Les garçons sauvages / The Wild Boys

Juli 4, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Insel der Lüste verlieren sich die Lümmel

Gefangen auf dem Boot des mysteriösen Kapitäns: Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Anaël Snoek und Vimala Pons. Bild: Bildstörung

Eine Insel der Enthemmtheit, weit hinter den Horizonten von Zivilisation. Dorthin unterwegs sind fünf junge Burschen, auf einem Schiff, einem Seelenfänger, auf dem ein mürrischer Kapitän für Zucht und Ordnung sorgt – indem er die bildungsbürgerlichen Buben wie Hunde an Leinen hält. Gefressen wird, was in die Schüssel kommt, und findet er im Reisegepäck etwa noch einen Shakespeare, geht der schnell über Bord.

Die einzige Lektüre, die der „Holländer“ genannte Mann duldet, sind die auf seinen Penis tätowierten Schriftzeichen. Ihre Eltern haben die Teenager-Delinquenten auf diese schwimmende Strafkolonie verfrachtet, haben sie doch ein unfassbares Verbrechen gegangen: einen schwarzmagischen Ritualmord an ihrer Literaturprofessorin, ein Hengst ist involviert, um ihrem selbst erfundenen Dämonengott zu huldigen. Dies atavistische Fantasiewesen soll das Böse sein, sagt die Bande, das sie beherrscht. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ heißt das betörende, verstörende Spielfilmdebüt des französischen Experimentalfilmregisseurs Bertrand Mandico, das am Freitag in die Kinos kommt. Ein Fiebertraum, ein mysteriös-queeres Maskenspiel, ein eigenwilliger Hommagenmix von William S. Burroughs über William Golding bis H. G. Wells, vor allem aber ein Werk auf der Höhe einer Zeit, in der vor gerade mal eineinhalb Monaten in Österreich der erste Pass für einen Menschen dritten Geschlechts ausgestellt wurde.

Mandico erzählt in poetischen Schwarzweiß-Bildern, die von farbigen Sequenzen akzentuiert werden, er erzählt in einer einzigen großen Rückblende von der menschlichen Natur, die von ebendieser bezwungen werden wird, erzählt von dunkler Begierde und brennender Sehnsucht, entwirft en miniature eine Gesellschaft, die Lüge, Gewalt und Sex als Mittel zum Zweck einsetzt – und hat, um das Spiel mit Identitäten und Illusionen auf die Spitze zu treiben, seine wilden Jungs mit Schauspielerinnen besetzt. Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel, Anaël Snoek und Mathilde Warnier stranden also mit dem unheimlichen Kapitän, dem Sam Louwyck Gestalt verleiht, auf einem zwar ungastlichen, gleichzeitig aber allzu lebendigen Eiland, gedreht wurde auf La Réunion, dessen Vegetation aus haarigen, testikelgleichen Früchten und ihren Saft abspritzenden Blüten besteht.

Sie fühlten sich „wie Zwerge auf einem obszönen Riesenmädchen“, sagt der flachsblonde Tanguy, Anaël Snoek, der sich wie auch Brillenträger Hubert, Diane Rouxel, bald als der Sensibelste der Gruppe herausstellen wird, während der brutale Jean-Louis, Vimala Pons, den durch nichts zu beeindruckenden Rebellen gibt, und Romuald, Mathilde Warnier, und Sloane, Pauline Lorillard, auf seine, die vermeintlich starke Seite zieht. Anhebt nun eine erotische Halluzination mit Pflanzen, die bereitwillig „die Schenkel öffnen“, mit diesen aber auch ihre Gefangenen machen, dazu farbige Phantasmagorien eines Damien-Hirst’schen Diamantenschädels, das Original trägt ja den Titel „For the Love of God“, einer Kriegerin mit metallischem Brustpanzer und einem rotäugigen Maskenhund.

