Schauspielhaus Wien: Sommer

Februar 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckensherrschaft des Loop-Systems

Die Raumfahrerin gerät in die Fänge der Retro-Revolution und kämpft ums Überleben: Sophia Löffler mit Nehle Breer und Vera von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Es ist eine Science-Fiction-Satire über Selbstbewusstsein, die Sean Keller verfasst hat. Selbstbewusst sein, im Sinne von: um den eigenen Wert wissen, und als Bewusstsein von einem selbst als einheitliches Wesen. Doch die Frage „Wer bist du?“ erweist sich im Stück schnell als eine unlösbare. „Sommer“ heißt es, Keller gewann damit das Hans-Gratzer-Stipendium 2018, und Elsa-Sophie Jach, die am Schauspielhaus Wien zuletzt mit Thomas Köck und „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=27228) erfolgreich war, hat es nun ebendort zwecks Uraufführung auf die Bühne gehoben. So überbordend der Text, so die Inszenierung. Die Bühne von Stephan Weber zeigt eine Art Future-Bar samt Claw Machine, an der Decke silberglänzende Sechsecke, an einer Seite ein Glaskubus, eine monströse Vitrine, auf deren Boden bereits das Ausstellungssubjekt kauert. Auftritt nun ein Chor, Nehle Breer, Vera von Gunten und Anna Rot, ein choreografiertes Kollektiv, Sprache, Bewegung, Ich-Erkenntnis präzise einstudiert – wobei, was letztere betrifft, das Vokalterzett für deren Beendigung plädiert. „Wir verlieren uns im Warten auf die bessere Zukunft“, schelten sie, da sie diesen Zustand längst überwunden haben, in Wahrheit das Publikum. Dem Individuum soll also ein Dasein als solches abgesprochen, aus einer Einzelidentität sollen viele gemacht werden.

Die Dystopie, die Keller im Wechsel von Wort-Kunst zu Wort-Gewalt entworfen hat, dreht sich im Weiteren um dieses Denkspiel: Individualismus als destruktiver Egoismus oder Gemeinschaftsgefühl als Gleichschaltung der Massen, einfacher formuliert: ein Wir vs ein Ich, ein Hergehören vs ein Fremdsein, ein Geschichtsvergessen vs ein Zukunft-Lernen. Die Story, zu entnehmen dem Programmheft, live verhandelt wird sie kaum, geht so: Das Jahr ist 3000, und da es der Erde davor schon recht schlecht ging, Stichwort: Ressourcenknappheit, hat sich ein Großteil von deren Bevölkerung ins Exil einer Weltraumkolonie begeben, wo man offenbar ein friedliches, freundschaftliches Leben lebt.

An der Claw Machine: Nehle Breer, Sophia Löffler, Anna Rot und Vera von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Beklemmende Tanzperformance im gläsernen Käfig: Esther Balfe. Bild: © Matthias Heschl

Die, die geblieben sind, haben sich als Strategie gegen die widrige Umwelt in einer neokommunistischen Gesellschaft organisiert, haben sich der Schreckensherrschaft eines restriktiven Loop-Systems unterworfen, das eine Zeitschleife betreibt, in der die historisch verklärten Jahre 2000 bis 2020 immer wieder von vorne ablaufen. Durch diesen Minkowski-Raum rennen die Menschen, wie das Huhn auf dem Möbiusband. Da entlässt Keller eine Rückkehrerin in die Szene. Eine Raumfahrerin mit Heiligenscheinhelm, die wissen will, wie’s „unten“ so ist, Sophie Löffler als Frau, die vom Himmel fiel – und die folglich vom Kollektiv mit aller Härte ans Kollektiv angepasst werden muss. Diese Ich-Erzählerin spricht im Irrealis, während sie versucht, halb von ihnen angezogen, halb abgestoßen, die Gruppenrituale zu begreifen.

Man darf Kellers Überfrachtungsstück nicht zu viel Stringenz unterstellen. Weder kümmert er sich um die Phänomene des Raumkontinuums noch des Zeitparadoxons, er schreibt so entfesselt, als hätten Ray Bradbury und Philip K. Dick nie einen Satz zu Papier gebracht, allerdings nimmt er es auch mit der innertextlichen Logik nicht allzu genau. Als würde das Fantastische nicht auch – zugegeben seinen eigenen – Regeln folgen. Derart gilt’s am besten: Nichts à la „Ground Control To Major Sean“ überinterpretieren, sich auf den Ideenreichtum von Elsa-Sophie Jach, die ganz hervorragende Arbeit leistet, einzu- und unterhalten zu lassen. Denn aberwitzig ist der Abend in seiner Verquertheit allemal.

