Burgtheater: Medea

Dezember 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Magierin endgültig entzaubert

Die Söhne zeigen Clara das Sex-Video ihrer Eltern: Steven Scharf als Lucas, Caroline Peters als Anna, Mavie Hörbiger als Clara, Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Regisseur Simon Stone, für seine Stückeüberschreibungen so gerühmt wie gerügt, hat diesmal nach dem Medea-Mythos gegriffen, und zeigt seine vor vier Jahren über Amsterdam und London entwickelte und immer noch durch Europa tourende Arbeit nun als deutschsprachige Erstaufführung am Burgtheater. „Nach Euripides“ nennt er bescheiden sein Elaborat, und mit dieser Art Etikettenschwindel ist es so eine Sache.

Denn einerseits hat Stone mit seinem trivialen Text die der Magie mächtige Königstochter aus Kolchis dermaßen endgültig entzaubert, dass ihr das von seinen Vorgängern Corneille, Grillparzer, Anouilh hochgehaltene Antikenideal des Archetypischen völlig abhandengekommen ist. Andererseits aber funktioniert seine Alltagsfrau als Bühnenfigur überzeugend gut. Was nicht zuletzt deren Darstellerin Caroline Peters zu danken ist.

Stones „Medea“ ist nicht mehr die Fremde, sondern sich selbst entfremdet, die einst Überlebensgroße nun frisch entlassene Psychiatriepatientin und gerade erst wieder nach Hause gekommen. Diese Geschichte hat Stone einem tatsächlichen Kriminalfall aus Kansas City/USA nachempfunden. Dort vergiftete eine Ärztin ihren ebenfalls Mediziner-Ehemann wegen dessen Affäre mit einer Krankenschwester sukzessive mit Rizinsamen. Als die Tat aufflog, steckte die Frau das Haus in Brand und nahm ihren Söhnen so das Leben. Simon Stone verformt nun König Kreons Korinth in ein Pharmaunternehmen, in dem Anna und Lucas Karriere mit der Entwicklung potenzfördernder Medikamente machen.

Das heißt, bald wird klar, er macht diese, sie, seine ehemalige Vorgesetzte, für die er erst nicht mehr als ein Firmenfeiernfick war (das F-Wort fällt im Text in regelmäßigen Abständen), hat auf den beruflichen Aufstieg zugunsten der Söhne Edgar und Georg verzichtet. Vorkommen des Weiteren, neben der Therapeutin Anne-Marie-Lou und Annas neuem Arbeitgeber Herbert, zwei für die Handlung entbehrlichen Figuren, Lucas‘ Geliebte Clara, die Kreusa-Rolle, sowie deren Bruder und Big Boss Christoph. Als Setting hat sich Stone von Bob Cousins einen klinisch weißen, vollkommen leeren Kubus bauen lassen, dessen obere Hälfte aus einer riesigen, auch absenkbaren Leinwand besteht, auf die man versucht ist, bald öfter zu schauen, als auf das Bühnengeschehen; die Großkaufhauskostüme sind von An D’Huys und Fauve Ryckebusch.

Verzweiflung einer Entfremdeten: Steven Scharf als Lucas und Caroline Peters als Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Tod der Clara: Mavie Hörbiger mit Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Darin brilliert die Peters. Die Schauspielerin des Jahres erschafft auch diesmal einen Charakter, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ihre moderne Medea-Anna entert das Geschehen, aufgesetzt heiter, eindeutig unter dem Einfluss von Psychopharmaka, weshalb sie, denn diese, sagt sie, halten Anna im Gleichgewicht, ihrer Situation auch satirisch begegnet. Nicht, dass das zum Lachen wäre, nein, denn Anna ist überzeugt, dass auch nach ihrem Vergiftungsversuch ein Neuanfang mit der Familie möglich ist.

