Theater an der Wien: Dreigroschenoper

Januar 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Dieses Soho liegt am Neusiedlersee

Macheath "sitzt" im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble Bild: © Monika Rittershaus

Macheath „sitzt“ im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble
Bild: © Monika Rittershaus

Nach der Pause, wenn Nina Bernsteiner und Gan-ya Ben-gur Akselrod einander als Polly und Lucy beim Eifersuchtsduett den Barock von der Brust reißen, weiß man endlich, dass Weltklasseregisseur Keith Warner es wirklich so wollte – zwischendurch hatte man sich nämlich schon ernsthaft gefragt, ob das alles ernst gemeint sein kann. Das Theater an der Wien zeigt zum Zehn-Jahres-Jubiläum als Opernhaus seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“.

Warner versuchte – ja, was? – eine Persiflage auf die eigene Zunft? Sicher auf Bert Brecht, wie ein paar zusammenhanglos platzierte Maoisten-Statisten vermuten lassen. Und Kurt Weill, der Arme? Die Satire allerdings entzieht sich der Karikatur. Und so geschieht das Schlimmste, was der „Dreigroschenoper“ mutmaßlich passieren kann: Die Inszenierung ist nicht sexy. Das haben sich der alte Erotomane und sein stilles Musikgenie nicht verdient. „Ich verlang‘ ja keine Oper hier“, sagt Macheath. Die hat er aber gekriegt.

Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Und mehr Zeilen als die paar hier hingeschriebenen werden das Gegenteil behaupten. Man kennt das „Stück mit Musik“ vom Sprechtheater, wo es, wie dieser Abend eindrucksvoll bewiesen hat, auch hingehört, aber man war doch voller Hoffnung – Oper! Lasst endlich einmal die Fachmenschen ran! Schlussendlich konnte man sich kaum damit abfinden, dass da manche den heißen Erdapfel nicht und nicht aus dem Mund brachten, jedoch gar nicht daran gewöhnen, dass die Dialoge im Operettenjargon zum besten gegeben wurden. Im Theater an der Wien liegt Soho am Neusiedlersee, dafür gab es sogar einen Dialogcoach. Wobei das gegenüber vielen Kolleginnen und Kollegen der leichten Muse unfair ist. Die können’s nämlich. Singen und schauspielern. Hier hat der Arnold Schoenberg Chor, der zum Finale im Gefängnis als sinistre Streetgang auftritt, mehr darstellerische Präsenz als mancher Protagonist. „Sie spielen eben so gut sie können“, sagt Peachum. Meint damit aber nicht explizit Markus Butter als Tiger Brown.

Dabei wäre die Künstlichkeit, die „Verfremdung“, auf die Warner setzt, durchaus angebracht. Die Art, wie er etliche Songs aus der Handlung nimmt und auf eine eigene Showbühne stellt, ist im Sinne der Erfinder. Auch der von Boris Kudlička erdachte Bühnenbildkubus, die gesamte Mischung aus Grind und Kitsch sind stimmig. Und doch scheint es, als hätte Warner bei Brecht nicht bis auf den Bodensatz geschaut. Er planscht durch Untiefen, wo sich Abgründe auftun. Das Verbrechen und die verlorenen Existenzen, die Arglist und die Armut, die Gemeinheit des gemeinen Volks und der gutbürgerlichen Gesellschaft, sie werden von der Opernattitüde im Wortsinn zer-schmettert. Differenziert geht anders. Freilich sollte Warner nicht mit dem altehrwürdig erhobenen Zeigefinger des epischen Theaters herumwedeln, aber zwischen Lehrstück und Leerstück müssen doch noch ein paar Positionen zu besetzen sein. So hat er Brecht nur „Revue“ passieren lassen. So wurde das scharfsinnige, zynische, mit der ganzen Wut und Wucht eines jungen Mannes geschriebene Original zum Musical – ups, das böse Wort im Theater an der Wien – weichgespült.

Und apropos Nuancen: Immer wieder die Musik. Das Klangforum Wien unter Johannes Kalitzke interpretiert Weill vom Feinsten, nur gesungen wird er wenig. Unter den Damen wagte es einzig Anne Sofie von Otter als Spelunken-Jenny sich vom Schöngesang abzuwenden – Salomonsong! -, sich als Diseuse zu erproben, auf die Weillness zu setzen. Weill, das ist Hässlichkeit, geschlürft bis zur Neige, ist Nachtclub-Timbre, ist Ironie und schrille Töne, und immer wieder auch jüdischer Trauergesang. Diese Disziplin beherrscht halt nicht jeder. Besonders laut hörte man Roma Bahn in ihrer letzten Ruhestätte rotieren. Dafür ist Otter darstellerisch so gut wie inexistent, jedenfalls keine abgetakelte Hure, der man abnimmt, dass sie noch genug Freier abbekommt, sondern eine schmerzgebeugte Elendsgestalt.

