Art Carnuntum: Das London Globe Theatre kehrt zurück

Januar 14, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Und das Publikum wählt diesmal das Stück aus

Die neue künstlerische Leiterin Michelle Terry geht wieder auf Tour, so kommt das Globe Theatre aus London auch nach Österreich. Bild: Sarah Lee

Dieser Tage gab Shakespeare’s Globe Theater in London das diesjährige Programm unter der neuen künstlerischen Leitung von Michelle Terry bekannt. Sie bringt das Globe im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf Tour. Und dies gleich mit drei Stücken, interpretiert von einem spielfreudigen Ensemble großartiger Schauspieler unter der Regie von Brendan O’Hea.

Nach einer Pause im Vorjahr kommt das Theater auch wieder exklusiv für Österreich zu Art Carnuntum – und zwar mit “Der Kaufmann von Venedig”, “Der widerspenstigen Zähmung” und „Was ihr wollt“ (“Twelfth Night”), die vom 29. Juni bis 1. Juli zu sehen sein werden. „Was ihr wollt“ ist gleichzeitig das Motto der Dreifach-Produktion – so kann das Publikum mit einem Stimmzettel bei einer Matinee am Samstag selbst wählen, welches der möglichen Shakespeare-Stücke an diesem Nachmittag gespielt werden soll.

Two Gentlemen of Verona, 2016: Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Hamlet, 2016: Jennifer Leong: Ophelia verfällt dem Wahnsinn. Bild: Shakespeare’s Globe Theatre

„Art Carnuntum ist seit mehr als zehn Jahren – von Anbeginn an – Partner und ,Part of the Game‘ des erfolgreichen Konzeptes Shakespeare auf ursprüngliche Art einem heutigen Publikum näher zu bringen: Protagonisten sind die hervorragenden und vielseitigen Schauspieler. Und dies trifft sich auch mit dem Ziel von Art Carnuntum, das europäische Kulturerbe in ursprünglicher Form zeitgemäß zu beleben – von Aischylos über Sophokles, Euripides, Aristophanes und Plauto bis Shakespeare…“, so Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin.

Als sensationell kann die Resonanz der britischen und internationalen Presse bezeichnet werden. Bordin: „Die Idee das Publikum wie zu Shakespeares‘ Zeiten abstimmen zu lassen, welches Stück gezeigt werden soll, wurde sehr positiv aufgenommen – Kultur-Headlines gab’s unter anderem bei der Times und beim Guardian.

Das Programm: Freitag, 29. Juni: Der Kaufmann von Venedig, Samstag, 30. Juni: Der widerspenstigen Zähmung,  Sonntag, 1. Juli: Twelfth Night / Was ihr wollt, Matinee am Samstag: „Was das Publikum will”. Eine komplette Programmvorschau für Art Carnuntum 2018 folgt im Frühjahr.

www.artcarnuntum.at

14. 1. 2017

Art Carnuntum: The Summit/Der Gipfel

Juli 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein antiker G5 mit Gerald Gross als News-Anchorman

Geht auf in seiner Rolle: Gerald Gross als News-Moderator Gerald Gross. Bild: Art Carnuntum

Nach dem Blutbad in der Arena werden etwaigen Überlebenden die Wassermelonenköpfe zerstampft, dann die toten Körper entfernt. In Memoriam der Mensch- und Tieropfer, die hier auf grausamste Weise umkamen, wird eine byzantinische Hymne gespielt. Die Savaria Legio marschiert zum Schutz der Ehrengäste auf, Antonio Morillo Lopez kommt als berittener Bote und zeigt mit seinem Pferd auch gleich ein paar Reitkunststücke.

Schließlich fährt Gerald Gross im Ü-Wagen vor. Sein Kamerateam baut sich vor der Vidi-Wall auf, denn der Nachrichten-Anchorman wird von einem der wichtigsten Ereignisse der Antike berichten: der Kaiserkonferenz am 11. November 308 in Carnuntum, einer Zusammenkunft, die die damals bekannte Welt von Grund auf veränderte.

Wegen des großen Erfolges im Vorjahr zeigte Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin noch einmal das von ihm ausgeklügelte Spektakel „The Summit/Der Gipfel“. Nicht als Fiktion, sondern als Bericht will er sein „Gipfeltreffen am Originalschauplatz“ verstanden wissen, doch nach dem hochamüsierten Publikum zu schließen, ist ihm auch eine tadellose Komödie gelungen, deren Komik darin besteht, dass Politiker immer waren, wie sie sind.