Und wie Caroline Peters‘ Anna, auf der Großübertragung perfekt zu sehen, mit ihren zuckenden Gesichtszügen, mal verächtlich, mal verzweifelt verzogenen Mundwinkeln, kämpft, die eigene Seele ausgesaugt und dabei, andere Seelen auszusaugen, sich der gewesenen und der kommenden Schuld bewusst, das ist große Kunst. Die Raserei sozusagen vorprogrammiert. Was rund um die Peters passiert, ist schon bedeutend blasser.

Etwa, ebenfalls in Cinemascope, Lucas, sprachlos, den Steven Scharf als Paradebeispiel eines Pragmatikers spielt, dem die Ex peinlich im Wege steht.

Entsprechend überfordert agiert er gegenüber der fordernden Leidenschaft der Wiederkehrerin. Fast scheint’s, als hätten ihm deren Psychiater geraten, den Ball bei der ersten Begegnung flach zu halten, um die Patientin nicht aufzuregen. „Abklatsch eines Mannes“ nennt Anna ihn, und so distanziert, so neben sich steht dieser Lucas da. Und so lässt er sich auch zum Sex mit Anna hinreißen, eine Szene, die die Söhne – bei der Premiere die großartig zwischen sich in die Ecke drängendem Vater und ausgeflippt-alkoholisierter Mutter agierenden Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg – filmen, nur um das Video später Clara zu zeigen.

Dieser Clara verleiht Mavie Hörbiger ihre zarte Gestalt. Im Versuch stark zu sein, ringt sie mit Selbstbewusstsein und Selbstironie um ihre Liebe zu Lucas, Edgar und Georg – bis zum bitteren Ende. Dass ihr Bruder, Christoph Luser als Christoph, von Lucas schließlich Entschlusskraft und Entscheidung verlangt, ist der Knackpunkt, der die Katastrophe ins Rollen bringt. Stone erzählt das alles in parallel laufenden Szenen, immer wieder stehen Figuren auf der Bühne, zu denen die Fäden längst gekappt sind, doch macht das die Aufführung nur noch bedrängender, zwingender, bedrohlicher. Die Sterbebilder schließlich sind so poetisch wie drastisch. Bestehend aus Flaschenblut und Ascheregen. Eine plötzliche Eskalation in dieser unterkühlten, auf Künstlichkeit setzenden Inszenierung.

Ende in der Asche, Medea mordet ihre Kinder: Caroline Peters als Anna, Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Premierenpublikum zollte so frenetisch Applaus, als wär’s ein gemeinsames Aufatmen nach dem gewaltsamen Schluss. Auch Irina Sulaver als Sozialarbeiterin Anne-Marie-Lou und Falk Rockstroh als Buchhändler Herbert wurden bejubelt. Dennoch, zu den wirklich großen Medea-Fassungen wird sich diese Adaption eines Zeitungsartikels kaum je zählen lassen.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2018

I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

www.not-your-negro.de

Wien, 23. 6. 2017

Literaturnobelpreis geht an Bob Dylan

Oktober 13, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Longtime Runner ist am Ziel

Bob Dylan mit Joan Baez. Bild: pixabay

Bob Dylan mit Joan Baez. Bild: pixabay

Nun also doch Bob Dylan. Seit Jahren geistern die gleichen Namen durch die Schwedische Akademie. Murakami, Philip Rot, Adonis, Ngũgĩ wa Thiong’o  … und Dylan. Es heißt, wer lange Anwärter ist, wird’s nie. Nun hat es einer davon geschafft. Der US-Musiker wurde ausgezeichnet für seine „herausragende Songlyrik“. Das ist eine untypische, etwas seltsame Entscheidung der Jury.

Umso mehr, als in diesem Jahr oft der Name des israelischen Schriftstellers David Grossmann fiel. Auch der Rumäne Mircea Cărtărescu galt als nicht unwahrscheinlicher Preisträger. In den vergangenen Tagen sind zudem die Quoten für Don DeLillo  gestiegen. Mit Jon Fosse hätte endlich wieder ein Dramatiker ausgezeichnet werden können. Jedenfalls, man erwartete sich im Weltschicksalsjahr 2016 eine zeitgenössische, zeitpolitisch wichtige Entscheidung. Wann etwa traf die Wahl zuletzt einen Autor aus Afrika? Maßgebliche literarische Stimmen kommen vom schwarzen Kontinent.