Einer, der’s definitiv beherrscht, ist Florian Boesch als Bettlerkönig Peachum. Er ist die finstere Lichtgestalt des Abends. Perfekt bigott und sehr schön straffällig. Er ist ganz ehrenwerter Kapitalist und ganz ehrloser Gauner. Er trifft die richtig „schnarrigen“ Töne beim Singen und Sprechen, interpretiert hinterlistig und sarkastisch, macht aus seinem Part beinah ein Kabarettstückchen. Wann immer er auf der Bühne ist, herrscht Freude. Mit Angelika Kirchschlager, die als seine Celia ein Hausfrauenalbtraum in Rosa sein darf, bildet er nicht nur beim Anstatt-dass-Song das Dreamteam der Aufführung; beide tanzen sich auch schwungvoll durch die großartige Choreografie von Anthony van Laast, dessen West-End-Tempo zum Glück aus der einen oder anderen szenischen Langatmigkeit die Luft rausnimmt. Der Kirchschlager kommt bei ihrer Darstellung gewiss zugute, dass die Mrs. Peachum die große Geste durchaus verträgt.

Tobias Moretti spielt einen unterkühlten Macheath. Doch unter der ruhigen Oberfläche ist sein Mackie Messer tatsächlich das in der Moritat besungene gefährliche Raubtier, der Menschenfresser und der Alphamann der Londoner Unterwelt. Moretti hat hart gearbeitet, das sieht man, das gilt es zu würdigen. Moretti hält mit den Stars des Musikdramas mehr als stand, weil er näher an Weills Musik und noch näher an Brechts Drama ist. Er bringt die nötige Lakonie für die Rolle auf. Ist körperlich – im Gefangenenkäfig -, in den Gesangs- und Tanzeinlagen auf der Höhe. Er hat sich eine Schaustellerstimme zugelegt: Kommen Sie näher, kommen Sie ran!, gibt einerseits mit rollendem R den Crooner, andererseits wie im Kanonensong den beinharten Killer. Ist weinerlich und wehleidig über sich selbst und brutal zu den anderen. Nur diese eine Farbe, den Womanizer, den erst Frauenverführer und dann -schänder nimmt man seiner ansonst schillernden Figur nicht ab. Aber wenn er „Man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhämmern ein“ droht, dann steht er endlich auf, der gute Geist der Gesellschaftskritik. Auf dem Friedhof von Highgate, den Mackie kurzfristig schon als neue Adresse ins Auge fassen muss, liegt auch Karl Marx. Und so altvaterisch ist Brecht nicht, dass die Gründung – oder in Österreich Kauf und Verkauf – einer Bank nicht immer noch …

Zusammenfassend? „Dreigroschenoper“ geht schwer. Aber sie so lange zur Oper zu zerquetschen, bis eine Operette rausrinnt, geht gar nicht. Da fallen ja dem Haifisch vor Schreck die Zähne aus.

www.theater-wien.at

Wien, 14. 1. 2016

10 Jahre Theater a.d. Wien: José Carreras singt „El Juez“

September 22, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Dreigroschenoper“ mit Angelika Kirchschlager und Tobias Moretti, Nikolaus Harnoncourt dirigiert „Fidelio“

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Im Jänner 2016 feiert das Theater an der Wien mit drei hochkarätig besetzten Opernaufführungen sein zehnjähriges Bestehen als Opernhaus. Intendant Roland Geyer präsentierte am Dienstag das Programm: Den Auftakt macht die Premiere von Bert Brechts und Kurt Weills „Die Dreigroschenoper“ am 13. Jänner in einer Inszenierung von Keith Warner mit Tobias Moretti als Mackie Messer, Angelika Kirchschlager und Florian Boesch als Ehepaar Peachum und Anne Sofie von Otter als Spelunkenjenny. Es folgen zwei Festkonzerte: Am 17. Jänner steht Beethovens „Fidelio“ unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus Wien und den Solisten Michael Schade, Juliane Banse und Anna Prohaska auf dem Jubiläumsspielplan. Mozarts Oper „Idomeneo“ gelangt am 22. Jänner unter der musikalischen Leitung von René Jacobs mit dem Freiburger Barockorchester zur Aufführung.

