Bronski & Grünberg: Julius Caesar

November 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Despotin trägt Leopardenpelz

Konfrontation vorm Kapitol: Sophie Aujesky als Julius Caesar, Josef Ellers als Brutus, Franziska Hetzel als Marc Anton. Bild: © Philine Hofmann

Das Bronski & Grünberg hat Helena Scheubas Shakespeare-Überschreibung von „Julius Caesar“ wiederaufgenommen, und wer die brillante Produktion bis dato versäumt hat, dem sei sie nun wärmstens empfohlen. Nach „#Werther“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24657) und „Richard III.“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26488) ist dies die dritte Zusammenarbeit der Theatermacherin mit der Progressiv-Boulevard-Bühne, und einmal mehr versteht sie es einen Klassiker der Weltliteratur ganz ohne Gewaltanwendung frech und frisch und flott zu machen.

Das heißt, Scheuba lässt die Handlung strikt entlang des Originals ablaufen, hat aber den Shakespeare’schen O-Ton ins Heute weiterentwickelt – was die 400 Jahre alten Zitatenschatzsätze des britischen Barden, vom ersterbenden „Et tu, Brute?“ über die Spottrede auf den „ehrenwerten Mann“ bis zum angedrohten Wiedersehen bei Philippi, mit einer aktuellen Brisanz ausstattet, und dem absolutistisch-elisabethanischen Konfliktstoff, interpretiert mal pro, mal contra Tyrannenmord, sozusagen neue Sprengkraft verleiht. Scheuba scheut sich nicht, anhand ihrer Schauspieler

Sophie Aujesky und Josef Ellers eindeutiger als die Vorlage zu definieren, wer gut und wer böse ist. „Wir leben in unruhigen Zeiten“, lässt sie die Verräter-Poetin Cinna sagen. Die Kostüme von Raphaela Böck sind modern, Lederjacke, Rollkragenpullover und Kleines Schwarzes, die Bühne von Niklas Murhammer und Pauline Scheuba ist mit Plakaten zugeklebt, mittels derer für eine „Alle Wege führen nach Rom“-TaxiApp, einen xxx-Shop namens „Veni, Vidi, Veni“ und das Getreideprodukt „Brotus – Alles für die Ähre“ geworben wird – die Affichen allerdings die einzigen Zugeständnisse ans groteske Bronskieske, die Aufführung ansonsten von großer Ernsthaftigkeit. Der Clou des Ganzen ist ein anderer, nämlich, dass Scheuba die Shakespeare-Figuren gegendert hat.

Calpurnias Albträume und Todesängste halten Caesar nicht auf: Felix Krasser und Sophie Aujesky. Bild: © Philine Hofmann

Ein Freiheitskämpfer verfängt sich im Intrigenspiel: Josef Ellers‘ Brutus ist tatsächlich ein ehrenwerter Mann. Bild: © Philine Hofmann

Statt beleibter Männer lasst also gefährliche Frauen um mich sein, auftritt die fabelhafte Sophie Aujesky als Julius Caesar, die Despotin umhüllt von Leopardenpelz und einer Aura des Jovial-Gönnerhaften, die Aujeskys souveränes Spiel alsbald als Maske vor dem Willen zur Macht enttarnt. Um nichts weniger als Teufelin aus Teflon präsentiert sich Franziska Hetzels Marc Anton, gerade wurde ihr die Krone im doppelten Wortsinn nicht abgenommen, nun steht sie mit Coffee-to-go-Becher da, um ihren nächsten Schritt auszuklügeln. Alma Hasun will als Mordkomplott schmiedende Cassius

den darob irritierten Brutus für ihre Idee zu den Iden des März instrumentalisieren. Felix Krasser warnt als sorgenvoller, von Albträumen geplagter Calpurnia die Gattin vor dem Gang zum Kapitol. In schnellem Takt wechseln die Darstellerinnen die Charaktere, vor allem die wunderbar wandel- bare Samantha Steppan hat diesbezüglich von Patrizier bis Plebs misera eine Menge zu tun. Die Viererbande gestaltet die Casca als zynisch und tratschsüchtig, die Lepidus als Langweilerin, die Marc Anton schnell loszu- werden gedenkt, schließlich eine kühl-reservierte Octavian, die buchstäblich über Leichen geht.

