Volkstheater: Klein Zaches – Operation Zinnober

Februar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

E.T.A. Hoffmanns Politparabel als Gute-Laune-Grusical

Ein großartiger Klein Zaches: Gábor Biedermann, privat 1,87 Meter, spielt auf der Bühne den Zwerg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Jahr 1819 schrieb E.T.A. Hoffmann sein Kunstmärchen vom Klein Zaches. Darin erklimmt ein körperlich wie geistig Verwachsener die Karriereleiter in einem Kleinstaat, indem er anderer Leistungen schlichtweg annektiert. Sein Erfolgsrezept lautet Frechheit, Fake und alternative Fakten. Je höher er steigt, desto mehr wird er brachialer Machtmensch, jede Pose eine Bedrohung, und doch von den abgesägten Honoratioren heftig beklatscht.

Die die Politiker mit Blindheit schlug, ist die Fee Rosabelverde. Sie und ihresgleichen wurden vom Großfürst nämlich aus dem Reich gejagt; der Herrscher setzt neuerdings auf abendländische Aufklärung statt auf das Wirken der Wesen aus dem von bösen Dschinns zerstörten Dschinnistan. Das Asylrecht gilt nicht mehr; Rosabelverde sinnt auf Rache – und platziert im Staat einen Schläfer. In zwanzig Jahren solle er wie eine Bombe platzen, dieser Klein Zaches, dem sie rote Zauberhaare gibt und ihn Zinnober nennt. Der Trug gelingt, nun hält ihn jeder für schön und klug …

Entsprungen ist diese pechschwarze Fantasie aus Hoffmanns Abscheu der Restauration, Spekulationen über Vorbilder für die Figuren gibt’s seit der Entstehungszeit. Erschreckend ist die Aktualität der Erzählung; auch heute findet man Ähnlichkeit mit lebenden Volksverdrehern und deren untoten Parolen, es existieren genug, die nur Zinnober reden. Fürs Volkstheater hat nun also der ungarische Autor Péter Kárpáti aus der literarischen Vorlage ein Theaterstück gemacht, auf Vorschlag von Landsmann Victor Bodo, der „Klein Zaches – Operation Zinnober“ zur Uraufführung brachte. Eine Idee, die so logisch wie reizvoll wie gefährlich war, zumal von zwei Theatermachern, die aus dem Orbán-System kommen. Doch siehe da: Wunder finden statt.

Die Staatsspitze wird im Waschzuber weichgekocht: Gábor Biedermann, Thomas Frank, Jan Thümer und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Volk auf Talfahrt: Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Claudia Sabitzer und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kárpáti und Bodo haben auf Zeigefinger wie Zaunpfahl verzichtet, nur einmal gibt es Elendsgestalten hinter Maschendraht; sie brauchen keine plumpen Annäherungsversuche ans Heute, um ihren Abend ebenda zu verorten. Bodo setzt ganz auf Märchen, seine Inszenierung ist ein Gute-Laune-Grusical, bitter, böse, provokant. Alles dreht sich, alles bewegt sich in diesem Kuriositätenkabinett, Kleider qualmen vor Wut, Köpfe rauchen unter der „Durchleuchtung Typ F“-Folter. Menschen werden zu Ratten und als solche erschlagen. Dazu gibt’s Live-Musik unter der Leitung von Klaus von Heydenaber und Live-Kamera von Pablo Leiva.

Hoffmann wird nicht durchdekliniert, Bodo hat lieber frei assoziativ gearbeitet, da kann man schon einmal den Überblick verlieren, da hört man ab und an im Publikum einen Geduldsfaden reißen, wenn sich auf der Bühne der narrative verliert. Kurz, die Aufführung dient der Aufklärung nicht, macht aber Spaß. Bodo hat in der Minute mehr Einfälle, als andere in einem ganzen Regieleben, und das aufgekratzt agierende Ensemble setzt sich in seinen vor Absurditäten strotzenden Albtraumbilder astrein in Szene.

Die Arbeit, die es hier leistet, ist Körperarbeit. Es wird geturnt, getanzt, gefochten, das alles auch in Zeitlupe – und in einem der schönsten Momente sogar die Schwerkraft ausgetrickst. Dazu gilt es das Bühnenmobiliar von Lörinc Boros zu bewegen, Auto, Waschzuber, Gewächshaus, selbst die Wände, ein Darsteller macht den hoppelnden Hasen, ein anderer mit drei Palmwedeln den Wald. Es ist der große Reiz dieser Inszenierung, dass das Publikum das Entstehen des Theaterzaubers wie ein Working in Progress mitverfolgen kann. Die Kamera zoomt noch den kleinsten Schweißtropfen, Stirnrunzeln, ein Verziehen der Mundwinkel, ein angstvoller Seitenblick, hingeworfen auf die Leinwand, dazu „Special Effects“, etwa, wenn bewusstseinsverändernde Substanzen eingenommen und Gesichter rot und blau werden. Ein Höhepunkt des Abends ist ein Zauberduell, als wären Merlin und Mim neuerdings in der „Matrix“.

