Streaming: Big-Bang-Theorie-Star Jim Parsons in „Hollywood“ und „The Boys in the Band“

Januar 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Traumfabrik wird endlich zum Equality-Land

Hoffnungsvolles Ausharren bei der Oscar-Verleihung: Joe Mantello, Jim Parsons, Dylan McDermott, Holland Taylor und Patti LuPone. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Oft wenn Hollywood sich den Rückspiegel seiner Goldenen Ära vorhält, entgleitet das Ergebnis ins Sentimentale. Nostalgie mit Melancholie. Da tut es gut, wenn einer die Suggestionskraft hat, die cinematographische Märchenpracht ins Sagenhafte zu übersteigern. Ryan Murphy und Ian Brennan haben’s getan, die beiden vormals verantwortlich für „Glee“, „Ratched“, „American Horror Story“, Murphy, dessen

Dienste sich Netflix 2018 für unvorstellbare 300 Millionen Dollar für fünf Jahre exklusiv sicherte, nun für die Netflix-Serie „Hollywood“, ein topaktuelles Gegennarrativ zur gängigen L.A. Story. Wird doch in dieser den Mythos aufmotzenden Hommage die Traumfabrik endlich zum Equality-Land, „Hollywood“ spielt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als das berühmte Sign tatsächlich noch um die vier Buchstaben L.A.N.D. länger war, und Murphy und Brennan zeigen ganz Tinseltown, als ob #BlackLivesMatter und der #LGBTQ-Pride darüber hinweggefegt wären.

Die sieben Episoden folgen einer Handvoll blutjunger Protagonistinnen und Protagonisten, die nach Rampenlicht, Ruhm und Reichtum streben, Ex-Soldat und Schauspielanfänger Jack Castello, Drehbuchdebütant Archie Coleman, Regieneuling Raymond Ainsley und die Schauspiel-Elevinnen Camille Washington und Claire Wood, in Klarnamen David Corenswet, Jeremy Pope, Darren Criss, Laura Harrier und Samara Weaving – Archie und Camille Afroamerikaner, sie die Lebenspartnerin des halbphilippinischen, aber „weiß“ wirkenden Raymond.

Claire die Undercover-Tochter von Studio Boss Ace Amberg aka Rob Reiner – und hauptsächlich ist es die „Alte Garde“, die „Hollywood“ darstellerisch wertvoll macht: „Two and a Half Man“-Mutter Holland Taylor und Joe Mantello als Produzentenduo Ellen Kincaid und Dick Samuels, Dylan McDermott als Tankstellengigolo Ernie West und Tony-Award-Gewinnerin Patti LuPone als Avis Amberg, die den Chefsessel ihres Göttergatten entert, als diesen bei einem Pantscherl der Herzkasperl holt.

Rock Hudson mit Lebenspartner Archie Coleman: Jake Picking und Jeremy Pope. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Tankstellen-Toy-Boys: Darren Criss und David Corenswet. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Probeaufnahmen für „Peg“: Jim Parsons und Jake Picking. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

And the Oscar goes to …: Jeremy Pope, Darren Criss und Laura Harrier. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

An nackter Haut und Sexszenen wird nicht gespart, vor allem, weil die Jungs als Brotjob Ernies illustre Kundschaft mit Blow Jobs beglücken. „Dreamland“ heißt das Codewort des Zapfsäulenbordells, wo auch Avis eine treue Freierin von Jack ist, und da kommt auch der grandios agierende Jim Parsons ins Spiel, als Hollywood-Agent Henry Willson, der die Herrenriege, bevor er sie unter Vertrag nimmt, erst einmal zur Fellatio bittet. Statt Besetzungscouch steht hier gleich ein komplettes -bett, 70 Jahre vor #MeToo, und Parsons ist brillant als von Selbsthass zerfressener Unsympath, fulminant sein Isadora-Duncan-Tanz mit den sieben Schleiern, der den sexuellen Missbrauch seines Klienten-Frischfleischs als Selbstverständlichkeit nimmt.

