Gregor Bloéb goes Burg

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Karl Kraus zu Maja Haderlap

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich)
Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb wird auch in dieser Spielzeit am Burgtheater zu sehen sein. Nach seinem Erfolg als Optimist in Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ www.mottingers-meinung.at/?p=10169 (Wiederaufnahme der Koproduktion mit den Salzburger Festspielen aus dem vergangenen Sommer: 17. September), versucht er sich in der Uraufführung von Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“. Premiere ist am 8. September am Akademietheater.

Wieder führt Georg Schmiedleitner Regie; gemeinsam mit der Autorin hat er auch die Bühnenfassung erstellt. Haderlaps 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichneter Debütroman ist eine Familiengeschichte und die Geschichte der Kärntner Slowenen. Erinnert wird eine Kindheit in den Kärntner Bergen. In ihrem Buch beschwört Haderlap die Gerüche des Sommers herauf, die Kochkünste der Großmutter, die Streitigkeiten der Eltern und die Eigenarten der Nachbarn. Erzählt wird vom täglichen Versuch eines heranwachsenden Mädchens, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Zwar ist der Krieg vorbei, aber in den Köpfen der slowenischen Minderheit, der die Familie angehört, ist er noch allgegenwärtig. In den Wald zu gehen, hieß eben „nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln“ , es hieß, sich zu verstecken, zu flüchten, sich den Partisanen anzuschließen und Widerstand zu leisten. Wem die Flucht nicht gelang, dem drohten Verhaftung, Tod, Konzentrationslager. Die Erinnerungen daran gehören für die Menschen so selbstverständlich zum Leben wie Gott.  Erst nach und nach lernt das Mädchen, die Bruchstücke und Überreste der Vergangenheit in einen Zusammenhang zu bringen und aus der Selbstverständlichkeit zu reißen – und schließlich als kritische junge Frau eine Sprache dafür zu finden …

Erste Probenfotos lassen erwarten, dass Schmiedleitner mit seiner Inszenierung die sinnlich-poetische Atmosphäre des Erinnerungsromans auf die Bühne zu bringen versteht. Bloéb spielt den Vater, Petra Morzé die Mutter, Elisabeth Orth die Großmutter. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind das Junge und das Alte Ich. Weitere Rollen verkörpern Sven Dolinski, Sabine Haupt, Michael Masula, Rudolf Melichar und André Meyer.

Saisonstart ist an der Burg am 4. September. Alvis Hermanis inszeniert dafür Gogols „Der Revisor“. Die Besetzung ist naturgemäß first class, mit Fabian Krüger als vermeintlichem Revisor und Maria Happel und Michael Maertens als Bürgermeisterpaar. Gregor Bloéb bleibt auch dem Theater in der Josefstadt, wo er als Jägerstätter www.mottingers-meinung.at/?p=4764 anrührte, erhalten. Er steigt ab 12. September wieder als Felix MitterersDer Boxer“, Johann „Rukeli“ Trollmann www.mottingers-meinung.at/?p=13581 , in den Ring.
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www.burgtheater.at

Wien, 17. 8. 2015

Theater in der Josefstadt: Der Boxer

Januar 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer die Wahl, Nein zu sagen

Gregor Bloéb (am Boden liegend), Peter Scholz, Raphael von Bargen Bild: Erich Reismann

Gregor Bloéb (am Boden liegend), Peter Scholz, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

Ehrlich? Es fällt schwer über den Abend etwas zu schreiben. Man ist so zwiegespalten, wie die Inszenierung von Stephanie Mohr, die – nicht nur durch die Pause – in zwei Hälften zerfällt. Die ausgezeichnete Regisseurin hat das jüngste Werk des wunderbaren Dramatikers Felix Mitterer im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht. Und dennoch fliegt im ersten Teil kein Funke ins Publikum. Mitterer erzählt wie immer eine Geschichte von höchster Wichtigkeit. Über den Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann, dem, weil Sinto, die Nazis den Meistertitel aberkennen. „Wegen undeutschen Boxens“. Das ab sofort Faustkampf heißt. Es folgen Zwangskastration, Zwangsscheidung von der „arischen“ Ehefrau, Fronteinsatz in Russland samt Verwundung, KZ, Schaukämpfe dort, Tod.