Mit einem außergewöhnlichen szenischen Sonderprojekt, der Oper „El Juez“ von Christian Kolonovits mit Opernsuperstar José Carreras in der Titelpartie, wird der Jubiläumsspielplan des Theater an der Wien am 2. und 5. Juli 2016 erweitert. Kolonovits behandelt in seiner Oper ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte: Zur Zeit der Franco-Diktatur wurden nicht regimetreuen Eltern ihre Kinder weggenommen, um sie in Klöstern und anderen Einrichtungen umzuerziehen. Die Kirche, die federführend an der Entführung der Kinder beteiligt war, weigert sich bis heute, Aufzeichnungen und Informationen über die wahre Identität der „verlorenen Kinder“ preiszugeben – ein Konflikt, der die spanische Gesellschaft immer noch spaltet. Zwei Jahre war Kolonovits mit der Komposition seiner Oper beschäftigt, in der er mit der Librettistin Angelika Messner der Frage nach Recht und Unrecht und nach persönlicher Entscheidungsfreiheit nachgeht. Die bejubelte Uraufführung von „El Juez“ fand im April 2014 in Bilbao statt.

Die Rolle des Richters Federico Ribas wurde José Carreras, der mit ihr nach achtjähriger Absenz auf die Opernbühne zurückkehrte, auf den Leib geschrieben: „Meine Familie war stets gegen General Franco. Sie waren Republikaner und alles andere als rechts gerichtet. Zu Hause hörte ich meinen Vater und meinen Großvater über den Krieg sprechen und wie es in der Zeit vor Franco war. Deshalb ist dieses Thema so wichtig für mich“, sagt Carreras im Pressegespräch und erklärt über seine Rolle: „,El Juez‘ ist zwar eine zeitgenössische Oper, sie ist aber alles andere als atonal – es gibt wundervolle Melodien zu singen, Soli und Duette, und tolle Szenen zu spielen. Ich bin überglücklich, dass ich in ‚meinem‘ Wien in dieser Oper auf der Bühne stehen kann!“

Der Kartenverkauf für „El Juez“ startet am 22. September um 12 Uhr an der Tageskasse des Theater an der Wien, zeitgleich mit dem Onlineverkauf auf der Website

www.theater-wien.at

„El Juez“ zum Reinhören: Premiere im Mariinsky: www.youtube.com/watch?v=GWQ8Osqcmbs

Wien, 22. 9. 2015

Michael Sturminger im Gespräch

Januar 19, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Casanova Variations“: John Malkovich hoch Drei

John Malkovich, Veronica Ferres Bild: © Amour Fou Vienna

John Malkovich, Veronica Ferres
Bild: © Amour Fou Vienna

Publikum strömt gut gelaunt in die Oper. An der Garderobe werden die Mäntel abgegeben, das erste Glas Champagner getrunken, die Plätze eingenommen. Casanova alias John Malkovich tritt auf – und bricht auf offener Bühne zusammen, das Orchester hört erschrocken auf zu spielen, Kollegen und Bühnenpersonal wollen Erste Hilfe leisten, eine Ärztin aus dem Publikum kommt, um zu untersuchen. Es  ist nicht mehr klar, ob hier der dargestellte Casanova oder der Darsteller John Malkovich einen Schlaganfall erleidet. Doch als im nächsten Moment eine als Dottore verkleidete Sängerin die Szene in ein Commedia dell’arte-Ensemble von Mozart und Da Ponte überführt und unsere Protagonistin hinter einer Tapetentür versteckt zusieht, wie der sterbende Casanova dem Arzt beinahe das Ohr abschießt, um zu verhindern, dass er zur Ader gelassen wird, haben wir bereits verstanden, dass sich hier einer die Freiheit nimmt, zwischen allen Genres zu springen, um schlussendlich zu behaupten: Alles ist Kino! Dieser eine ist Regisseur Michael Sturminger.