Der homosexuelle Henry Willson ist ein dem realen Leben entliehener Charakter, und Roy Fitzgerald, den in der Serie halb fiktionalisiert und ausdrucksstark Jake Picking verkörpert, war wirklich sein Schützling. Willson macht aus ihm „Rock Hudson“, auch Sekretärin Phyllis Gates, mit der Willson Hudson pro forma verheiratete, kommt vor. Aber laut Murphy und Brennan verliebt sich der schüchterne, nicht übermäßig helle Stiefvaterkomplexler Rock in Archie, die beiden werden ein Paar, das zum Happy End den Red Carpet Hand in Hand beschreiten wird.

Die Traumfabrik-Talente nämlich haben einen ebensolchen: Archie hat ein Drehbuch geschrieben, „Peg“ – Entwistle, die sich, da aus ihrem ersten Film geschnitten, 1932 vom Hollywood-H in den Tod stürzte, Raymond will Regie führen und die Titelrolle mit Camille besetzen, womit sie die erste Schwarze in einer Hauptrolle wäre. Eine Unternehmung, von der Avis und Ellen als emanzipierte Regentinnen eines rassistischen, schwulenfeindlichen, frauenverachtenden Hollywoods alsbald überzeugt sind, die jedoch, man wird es sehen, auch den Ku Klux Klan samt seinen brennenden Kreuzen auf den Plan ruft …

Queen Latifah als die erste schwarze Oscar-Preisträgerin Hattie McDaniel. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Michelle Krusiec als die um ihre Hauptrolle betrogene Anna May Wong. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Laura Harrier als Leinwandschönheit Camille Washington. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Viel nackte Haut, hier die von David Corenswet als Jack Costello. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Namedropping ist bei einer Produktion wie dieser gleichsam Pflicht, Tallulah Bankhead, Vivien Leigh und Noël Coward haben Kurzauftritte bei einem von George Cukors Erotikdinnern, bei dem Jack und Archie als Fill-up-Boys im Einsatz sind, Ernie himself exklusiv als Entspannung für die hochneurotische Vivien, der oberintrigante Henry Rock an den Mann ist gleich Dick bringen will, Hollywood eine Männerwelt, in der man im Wortsinn die Hose runterlassen und bei der Stange bleiben muss – und das alles zum wunderbar swingenden Soundtrack von Ella Fritzgerald bis Frank Sinatra und Sets, die nur möglich sind, wenn Geld keine große Sache ist.

Michelle Krusiec spielt Anna Mae Wong, zu dieser Zeit die weltweit prominenteste Filmschauspielerin chinesischer Herkunft, die um die Hauptrolle in der Pearl-S.-Buck-Verfilmung „Die gute Erde“ betrogen wurde, weil MGM sicherheitshalber die weiße Luise Rainer besetzte – die prompt einen Oscar erhielt, Queen Latifah Camilles Mentorin Hattie McDaniel, die für die Rolle der braven Sklavin Mammy in „Vom Winde verweht“ als erste Schwarze einen Academy Award, den Nebendarstellerinnen-Oscar bekam, und auf diese Art Figuren festgelegt blieb.

Berührend ist die Szene, in der sie Camille erzählt, man hätte sie bei der Preisverleihung von den anderen Nominierten getrennt und an einen Tisch in der hintersten Reihe gesetzt, weshalb Camille entschieden auf den ihren in der ersten Reihe bestehen müsse. Tatsächlich war erst Whoopi Goldberg im Jahr 1991 die zweite afroamerikanische Nebendarstellerinnen-Oscar-Preisträgerin, 2002 Halle Berry die bisher einzige schwarze Oscar-Preisträgerin in der Hauptdarstellerinnen-Kategorie.

Backstage-Bangen: Patti LuPone, Dylan McDermott, Holland Taylor und Samara Weaving. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Soviel zu #OscarsSoWhite, wiewohl das am britischen Theater schon längst übliche Colorblind Casting allmählich zumindest die Bildschirme erobert (siehe: Bridgerton, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=43837). Im Gegensatz dazu wird sich in der schönen, heilen Flimmerwelt, in der die einzige maßgebliche Color die Technicolor ist, bereits im Vorspann gegenseitig den Hollywoodland-Schriftzug hochgeholfen, bis die Heldinnen und Helden mit einer Grandezza in den Sonnenaufgang blicken, die all das Behauptete wie wahr erscheinen lässt.