Ein Champion im freien Fall Richtung Lehmgrube. Ein Tänzer, dessen Leichtfüßigkeit Frauen rund um den wie Gegnern im Ring die Sinne raubt. Ein arroganter Charmanter, der sich seiner sportlichen Überlegenheit bewusst ist, die Nächte in Jazzclubs bei Champagner verbringt. So frech, dass er sogar als Parodie der „deutschen Eiche“ mit blonder Perücke den Kampfplatz betritt. Rukeli war berühmt dafür, über das oberste Seil in die Arena zu springen, nicht zwischendurch zu „kriechen“. Auf seiner Hose stand stolz „Gypsy“. Stephanie Mohr hat sich das „Drama“, das Theatralische, die Show, Glanz und Glamour des Boxsports nicht erschlossen. Damit beraubt sie Rukeli um eine von Mitterer durchaus vorgezeichnete Farbe seines Charakters. Sie hat den Boxring an den Nagel, heißt an die Wand gehängt. Lässt Sandsäcke runter, die im Gegenlicht wie Geister von Gehenkten hängen, später auch als Tote dienen werden – aber doch nur fürs Schattenboxen gut sind. Andererseits: Zeige einer, wie Boxen am Theater geschmeidig darzustellen sein soll. Um viel mehr schade ist es, dass dieser erste Teil der Geschichte bis inklusive Russlandfront, Besuche bei der Familie, die ihrerseits wieder vom Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle, Dr. Robert Ritter, untersucht wird, im Schnelldurchlauf verhandelt wird. Erst im zweiten Teil, im KZ, wird die Inszenierung so beklemmend dicht, so klaustrophobisch, so „echt“, wie man es von der Mohr erwartet. Ein Kammerspiel, in dem der Wolf von seinem Lieblingshäftling erwartet, sich in seinesgleichen zu verwandeln. In einer Mördergrube, in der der Menschlichste das Menschsein lässt. In diesen Momenten ist Mohrs Arbeit intensiv. Schmerzhaft. Und Gregor Bloéb ihr Schmerzensmann.

Bloéb wächst als Rukeli über sich hinaus, zeigt mehr Nuancen seines schauspielerischen Könnens, als vielleicht jemals zuvor. Ist ein liebendes, liebenswertes, lebenslustiges Mannsbild, dem all das genommen wird, bis er schreit, wie das Vieach, das man aus ihm gemacht hat. Raphael von Bargen ist ihm als Reinhard Wolf sowohl als Boxer als auch später als Lagerkommandant ein ebenbürtiger Gegner/Partner. Wie ein Schießhund hat er sich in seine Beute verbissen, einer, der sich hart antrainieren muss, was dem anderen anscheinend zufliegt. Und der eine eigene Geschichte mit der Lehmgrube hat. Dass ihn am Ende der Wahnsinn umzingelt, ist kein Wunder. Matthias Franz Stein ist Rukelis schmächtiger Bruder Stabeli, der von Auschwitz als Geisel in die Lehmgrube gebracht wird. Sein Leben für einen Boxkampf. Sein Leben für die Entfachung des Überlebenstriebs. Eindrücklich die Szene, in der Rukeli auf einen schon am Boden liegenden Sandsack-Gegner eindrischt, vom Bruder, der dabei aus dem Blechnapf frisst, angefeuert: Mach‘ ihn fertig! Zwei gegen einen, auf den dann der Todesschuss wartet. Friss oder stirb. Eine Glanzleistung legt Peter Scholz als Polizist Heinz Harms hin. Nie weiß man, was man von ihm halten soll. Scholz verkörpert den Typ Mitläufer wie eine Fallstudie. Verzweifelt, aber zweifelt nie an Befehlen. Hat bei aller Leutseligkeit schnell den Knüppel zur Hand. Singt „Komm, Zigan“ aus der „Gräfin Mariza“. Er überlebt. Natürlich. Sie überleben in der Regel.