Alkohol erleichtert erst das Inselleben: Anaël Snoek, Vimala Pons, Mathilde Warnier und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Mit dem Kapitän: Anaël Snoek, Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Vimala Pons und Sam Louwyck. Bild: Bildstörung

Unter dem Einfluss der Maske werden die Jungs zu Mördern. Bild: Bildstörung

Doch in ihren Albträumen treffen sie bald auf ihre Meisterin. Bild: Bildstörung

Im Wortsinn umgarnt von den erotisierenden Pflanzen: Diane Rouxel und Anaël Snoek. Bild: Bildstörung

Der/die geheimnisvolle Dr. Séverin/e: Elina Löwensohn und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Und während die Schuluniformen des Quintetts durch diverse Gewalt/Akte immer mehr Schaden nehmen, Hubert homoerotische Gedanken über den Kapitän, heißt: seinen Lesestoff, quälen, trifft sich der mit dem/der androgynen Inselherrn/herrin Doktor Séverin/e, den oder die Mandico mit seiner flamboyanten Muse Elina Löwensohn besetzt hat, eine Figur, die sich, wie sich herausstellt, den Kapitän Untertan gemacht hat. „Genießt die Freuden!“, ist ihre Parole, und tatsächlich beginnen die Jungs sich im süßsalzigen Klima zu verändern. Die feminisierende Wirkung der Insel setzt ein, und mit ihr im Wortsinn der Abfall von der Männlichkeit, schon verliert der erste Lümmel den seinen, und ist der Penis erst weg, kann gut ein Busen wachsen. Nur einer entwickelt, gleich übrigens dem Kapitän, nur eine weibliche Brust – und dessen Schicksal scheint somit besiegelt.

In Interviews sagt Bertrand Mandico, es wäre dieser Moment der Entwicklung, das Erforschen des Dazwischens gewesen, das ihn zu „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ angespornt hätte, und wirklich hat er sich mit queeren Kinoästhetiken bestens vertraut gemacht; sein grobkörniges 16-mm-Material ruft geschickt dort die Genreklassiker auf, wo sie ihm dienlich sind. Mandico beherrscht auch die große Geste, umgesetzt in der Fotografie von Kamerafrau Pascale Granel, die es versteht, die gezeigte Grausamkeit an der Grenze zur Sinnlichkeit changieren zu lassen, und im Soundtrack von Pierre Desprats, der Oper mit einer Art Glamrock zusammenfließen lässt, beides, Bild und Ton, dabei schmerzhaft in den Spitzentönen.

„Les garçons sauvages / The Wild Boys“ ist Kinomagie, die Geister, die Bertrand Mandico mit ihr heraufbeschwört, sind von psychedelischer Kraft. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“, sagt der Regisseur, „ist kein Thesenfilm, sondern es ist vielmehr etwas Triebhaftes: ein funkelndes Objekt bizarrer Begierde“. Ob der Sirenengesang der Insel „die Zukunft der Welt ist weiblich“ lautet, lässt Mandico bewusst offen. Immerhin werden am Ende ein paar Matrosen an Land gelockt – und von den neuen Frauen übermannt.

Trailer:

 

www.filmgarten.at/wildboys

4. 7. 2019

 

Vestibül des Burgtheaters: Girls & Boys

November 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Stakkato-Stil durch Eheszenen

Alexandra Henkel. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Wie sie tänzelt, tobt und für ihren Sohn den Todesstern spielt. Wie sie mit ihm und seiner Schwester Zwiesprache hält, während sie die Kinder mit Kreide an die Wand zeichnet. Wie sie immer wieder im Wortsinn gegen die dann rennt. Das alles ist Alexandra Henkel in Hochform. Dietmar König hat im Vestibül des Burgtheaters Dennis Kellys Monolog „Girls & Boys“ als österreichische Erstaufführung inszeniert, und dabei seine Ehefrau ganz fabelhaft in Szene gesetzt.

Henkel fährt im Stakkato-Stil durch die Ehemomente, von denen Kellys Protagonistin zu berichten hat, sie gibt sich dem drastischen Text, der um Four-Letter Words nie verlegen ist, mit vollem Einsatz hin, ihr intensives Spiel changiert dabei zwischen humorvoll-hysterisch-hintersinnig. Bald bricht die Abgebrühtheit von der sorgsam aufgebauten Fassade dieser Frauenfigur, und Henkel macht dahinter eine Verletztheit sichtbar, die deutlich erkennen lässt, dass diese Geschichte auf eine Katastrophe zusteuert. Das ist schon so Dennis Kellys Art, seine Allerweltsstories ins Allerschlimmste kippen zu lassen.