Murphy unterläuft das klassische, nach außen puritanisch-bigott-biedere, nach innen von Ressentiments beherrschte Hollywood optisch wie inhaltlich mit den Mitteln ebendieses klassischen Hollywoods. Das hat Charme. Die Serie, die mit ihrem kontrafaktischen Finale furios die Filmgeschichte umschreibt, hat deutlich mehr mit Tarantinos historisch freihändiger Hollywood-Fantasie zu tun als mit dem Harvey-Weinstein-Skandal. Sie ist, was die Traumfabrik im Idealfall immer schon war: erstklassige Unterhaltung. Mit Sprung im Spiegel.

Eine Staffel zwei ist möglich, Fans betteln in den Social Media geradezu darum. Zum Ende der ersten entwickelt Jim Parsons als Henry Willson, Spoiler: der Saulus wird zum Paulus und arbeitet sich zum Produzenten hoch, das Script einer Liebesromanze zwischen zwei Männern mit Rock Hudson in der Hauptrolle, dies Henrys Buße für seine Sünden am schönen Vierschröter – und Avis scheint nicht abgeneigt. Und wenn sie nicht gestorben sind, gewinnen sie zwar keinen Oscar, aber vielleicht einmal einen Emmy…

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Q3EASLgzOcM            www.youtube.com/watch?v=W0WsEyqx0r4           www.netflix.com

FILMTIPP: The Boys in the Band

Jim Parsons und „Spock“ Zachary Quinto in der Broadway-Verfilmung

Tuc Watkins, Andrew Rannells, Matt Bomer, Jim Parsons, Zachary Quinto, Robin de Jesús, Brian Hutchison, Michael Benjamin Washington, Charlie Carver. Bild: S.E. White/Netflix ©2020

Und noch einmal Ryan Murphy, Joe Mantello – als Regisseur des Gay-Dramas – und Jim Parsons. „The Boys in the Band“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks aus dem Jahr 1968 von Mart Crowley, für dessen Bildschirm-Variante Produzent Murphy versprach, ausschließlich die schwulen Schauspieler aus dem 2018er-Broadway-Revival zu besetzen. Es ist also New York in den 1960ern, und Michael, Jim Parsons, richtet für Harold, Zachary Quinto, eine

mitternächtliche Geburtstagsparty aus. Ein schönes Fest soll es werden, zu der Michael den gesamten Freundeskreis eingeladen hat: seinen Liebhaber Donald (Matt Bomer), den ob seines Lovers gelangweilten Larry (Andrew Rannells) mit Lebenspartner Hank (Tuc Watkins), den stilbewussten Chauvi Bernard (Michael Benjamin Washington) und den stets zu Scherzen aufgelegten Emory (Robin de Jesús). Anfangs ist die Stimmung ausgelassen, was sich liebt, das neckt sich, die Intellektuellen-Clique ist unter sich und genießt den Abend.

Jim Parsons mit de Jesús und Rannells. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Zachary Quinto mit Carver und de Jesús. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Dass der gutaussehende, jedoch kulturell weniger bewanderte Stricher Cowboy Tex (Charlie Carver), er ist Harolds Geschenk, nicht wirklich in die Runde passt, sorgt schon für erste zynische Kommentare. Problematisch wird es jedoch, als unangemeldet Alan (Brian Hutchison) auftaucht, ein früherer Kommilitone von Michael, der unbedingt mit ihm reden will und den Emory kurzerhand als homosexuell outet. Harold erscheint und hat für alle nur Gehässigkeiten übrig, doch dann verstrickt der beleidigt-betrunkene Michael seine Gäste in ein sadistisches Spiel: Jeder muss eine ehemalige heimliche Liebe anrufen, und dieser am Telefon ebendiese und seine Homosexualität gestehen. Und Essig ist’s mit der Feierlaune, die Situation eskaliert …

Wie in „The Boys in the Band“ gekeift, gelästert, gedemütigt wird, der Tonfall so giftig und untergriffig, das ist durchaus ein Vergnügen. Man merkt dem Cast an, dass er aufeinander eingespielt ist, alldieweil man sich fragt, warum die dargestellten Männer eigentlich miteinander befreundet sind. Auf Entgleisungen folgen Handgreif- lichkeiten folgt Selbsthass. Parsons und Quinto im Infight sind allemal ein Hit, nicht zuletzt, wenn Harold Michael auf den Kopf zusagt, dass der seine Homosexualität verabscheut und lieber ein Hetero wäre. Im Streit werden Geheimnisse gelüftet und unausgesprochene Gefühle offenbart, Hank trägt immer noch seinen Ehering, Bernard laboriert als „doppelte Minderheit“ an seiner Hautfarbe ebenso wie an seiner sexuellen Orientierung.

