Volkstheater: Die Physiker

November 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genie getarnt als Wahnsinn

Rainer Frieb, Thomas Kamper, Erich Schleyer Bild: © Christoph Sebastian

Rainer Frieb, Thomas Kamper, Erich Schleyer
Bild: © Christoph Sebastian

Es ist eine Schande. Dass Elias Perrig so lange brauchte, um seinen ersten Dürrenmatt zu inszenieren. Es ist ein Glück. Dass er damit ausgerechnet am Volkstheater begonnen hat. Die Eidgenossen verstehen einander augenscheinlich prächtig. Denn da hat es einer gewagt, dem Schweizer Nationalheiligtum das Pathos, das hohe Lied, das „Intellektuelle“ runterzuräumen, den Dichterfürsten vom Olympier-Sockel zu stoßen – und auf ein Zirkuspodest zu stellen. Großartig! Und das alles, ohne Friedrich den Großen auch nur eine Sekunde zu „verraten“. „Die Physiker“ – er selbst nannte sein Werk eine Komödie. Perrig nutzt das genussvoll und zum Vergnügen des Publikums aus und versteht es trotzdem, nicht den Text detailtreu darzustellen (beziehungsweise darstellen zu lassen), sondern das wirklich Wichtige. Das zwischen den Zeilen steht. Bühnenbildner Wolf Gutjahr – die passenden Kostüme sind von Katharina Weissenborn – hat auf wunderbare Weise auf alles Sanatoriumsweiße verzichtet; er hat die Bühne mit einer Reproduktion von Rudolf Ritter von Alts „Das Atelier vor der Versteigerung“ tapeziert, setzt also auf Hans-Makart-Opulenz, und eine Unzahl plüschiger Sitzgelegenheiten. Die zur Nervenheilanstalt umfunktionierte Villa des Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd ist damit fertig. Für die Krimisatire, die Mordstravestie, die Spionagegroteske, die da kommen mag. Für das Vorgeben, die Unwahrheiten, die Lügen, die Geheimnisse, den Schrecken.

Nun ist diese Rezension natürlich eine Hommage an Grande Dame Vera Borek. Keine spielt Dürrenmatt wie sie. Die Borek-Stimme, sie ist unverkennbar und sollte als solche in die Bücher eingehen. Wie ihre „buckelige, alte Jungfer“ Zahnd lakonisch und mit staubtrockenem Humor auf die Strangulierung ihrer Krankenschwestern reagiert, gleich darauf in gespenstisches Gekicher verfällt, das ist schon große Kunst. Irr-Witz. Da ahnen selbst die Unbedarften, welch Ungeheuer sich da noch aufblähen wird, die Kapitalismushexe, die längst die Fäden zieht, längst ausgewertet hat, was es auszuwerten gab – und mit ihrem neu gegründeten Konzern nun die Ländern, ja selbst das Universum ausbeuten will. Genie und Wahnsinn sind Geschwister. Manchmal Kinder, an deren Entwicklungen man Freude haben kann, manchmal garstige Teufel, zuständig für die menschheitliche Höllenfahrt. Nur wenige große Geister waren in der Zeitgeschichte in der Lage zwischen dem Gut und Böse ihrer Erfindungen, ihrer Entdeckungen zu unterscheiden. Und unwillkürlich fällt einem während des Spiels ein, wie enttäuscht Einstein – vermutlich auch, weil er im Stück noch vorkommen wird – in Princeton war, dass so viele Wissenschaftler, die er vor der Phrenesie des Dritten Reichs in die USA retten konnte, sich dem Manhattan-Projekt  anschlossen.