Erzählt wird tatsächlich etwas erschreckend Alltägliches. „Was passiert ist, geschieht alle zehn Tage“, erfährt man. Ein weiblich-toughes Ich lernt – nach ebenso destruktiver wie verstörend belebender Saufen-Drogen-Ficken-Phase – beim Selbstfindungstrip durch Europa in der Warteschlange vor einem Billigflug-Check-In-Schalter ein „Deppengesicht“ kennen. Das sich jedoch auf den zweiten Blick als „Genie im Körper eines griechischen Gottes“ entpuppt. Also, erst Heirat, dann Lina und Benni, dann macht sie Karriere als Dokumentarfilmproduzentin, während seine Möbelfirma in Konkurs geht. Es folgt die Scheidung mit dem Scheidungsgrund: Eifersucht auf den Erfolg der Frau. Es fällt der Satz „Es wird nie passieren, dass du meine Kinder hast, und ich nicht“.

Henkel setzt beim Sprechen ihre Pointen, mit Augenzwinkern bezieht sie auch das Publikum mit ein, das Vestibül als Spielort dafür ideal – um auf Tuchfühlung zueinander zu gehen. Die Gedankengänge durch die Beziehungsprobleme unterbricht sie mit ihrem Spiel mit den Kindern, Benni, der bevorzugt ganze Planeten zerstört, und die Bastelarbeiten seiner Schwester, Lina, ganz besonnene Jung-Architektin, die bei der Mutter um „Baugenehmigung“ ansucht. Wenn die sich in ihrer Überforderung ertappt sieht, kann einem auffallen, dass die renitenten Antworten und ausgefeilten Argumente der Dreikäsehochs viel zu erwachsen sind. Einmal prasselt nackte Angst auf die „perfekte Kleinfamilie“, als Lina ihrer Mutter in einem Menschengewühl abhanden kommt.

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Subtext zeigt sich Dennis Kellys Ein-Personen-Stück als messerscharfe Analyse übers Kontrolle-Haben, über Kontrollverweigerung und Kontrollverlust. Die Frau hat, das sagt sie am Ende, um dem zu entgehen, ihre Erinnerungen ganz bewusst manipuliert. Eine Strategie der Seele, um den Mann aus ihrem Leben auszuradieren. Da lässt Henkel nicht nur die Schutzhülle ihrer Figur reißen, da platzt auch die des Publikums. „Girls & Boys“ ist ein Abend, der einen in jeder Hinsicht mitnimmt. Klug entgeht Dietmar König der Gefahr, aus Kellys kämpferischem Text ein Debattiertheater über Geschlechterrollen zu machen – „Wir haben die Gesellschaft nicht für Männer erschaffen. Sondern um ihnen Einhalt zu gebieten“, heißt es etwa an einer Stelle -, fein verschafft sich Alexandra Henkel das angemessene Nähe-Distanz-Verhältnis zu dieser Figur. Zu Recht gab’s viel Applaus.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2018

KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

www.kosmostheater.at

  1. 10. 2017

Rabenhof: Stermann & Grissemann als „Sonny Boys“

Februar 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Thomas und Bernhard der Kleinkunst

Christoph Grissemann, Matthias Hartmann und Dirk Stermann Bild: © Rabenhof / Udo Leitner

Die deutsche Kochschau im TV: Christoph Grissemann, Matthias Hartmann und Dirk Stermann. Bild: © Rabenhof / Udo Leitner

Christoph Grissemann und Dirk Stermann spielen Stermann & Grissemann. Das hat immer funktioniert, das sind zwei Charaktere, die sich im Schlaf kennen, never change a running system, also gibt’s den vollen Spiel-Plan. Von Alkimage bis Glücksspielproblem, von Hassliebe als Programm bis neuerdings Paartherapie, von zynischem Witz bis staubtüchltrockenem Humor. Die beiden Abstauber der einheimischen Hirnrissigkeiten haben es halt nie notwendig gehabt, sich zu verkleiden. Zwei so große Entertainer.