Ihr Name war nicht Olympia: Aus Candida wird eine gespenstische Maschinenbraut für Zinnober – Evi Kehrstephan und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der geheimnisvolle Egon mit den Studenten Balthasar und Fabian: Günter Franzmeier mit Hirschkopf, Christoph Rothenbuchner und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann gibt den Zaches/Zinnober. Der 1,87-Meter-Mann verzwergt sich allein durch Mimik und Gestik, das ist große Kunst, wie er aus dem unflätigen Unhold einen ordinären Aufsteiger macht, die Schläge, die er bisher fürchtete nun selber austeilend. Das Triumvirat aus Staatssekretärin (Claudia Sabitzer), Minister (Thomas Frank) und Großfürst (Jan Thümer) ist rasch aufgerollt, einen Widerpart immerhin findet Zinnober im Studenten Balthasar, den Christoph Rothenbuchner als sich ständig selbst über den Haufen werfenden, verzweifelt Liebenden spielt. Das Objekt – im Wortsinn – seiner Hingabe ist Candida, die von ihrem Vater in einen Automaten verwandelt wurde. Evi Kehrstephan spielt mit weißen Horroraugen die Gespensterbaut, Stefan Suske den zwielichtigen Wissenschaftler. Spuk verbreitet auch Anja Herden als Fee Rosabelverde, die Menschen meist von der Leinwand aus überwachend, eine übergroße Big Mother – zum Fürchten, wenn sie Gift und Galle speit. Luka Vlatkovic spielt Balthasars Gefährten Fabian.

Und dann ist da noch Günter Franzmeier als Egon. Angetan wie ein postkommunistischer Hausmeister schlurft er über die Bühne, und doch ist klar, dass er ein Geheimnis birgt. Er kann nämlich nicht nur E-Gitarre spielen, wie schön, dass man den Franzmeier endlich wieder einmal lässt!, sondern auch die Erde kippen. Und Offenbach singen. Am Ende gibt’s einen Attentatsversuch mit Schere und viel Applaus für Schauspieler und Leading Team; ein Extradank ging an die Bühnenarbeiter, die hier Enormes leisten.

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Wien, 13. 2. 2017

Volkstheater: Iwanow

März 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Victor Bodó bringt das Ensemble in Bestform

Jan Thümer und Stefanie Reinsperger Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Jan Thümer und Stefanie Reinsperger
Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Die ganze Aufführung beherrscht die Langeweile. Als Leitthema. Die Langeweile auf dem Land. Und die Gier nach Geld. Die Menschen tun alles, um die eine loszuwerden und das andere zu gewinnen. Die Liebe stirbt irgendwo auf diesem Weg von A nach B. Die Menschen scheitern. Was sie langweilt. Und ihnen dabei zuzusehen, ist ein drei Stunden kurzweiliger, spannender Theaterabend.

Victor Bodó, von Anna Badora in Graz für Österreich entdeckt, gab nun unter ihrer Intendanz am Volkstheater sein Wien-Debüt als Regisseur. Mit Tschechows „Iwanow“. Der ungarische Theatermacher, bekannt als Chef der Szputnyik Shipping Company, einer freien Gruppe, die sich 2015 auflöste, setzt deshalb diesmal ganz auf die Kräfte des Hauses. Und er bringt das Ensemble im Bestform.

Gespielt wird präzise und klar und perfekt getimt, jede Geste sitzt, wie jeder Witz, denn Bodó hat Tschechow nicht spaßbefreit, und dient der Charakterisierung einer Rolle. Bodós fein psychologisierte Figurenführung macht aus dem typisch russischen Personal – vom anständigen Arzt bis zur nervigen Nachbarin, vom verarmten Adeligen bis zum brutalen Proletarier – eine moderne Schmarotzer- und auf der Suche nach ebendiesem ermüdete Spaßgesellschaft. Alles, bis hin zum Bühnenbild von Lőrinc Boros und den Kostümen von Fruzsina Nagy, wirkt wie dem real existierenden Sozialismus entlaufen, die „lus­tigste Baracke”, um den aktuellen magyarischen Staatschef zu zitieren.

In dieser gestalten die Schauspieler zum Glück nicht, wie letzthin öfters zu sehen post-, in diesem Fall gulaschkommunistische, fideszle Knallchargen, sondern Geschöpfe aus Fleisch und Blut. Das Leben bricht sich Bahn, mit seiner Lust und seinen Leiden, und das wird so markant dargestellt, dass einem mitten in Jux und Tollerei der Atem stockt. Ecce homo. Vor allem Stefanie Reinsperger rührt als sterbenskranke Anna Petrowna, wie sie sich mit beklemmender Wahrhaftigkeit ans Dasein klammert, Iwanows verzweifelt liebende Ehefrau, die früh verblühen muss und ihn am Ende abholen wird. Dies ein schönes Schlussbild, aber davor das vor Schmerzen halb wahnsinnige, wenn sie die gegen die Tuberkulose verordnete Eiswasserkur über sich ergehen lassen muss.