In seinem Film „Casanova Variations“ (ab 23. Jänner im Kino) erlebt ein Opernpublikum die Aufführung einer nach Mozart und Da Ponte konzipierten Oper über den berühmten Lebenskünstler und Liebhaber Giacomo Casanova. Der heute nicht minder berühmte John Malkovich steht an der Spitze eines Ensembles aus SchauspielerInnen und SängerInnen. Er gibt nicht nur den Casanova, er scheint auch der Produzent der Aufführung (Malkovich spielt Malkovich hinter der Bühne) zu sein. Parallel dazu erlebt der alternde Casanova (Malkovich zum dritten Mal) im böhmischen Schloss Dux eine letzte Begegnung mit einer Frau, der Dichterin Elisa van der Recke (Veronica Ferres), deren Besuch ihn in vielerlei Hinsicht noch einmal heftig zum Leben erweckt. Zuerst ist sie eine allein reisende Frau, gebildet und attraktiv und damit ein Glücksfall, den er in der Abgeschiedenheit seiner Existenz als Bibliothekar auf einem abgelegenen gräflichen Landsitz nie zu erleben gehofft hätte. Darüberhinaus ist sie eine Gefahr, weil sie als Verfasserin eines bekannten Buches über den Abenteurer Cagliostro zu Ruhm und Reichtum gekommen ist, während der von ihr porträtierte Hochstapler nach dem Erscheinen ihres Buches ruiniert und verarmt verstorben ist. Mit seiner, in vielerlei Hinsicht mit Cagliostro vergleichbaren Lebensgeschichte, hat Giacomo Casanova durchaus Grund, sich vor Elisa in Acht zu nehmen. Elisas Interesse gilt immer deutlicher Casanovas tausende Seiten umfassenden Memoiren und er begreift, dass seine „Histoire de ma vie“ beim Versuch, noch einmal eine Frau zu verführen, als letztes Ass im Ärmel dienen könnte  …
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Regisseur Michael Sturminger im Gespräch:
MM: „Casanova Variations“ ist ein gewagtes Projekt, das beim Kinozuschauer einiges an Vorwissen voraussetzt.
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Michael Sturminger: Ich weiß das nicht. Es verlangt vom Publikum eine gewisse Offenheit. Sie dürfen sich nicht davor schrecken, sie müssen sich in die Schönheit von Mozarts Musik, in das spannende Leben Casanovas, in das Charisma des Schauspielers John Malkovich fallen lassen, dann muss man vorher gar nichts wissen und wird alles verstehen. Der Zuschauer darf sich nicht so fühlen, als wäre er in einem fremden Land, in dem er die Sprache nicht spricht. Ich glaube, dass die Handlung ganz unmittelbar ankommt.

MM: Sie möchten also nicht verschrecken, sondern einladen.

Sturminger: Auf alle Fälle. Der Film ist nicht schwer zugänglich. Kommts! Wer mit offenem Herzen reingeht, wird mit vollem Herzen rausgehen.

MM: Der Film entstand aus dem Theaterstück „The Giacomo Variations“. Die Produktion hatte 2011 im Wiener Ronacher mit Malkovich Uraufführung und wurde im Anschluss weltweit gefeiert. John Malkovich und Sie scheinen eine Regisseur-Schauspieler-Beziehung aufgebaut zu haben, wie man sie nicht alle Tage findet.

Sturminger: Ich fühle mich deswegen auch geehrt. Das ist ein Privileg und eine Freude. Wir haben zuvor schon „The Infernal Comedy“ gemacht und CNN hat eine Doku gedreht. Als ich mir die später im Fernsehen angeschaut habe, sagt John über mich: „Nach dreißig Jahren als Schauspieler habe ich endlich meine verwandte Seele gefunden.“ Und ich saß da und dachte: Na, Servus! Das hat mir schon etwas bedeutet.

MM: Nun haben Sie ihn sogar dazu gebracht, zu singen. Nicht schön, aber von Herzen.

Sturminger: Und absolut richtig. Es geht ja in seinen Szenen nicht um Schöngesang, sondern um zur Rolle passenden. Er ist ja Casanova und keine Mozartfigur. Der Name kombiniert mit „Variations“ passt sehr gut zu John, weil er immer wieder Neues ausprobieren will. Das hat ihn an dem Ganzen sehr gereizt. Wie man die Vorstellung und das Dahinter sieht. Wir glauben beide, dass ein kreativer Prozess nur dann im Gange ist, wenn man nichts Fertiges abliefert, sondern jedes Mal im Augenblick Neues schafft. Ich strebe kein Idealbild an, sondern versuche, von Probe zu Probe herauszufiltern was richtig ist. Und umso mehr können dann auch Schauspieler beziehungsweise Sänger ihre eigenen Entscheidungen treffen, über das, was sie zeigen wollen. Das macht unglaublich viele Variationen möglich. Ich will auch nicht wissen, ob einer bei einer Szene sitzt oder steht. Ich bin ja nicht der Mann am Joystick, der das Spiel kontrolliert. Wenn einmal geklärt ist, wie eine Figur tickt, was da drin steckt, dann wird die Intuition beteiligt. Das ist ja das Schöne im Film, am Theater, an der Oper … Freiheit für den Augenblick, nicht etwas einzuhalten, nur weil es irgendwann einmal vereinbart war.