Authentischer als sie ist nur Peter Rapp, der plötzlich wie ein Busenblitzer auftaucht. Der König des verbalen Scheißminix nimmt Stermann & Grissemann in die Untertanenpflicht, das ist schon spaßig, wollten sie doch statt seiner endlich selbst komplett am Rad drehen. Aber: Verwechslung der Geldausgabeautomaten. Getroffen hat’s ergo einen Exschistar, der ORF-Österreich beigebracht hat, wie sexy Bildungslücke sein kann …

Stermann & Grissemann haben eine Kleinkünstlerdystopie entworfen. So knapp vorm Lotte-Tobisch-Altersheim und kurz vor der Wahl migrantisches Volkstheater oder Musical mit Marika Lichter. Das heißt, entworfen haben nicht sie, sondern eine New Yorker Nachwuchshoffnung namens Neil Simon, der mit seiner Boulevardkomödie „Sonny Boys“ auf den Durchbruch hofft. Ein vorprogrammierter Bühnenhit, der hierzulande leider noch nie zu sehen war, wiewohl Kombinationen wie Otto Schenk und the late Helmuth Lohner oder Harald Serafin und Miesepeter Weck bestens dafür geeignet gewesen wären. So lag’s an den Grumpy Old Men der medialen Entäußerung diesen potenziellen Publikumserfolg aus der Taufe zu heben. Und sie taten’s so, dass nicht mehr klar ist, wo N.S. aufhört und „Die deutsche Kochschau“ anfängt.

Diesen Uralt-Sketch bereiten sie nämlich vor, die Unterhaltungsuntoten. Für eine verrappte ORF III-Show mit dem Titel „Was haben wir gelacht“. Nicht jeder kann wie Al Lewis und Willie Clarke auf eine Krankenschwesterntracht setzen, wiewohl Magda Kropiunig als Grissemanns Cousinen-Managerin das Ihre tut, um eine ins Spiel zu de­kolle­tie­ren. Es wird gespuckt statt gepiekst – aber rotzdem: Eklat. Die abgehalfterten Zugpferde werfen sich selbst aus der Ex-Promi-Laufbahn. Ein weiterer, der gewesene Burgtheater-, nunmehr TV-Programmdirektor, versagt verzagt mit sehr viel Selbstironie via Video. Matthias Hartmann, Servus!

Derlei Gags machen nicht verlegen, entwirft sich das Bashing doch mittels einer geschmacksintensiven Runde. Vom bierbewerbenden Adiposiburgstar über den zum Gartenzwerg degenerierten Autonarrbarettisten, vom Proleten-„Kaiser“ über den persischen Schlachthaus-Shakespeare bis zur dreiköpfigen Staatskünstlermade im Innenpolitikspeck. Merke: Wer selbst eine gekillte Katze auf dem Kopf hat, soll nicht über anderer Leute Frisur lästern, und alles, was noch Kohle bringt, kommt sowieso nicht vor. Man soll die Hand ja handzahm beißen. Miri und Uschi beim Schlammcatchen, das geht grad noch von wegen tagesaktueller Watschn. Und natürlich Thomas Gratzer. Der Hausherr und Regisseur stellt sich den Rabennestbeschmutzern gern zur Verfügung.