Wäre Michael lieber ein Hetero? Jim Parsons und Matt Bomer als Lover Donald. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Förmlich sieht man die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, und fantastisch gespielt ist die Hassliebe, die die das Kammerspiel dominierenden Michael und Harold von Jim Parsons und Zachary Quinto verbindet. An keiner Stelle weiß man, ob man die beiden von Herzen verabscheuen oder mit ihnen leiden soll. Abseits von #LGBTQ sind dies die universellen Themen: Freundschaft und dennoch die Lust an Verletzungen, das Verlangen nach Liebe und trotzdem das Zurückstoßen derer, die es tun, Worte und wie sie zu Stichwaffen werden. Kurz gesagt: „The Boys in the Band“ ist absolut sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=862Pb9oDDAo           www.youtube.com/watch?v=WAIQbHJ9sAk           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Rabenhof – Stermann & Grissemann: Sonny Boys

Dezember 30, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Gemeindebauklassiker als gestreamter Silvestergruß

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Als Silvestergruß eine kleine Preziose wie in der guten alten Zeit des „Patschenkinos“: Das Rabenhof Theater streamt die vom Broadway- zum Gemeindebauklassiker mutierte Komödie „Sonny Boys“ mit Christoph Grissemann und Dirk Stermann. Der Neil-Simon-Hit steht ab 30. Dezember, 18 Uhr, für 72 Stunden exklusiv und kostenlos als Stream auf der Website www.rabenhof.at zur Verfügung. Special appearance: Matthias Hartmann und Peter Rapp.

Kritik: Wie Thomas und Bernhard der Kleinkunst

Christoph Grissemann und Dirk Stermann spielen Stermann & Grissemann. Das hat immer funktioniert, das sind zwei Charaktere, die sich im Schlaf kennen, never change a running system, also gibt’s den vollen Spiel-Plan. Von Alkimage bis Glücksspielproblem, von Hassliebe als Programm bis neuerdings Paartherapie, von zynischem Witz bis staubtüchltrockenem Humor. Die beiden Abstauber der einheimischen Hirnrissigkeiten haben es halt nie notwendig gehabt, sich zu verkleiden. Zwei so große Entertainer.

Authentischer als sie ist nur Peter Rapp, der plötzlich wie ein Busenblitzer auftaucht. Der König des verbalen Scheißminix nimmt Stermann & Grissemann in die Untertanenpflicht, das ist schon spaßig, wollten sie doch statt seiner endlich selbst komplett am Rad drehen. Aber: Verwechslung der Geldausgabeautomaten. Getroffen hat’s ergo einen Exschistar, der ORF-Österreich beigebracht hat, wie sexy Bildungslücke sein kann …

Stermann & Grissemann haben eine Kleinkünstlerdystopie entworfen. So knapp vorm Lotte-Tobisch-Altersheim und kurz vor der Wahl migrantisches Volkstheater oder Musical mit Marika Lichter. Das heißt, entworfen haben nicht sie, sondern eine New Yorker Nachwuchshoffnung namens Neil Simon, der mit seiner Boulevardkomödie „Sonny Boys“ auf den Durchbruch hofft. Ein vorprogrammierter Bühnenhit, der hierzulande leider noch nie zu sehen war, wiewohl Kombinationen wie Otto Schenk und the late Helmuth Lohner oder Harald Serafin und Miesepeter Weck bestens dafür geeignet gewesen wären. So lag’s an den Grumpy Old Men der medialen Entäußerung diesen potenziellen Publikumserfolg aus der Taufe zu heben. Und sie taten’s so, dass nicht mehr klar ist, wo N.S. aufhört und „Die deutsche Kochschau“ anfängt.