Es ist Josef Ellers, dem mit dem Brutus nur eine Rolle überantwortet ist, und der macht aus Caesars Ziehsohn tatsächlich einen ehrenwerten Mann. Sein Brutus ist ein gehetzter Freiheitskämpfer, der dem routinierten Intrigenspinnen der anderen nicht gewachsen scheint. Wenn er sagt, die Rüstung, mit der er in die Schlacht ziehe, sei die Aufrichtigkeit, so glaubt man das sofort. Seit James Mason war kein Brutus mehr ein derart an seiner Tat zweifelnder, an ihr verzweifelnder Sympathieträger, und, dass die Auseinandersetzung mit Aujeskys Caesar durch den Geschlechtertausch einen erotischen Anstrich bekommt, ist nur eine der Besonderheiten dieses Abends – dessen Herzstück der Streit zwischen Brutus und Cassius ist, sie heißblütig, er scheinbar stoisch in seinem Schmerz, aber wegen des Suizids seiner Ehefrau Portia mit in Tränen schwimmenden Augen.

Die Verschwörer unterwegs zum Schlachtfeld: Josef Ellers, Felix Krasser, Samantha Steppan und Alma Hasun. Bild: © Philine Hofmann

Lucius beweint Brutus: Samantha Steppan mit Josef Ellers, hi.: Alma Hasun, Felix Krasser und Sophie Aujesky. Bild: © Philine Hofmann

Seit 44 v. Chr. weiß man, wie schnell die politische Stimmung umschlagen kann, die Revolution frisst ihre Kinder, Destiny’s Child singen „Survivor“, und es ist der ultimative Gänsehautmoment, wenn Octavian, die davor schon Großonkels Leopardenmantel übergeworfen hat, nun dem toten Brutus eine rotzige Würdigung hinterherwirft, bevor sie sich einen protzigen Löwenring an den Finger steckt. Es lebe Augustus! oder: Wie’s zugeht, wenn das Gesetz ausgehebelt und eine Republik niedergerissen wird.

Mit ihrem zeitgenössischen Zugriff auf die Tragedy muss Scheuba auf keinen Gegenwartsbezug pochen, muss auch keine krampfhaften Parallelen zum Jetzt ziehen, ihre „Julius Caesar“-Adaption ist rundum geglückt – und beglückend ist das authentisch agierende Ensemble, das sich seiner theatralen Aufgabe mit überbordender Spielfreude in die Arme wirft.

www.bronski-gruenberg.at

Teaser: www.facebook.com/joe.ellersdorfer/videos/10220687349313172           www.facebook.com/helena.scheuba/videos/10222126693822621

  1. 11. 2019

Ute Bock Superstar

Januar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit trockenem Humor gegen die Herzlosigkeit

Ute Bock: Hommage an die Menschenrechtsaktivistin. Bild: © Stadtkino Filmverleih

„Ich habe einen Vogel, aber es gibt viele Leute, die meinen Vogel unterstützen“, so zitiert Bundespräsident Alexander van der Bellen Ute Bock beim Lichtermeer zu ihren Ehren. Am 19. Jänner 2018 ist die große Menschen- rechtsaktivistin und Flüchtlingshelferin gestorben, am 2. Februar trafen sich tausende Menschen auf dem Wiener Heldenplatz, um von ihr Abschied zu nehmen.