Und während das Ich sich müht, den Code fürs Überleben zu finden und „die Abmachung“ zu kapieren, irgendwann sagt Löffler: „das Geheimnis der Anpassung ist, sich nicht zu wundern“, windet sich Tänzerin Esther Balfe als Gefangene hinter Glas, ihre Zuckungen wie unter Strom in dieser engen Biosphäre, eine Gepeinigte im Gehege ihrer exemplarischen Körperhaftigkeit. Deren Ablehnung Kulturhistoriker Hermann Glaser, gerade auf die Frau als solche bezogen, in seiner „Spießer-Ideologie“ als symptomatisch für die sozialpathologischen Aspekte der modernen Gesellschaft ansah. (Was nun doch gedeutelt ist …)

Die funkelnde Future-Bar unter dem silbernen Sechseckhimmel: Sophia Löffler, Vera von Gunten und Nehle Breer. Bild: © Matthias Heschl

Elsa-Sophie Jach bricht die schlafwandlerische Atmosphäre des Gesprochenen durch Balfes antagonistische Performance. Sie tut ambivalente Bilderwelten auf, von plötzlichen Ausbrüchen von Aggression und Autoaggression bis zum perfekt ausgeführten Zumba zu Backstreet Boys‘ „I Want It That Way“. Schließlich findet sich alles unterm Riesenrad in einem abgewrackten Orlando-Freizeitpark wieder. Ausgerechnet Florida.

Wo Widerstandskämpferinnen, die Astronautenanzüge von Giovanna Bollinger nun lässig um die Hüften geknotet, das Zeitzirkulieren durchbrechen wollen, indem sie über Cheats im Programm neue Portale und damit den Zugang zu einer anderen Wirklichkeit öffnen. Der Plan scheitert, die komplette Annullierung, Wunsch- und Albtraum Auslöschung finden statt. Gesellschaftliche Trägheitsgesetze haben die Retro-Revolution verunmöglicht. Die Menschen erscheinen in Tiermasken und hämmern auf den Boden à la „2001“-Monolith. Brainwashing accomplished.

„Sommer“, warum auch immer er so benannt ist, ist ein hochkomplexer, teilweise auch hermetischer Text, inspiriert inszeniert und mit großer Intensität darstellerisch dargeboten. Ob Sean Keller mit seinem „Sie werden assimiliert werden“ auch auf eine meinungsmacherische Politik, viele Köpfe, ein von bestimmten Medien bestimmter Gedanke, abzielt, ist beim Abgang aus dem Theater Diskussionsgegenstand. Dem „Widerstand ist zwecklos“ der Aufführung kann man sich jedenfalls nicht entziehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=vY5DAUhywhI

www.schauspielhaus.at

  1. 2. 2019

Schauspielhaus Wien: Schlafende Männer

November 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einsauen bis zur Ekelgrenze

Hier wird gekleckert, nicht geklotzt: Anton Widauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger und Alina Schaller. Bild: © Susanne Einzenberger

Lässig lehnt Maria Lassnig an der Wand. Ihre Selbstporträts „Du oder ich“ und jenes „unter Plastik“, natürlich „Schlafende Männer“. Das Gemälde aus dem Jahr 2006 ist schließlich Namensgeber für Martin Crimps Stück, das Tomas Schweigen nun am Schauspielhaus Wien als österreichische Erstaufführung inszeniert hat. Bühnenbildnerin Giovanna Bolliger hat Zuschauertribüne und Spielfläche vertauscht, all the world’s a stage, und auf diese eine Atelierwohnung gestellt.

Manifeste über den heidnischen Menschen und die ursprüngliche Tragödie an den Wänden; Kunst fließt hier, später noch im Wortsinn, tropft von Gesichtern und Körpern, wenn sich das Darstellerquartett mit Joghurt und Gips, Blutfarbe und griechischem Salat einsaut – bis zur aktionistischen Ekelgrenze; das Leben dagegen stagniert. Dass an die Fensterschräge als Referenz Mike Nichols Geschlechterkampffilm, Liz Taylor und Richard Burton in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, projiziert wird, verweist auf die theatrale Zimmerschlacht, die hier gleich anheben wird.