Diesen Uralt-Sketch bereiten sie nämlich vor, die Unterhaltungsuntoten. Für eine verrappte ORF III-Show mit dem Titel „Was haben wir gelacht“. Nicht jeder kann wie Al Lewis und Willie Clarke auf eine Krankenschwesterntracht setzen, wiewohl Magda Kropiunig als Grissemanns Cousinen-Managerin das Ihre tut, um eine ins Spiel zu de­kolle­tie­ren. Es wird gespuckt statt gepiekst – aber rotzdem: Eklat. Die abgehalfterten Zugpferde werfen sich selbst aus der Ex-Promi-Laufbahn. Ein weiterer, der gewesene Burgtheater-, nunmehr TV-Programmdirektor, versagt verzagt mit sehr viel Selbstironie via Video. Matthias Hartmann, Servus!

Derlei Gags machen nicht verlegen, entwirft sich das Bashing doch mittels einer geschmacksintensiven Runde. Vom bierbewerbenden Adiposiburgstar über den zum Gartenzwerg degenerierten Autonarrbarettisten, vom Proleten-„Kaiser“ über den persischen Schlachthaus-Shakespeare bis zur dreiköpfigen Staatskünstlermade im Innenpolitikspeck. Merke: Wer selbst eine gekillte Katze auf dem Kopf hat, soll nicht über anderer Leute Frisur lästern, und alles, was noch Kohle bringt, kommt sowieso nicht vor.

Man soll die Hand ja handzahm beißen. Miri und Uschi beim Schlammcatchen, das geht grad noch von wegen tagesaktueller Watschn. Und natürlich Thomas Gratzer. Der Hausherr und Regisseur stellt sich den Rabennestbeschmutzern gern zur Verfügung. Ach, Stermann & Grissemann, das ist wie Thomas und Berhard der Kleinkunst … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=17486

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Stermann & Grissemann im Gespräch

MM: Die entscheidende Frage – wer piekst wen?

Dirk Stermann: Wir pieksen nicht. Ich bespucke Herrn Grisseman. Aber nicht absichtlich, sondern weil ich eine feuchte Aussprache habe. Den „Klassiker“ mit dem Finger haben wir abgeschafft, weil das für uns albern war. Wir spielen ja nicht den Arzt-Sketch von Willie Clark und Al Lewis, sondern einen Sketch, den wir beide tatsächlich einmal gespielt haben. Und in dem wird nicht gepiekst, sondern nur gespuckt.

MM: Wie kam es zu der Idee „Sonny Boys“ zu machen?

Christoph Grissemann: Das hat Thomas Gratzer über unsere Köpfe hinweg entschieden. Er verfolgt uns mit der Idee seit acht Jahren – da waren wir also noch wesentlich jünger -, aber obwohl er uns pausenlos damit in den Ohren lag, wollten wir’s nicht machen. Eine Boulevardkomödie! Wir fanden schon den Humor seltsam, weil er ganz anders ist, als das was wir sonst veranstalten. Aber nachdem wir das Stück sehr akribisch gelesen haben, sind wir draufgekommen, dass es wie wahnsinnig auf uns passt. Es ist von Herrn Simon in weiser Voraussicht für uns geschrieben worden. Ich musste ein paar Mal laut auflachen, weil Sätze nahezu wortwörtlich zwischen Dirk und mir gefallen sind. Irgendwo in der Provinz. Es hat eine so frappierende Ähnlichkeit, dass wir sagten: Ja, gut.

Stermann: Die Situation ist für uns wie gemalt, als hätte Simon gewusst, dass da in Österreich zwei Typen schon so lange intensiv zusammenarbeiten, mit Höhen und vielen Tiefen. „Sonny Boys“ ist ein hochgradig sentimentales Liebesstück über zwei Männer. Es geht um Altersdepression, Missmut, Zynismus und Verachtung im Unterhaltungsgeschäft – das passt auf uns.

MM: Die Atmosphäre stimmt also?

Stermann: Das wurde uns beim intensiveren Nachdenken sofort klar. Das ist genau unsere „Farbe“, gar nicht so sehr die Humor-Farbe, sondern die atmosphärische Farbe trifft’s total.