Doch die Jury scheut die Auszeichnung von Autoren, die als Repräsentanten einer Kultur oder einer gesellschaftlichen Gruppe gelten, so heißt es zumindest. „Es gibt eigentlich nur ein Kriterium: Qualität“, sagt die Vorsitzende des Komitees, Sara Danius. Der Preisträger soll ein Werk geschaffen und nicht nur ein paar Bücher veröffentlicht haben. Außerdem müsse er der Literatur „etwas Neues“ geschenkt haben, sagt sie.

Bob Dylan ist zweifellos einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Sein 37. Studioalbum „Fallen Angels“ ist erst diesen Mai erschienen. Zum 75. Geburtstag beschenkte sich der Künstler mit einem weiteren Album mit American-Songbook-Klassikern und Sinatra-Songs. Seine größten Hits allerdings, „Blowin‘ in the Wind“, „Like a Rolling Stone“, „Mr. Tambourine Man“, „Knockin‘ on Heaven’s Door“, sind aus den 1960er und -70er Jahren. Dafür nun der Literaturnobelpreis. Oder wie Dylan singt: The times they are a‘ changin‘ …

bobdylan.com

Wien, 13. 10. 2016

Monuments Men

Februar 24, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

George Clooneys „Ocean’s Fourteen“

Frank Stokes (George Clooney), Sam Epstein (Dimitri Leonidas), James Granger (Matt Damon), Walter Garfield (John Goodman) und Preston Savitz (Bob Balaban) Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Frank Stokes (George Clooney), Sam Epstein (Dimitri Leonidas), James Granger (Matt Damon), Walter Garfield (John Goodman) und Preston Savitz (Bob Balaban)
Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Es war ein Kräftemessen zwischen Gauleiter August Eigruber und Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamts. Eigruber plante den Altausseer Salzberg, inklusive der darin gelagerten Michelangelos, Bruegels und da Vincis, in die Luft zu jagen, damit „das Weltjudentum“ die Kostbarkeiten nicht in die Finger bekäme. Kaltenbrunner versuchte auf Drängen der einheimischen Bergleute, den Oberdonauer auszubremsen. Den Altausseern war Kunst wurscht, sie witterten das Ende des Dritten Reichs und wollten ihre Einnahmequelle Salz nicht zerstört wissen. Zwölf treue SSler brachte Kaltenbrunner auf, um in vier Stunden fünf Tonnen Dynamit aus den Stollen zu entfernen. Oder vier Tonnen in fünf Stunden, das weiß  heute keiner so genau. Kunst von Weltrang wie Vermeers „Die Malkunst“, Rembrandts „Großes Selbstbildnis“, Tizians „Zigeunermadonna“, da Vincis „Leda“, eine Dürer-Madonna, Caravaggios „David“ oder Raffaels „Madonna im Grünen“, allesamt zusammengerafft für den Sonderauftrag Linz, das „Führermuseum“, wurde gerettet. Als die Amerikaner kamen, präsentiert man die Schätze und sich selbst stolz als deren Retter. So weit der Österreich-Aspekt des Ganzen. Doch politisch angepatzt, wie man war, konnte man öffentlich nicht auftreten – und so taten es die „Monuments Men“.