Mit Van der Bellens Ausspruch „Ute Bock ist ein Symbol für die Hilfe, die wir geben können, wenn wir wollen“ eröffnet Filmemacher Houchang Allahyari seine Dokumentation „Ute Bock Superstar“, die am Freitag in den Kinos anläuft. Es ist nach „Bock for President“ und „Die verrückte Welt der Ute Bock“ seine dritte Arbeit über seine ehemalige Schwägerin, Allahyari war mit Bocks Schwester Helga verheiratet, und das Besondere diesmal ist der familiäre Aspekt. Allahyari beleuchtet mithilfe von privaten Fotos und Filmaufnahmen nicht nur Ute Bocks Wirken, sondern auch ihr Werden. Vom Elternhaus mit einem dem Nationalsozialismus durchaus zusprechenden Vater, von dem sie sich früh distanzierte, über ihre Zeit als Erzieherin, später als Heimmutter im Gesellenheim Zohmanngasse, eine Einrichtung für Jugendliche, die als „schwierige Fälle“ galten, bis in den 1990er-Jahren die ersten Flüchtlinge aus Jugoslawien und Afrika kamen und sie schließlich ihren Verein gründete (www.fraubock.at).

Auch die Drogenrazzia im Herbst 1999 lässt er nicht aus, es sei, sagt er im Interview mit mottingers-meinung.at, noch Ute Bocks ausdrücklicher Wunsch gewesen, dass die im Film vorkommt, weil nichts ausgelassen werden sollte. „Ute Bock Superstar“ ist die Begegnung mit einer bewunderungswürdigen Persönlichkeit, die für sich in Anspruch nahm, nichts Außergewöhnliches, sondern nur das zu tun, was normal sei. Einem Obdachlosen ein Dach über dem Kopf zu geben, einem Hungernden zu essen. Mit trockenem Humor begegnet Bock der gesellschaftlichen Herzlosigkeit, man sieht sie granteln, wenn’s nicht nach ihrem Kopf geht, bei ihren Immer-wieder-Abrutschern erst hantig sein, dann natürlich hilfsbereit – und einmal, wie ihr der Geduldsfaden reißt.

Beim Lichtermeer zu Ute Bocks Ehren auf dem Heldenplatz … Bild: © Stadtkino Filmverleih

… sprach auch Bundespräsident Alexander van der Bellen. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Und gerade dieses von Allahyari ausgestellte Auch-nur-ein-Mensch-Sein, ist es, was Ute Bock als Symbol, als moderne Heldin, als „Superstar“ greifbar macht. Alles Zuschreibungen, sagt Allahyari, über die sie sich nur lustig gemacht, die sie weit von sich gewiesen hätte. Etliche Male zeigt sein Film Ute Bock auf Bühnen, in Universitäten vor Studenten, bei der Viennale vor deren Publikum, und ja, es entsteht der Eindruck, sie hätte den Applaus schon genossen. Nicht den für sich, den für die Sache.

Allahyari lässt Familienmitglieder, Ex-Frau Helga, seine Söhne Tom-Dariusch und Kurosch, dieser bei Purple Sheep engagiert, seine Tochter Petra, zu Wort kommen. Er spricht mit Josef Hader, Karl Markovics oder Hans Peter Haselsteiner, der das Heim Zohmanngasse von der Gemeinde Wein kaufte, sanierte und so das „Ute Bock Haus“ entstehen ließ, und der Pflegerin in ihren letzten Wochen. Ehemalige Zöglinge erzählen von Ute Bock, Anekdoten und private Eindrücke.

Und in eigentlich jedem Gespräch fallen die Worte „Ehrfurcht und Respekt“ und „Ersatzmutter“ und „Mama Bock“, so wie Bock ihre Schützlinge ihre Kinder nannte. In einer Sequenz sieht man sie an ihrem Grab stehen, Allahyari zeigt auch die, die nach wie vor und gerade in der derzeitigen politischen Stimmung Schutz brauchen. Ein 18-jähriges Mädchen, Schülerin mit Bestnoten, mit dem Vorsatz Tourismus-Management zu studieren, bevor sie ihren Abschiebebescheid bekam. Kinder von Geflüchteten, die ohne Scheu und in schönstem Wienerisch in die Kamera sagen, einmal Koch werden zu wollen, oder Polizist. Kinder, die sich ganz selbstverständlich als hierher gehörig empfinden – weil sie gar kein anderes Zuhause kennen.