MM: Das ist der Eindruck, den ich auch über John Malkovich im Film hatte. Es gibt Momente, da ist er so bei sich, dass man ihn wahrscheinlich gar nicht unterbrechen könnte.

Sturminger: Und auch nicht wollte. Ja, der Eindruck ist vollkommen richtig. Wir haben ja gewisse Szenen mit der Handkamera gedreht. Und wenn John in dieser Art Trance war, habe ich zu meinem Kameramann André Szankowski gesagt: Halt einfach drauf. Viel Spaß, fang’ ein, was du kannst. So kam es natürlich zu einer Riesenmenge von sehr langen Einstellungen, dafür konnte man beim Schneiden auch größtmögliche Freiheit haben.

MM: John Malkovich ist Hauptdarsteller hoch Drei. Eine der schönsten diesbezüglichen Szenen ist, als „John Malkovich“ hinter der Bühne um ein Autogramm gebeten wird und der Fan fragt, ob er schwul sei, wie’s im Internet doch stünde. Schnitt. Ein Hofball. Und die Blaublütige, mit der Casanova tanzt, will sozusagen eine Namensliste, der von ihm Verführten. Malkovich darauf beide Male: „Was, erwarten Sie, sollte ein Gentleman darauf antworten?“

Sturminger: John Malkovich spielt einerseits John Malkovich. Dann auf einer Opernbühne den jungen Casanova, der immer wieder von Bariton Florian Boesch abgelöst wird, Malkovich gibt ihm sogar Perücke und Rock weiter, und den alten Casanova als Bibliothekar auf Schloss Dux. John war ein wenig skeptisch, weil es den Film „Being John Malkovich“ ja schon gegeben hat. Aber hier erfindet er eine imaginäre Figur seiner selbst, jemanden, der seinen Namen und sein Gesicht hat – und trotzdem habe ich alle Situationen, die auf dieser Ebene des Films vorkommen auf Theatertournee mit ihm erlebt, und auch, wie er darauf reagiert. Das war für mich wahnsinnig komisch. Er ist echt, macht aber eben gerade mit seiner Aura verständlich, was Casanova für seine Zeit war. Jemand, dem ein Ruf vorausgeeilt ist, berühmt-berüchtigt, beide mit einem Image behaftet und hinter diesem doch nur der nackte Mensch. So spinnt sich die Geschichte weiter. Casanova war ein hochsensibler, intelligenter Mensch, der immer der Idee auf der Spur war, was das Individuum sein kann, was Freiheit für den einzelnen bedeutet, ob Verletzung erst vorhanden ist, wenn sie decouvriert wird. Da gibt es viele Überlagerungspunkte. Daraus konnte ich einen Film machen, der keine historische Abhandlung über Casanova, sondern die gemeinsame Fantasie aller Mitwirkender zu einem größeren Fragenkreis ist.

MM: Und die „Altersszenen“ mit Veronica Ferres?

Sturminger: Sind eine Art Bespiegelung. Mehr als Erotik ist zwischen den beiden das Thema, was sie sieht, wenn sie ihn ansieht. Sie erfindet für ihn den Begriff des Romantikers, den es zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht gegeben hat, der aber in diesen Jahren zum ersten Mal auftaucht. Sie sagt, er ist ein Herz voller gebrochener Herzen, sie sagt, er liebte die Liebe als solche mehr als das Objekt seiner Hingabe. Er ist ein ewig Suchender, ein Idealist im pragmatischen Hochbarock. Casanova war ein moderner Mensch, der sich sein Leben jeden Tag neu erfinden musste, ein Schauspielerkind, dem niemand an der Wiege gesungen hat, dass er an Fürstenhöfen empfangen werden wird, politische Bücher schreibt, mit Voltaire, Jefferson, Katherina der Großen diskutiert, heißt: ein führender Kopf seiner Zeit wird. Diese politische Ebene „bespielen“ wir dort, wo sie in den Da-Ponte-Opern zu finden ist. Wir beginnen mit „Viva la libertà“ und enden auch damit. Wobei am Schluss der Tod die Befreiung ist …

MM: Erzählen Sie über Veronica Ferres am Set.

