wenn es um Bilder geht, bald ein gekränkter Unverstandener. Die Sorge ums Lachen gibt er an Marc zurück, wie sich überhaupt die beiden Charaktere in ihrer Verschiedenheit allzu ähnlich sind. Mit heiligem Eifer versuchen Pohl und Föttinger den jeweils anderen von ihren Ausschauungen zu überzeugen. Das endet naturgemäß im seelischen und körperlichen Infight – köstlich: Föttinger und Pohl in der denkbar ungeschicktesten Rangelei, so patschert werden wohl nur zwei Akademiker handgreiflich. Das muss naturgemäß explodieren, sobald die Debatte persönlich wird. Denn freilich ist das Gemälde bald nur noch Ablenkung von den wirklich wichtigen Themen. Es geht um Tieferliegendes, um die Frage nach dem Bestand von Freundschaft, um die Frage ob und was man dem anderen zu noch zu sagen hat nach all den Jahren. In diesem Sinne ist „KUNST“ auch eine Liebesgeschichte. Einerseits der drei Männer untereinander (ausgedrückt etwa in einer kleinen Geste, in der Föttinger ausgespuckte Olivenkerne der anderen mangels Tellerchen einfach in die Hand nimmt), andererseits erfährt man in ihren Emotionsausbrüchen, was in den Jahrzehnten dazwischen lag. Von Hochzeiten  bis Scheidungen. Föttinger versteht es, einen anzurühren. Fast möchte man zu ihm sagen: Alles wird wieder gut.

In den Mittelpunkt des Abends spielt sich allerdings Martin Zauner als Yvan. Zauner ist der König der Tragikomiker. Wahrhaftig ein trauriger Clown, sympathisch-zerstreut. Geil darauf, das Streitobjekt, das Bild zu sehen, dennoch eingeklemmt zwischen den Positionen. Wie ein Kind zwischen Vater und Mutter wird Yvan zwischen Marc und Serge hin- und hergeschickt, um sich die Erlaubnis für seinen nächsten Satz abzuholen. Doch er emanzipiert sich in diesem flotten Dreier. Kein Wunder, dass dieser Identifikationsfigur die Herzen aus dem Zuschauerraum zufliegen. „KUNST“ ist ein großartiges Schauspielerstück mit drei formidablen Rollen. Regisseur Folke Braband hat es perfekt getimt, gekonnt die vielen kleinen Gesten, die entgleisenden Mimiken in Szene gesetzt. Silvia Merlo und Ulf Stengl schufen dazu ein monochromes Bühnenbild. Grau mit grauen Mustern. Eine Bestätigung der Ironie: Da wäre das weiße Bild sogar noch ein Farbtupfer gewesen. Denn dem geht’s am Ende an den Kragen. Oder? In den Kammerspielen ist jedenfalls eine entzückende Inszenierung mehr zu sehen. Für den Abend gibt es nur eine gültige Beschreibung: Liebenswert!

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Wien, 21. 2. 2014