Ute Bocks Schützlinge an ihrem Grab. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Ute Bock war keine Jausengegnerin, wenn es darum ging, sich für Menschen in Not einzusetzen. Schlagfertig und um klare Worte nie verlegen, wies sie Gegner an ihrem Handeln in die Schranken. Dass ihre diesbezügliche Kompromisslosigkeit, ihre trotz aller Widerstände Unbeirrbarkeit, ihre Zivilcourage beispielgebend sind, auch das sieht man.

„Ute Bock Superstar“ ist ein inspirierendes Plädoyer für soziales Engagement, und ein Beleg dafür, dass es das andere Österreich immer noch gibt. Katze Mutzi kommt selbstverständlich auch vor, sie lebt nun bei Nichte Petra.

Houchang Allahyari im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31182

Trailer: vimeo.com/303082307

stadtkinowien.at

  1. 1. 2019

Ute Bock Superstar: Houchang Allahyari im Gespräch

Januar 8, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Eine Zeit mit einer seltsamen Weltanschauung“

Ute Bock Superstar: Regisseur und Schwager Houchang Allahyari würdigt das Werk der großartigen Menschenhelferin. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit seinem Dokumentarfilm „Ute Bock Superstar“, der am 18. Jänner in den Kinos anläuft, würdigt Regisseur Houchang Allahyari die große Menschenrechtsaktivistin, die vor einem Jahr verstarb. Allahyari zeigt das Vermächtnis seiner Schwägerin. Familienangehörige und Mitarbeiter, ehemalige Zöglinge und Flüchtlinge, Kinder und Erwachsene, Politiker und Prominente erzählen von Begegnungen und Erlebnissen.

Und schaffen das schillerndes Bild einer einfachen Frau, die Unglaubliches geleistet hat. „Ute Bock Superstar“ geht von der Lücke aus, die ihr Tod hinterlässt und stellt die Frage, ob diese Gesellschaft nicht mehr denn je eine Symbolfigur für Menschlichkeit braucht. Eine Rolle, die Ute Bock immer abgelehnt hat, denn was sollte daran symbolisch sein, einem Hungernden zu essen und einem Obdachlosen Quartier zu geben – wie Houchang Allahyari im Gespräch berichtet:

MM: Was mir an Ihrem Film am besten gefallen hat, ist, dass er in politischen Zeiten wie diesen das andere Österreich zeigt, dass er Menschen zeigt, die sich engagieren, die auf die Straße gehen, die nicht bereit sind, alles nur so hinzunehmen. Das war für mich das schönste Erlebnis, als ich „Ute Bock Superstar“ gesehen habe.

Houchang Allahyari: Dieses Erlebnis wollte ich auch haben. Wir leben in einer Zeit mit einer seltsamen Weltanschauung. Alles dreht sich um die Ökonomie, um Geld und wie man dazu kommt, und die Menschlichkeit ist in den Hintergrund getreten. Das ist auch meine Begeisterung für Ute, dass sie immer nur ein Mensch bleiben und nie etwas besonderes sein wollte. Diese Frau hatte eine Einfachheit, die einen berührte. Für sie war völlig klar, dass mitten in Europa niemand hungern oder ohne Dach über dem Kopf sein sollte. Ich bin froh, dass ich in einem Land lebe, in dem es solche Menschen gibt, sie helfen mir, auch, wenn das politische Klima kälter wird, was Österreich betrifft, optimistisch zu bleiben.

MM: Sie haben mit Ihrem neuen Film, nach „Bock for President“ und „Die verrückte Welt der Ute Bock“, eine Bock-Trilogie vollendet. Warum ist Ihnen dieser dritte Teil ein Anliegen, hatten Sie das Gefühl, die Geschichte ist nicht fertigerzählt?

