Tanzquartier Wien: Frühjahrsprogramm 2014

Januar 29, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Starke Frauen dominieren das Parkett

Eugénie Rebetez: Encore Bild: © Augustin Rebetez

Eugénie Rebetez: Encore
Bild: © Augustin Rebetez

Robyn Orlin, Stephanie Cumming, Eugénie Rebetez, Claudia Bosse: Sie alle sind der Einladung des Tanzquartier gefolgt und zeigen im ersten Quartal 2014 in Wien ihr Können. Dazu kommt ein ganz besonderer Gast: Superstar William Forsythe bringt sein neues Tanzstück zur Aufführung. Das Programm im Detail:

Den Januar im Tanzquartier Wien schließt die südafrikanische Choreografin Robyn Orlin, die für ihre politischen und drastischen Arbeiten bekannt ist, mit dem Abend  In a world full of butterflies, it takes balls to be a caterpillar … some thoughts on falling (31.1.+1.2.) ab. Das Publikum erwartet zwei Soli (von Elisabeth B. Tambwe und Eric Languet), die sich mit der Macht von Bildern und den Grenzen des Darstellbaren beschäftigt. In I Dance, Therefore I Talk verhandelt die wunderbare Performerin Stephanie Cumming Fragen der Beziehung von Tanz und Gesellschaft in einer losen Abfolge von  Szenen bzw. Gesprächen. Der Regisseur Yosi Wanunu / Toxic Dreams  verzichtet dabei weitgehend auf den beliebten Sport des Theoriewerfens, wenngleich dieser mitverhandelt wird. Ein humorvoller, leichtfüßiger Tanz der Worte und des Körpers (7.+8.2.). Nach dieser Uraufführung bietet das Tanzquartier Wien bis Ende Februar zwei Gastspiele internationaler Kompanien, gefördert von modul-dance: A Gesture That Is Nothing But A Threat von Sofia Dias & Vitor Roriz  (14.+15.2.) und Cold Blood von Julia Cima (21.+22.2.).

Auch im März und April geht der bewährte Mix aus internationalen Gastspielen und Uraufführungen lokaler KünstlerInnen weiter. Den März eröffnet Thomas Jelinek mit einem performativen Diskurs-Labor (1.3.), Eugénie Rebetez zeigt Encore (7.+8.3.), danach „de-illusionieren“ Dominik Grünbühel & Luke Baio ihr Publikum in der Halle G (14.+15.3.) und der „Schauspielrenegat“ Laurent Chétouane zeigt seine aktuelle Arbeit 15 Variationen über das Offene (21.+22.3.). Der Zeitraum von 26. bis 29. März ist für eine neue Ausgabe unserer Programmverdichtung Scores reserviert. Der April startet mit einem Highlight der besonderen Art: wieder einmal konnte der Weltklasse-Choreograf William Forsythe  für ein Gastspiel im Tanzquartier Wien gewonnen werden (4.+5.4. / TQW / Halle E). In dem Stück Yes We Can’t setzen sich die Tänzer und Tänzerinnen in gewohnt präziser und virtuoser Art und Weise mit der Möglichkeit des Scheiterns auseinander, frei nach Becketts „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“. Danach gibt es mit Claudia Bosse / theatercombinat (10.-13.4.)  und The Loose Collective (23.,25.+.26.4.) noch spannende Uraufführungen lokaler KünstlerInnen.

www.tqw.at

Wien, 29. 1. 2014

Interview Jan Bosse

Februar 8, 2013 in Bühne

18.04.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/

„Robinson Crusoe“ kommt ins Burgtheater

Regisseur Jan Bosse macht das Burgtheater zur einsamen Insel. Er inszeniert Daniel Dafoes’ Roman „Robinson Crusoe“. Premiere ist am 20. April.