Dürrenmatts Protagonist, der Physiker Johann Wilhelm Möbius, hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er hat die „Weltformel“ entwickelt und das verheerende Resultat ihrer Nutzbarmachung erkannt. Eingedenk der Folgen ließ er sich folglich einweisen, mimt den von König Salomo Heimgesuchten, hofft, dass zumindest im Irrenhaus die Gedanken frei sind, und bedenkt nicht, dass die Zahnd einen Kopierer hat. Thomas Kamper ist fabelhaft als Normaler unter den „Narren“, als vernunftbegabter Mensch, den die Seelenqual schier um den Verstand bringt. Der vor der Wirklichkeit nicht kapituliert, sondern, wie er glaubt, ihr sein Wissen genommen hat. Ihm zur Seite stehen die Patienten Beutler (Erich Schleyer), der sich für Newton hält, und Ernesti alias „Einstein“ (Rainer Frieb). Die tatsächlich ebenfalls nicht krank, sondern Physiker (Um nicht aufzufliegen, nahmen die drei selbst die Tötung der Pflegerinnen in Kauf. Das Schweigen der Schwestern.), das heißt: Geheimdienstler feindlicher Nationen sind, die Möbius, den größten Kopf aller Zeiten, dieses „Allgemeingut“ für die Gemeinschaft, auf ihre Seite ziehen wollen. Ihm sogar den Nobelpreis – man kennt die Geschichte seiner Erschaffung – verschaffen wollen. „Ob die Menschheit den Weg zu gehen versteht, den wir ihr anbieten, ist ihre Sache“, so ihr Credo.

Bis es dahin kommt, gibt es eine Menge zu Lachen. Erich Schleyer ist als Sir Isaac mit langlockiger Perücke und spitzenmanschettigem Hausmantel zum Niederknien. Wie er auf seinen drei Grundgesetzen der Bewegung herumreitet, so macht es Rainer Frieb mit der Relativitätstheorie – die Newtons Überlegungen zur Mechanik übrigens als Spezialfall enttarnte. Frieb ist entzückend mit wallendem Haar und Schnauzer, mehr Tschapperl als Weiberer, wie’s der wahre war, sich an der Geige (Beethovens „Kreutzersonate“, deren gefidelter Versuch die anderen schon aufjaulen lässt) abmühend – worüber er sich noch ausführlich beschweren wird. Mit einem dann doch nicht ausgeführten Pistolenduell legen die beiden ein Kabinettstück hin. Unterstützt wird das Forschertrio unter anderem von „Oberschwester“ Claudia Sabitzer und „Kriminalinspektor“ Thomas Bauer, der sich einen Kojaklolli in Grün zugelegt hat.

Am Schluss gewinnt die Zahnd. Die Opulenz ist mit ein paar Handgriffen abgeräumt. Newton, Einstein und Möbius verschwinden in einer Holzkiste. Eine Botschaft von Elias Perrig. Am Ende jedes Sieges steht da immer für jemanden ein Sarg.

www.mottingers-meinung.at/elias-perrig-im-gespraech/

www.volkstheater.at

Wien, 15. 11. 2014

Vera Borek spielt im KosmosTheater

Februar 26, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Herzschritt“ in der Regie von Babett Arens

Bild: Bettina Frenzel

Bild: Bettina Frenzel

Am 5. März hat im KosmosTheater die Österreichische Erstaufführung von Jan Neumanns „Herzschritt“ Premiere. Es inszeniert Babett Arens, es spielen Susanne Altschul, Vera Borek, Katrin Stuflesser und Wolfgang Lesky. Der Inhalt: 12 Monate im Leben von Ursula. Sie ist 60, kinderlos, partnerlos und schon nach dem dritten Monat auch noch arbeitslos. Zudem sitzt ihr ständig ihre 80-jährige Mutter im Nacken. Mami möchte mit ihr gemeinsam kochen, mit ihr auf Urlaub fahren und eigentlich am liebsten gleich ganz bei ihr einziehen. Sogar Ursulas Träume unterbricht sie durch penetrante Anrufe mitten in der Nacht. Ursula träumt gerne von ihrem Traummann: dem ewigjungen Bäcker Harald, Schwarm ihrer Jugend. Harald kann aber je nach Bedarf auch Ritter, Matrose, Klempner, Feuerwehrmann oder Krimineller sein. Ursulas einzige Bekannte, ihre Arbeitskollegin Sabine, Mitte vierzig, hat zwar Kind, Partner und Arbeit – ist aber trotzdem nicht viel glücklicher. Ihr Mann erscheint als selbstgefälliger Ignorant und das Kind verhaltensauffällig und faul – es meidet frische Luft und verpasst sich und ihrer Puppe einen Hitlerbart. Als die Mutter stirbt, beschließt Ursula, ihr Leben neu zu definieren; auch Harald, der Traummann, muss Haare lassen. Er soll altern und die gemeinsame Erotik soll sich in gemütliche, platonische Zweisamkeit am Kaminfeuer verwandeln. Aber Harald funktioniert nur als junger, strahlender Held – für einen alten Mann am Kamin braucht man keine Phantasie! Also lernt sie in der realen Welt über ein Inserat Herrn Schering kennen, einen Witwer in ihrem Alter, der vor allem Maria Callas verehrt. Da der Beziehung kein langes Dasein beschieden ist, muss Harald, der Traummann, wieder herhalten. Aber dieser weiß nicht mehr, wozu er noch gut sein soll. Ursula verlangt Dinge von ihm, die er nicht erfüllen will und kann. Sie gibt ihm und sich den Gnadenstoß, indem sie sich ein Messer phantasiert und ihn damit ermordet. Die 12 Monate sind um – das neue Jahr kann beginnen.