Sturminger: Veronica ist großartig. Sie ist ein Vollprofi und kann arbeiten bis zum … In der Bibliothek hat’s 40 Grad gehabt und wir haben ewig darin gedreht und es kam nie ein Wort. Sie ist wirklich jemand mit dem man Pferde stehlen kann, wahnwitzig vorbereitet und immer gut gelaunt. Es geht die Sonne auf, wenn sie kommt. Ein Gewinn für jedes Team und ein Motor. Und John und sie harmonieren ausgezeichnet. Die sind seit langer Zeit gute Freunde und sie treffen sich auch in ihrem Arbeitsethos. Das ist etwas, das nicht zu unterschätzen ist. Leute, die sich wichtiger nehmen, als alle anderen, können so eine Arbeit sehr schwierig machen. Diese beiden „Stars“, die so unfassbar kein Geld für diese Produktion bekommen haben, weil wir keines hatten, sehen sich als Teil des Ganzen und drehen an den Rädchen, bis sie ineinander greifen. Außerdem sind sie rührend zum Stab: John hat beispielsweise der verkühlten Regieassistentin Kräutertee aufgebrüht, damit es ihr besser geht.

MM: Martin Haselböck und das Originalklangorchester Wiener Akademie waren für den „guten Ton“ zuständig. Sie sind nicht nur nahe liegender Weise bei Mozarts „Don Giovanni“ geblieben, sondern haben sich musikalisch auch bei „Così fan tutte“ und „Le nozze de Figaro“ bedient.

Sturminger: Der Film ist ein eigenes Werk, da musste auch musikalisch was Neues passieren. Also alle drei Da-Ponte-Opern. Außerdem haben wir ein paar Adagios geplündert. Wir haben Themen gewählt, die mit dem Inhalt und diesem Klangkörper zu tun haben. Die Szene, in der Jonas Kaufmann Casanova auf der Bühne ersticht – während der alte Casanova in Veronica Ferres‘ Armen stirbt -, ist ein Terzett aus „Così“, der Graf Branicki ist eine Partie, die Jonas so nie singen würde, weil sie für einen Bariton geschrieben ist. Wir nehmen uns alle Freiheiten, auch musikalisch. Martin Haselböck und sein Orchester bringen eine Qualität ein, die unvergleichlich ist.

MM: Apropos, Qualität: Auch das Sängerensemble liest sich wie ein Who-is-Who der internationalen Opernwelt: Florian Boesch, Anna Prohaska, Jonas Kaufmann … Die haben alle sofort Ja gesagt, obwohl sie nur minutenlange Szenen haben?

Sturminger: Ja, (er lacht) der Name Malkovich zieht schon. Mit John zu spielen, ist schon lustig. Die meisten kannte ich auch gut, weil ich bereits mit ihnen gearbeitet habe, einige kannte ich nicht, sondern hab’ sie einfach angeschrieben. Ich musste niemanden lange überreden. Barbara Hannigan ist drei Mal angeflogen, hat gleichzeitig mit Simon Rattle geprobt. Anna hatte nur einen Tag frei. Jonas war bei den Salzburger Festspielen und hat als Gage nur um den Flug gebeten. Kerstin Avemo, die die Leonilda singt, hat schon mit Haneke die „Così“ gemacht. Bellino ist Kate Lindsey, die sonst an der MET singt. Fanny Ardant war die Lucretia. Ich bin ganz gerührt, wenn ich denke, was die alles gemacht haben, und was ich ihnen dafür nicht bieten konnte. Das ist kein Scherz, meine Frau Renate Martin hat als Kostümbildnerin bis in die Nacht hinein Blüten auf Röcke gestickt, weil wir eine Bildopulenz wollten, die wir uns eigentlich nicht leisten konnten. Wir wollten ein großes sinnliches Vergnügen schaffen. Menschen, die hemmungslos schön sind. Fazit: Mit ein bissl Geschick kann man alles teuer aussehen lassen (er lacht wieder).

MM: Sie zieht’s jetzt zurück zum Theater.

Sturminger: Mich zieht’s immer dort hin, wo Aufgaben und Menschen warten, die mich interessieren. Im März kommen zunächst die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von den Bregenzer Festspielen ans Theater an der Wien. Dann inszeniere ich am Landestheater Niederösterreich Maxim Gorkijs „Sommergäste“. Das hat am 24. April Premiere und ich freue mich sehr, weil ich immer schon mit Intendantin Bettina Hering arbeiten wollte. Und bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf, deren Intendant ich ja seit dem vergangenen Jahr bin, inszeniere ich Shakespeares „Sturm“. Mit Andreas Patton als Prospero.