Bei Bodó scheint Iwanow nicht von einem Allerweltsennui befallen. Sein Virus ist sein Umfeld, alle, die an ihm zurren und zerren; nun ist der Idealist erschöpft, am eigenen Enthusiasmus zum Egoisten ermattet. Jan Thümer spielt das mit bis zum Zerreißen gespannten Leib, spielt einen Pedanten und Spielverderber, jähzornig und gemein, dann wieder verdrossen und überbesorgt. Mag sein, sagt da einer, dass ich in den vergangenen Jahren ein, zweimal falsch abgebogen bin, aber deshalb musste das Schicksal doch nicht gleich seinen ganzen Schmutzkübel über mir ausleeren. Thümers Iwanow ist keiner, dem alles wurscht ist, sondern einer dem im Gegenteil alles zu nahe geht. Im Bühne-Interview sagte Bodó, dass er mit dem Stück seine „letzten sieben Jahre erzählen“ möchte, und das ist eigentlich mehr Information, als man im Zusammenhang aushält. „Sieh die Dinge, wie alle sie sehen“, rät ihm Günter Franzmeier als verlebter Lebemann Lebedew zur Konformität. Aber Freigeister sind schwer zu fangen, sie tun’s nur in ihren eigenen Fallstricken. Nadine Quittner mit ihrer Sehnsuchtsstimme versucht ihn als Sascha zu retten. Das Ergebnis ist bekannt: „Die Hochzeit wird nicht stattfinden.“

„Bei eurem Anblick sterben Fliegen qualvoll“, beschwert sich Sascha über die der Fadesse erlegenen Verwandtschaft. Die antwortet mit hypernervösem Hin- und Hergerenne als sei’s ein Heilmittel gegen den Stillstand. Bodó befüllt seinen großen Bildbogen, die abgehauste Puppenstube mit Bad, mit tausend Gags und Gimmicks. Er entfaltet ein brillantes Spiel mit allen möglichen fantastisch-absurden Theatermitteln. Ein unsichtbares Insekt wird gejagt, ein Ventilator explodiert unpassender Weise auf dem Höhepunkt der Dramatik, auf dem Plattenteller dreht sich Koks, die Wanduhr misst mit ihrem Minutenzeiger den Sekundentakt, eine Bank bricht unter einem schwergewichtigen Schauspieler zusammen, falsche Zähne landen im falschen, weil streng genommen jemandes Trinkglas, das alles wie beiläufig, auch der Beischlaf. Dazu wird stammtischpolitisiert, das Kapital diskutiert und der übliche Alltagsantisemitismus – Anna Petrowna ist Jüdin – ausgebreitet. Jeder kommt hier zu seinem Kabinettstückchen und deren Königin ist Martina Spitzer als vom Alterszittern geschüttelte Nasarowna. Sie ist Taschendiebin und Stoßspielerin und hält mit ihren Boshaftigkeiten die Gerüchteküche am Brodeln. Bodó inszeniert alle und alles. Selbst der Klavierspieler bekommt seinen Part. Als heimlicher Verehrer Saschas.

Mit großer Spiellaune gewinnt das Ensemble seinen Figuren immer wieder neue Nuancen ab. Steffi Krautz ist als Lebedews Frau eine „geizige Henne“, die Tränen um verlorene Zinsen vergießt, schließlich aber gottvoll in einer Art Nonnentracht doch um die Tochter. Claudia Sabitzer gibt die geschwätzige Gutsbesitzerin Babakina als eine unter deren enervierendem Verhalten ein gutes Herz schlägt. Dass ihr das gebrochen wird, hat sie wirklich nicht verdient. Gábor Biedermann erstickt als Arzt Lwow fasst an seiner Ehrenhaftigkeit, er ist rechtschaffen bis zum Kotzen, bringt sozusagen den Stecken nicht aus dem A**llerwertesten, aber rafft sich dann zur Großtat auf: Selbstverbrennung im Andenken an Anna. Was natürlich nicht stattfinden kann, weil der einzige Alkohol, der hier fließt, Wodka sein muss. Stefan Suske, Günter Franzmeier und Thomas Frank sind diesbezüglich das Trio infernal und testen im Alte-Kameraden-Modus unzählige Stadien von Trunkenheit aus. Auch Suske als gräflicher Onkel ist mehr als ein Parasit im Haushalt, auch er eine gebrochene Seele, die sich ans Gattinnengrab nach Paris sehnt. Frank kann als Gutsverwalter Borkin einmal mehr sein Komödiantentum präsentieren, er ist der Spielmacher, nicht nur der derbe, dumpfe Arbeiterklassler, sondern ein Krisengewinnler.

Am Ende bricht Bodó mit dem alten Theatergesetz, dass wo eine Waffe ist, geschossen wird. Zwar wird von Anfang an mit einer hantiert, aber nein. Zum Hörsturz-Herzinfarkt-Sound bleibt Iwanow einfach so stehen, in sich zusammen gesunken, „Menschen wie Iwanow lösen keine Fragen, sie brechen unter der Last zusammen“, sagte Tschechow einst über seinen Titel-Antihelden, während sich die Welt um ihn weiter dreht. Der nackte Mensch. Den zeigte Jan Thümer schon vorher. Wie gesagt: Ecce homo.

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Wien, 19. 3. 2016