Dominic Oley ist als Dr. Ritter der Teufel in Menschengestalt, ein freundlich lächelnder Herrscher über Leben und vor allem den Tod. Die Familie Trollmann besteht aus Elfriede Schüsseleder, die als Mutter die Zigeunerbaroninklischees zu tragen hat, während „Vater“ Michael König mit Gamshut sein Deutschtum unter Beweis stellen will. Der ehemalige Burgschauspieler ist ein Gewinn für die Josefstadt. Hilde Dalik spielt Rukelis Frau Olga, Ljubiša Lupo Grujčić seinen Bruder Carlo. Die Trollmanns berichten vom Unberichtbaren in den Worten von Ceija Stojka. Da ist Rukeli schon mehr Jenseits. Sie haben ihn erschlagen, weil er nicht mehr zuschlagen wollte. Keine Hinrichtungen nach von ihm gewonnenen Fights mehr wollte. Er lehrt etwas stets Gültiges: Man kann immer Nein sagen.

www.josefstadt.org

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=-RGlaSnb8Oo&feature=youtu.be

www.mottingers-meinung.at/felix-mitterer-und-stephanie-mohr-im-gespraech

BUCHTIPP: Felix Mitterer: Der Boxer, Theaterstück, 104 Seiten, Haymon Taschenbuch, mit einem Nachwort von Marie-Luise Ramos-Farina. Felix Mitterer erzählt Johann „Rukeli“ Trollmanns Lebens- und Leidensweg stellvertretend für den vieler Roma und Sinti, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Wien, 30. 1. 2015

Felix Mitterer und Stephanie Mohr im Gespräch

Januar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater in der Josefstadt: Der Boxer

Gregor Bloéb, Raphael von Bargen Bild: Erich Reismann

Gregor Bloéb, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

Am 29. Jänner wird in der Josefstadt „Der Boxer“ uraufgeführt, Felix Mitterers Stück frei nach dem Schicksal des Sinto-Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann. Im Juni 1933 kommt es beim Boxkampf um den deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht zum Eklat. Johann „Rukeli“ Trollmann, der einer Sinti-Familie entstammt, punktet mit seinem schnellen, für damalige Zeiten ungewöhnlichen Boxstil in jeder Runde. Doch die Jury betrachtet die Leistungen der Kämpfer als ungenügend und weigert sich den Kampf zu werten: Der Boxstil des Zigeuners entspreche nicht dem deutschen Faustkampf. Nur aufgrund massiver Proteste der Zuschauer wird Rukeli Trollmann schließlich doch zum Deutschen Meister ernannt, kurz darauf wird ihm der Titel „wegen schlechten Boxens“ wieder aberkannt. Rukelis vielversprechende Boxkarriere ist unter dem nationalsozialistischen Regime jäh zu Ende, mit blankem Zynismus erinnert man sich ihrer. Im KZ wird Rukeli gezwungen, für die SS gegen andere Häftlinge zu boxen. Wer verliert, stirbt. Rukeli stirbt im Jahr 1944.

Felix Mitterer hat Rukelis – fast vergessenes – Schicksal zum Inhalt seines neuen Stückes gewählt. Rukelis Leidensweg steht dabei stellvertretend für den so vieler Roma und Sinti, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Dazu Felix Mitterer: „Der Boxer erinnert an die ermordeten Sinti und Roma und gibt ihnen und uns einen Helden, der sich von den Nazis niemals unterkriegen ließ, auch wenn sie ihn am Ende töteten. Rukeli lebt.“

Ein Gespräch mit Autor Mitterer und Regisseurin Stephanie Mohr:

MM: Herr Mitterer, Sie haben einen Hang zu Biografien. Wie sind Sie zu der von Johann „Rukeli“ Trollmann gekommen?