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www.filmladen.at

www.mottingers-meinung.at/michael-sturmingers-casanova-variations-in-san-sebastian

Wien, 19. 1. 2015

Sturmingers „Casanova Variations“ in San Sebastián

September 16, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Film kommt im Dezember in die heimischen Kinos

Bild: © Amour Fou Vienna

Bild: © Amour Fou Vienna

Michael Sturmingers Film „Casanova Variations“ mit John Malkovich in der Hauptrolle wird im Wettbewerb von San Sebastián (19. bis 27. September) seine Weltpremiere haben. In weiteren Rollen sind zu sehen: Veronica Ferres, Florian Boesch, Miah Persson, Anna Prohaska, Fanny Ardant, Jonas Kaufmann, Maria Joao Bastos, Lola Naymark, Kerstin Avemo, Kate Lindsey uvm. Der Film kommt im Dezember  in die österreichischen Kinos.

Inhalt: Mozart meets Malkovich meets Casanova: Das ist, kurz zusammengefasst, die Essenz der „Casanova Variations“ von Michael Sturminger. Mit der Bildgewalt des Kinos, der Intimität des Theaters und der Leichtigkeit der Opernmusik wurde die Geschichte Giacomo Casanovas nun von Michael Sturminger auf die Leinwand gebannt. Und da keiner den legendären Venezianer so selbstverständlich verkörpern kann wie er, steht er auch für den Film als Hauptdarsteller vor der Kamera: John Malkovich. In der Rolle der Elisa steht ihm keine Geringere als Veronica Ferres zur Seite. Unterstützt werden sie von hochkarätigen Sängern: Dem Bariton Florian Boesch als singendem Casanova, Anna Prohaska als Caterina, Miah Persson als Elisa II und dem mehrfach ausgezeichneten, weltberühmten Tenor Jonas Kaufmann als Graf Branicki.

Drehbuch & Regie: Michael Sturminger
Co-Autor: Markus Schleinzer
Orchester: Wiener Akademie
Musikalische Leitung: Martin Haselböck

Interview mit John Malkovich

Wer ist für Sie Giacomo Casanova?

Casanova ist für mich eine spannende historische Figur, die ein sehr ereignisreiches und interessantes Leben geführt hat und dann auch noch gut und fesselnd darüber geschrieben hat.

Sie haben den Casanova bereits auf der Bühne gespielt und nun vor der Kamera. Was machte für Sie den Unterschied aus?

Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Die Bühne lebt, sie ist organisch. Film ist da ganz anders. Viele meinen, eine Kamera würde nicht lügen. Ich sage dann immer, dass eine Kamera genau dafür da ist – nämlich um gut zu lügen. Filme sind viel stärker manipuliert und fabriziert. Und sie werden immer Stückchenweise hergestellt, auch wenn in diesem Fall ein solches Stück jeweils mehrere Minuten dauert.

Wie unterscheidet sich die Rolle auf der Bühne und im Film?

Ich glaube nicht, dass die Rolle selbst sehr viel anders ist als auf der Bühne, aber der Rahmen ist natürlich ein ganz anderer. Auf der Bühne gab es neben mir als Casanova nur drei andere Schauspieler, die alle anderen Rollen spielten, und das waren eine ganze Menge. Im Film haben wir für jede Rolle eigene Schauspieler und Sänger.

Michael Sturminger, der schon das Stück inszenierte, ist nun auch der Regisseur des Films. Wie unterscheidet sich seine Arbeit auf der Bühne und hinter der Kamera?

Michael war immer sehr gut vorbereitet und er wusste genau, was er wollte. Er war bei der Arbeit am Film immer noch viel genauer als er es beim Bühnenstück war. Er wusste genau, was er sehen wollte, und wir haben es durchgezogen. So sind wir sogar einen Tag früher fertig geworden als geplant.

Wie war die Zusammenarbeit mit Veronica Ferres?

Veronica ist eine sehr gute Freundin von mir. Die Rolle passt hervorragend zu ihr und sie hat eine fantastische Arbeitsmoral. Veronica ist die Art von Schauspielerin, die nach einem 12-oder 13-stündigen Drehtag auf der Rückfahrt im Auto noch mit dir proben möchte. Sie ist unglaublich diszipliniert und ernsthaft in ihrer Arbeit. Bei aller Ernsthaftigkeit ist sie aber auch ein sehr lustiger Mensch und eine amüsante Gesellschaft.

Wie ist es für John Malkovich, nun schon zum zweiten Mal nach Being John Malkovich John Malkovich zu spielen?