Ach, Stermann & Grissemann, das ist wie Thomas und Berhard der Kleinkunst. Das Dämonische in uns ist ein immerwährender vaterländischer Kerker, in dem die Elemente der Dummheit und der Rücksichtslosigkeit zur tagtäglichen Notdurft geworden sind. Danke, Wasserkraft. Um den Verbund einer gewesenen Karriere geht’s anno 2027 naturgemäß. Szenen einer Künstlersilberhochzeit. Von „Salon Helga“ bis Songcontest, von „Willkommen Österreich“ bis ROMY-Preisverleihung. Stermanns Islamgag hat die beiden einst aus der berüchtigten Gala gekickt. Nun haust Grissemann griesgrämig in my home is my Höhle und verabscheut Sir Stermann mit Inbrunst. Grissemann ist auch abseits von Grissemann ein großartiger Schauspieler. Mit Fistelstimme hysterlt er sich in den Herzkasperlmodus, ein Altherrenschlurf in Schlabberhose. Stermann ist dagegen trockengeföhnt die perfekte Mischung aus Jopie Heesters und Richard Gere. Neil Simons gallige Verzweiflungsdialoge präsentieren die beiden angemessen selbstverliebt; Timing und ergo Pointen sitzen; Thomas Gratzer hat eine Gabe für Slapstick und viel Sinn für Nonsense.

Das Drillpüree wird diesmal allerdings mit Traube statt Nuss serviert, das totale Sieb ist nur noch ein Tee-Ei. „Wenn ich Spaß hätte haben wollen, hätte ich eine Eintrittskarte gekauft“, sagt Grissemann bei den quasi Fernsehproben zur narzistischen Küchenschlacht. Haben wir (zugegeben nicht) und sehr gelacht. Als Wiedergänger in ihrer Version von Simons Comedyklassiker passen die beiden wie hing’spuckt. Als hätte da einer von der Bronx aus an die Exzentriker in Erdberg gedacht und ihnen die Sätze in der Garderobe hinterlegt. Man kann gar nicht genug Neurosen streuen. Auch der Kropiunig übrigens, die sich der herrschenden Betriebstemperatur fabelhaft anpasst. Und the one and only Peter Rapp, der sich beim Schlussapplaus gekonnt ins Spotlight stellt. Da ist Stermann bereits deutlich desorientiert und Grissemann schon in eine dunkelgraue Unterflak umgestiegen. Das Alter ist ein Massaker – hier ist der Beweis.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VuYDHeXHh64

Stermann & Grissemann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17222

www.rabenhoftheater.com

Wien, 11. 2. 2016

Stermann & Grissemann im Gespräch

Januar 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spielen Neil Simons „Sonny Boys“ im Rabenhof

Christoph Grissemann, Magda Kropiunig und Dirk Stermann Bild: © Rabenhof / Udo Leitner

Christoph Grissemann, Magda Kropiunig und Dirk Stermann
Bild: © Rabenhof / Udo Leitner

Die Bad Boys des österreichischen Entertainments outen sich endlich als Boulevardschlampen: Christoph Grissemann und Dirk Stermann sind im Altersfach angekommen – und spielen im Rabenhof Neil Simons Kracherkomödie „Sonny Boys“. Was natürlich heißt, dass es die beiden auf ihre Art krachen lassen werden. Sie haben sich den US-Comedy-Klassiker einverleibt und erzählen mit ihm ihre ureigene Geschichte. Die Kleinkünstlerdystopie von Dirk und Christoph, einst ein gefeiertes, exzentrisches Komikerduo. Doch die Star-Kabarettisten konnten sich nicht ausstehen und irgendwann war mit der Karriere Schluss, die Trennung folgte.

Aus den Solokarrieren wurde nichts. So versuchen sie sich mit zweitklassigen Werbespots über Wasser zu halten, leben aber hauptsächlich depressiv dahingrantelnd in den Tag hinein und pflegen ihre Neurosen, bis Christophs Cousine den beiden die Chance bietet, sie nach jahrelanger TV-Absenz zurück ins Geschäft zu pushen.  Allerdings müßten die in die Jahre gekommenen Diven dazu ihren Streit begraben … Magda Kropiunig als Cousine ist die dritte im Bühnenbunde; Hausherr Thomas Gratzer führt Regie; Premiere ist am 10. Februar. Ein Gespräch:

MM: Die entscheidende Frage – wer piekst wen?

Dirk Stermann: Wir pieksen nicht. Ich bespucke Herrn Grisseman. Aber nicht absichtlich, sondern weil ich eine feuchte Aussprache habe. Den „Klassiker“ mit dem Finger haben wir abgeschafft, weil das für uns albern war. Wir spielen ja nicht den Arzt-Sketch von Willie Clark und Al Lewis, sondern einen Sketch, den wir beide tatsächlich einmal gespielt haben. Und in dem wird nicht gepiekst, sondern nur gespuckt.