Felix Mitterer: Ich bin 2003 durch Medienberichte auf ihn gebracht worden. Da hat man ihm auf Druck der Öffentlichkeit und der Familie posthum den Deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht zurückgegeben. Den hatte Trollmann 1933 gewonnen, doch war er ihm wegen „zigeunerhaften herumtänzelns“ im Ring, also „undeutschen“ Boxens, wieder aberkannt worden. Zum zweiten Kampf erschient Rukeli dann mit blond gefärbtem Haar, weiß angemalter Haut – die Parodie eines Nazi-Faustkämpfers. Dafür wurde er hart bestraft: mit Zwangssterilisation, Fronteinsatz, schließlich KZ Neuengamme, Außenlager Wittenberge, wo er gegen andere Boxer kämpfen musste, damit man seinen Bruder am Leben lässt. Und er musste sich von seiner deutschen Frau scheiden lassen.

 MM: Seine Tochter Rita war noch 2012 in einer Doku zum Thema, konnte aber über ihren Vater nicht viel sagen, weil sie ihn kaum kannte. Haben Sie sie gesprochen? Und: Was wurde aus seiner Frau Olga?

Mitterer: Ich habe mit einem anderen Zweig der Familie zusammengearbeitet, habe mir wie beim „Jägerstätter“ die Zustimmung zu meinem Stück geholt. Das ist mir immer ganz wichtig. Weil es doch Fiktion ist. Ich hoffe, dass ich jetzt, nach der Premiere, mit der Tochter reden kann. Es kommen ja Trollmanns in die Josefstadt. Was aus Olga geworden ist, weiß allerdings keiner. Über das Drumherum gibt es sehr viel Material. Hans Fitzlaff, ein Boxfan aus Hannover, begann schon früh zu recherchieren und Kontakt zur Familie zu knüpfen. Da haben noch einige Brüder gelebt, waren aber natürlich misstrauisch. Einer, Albert, hat Fitzlaff dann alles gezeigt, was die Familie über Rukeli gesammelt hatte.

MM: Sie haben sich die dichterische Freiheit genommen, Figuren einerseits zusammenzufassen: Reinhard Wolf, Boxer, später SS – Obersturmbannführer und Lagerkommandant setzt sich aus den Personen Adolf Witt, Gustav Eder und Ringrichter Albert Luthermann zusammen; dafür ist Dr. Dr. Robert Ritter, wer er war.

Mitterer: Man schreibt einen Film nicht wie ein Theaterstück. Am Theater kann man nicht 20, 30 Darsteller haben. Rukeli hatte allein neun Geschwister. Auch da musste ich welche weglassen. Ich wollte ja generell über die Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nazis erzählen, die nach dem Krieg so gut wie vergessen ist. Den Ritter, den Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle, musste ich lassen, wie er war. Ein Teufel in Menschengestalt. War für die Sinti und Roma zuständig hat sie „nach arischen Richtlinien vermessen“, da gibt es Fotos, wo er sie freundlich angrinst, da sicher viele nicht mitgekriegt, was er da eigentlich macht mit ihnen, welche Konsequenzen das haben wird. Es sagte ja gern, er möge die reinrassigen Zigeuner, die leben im Wald am Lagerfeuer, singen ihre Lieder … nur die Vermischung mit dem deutschen Volk wollte er nicht. Da er auch bei Ceija Stojka war, bin ich mir sicher, er war auch bei den Trollmanns. Die Figur Wolf habe ich mir erlaubt. Dafür hat es den Heinz Harms, Polizist bei der „Zigeunerzentrale“ in Hannover, wirklich gegeben. Ständig hin- und hergerissen, weil er erst mit den Trollmanns gern Karten gespielt hat, und sie später in den Tod führen musste.

