The Big Sick

November 15, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Viel mehr als nur eine Multi-Kulti Love Story

Kumail (Kumail Nanjiani) schlägt sich mehr schlecht als recht als Stand-up-Comedian durch. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.

Überzeugen kann man sich davon ab 17. November in den heimischen Kinos. Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders …

Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben. Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten.

Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will …

Im Krankenhaus: Beth (Holly Hunter) und Terry (Ray Romano) wollen nichts von Kumail wissen. Bild: © 2017 Comatose Inc.

Kumails Mutter (Zenobia Shroff) schleppt Heiratskandidatinnen an. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

Bis es mit der Handlung so weit ist, hat das sympathische Protagonistenpaar die Zuschauer schon fest im Griff. Allein die Tatsache, dass hier die wahre Geschichte eines Ehepaars von ihm selbst erzählt wird, reicht aus, dass den beiden die Herzen zufliegen. Zoe Kazan gestaltet die Emily schön hibbelig, sie ist eine Stadtneurotikerin im besten Wortsinn, flutscht nervös hin und her, als wäre sie von Woody Allen erfunden worden, bis ihre Krankheit sie niederstreckt. Kumail Nanjiani ist ein ungemein charismatischer Schauspieler. Ein einziger grinsender Blick von ihm genügt, um ihn und seinen beharrlichen, freundlichen Charakter zu mögen. Warmherzig sind etwa die Szenen, in denen sie mit ihm an seiner One-Man-Theatershow über seine pakistanische Herkunft bastelt, und seinen halbwissenschaftlichen „Diavortrag“ zu einem unterhaltsamen Abend tunt.

Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch. Als sich Kumail seinem Bruder anvertraut, wäre dem lieber, der Jüngere wäre Scheckfälscher oder hätte Fahrerflucht begangen. Man wird mitten im Lokal laut, der Nebentisch mokiert sich, darauf folgt der US-groteske Dialog: „Entschuldigung!“ – „Wir hassen Terroristen!“ Schön auch, wie Emilys Vater zu Kumail über 9/11 sagt: „Ich wollte schon immer mit einem von euch darüber reden.“

Bald aber führt man ehrlichere Gespräche, von beiden Seiten ehrlicher, als Kumail mit seinen eigenen Eltern. Behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen fängt die Kamera in diesen Momenten Blicke und gestische Andeutungen zwischen dem ungleichen Trio ein. Und langsam schälen sich komplexe Menschen mit ein paar Macken und auch ziemlichen Problemen aus den Figuren. Aus einer anfänglichen Schutzhaltung vor allem der Mutter entwickelt sich eine Freundschaft.

Zwischen Kumail und Emily (Zoe Kazan) funkt es. © 2017 Comatose Inc., Bild: Sarah Shatz

Herausragend gelingt diese Darstellung von Zoes Eltern, gespielt von Holly Hunter, als Tigermutter wie immer acting over the top, und Ray Romano als desillusioniertem Lehrer und Fremdgeher in einer späten Midlife Krisis. Großartig auch die hart, aber herzliche Comedy-Club-Clique Matty Cardarople als Stu, Rebecca Naomi Jones als Jessie und Kurt Braunohler als Loser Chris. Der Groove dieses Überraschungshits aus den Händen von Regisseur Michael Showalter stimmt.

„The Big Sick“ ist einer der ungewöhnlichsten, bewegendsten und bezauberndsten Liebesfilme seit Langem. Erfrischend unkitschig für eine US-Produktion, und trotzdem zum Tränen Lachen und auch ein paar Weinen. Im Nachspann der True Story gibt‘s noch die echten Hochzeitsfotos.

www.TheBigSick-Film.de

  1. 11. 2017

Theater an der Wien: Hamlet

September 12, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung der Oper von Anno Schreier

Der Arnold Schoenberg Chor, mit Theresa Kronthaler als Ophelia. Bild: © Monika Rittershaus

Ihm gehört das berühmte „Sein oder Nichtsein“: Der Arnold Schoenberg Chor mit Theresa Kronthaler als Ophelia. Bild: © Monika Rittershaus

Roland Geyer, Intendant des Theater an der Wien, wünschte sich zum Shakespeare-Jahr eine Uraufführung zu einem Stoff des britischen Barden – und beauftragte bei Komponist Anno Schreier ein Werk. Dessen „Hamlet“ wird nun am 14. September in einer Inszenierung von Christof Loy am Haus uraufgeführt. Am Pult: Michael Boder. Ein Kammerspiel, das mit wenigen Charakteren auskommt, ist diese Oper in 25 Bildern geworden.