Es begann mit einer Idee von Burgschauspieler Joachim Meyerhoff. Der folgten der Kauf und das Lesen des Originalromans und euphorische Telefonate. Weil Regisseur Jan Bosse „sofort drauf angesprungen“ ist, aus Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ einen Theaterabend zu machen. „Für mich“, sagt Bosse, „ist Robinson eine archaische, archetypische, eine mythische Figur, die allerdings in einer Linie durch den Kinderbuchbereich bekannt ist.“

Eine Abenteurerstory. In Wahrheit aber nur ein Teil des Ganzen. Schon knapp nach Erscheinen des Buchs im Jahr 1719 hat man den Klassiker darauf reduziert.

Rest der Welt

„Das Original ist ein Roman, der mit Kolonialisierung, Sklavenhandel, dem Beginn der Globalisierung, der Haltung der Europäer gegen den Rest der Welt, zu tun hat. Dem Anfang des ganzen Wahnsinns an dessen Höhe- oder Scheitelpunkt wir gerade stehen“, so Bosse. So will er’s auch inszenieren: „Robinson heute muss mit uns zu tun haben, sonst ist es nur eine ferne, exotische Geschichte.“

Meyerhoff, Bosse seit vielen Projekten ein kongenialer Partner und nun auch als erfolgreicher Autor geoutet, wurde gleich zum Schreiben der Textfassung „vergattert“. So ein Talent muss man doch ausnutzen!

Erstaunlich findet es Bosse, wie sich der Blick auf den Gestrandeten gewandelt hat. Was bei Defoe noch Erbauungsliteratur, Läuterungsroman, ja fast religiöser Erkenntnisroman, war, wirkt heute über weite Strecken unsympathisch. Robinson Crusoe – der selbst am Nullpunkt angekommen nur zivilisieren, christianisieren will.

Herrenmenschentum

„Er sieht sich sofort als ,König“ und in der Natur nur das Material, das ihm für seine Zwecke dient. Er gründet das Königreich mit drei Buchstaben: ICH. Das ist der Kern dessen, was wir erzählen: Nicht den Überlebenskampf, sondern wie er das arrogante Herrenmenschentum durchexerziert. Unfassbar, wie er aus seiner europäischen Sicht, meint, er hätte den Schlüssel zum Funktionieren der Welt gefunden, und der sogenannte Wilde müsse das nun auch kapieren.“

Der Wilde, Freitag, ist aber Ignaz Kirchner, „also kein schwacher Gegner“, lacht Bosse. „Wobei Kirchner zu Beginn auch Crusoes Vater spielt, der ihn vor der Reise warnt, ihm sagt: Du wirst der einsamste Mensch der Welt werden. Dann schwärzt er sich das Gesicht und ist Freitag. Er lässt den Sohn mit seinem Fluch nicht in Ruhe. Ein toller Bogen: Ein weißer, alter Schauspieler, der sich anmalt, und das spielt, was der andere von ihm verlangt: den Kannibalen.“

Überkorrekt

Keine Angst vor den politisch Überkorrekten?
„Political Correctness und Kunst, das geht nicht zusammen. Man muss mit großem Bewusstsein an so einen Abend rangehen, aber man muss ran dürfen. Und der Umgang mit dem Klischee muss halt sehr offensiv sein. Ich hoffe, dass sich zwischen Meyerhoff und Kirchner ein Spiel à la Beckett oder Marx Brothers entwickelt. Da liegt die Latte natürlich hoch.“

Apropos, hochliegende Latte: Zu Bosses „Lulu“-Inszenierung, die vergangenen April wegen des Ausstiegs von Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr aufgeschoben, aber nicht aufgehoben wurde, gibt es immer noch keine konkreten Pläne.

Fast so oft gelesen wie die Bibel

Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe erschien 1719 und gilt als einer der ersten englischen Romane. Es ist eines der Bücher, das nach der Bibel und dem Koran zu den meistgedruckten der Welt zählen soll.

Außer der bekannten Robinsonade gibt es im Original unter anderem eine Nordafrika-Episode, in der Crusoe von Piraten überfallen wird, und ein Brasilien-Kapitel, wo er mit Sklavenarbeit eine Zuckerplantage aufbaut. Auf „seine“ Insel kehrt Robinson am Ende noch einmal zurück – mit neuen Siedlern.