MM: Wie kam es zu der Idee „Sonny Boys“ zu machen?

Christoph Grissemann: Das hat Thomas Gratzer über unsere Köpfe hinweg entschieden. Er verfolgt uns mit der Idee seit acht Jahren – da waren wir also noch wesentlich jünger -, aber obwohl er uns pausenlos damit in den Ohren lag, wollten wir’s nicht machen. Eine Boulevardkomödie! Wir fanden schon den Humor seltsam, weil er ganz anders ist, als das was wir sonst veranstalten. Aber nachdem wir das Stück sehr akribisch gelesen haben, sind wir draufgekommen, dass es wie wahnsinnig auf uns passt. Es ist von Herrn Simon in weiser Voraussicht für uns geschrieben worden. Ich musste ein paar Mal laut auflachen, weil Sätze nahezu wortwörtlich zwischen Dirk und mir gefallen sind. Irgendwo in der Provinz. Es hat eine so frappierende Ähnlichkeit, dass wir sagten: Ja, gut.

Stermann: Die Situation ist für uns wie gemalt, als hätte Simon gewusst, dass da in Österreich zwei Typen schon so lange intensiv zusammenarbeiten, mit Höhen und vielen Tiefen. „Sonny Boys“ ist ein hochgradig sentimentales Liebesstück über zwei Männer. Es geht um Altersdepression, Missmut, Zynismus und Verachtung im Unterhaltungsgeschäft – das passt auf uns.

MM: Die Atmosphäre stimmt also?

Stermann: Das wurde uns beim intensiveren Nachdenken sofort klar. Das ist genau unsere „Farbe“, gar nicht so sehr die Humor-Farbe, sondern die atmosphärische Farbe trifft’s total.

Grissemann: Finde ich auch. Der Wechsel zwischen Alltag und Komik – was man mit dem Partner erlebt, man muss auf der Bühne den witzigen Strahlemann machen, kaum kommt man nach der Vorstellung in die Garderobe, hat man keine Lust mehr auch nur miteinander zu reden -, also die Tragik, die jedem Komiker innewohnt, die kennen wir auch. Und die wird in diesem Stück natürlich sehr gepflegt.

MM: Sie haben „Sonny Boys“ auf sich zugeschnitten. Wie wird sich das auswirken?

Stermann: Wir sind die Figuren. Es geht tatsächlich um unsere Vita, um unsere Karriere, das Stück wird nach Wien verlegt. Das heißt: Es wird FM4 vorkommen, der ORF, das Umfeld, in dem wir uns bewegt haben. Auch namentlich, es werden Namen von Kolleginnen und Kollegen genannt, mal sehen, wie die sich freuen …

MM: Und der Kernsatz Ihrer „Sonny Boys“? Sympathy für the Antipathie?

Stermann: Die Mischung aus liebevollem Hass und hasserfüllter Liebe. Dass man aneinander gekettet ist, miteinander muss, eigentlich nicht mehr will, aber auch nicht ohne einander kann. Das Stück spielt in der Zukunft, wir sind zehn Jahre älter, und tun so, als hätten wir uns getrennt. Das Gefühl, sogar während wir’s nur proben, sich vorzustellen, dass ich den Christoph zehn Jahre nicht gesehen habe, ist so stark, dass es mitunter kaum zum Aushalten ist. Weshalb ich versuche, es nicht aufkommen zu lassen.

MM: Was könnte theoretisch passieren, dass Sie sich trennen?

Grissemann: Da müsste wirklich was großes sein. Es sind ja schon Dinge passiert und wir haben uns trotzdem nicht getrennt.

MM: Dinge? Fremdgehen, Betrug, Diebstahl …

Grissemann: Ach, Diebstahl …

Stermann: Christoph bestiehlt mich seit Jahren. Vor allem die Hälfte meiner Gage.