Allahyari: „Ute Bock Superstar“ ist mir ein enormes Anliegen, weil ich möchte, dass dieser Name den Leuten weiter im Gedächtnis bleibt. Ich bin zwar nicht so sehr für symbolische Dinge, weil mir die Realität immer wichtiger ist, aber in diesem Fall glaube ich, die Menschen brauchen Ute als Symbol. Ihr Tod reißt ein riesiges Loch in unsere Gesellschaft, aber was sie getan hat, soll überdauern und anderen ein Vorbild zum Handeln sein. Deshalb wollte ich diesen dritten Film machen, obwohl sehr viele dagegen waren, weil sie meinten, es sei mit zwei Filmen genug, von denen es im ersten Teil um ihre Arbeit geht, und im zweiten ihre Erzählungen, die ich dokumentarisch ja nicht erfassen konnte, von Schauspielern und Ute selbst dargestellt wurden.

MM: Dieser Film nun …

Allahyari: … ist persönlicher, handelt auch davon, wie Ute Bock zu Ute Bock wurde. Da diesmal die engste Familie, die immer um sie war, zu Wort kommt, können wir das Phänomen noch einmal von einer anderen Seite beleuchten. Ich dachte, wenn ich das nicht mache, wer sollte es sonst tun? Ich kenne Ute seit mehr als 50 Jahren, wir haben so viel zusammengearbeitet. Sie hat auch mir sehr viel geholfen, so gesehen ist diese Frau für mich ganz hoch oben, für die ganze Familie ist sie das, und das hat mich bewogen, noch einen Film zu machen.

MM: Ute Bock war früher Ihre Schwägerin. Im Film zu Wort kommen Ihre Ex-Frau Helga, Ihre Söhne Tom-Dariusch und Kurosch, Ihre Tochter Petra zu Wort, man sieht alte Familienfotos … Da gab es offensichtlich noch sehr viel Material, das Sie aufarbeiten wollten?

Allahyari: Selbstverständlich. Das ist Material, das die Familie und ich selbst gehabt haben, vieles haben wir extra für den Film und das zeitgleich erscheinende Buch zusammengesucht.

MM: Tut sich der Verein Ute Bock (www.fraubock.at) nun schwerer, da das Aushängeschild nicht mehr unter uns ist?

Allahyari: Es ist schwer für mich, diese Frage zu beantworten, weil ich in die Vereinsangelegenheiten nicht involviert bin. Ich nehme an, dass es nicht einfach ist. Ich wünsche allen Institutionen in Österreich, nicht nur dem Ute Bock Haus und dem jüngst gegründeten Bildungszentrum, dass ihr Engagement gewürdigt und auch finanziell wertgeschätzt wird. Ich bewundere alle, die sich um andere Menschen kümmern, bei deren Arbeit der Mensch im Vordergrund steht, egal, ob Österreicher oder Ausländer.

MM: Ihr Sohn Kurosch geht ja beruflich auch in diese Richtung.

Allahyari: Ja, er ist total infiziert von der Tante. Er arbeitet zusammen mit seiner Lebensgefährtin bei Purple Sheep und im Schützenhaus.

Wegbegleiter: Houchang Allahyari im Gespräch mit Josef Hader. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Für Allahyari ein berührender Filmmoment: Ute Bocks Schützlinge sprechen an ihrem Grab. Bild: © Stadtkino Filmverleih

MM: Im Gespräch mit Kurosch lassen Sie auch von ihm betreute Kinder zu Wort kommen. Das geht einem richtig ans Herz.

Allahyari: Ja. Diese Kinder haben so viel Hoffnung, die denken nicht daran, dass sie Flüchtlinge sind, die verstehen sich als hierher gehörig, die reden teilweise schon mit Wiener Dialekt, die wollen Polizist oder Koch werden, wenn sie groß sind. Man sieht, dass sie in die Gesellschaft hier eingebettet sind, und dass sie hier vorwärtskommen wollen.

MM: Wer diese Szenen sieht, kann gar nicht auf die Idee kommen, jemanden wieder wegzuschicken – sollte man glauben.

Allahyari: Aber das 18-jährige Mädchen, mit dem ich gesprochen habe, wird ausgewiesen werden.

Ich hoffe immer noch, dass sich eine andere Lösung findet, weil sie eine 100-prozentige Österreicherin ist. Sie plante ja auf die Tourismusfachschule zu gehen und auch zu studieren.