Der historische Hintergrund: Kaiser Diokletian führte 293 im römischen Reich die Tetrarchie ein. Zwei Augusti – er selbst im Osten, sein Freund Maximian im Westen – sollten unterstützt von zwei Caesares, Constantius Chlorus und Galerius, regieren. Nach zehn Jahren sollten diese zu Augusti aufrücken, das heißt: jeder Politiker wäre 20 Jahre im Amt, zehn als Caesar, zehn als Augustus. Diese wunderbare Idee löste sich in Rauch auf, nachdem Diokletian und Maximian von ihren Ämtern zurückgetreten waren.

Zwar rückten Severus im Westen und Maximinus Daia im Osten als Caesares auf, doch als Diokletians Nachfolger als Augustus, Constantius Chlorus, verstarb, riefen dessen Truppen kurzerhand seinen Sohn Konstantin zum neuen Augustus und damit zum Severus-Konkurrenten aus. Maxentius, Sohn des ehemaligen Augustus Maximian, bunkerte sich in Rom ein. Und sozusagen am Spielfeldrand wartete Licinius, Kandidat des Galerius für die Nachfolge des Severus als Augustus des Westens, auf seine Chance. In solcher Situation berief Diokletian die Kaiserkonferenz von Carnuntum ein …

Diocletian (Erich Svoboda) steigt bodyguard-bewacht aus seinem Wagen. Bild: Art Carnuntum

Die Politiker grüßen das Volk, Gerald Gross wartet bereits auf ein Interview. Bild: Art Carnuntum

Diesen G5 hat Piero Bordin im römischen Amphitheater gewitzt nachgebaut – und optisch ins Heute verlegt. Die Kaiser fahren in großen Limousinen vor. Maximian (Leopold Böhm) gibt Gerald Gross, der sich vor dem Konferenzzelt um Interviews bemüht, die typisch nichtssagende Altpolitiker-Antwort. Galerius (Rudolf Karasek), der einflussreichste Senior-Kaiser, ist ein sleeker Teflonmann. Maximinus Daia (Grigore Bostan), Typ Funktionär, flüchtet sich in ein „Kein Kommentar!“.

Im Hubschrauber kommt schließlich Diocletian (Erich Svoboda) und fertigt Gross auf dessen Frage nach etwaigen wiedererwachten politischen Ambitionen mit einem Originalzitat ab: „Wenn Ihr die Kohlköpfe gesehen hättet, die wir in Salonae mit eigener Hand großziehen, würdet Ihr dies nicht für eine verlockende Alternative halten.“

Da muss Gross dann schon ein bisschen seufzen; es ist herrlich, wie der ehemalige ZiB-Moderator mit Humor und einem Hauch Selbstironie in seiner Rolle als „Gerald Gross“ aufgeht, vor dem erneuten Live-Einstieg noch schnell mit Puder das Gesicht mattiert.

Ein kurzes Gewitter ganz Vollprofi in seinen Beitrag einflicht – und natürlich auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert. „Manche Potentaten sehen in Interviews ein Verhör, alles schon erlebt auf diversen Konferenzen“, kommentiert er trocken, dass ihn die Kaiser kurz und knapp abgefertigt haben. Und spekuliert anhand des aufgetischten Caterings, dass dies „wohl ein Verhandlungsmarathon wird“.

Das alles ist so zeitlos modern, könnte ebenso gut ein Meeting der Brüsseler Spitzen oder ein Bussi-Bussi-Auftritt von Trump/Putin sein, die Parallelen sind gelegt, es ist wirklich zum Lachen. Nichts fehlt an diesem Abend. Weder die gemeinsame Altarenthüllung noch die Pose beim Gruppenfoto.

Umrahmt wird „The Summit/Der Gipfel“ von der Musik des 1.Frauen-Kammerorchesters von Österreich. Unter der Leitung von Kati Maróthy spielen die Damen Yannis Markopoulos – unter anderem sein „Malamatenia Logia“ – oder Joseph Haydns „Quinten-Quartett“. Der Vienna Symphonic Choir singt mit „Meditations“ als Parabase eine Komposition von Christopher J. Hoh für die „Kaiser von Carnuntum“.