 Jan Neumann hat an den Anfang seines Stückes ein Haiku von Chiyo-ni gesetzt: Nicht nur dieser lässt die – trotz seiner teilweise fast kabarettistisch anmutenden Erzählweise – triste Geschichte von Ursula auch in einem ganz anderen, großzügigeren, philosophischeren Zusammenhang erscheinen. Darauf beziehen sich die 13 hörbaren Haikus dieser Produktion: Jeweils drei kurze Zeilen, welche über der vermeintlichen Schwere des Daseins mit ihrer wunderbaren Leichtigkeit schweben sollen.

Zum Autor:  Jan Neumann, geboren 1975 in München, Schauspielausbildung an der Bayerischen Theaterakademie August Everding / Musikhochschule München. Es folgten Engagements am Bayerischen Staatschauspiel München und im Schauspiel Frankfurt am Main. Seit 2006 freischaffender Autor, Regisseur und Schauspieler. In der Spielzeit 2008/09 Hausautor am Nationaltheater Mannheim, seit Herbst 2013 Hausregisseur am Nationaltheater Weimar. Erhielt 2011 den Förderpreis „Komische Literatur“ der Stiftung Brückner-Kühner, Kassel, 2011. Schrieb zahlreiche Theaterstücke, zuletzt 2012 „Im Augenblick das Chaos“ (UA 07. Dezember 2012, Staatstheater Stuttgart).

www.kosmostheater.at

Wien, 26. 2. 2014

Karl Valentin ist wieder da

Februar 8, 2013 in Bühne

„Sehr geehrter Zuschauerraum“ mit Vera Borek, Julia Cencig, Florentin Groll, Sylvia Haider, Gabriele Schuchter.
09.03.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/7

Karl Valentin hat Krach mit seinen Frauen

Am Weltfrauentag hatte im Wiener Kosmos Theater „Sehr geehrter Zuschauerraum“ Premiere.

Mit einer passenden Premiere beging das Wiener Kosmos Theater den Welttag der Frau am 8. März. In „Sehr geehrter Zuschauerraum“ geht es nämlich auch um Karl Valentin. Aber eigentlich darum, was Liesl Karlstadt und seine anderen Frauenzimmer, mit „dem Weiberer, dem ausg’schamten“, dem Narren, in den sie sich alle vernarrten, mitmachten.
Burgschauspielerin Elisabeth Augustin hat den Abend, der Biografisches und Sketche verbindet, gestaltet. Und zwar ausschließlich aus Karl Valentins Texten. „Der Firmling“, „Die Orchesterprobe“ und die Diskussion um die „Semmelnknödeln“ sind Teil des Programms.
Aber ebenso seine vom Sterben der Geschwister überschattete Kindheit, sein Pendeln zwischen Ehefrau und Geliebten und sein sich Zu-Tode-Frieren in einer Theatergarderobe.
Spielerisch und gesanglich glänzen Florentin Groll als Valentin, Vera Borek als seine Mutter, Sylvia Haider als ungeliebte Gattin und Julia Cencig als „Pantscherl“. Gabriele Schuchter ist als Liesl Karlstadt das Zentrum des Abends. Zu sehen bis 24. 3.