Der Arnold Schoenberg Chor fungiert wie der der griechischen Tragödie, die Handlung erklärend, die Protagonisten begleitend – als Wahrheits- und Weissagender, dort, wo sich der dänische Hof in Lügen ergeht. Auch das berühmte „Sein- oder Nichtsein“ gehört ihm, Schreier, dessen Musik oft als zwischen Verdi und Britten angesiedelt gedeutet wird, hat dafür eine Art Madrigal vorgesehen. Die Besetzung ist illuster: Andrè Schuen gibt den Hamlet, Jochen Kowalski seinen toten Vater, Bo Skovhus den Claudius. Kurt Streit wird in der neu eingeführten Rolle eines protestantischen Pastors zu sehen sein. Die Partie der Gertrud singt Marlis Petersen, als Ophelia ist Theresa Kronthaler zu hören.

Jochen Kowalski als Der tote Hamlet, im Hintergrund Andrè Schuen als sein Sohn Hamlet. Bild: © Monika Rittershaus

Jochen Kowalski als Der tote Hamlet, im Hintergrund Andrè Schuen als sein Sohn Hamlet. Bild: © Monika Rittershaus

Bo Skovhus als Claudius, Andrè Schuen alsHamlet, Theresa Kronthaler als Ophelia und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Bo Skovhus als Claudius, Andrè Schuen als Hamlet, Theresa Kronthaler als Ophelia und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Mit ihr hat es eine besonder Bewandtnis. Liberettist Thomas Jonigk verwandelte sie in eine Edelprostituierte. Denn nur noch an den Eckpunkten ist sein „Hamlet“ ein shakespeare’scher; der Autor zieht auch andere Quellen heran, wie etwa Saxo Grammaticus’ „Historia Danica“ und Francois de Belleforests „Histoires tragiques“. Beide Texte dienten schon dem elisabethanischen Dramatiker als Vorlage.

Und so ist Gertrud nun von Claudius schwanger, was ihrem Erstgeborenen so gar nicht schmecken will. Die Mutter legt ihm erst als Trost Ophelia ins Bett, aber als sich die beiden ernsthaft ineinander verlieben – Ophelia ist über den Umständen ihres Berufes depressiv geworden und erkennt in Hamlet diesbezüglich eine verwandte Seele -, ist ihr das gar nicht recht. Sie stiftet Claudius an, Ophelia zu ermorden, und ungeplanterweise kommt auch Hamlet zu Tode. Am Ende posiert man als neue Königsfamilie vor den Fotografen und verkündet stolz: Das Ungeborene wird ebenfalls Hamlet heißen …

Vorstellungen bis 23. September.

www.theater-wien.at

Wien, 12. 9. 2016

Schauspielhaus Wien: Cellar Door

April 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spielanleitung für den Gang durchs Dorf

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Dies ist eine Beschreibung der Stunden 53 bis 56, Tag drei. Ein kicherndes Girlie mit Häschengasmaske holt einen am Eingang ab und bringt einen bis zu den Shadow Pits. Gruselige Cheerleader turnen sich in einer grindigen Wohnküche warm, doch das Grauen lauert erst dahinter. In einer Art crackhöhligem Bondageclub, alles ein bisschen sehr Huch! und Hach! aufgeregt, aber – keine Panik – hinter dieser Fassade eh keim- und jugendfrei.

Das heißt: ab 16. Wie das vor erwartungsvollem Glück glucksende Schüler- und Studentengrüppchen, das in der Bar auf Einlass zur Quest ihres Lebens wartet. Betreten auf eigene Gefahr!, lautet entsprechend die Ansage.

Der schwedische Installationskünstler Thomas Bo Nilsson realisiert im Schauspielhaus Wien seine 504-Stunden-Installation „Cellar Door“. 40 Performer, Gäste und Ensemblemitglieder des Hauses, wendet er dazu auf, non-stop und im Internet übertragen, die Geschehnisse in einer abgründigen Kleinstadt zu „dokumentieren“. Nilsson, berühmt geworden als Mitglied des dänischen Performance-Kollektivs SIGNA, und nun ein Team mit Julian Wolf Eike und Jens Lassak, sieht in seiner Arbeit laut Erklärtext eine Art Gesellschaftskritik. Und zwar an der garantierten Anonymität von Internetforen und Webblogs, in denen man sich dank Online-Pseudonymen verbal auskotzen kann bis zum Gehtnichtmehr. „Befreit von jeder regulierenden Konvention blühen im Netz Ressentiments gegen Minderheiten, Flüchtlinge oder Migrant*innen“, heißt es da. Der Hinweis, dass das etwas mit dem Gezeigten zu tun haben soll, ist in weiterer Folge durchaus hilfreich.