Antonio Morillo Lopez kommt als berittener Bote zur Savaria Legio … Bild: Art Carnuntum

… und zeigt mit seinem Pferd in der Arena ein paar Reitkunststücke. Bild: Art Carnuntum

Dann plötzlich: Breaking News – die Ereignisse überschlagen sich. Außer Protokoll fährt ein Militärfahrzeug vor, ihm entsteigt ein Vier-Sterne-General. „Militärputsch?“, orakelt Gross. Nein, es ist der eilig herbeigerufene Licinius (Pavel Strasil). Wenn er sich das nächste Mal zeigt, wird er den Tarndrillich gegen einen dunklen Anzug getauscht haben, und man versteht, was das bedeutet:

Licinius wird im Westen des Reiches Augustus – ohne jemals Caesar gewesen zu sein. Ein weiterer Gewinner der Konferenz ist Konstantin. Er – Gross: „ein politisches Jungtalent mit übersteigerten Ambitionen“ – wird in seinen Augen allerdings „nur“ Caesar unter Licinius. Wie das endet, ist bekannt. Für den Osten wurden Galerius als Augustus und Maximinus Daia als Caesar bestätigt.

Im Epilog erklärt Gross, nunmehr bereits aus dem „Newsroom“ auf der Vidiwall, die bis heute nachhallende Bedeutung der Kaiserkonferenz von Carnuntum: Sie bereitete den Weg für folgende Zusammenkünfte, bei denen 311 das „Toleranzedikt von Nikomedia“ erlassen und 313 die „Vereinbarung von Mailand“ getroffen wurden.

„Wir sind seit Langem der Ansicht, dass Freiheit des Glaubens nicht verweigert werden sollte. Vielmehr sollten jedermann seine Gedanken und Wünsche gewährt werden, so dass er in der Lage ist, geistliche Dinge so anzusehen, wie er selbst es will. Darum haben wir befohlen, dass es jedermann erlaubt ist, seinen Glauben zu haben und zu praktizieren, wie er will“, verlautbaren Licinius und Konstantin darin. Und damit gleichsam das Ende der Christenverfolgung und die allgemeine Religionsfreiheit. Siehe Erklärung der Menschenrechte, Artikel 18. Und das alles begann in Carnuntum …

Das weitere Programm von Art Carnuntum 2017: www.mottingers-meinung.at/?p=25318

www.artcarnuntum.at

  1. 7. 2017

Das La MaMa Theatre New York spielt bei Art Carnuntum

Juni 20, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Piero Bordin holt sich Ellen Stewarts legendäre Truppe

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble. Bild: Theo Cote

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble. Bild: Theo Cote

Es ist wohl nicht übertrieben, Folgendes als Sensation zu bezeichnen: Piero Bordin, Gründer und Intendant des Art Carnuntum Welttheater- festivals, hat das La MaMa Theatre New York einmal mehr zu einem Gastspiel nach Nieder- österreich eingeladen. Bereits zum siebenten Mal wird Ellen Stewarts legendäre Truppe damit im römischen Amphitheater Petronell-Carnuntum auftreten.

Allerdings zum ersten Mal nach dem Tod der berühmten Schöpferin. Theaterikone Stewart verstarb 2011 im Alter von 92 Jahren, nun führt Mia Yoo das La MaMa in ihrem Sinne weiter. Am 17. Juli zeigt sie bei Art Carnuntum „Pylades“ von Pier Paolo Pasolini nach Aischylos, in der Inszenierung der kroatischen Regisseurin Ivica Buljan und mit der Originalbesetzung aus New York. Protagonist ist der vielfach ausgezeichnete Film- und Theaterschauspieler Marko Mandic. Mit ihm spielen Perry Yung, Chris Wild, Cary Gant, Eugene the Poogene, Maura Donahue, Valois Mickens, John Gutierrez, und Tunde Sho den Orestes. Mia Yoo selbst ist als Elektra zu sehen. Pylades ist in der griechischen Mythologie der Neffe des Agamemnon. Er ist der treue Gefährte und Freund des jungen Orestes, mit dem er zusammen aufwächst; später heiratet er dessen Schwester Elektra.