Ehrlich gesagt hatte ich diesbezüglich gemischte Gefühle. Aber es erschien logisch, da ich nun schon vier Jahre mit Michael Sturminger, Martin Haselböck und der Wiener Akademie gearbeitet habe. Ihnen gehörte ein bestimmtes Zeitfenster in meinem Leben und sie haben dabei erlebt, wie es ist, sich in meinem unmittelbaren Umfeld zu bewegen. Zunächst einmal war das für Michael vermutlich interessanter als für mich, da es ja auch seine Aufgabe als Regisseur und Drehbuchautor war, das umzusetzen. Diese Erfahrungen hat Michael auch in das Drehbuch einfließen lassen, und im Film ist es als dritte Ebene auch bestens aufgegangen.

www.thecasanovavariations.com/en

Wien, 16. 9. 2014

Akademietheater: Parzival

April 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

David Bösch bleibt ein Berufsjugendlicher

Lucas Gregorowicz Reinhard Werner/Burgtheater

Lucas Gregorowicz
Reinhard Werner/Burgtheater

Es gab vor einiger Zeit eine „Parzival“-Interpretation der Jungen Burg, die hatte Witz und Charme und ging mit viel Verstand mit dem Inhalt dieser uralten Legende um. In „Short Cuts“ wurde dem Publikum näher gebracht, wie da ein Naturbursche, ein reiner Tor, mit Betonung auf „rein“, zum Rasenden wird. Quellen und Interpretationen gibt es viele. Und Irrtümer. In John Boormans „Excalibur“ lässt der Regisseur seinen Helden auf die Frage: „Wem dient der Gral?“ die dümmste Antwort der Filmgeschichte geben.

Nun also: Akademietheater. David Bösch. Tankred Dorst. Letzterer notierte einmal, beim Schreiben seines „Parzivals“ habe er manchmal an „die deutschen Jungen gedacht“, die „einfältig-hochmütig gen Stalingrad gefahren“ wären. Und eingefahren sind. Von deutscher Schuld ist da die Rede. „Wenn du unter Menschen kommst, bringen sie dich um“, erklärt ihm die Mutter jahrelang die selbstgewählte Waldeinsamkeit. Doch jeder muss sich vom entsetzlichen Zustand der Welt einmal selbst überzeugen. Und so bricht er auf. In die Wiener Lisztstraße. Dort wird er gleich einmal in ein dreckbeschmiertes Müllhaldenkind verwandelt. Mit kurzer Hose und Kaputzenjacke schlägt er sich durch ein Armageddon, das er selber anrichtet. Besungen von Musiker Bernhard Moshammer. Dessen Rockballaden, live vom Balkon, treiben die Handlung mehr voran als das szenische Spiel. Regisseur Bösch zeichnet dazu einen atemberaubenden Bilderbogen … und … aus. In dieser Geschichte einer Menschwerdung wird Bösch nicht zur Erlösergestalt. Er macht sich’s 90 Minuten lang lustig und hofft, dass sich das Publikum mit ihm gut unterhält. Sind wir nicht alle comic, Mann? Komisch.

Seit Bösch an der Burg inszeniert – „Adam Geist“, „Stallerhof“, „Gespenster“, „Der Talisman“, „Mutter Courage“ – zeigt er more of the same. Das heißt nicht, dass das nicht dann und wann sehr sehenswert war, aber: Will Bösch als one trick pony in die Annalen eingehen? Das jugendliche Genie, kürzlich erst in höchsten Tönen gelobt, verkommt am Haus zum Berufsjugendlichen. Jeder Anflug von Ernst wird durch lustige Einfälle hurtig wieder verscheucht. Routiniert spielt Bösch mit den Versatzstücken der Ritterkultur. Von den Eisenherz-Heftln bis zu den „Rittern der Kokosnuss“. Viel grell-grausliche Oberfläche, kein Tiefgang. Dass der Tümpel in dem der Abend vor sich hindümpelt nicht völlig austrocknet, ist den Schauspielern zu danken: Lucas Gregorowicz als spielfreudiger Parzival, Regina Fritsch als leicht pathetische, aber doch raue Mutter, Dietmar König, Daniel Jesch und Oliver Stokowski. Als der nackte Mann, der sein Karton-Haus auf dem Rücken wie eine Schnecke mit sich herumträgt, vor Mitgefühl mit der Welt vergeht und doch ein Egoist ist, gibt er eine abenteuerliche Abart von Wahnsinn, die besser ist, als der Rest des Ganzen.

Ansonsten bleibt das Mitleid aus. Bei Parzival und beim Publikum. Würde man Böschs Abend ein Kinderspiel nennen, man würde die beleidigen, die diese schwere Kunst beherrschen.

Bernhard Moshammer

www.burgtheater.at

Wien, 29. 4. 2014

David BöschD
David Bösch

David Bösch