Grissemann: Finde ich auch. Der Wechsel zwischen Alltag und Komik – was man mit dem Partner erlebt, man muss auf der Bühne den witzigen Strahlemann machen, kaum kommt man nach der Vorstellung in die Garderobe, hat man keine Lust mehr auch nur miteinander zu reden -, also die Tragik, die jedem Komiker innewohnt, die kennen wir auch. Und die wird in diesem Stück natürlich sehr gepflegt.

MM: Sie haben „Sonny Boys“ auf sich zugeschnitten. Wie wird sich das auswirken?

Stermann: Wir sind die Figuren. Es geht tatsächlich um unsere Vita, um unsere Karriere, das Stück wird nach Wien verlegt. Das heißt: Es wird FM4 vorkommen, der ORF, das Umfeld, in dem wir uns bewegt haben. Auch namentlich, es werden Namen von Kolleginnen und Kollegen genannt, mal sehen, wie die sich freuen …

MM: Und der Kernsatz Ihrer „Sonny Boys“? Sympathy für the Antipathie?

Stermann: Die Mischung aus liebevollem Hass und hasserfüllter Liebe. Dass man aneinander gekettet ist, miteinander muss, eigentlich nicht mehr will, aber auch nicht ohne einander kann … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=17222

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y-RhsXkuff4           www.rabenhoftheater.com

30. 12. 2020

Les garçons sauvages / The Wild Boys

Juli 4, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Insel der Lüste verlieren sich die Lümmel

Gefangen auf dem Boot des mysteriösen Kapitäns: Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Anaël Snoek und Vimala Pons. Bild: Bildstörung

Eine Insel der Enthemmtheit, weit hinter den Horizonten von Zivilisation. Dorthin unterwegs sind fünf junge Burschen, auf einem Schiff, einem Seelenfänger, auf dem ein mürrischer Kapitän für Zucht und Ordnung sorgt – indem er die bildungsbürgerlichen Buben wie Hunde an Leinen hält. Gefressen wird, was in die Schüssel kommt, und findet er im Reisegepäck etwa noch einen Shakespeare, geht der schnell über Bord.

Die einzige Lektüre, die der „Holländer“ genannte Mann duldet, sind die auf seinen Penis tätowierten Schriftzeichen. Ihre Eltern haben die Teenager-Delinquenten auf diese schwimmende Strafkolonie verfrachtet, haben sie doch ein unfassbares Verbrechen gegangen: einen schwarzmagischen Ritualmord an ihrer Literaturprofessorin, ein Hengst ist involviert, um ihrem selbst erfundenen Dämonengott zu huldigen. Dies atavistische Fantasiewesen soll das Böse sein, sagt die Bande, das sie beherrscht. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ heißt das betörende, verstörende Spielfilmdebüt des französischen Experimentalfilmregisseurs Bertrand Mandico, das am Freitag in die Kinos kommt. Ein Fiebertraum, ein mysteriös-queeres Maskenspiel, ein eigenwilliger Hommagenmix von William S. Burroughs über William Golding bis H. G. Wells, vor allem aber ein Werk auf der Höhe einer Zeit, in der vor gerade mal eineinhalb Monaten in Österreich der erste Pass für einen Menschen dritten Geschlechts ausgestellt wurde.

Mandico erzählt in poetischen Schwarzweiß-Bildern, die von farbigen Sequenzen akzentuiert werden, er erzählt in einer einzigen großen Rückblende von der menschlichen Natur, die von ebendieser bezwungen werden wird, erzählt von dunkler Begierde und brennender Sehnsucht, entwirft en miniature eine Gesellschaft, die Lüge, Gewalt und Sex als Mittel zum Zweck einsetzt – und hat, um das Spiel mit Identitäten und Illusionen auf die Spitze zu treiben, seine wilden Jungs mit Schauspielerinnen besetzt. Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel, Anaël Snoek und Mathilde Warnier stranden also mit dem unheimlichen Kapitän, dem Sam Louwyck Gestalt verleiht, auf einem zwar ungastlichen, gleichzeitig aber allzu lebendigen Eiland, gedreht wurde auf La Réunion, dessen Vegetation aus haarigen, testikelgleichen Früchten und ihren Saft abspritzenden Blüten besteht.