 MM: Und die Boxer gegen die Rukeli im KZ antreten muss: Kid Francis, Leone Efradi, Victor „Young“ Perez …

Mitterer: Die SS hat aus dem ganzen besetzten Europa berühmte Boxer zusammengeholt. Von Athen bis Rom, um in den KZs richtige Schaukämpfe zu veranstalten. Da wurde um viel Geld gewettet. Wer verlor, wurde erschossen. Das ist auch der Grund, warum Rukeli nicht mehr weiterkämpfen will, damit wegen ihm keiner mehr sterben muss, also bietet er sich ein letztes Mal Wolf als Gegner an … Gegen wen er gekämpft hat, wissen wir nicht. Die Namen der Boxer habe ich aus einem Buch: Hertzko Haft, ein polnischer Jude, wurde erst im KZ wegen seiner Statur vom Aufseher zum Boxer ausgebildet. Er hat Auschwitz überlebt und ging als Harry Haft in die USA, wo er sein Leben als Preisboxer bestritt. Erst auf dem Totenbett hat er seinem Sohn die Geschichte erzählt – und der hat eben ein Buch daraus gemacht.

 MM: Frau Mohr, Sie sind ein eingespieltes Team seit den „Weberischen“. Wie überziehen Sie Felix Mitterers Realismus mit Ihrer eigenen Fantasie?

Stephanie Mohr: Felix schreibt ja immer sehr realistische Regieanweisungen. Ich nehme sie als Zusatzprosaelement, darüber was er sagen will und was er sich denkt. Sie sind für mich eine Folie, eine Grundlage, keine Bibel.

 MM: Seit „Kinder des Teufels“ war kein Mitterer-Stück mehr so brutal. Man schluckt beim Lesen.

Mitterer: Ich war am Schlucken beim Schreiben. Gut, dass Sie das sagen, da ist es mir ähnlich ergangen.

Mohr: Es ist seltsam, wie das Leben manchmal spielt: Ich habe zuletzt Imre Kertész’ „Liquidation“ in Frankfurt inszeniert, bin also schon seit längerer Zeit kontinuierlich mit dem Thema Holocaust befasst. So eine Probenzeit ist eine heftige Zeit. Für alle Beteiligten. Da ist es gut, wenn es Zusammenhalt in der Truppe pflegt, wenn es ein gutes Miteinander gibt, damit man nicht an einen Abgrund gerät.

 MM: Wie „inszeniert“ man Boxen ohne Peinlichkeit?

Mohr: Boxen ist kein theatralischer Vorgang, also dachte ich zuerst über die „sinnlichen“ Elemente nach, die ich mit Boxen verbinde. Nun haben wir auf der Bühne Sandsäcke, werfen Schlaglichter auf das, was passiert. Mit Licht und Ton kann man da sehr viel machen. Den Schauspielern und mir steht der Boxtrainer Ernst Dörr zur Seite, damit Technik, Inhalt und Wirkung nach unten stimmen.

 MM: Wie zeigt man KZ?

Mitterer: Diese Frage beginnt schon beim Schreiben. Wie stellt man KZ, wie stellt man die Hölle dar? Ich habe mir eine Textpassage aus der Filmdoku „Unter den Brettern hellgrünes Gras“ von Karin Berger geliehen, in der Ceija Stojka schildert, wie es in Bergen-Belsen war, nachdem die SS geflüchtet war: Kannibalismus unter den Häftlingen, Leichenberge, sie kriecht als Mädchen in den Körper einer toten Frau, weil sie sich dort geborgen fühlt. Schrecklich.

Mohr: Man kann sich gar nicht anmaßen, ein KZ darstellen zu wollen. Doch darum geht es auch nicht. Es geht um das Zwischenmenschliche, das sich selbst an einem solchen Ort ereignet, um die Verrohung, um die Entmenschlichung. Felix ist ein großer „Menschenschreiber“, ein Schöpfer von vielschichtigen Situationen. Ohne ins Sentiment oder ins Pathos abzugleiten, wirft er einen liebevollen, aber klaren Blick auf alles. Ich denke, das ist die Schnittstelle, wo wir einander treffen, der Grund, warum unsere Zusammenarbeit so gut funktioniert. Den Text von Ceija Stojka werde ich nicht, wie von Felix vorgeschlagen, von einer Mädchenstimme vortragen lassen, sondern ich teile ihn auf Vater und Mutter Trollmann und auf Ehefrau Olga auf. Sie werden wie in einem Traumbild erscheinen. Ich halte das für eine gute Zusammenführung in Rukelis Vorstellung: Ceija und die Familie.