Dass Pasolini, der nie ein braves, didaktisches Theater anstrebte, sondern immer ein Theater des Skandals, die griechische Saga auf sich und für seine Zwecke ummünzte, versteht sich. Das Ende des „Pylades“-Drama liest sich wie ein Epitaph auf seinen gewaltsamen Tod: „Die Sonne geht auf über diesem erniedrigten Leib. Geh du! Geh in die alte Stadt, deren neue Geschichte ich nicht kennen will. Warum Schande und Ungewissheit fürchten? Vernunft, sei verflucht, und wer auch deine Gottheit ist, und jede Gottheit.“ Die US-Theaterkritiker jedenfalls waren von der Interpretation des Stücks durch das La MaMa so begeistert, dass sie sie nach ihrer Premiere im Dezember 2015 zur Inszenierung der Saison kürten.

Die Aufführung ist für Zuschauer ab 16 Jahren geeignet. Oder wie das La MaMa auf seiner Webseite schreibt: „Please note: this is a very physical performance and while there is no audience participation, the audience is very close to the action.“ Mehr zur Produktion, Videos und Pressestimmen: lamama.org/pylade/

Mia Yoo als Elektra und Marko Mandic als Pylades. Bild: Theo Cote

Mia Yoo als Elektra und Marko Mandic. Bild: Theo Cote

Mit "Orestes" Tunde Sho. Bild: Theo Cote

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Theo Cote

Am 4. August gibt es ein Wiedersehen mit Shakespeare’s Globe Theatre aus London. Nach dem fulminanten „Hamlet“ im April (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19057) zeigen die Briten nun „The Two Gentlemen of Verona“ aus der Feder ihres Barden. In der Inszenierung von Nick Bagnall präsentiert das exzellente Ensemble mit viel Musik, Liedern, Romantik und Chaos diese zügellose Neuproduktion und katapultiert so Shakespeares anarchische Komödie in die heutige Zeit.

Für den 27. August hat Piero Bordin selbst einen Text verfasst. „The Summit / Der Gipfel“ oder  „Die Tetrarchen: 4 Kaiser – ein Imperium“ heißt sein Stück, das im Amphitheater in seiner Regie uraufgeführt wird. Gegeben wird eine theatralische Zeitreise durch 1700 Jahre Weltgeschichte. Zu einem Ereignis, welches die Welt veränderte und bis heute prägt, nämlich einem Gipfeltreffen der Mächtigen der damaligen Welt und die dabei erfolgte Neuregelung der Herrschaft über das gesamte Römische Imperium. Und dies am historischen Originalschauplatz: in Carnuntum. Die hier entstandene Machtaufteilung führte innerhalb kürzester Zeit zu einem unglaublichen Wandel: zum Ende der Christenverfolgungen und zur Religionsfreiheit. Bordin erkannte diese Zusammenhänge und fasste sie bereits in seinem mehrjährigen internationalen kulturhistorischen Projekt “Die Kaiser von Carnuntum” zusammen. 2014 gab es dafür von der Europäischen Kommission das erste “Europäische Kulturerbe-Siegel”, nun wird Bordin seine Forschungsergebnisse für die Bühne einrichten. Man darf gespannt sein …

www.artcarnuntum.at

Wien, 20. 6. 2016

Art Carnuntum: Welttheater im Wortsinn

Februar 24, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Londons Shakespeare’s Globe Theatre zeigt „Hamlet“

Naeem Hayat und Ladi Emeruwa spieln alternierend den Hamlet Bild: Bronwen Sharp

Naeem Hayat und Ladi Emeruwa spielen alternierend den Hamlet
Bild: Bronwen Sharp

Noch vor der Präsentation des diesjährigen Gesamt- programms lässt das Welt-Theater-Festival Art Carnuntum mit einer ersten Sensation aufhorchen: Bereits am 19. April zeigt das Londoner Shakespeare’s Globe Theatre seine Inszenierung von „Hamlet“  in der Reithalle vom Kaiserlichen Festschloss Hof.

Das ist deswegen besonders, weil die Regiearbeit von Dominic Dromgoole und Bill Buckhurst damit in Niederösterreich vor London, wo die Premiere erst für 23. April angesetzt ist, und vor einer Aufführung am Originalschauplatz Helsingör zu sehen sein wird. „Art Carnuntum ist ja von Anfang an ,Part of the Game‘ und präsentiert seit fast einem Jahrzehnt exklusiv und mit großartigem Erfolg das weltberühmte Shakespeare’s Globe Theatre in Österreich“, sagt Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin über diesen Höhepunkt der erfolgreichen Zusammenarbeit im Shakespeare-Jahr 2016.