MM: Wie haben Sie Ute Bock kennengelernt?

Allahyari: Ich habe als junger Student, eine hübsche Frau kennengelernt, das war Helga, und Ute eben ihre Schwester. Als wir dann Kinder hatten, hat Ute öfter auf sie aufgepasst, und als sie in der Zohmanngasse im Lehrlingsheim gearbeitet hat, war ich Psychiater in einer Haftanstalt gearbeitet, da hatten wir immer wieder gemeinsame Klienten. Dann habe ich auch die Jugendlichen in der Zohmanngasse betreut, und schließlich hatte ich die Ehre, Ute selbst in ihrer letzten Zeit medizinisch zu betreuen. So ist unser Band immer fester und fester geworden. Es war wirklich eine schöne Freundschaft zu dieser Frau.

MM: Ein Wort, das bei Ihren Gesprächspartnern regelmäßig fällt, ist Respekt. War sie so respekteinflößend, hatte Frau Bock auch eine weiche Seite?

Allahyari: Ja. Wenn sie mit ihrer Katze spielte. Die Härte war für sie ein Schutzmantel vor der Machtlosigkeit. Sie konnte wahnsinnig grob sein, auch zu mir, ich nenne das ihren Wienerischen Charme. Aber sie hat manchmal wirklich nicht gewusst, was sie noch anstellen soll, um helfen zu können. Sie hat nie Nein sagen können, wenn jemand etwas brauchte, das war ihre weiche Seite.

MM: Wenn man sie im Film so auf diversen Bühnen stehen sieht, hat man den Eindruck, dass Frau Bock den Applaus und die Aufmerksamkeit auch genossen hat.

Allahyari: Sie hat schon Freude daran gehabt, vor allem, wenn sich die Gelegenheit bot, jungen Leuten etwas zu vermitteln und mit ihnen zu diskutieren. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie sich als Star fühlte, das kommt von mir, Ute würde sich darüber nur lustig machen. Den Titel „Bock for President“ gab es zuerst auf T-Shirts, von dort habe ich ihn genommen. All das ist von außen gekommen. Utes Bestreben war nie, ein Star zu werden, aber natürlich war ihr bewusst, je bekannter sie wird, umso mehr Geld wird für den Verein gespendet. Das war ihr wichtig.

MM: Weil Sie von den T-Shirts sprechen: Der Name ist ja längst eine Trademark. Es gibt „Bock auf Kultur“, „Bock auf Bier“, Laptophüllen, Taschen, sogar Babybodys mit Aufdruck …

Allahyari: Sie hat selbst immer Witze gemacht darüber. Sie sagte zum Beispiel über „Bock auf Bier“: Meine Kinder beschweren sich, dass ich nicht will, dass sie Alkohol trinken, und jetzt mache ich selber Werbung für Bier. Sie hat eben alles versucht, um zu Geld zu kommen. Dolores Schmidinger hat einmal zu ihr gesagt: Frau Bock, Sie sind die Mutter Teresa von Österreich. Und Ute darauf: Na, da ist ein Unterschied. Mutter Teresa bekommt Geld von Gott, ich nicht, ich muss betteln gehen. Diese Schlagfertigkeit und ihr schwarzer Humor waren einmalig. Diesen ätzenden Witz habe ich auch erst hier kennengelernt. Der gefällt mir irgendwie.

Bundespräsident Alexander van der Bellens Rede beim Lichtermeer zu Ehren von Ute Bock. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Tausende Menschen kamen, um Abschied zu nehmen. Bild: © Stadtkino Filmverleih

MM: Haben Sie, als Sie nach Wien kamen, lange gebraucht, um sich an diese Mentalität zu gewöhnen?

Allahyari: Sowieso, aber jetzt bin ich derart drinnen, dass ich Schwierigkeiten habe, wenn ich in meiner Heimat bin, weil ich falsch verstanden werde. Im Iran ist die Kultur eben eine andere.

MM: Sie schneiden im Film kurz die Operation Spring von 1999 an, wo es in der Zohmanngasse eine Drogenrazzia samt anschließendem Skandal gab. Das hat Frau Bock sehr gebeutelt, wie man sieht.