Sie fühlten sich „wie Zwerge auf einem obszönen Riesenmädchen“, sagt der flachsblonde Tanguy, Anaël Snoek, der sich wie auch Brillenträger Hubert, Diane Rouxel, bald als der Sensibelste der Gruppe herausstellen wird, während der brutale Jean-Louis, Vimala Pons, den durch nichts zu beeindruckenden Rebellen gibt, und Romuald, Mathilde Warnier, und Sloane, Pauline Lorillard, auf seine, die vermeintlich starke Seite zieht. Anhebt nun eine erotische Halluzination mit Pflanzen, die bereitwillig „die Schenkel öffnen“, mit diesen aber auch ihre Gefangenen machen, dazu farbige Phantasmagorien eines Damien-Hirst’schen Diamantenschädels, das Original trägt ja den Titel „For the Love of God“, einer Kriegerin mit metallischem Brustpanzer und einem rotäugigen Maskenhund.

Alkohol erleichtert erst das Inselleben: Anaël Snoek, Vimala Pons, Mathilde Warnier und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Mit dem Kapitän: Anaël Snoek, Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Vimala Pons und Sam Louwyck. Bild: Bildstörung

Unter dem Einfluss der Maske werden die Jungs zu Mördern. Bild: Bildstörung

Doch in ihren Albträumen treffen sie bald auf ihre Meisterin. Bild: Bildstörung

Im Wortsinn umgarnt von den erotisierenden Pflanzen: Diane Rouxel und Anaël Snoek. Bild: Bildstörung

Der/die geheimnisvolle Dr. Séverin/e: Elina Löwensohn und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Und während die Schuluniformen des Quintetts durch diverse Gewalt/Akte immer mehr Schaden nehmen, Hubert homoerotische Gedanken über den Kapitän, heißt: seinen Lesestoff, quälen, trifft sich der mit dem/der androgynen Inselherrn/herrin Doktor Séverin/e, den oder die Mandico mit seiner flamboyanten Muse Elina Löwensohn besetzt hat, eine Figur, die sich, wie sich herausstellt, den Kapitän Untertan gemacht hat. „Genießt die Freuden!“, ist ihre Parole, und tatsächlich beginnen die Jungs sich im süßsalzigen Klima zu verändern. Die feminisierende Wirkung der Insel setzt ein, und mit ihr im Wortsinn der Abfall von der Männlichkeit, schon verliert der erste Lümmel den seinen, und ist der Penis erst weg, kann gut ein Busen wachsen. Nur einer entwickelt, gleich übrigens dem Kapitän, nur eine weibliche Brust – und dessen Schicksal scheint somit besiegelt.

In Interviews sagt Bertrand Mandico, es wäre dieser Moment der Entwicklung, das Erforschen des Dazwischens gewesen, das ihn zu „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ angespornt hätte, und wirklich hat er sich mit queeren Kinoästhetiken bestens vertraut gemacht; sein grobkörniges 16-mm-Material ruft geschickt dort die Genreklassiker auf, wo sie ihm dienlich sind. Mandico beherrscht auch die große Geste, umgesetzt in der Fotografie von Kamerafrau Pascale Granel, die es versteht, die gezeigte Grausamkeit an der Grenze zur Sinnlichkeit changieren zu lassen, und im Soundtrack von Pierre Desprats, der Oper mit einer Art Glamrock zusammenfließen lässt, beides, Bild und Ton, dabei schmerzhaft in den Spitzentönen.

„Les garçons sauvages / The Wild Boys“ ist Kinomagie, die Geister, die Bertrand Mandico mit ihr heraufbeschwört, sind von psychedelischer Kraft. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“, sagt der Regisseur, „ist kein Thesenfilm, sondern es ist vielmehr etwas Triebhaftes: ein funkelndes Objekt bizarrer Begierde“. Ob der Sirenengesang der Insel „die Zukunft der Welt ist weiblich“ lautet, lässt Mandico bewusst offen. Immerhin werden am Ende ein paar Matrosen an Land gelockt – und von den neuen Frauen übermannt.