Die „Hamlet“-Aufführung ist Teil eines zweijährigen Globe-to-Globe-Projekts. Seit dem 23. April 2014, dem 450. Geburtstag des britischen Barden, ist man mit dem Stück auf allen Kontinenten unterwegs. Die Inszenierung war bis dato von Bhutan und Nepal über Tuvalu und Tongo bis Ruanda und Burundi zu sehen. In Somalia war dieser „Hamlet“ die erste Theateraufführung aus einem fremden Land seit 23 Jahren. Das Globe-Ensemble spielte in Flüchtlingslagern in Kamerun, in Zaatari in Syrien und vor Schulklassen in Myanmar. „Der Globe-to-Globe-Hamlet wurde erfunden mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, egal wo auf dieser Erde sie zu Hause sind. Wir wollen damit zeigen, dass Shakespeare alle Zuschauer unterhalten kann und bis heute so lebendig ist, dass er, unabhängig von deren Herkunft, zu allen Leuten sprechen kann“, so Dominic Dromgoole.

Was das Wort Welttheater bedeutet, erklärt die Besetzung: Den Hamlet spielen alternierend der aus Nigeria stammende Ladi Emeruwa, ein Weltenbummler zwischen London und Lagos, und Naeem Hayat, dessen familiäre Wurzeln in Pakistan liegen. Jennifer Leong, geboren in Hong Kong, und Amanda Wilkin, deren Mutter aus Jamaica stammt und deren Vater ein nordenglischer Geordie ist, teilen sich die Rolle der Ophelia. Der Maori Rawiri Paratene ist ein Claudius, Beruce Khan ein Horatio. Miranda Foster, Tom Lawrence oder Keith Bartlett, derzeit auch der „Zauberer von Oz“ in London Westend, komplettieren das Tour-Team. Vom 4. bis 6. August ist dann im Römischen Amphitheater in Petronell-Carnuntum die Komödie „The Two Gentlemen Of Verona“, die diesjährige Neuproduktion des Shakespeare’s Globe Theatre in der Regie von Nick Bagnall, zu sehen.

Das feierliche „Hamlet“-Tour-Finale in London an Shakespeares 400. Todestag am 23. April wird am Themse-Ufer von einem „Shakespeare-Walk“ begleitet, auf dem vom Globe Theatre eigens dafür produzierte Filme mit Ausschnitten aller Shakespeare-Stücke gezeigt werden. In Anlehnung an diesen Londoner Walk konzipierte Piero Bordin einen “Shakespeare-Spaziergang” durch den Archäologischen Park Carnuntum. Schwerpunkt sind Ausschnitte, Monologe und Dialoge aus Shakespeares Stücken, deren Handlung in der Antike spielt – von Rom über Ephesus bis Athen …  Die thematisch passenden Filme vom Globe-Shakespeare-Walk werden dabei in Carnuntum zu sehen sein. Außerdem wird es eine Shakespeare-Fotoausstellung, eine Filmwoche in Kooperation mit dem St. Pöltener Cinema Paradiso und ein großes Fest geben.

www.artcarnuntum.at

www.shakespearesglobe.com

Mehr zur „Hamlet“-Inszenierung: globetoglobe.shakespearesglobe.com/hamlet/the-show

Wien, 24. 2. 2016

Art Carnuntum: “The Taming Of The Shrew”

August 7, 2013 in Bühne

Acht Frauen als achtbare Mannsbilder

Wer braucht schon einen Mann? Katherina bestimmt nicht. Oder doch? Piero Bordin holte diesen Sommer zum zweiten Mal Shakespeare’s Globe Theatre aus London ins römische Amphitheater nach Carnuntum.