Das Setting ist dasselbe, ein in die Jahre kommendes, gutsituiertes Ehepaar, Paul und Julia, er Musikproduzent, sie Kunsthistorikern, lädt ein junges ein. Josefine ist Julias neue Assistentin, deren Mann Tillman hat mit Möbeln zu tun, und ist ergo der einzige nicht künstlerisch tätige in der Gruppe. Die Vornamen sind die der Schauspieler der Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus, Crimp-Intima Katie Mitchell hatte dort die Regie übernommen, und musste sich vom Feuilleton vorwerfen lassen, ihre „kältestmögliche Zurückhaltung“ hätte die Aufführung zur „Fischblütigkeit“ verdammt.

Das kann man Tomas Schweigen nicht anlasten, er greift in die Vollen. Mitten im Alsergrunder Boboville geraten ihm die Crimp’schen Figuren wie selbstverständlich zu jener Art von Bourgeoisie, die verzweifelt versucht, ihr letztes bisschen Bohème ins Arriviert-Sein zu retten. Vera von Gunten gibt die Julia mit ausreichend Schnepfigkeit und selbstverliebter Attitüde, die Frau ist schließlich ein Star auf ihrem Gebiet, Sebastian Schindegger spielt Paul in lustvoll-gebückter Demutshaltung, ein passiv-aggressiver Tropf, dessen Geltungsdrang längst erloschen ist. „Die meisten Leute in Pauls Alter, die versagt haben, sind verbittert, aber Paul ist frei von Bitterkeit“, sagt Julia.

Das sitzt. Und Paul ist nicht der einzige unterbutterte, auch der verhuschte, tanzbärig-dumpfe Tillman wird von der Gattin klein gemacht. „Wir haben darüber gesprochen, Kinder zu kriegen, aber das Kind dürfte nicht wie ich sein, es müsste sein wie Josefine, es müsste Josefines Augen haben und Josefines Mund und Hände, und es müsste ihren Verstand und Körper haben und Josefines Lächeln und Josefines gesamte Körpereinstellung, weil, ich bin nur ein Stück Scheiße“, so stellt er sich vor. Plaudertäschchen Josefine ist er unter den Kunstkollegen in erster Linie peinlich.

Von Gunten und Schindegger. Bild: © Susanne Einzenberger

Von Gunten, Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Zwischen absurder Komödie und psychologischem Kammerspiel entwickelt Crimp im Weiteren eine Horrornacht mit unklarem Ausgang. Wie Maria Lassnigs Bilder vor expliziter Sexualität strotzen, wie sie Machtstrukturen genussvoll aufbricht und ins Skurril-Surreale dreht, so zugeht’s auch im Stück. Es ist ein Erregungsfeuerwerk, und Schweigen bedient Crimps expressiven Humor aufs beste, etwa, wenn der angesäuerte Paul Rudolf-Schwarzkoglerisch an seinem Salatgurken-Penis herumsäbelt und Paradeiser auf seiner Stirn zertrümmert.

Julia ist nämlich Expertin für Wiener Aktionismus, und knapp vor dem Aus laufen an den Seiten Videos, die Schauspieler in Günter Brus‘ Kopfbemalungs-Pose oder in Otto-Muehl-Aktionen zeigen. „So leben wir nicht“, ist Pauls Selbstversicherung, bevor er eine sexuelle Annäherung an Tillman wagt.

Die Pointen fliegen wie die Fäuste, es gibt Prügel mit der Plastikflasche, die unterschwellige Bereitschaft zu Gewaltakten bricht sich dank zunehmend Alkohol allmählich Bahn, das kennt man so auch von Yasmina Reza, doch Crimp legt keinen Wert aufs Well-Made-Play, er fordert das Publikum heraus mit seinen feministischen Diskurstheaterdialogen übers extrem schwache starke Geschlecht.

Gekonnt wechseln von Gunten, Schindegger, Schaller und Widauer von Exzess zu Konversationston, vor allem von Gunten als obskure Strippenzieherin treibt mit ihrem zwischen Hysterie und Hochmut changierenden Spiel den Abend voran. Bis ein ominöser Marc anruft, er offenbar auch Maler mit gerade Ausstellung in den USA, und von Julia für ihre Karriere eine Auslöschung verlangt.

Zum Schluss – dies ein Spoiler – scheint sich die ganze Inszenierung höchst doppeldeutig als von Marc geschaffene Kunstinstallation zu enttarnen. Deren Ende ist ein Sprung aus dem Fenster. Mit Hausmacher-Aktionismus die eigene Existenz wieder provokant zu machen, hat für Julia und Paul nicht funktioniert. Tomas Schweigens Hommage an ebendiesen funktioniert als irrwitziges Bühnenschüttbild hingegen prächtig.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Jga-YL95zGo

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018