Allahyari: Ja, diese Episode wollte sie in den Film einbringen, sie hat davon erzählt, ich hätte es weggelassen. Das war für sie wirklich eine schwierige Sache.

Denn wenn in ihrem Haus gedealt wird, ist auch sie eine Dealerin. Ute hatte gerade einen Preis bekommen, und gleichzeitig wurde sie vom Dienst suspendiert und später pensioniert. Gott sei Dank stand die Presse sehr hinter ihr.

MM: Was war während der Dreharbeiten Ihre berührendste Begegnung?

Allahyari: Berührt war ich, als Utes Kinder, ihre Flüchtlinge, an ihr Grab gekommen sind. Das war für mich so emotional, dass ich die Szene im Film erst gar nicht verwenden wollte. Berührend war für mich auch das Lichtermeer, wo tausende Menschen von Ute Abschied genommen haben, auch die Rede von Alexander van der Bellen. Das war für mich sehr wichtig, was er über die Menschenrechte gesagt hat, dass sie für manche nur ein Papier sind, das man wegwerfen kann. Wenn ein Bundespräsident so etwas sagt, dann hat das Gewicht. Dieses Lichtermeer war für mich eigentlich der Grund zu sagen, ich mache den Film.

MM: Als Sie nach Österreich kamen …

Allahyari: Als ich ins Land kam, gab es nie solche Probleme, wie heute. Wir waren Exoten, das ja, aber deswegen auch gut behandelt. Die Leute waren nett und hilfsbereit. Ich kann mich erinnern, dass ich als Student gar nichts gehabt habe, ich habe bei einem Rechtsanwalt im ersten Bezirk gewohnt und hatte nie das Gefühl, dass ich ein Ausländer bin. Diese Ausländer-Sache ist langsam gekommen und immer mehr geworden. Diese Geschichte habe ich noch niemandem erzählt: Ich habe einmal in der Zeitung gelesen, dass eine Schweizer Familie einen Studenten für einen Monat einladen würde. Ich habe hingeschrieben – und habe vier Wochen an einem wunderbaren See verbracht. Ich bin dann viele Jahre im Sommer hingefahren. Wo ist diese Freundlichkeit geblieben?

MM: Eine wie Ute Bock brauchen wir also dringend?

Allahyari: Ja, klar. Ich hoffe mehrere, nicht nur eine.

MM: Es gab ja sogar Bestrebungen den Dr.-Karl-Lueger-Platz in Ute-Bock-Platz umzubenennen.

Allahyari: Was aber nicht gemacht wurde. Dann hieß es, der Ute-Bock-Platz kommt woanders, aber passiert ist nichts. Ich werde sicher dahinter sein, eine Anfrage ans Magistrat stellen. Es wäre schön, wenn der Name Ute Bock weiter bestehen bleibt, ich kann ja nicht dauernd Filme machen.

MM: Was wünschen Sie diesem Land fürs Neue Jahr?

Allahyari: Wenn es auch kitschig klingt, Freundschaft, Menschlichkeit, ein bisschen an die anderen denken, nicht nur an sich selbst, nicht nur Geld für wichtig halten. Sicher, ohne geht’s nicht, aber so wichtig ist es auch wieder nicht. Ich hoffe, dass die Menschen in Österreich wieder eine Einheit werden, ich wünsche mir, dass es keine Spaltung der Gesellschaft mehr gibt. Ich weiß, das wird es nicht geben, aber wünschen darf man ja. Ich wünsche mir, dass man den Menschen als Mensch betrachtet, egal, welche Herkunft, Hautfarbe oder Religion er hat. Und ich wünsche mir, das sage ich jetzt als Psychiater, dass die Menschen für sich eine Normalität finden.

Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=31289

Trailer: vimeo.com/303082307

stadtkinowien.at

8. 1. 2019

Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

www.einsamkeitundsexundmitleid.x-verleih.de

www.facebook.com/einsamkeitundsexundmitleid

Wien, 6. 5. 2017

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014