Bild: (c) Art Carnuntum / Helena Miscioscia

Bild: (c) Art Carnuntum / Helena Miscioscia

Nach dem wunderbaren „King Lear“ im Juni stand nun die Komödie „The Taming Of The Shrew“ (Der Widerspenstigen Zähmung) auf dem Spielplan. Einst wunderbar verfilmt mit Liz Taylor und Richard Burton, zum Musical „Kiss me, Kate“ verarbeitet, war es diesmal nicht notwendig bei Shakespeare nachzuschlagen. Das großartige Ensemble spielte, wie es sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Regisseur Joe Murphy erlaubte sich einen fabelhaften Einfall. Weil zu Shakespeare’s Zeiten ja nur Männer auf der Bühne standen, ließ er die Rollen (viele Darstellerinnen in mehreren) ätsch ausschließlich von Frauen spielen. Welch ein Kick! Und weniger eine „emanzipatorische“ Idee, als eine die die Schwächen des starken Geschlechts umso intensiver entlarvte. Karikierte. Außerdem aber zeigte, dass es ohne „ihn“ auch wiederum nicht geht. Frau muss halt Geduld haben …

In einem Zirkuszelt mit zwei Galgenstricken, die Kostüme im Stil der 20er-Jahre mit Charleston-Kleidchen und Strohhut, mit Anklängen an das englische Jagd-Outfit mit roter Jacke und schwarzer Kappe, mit Gesang und Musik von Harmonika bis Saxophon – immer wieder erstaunlich, wie vielseitig begabt das Globe-Ensemble ist – begann das Spiel, in dem mehr Intrigen gesponnen werden (etwa den reichen „Lucentio“ Becci Gemmell, der sich als Lehrer und seinen Diener „Tranio“ Remy Beasley als sich ausgibt, um unauffällig um Bianca zu werben), als in den Königsdramen. Die Handlung in Kürze: Der reiche Baptista (Kathryn Hunt) hat zwei Töchter – die liebreizende Bianca (Olivia Morgan), um die sich Dutzende Ehewillige scharen, und Katherina (Kate Lamb), mit einer Zunge, scharf wie ein Schwert. Baptista hat verfügt, dass erst die ältere Kate verheiratet sein muss, bevor Bianca vor den Altar treten darf. Und so holt man einen ebenbürtigen Gegner als potentiellen Gatten: Petruchio (Leah Whitaker).

Die „Globe“trotterinnen sind mit so viel Freude bei der Sache, dass sich der Spaßvirus in Sekundenschnelle aufs Publikum überträgt. Selten ein Theater(zelt) in so ausgelassener Stimmung erlebt! Noch dazu, wo die Komödie in Originalsprache so richtig frivol zur Sache geht. Ein Beispiel: Petruchio: „Who knows not where a wasp does wear his sting? In his tail.“ Katherina: „In his tongoe.“ Petruchio: „Whose tongue?“ Katherina: „Yours, if you talk of tales, and so farewell.“ Petruchio: „What, with my tongue in your tail? Nay come again, Good Kate, I am a gentleman.“ Katherina: „That I’ll try.“ Sie ohrfeigt ihn. Ohne Oralsex. Kate Lamb und Leah Whitaker sind im Infight ein Traumpaar. Feuer und Feuer wird zum Feuerwerk. Sie, die Schreckschraube, die wild cat, „er“ ein hochtrabender, selbstsicherer Angeber, eine echte Teufelskerlin, die zur Schmach aller zur Hochzeit im himmelblauen Anzug mit rosa Luftballons, betrunken mit leerer Champagnerflasche, mit Bierdosen scheppernd antritt. Kathryn Hunt spielt dazu einen Baptista und Petruchios Motorradmechaniker Grumio mit einer Stimme, die wohl den edelsten aller Recken das Fürchten lehren würde. Remy Beasley als Tranio ist der eigentliche Motor der Handlung. Wie sie von Rolle zu Rolle die Situation meistert, wie sie angeberisch, unterwürfig, sich ihres niederen Standes bewusst offensiv reagiert, ist fast schon modern. Ein Extra-Bravo!

Apropos, modern. Das Ende ist bekannt. Von drei herbeigerufenen Ehefrauen bei Biancas Hochzeit mit Lucentio erscheint nur Kate, sogar bereit, ihre Hand unter ihres Gatten Fuß zu legen. Da hätte sich frau – ohne Shakespeare zu vergewaltigen – einen feministischeren Schluß gewünscht. Eine Geste, einen Blick. Der sagt: Na, warte, meine Retourkutsche wird noch vorfahren …

www.artcarnuntum.at

www.mottingers-meinung.at/art-carnuntum-king-lear

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 7. 2013