Grissemann: Und Zigaretten. Und Essen. Und einmal auch Geld aus deiner Brieftasche (Zwischenseufzer Stermann: Ich weiß!). Alles unter Mord ist kein Grund.

Stermann: Auch Mord nicht zwangsläufig. Da müsste man schauen, ob im Affekt oder wie.

MM: Einer meiner Lieblingsdialoge ist: „Pass‘ mal lieber auf, ich werde dir die Show stehlen.“ – „Sag‘ mir, wenn es soweit ist, das möchte ich nicht verpassen.“ Kennen Sie solche Momente, gibt es Rivalität auf der Bühne?

Stermann: Nona, natürlich gibt’s Rivalität. Natürlich buhlt man als Paar um die Gunst des Publikums, aber auch als Einzelperson. Und wenn er dann wieder so einen Lauf hat, das nervt mich ein bisschen, ehrlich gesagt.

Grissemann: Zwei Läufe in zwanzig Jahren!

Stermann: Aber die haben mich beide genervt.

MM: Frau Kropiunig, Sie spielen die Cousine vom Grissemann.

Stermann: Sie ist Krankenschwester, Neffe und Agentin – zusammengefügt in der Figur Cousine.

MM: Frau Kropiunig, wie passt man sich in dieses Duo ein? Wie und wo hat man da Platz?

Magda Kropiunig: Es fühlt sich nicht viel anders an, als bei anderen Theaterproben. Es ist überhaupt nicht so, dass Stermann und Grissemann für sich sind, und alle anderen müssen schauen, wo sie sich unterbringen. Wenn die beiden ihre Dialoge haben, ist es schon sehr eigen, sicher anders, als wenn sich zwei Schauspieler gerade erst kennengelernt haben. Aber sonst, alles gut, alles normal. Ich bin übrigens auch nicht Krankenschwester, wie eben gesagt, sondern die einzige lebende Verwandte, die sich um Christoph noch kümmert. Aus dieser Pflicht versuche ich als Agentin meinen Nutzen zu ziehen.

Sterman: Wie Sie hören, total klug zusammengesetzt diese Rolle.

MM: Ist das der härteste Job, den Sie jemals hatten? Man kann sich über diese Figuren nicht mit einem Sarkasmus drüberwitzeln, man muss Sie in Ihren Befindlichkeiten ernst nehmen. Können Sie überhaupt etwas ernst nehmen?

Stermann: Ich spiele Stermann. Und ich nehme Stermann sehr ernst. Ich glaube, es würde mir schwerer fallen, Grissemann ernst zu nehmen, aber das ist auch nicht meine Aufgabe, sondern Christophs Problem. Ich denke aber, er wird es schaffen. Er kennt sich nun ja schon eine Weile und ist sich selbst sehr nah.

MM: Aber ist dieses Verschwimmenlassen der Kunstfiguren und der Privatpersonen Stermann & Grissemann nicht gefährlich? Erlauben Sie da den zahlreichen Fans nicht einen Blick hinter die Kulissen, der sich ungünstig auf Ihr Image auswirken könnte? Weil, bis jetzt klingt das alles so altherrensentimental …

Stermann: Wir spielen sowieso mit uns als Menschen. Wir tun doch immer so, als würden wir uns in der Öffentlichkeit präsentieren. Das fällt nicht so schwer. Was altherrensentimental angeht, ich denke, das steht uns mittlerweile zu. In bin in einem Alter, wäre ich nicht gebürtiger Deutscher und würde es mich reizen, ich wäre prädestiniert als Bundespräsidentschaftskandidat.

MM: Und als solcher sogar noch unter den Jüngeren. Herr Grissemann, möchten Sie zum Thema Altherren etwas sagen?

Grissemann: Nein, danke.

Kropiunig:  Ich aber noch zu „härtester Job“. Boulevard, und das sage ich, obwohl sich unsere Fassung davon schon entfernt hat, ist die Königsklasse. Da muss der Text sitzen, die Pointen, das Timing. Man muss wissen, wie man das spielt, wo man Tempo macht und wo Pausen. Die Charaktere, die wir zeigen, sich radikal, pur, echt. Auch das muss man erst einmal bringen.