Bosse hat den Theater-Abend gemeinsam mit seinen Schauspielern Joachim Meyerhoff, Ignaz Kirchner und Dramaturgin Gabriella Bussacker erarbeitet. Er trägt den Untertitel „Projekt einer Insel“. Premiere ist am 20. April.

Ein Inselmann

Februar 8, 2013 in Bühne

Veranstalten ein Hochkulturtrara im Tempel für höhere Künste: „Robinson“ Joachim Meyerhoff und sein „Freitag“ Ignaz Kirchner (li.).
21.04.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/6

„Robinson Crusoe“: Bosse macht Burg zur Insel

Regisseur Jan Bosse hat Defoes Roman „Robinson Crusoe“ als Bühnenstück adaptiert. Ein satirisches Spiel mit und ums Theater.

Bundestheaterboss Georg Springer saß ein paar Reihen weiter vorne. Schade. So war nämlich seine Miene nicht zu sehen, als Joachim Meyerhoff vor aller Augen genüsslich das Parkett des Burgtheaters zerlegte. Stuhllehnen abriss, um sich Waffen daraus zu basteln, Sesselbezüge und Logenvorhänge zu Lendenschurzen umfunktionierte, Geländer und Türen zum Foyer aushängte, um daraus sein Fort zu bauen – und schließlich den Teppichboden rausriss. Man braucht ja ein Dach über dem Kopf. „Alles meins“, wird dieser Robinson später zu Freitag sagen. „Ich habe aus der Wildnis einen Hochkulturtempel gemacht.“ – „Hochkulturtrara“, wird der die ihm fremden Laute nachäffen.

Regisseur Jan Bosse hat mit Joachim Meyerhoff und Ignaz Kirchner an der Burg das „Projekt einer Insel“ erarbeitet. Sein „Robinson Crusoe“, frei nach Daniel Defoes 1719 erschienenen Bestseller, ist ein Theaterspiel in mehr als einer Bedeutung des Wortes. Weil das Theater mitspielt, sitzt das Publikum auf der Bühnenseite; jenseits des Mittelgangs und im ersten Rang spielt sich das Schiffbrüchigen-Drama ab. Wobei: So viel Drama ist es nicht. Meyerhoff, über weite Strecken für den Text verantwortlich, mehr als 24 Jahre allein „auf der Insel“ agierend, geht an Robinson mit dem ihm eigenen Humor heran.

Klamauk-Kolonialismus

Rüttelt am Klischee, das die Figur zur Karikatur machte, wenn er, ausgestattet mit Ziegenfellhose, Hasenhut und Weidenkorb, sagt: „Jetzt sehe ich endlich aus, wie ich mir mich immer vorgestellt habe.“ Bei allem Klamauk vergisst er aber nie die Geschichte unter der Defoe’schen Oberfläche zu erzählen: In der geht es um Kolonialismus, Herrenmenschentum, Sklaventreiberei, die Welteroberung durch die „Weißen“ (da wird eine Wandleuchte zu Inselkönig Robinsons Krone). Um Defoes britisch-puritanische Schaffe-Schaffe-Häusle-baue-Mentalität.

Welch schöne Idee auch, dass Kirchner Robinson erst als sein Vater mit einem Fluch belegt – „Auf dieser Reise wirst du der einsamste Mensch auf Erden werden“. Und sich dann vor den Zuschauern zum „wilden“ Freitag schminkt, um dessen Einlösung beizuwohnen. Robinson sieht in Freitag nie den Partner, nur den Butler. Den er Sitze „entstauben“ lässt. Der rächt sich mit dem Machtmittel der Untergebenen: Subversion. Großartige verbale Kämpfe zwischen Meyerhoff und Kirchner finden da statt. Denn natürlich muss der Kulturlose die wichtigsten Sätze lernen, die ein Theaterkenner braucht: „Ach, nein, schon wieder sitzt so ein Großer vor mir.“ Und: „Hat das eine Pause?“