Das eigenwillige Gedankenspiel, das Nilsson zeigt, erinnert nämlich an FPS, Zufall oder nicht, gibt es in Toronto einen Game-Produzenten mit dem Namen „Cellar Door“, nur dass bei Nilsson nicht nur digitales Aufeinanderprallen, sondern tatsächlich physisches möglich ist. Was er geschaffen hat, ist wie ein Triptychon, dessen erster Teil im „Nachbarhaus“ mit einem Kurzfilm von Matt Lambert (anzuschauen auch hier: www.youtube.com/watch?v=MM4TLIL2fXQ) beginnt, mit dem man die Vorgeschichte der Installation und deren Charaktere kennenlernen kann. Dann geht’s hinab ins Dorf, durch die Eingangstür eines Einfamilienhauses, in einen Kosmos, in dem man sich frei bewegen kann und in dem skurrile Spukgestalten ihr Spiel spielen. Das heißt, nicht nur, denn sie können von etwaigen Online-Playern via Chats auch kontrolliert und in Position gebracht und mit Aufträgen betraut werden – dies sozusagen Teil drei der Anlage. Die Inkognito-Internetzler als Schöpfer Fleisch gewordener Ego Shooter, jeder für sich und gegen alle anderen, weil es gibt wie immer und überall Erniedrigte und Beleidigte. Aber im Wissen, was sich in Österreichs Kellern schon an Bestialität ereignet hat, ist das hier wie Donnie Darko verirrt sich in Alices Wunderland.

Das bemerkenswerteste an dieser Arbeit sind bisher die Fragmente von acht Häusern, die Nilsson zu seinem düsteren Raumsystem verbunden hat. In diesem engen Labyrinth harren die Darsteller aus, auch das eine beachtliche Leistung, auch Thomas Bo Nilsson selbst, dem man auf seiner Runde durchaus begegnet, was durchaus zum Fürchten ist. „Cellar Door“ ist definitiv nichts für schwache Nerven, sicher nichts für klaustrophobische Gemüter, aber ein Spaß für kindlich gebliebene. In den Kabinetten und Kabuffs, auf durchgewetzten Sofas und durchgelegenen Betten, mit Filterkaffee und Würstchen aus dem Glas und Wodka aus dem Bauchnabel, ereignet sich so etwas wie Handlung, lassen sich Biografien entdecken und Schicksale erfahren. Kontakt aufnehmen ist nicht nur erwünscht, sondern sogar notwendig, wenn man irgendetwas begreifen will. Dies als Aufruf, sich verführen zu lassen.

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Zehn Tipps für das Handling von „Cellar Door“:

1. Sie finden den Webauftritt der Performance unter lexlydia.net Registrieren Sie sich schon daheim, lesen Sie die Spielregeln, machen Sie sich mit den Dronen wie „Draganfly Tango“ oder „Sparkie T. Ranger“ vertraut und studieren Sie den Lageplan der Shadow Pits. All das wird Ihnen helfen. Achtung: Machen Sie keine falschen Angaben. Sonst ist das Leben doch noch ein Ponyhof.

2. In den Shadow Pits stehen Computerstationen. Loggen Sie sich ein, dann können Sie die Geschehnisse live und über die Webcams verfolgen. Aber fragen Sie um Himmels willen um Erlaubnis.

3. Bleiben Sie länger in jedem Raum, es braucht etwas Zeit, bis sich die Akteure in Bewegung setzen und sich eine Story entwickelt.

4. Interagieren Sie mit den Performern, auch wenn das Ihre Handflächen silbergrau färbt (keine Sorge: die Farbe geht beim Waschen wieder ab), Sie erfahren sonst nichts.

5. In diesem Sinne: Fragen Sie Tanja, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar,  nach ihrem Ehemann Raphael und seinen Intimitäten mit der geheimnisvollen Lydia.

6. Im Netz der Räume gibt es einen Stamm der Fighter. Lassen Sie sich von diesem nicht dominieren, auch wenn sie mit der Macht ihrer Kampfarenen-Göttin drohen.

7. Leihen Sie keine persönlichen Gegenstände her, außer Sie wollen das wirklich.

8. Seien Sie nicht frustriert, wenn Sie nicht alles durchschauen und verstehen. Ihr Rundgang verschafft Ihnen nur einen Eindruck dieser unterirdischen Welt. Sie sehen live gerade einmal ein Prozent der Gesamtspieldauer. Nicht verzagen! Online geht’s ja weiter.

9. Suchen Sie die walkürenhafte Drag Queen und gehorchen Sie ihr bedingungslos.

10. Und wenn Sie Alvin mit in die dunklen Kammern nehmen, passen Sie auf, dass Sie ihn unterwegs nicht verlieren. Sie tragen die Verantwortung …

11. Sagen Sie nicht, Sie seien nicht gewarnt worden.

www.schauspielhaus.at

Wien, 17. 4. 2016