MM: Sie spielen also quasi das Lachen, das uns im Hals stecken bleiben wird, wenn wir sehen, wie der ausrangierte Künstler in seinem eigenen Dreck … (zu Stermann:) Was gibt’s da zu kichern, ich meine das todernst … haust und die Sozialversicherungsbeiträge nie eingezahlt hat und kein Anrecht auf Arbeitslose oder Pension hat und der Altersarmut entgegengleitet …

Stermann: Wir machen aber keinen Ulrich-Seidl-Film: „Im Keller des Kleinkünstlers“, sondern immer noch Komödie.

Kropiunig: Und die ist sehr sympathisch. Obwohl wir alle in Grissemanns Dreck sitzen, ist es sehr sympathisch.

Grissemann: In Wahrheit schaut es entsetzlich aus, es ist völlig unaufgeräumt. Aber auch das ist vielleicht ein gar nicht so entferntes Zukunftsszenario für mich. Das ist in unserem Beruf ja schnell der Fall: Kein Fernsehen mehr – und die Altersarmut ist da. Alkoholismus. Kann alles passieren.

MM: Das heißt, wenn der ORF „Willkommen Österreich“ absetzt, wäre das tatsächlich das Karriereaus.

Grissemann: Man könnte wahrscheinlich noch ein paar Jahre mit den alten Kabarettprogrammen durch die Säle tingeln, aber eigentlich wäre es zu schrecklich, das zu durchleben. Wenn man es gewohnt ist, vor 600 Leuten aufzutreten, und dann kommen 20, 30. Ja, das wäre das Karriereende. (Grissemann bestellt sich ein Bier.) Aber um auf Ihre Frage nach dem „härtesten Job“ zurückzukommen: Für mich sind die „Sonny Boys“ tatsächlich sehr anstrengend. Ich bin es ja nicht gewohnt, so dialoglastige Sachen zu lernen. Ich finde das sehr schwierig, ich zeige deutliche Text- und Timingschwächen. Das ist nicht leicht für mich. Leider.

MM: Kann man die unfreiwilligen Pausen eventuell für die melancholische Baseline des Stücks nutzen?

Stermann: Die Pause, nicht die, wenn er hängt, sondern die atmosphärische, wird tatsächlich oft eingesetzt. Man lässt damit ein Gefühl im Raum stehen. Dieses betretende Schweigen, das sind für mich die schönsten Momente.

MM: Aber es ist schon noch zum Lachen?

Stermann: Ja – wenn man will.

MM: Wo sehen Sie sich im Alter der „Sonny Boys“? Geriatrie oder Gran Canaria?

Grissemann: Wahrscheinlich in der Geriatrie auf Gran Canaria.

Stermann: Wenn du Alzheimer hast, merkst du den Unterschied gar nicht.

Grissemann: Oder noch weiter weg. Fidschi Inseln. Neue Identität annehmen. Sich vielleicht umoperieren lassen zur Frau, zur alten Frau.

MM: Welchen Vorteil hätte das?

Grissemann: Frauen werden älter, acht Jahre im Schnitt. Das hätte also einen klassischen biologischen Vorteil. Und: Man würde ganz neue Seiten an sich entdecken. Endlich ein Ende der Langeweile!

Kropiunig: Sie merken schon, diese Produktion ist sehr entspannt. Ich dachte erst, es könnte relativ stressig werden, aber das ist überhaupt nicht der Fall, und der wird vermutlich auch nicht mehr eintreten.

MM: Was wollen Sie dem Publikum mitgeben?

Grissemann: Nichts.

Stermann: Wir haben diesbezüglich keine Ansprüche.

Grissemann: „Sonny Boys“ ist ein klassisches Gefühlsstück …

Stermann: Die Leute sollen sich also nachher bei der Tür rausfühlen, sie sollen den Raum mit Sentiment verlassen – und sich dann draußen überlegen, was sie mitnehmen wollen.

www.stermann-grissemann.at

www.rabenhoftheater.com

Wien, 29. 1. 2016