Trailer:

 

www.filmgarten.at/wildboys

4. 7. 2019

 

Vestibül des Burgtheaters: Girls & Boys

November 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Stakkato-Stil durch Eheszenen

Alexandra Henkel. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Wie sie tänzelt, tobt und für ihren Sohn den Todesstern spielt. Wie sie mit ihm und seiner Schwester Zwiesprache hält, während sie die Kinder mit Kreide an die Wand zeichnet. Wie sie immer wieder im Wortsinn gegen die dann rennt. Das alles ist Alexandra Henkel in Hochform. Dietmar König hat im Vestibül des Burgtheaters Dennis Kellys Monolog „Girls & Boys“ als österreichische Erstaufführung inszeniert, und dabei seine Ehefrau ganz fabelhaft in Szene gesetzt.

Henkel fährt im Stakkato-Stil durch die Ehemomente, von denen Kellys Protagonistin zu berichten hat, sie gibt sich dem drastischen Text, der um Four-Letter Words nie verlegen ist, mit vollem Einsatz hin, ihr intensives Spiel changiert dabei zwischen humorvoll-hysterisch-hintersinnig. Bald bricht die Abgebrühtheit von der sorgsam aufgebauten Fassade dieser Frauenfigur, und Henkel macht dahinter eine Verletztheit sichtbar, die deutlich erkennen lässt, dass diese Geschichte auf eine Katastrophe zusteuert. Das ist schon so Dennis Kellys Art, seine Allerweltsstories ins Allerschlimmste kippen zu lassen.

Erzählt wird tatsächlich etwas erschreckend Alltägliches. „Was passiert ist, geschieht alle zehn Tage“, erfährt man. Ein weiblich-toughes Ich lernt – nach ebenso destruktiver wie verstörend belebender Saufen-Drogen-Ficken-Phase – beim Selbstfindungstrip durch Europa in der Warteschlange vor einem Billigflug-Check-In-Schalter ein „Deppengesicht“ kennen. Das sich jedoch auf den zweiten Blick als „Genie im Körper eines griechischen Gottes“ entpuppt. Also, erst Heirat, dann Lina und Benni, dann macht sie Karriere als Dokumentarfilmproduzentin, während seine Möbelfirma in Konkurs geht. Es folgt die Scheidung mit dem Scheidungsgrund: Eifersucht auf den Erfolg der Frau. Es fällt der Satz „Es wird nie passieren, dass du meine Kinder hast, und ich nicht“.

Henkel setzt beim Sprechen ihre Pointen, mit Augenzwinkern bezieht sie auch das Publikum mit ein, das Vestibül als Spielort dafür ideal – um auf Tuchfühlung zueinander zu gehen. Die Gedankengänge durch die Beziehungsprobleme unterbricht sie mit ihrem Spiel mit den Kindern, Benni, der bevorzugt ganze Planeten zerstört, und die Bastelarbeiten seiner Schwester, Lina, ganz besonnene Jung-Architektin, die bei der Mutter um „Baugenehmigung“ ansucht. Wenn die sich in ihrer Überforderung ertappt sieht, kann einem auffallen, dass die renitenten Antworten und ausgefeilten Argumente der Dreikäsehochs viel zu erwachsen sind. Einmal prasselt nackte Angst auf die „perfekte Kleinfamilie“, als Lina ihrer Mutter in einem Menschengewühl abhanden kommt.

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Subtext zeigt sich Dennis Kellys Ein-Personen-Stück als messerscharfe Analyse übers Kontrolle-Haben, über Kontrollverweigerung und Kontrollverlust. Die Frau hat, das sagt sie am Ende, um dem zu entgehen, ihre Erinnerungen ganz bewusst manipuliert. Eine Strategie der Seele, um den Mann aus ihrem Leben auszuradieren. Da lässt Henkel nicht nur die Schutzhülle ihrer Figur reißen, da platzt auch die des Publikums. „Girls & Boys“ ist ein Abend, der einen in jeder Hinsicht mitnimmt. Klug entgeht Dietmar König der Gefahr, aus Kellys kämpferischem Text ein Debattiertheater über Geschlechterrollen zu machen – „Wir haben die Gesellschaft nicht für Männer erschaffen. Sondern um ihnen Einhalt zu gebieten“, heißt es etwa an einer Stelle -, fein verschafft sich Alexandra Henkel das angemessene Nähe-Distanz-Verhältnis zu dieser Figur. Zu Recht gab’s viel Applaus.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2018

KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

www.kosmostheater.at

  1. 10. 2017