 MM: „Der Boxer“  ist mehr Ensemblestück als „Jägerstätter“. Felix Mitterer hat sie alle, die armen Schweine, die Mitläufer, die Überzeugungstäter …

Mohr: Wir sind schon eine kleine Familie, kennen einander unter anderen aus den Produktionen „Jägerstätter“ oder „Speed“:  Peter Scholz, Matthias Franz Stein, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Lupo Grujcic, Hilde Dalik… Mit Raphael von Bargen arbeite ich seit 15 Jahren, ihn und Gregor zusammen zu bringen ist eine große Freude. Martin Niedermair und Michael König sind „neu“ hinzu gekommen. Michael ist nicht mehr an der Burg, also kann er bei uns dabei sein: Und er ist sofort in den Kreis eingeflossen. Mit seiner Schaubühnen-Vergangenheit ist er ein echtes Ensembletier. Felix Mitterer hat großartige, differenzierte Figuren geschrieben, die wir gemeinsam ausloten konnten.

Mitterer: Wenn ich zur anderen Hälfte der Frage was sagen darf: Wittenberge liegt ja nur eine halbe Stunde von Hamburg entfernt. Hier hat die SS ein altes Klinkerwerk gekauft, um die „Führerstadt“ Hamburg zu erneuern. Dass im Stück Wolfs Vater sich dort in der Lehmgrube vor dem Krieg zu Tode geschuftet hat, ist auch so ein Kreis, den ich mit meinem Text versuche zu schließen.

 MM: Gregor Bloéb geht in der Rolle einen weiten Weg. Vom Superstar, vom Womanizer und Provokateur zum im Wortsinn Ge- und Erschlagenen. Wie erarbeiten Sie diesen Weg mit ihm?

Mitterer: Wir sind halt nach dem „Jägerstätter“ so beisammen gesessen. Und da hab’ ich mir den Gregor angeschaut und mir gedacht, er ist für den Rukeli die Idealbesetzung. Ein angehimmelter Superstar, ein Charmeur, ein Feschak, der im Ring getanzt hat, wie später erst wieder Muhammad Ali. Kein politischer Mensch, sondern einer, der Musik und Sport liebt – und auf einmal mit den Nazis und ihren seltsamen Ideen konfrontiert ist …

Mohr: Gregor und ich sprechen auch eine gemeinsame Sprache auf der Probe, eine, wo’s funkt. Er geht gerne diesen nicht leichten Weg, sucht, probiert, durchforstet den Charakter, lässt sich ein. Ich habe den Eindruck, er ist vertrauensvoll und sicher.

 MM: Dass der Uraufführungstermin jetzt ist, scheint mir sowohl eine Würdigung des Gedenkens an die Befreiung Auschwitz vor 70. Jahren als auch des von Franz Fuchs ausgeführten Attentats in Oberwart am 4. Februar 1995.

Mitterer: Natürlich geht es mir auch um Oberwart! Ich habe ja auch ein Franz-Fuchs-Stück geschrieben. Rudolf Sarközi, der Obmann Kulturverein Österreichischer Roma, wird zur Premiere kommen.

Mohr: Herr Sarközi hat uns auch mit dem Ceija-Text geholfen und uns an Emmerich Gärtner-Horvath weiter geleitet, der für uns diesen Text ins Romanes übersetzt hat. Da die Trollmanns ja aus Hannover sind, ist das sozusagen unser Brückenschlag zu den österreichischen Roma und Sinti. Dass unsere Premiere genau zwischen den Gedenktagen Auschwitz und Oberwart liegt, trifft den Punkt.

 www.josefstadt.org

Wien, 28. 1. 2015