Dies der Titel von Robert M. Edsels Sachbuch, nach dem George Clooney als Drehbuchautor und Regisseur seinen jüngsten Film benannte. Es ist der schlechteste, weil ungenaueste Film seiner Karriere. Eine Enttäuschung auf hohem Niveau. Trotz Starbesetzung von George Clooney, Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban, Hugh Bonneville bis zu Cate Blanchett. Clooney setzt auf Kriegsklamauk und Buddy-Effekt. In Wirklichkeit war die „Monuments, Fine Arts and Archives Section“  militärisch nicht ausgebildet, dafür gehörten zu den 350 Mann starken Kunstsuchtrupps, die mehr als fünf Millionen Objekte vor Hitlers Hirnrissigkeit sicherten, neben alliierten auch deutsche beziehungsweise österreichische Kunsthistoriker, Museumsleute und Denkmalpfleger.  Doch Weltenretter USA kann keinen Gott neben sich brauchen. Weshalb in der Hollywoodversion der Zeitgeschichte an vorderster Front nur Restaurierungsexperte Lieutenant George Stout, Second Lieutenant James J. Rorimer später Direktor des Metropolitan Museum in New York, Captain Walker Hancock, einer der berühmtesten Bildhauer der USA, oder Private Lincoln Kirstein, der spätere Gründer des New York City Ballet, vorkommen. Statt das Flair an Originalschauplätzen einzuatmen, verschanzte man sich in Babelsberger Kulissen.

Lobte man an Tarantinos kontrafaktischen „Inglourious Basterds“ den satirischen-unverkrampften Umgang mit der Nazi-Diktatur, so geht Clooney ein, zwei Schrittchen zu weit. Der smarte Oscarpreisträger schart seine Mannen um sich, als gelte es die Fortsetzung der Gaunerendlosschleife, nunmehr also „Ocean’s Fourteen“, für die Leinwand zu bannen. Nur, dass statt in Kasinos eingebrochen im Feindesland eingefallen wird. Clooney legt die „Monuments Men“ ziemlich altvaterisch an – allein sein Schnauzbart ist Synonym dafür, oder wie er die Rolle der einen Frau, Cate Blanchett, interpretiert -, und weil er sein Werk warum auch immer locker-flockig klingen lassen will, findet er keine angemessene Tonlage. Man kann nicht das Leid der jüdischen Bevölkerung mit Bill Murrays knautschigen Grimassenschneidereien hinterlegen. Die fröhliche Flapsigkeit der Inszenierung, das Dauergrinsen der Protagonisten passt einfach nicht zum Holocaust, sorry. So viel Spaß kann nicht sein. Ist Clooney mit diesem Klischeeheldenepos freiwillig oder unfreiwillig komisch? Es klärt sich nicht. Eine Szene, wie die, in der Matt Damon in einer verwüsteten jüdischen Wohnung ein Gemälde wieder auf seinen Platz hängt, macht noch keinen Kinosommer. Die spärliche Handlung Kiste finden-Schatz bergen, noch eine Kiste finden-noch einen Schatz bergen, und wieder eine Kiste finden … schau, jetzt haben sie eine Kiste gefunden! …, nutzt sich außerdem irgendwann ab. Spannung geht anders, auch weil den Guten ein strammer, böser Gegenspieler fehlt. Justus von Dohnány ist als deutscher Offizier Viktor Stahl zwar hervorragend, kommt aber zu wenig vor. Vielleicht ein Opfer des Schnitts. Obwohl sein grotesk-grimmiger Infight mit Clooney einer der raren Momente ist, in denen das Dur-moll-Verhältnis stimmt.

„Monuments Men“ wirkt wie eine Beruhigungsspritze für die welthistorisch immer weniger bedeutsamen USA. Wir waren doch einmal wer! Retter, Helden, Missionierer. Um diese Message anzubringen, setzt Regisseur Clooney auf dramaturgisch simples Holzschnittkino. Als Schauspieler ist er sogar in der Kaffeekapselwerbung besser. Von Zwangsverkäufen oder Enteignungen ist nicht die Rede, nicht von den Wirrnissen der heiß laufenden Kunstmärkte jener Zeit, den Zweideutigkeiten von Raub und Rettung, von den Obskuranten, die eine solche Lage ans Licht treibt. Die Rückgabe von Kunst dient Clooney als Sinnbild für die Wiederherstellung einer unbeschädigten Welt. Dass die Monuments Men 1950 in Wiesbaden dem Nazi-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt einen Großteil jener Bilder, die heute als geraubt gelten, rückerstattet haben, ist ein Treppenwitz dieser Geschichte.

www.monumentsmen.com/

www.monumentsmen-derfilm.de/

Wien, 24. 2. 2014